Kann man Religion lernen

So ist das manchmal, wenn ich mit Öffis fahre. Bevor es nach Innsbruck zum großen Jubiläum der Frauenorden geht, treffe ich mich mit einem iranischen Flüchtling, der zum christlichen Glauben konvertieren wird. Ein Jahr lang wird er sich vorbereiten und ich werde ihm dabei Pate sein. Wir sehen einander zum ersten Mal und wir haben sofort ein gutes Gespräch. Ich bewundere, wie schnell ein Mensch innerhalb von fünf Monaten so gut deutsch sprechen und schreiben kann. Wir finden gut zueinander und tauschen Basics aus. Religion ist gar nicht das Thema. Sein Vorhaben hat uns über einen Freund zusammengeführt. Heute für kurze Zeit. Das wird sich ändern. Wir wollen und werden mehr Zeit miteinander verbringen. Der Bus fährt weg und ich haste hinaus. Der Buschauffeur sieht mich noch rennen, bleibt extra stehen und nimmt mich noch auf. Es geht nach Innsbruck.

Gesprächige Busfahrtop

Beim Umsteigen in der Glasau schaue ich den Schneeflocken zu. Sie tanzen mir auf der Nase herum und hüllen die Landschaft in ein grün gefärbtes Weiß. Zwei Frauen reden mich an der Bushaltestelle an. Thema: der Schnee. Wir steigen ein. Der Bus ist fast voll. Ich setze mich zu einem Mann, den ich von früher kenne. Er ist in Pension. Das Gespräch bleibt anfangs an der Oberfläche bis zu dem Augenblick, wo er mich fragt: Glaubst du, dass man Religion lernen kann? Ich erzähle ihm von meinem Gespräch vorhin mit meinem „Flüchtlingsfreund“, den ich getroffen habe und der sich ein Jahr lang auf die Taufe und Firmung vorbereitet. Er „wechselt“ die Religion. „Darf ich an diesem Gespräch teilnehmen“, sagt eine Frau eine Reihe vor mir am Fenster sitzend. Sie tauscht ihren Platz und wir drei bilden über den Mittelgang hinweg eine „Gesprächsinsel“. Wo zwei oder drei. Wie kommt ein Mensch dazu, seine Religion zu wechseln? Ist es nicht immer derselbe Gott, den wir verehren? Bringt Religion mehr Gewalt oder Versöhnung in diese Welt? Es ist ganz gleich, welche Religion wir haben. Die Religion bei uns hier ist der „Kapitalismus“, das Geld, die Ökonomie. Gerade diese rein ökonomische Sichtweise braucht eine Aufklärung. Bis hierher habe ich zugehört. Diese Aussagen kamen nicht von mir, sondern von meinen Gesprächspartnern. Natürlich konnte ich nicht anders, als die „Latte“, über die alles springen muss, zu benennen: Wie kommt mehr Liebe in die Welt und wie können wir die Welt durch unser ganz konkretes Tun ein Stück weit besser machen. Die ersten Busgäste steigen aus, bringen unser Gespräch durcheinander. Eine junge Frau hinter mir sagt: Danke, das war sehr interessant, was ihr da gesprochen habt. So sind sie manchmal, die Busfahrten.

Geh nicht in die Stadt

Diese Beobachtung wird mir noch länger „in den Sinn kommen“. Ich war gestern mit der U6 unterwegs Richtung Kardinal König Haus. 25 Leitungsverantwortliche von Ordensgemeinschaften in Österreich, der Schweiz und Deutschland haben einen Tag „Medien-Workshop“ im Zuge ihres zweijährigen Leitungslehrganges. Ich durfte den Workshop gestalten. Da ging es nicht nur um das Was und Wie der Medien, sondern auch um das Why. Die Kernfrage der heutigen Zeit. Warum? Diesen Kern sollten aus meiner Sicht alle Bereiche der Gesellschaft viel stärker stellen: Why? Warum? Eben. In manchen Bereichen darf diese Frage gar nicht auf den Tisch kommen. Sie ist zu lästig, zu tief. Die U6 fährt in die Längenfeldgasse ein und ich steige dort in die U4 nach Hietzing um. Normalerweise ist das einfach ein Hinübergehen am Bahnsteig und die Fahrt geht weiter. U6 un U4 treffen dort punktgenau zusammen. Es fühlt sich dann an, als wäre man gar nicht umgestiegen. Heute ist das anders. Wir warten.

