Liebe, Dankbarkeit und Humor als Lebenshaltungen

licht_IMG_7070Via Facebook und Twitter habe ich am 24. März 2015 diese Frage so gestellt: „Ich möchte euch hier eine persönliche Frage stellen: Welche 3 Lebenshaltungen sind deiner Einschätzung, Erfahrung nach für ein gelingendes Leben wichtig?“ Weit über einhundert FreundInnen und Follower haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt. Schon alleine die „Litanei“ der Nennungen war für mich nährend. Friedrich schrieb dazu: „Riesenecho diese Frage.“ Susanne aus Wien schrieb: „A schener thread, danke allen.“ Andreas bringt Expertise dazu: „Ich schaue jetzt mal von „aussen“ auf die Frage: Die aktuelle Glücksforschung sagt vereinfacht: * Ich will dazugehören.. * Und ich will mitgestalten können. Beides kann ich sehr nachvollziehen.“ Heiner war gerade im Frankl-Museum hat daher Sinn im Sinn. Auf Twitter wurde retweetet. Vier Personen haben mir persönlich geschrieben. Der letzte Eintrag vom 1. April: “ Wie schön wär es auf dieser Welt, würden alle nach diesen Regeln, (verschieden ausgedrückt, aber im Wesen gleich), leben. Für mich ist das „Reich Gottes.“ Ostern wäre aus meiner Sicht ein guter Anlass, „in diese Richtung aufzustehen, sich zu erheben oder sich auferwecken zu lassen“.

Welche Lebenshaltungen?

mücke_IMG_6702Und wie ist es nun ausgegangen? Etwa 60 „Worte, Ausdrücke“ oder „Sätze“ wurden verwendet, um die Lebenshaltungen zu beschreiben. Tiefe Lebensweisheiten wurden formuliert. Das finde ich in einer offenen Frage unglaublich kreativ. Ich habe diese 60 Nennungen nicht subsumiert, sondern in der Weite stehen lassen. Diese „Studie“ besticht durch den Prozess des Entstehens und weniger jetzt durch das Präsentieren der zahlenmäßigen Ergebnisse. Aber unsere Zeit hat einen Hang zu Zahlen. Und doch. Da ist sie jetzt, die „Zusammenzählung“. Wie viele Nennungen zu welcher Lebenshaltung:

45 Liebe
34 Dankbarkeit
22 Humor
14 Zufriedenheit
10 Mut
9 Wertschätzung
7 Empathie
7 Neugier
7 Hoffnung
6 Gelassenheit
6 Vertrauen
6 Geduld
5 Offenheit
5 Achtsamkeit
5 Toleranz
4 Demut
4 aufrichtig sein
4 Lebensfreude
4 Respekt
4 Glaube

Und weiter?

scheib_IMG_6610Dann wurden genannt: Menschlichkeit, Gesundheit, Respekt, Staunen, Gottvertrauen, Würde, Ruhe bewahren, Disziplin, Selbstironie, Verbundenheit, sich selbst ernst nehmen, Vergebung, Bescheidenheit, Dazugehören, Optimismus, Sinn finden, Warmherzigkeit, Träume, Wille, aufrichtig sein, Teilen, lösungsorientiert sein, Lernbereitschaft, Selbsterkenntnis, Beziehungen, Spiritualität, Werte, Treue, Lachen, Selbstliebe, Unabhängigkeit, IQ, Vernunft, Wohlwollen und Arsenal FC.

Ausgeschrieben

kap_IMG_7066Michaela erinnert an den Waldviertler Schuhmacher mit „Scheiss di net an – sei net deppert – mach es mit Herz“.  Regina findet – „Freude am Lernen von allem, was einem begegnet. Fähigkeit, Kleines und Unscheinbares mit allen Sinnen wahrnehmen zu können. Immer einen direkten Draht zu Gott haben, auch wenn heftig an ihm zweifelt..“ – wichtig. Theodor nennt die vier Kardinaltugenden „Weisheit/Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung“. Für Siegrid sind die sieben Gaben des hl. Geistes „das Optimum“. Markus findet, dass „Humor, Geduld und Güte die drei Regenschirme des Weisen“sind. Eva-Maria zusammenfassend: „Einfühlsamkeit ist der Kern der Liebe, Vertrauen das halbe Leben und Dankbarkeit der kürzeste Weg zur Freude!“
Mario fand: „“Super Idee, dass zu fragen.“
Danke. Und: Gesegnete Ostern.

