Die Lust am Öffi-Fahren

Haustür

Haustür

Der Bus biegt ein. Vier „Guten Morgen“ haben wir schon an der Haltestelle gewechselt. Es ist 6.10 Uhr. Bergdorf im Mühlviertel. Sagen wir es direkt: Kirchschlag. Wir kennen einander. Die Lust am „Plauscherl“ ist heute noch etwas eingefroren. Minus 10 Grad. Der Busfahrer öffnet und warme Luft strömt heraus. Schnell hinein, Ticket und etwas hinten Platz nehmen. Um diese Zeit ist Platz. Abfahrt. Einfach hinausschauen. Die Gegend zieht vorbei. Da unten liegt Linz. Ganz hinten die Alpenkette. Die Sonne deutet sich an. Die Seele erwacht mit.

Mit Chauffeur

Ich genieße das Fahren mit Chauffeur. Das habe ich mit den „hohen Herren“ (manchmal Damen) gemeinsam. Sie sind aber alleine. Das ist bei mir anders. Bei jeder Station kommt jemand dazu. Guten Morgen. Ich bin im öffentlichen Raum. „Wer mit dem Auto fährt, bleibt daheim.“ An manchen Tagen entwickelt sich ein Gespräch, an anderen wieder nicht. Aber: Wir fahren gemeinsam. Wer mit Öffis fährt, ist nicht alleine. Ein, zwei, drei, vier Autos fahren vorbei. Ich schaue heute genau. Vier Autos und vier Köpfe. Schön getrennt voneinander belegen sie mit geschätzten 4.000 Kilogramm den Asphalt. Sie reihen sich vor uns ein in die zäh dahinfließende Lichterkette. Sie bewegt sich. Noch. Seit 2 1/2 Jahren bin ich ein recht konsequenter Öffi-Fahrer. Habe eine ÖBB-Österreichcard. In Wien eine Jahresnetzkarte. In OÖ vermisse ich das für die Busfahrten. In diesen Tagen werde ich mir ein Bus-Jahreskarte leisten. „Zu teuer“, höre ich in vielen Gesprächen immer wieder, wenn ich von meiner Lust am Öffi-Fahren erzähle. Ich darauf: „Ja, wenn du das Auto auch noch finanzieren musst mit monatlich mindestens 400.- EUR. Dann sind das 5.000.- EUR im Jahr. Ich habe das Auto weggegeben.“ Staunen. Abwehr: Das Auto ist nicht so teuer. Dann rechnen sie und gestehen: „Da komme ich gar nicht aus im Jahr.“ Ungeschminkt hinschauen. Mit offenen Augen. „Aber der Bus fährt ja so selten“, klingt es an mein Ohr. Ich darauf: „Jedes Stunde und das bis 22.50 Uhr ab Linz.“ „Gibt es nicht“, erklingt es ungläubig. Die meisten Menschen wissen überhaupt nicht, „was Öffis können“. Außerdem: „Mit dem Öffi fahren ist ein neues, anderes Lebensgefühl verbunden.“ Das meine ich ernst. Es hat viel mit dem Gehen zu tun.

Stau, Anschluss und Übergänge

Im Zug

Im Zug

Wir im Bus – das sind heute kurz vor Linz etwa 20 Personen – kommen zum Stillstand. Stau. Wir stauen mit. Aber ich denke: Ich muss mich nicht kümmern. Ich fahre mit Chauffeur und er schaut, dass wir vorwärts kommen. Die Autofahrer müssen „sich selber fahren“. Anspannung. Wir sind gleich schnell. Wenn ich genau bedenke, sitzen im Bus etwa 15 Autos. Da sollten wir Vorfahrt bekommen in einer Busspur. Am Bahnhof angekommen, ist der Fußweg 5 Minuten. Der RJ (für NichtbahnfahrerInnen: der RailJet) kommt aus Salzburg. Am Bahnsteig fallen auch ein paar „Guten Morgen“. Man kennt sich schon, ohne den Zwang zur Kommunikation. Einfahrt. Zu 95 % pünktlich. Platz nehmen. Laptop auf. Zeitung heraus. Das Buch weiterlesen. Oder einfach die Gegend vorbeiziehen lassen. Nach 1 Stunde 15 Minuten Wien Westbahnhof. Der Weg in die U-Bahn geht mit der Zeit von selbst. Alle 4 Minuten kommt eine U-Bahn. Es ist etwa 8.35 Uhr und um diese Zeit haben mehrere Menschen den Gedanken, in die Arbeit zu fahren. Der Platz ist eng bemessen. 4 Stationen. Ein Fußweg von etwa 5 Minuten hinüber in die Freyung. Wenn ich nicht getrödelt habe, dann sitze ich um 8.50 Uhr „auf meinem Platz“. Keine Parkplatzsorgen. Keine Müdigkeit vom Autobahn-Fahren. Konzentriert und meist schon alle Emails abgearbeitet. Ich genieße es, mit Chauffeur zu fahren.