Warum zählt das Urbane so viel?

Warten ist immer eine gute Gelegenheit, die Augen aufzumachen. Nicht für das Smartphone, sondern für die Welt, das Rundherum. Gegenüber am Bahnsteig geht ein junger Vater mit seinem Kind. Es ist etwa so alt wie unser Enkerl, etwa 1 1/2 Jahre. Das Kind (ich weiß nicht, ob Mädchen oder Bub) hat bei seinem Vater viel Freiheit.  Es darf selber gehen. Es darf entdecken. Schauen. Angreifen. Es fährt mit der Hand der Eisenbank entlang. Die Säule wir angetastet. Beton. Der Vater hat Geduld. Schaut zu. Das tut dem Kind gut, selber die Welt zu entdecken. Das lerne ich ja auch von unserem Enkerl, wenn wir im Wald unterwegs sind. Das Schauen, Angreifen, Tasten, Probieren, Hinfallen, selber Aufstehen, Langsamkeit, still stehen. Die U4 lässt auf sich warten. Aber es gibt ja was zu sehen, zu schauen, für mich, für einen Opa. Das Kind dreht wieder um, sucht den Kontakt zum Vater. Er ist da. Die Entdeckungsreise geht weiter. Jetzt ist der Mistkübel dran. Die Hand fährt hinein. Noch zu wenig drinnen. Da, am Boden. Papier. Dieses bedruckte Papier (landläufig Gratiszeitung genannt) liegt oft massenweise herum. Das Kind bückt sich, nimmt es in die Hand, fährt zum Mund. Die U4 fährt ein und verstellt mir den Blick. Urbaner Schmutz vom Asphalt aufgehoben. Wie wird er dem Kind „schmecken“? Die U6 auf der anderen Seite fährt auch ein und ich kann nicht einmal den Vater beobachten, was er macht. Geduld? Doch „schmutzig“ sagen? Mit der Hand in die Hand greifen? Wir fahren ab. Richtung Leitungslehrgang. Warum – why – wollen alle Menschen in die Stadt? Weltweit. Im Dahinfahren kommen mir die Bilder, wie ich nach Assisi durch Städte gegangen bin und erlebt habe: Die Stadt raubt die meisten Kräfte, der Asphalt. Die 97-jährige Frau Molterer fällt mir ein, die zu den Firmlingen gemeint hat. „Ihr Stadtkinder habt es viel schwerer, weil ich nur Asphalt unter den Füssen habt.“ Das Kind geht mir nicht aus dem Sinn. Fast möchte ich hinüberrufen: Geh nicht in die Stadt.
(Es gibt dazu kein Bild, weil ich nur geschaut habe.)

Die braunen Käfer

IMG_8174_999Meine Morgenrunde zu Fuß geht talwärts und natürlich später wieder bergwärts. Zwei Drittel der Strecke im Wald. Das ist das Kräftigende. Der Wald. Wer seine Seele, seinen Kopf, sein Herz durch den Wald trägt, ist auf „kleinen Heilungswegen“ unterwegs. „Waldduschen“ sagen andere. Es ist ganz einfach: Es tut einfach gut. Bewegung, das aufstrebende Grün, die Vielfalt, der Boden und die Luft. So auch dieser Tage. Talwärts bin ich dem Bauern begegnet, der sich mit den geschädigten Bäumen herumschlagen muss. Besser: Er war dabei, die mehr als 100 Jahre alten Fichten, die vom Borkenkäfer gekillt wurden, zu schlägern, umzuwerfen. Ich bin kein Waldbiologe, aber das fährt einem seit letzten Sommer unter die Haut. Ganz gleich, wo man hinschaut, haben Borkenkäfer Fichtenbäume in großer Zahl vernichtet. Die Monokultur und die Trockenheit des letzten Sommer hat die Bäume schwach gemacht. Die Hitze hat die Vermehrung der Borkenkäfer unglaublich beschleunigt. IMG_7962_999Normalerweise nistet sich der Borkenkäfer in die Rinde ein und der Baum wehrt sich dagegen, indem er den Käfer „einharzt“, ihn mit Harz umschließt und so unschädlich macht. Das braucht ein gutes „Immunsystem“ des Baumes. Er muss kräftig und gesund sein. Er braucht genügend Wasser und eine vielfältige Umgebung. Die vom Käfer geschädigten Bäume, die der Bauer dieser Tage gefällt hat, habe ich Jahr für Jahr als groß, kräftig und unerschütterlich gehalten. Jetzt liegen sie da. „Mehr als 100 Jahresringe habe ich gezählt.“ Man spürt, es tut dem Bauern weh, sie so liegen zu sehen. Ich gehe nach einem kurzen Gespräch meinen Weg weiter. Wie es so ist, bringt mich die Natur auf weitere Gedanken, Parallelen, Gleichnisse.