 

 

Schuldenfrei und The Power of Place

1_IMG_6994So lese ich im aktuellen Pfarrblatt der St. Anna Pfarre in Kirchschlag bei Linz: „Kaum 7 Jahre hat es gedauert, den Schuldenberg von mehr als 350.000.- EUR abzutragen, der alleine für die Pfarre nach den Förderungen durch die KirchenbeitragszahlerInnen der Diözese, Land und Gemeine übrig blieb.“ Zwischenbemerkung: Das Pfarrzentrum haben wir 2008/09 als 2 Millionen-Projekt errichtet. Die Pfarre hat 1.400 KatholikInnen. Wir haben es als Gemeinwesenprojekt entwickelt. Der PGR war die Pfarrleitung. Bauherrenvertreter waren Hannes und ich. Ich war von 2002-2012 ehrenamtlicher PGR-Obmann. Alles Mitglieder der Baugruppe waren Freiwillige. Deshalb fand die wöchentliche Baubesprechung jeden Montag um 6.30 Uhr statt. Das bleibt uns allen in tiefer Erinnerung. Ich lese weiter: „Das Baukonto ist ausgeglichen – darauf kann die Pfarrbevölkerung stolz sein.“ Die Dank-Liste ist lang: Spendern, Daueraufträgen, Darlehensgeber, diversen Veranstaltern, Amateurtheater Kirchschlag, die das Pfarrzentrum zur Belebung aller als Spielstätte benutzt. Kirchschlager Fasching, Annafest, Adventmarkt und „mein Frühstück BEI UNS“ wird genannt. Überall gab es BesucherInnen, die großzügig gaben. 2_IMG_6996Das schönste aber jetzt zum Schluss dieser Meldung: „Ein Blick in den Terminkalender beweist, wie lebhaft unser Pfarrzentrum genutzt wird, an manchen Tagen wird es uns  ja fast zu klein…. Als eine der nächsten Veranstaltungen wird jedenfalls ein Schuldenfrei-Fest am Kalender stehen.“ Oftmals wird es finster, wenn kein Pfarrer mehr am Ort ist. Bei uns in Kirchschlag brennt jeden Tag das Licht, weil so viel los ist. Seit 2 1/2 Jahren bin ich „zurückgezogen nach Wien“ und so in der Pfarre nicht mehr tätig. Die Licht- und Wasserkapelle mit dem hl. Antonius und Franz und Franziska Jägerstätter liegen mir noch sehr am Herzen. Kerzen beten so wie die Füsse beim Pilgern. Mehr geht nicht. Das schönste ist, dass die Pfarre zum Ort der gemeinsamen Verantwortung geworden ist. Der PGR ist auch heute die „treibende Kraft“. Gewählte und beauftragte Frauen und Männer schaukeln das Pfarrleben, tragen und gestalten den Spirit der Pfarrgemeinschaft.

The Power of Place

IMG_6967Harry Gatterer vom Zukunftsinstitut in Wien hat letzte Woche im Studio 44 eine Folie an die Wand geworfen, die ich fotografiert habe – für die Pfarre Kirchschlag und für die Orden. Man kann zur Heute-Zeit viel schreiben und diagnostizieren. Ich persönlich bin ganz fest überzeugt: Orte, Plätze, Räume sind entweder kraftvoll oder schal und leer. Plätze können ein anziehender Magnetismus sein. Andere Plätze haben eine schlechte, enge, schale, manchmal lebensfeindliche Aura. Da atmen wir auf und dort schnürt es uns den Hals zu. Da ist offen und dort geschlossen. Da wird das Leben leichter und dort liegt Schwere in der Luft. Gerade heutige Menschen spüren das, sind ästhetisiert, dafür sensibilisiert. Der ORT in Kirchschlag ist geprägt von der Emmaus-Geschichte, dem ehrlichen und offenen Unterwegs-Sein mit der Möglichkeit, dass sich Jesus immer wieder dazugesellt.