Haltung der Gelassenheit

RJ

RJ

„Ich halte das  nicht aus, auf den Bus zu warten“, hat dieser Tage ein passionierter Autofahrer gemeint, der sich damit „abstresst“, in der Nähe seines Arbeitsplatzes (Bahnhofsnähe Linz) einen Parkplatz zu finde. Ich habe ihn ermutigt, die Such-Energie in Warte-Energie umzuwandeln. Außerdem lerne ich, das Leben „einzutackten“ nach dem Bus. Die ÖBB-Scotty-App ist da eine wunderbare Hilfe. Alle Öffis werden darin angezeigt. Auch die Busse. Das wissen viele nicht. Es ist gut, wenn man viel im Kopf hat, aber bei meinen unterschiedlichsten Fahrbedürfnissen aus verschiedenen Richtungen und zu verschiedenen Zeiten ist mein Fahrplan-Navi am Smartphone. Ganz einfach. Überhaupt ist die grundsätzliche Sichtweise zum Leben – „Das Leben kommt mir entgegen“ – unglaublich hilfreich. Ich laufe keiner U-Bahn nach. In 5 Minuten kommt die nächste. Das „Öffi“ kommt dir entgegen. Das hat meine Haltung gegenüber dem Leben mitgeprägt wie das Gehen. Außerdem: Ich bin viel gelassener geworden. Jene, die das auch schon über längere Zeit tun, bestätigen mich.
Nochmals: Danke meinen Chauffeuren und manchmal Chauffeurinnen.
Manchmal nehme ich „Ohrstöpsel“. Ganz selten eigentlich. Dann höre sehr gerne die Nummer von Ich+Ich, Gute Reise, Danke.

 

 

 

 

Hoffentlich montiert man ihn nicht ab

franziskus1„hoffentlich montiert man ihn nicht ab bevor seine botschaften und sein wirken früchte trägt…“, schreibt eine Freundin auf Facebook unter mein Posting über Papst Franziskus. Papst Franziskus hat das weltweite Wirtschaftssystem als „unerträglich“ bezeichnet. „Wir schließen eine ganze Generation junger Leute aus“, sagte Franziskus angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern der Welt. Unerträglich. „Das Wirtschaftssystem sollte im Dienst des Menschen stehen. Aber wir haben das Geld in den Mittelpunkt gerückt, das Geld als Gott.“ Und ich spüre, dass ich heute wieder einmal das richtige T-Shirt trage: „Ich bin Atheist. Gott Mammon“.

Festhalten

Unerträglich war für viel in der Kurie auch die päpstliche vorweihnachtliche Gewissenserforschung. 15 Krankheiten nimmt er als „Besinnungs-Seil zu Anhalten“. Er will damit nicht die Kranken stigmatisieren, sondern die „Gesunden“ warnen, ermuntern, aufrütteln. Da haben sich in den letzten beiden Pontifikaten infektiöse Zustände eingeschlichen. Oder mit einem Bild aus der IT-Welt: Trojaner haben sich eingeschlichen und Macht, Karriere und Geld installiert. Der Papst selber hat sie erkannt und der Viren-Scanner erkennt täglich. Aber: Es ändert sich nicht wirklich etwas. Sowohl im Vatikan als auch bei den Bischöfen draußen. Sie fassen nicht den Mut, den ihnen Franziskus installieren möchte. Das System bleibt im Warte-Modus. Festhalten am Gewohnten ist in bewegten Zeiten die erste Reaktion. Die alten „Machtinstrumente der Abhängigkeiten“ haben ihre langfristige Wirkung entfaltet. Kein Ohr, kein Dialog, keine Wahrnehmung der Lebenswelten der Menschen. Bischöfe wurden degradiert zu Statthaltern. Das Gesetz stand über dem Evangelium. Barmherzigkeit wurde und wird der Selbstherrlichkeit geopfert.