Gerechtigkeit, Solidarität, Zusammenhalt und Empathie regnen lassen

IMG_8228Gestern habe ich im Kino in Wien den Film „Die Geliebte des Teufels“ gesehen. Es ging um die Geliebte Göbbels, eine tschechische Schauspielerin, schön und von der Mutter „in die Karriere gebracht“. Wer Gelegenheit hat, einfach anschauen.  Es ging um die Zeit des aufkeimenden Nationalismus. Schönheit ist dem charmanten Machtmenschen und „Ermöglicher“ begegnet. Der Vater hat die Tochter „gewarnt“, ebenso die Schwester. Aber die Beziehung hat sich weiterentwickelt. Der Karriere war es förderlich. Der Familienmensch Göbbels (Karl Markowics) und die schöne Schaupielerin. Selbst die „Kristallnacht“ (eindringlich filmisch dargestellt) lässt sie noch nicht „erkennen“. Die Gesellschaft war zu dem Zeitpunkt schon ausgetrocknet und wenige haben den Anflug der brauen Borkenkäfer als Gefahr erkannt . Der „Klimawandel“ der 30-er-Jahre durch die Nazis hat den kräftigenden Regen, den jeder Baum, jeder Mensch, jedes Lebewesen braucht, austrocknen lassen. Was meine ich mit dem Regen? Der Regen der Solidarität, des Zusammenhaltes, des Gemeinwohles, der Begegnung auf Augenhöhe, des unteilbaren Wertes jedes einzelnen Lebens, der fördernden und Leben spendenden Offenheit auf Gott hin. Statt dessen ist die Trockenheit des Mammon, des Rassismus, des Egoismus, der Diktatur und der Gewalt ausgebrochen. Die „braunen Borkenkäfer“ damals haben das ausgenutzt. Baum und Baum wurde „umgelegt“. Gerade der Film macht diese „moralische Dürre und Trockenheit erahnbar“. Sichtbar ist sie am Anfang nicht. Und heute? Die braunen Borkenkäfer fliegen, vermehren sich. Wie ist es um den Wald, die Gesellschaft bestellt? Derzeit erleben wir, wie die Gesellschaft in ihrem inneren Zusammenhalt „ausgetrocknet“, der Resilienz fördernden Vielfalt beraubt wird. Wir dürfen uns nicht wundern, wenn die brauen Borkenkäfer so erfolgreich sind. Gesellschaftlich haben wir es aber mit keiner „Naturgewalt“ zu tun. Wir können Gerechtigkeit, Solidarität, Zusammenhalt und Empathie regnen lassen. Es liegt an uns.

Benedikt implodierte. Explodiert Franziskus?