Österreich

Österreich

Die ARCHITEKTUR ist nach den Sinus-Milieus „Mitte und Zukunft“, nicht traditionell, ländlich und konservativ. Die RITUALE sind getragen von vielen und vielfältig. Und die ERFAHRUNGEN sind durch alle Generationen da. Menschen engagieren sich heute vor allem auf vier Ebenen: stage (Bühne), music (3 Chöre), movement (Bauchtanzgruppe und wir sind schon einiges gepilgert), social (starkes ehrenamtliches Community-Bewusstsein mit Selbstbewusstsein). Community wird durch alle Altersgruppen von den Kleinkindgruppen, Minis und Jungschar, Jugendchor, kfb, Chöre, Pfarrsenioren lebendig gestaltet. Wieder alles ehrenamtlich. So bekommt dieser Ort – das St. Anna Pfarrzentrum sein Kraft und in den letzten 7 Jahren das nötige Geld, damit schuldenfrei in die Zukunft steigen kann. Geplant waren 15 Jahre. Ich staune und freue mich mit. So können Pfarren auch gehen.

 

Nichts ist Gott ähnlicher als die Stille

Mit Andreas Knapp

Mit Andreas Knapp

Bescheiden und unauffällig bewegt sich Andreas Knapp von der Ordensgemeinschaft der Kleinen Brüder vom Evangelium in der Buchhandlung Herder in der Wollzeile in Wien. Gerhard Zach ist ein Buchhändler mit Botschaft und wunderbaren Büchern. In großen Lettern lese ich auf einem Bild: „Du musst nicht nach Amazonien reisen, wenn es dein Buch um die Ecke gibt.“ Oder so ähnlich. Er lädt immer wieder tolle Leute ein. Die Begegnung bei Wein, Brot, Wasser und Apfel gehört dazu. Heute bin ich hier, weil Andreas Knapp aus seinem Buch „Lebensspuren im Sand“ liest. Wie Charles de Foucauld verbringt er ganz alleine 40 Tage in der Wüste. Das Buch ist das „Spirituelle Tagebuch aus der Wüste“. Knapp hat eine kirchliche Karriere als Regens über Bord geworfen und hat den einfachen, den kleinen aber anspruchsvollen Weg in die Gemeinschaft gesucht. Ruhig liest er. Wir alle hängen an seinen Lippen. Seine Sprache ist so, dass im Kopf die Wüste, der Sternenhimmel, der Brunnen, die Stille „entsteht“. Ich atme tief aus an diesem Abend.

Erfahrung wie beim Gehen

Johannes Kaupp, Malanie Wolfers, Brigitte Thalhammer, Andreas Knapp

Mit Johannes Kaup, Melanie Wolfers, Brigitte Thalhammer, Andreas Knapp

Nach der Lesung kaufe ich das Buch, bekomme eine Widmung und wir tauschen unsere Erfahrung aus. „Weitgehen und Wüste haben ähnliche Wirkung“, meint er auf meine kurzen Erzählungen von meinen Weitgeh- und Pilger-Erfahrungen. Es ist das Alleine-Sein-Können. Es ist die Stille und der Kosmos. Die tiefe Dankbarkeit, die einem als ganzen erfasst. Da sein genügt. Schon am ersten Tag schreibt er: „Der Sinn dieser Zeit (in der Wüste) liegt gerade im Nichts-Tun. Wir sind gewohnt, in den Kategorien von Nutzen und Zweck zu denken. Viele Menschen erleben sich nur dann als wertvoll, wenn sie sich und den anderen durch ihre Arbeit beweisen können, dass sie von Nutzen sind.“ Der Wert den Menschen liegt nicht im Nutzen, sondern in der Würde und im Da-Sein. „Ich darf einfach da sein. Das genügt.“ So habe ich das auch beim Gehen erlebt. Ich bin einfach da. Selbst das Gehen war keine Leistung, sondern der tiefe Ausdruck der Weltbegegnung. „Das Leben kommt mir entgegen.“ Die Wahrnehmung verändert sich.  Die Propheten, Jesus, Franziskus gingen in die Wüste. 40 Tage. Nichts ist Gott ähnlicher als die Stille. Ich freue mich auf das ganze Buch. In aller Ruhe. Tag für Tag. Und wie schreibt Bruder Andreas am 40. Tag: „Wichtig ist jetzt das Weitergehen in der Hoffnung, dass das Gute, das ich gelebt habe, weiter wirkt.“ Ich spüre den Boden unter den Füssen, die wieder einmal weit gehen wollen.