Isoliert

Franziskus läuft gegen eine Gummiwand. Persönlich glaube ich, dass er nicht beseitigt wird, sondern in der Isolation landen könnte. Er ist stark, mutig, offen, kommunikationsstark, begnadet mit einer bilderreichen Sprache. So wird ihn die Kurie hinaufheben und verehren, damit sie selber an sich nichts ändern muss. Das hat man durch die Kirchengeschichte auch mit Jesus gemacht: Ihn erhöht und zur Verehrung in die Mitte gerückt. Verehrung statt Nachfolge. Dem Papst wird es nicht viel anders gehen. Bewunderung aus den Kardinals- und Bischofs-Mündern. Das macht ihn ungeduldig. Verständlich: Wo steht von den Bischöfen jemand auf und wagt das Neue? Mutig. Ganz Ohr bei den Menschen. Jetzt wäre es möglich. Jetzt ist es notwendig.

Wider den Gehorsam

999_IMG_5430Der Winter ist so richtig eingezogen. 12° Minus stärkt das Selbstbewusstsein des Kachelofens. Bücher, die schon längst gelesen werden wollen, bekommen ihre Chance. Da liegt Dorothee Sölle und dort Martin Werlen. Daneben das Büchlein, das wieder einmal eine Relektüre verdient. Beim letzten Mal war die Aufmerksamkeit ohnehin schmal. Heute, nach einem weiten Winter-Gehen ist die „aufmerksame Muse“ da. Die grüne Füllfeder soll heute auch „markieren und unterstreichen“. Gehorsam ist doch im kirchlichen Kontext ein „rotes Wort“. Da stecken viele Emotionen drinnen. Eines der Gelübde der Ordensleute steht „am Spiel“. Umso aufmerksamer lese ich, entstehen beim Lesen „Kontexte, Konnotationen und Erfahrungen“. Konkrete Personen und ihr „Habitus“ im Umgang mit Medien oder öffentlichen Auftritten ziehen wie im Film vorbei.

Wörtlich zitiert

IMG_5433Eine Passage Seite 21f finde ich immer wieder lesenswert: „Der Literaturnobelpreisträger John M. Coetzee fragt in seinem Roman Warten auf die Barbaren: ‚Wieso ist es für uns unmöglich geworden, in der Zeit zu leben wie die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, wie die Kinder?‘ Damit deutet er an, dass authentisches Erleben in einer Kultur wie der unsrigen nicht möglich ist, denn sie verherrlicht den Verstand und macht ihn zum Problem, indem sie von Geburt an unser Gefühlsleben verkümmern lässt.“ Innehalten. In die eigene Kindheit hineinspüren. Dann zustimmen. Ja, das „Gefühlsleben ausleben“ war nicht unbedingt oberstes „Erziehungsprinzip“. Jahrgang 1957.

Ich lese weiter

„Wir verdammen uns dazu, in unserer Geschichte zu leben, schmieden jedoch ein Komplott gegen diese Geschichte, indem wir durch die subtile Art des Gehorsams dazu gebracht werden, von Gedanken beherrscht zu werden, um im Wettbewerb nicht unterzugehen. Wir befinden uns deshalb in einem ständigen Überlebenskampf, dessen Ziel es ist, nicht abgewertet zu werden und vor allem nicht zu versagen. Was authentisches Erleben sein sollte, wird so irrational, weil die Angst unterzugehen oder zu versagen, Menschen die Möglichkeit raubt, mit den ursprünglichen Lebenskräften ganz unmittelbar in Kontakt zu treten und diesen Kontakt auch aufrechtzuerhalten. Alles wird zum Ausdruck eines Überlebenskampfes, dessen Ziel es ist, nicht abgewertet zu werden und vor allem nicht zu versagen. Leben als Ausdruck von Liebe, von empathischen Wahrnehmungen und menschlichem Mitgefühl, geht verloren. An seine Stelle tritt die stets lauernde Angst vor der Ohnmacht.“