IMG_8087Das päpstliche Schreiben „Amoris Laetitia“ in Folge der Familiensynode ist seit ein paar Tagen „on air“. Die Reaktionen sind zum Teil enthusiastisch bis verhalten. Mit diesem Schreiben hat Papst Franziskus einige „enttäuscht“. Das Wort Enttäuschung hat ja als tiefe Wurzel einen Befreiungsakt in sich. Man wird ent-täuscht. Also: Eine Täuschung wird von uns genommen. Und es ist sehr schwer, sich selber eine Täuschung einzugestehen. Der ganze Mechanismus „Kirche“ (es ist eher die männliche Amts- und Kleruskirche gemeint) entdeckt gerade seine Täuschung. Hat zum Beispiel Kardinal Schönborn noch vor 15, 10, 5 Jahren dem Kirchengesetz und der Norm das Wort geredet und ist persönlich gegen die Diözese Linz und ihren Bischof Aichern „vorgegangen“, so hören wir heute aus seinem Mund: „Ausrichtung auf die Liebe ist wichtiger als Normen„. Die Kirche entdeckt gerade ihre Täuschung: Das Pochen auf Gesetz und Norm. Papst Benedikt ist genau daran erstickt. Er wurde von diesem selbst mit geschaffenen System von Gesetz, Norm und dem damit verbundenen Spitzelwesen geradezu an die Wand gedrückt. Er ist an diesem System „implodiert“. Der Rücktritt war die Notbremse, die er zum persönlichen Selbstschutz gezogen hat. Er wird sicher schwer „ent-täuscht“ sein von seinen Kollegen. Das kann man am besten in Ruhe, Stille ausschwingen lassen. Das dürfte ihm gelingen.

Die Explosion verhindert

IMG_9522Anders fühlt sich das bei Papst Franziskus an. Er wurde als „Befreiungsakt“ gewählt. Gerade wieder an Kardinal Schönborn kann man die Veränderung gut sehen. Er versteht es, sich „anzupassen“ an die jeweilige „Führung des Systems“. In diesem Fall nicht risikolos. Wahrscheinlich hat er auch federführend mitgeholfen, dass sich das System den Verirrungen stellt. Macht, Geld, Positionen, Fundamentalismen. Auch er lässt alles, was Gesetz und Norm betrifft, heute unangetastet und schwingt sich mit Papst Franziskus zu einer neuen Betrachtung der Welt, der Kirche und der Menschen auf. „Liebe“ wird als neue Perspektive und Bewegung angesagt. Es erinnert mich an Jesus. Empathie, Compassion, auf Augenhöhe und immer aufrichten. Nie verurteilen. Hereinnehmen und nie verstoßen. Und: Jede Bewegung bringt eine neue Perspektive. Gerade Bewegung, Standortveränderung, hinuntersteigen zu den Menschen ist die Sache dieses Papstes. Einfach unter den Menschen sein. Er setzt sich damit ganz aus. Keine Vorsicht. Er verlangt ganz offen ein „fluides Verständnis“ von Welt und Kirche. „Bewegt euch“. Es braucht eine neue Anschlussfähigkeit. Aber genau diese Bewegung umspült die „betonierten Positionen“ schwer. Manche sehen einen Sturm, der das eigene Haus in der Komfortzone in Bedrängnis bringt. Die Medien sind angetan von seiner „persönlichen Autorität“. Er ist nicht Amt, sondern Mensch. Das strahlt aus. In seinem Schreiben lässt er viele Fragen von Details unangetastet. Das macht stutzig. Ich sehe es als Chance: „Die Synode geht bei den Menschen weiter.“ Aber: Sollte wieder ein anderer Wind wehen, dann sind diese „lieblosen römischen Systemfehler“ nicht behoben, und Gesetz und Norm schlagen wieder zu. Auch wenn in diesem Schreiben das „Gewissen den Gehorsam“ eindeutig schlägt, so werden die Widersprüche „im System latent weiterleben“. Beispiel Einschätzung von Homosexualität. Dort wird ebenfalls Liebe und Verbindlichkeit gelebt, aber von der Kirche nicht wertgeschätzt. Da wird weiter ausgegrenzt oder die Liebe auf die Sichtweise eheliche Liebe eingegrenzt. Alle diese Widersprüche könnten zur Explosion führen. Früher oder später. Auch für diesen Papst, der mit seiner Betrachtung einstweilen die Explosion verhindert hat.