Schiefe Ebene nach Wien

Zug und Wasser nach Wien

Zug und Wasser nach Wien

Die OÖN haben heute eine Studie in die Hände der Geschäftsführer des Instituts Wirtschaftsstandort Oberösterreich gelegt, um auf die Kraft und Dynamik des „k. u. k. Faktischen“ aufmerksam zu machen. Gerald Mandlbauer hat in seinem Kommentar gemeint: „Es würde heißen, dass alles Leben auf einer schiefen Ebene nach Wien zieht.“ Aus meiner Sicht ist das aber nicht nur in der Wirtschaft, in der Verwaltung, sondern auch in den Medien so.

Die regionale Autonomie

Seit nunmehr fast drei Jahren „schöpfe ich in Wien“, wie es dieser Tage ein Arbeiter in Erzählung seiner Tätigkeit gemeint hat. Wien war mir vorher „suspekt“ aus oberösterreichischer Sicht. Zu oft habe ich erlebt, wie „Wien“ sich im kirchlichen Kontext eingemischt hat oder wollte. Es gibt auch in der Kirche den Hang nach Wien, obwohl jeder Bischof seine Diözese eigenständig leitet und die Bischofskonferenz ein zahnloses Gremium ist. Dort wird beraten, aber nicht entschieden. Das tut jeder Bischof in und hoffentlich mit seiner Diözese. Könnte, wenn er wollte. Die Vielfalt der regionalen Wege wird und wurde von Wien aus argwöhnisch beäugt. Siehe Linzer Weg. Gerade die Bischofsernennungen werden vom Kardinal in Wien so gesteuert, dass nur ja kein neues „diözesanes Eigenleben“ aufkommt.

Wir haben keine anderen Medien

In den Medien ist es nicht anders. Ich habe mit einem österreichischen Präsidenten einer vielfältigen Organisation die „Zentralisierung nach Wien und die Wien-Zentralisierung der Berichterstattung“ in den Medien besprochen. Warum kommen fast nur Wiener Themen und Wiener Leute in den Österreich weiten Medien vor? Er darauf: „Wir haben in Wien keine anderen Medien als die Österreich weiten“. Alles klar. Da beißt sich die Wien-Zentriertheit in den eigenen Schwanz. Auch die Medienelite sitzt in Wien und dort sind Salzburger Nachrichten, die Tiroler Tageszeitung, die Kleine Zeitung, die OÖN oder die Vorarlberger Nachrichten „Blätter vom Rand, der Provinz“. Durch ihre „inhaltliche Vernetzung“ in den letzten Jahren bekommt die Peripherie etwas mehr „Kraft“. So findet sich der Artikel heute auch in der TT. Aber: Muss die Ebene schief bleiben? Richtung Wien?