Wege aus dem Gehorsam

Ab Seite 65 weist Arno Gruen Wege aus dem Gehorsam. Alle „Hochkulturen“ haben diese „psychologischen Mechanismen“, um das Verhalten des Menschen zu bestimmen. Seine jahrelangen Arbeiten führen ihn zu dieser Überzeugung: „Die Basis unserer ‚Hochkultur‘ ist das Bestreben, die Welt im Griff zu haben, sie zu besitzen, zu beherrschen und gleichzeitig für Mechanismen zu sorgen, die eine Verleugnung und Verschleierung dieser Motivation bewirken. Und diese Verschleierung basiert auf dem Motto: Wir verfügen über dich, weil es zu deinem Besten ist.“ Und Seite 72 bringt Gruen „unser Dilemma“ heute auf den Punkt: „Die Ohnmacht, die aus dem Verlust der eigenen Wurzeln entsteht, weil man dem Gehorsam unterworfen wurde, weckt im Menschen einen inneren Zwang, Macht und Besitz über alles zu stellen. Das aber führt dazu, dass sich der Mensch von sich selbst entfremdet.“

Die innere Stimme finden

lala_1Bischof Bünker hat einmal in der Herder Bücherei zu mir gemeint: „Es ist eine ganz besondere Ehre, im Feierabend des ORF vorzukommen.“ Heute habe ich mir gedacht, dass dieses Feierabend-Team wirklich wunderbare Facetten des Lebens einfängt. Heute am Christtag 2014 mit dem LALA-Vocalensemble: Die innere Stimme finden. Eine wunderbare Arbeit von Medienleuten, dem Geheimnis von Weihnachten auf die Spur zu kommen.

Rand ist Mitte

Das Weihnachtsfest klopft schon fest an. Auf Facebook posten immer mehr Leute ihre Wartezeiten an den Kassen. Die Weihnachtspost schwemmt Gedichte, Wünsche und Lebensweisen herein. Mehr oder weniger persönlich. Mehr oder weniger gut gemacht oder gut gemeint. Selten beides. In fast jedem Fall hochwertig im Material. Und dann die handschriftlichen Zeilen. Ja, ein Mensch mit Handschrift. Selten, aber ich genieße es und mache es selber auch. Füllfeder und „Schönschreibe“ eingestellt, damit es leserlich bleibt. Weihnachten klopft unüberhörbar an.

Ihr da macht das

Die Weihnachtsbäume auf der Freyung werden schon weniger. Die Innenministerin muss noch ausholen gegen die Kirche und ein mediales Klischee-Feindbild vor die Krippe setzen. Macht Platz. Sie weiß nicht, nein, sie will es nicht hören, dass Orden schon viel machen. Sie tun es nicht entlang von medialen Kampagnen. Dort 10 Personen, da 150 in Mödling, im Shalom-Kloster Pupping ziehen 12 Flüchtlinge ein. Und so geht es weiter. Eher still und leise. Dort wollen sie helfen wie die Kreuzschwestern und dann sagt die Politik und Bevölkerung: Nein. Die Politik sitzt in der Mitte und befiehlt, was am Rand zu geschehen hat. Wir dirigieren und ihr da hinten macht das. Inszenierter Schlagabtausch am Rücken derer, die uns brauchen.

Neuem Platz geben

Und dann heute der Papst. Er liest den Kurien-Kardinälen die Leviten. Der Teaser der FAZ liest sich so: „Papst Franziskus hat seiner Kurie eine Mischung aus Gier, Machtstreben und Reform-Unfähigkeit vorgeworfen. Einige in der Kurie benähmen sich, als ob sie „unsterblich, unantastbar und unverzichtbar“ seien.“ Und weiter: Intrigen und Karrierestreben hätten die Kurie mit „geistlichem Alzheimer“ infiziert. Sie müsse sich ändern: „Eine Kurie, die sich nicht selbst hinterfragt, die sich nicht modernisiert, die sich nicht bessert, ist krank.“ Das sagt nicht irgendwer. Das sagt der irdische Chef selber. Das ist Mut. Ganz persönlich. Hier die ganze Ansprache. Sie werden den Kopf schütteln und sagen: Wie lange lassen wir uns das gefallen? Und ich denke an die vielen geriatrischen Zirkel auch in unserer Kirche. Oder: Da will sich in Linz eine Jugendkirche entwickeln und der Pfarre, dem PGR schmeckt das gar nicht. Es wäre so einfach: Papst Franziskus hören und sich freuen über neues Leben.