 

Gut, dass es die investigativen JournalistInnen gibt

offs„Zum Glück gibt es kritische, unbeugsame Medien in diesem Land. Gratulation an alle JournalistInnen, die an den Panama Papers mitarbeiten. Wer sonst würde sonst diese Missstände aufzeigen?“ Das schreibt Michael Obermeyer von Reichl und Partner. Hie und da treffen wir einander im Zug „an der Westbahnstrecke“. Meist fügt sich ein Gespräch „über die Lage der Nation“ an. Mir selber scheint, dass unser soziales Gefüge aus dem Ruder läuft. Das Geld ist für das Glück des Menschen nicht alleine entscheidend. Wem aber das „Mindeste“ als Sicherung fehlt, dem fehlt die Basis. Das in Milliardenhöhe gestohlene Vermögen höhlt das Gemeinwesen aus. Den Menschen wird aber die Geschichte erzählt, dass sich die Mindestsicherung nicht ausgeht. Die VP in OÖ fragt auch noch die Menschen, ob das so ist. Ja, 60% sind für die Kürzung bei den anderen. So sieht die von einer „christlichen Partei“ geschürte Neiddebatte aus. Mein Neffe Stefan, der im Landtag sitzt, sieht das so: „In OÖ kann man gerade in Echtzeit zuschauen, wie Menschlichkeit, Anstand und auch in ersten Ansätzen der Rechtsstaat uns unter den Füßen davonerodieren.“

Es braucht mehr Ungehorsam

Ich selber bin am Sonntag Abend bei der ZIB Spezial gesessen und dachte mir: „Verspäteter Tatort“. Es wurde gezeichnet, illustriert, einfach erläutert, wer uns bestiehlt und bedroht. Es sind nicht die Flüchtlinge, sondern die Machthaber aller Sorten, die abschöpfen, kriminelles Geld waschen. Gut, dass es diese JournalistInnen gibt, die sich investigativ verbünden und Licht ins Dunkel bringen. Bitte weiter so. Danke Falter und auch dem ORF. Wir sehen heute schon, dass Juristen ausrücken, um zu klären. Sie werden bald an der international abschirmenden Gummiwand stehen. Nichts auszurichten. Es braucht die JournalistInnen, die kritische und ungeschminkte Öffentlichkeit und ein breites Verstehen-Wollen großer Bevölkerungsschichten. Und es braucht das Gewissen der Whistleblower, die sagen: „Wenn ich das meinem Gewissen zeige, was ich hier täglich sehe, kann ich nicht länger schweigen. Es muss raus. An die Öffentlichkeit.“ Gut, dass sie diesen Dienst an der Gesellschaft tun und – wie Snowden – ihre Freiheit dafür einsetzen. Es braucht mehr Ungehorsam. Viel mehr.

 

 

 

Kopftücher verbinden

600_IMG_7862Es war gestern doch ein großer Tag. Das neue Buch „Ein bisserl fromm waren wir auch“ ist im Büro eingetroffen. Meine Kollegin Monika Slouk hat hier die Hauptarbeit geleistet und unsere Präsidentin Sr. Beatrix Mayrhofer als Herausgeberin hat mit großem Engagement das Buch „vorangetrieben“. Ich weiß es von meinem Buch über das Assisi-Gehen damals: Es ist, wie wenn ein Kind das Licht der Welt erblickt. Die Freude wollten wir auch dadurch zum Ausdruck bringen, dass wir ein gemeinsames Foto machen. Noch nicht für die Presse, sondern einfach „für uns“. Und so sind die Präsidentin und ich von der Freyung hinüber über den Graben zum Stephansplatz in das Quo vadis? gegangen, um Monika dort zu treffen.