Neu denken und Social Media handeln

Denkraum Rand © Werner Pfeffer

Denkraum Rand © Werner Pfeffer

Nein. Das ist meine Überzeugung. Wien wird noch größer. An der „umfassenden Zentralisierung aller gesellschaftlichen Felder“ arbeiten schier alle Kräfte, weltweit. „Je größer, desto toller“ ist die Devise. Dabei wächst im Untergrund, an den Rändern die Einsicht: „Je vielfältiger und vernetzter umso zukunftsträchtiger“. Das wird Handlungs-Denke. Ich genieße es immer mit meinem Freund Werner Pfeffer in den „Denkraum Rand“ einzutauchen. Ich habe die Aussagen des Papstes  schon mehrmals angeführt: „Geht an die Ränder.“ Dort, wo Rand ist, ist Kreativität, ist Lebenskraft, kaum eine Spur von Bequemlichkeit, von Abgehobenheit, da ist Augenhöhe und viel Hausverstand, Lebenserfahrung. Das täte vielen Verwaltungseinrichtungen und den dort Handelnden gut, in der Peripherie zu sein. Der Blick auf Wien würde anders ausschauen. Die Perspektive vom Zentrum ins Zentrum macht blind, selbstgenügsam, überheblich. Fremdheit würde einziehen und neue Blickwinkel würden sich den BeamtInnen in der Peripherie auftun. Über vernetztes Denken, über Social Media ist heute jede Verbindung und Verbundenheit möglich. Ich frage mich oft selber: Warum zieht die Finanzmarktaufsicht nicht einfach ins Waldviertel? Dort werden ohne sündhaft teure Studien schon die richtigen Fragen gestellt, die es dann zu beantworten gilt. Oder warum siedelt sich die EZB nicht in Griechenland an? Dort sehen sie die direkten Auswirkungen ihrer Politik. Oder warum zieht die AMA nicht ins obere Mühlviertel zu den Bauern? Da würden die Verantwortlichen sehen, dass die Bauern weniger Kontrollore sondern Helfer brauchen. So hoffe ich, dass Orden und Kirchen in der Peripherie bleiben und die Zeichen der Zeit vom Rand her deuten können. Alles Leben ist nicht in Wien. Auch wenn die Züge dorthin immer voller werden – und ich einstweilen dabei bin.

Synapsen und Movement

Wenn sich mein Vortrag in Salzburg „Mutig und ganz Ohr“ nennt, dann ist die Quintessenz für die Zukunft der Kirche für mich in zwei Worte gefasst: Synapsen und Movement. Aber was haben diese beiden Worte mit Kirche zu tun? Mit der Ordenskirche?

Synapsenfähigkeit

Es ist schon lange her, dass ich Wikipedia hier bemüht habe. Aber in diesem Fall muss ich es tun, weil dort glasklar steht, was gemeint ist: „Synapse (von griech. σύν syn ’zusammen‘; ἅπτειν haptein ’greifen, fassen, tasten‘) bezeichnet die Stelle einer neuronalen Verknüpfung, über die eine Nervenzelle in Kontakt zu einer anderen Zelle steht – einer Sinneszelle, Muskelzelle, Drüsenzelle oder anderen Nervenzelle.“ Ich sage es frei heraus: Wer heute nicht synapsenfähig ist, ist auch nicht zukunftsfähig. Warum? Es steckt im Wort. Zusammengreifen. Zusammenfassen. Zusammentasten. Auf verschiedenen Ebenen und Bereichen. Ich habe heute einen Tag zur gewaltfreien Kommunikation mitgemacht. Beobachtung, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten spielen eine große Rolle, um Lebensstrategien zu entwickeln. Menschen sind heute vor allem in ihren Emotionen angesprochen durch Werbung, Medien und sozialen Netzwerke. Marken sind Emotionen. Damit werden Bedürfnisse kreiert, erzeugt in der Emotion des Menschen und schließlich produktorientiert befriedigt. Geschäftsmodelle lassen den Euro fließen. Meine Wahrnehmung: In vielen Bereichen sehe ich, wie einzelne Menschen und Gemeinschaften für sich und in sich alleine denken, handeln und leben. Kirche ist in vielen Fällen im Rückzug. Orden leben in ihren Autonomien. Anschlussfähigkeit im Sinne der Bedeutung des Wortes „Synapse“ steht noch aus. Also: Anschlussfähig untereinander und ebenso hin zu den Kontexten wird es dringend brauchen. Ich bin selber zutiefst überzeugt, dass es mehr Mut braucht, sich überhaupt mit dem „Fremden“ auf Augenhöhe zu begegnen. Biblisch: Die Gastfreundschaft dem Fremden gegenüber ist die größte Chance der Gottgegenwärtigkeit. Dazu braucht es wieder ein ganzes Ohr. #ganzOhr.