Der Rand ist die Mitte

_IMG_4747Froh bin ich über einige Freundschaften, die mir die Spur zum Wesentlichen immer wieder finden helfen. Werner Pfeffer hat den Dankraum Rand eröffnet. Was sind das für nährende Gespräche mit ihm. Wie viel kann ich dabei für meine Arbeit mit den Orden mitnehmen. Der Rand wurde für die meisten Gründerinnen und Gründer der Orden zur Mitte. Sie haben jenseits der Komfortzone gelebt und Menschen aufgerichtet. Als Vagabund an der Westbahnstrecke begegnet mir immer wieder Rand. In mir selber, wenn ich die heimatliche Mitte verlasse und in Menschen, die in ihrem Unterwegs-Sein den Rand bewohnen (müssen). Ganz sichtbar ist der „soziale Rand“. Da mühen sich gerade zu Weihnachten viele Menschen und Organisationen ab. Persönlich bin ich überzeugt, dass die Einsamkeit viele Menschen an den Rand führt. Die Einsamkeit. Im Stall zu Bethlehem waren es die Hirten und die Könige, die genau diesen Rand da draußen als Mitte gesehen, erlebt und gemeinsam gestaltet haben. Das wird die Kunst sein: Dem Leben am Rand eine gemeinsame Mitte geben. Aber stopp: Gott selbst kam in den Rand und fand unter diesen Menschen seine Mitte, die Beziehung. Ich denke, der Papst ist inspiriert von diesem „Weihnachtsgeschehen“. Er macht ernst. Gesegnete Weihnacht allen.

Wie lange geht Kurz

Wer genau hinschaut, wird vielleicht wie ich die Frage spüren: Wie lange macht das der Sebastian Kurz? Der ORF hat dieser Tage einen Rückblick gemacht und Bundesminister Kurz – es sei hier erwähnt: 28 Jahre alt – zum Interview eingeladen. Er nimmt auf der Couch Platz. Aufrecht sitzend, nach NLP „genau richtig“. Er signalisiert Bereitschaft, Aufgerichtetheit, Tatkraft, Lebenskraft. Nichts an ihm „hängt“. Auch seine Worte und Antworten kommen gerichtet, auf Zukunft, auf Lösung. Als Zuschauer sage ich: Top.  Der stellt seinen Mann. Und ich denke: 28 Jahre. Wie lange wird er das so durchhalten. Stets bereit. Unter genauer Beobachtung. Seine fähigen MitarbeiterInnen: Bleiben sie bei ihm? Er ist im Flow – jetzt auch international. Der Rucksack – so scheint es zumindest – trägt sich fast von selbst. Die Kraft des positiven Denkens kommt rüber. Strahlt aus. Dranbleiben. Aura vergrößern. Aber: Wie lange geht das mit 28 Jahren? – auf der politischen Leiter.

Alles dient der Macht

Burgstaller_IMG_5307Eine alte Weisheit sagt: Wer die Karriereleiter hinaufgeht, muss sie auch wieder herunter steigen (können). Spätestens der Tod holt alle „runter“. Der Landeshauptmann von Oberösterreich Josef Pühringer hat sich für das Hinaufsteigen entschieden, obwohl die Leiter immer mehr wackelt. Siehe Spitäler. Siehe Budget. Die Landeshauptfrau Gabi Burgstaller ist von der Leiter heruntergestürzt (worden). Schon auf der Zugfahrt hin zum SN-Chefredakteur Manfred Perterer habe ich das berührende erste Interview mit Burgstaller gelesen. Es lohnt sich, bis zum Ende zu lesen. Sie schildert die Politik und sagt: „Auch ich bin gescheitert, diese System zu verändern.“ Sie wollte die Politik zumindest verändern.  Das System wehrt sich mit Macht, die verteilt oder besser konzentriert wird. Es geht nur um Macht. Sonst nichts. Alles dient der Machtvergrößerung oder dem Machterhalt. Alles.