Wie Kopftücher verbinden

450_IMG_7880Was  mir bisher so noch nicht aufgefallen ist, durfte ich am Stephansplatz erleben. Die Menge der Leute ist überschaubar.  Ich habe das Gefühl, dass Touristen in Massen immer weniger werden. In Wien. Wir gehen dahin, plaudern miteinander. Da kommen uns zwei Mütter mit drei Kleinkindern entgegen. Zwei in Kinderwägen. Sr. Beatrix schaut die beiden Mütter mit Kopftuch an. Sie lächeln einander zu und grüßen einander. Im langsamen Dahingehen begegnen einander die Frauen „mit Kopftuch“. Die einen aus ihrer muslimischen Lebenshaltung und die andere als Ordensfrau im Habit einer Schulschwester. Wir gehen weiter und Sr. Beatrix erzählt mir, dass sich solche freundliche Begegnungen aufgrund des „Kopftuches“ immer öfter ergeben. „Man lächelt, nickt einander zu.“ Es geht mir bis heute nicht aus dem Sinn, wo Terror und Hass die Menschen „auseinander bringen“, dass gerade das religiös motivierte Zeichen des Kopftuches der Ordensfrau und der muslimischen Mutter ein unglaublich wertschätzende und respektvolle Brücke sein kann. Das ist die Aufgabe von Religion: Brücken bauen, Respekt fördern, Empathie schüren, Begegnung auf Augenhöhe ermöglichen und Gewalt in jeder Form abzulehnen. Auch in den Schriften. Gestern habe ich gelesen: Terror ist Gotteslästerung. Terror ist noch viel mehr Menschen verachtend. Ich habe gesehen, wie Kopftücher verbinden. Genauso können Lieder, Kunst, Musik, Sport, Natur und „gewaltfreie Gottesräume“ verbinden. Das hoffe ich.

Apropos Hoffnung

7IMG_7234Ein Redakteur der OÖNachrichten, die in der Karwoche immer eine Doppelseite einem spirituellen Thema widmen, hat via FB seine „Freunde“ gefragt, was für sie die Quelle der Hoffnung ist. Eine unglaublich tiefe Frage. Gerade auch jetzt. Ich habe ihm vor ein paar Tagen so geantwortet: „Quelle der Hoffnung? Da ist einmal die Natur. Wer über längere Zeit zu Fuß in der Natur unterwegs ist, weiß und erfährt, dass es immer einen Weg gibt. Der kann zwar steil und unwirtlich sein, aber es gibt ihn. Manchmal lehrt einem die Natur auch den Umweg als Weg der besonderen Erfahrung. Natur ist nie ausweglos. Dann sehe ich die Gesichter unserer Enkelkinder. Sie schauen so frisch und hellwach in die Welt, selbst voller Hoffnung. Das steckt an. Es ist gut, ganz da zu sein: Jetzt. Und dann sehe ich auf der spirituellen Ebene so viele Menschen und Ereignisse, die Hoffnung schüren, keimen lassen, nahe legen. In Jesus sehe ich einen, der aufgestanden ist, sich gegen alles Lebensfeindliche gestellt, mit dem Leben gestemmt, der Hoffnung Platz gemacht hat, vor allem für die Kleinen, die Ausgegrenzten, die Überflüssigen. Die Grube ist nicht mein letzter Platz. Das weiß ich. Oder besser: Das hoffe ich.“
Irgendwie war diese frohe Hoffnung am Stephansplatz „zwischen den Kopftüchern“ spürbar, erlebbar.
Frohe Ostern und ein erwecktes, waches Leben!

Was ist mit der Stille

socialmedia_wels_2016„Fluch oder | und Segen“ ist immer eine Herausforderung. Tagtäglich. Fast nichts, was nicht eine Schattenseite hat. Wo viel Licht, ist auch viel Schatten. Gestern war ich von der Akademie Wels zu einem Vortrag über „Soziale Medien“ eingeladen. #socialmedia . „risk and fun“ sagt man heute zur „Waage der Entscheidung und des Umganges“. Ich empfinde es immer spannend und fast aufregend, unsere derzeitige Entwicklung im Bereich der Medien in einem größeren Zusammenhang zu sehen, Entwicklungen zu erkennen und Wirkungen auf uns Menschen zu „durchblicken“. Das Thema selber ist heute so „selbstverständlich“ wie ein Vortrag über das Autofahren. So geht es bei meinem Vortrag immer darum, die analoge, haptische Welt und Erfahrung auf diesem Gebiet nutzbar zu machen für die digitale Präsenz. Auf der digitalen Ebene entgleitet uns derzeit manches. Fluch und Segen liegen ganz eng beieinander. Erlebbar und spürbar. Was mir selber auch nicht immer gelingt, stelle ich als Abschluss in den Raum. Es ist das Grundanliegen des Jahrhundertwerkes #LaudatoSi: „Es wird immer notwendiger, vom technokratischen Menschenbild in das ökologisch-sozial-spirituelle Weltbild hinüberzugehen, zu wechseln, aufzubauen.“ Und dann mein BasicTipp: „Bildschirmzeit 1:1 ausgleichen als Offline-Zeit in der Natur und analoger Gemeinschaft.“ Digital ist kalt, Natur und analoge Beziehungen sind emotional warm.“ Außerdem plädiere ich immer dafür, „sich zu Fuß auf den Weg zu machen, weil so automatisch ein Perspektivenwechsel eintritt“. Timelines fördern zum Großteil selbst bestätigende Tunnelblicke.