Bewegung und Perspektive

c_Helm_Romaria_2014_450Vieles ist eingefahren. Formen wie bei Gottesdiensten sind Rituale, die theologisch viel bedeuten, sich aber der Erfahrung und Emotion heutiger Menschen verschließen. Gemeinschaften sind oft so abgeschlossen, dass sie mit neuen Gesichtern nichts anzufangen wissen. Bei der letzen Taufe hat die Patin erzählt, dass sie ganz berührt war, als sie in New York in einer Methodistenkirche war. Dort wurden die Neuen hinaus gerufen und mit einem Segen willkommen geheißen. Anschlussfähig durch eine Bewegung in die Mitte der Gottesdienstgemeinschaft. Movement hinaus. Viel öfter wünschte ich mir, dass Ordensleute gerade im Jahr der Orden heuer „ganz andere Orte aufsuchen“, mit ganz fremden Menschen „mitgehen“, dort unterwegs sind, „wo keiner sie vermutet“. Es ist nicht einfach, in Bewegung zu kommen. Viele erzählen mir, dass gerade „Synapsen untereinander“ wachsen. Wir wissen: Im Sitzen geht es oft um Rangordnung und beim Gehen um Begegnung, einander zuhören, ermutigen, Nähe und Distanz, auf ein Ziel hin. Deshalb: Movement und Synapsen sind Zukunftsfaktoren einer lebendigen Kirche, auch Ordenskirche. Ein besonderes Ereignis wird daher die 6. Romaria-Wallfahrt. Synaptisch unterwegs.

 

Wirklichkeit sieht man besser von der Peripherie

223_1Mitte und Rand. Das sind nicht nur Begriffe, sondern viel mehr Sicht- und Bewegungsräume. Zentrum und Peripherie gehen mir schon lange nach. #ganzOhr ist für mich die Übung, von der Peripherie und den damit verbundenen Erfahrungen her zu denken. Papst Franziskus hat einer Armenzeitung ein Interview gegeben. Dort wurde er genau nach Peripherie und Zentrum gefragt. Er ist von der „Peripherie“ ins „Zentrum“ Rom gekommen. Er spürt und sieht: Die wirkliche Perspektive Gottes ist die Peripherie. Danke Bernd Hagenkord SJ für die Dokumentation des Interviews.

Der Papst wird gefragt: „Sie sprechen viel von der Peripherie. Woran denken Sie, wenn Sie von Peripherie sprechen? An uns, die Leute aus dem Armenviertel?“

Franziskus antwortet: „Wenn ich von Peripherie spreche, spreche ich von Grenzen. Normalerweise bewegen wir uns in Räumen, die wir auf gewisse Weise kontrollieren. Das ist das Zentrum. Aber wenn wir uns vom Zentrum weg bewegen, entdecken wir mehr Dinge. Und wenn wir dann von jenen Dingen, die wir entdeckt haben, wieder auf das Zentrum schauen, von unseren neuen Positionen, von dieser Peripherie, sehen wir, dass die Wirklichkeit anders ist. Eine Sache ist es, die Wirklichkeit vom Zentrum zu sehen, und eine andere ist es, sie vom entferntesten Ort zu sehen, an den sie gelangt sind. Die Wirklichkeit sieht man besser von der Peripherie als vom Zentrum. Auch die Wirklichkeit eines Menschen, der existenziellen Peripherien und sogar die Wirklichkeit des Denkens. Du kannst ein sehr scharfes Denken haben, aber wenn du dann jemandem gegenüberstehst, der außerhalb dieses Denkens ist und du irgendwie die Berechtigung deines eigenen Denkens suchen musst, und zu diskutieren beginnst, dann wächst du an der Peripherie des Denkens des anderen.“