Von der Landeshauptfrau zur Referentin

In der Video-Reihe „viel mehr wesentlich weniger“ hat Landeshauptmann-Stellvertreterin Astrid Rössler diese Veränderung auch angesprochen und gemeint: „Ja, behutsam verändern wir. Tempo heraus und es entsteht eine neue Qualität.“ Bei Kurz allerdings habe ich den Eindruck, dass er Gas gibt. Tempo und Radius erhöht, um aus dem Strudel der Politik, der Parteipolitik herauszukommen. Tempo und Standing. Professionelstes Medienmanagement. Zukunft gestalten. Jede Handlung ist ein Zeichen, fast in der Tragweite eines Sakramentes. Das macht ihn beliebt. Das hebt ihn noch höher hinaus. Mit 28 Jahren. Er ist Mann. Gabi Burgstaller wird gefragt: „Viele Politiker – vor allem Männer – würden sich gedemütigt fühlen?“ Sie antwortet: „Politiker müssen nach der Politik nicht nach oben fallen. Das habe ich nie verstanden. Ich erwarte mir für jeden Menschen Respekt. Und der soll nicht von der Hierarchie-Ebene abhängen.“ Sie ist Referentin bei der Arbeiterkammer Salzburg. Aber wie ist das mit Kurz? Wie lange geht Kurz? Und wie tut er als Mann, wenn die politische Karriereleiter zu Ende ist.

aufgewacht: Es braucht jede und jeden

Spruch_IMG_3938Auf die letzte Seite der ON (Ordens-Nachrichten) werde ich immer wieder angesprochen. Beobachtungen, Wahrnehmungen, überraschende Sichtweisen, Praktisches.Das sind meine Gedanken für die kommende Nummer, die gerade ihren Weg durch die Druckerei zur Post und Ende Dezember in die Postkästen sucht:

„Eine alte Legende besagt, dass Gott bei der Erschaffung der Welt von vier Engeln angesprochen wurde. Der Erste fragte: „Wie machst du das?“ Der Zweite: „Warum machst du es?“ Der Dritte: „Kann ich helfen?“ Der Vierte: „Was ist es wert?“ Der Erste war Wissenschaftler. Der zweite Philosoph. Der dritte Altruist. Der vierte Immobilienhändler. Ein fünfter Engel sah voller Staunen zu und klatschte aus reinem Entzücken Beifall. Das war der Mystiker, die Mystikerin. Ich habe diese Legende einem Freund erzählt. Aufgrund meiner „Nähe“ zu den Orden meinte er spontan: „Wahrscheinlich sind in einer Ordensgemeinschaft alle diese Engel dabei? Gerade die Vielfalt der Engel macht das himmlische Milieu aus.“ Ich bin ob dieser positiv gemeinten Zumutung etwas sprachlos. Mir fallen dann reihenweise konkrete Ordensfrauen und Ordensmänner ein, die einen der fünf Engel hauptsächlich darstellen. Aus meinen Team-Coachings weiß ich, dass nicht alle gleich sein sollen, sondern in der Vielfalt der Zugänge der Erfolg der Gemeinschaft liegt. Und manchmal denke ich mir: Vielleicht erscheinen einzelne Gemeinschaften nach außen als zu gleichförmig. Es ist nicht ein Engel, der Gott fragt. Im Himmel waren es zumindest fünf.“ Es kommt auf die Vielfalt an, auf die unterschiedlichen Betrachtungsweisen, um „das Ganze“ irgendwie zu erahnen. Enjoy diversity.

Der außen geleitete Charakter des Radarmenschen

3_PuppingIMG_5260Der Sonntag ist Unterbrechung. Wohltuend. In Wien wollen Kaufleute von diesem menschlichen Grundbedürfnis wieder einmal nichts wissen. Aufsperren. Tempo rein. Geldbörse raus. Konsum steigern. Weiterhecheln nach den wichtigen außen liegenden Produkten. Ja nicht unterbrechen, ja nicht bremsen. Oder gar nachdenken, durchatmen. Nicht nur individuell, sondern als Gemeinwesen, als ganzer gesellschaftlicher Körper. Der Sonntag ist für den Menschen da, nicht umgekehrt.