Und die Stille

900_IMG_6225Nach dem Vortrag gestern sagen einige noch, was sie mitnehmen. Es tut immer gut, wenn nach einem Impuls meinerseits viele etwas mitnehmen können. Das war gestern auch so. Schön. Eine Ordensfrau nimmt „Aufgewühltheit“ mit. Sie hat zwar ein Handy, nicht aber als Smartphone. All das Gesagte, Dargestellte, Besprochene hat sie aufgewühlt, „dass sie noch länger brauchen wird, das wieder in die Stille zu bringen“. Sie spricht etwas an, was ich selber auch als die größte Spannung erlebe. Die Stille, die tiefe Stille, die zweckfreie einfache Stille ist das Tor zum spirituell genährten Leben, von Gott her. Sie fragt: „Wo hat hier die Stille ihren Platz, ihren Raum?“ Eine Frage, die uns alle im Raum schweigen lässt, zur Sprachlosigkeit geführt hat. Danke für diese Aufgewühltheit, die uns den Wert der Stille vor Augen geführt hat. „Stille und Finsternis sind die Ressourcen der Zukunft.“ Nur über eine tägliche und regelmäßige Distanz zu den „digitalen Geräten“ werden wir diese nährende Stille nicht vergessen. Und das Staunen nicht verlernen. Das schürt im Herzen tiefste Dankbarkeit. Danke.

Das Aufgewühlt-Sein wird größer

900_IMG_7747Dieser Tage habe ich ein Email an meine Weggefährtinnen und Weggefährten geschickt. Darin habe ich mein „Aufgewühlt-Sein“ etwa so beschrieben: „Wir leben gerade in Zeiten, wo Aufrüster und Grenzzieher „am Zug sind“. Populistisch einsichtig erklären sie, dass wir uns und unseren auf globalen Schieflagen gründenden Wohlstand verteidigen müssen. „Abschließen. Grenzen dicht. Kein Weiterkommen. Route geschlossen.“ Das verkünden sie gerade in der ZIB2 wie einen Sieg. Es ist die größte Niederlage, die wir in diesen Tagen erleben. Solidarität und Menschlichkeit schwinden dahin. Christlich wird zum „Beiwort“ und durch die faktischen Taten zur Fratze entstellt. Sie reden von Hilfe und konnotieren das nicht mit Teilen, Loslassen, neuen Brücken, Friedensanstrengungen, aufeinander zugehen. Ich weiß ja nicht, ob ich das hier sagen soll, aber es hat mich heute tief berührt. Unsere Präsidentin Sr. Beatrix Mayrhofer hat im Gespräch gemeint: „Wenn wir ganz tief in uns hineinhören und das alles sehen, müssen wir doch ohne Vorbehalt sagen: Kommt!“ Ja. Auch wenn es uns verändert und etwas abverlangt, aber bleibt nicht im Krieg, im Dreck, auf der Flucht.“

Schwarz weiß

Faymann sitzt „Im Zentrum“ und erklärt wortreich: „Wir schaffen das nicht“. Was er nicht dazusagt, ist: Warum. Es ist der Egoismus, die sich ausbreitende Empathielosigkeit, die Unfähigkeit zur tiefen Reflexion darüber, woher unser Wohlstand kommt und die Not der anderen. Es gibt keine Überlegungsflächen mehr für das Nachdenken. Parolen werden ausgegeben. „Schwarz wird die Zukunft. Wir sind die Weißmaler. Wir retten das Abendland.“ Der Kardinal hilft mit seinen Pressestundenmeldungen mit, die „Ausnahme“ zu bestätigen. Die direkte Telefonverbindung ist Kurz. In der U-Bahn heute spielt ein etwa 16-Jähriger neben mir auf seinem Handy „Scharfschütze“ und schießt Figuren am Zebrastreifen gezielt ab. Das „Spiel“ heißt „Ins Eck gedrängt“ – soweit ich es sehen konnte. Sein Gesichtsausdruck ist angespannt und ganz bei der Sache. Was macht dieser junge Mensch? Wer macht diesen jungen Menschen so? Was tun Spiele und Social Media mit den Menschen?