Kirche ist nicht im Kontext

7_IMG_6542Wirklich tief beeindruckt komme ich von der Tagung der Oberinnen in Vöcklabruck. Ich durfte dort Sr. Edith Maria Magar von den Waldbreitbacher Franziskanerinnen zwei Tage live erleben. An die 100 Ordensfrauen gingen der Frage nach, wie ein gutes Miteinander von „Laien und Ordensfrauen“ gelingen kann. Die Waldbreitbacher Ordensfrauen waren Pionierinnen in einem neuen Miteinander, auf Augenhöhe, mit Übertragung von großer Verantwortung. Mit tiefem Vertrauen und höchster Kompetenz ausgestattet, haben sie ihre Werke übergeben, übertragen, in die Hände von Mitarbeiterinnen gelegt. Heute arbeiten in 200 Einrichtung etwa 20.000 Frauen und Männer. Sie ist als Generaloberin sozusagen die „Konzernchefin“ eines ausbalanzierten Netzwerkes von handelnden Personen, in den höchsten Verantwortungen fast nur Frauen. Sie spricht ruhig, hat eine ganz klare Sicht, leitet aus dem christlichen Selbstverständnis Anforderungen ab, immer gepaart mit dem Anspruch, alles im Prozess zu sehen. Die hohe Qualität in den Begegnungen spüre ich aus ihren Worten. Der „kollegiale Austausch auf Augenhöhe“ ist das Lebenselexier.

Anschlussfähig hinein in die Kontexte

9_IMG_6523Sie spricht von der Wichtigkeit der Firmen-Kulturen in verschiedenen Phasen der Veränderung. Vertrauens-, Fehler-, Ziel-, Macht- und Visionskultur sind die Schlüsselworte, wenn es um Veränderung, Unsicherheit, Euphorie, Widerstand, Dominanz oder Nostalgie geht. Die Methoden von gestern führen uns nicht in die Zukunft. Sie kommt auf die Kirche allgemein zu sprechen und eine Aussage geht mir nach, nicht nur bis hierher: „Die Kirche definiert sich nicht mehr in den Kontexten. Sie spricht dadurch isoliert.“ Durchatmen. Das Aggiornamento hat sie verlernt. Sie steht wie der Kardinal nach der Bischofskonferenz mit dem Zeigefinger in der heutigen Fortpflanzungsmedizin drinnen, ängstlich besorgt und mit der Keule „Gegen-Argument“ ausgestattet. Das ist meine Wahrnehmung und Sicht. Kirche sieht sich selber, „ihre Wahrheiten“. Ihre Dogmen stehen verlassen in der oft menschenleeren Gegend. Kirche hat es verabsäumt, in der Jetzt-Zeit zu agieren, sich daraus zu verstehen, aus dem Kontext zu lernen. Kommunikation ist dann oft der Werbe-Versuch, so zu tun, als wären wir da, mitten unter den Menschen. Das ist jetzt zu pauschal und zu negativ. Ich weiß. Ich wollte die Richtung skizzieren. 8_IMG_6514Es gibt Diözesen wie zum Beispiel die rund um Linz unter Aichern oder Limburg unter Kamphaus, die sich immer mit den „Lebenswelten“ der Menschen auseinandergesetzt haben. Es ist nur so, dass das von der römischen Kirche nicht honoriert wurde. Eher das Gegenteil war der Fall. Perfekt „römisch-katholisch“ war die letzten Jahrzehnte angesagt. Und was hat die Generaloberin zur Fehlerkultur gesagt: „Das beste Projekt war das, wo wir gescheitert sind und dabei so viel gelernt haben.“ Der Kontext ist nicht ohne Scheitern zu haben. Die Kirche „muss“ sich aber nach dem Beispiel Jesu inkarnieren, hinein in die genau heutigen Kontexte. Nicht mir kognitiven Argumenten, sondern mit gemeinschaftlichen „Heils-Erfahrungen“. Die Waldbreitbacher Franziskanerinnen tun das mit viel Mut und hoher Kompetenz. Anspruchsvoll. Merci, Sr. Eva Maria.

#Öffi: Ist es Ignoranz oder Gewohnheit?