Tausende Spieglungen 

2_PuppingIMG_5260Der Sonntag hat bei mir auch ein ganz anderes mediales Verhalten. Ein große Hilfe ist mir dabei die Presse am Sonntag. Sie kommt als Zeitung. Jeden Sonntag. Danke dem Austräger oder Austrägerin an dieser Stelle. Ich sehe ihn oder sie nie, weil der Sonntag später anspringt als die anderen Tage. Heut auf der letzten Seite das Interview mit dem Soziologen Heinz Bude. Er schreibt, dass der Mensch heute (das Ich) sich aus tausenden Spiegelung von außen gewinnen muss. Da ist immer der Blick auf den anderen. Er verweist auf den amerikanischen Soziologen Riesmann, der vom „außen geleiteten Charakter“ spricht. Bude: „Man kann das auch den Radarmenschen nennen. Der steuert sein Leben von den Erwartungen und den Erwartungserwartungen der anderen her. Alle sind wahnsinnig empathisch begabt. Alle gucken: Welche Reaktionen folgen und wie kann ich notfalls gleich wieder weg.“ Das erinnert mich an David Bosshart bei unserem Ordenstag 2015 in Wien. Meine Zusammenfassung habe ich für die ON Ordensnachrichten getitelt: „Der Mensch und sein Gerät“. Wir haben gelernt und dieses Lernen nimmt kein Ende sondern den Turbo, von außen her zu leben. Werbung, Medien, Geräte, Fernsehen wollen uns das Leben „beibringen“, uns sagen, was gerade cool ist und was mein Leben gerade braucht. Wir haben gelernt, auf dieses „Außen“ zu reagieren. Und Advent? Wohin geht die Erwartung? Nach Außen?

In dir

1_PuppingIMG_5260Heute hatte ich die Gelegenheit, im Shalom-Kloster der Franziskaner in Pupping Gaudete zu feiern. Die Kirche war voll und nachher war die Klosterpforte offen. „Fritz ist in der Küche. Gehe einfach rein.“ So höre ich es von einem franziskanischen Mitbruder vor der Kirche, der sich angeregt mit den Menschen unterhält. Ich suche Br. Fritz. Sieben Frauen und Männer sitzen bei Kaffee und Brot am Tisch und unterhalten sich. „Komm, setz dich her.“ Auf ihrem Folder habe ich außen gelesen: „Komm und sieh“. Sehr kongruent. In diesem Kloster leben Brüder, Schwestern und Laien unter einem Dach. In der nächsten Woche werden noch Flüchtlinge dazukommen. Bruder Fritz: „Wir werden sehen, wie wir zurecht kommen. Unser Kloster ist offen. Auch andere Gäste haben sich für Weihnachten angesagt.“ Ich habe das Gefühl, dass hier eine andere Richtung gelebt wird: Von innen her. Ruhig. Gelassen. Getragen.

Humor von innen

Die Predigt heute war froh, freudig – eben gaudete. Der Mitbruder hat alle in der Kirche sich gegenseitig zulächeln lassen. „Probiert es einfach einmal.“ Und die Menschen haben mitgemacht. Es war kein Lachen, aber ein Lächeln. So werden innen drinnen im Menschen Schwingungen ausgelöst, die frei machen. gibmirIch höre in mir meinen zentralen Satz für meinen Advent 2014 aus dem Gebet des hl. Franziskus, das mir auf meinem Weg nach Assisi begegnet ist. Der letzte Satz des Gebetes lautet: „Gib mir Herr das Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen Auftrag erfülle, den du mir in Wahrheit gegeben.“ Also: Radar ausfahren nach innen und daraus den persönlichen Charakter, das persönliche Leben entwickeln lernen. Das vertreibt die Angst vor dem Außen. Das ermöglicht Humor. Bude meint über unsere Zeit im Interview: „Das einzige Mittel gegen die existentielle Angst ist das gemeinsame Lachen.“ Er schreibt aber weiter, dass wir nicht mehr lachen können: „Selbst das Lachen ist kontrollierte geworden. Wir leben in einer Welt des Lächelns, nicht des Lachens.“ David Bosshart auch mit dem Satz geschlossen: „Es braucht Humor.“ Befreiendes Lachen kommt von innen heraus. Der Spiegel liegt nämlich innen. Nicht außen.