Europa im Zeitalter des Nationalkapitalismus

900_IMG_7749Mein Freund Gerhard hat mir seinen Leserbrief geschickt, den er auch dieser Tage verfasst hat. Ich möchte ihn hier dazusetzen: „Hätte Angela Markel doch nur gesagt: „Wir können das schaffen!“ Das nämlich wäre unbestreitbar richtig gewesen. Europa könnte eine tatkräftige, offene, humanitäre und verantwortungsvolle Antwort auf die aktuellen und künftigen Flüchlingstreks geben. Doch Europa will es nicht, weil es kein geistiges Fundament mehr hat, das dafür tragfähig wäre. Christliches Abendland? Lediglich in kunsthistorischer Hinsicht trifft das noch zu. Das Christentum ist nur mehr bei den arbeitsfreien Feiertagen Kultur prägend. Von christlicher Wertehaltung ist in der offiziellen Politik nichts mehr zu entdecken, die Kluft der so genannt christlichen Parteien zum christlichen Milieu ist unüberbrückbar tief geworden. Dem Christentum kann das egal sein, seine Vitalität ist ungebrochen. Abgerissen ist auch die humanistische philosophische Tradition, aus der sich der Sozialismus speiste. Im tatsächlichen politischen Handeln spielt sie, gerade in ihrer internationalen solidarischen Konsequenz, keine Rolle mehr. Die Ideale der französischen Revolution sind zu Schlagwörtern verkommen. Freiheit? Sicherheit geht vor. Gleichheit? Nicht für alle. Brüderlichkeit? Eine Sache für lächerliche Gutmenschen. Und die Aufklärung? Wo bleibt die Vernunft? Auch die Überzeugung der vernünftig durchdachten, gut organisierten technokratischen Machbarkeit ist untergetaucht. Die Vernunftarbeit lohnt sich nicht für diese Aufgabe. Vernunft ist vom intellektuellen Werkzeug zum westlichen Abgrenzungsbegriff geworden.

Was also beherrscht die Debatte?

Europa hat den Geist des Kapitalismus verinnerlicht. Nicht erst, aber spätstens seit dem deutschen Mauerfall gab er die ideologische Leitlinie vor für die EU-Osterweiterung, für den Umgang mit Autokraten, Potentaten und Menschenrechtsverachtern. Möglichst viel für mich, nur das unbedingt notwendige für andere – diese Maxime durchzieht Politik und Gesellschaft. Pragmatisch und utilitaristisch auf das über jede Diskussion erhabene Ziel des ewigen Mehr gerichtet. Großbritannien ist das role model, das diese Haltung in der EU ohne Genierer auslebt. Und weil die Sucht nach dem Mehr nicht die erhoffte Befriedigung erzeugt, wird der Drang zur Verteidigung dieses Prinzips noch größer. Zugleich erleidet Europa einen dramatischen Rückfall ins seine alte, und schon einmal fast lethale Krankheit: den Nationalismus, die Illusion, dass alles so sein könnte, wie es imer schon war – überschaubar, geregelt, homogen. Nur eine Illusion, aber eine sehr süffige, deren Konsequenzen bisher abgefedert werden durch bestehende übernationale Strukturen. Das ist Europas herrschende Ideologie – Nationalkapitalismus. In der Nation isolIert, in Gier und Geiz vereint. „Wir müssen es schaffen!“ Das wäre die richtige Formulierung gewesen, denn das Schließen von Routen, die Abschiebungen in fragwürdige Drittstaaten, die Leugnung des Drucks wird das Problem nicht lösen. Das Problem wird größer und drängender werden. Was wird die Konsequenz sein?“
Mein Aufgewühlt-Sein wird größer!