Haselgraben B126

Haselgraben B126

Der Mittagsbus zieht behutsam seine Schleifen hinunter vom Bergdorf in den Haselgraben. Gute 400 Höhenmeter sind zu bewältigen. Deshalb ein paar steile Serpentinen, die die Bezeichnung Bergdorf rechtfertigen. Mein Ziel heute ist die Tagung der Höheren Oberinnen in Vöcklabruck. Diese Zeilen notiere ich im IC. Bis dahin bin ich zwei Mal umgestiegen. Bus Bus und Bus ÖBB. Der Bus Bus Umstieg oberhalb der Speichmühle auf der vielbefahrenen Bundesstraße lässt mir heute keine Ruhe. Es ist nichts passiert und trotzdem regt er mich auf, der Busfahrer.

Umsteigen als Dienstleistung mit Sicherheitseffekt

Fahrschleife

Fahrschleife

„I spü a Liad für di“ lässt sich der Buschaffeur aus dem Regioalradio durch seine Ohren ins Gehirn liefern. Dass ich hier mithören muss, finde ich für mein Musikempfinden nicht erhellend, aber es ist OK, dass ein Buschaffeur (auf dieser Strecke fahren bisher nur Männer) sich emotional mit „seiner“ Musik die Fahrt angenehm gestaltet. Manchmal meinen sie sogar, dass das für alle mitfahrenden Gäste eine Wohltat wäre. Das Lied ist aus und wir steigen um. Es ist immer spannend, ob der Busfahrer die vereinbarte Sicherheits-Schleife fährt oder uns die gefährliche Haselgrabenstraße auf eigene Faust überqueren lässt. Mein Bruder (er ist auch passionierter Öffi-Fahrer) hatte damals die geniale Idee, dass der Bus einfach eine kleine Schleife ausfährt, um die Fahrgäste (Kinder, Erwachsene und Ältere) direkt auf der gegenüberliegenden Seite bei der Haltestelle abzusetzen. Der Bus fährt seine 360° fertig und steht wieder bereit für die Abfahrt mit den neuen Gästen. Keine Baumaßnahmen nötig und maximial eine Minute weg von der Wartezeit – nicht Fahrzeit. Was wurde da alles überlegt: Zebrastreifen, Unterführung. So einfach geht es. Heute: Ginge es.

Heute Unwilligkeit und Wegschauen statt Empathie und Mithelfen

998IMG_6494Der Buschaffeur hat von dieser Sicherheits-Schleife in der Dienstanweisung sicher schon gehört, aber er ist zu „ignorant“. Ich spreche ihn an, während die 3 anderen Fahrgäste aussteigen: „Fahren wir nicht hinüber?“ „Jo, wenns woin fohr i umi!“ Der Unterton ist unwillig. Seine Gewohnheit spricht gegen diese vereinbarte „Sicherheits-Dienstleistung“. Heute waren keine Kinder dabei, aber das Hinüberkommen auf die andere Seite gestaltet sich (siehe Foto) wie ein Spießrutenlauf. Drüben angekommen denke ich mir: Ist es Ignoranz oder Gewohnheit? Einen kurzen Moment kommt die Frage: Ist es etwa Dummheit? „I spü a Liad“ lässt fast auf eine Dreierkombination schließen. Aber das ist jetzt böse von mir. Dass ich in Urfahr eine Jugendliche, die während der Fahrt ihre Straßenschuhe am Sitz positioniert hatte, wo sich andere wieder hinsetzen sollen, wie den Simon von Zyrene ansprechen musste, damit sie mir beim Hinausstellen des Kinderwagens für eine Mutter mit zwei Kleinkindern hilft, hängt mir auch noch nach. Was fehlt der Gesellschaft? Empathie, Aufmerksamkeit, Mitdenken, Mithelfen. Zu scharfer Local Detective? Es ist nur gut, dass es so viele Menschen gibt, die das leben, was die Gesellschaft zusammenhält. „Wie du die Dinge denkst, so wirst du, so strahlst du aus, so kommt es zurück.“