Kirche ist nicht im Kontext

7_IMG_6542Wirklich tief beeindruckt komme ich von der Tagung der Oberinnen in Vöcklabruck. Ich durfte dort Sr. Edith Maria Magar von den Waldbreitbacher Franziskanerinnen zwei Tage live erleben. An die 100 Ordensfrauen gingen der Frage nach, wie ein gutes Miteinander von „Laien und Ordensfrauen“ gelingen kann. Die Waldbreitbacher Ordensfrauen waren Pionierinnen in einem neuen Miteinander, auf Augenhöhe, mit Übertragung von großer Verantwortung. Mit tiefem Vertrauen und höchster Kompetenz ausgestattet, haben sie ihre Werke übergeben, übertragen, in die Hände von Mitarbeiterinnen gelegt. Heute arbeiten in 200 Einrichtung etwa 20.000 Frauen und Männer. Sie ist als Generaloberin sozusagen die „Konzernchefin“ eines ausbalanzierten Netzwerkes von handelnden Personen, in den höchsten Verantwortungen fast nur Frauen. Sie spricht ruhig, hat eine ganz klare Sicht, leitet aus dem christlichen Selbstverständnis Anforderungen ab, immer gepaart mit dem Anspruch, alles im Prozess zu sehen. Die hohe Qualität in den Begegnungen spüre ich aus ihren Worten. Der „kollegiale Austausch auf Augenhöhe“ ist das Lebenselexier.

Anschlussfähig hinein in die Kontexte

9_IMG_6523Sie spricht von der Wichtigkeit der Firmen-Kulturen in verschiedenen Phasen der Veränderung. Vertrauens-, Fehler-, Ziel-, Macht- und Visionskultur sind die Schlüsselworte, wenn es um Veränderung, Unsicherheit, Euphorie, Widerstand, Dominanz oder Nostalgie geht. Die Methoden von gestern führen uns nicht in die Zukunft. Sie kommt auf die Kirche allgemein zu sprechen und eine Aussage geht mir nach, nicht nur bis hierher: „Die Kirche definiert sich nicht mehr in den Kontexten. Sie spricht dadurch isoliert.“ Durchatmen. Das Aggiornamento hat sie verlernt. Sie steht wie der Kardinal nach der Bischofskonferenz mit dem Zeigefinger in der heutigen Fortpflanzungsmedizin drinnen, ängstlich besorgt und mit der Keule „Gegen-Argument“ ausgestattet. Das ist meine Wahrnehmung und Sicht. Kirche sieht sich selber, „ihre Wahrheiten“. Ihre Dogmen stehen verlassen in der oft menschenleeren Gegend. Kirche hat es verabsäumt, in der Jetzt-Zeit zu agieren, sich daraus zu verstehen, aus dem Kontext zu lernen. Kommunikation ist dann oft der Werbe-Versuch, so zu tun, als wären wir da, mitten unter den Menschen. Das ist jetzt zu pauschal und zu negativ. Ich weiß. Ich wollte die Richtung skizzieren. 8_IMG_6514Es gibt Diözesen wie zum Beispiel die rund um Linz unter Aichern oder Limburg unter Kamphaus, die sich immer mit den „Lebenswelten“ der Menschen auseinandergesetzt haben. Es ist nur so, dass das von der römischen Kirche nicht honoriert wurde. Eher das Gegenteil war der Fall. Perfekt „römisch-katholisch“ war die letzten Jahrzehnte angesagt. Und was hat die Generaloberin zur Fehlerkultur gesagt: „Das beste Projekt war das, wo wir gescheitert sind und dabei so viel gelernt haben.“ Der Kontext ist nicht ohne Scheitern zu haben. Die Kirche „muss“ sich aber nach dem Beispiel Jesu inkarnieren, hinein in die genau heutigen Kontexte. Nicht mir kognitiven Argumenten, sondern mit gemeinschaftlichen „Heils-Erfahrungen“. Die Waldbreitbacher Franziskanerinnen tun das mit viel Mut und hoher Kompetenz. Anspruchsvoll. Merci, Sr. Eva Maria.

#Öffi: Ist es Ignoranz oder Gewohnheit?

Haselgraben B126

Haselgraben B126

Der Mittagsbus zieht behutsam seine Schleifen hinunter vom Bergdorf in den Haselgraben. Gute 400 Höhenmeter sind zu bewältigen. Deshalb ein paar steile Serpentinen, die die Bezeichnung Bergdorf rechtfertigen. Mein Ziel heute ist die Tagung der Höheren Oberinnen in Vöcklabruck. Diese Zeilen notiere ich im IC. Bis dahin bin ich zwei Mal umgestiegen. Bus Bus und Bus ÖBB. Der Bus Bus Umstieg oberhalb der Speichmühle auf der vielbefahrenen Bundesstraße lässt mir heute keine Ruhe. Es ist nichts passiert und trotzdem regt er mich auf, der Busfahrer.

Umsteigen als Dienstleistung mit Sicherheitseffekt

Fahrschleife

Fahrschleife

„I spü a Liad für di“ lässt sich der Buschaffeur aus dem Regioalradio durch seine Ohren ins Gehirn liefern. Dass ich hier mithören muss, finde ich für mein Musikempfinden nicht erhellend, aber es ist OK, dass ein Buschaffeur (auf dieser Strecke fahren bisher nur Männer) sich emotional mit „seiner“ Musik die Fahrt angenehm gestaltet. Manchmal meinen sie sogar, dass das für alle mitfahrenden Gäste eine Wohltat wäre. Das Lied ist aus und wir steigen um. Es ist immer spannend, ob der Busfahrer die vereinbarte Sicherheits-Schleife fährt oder uns die gefährliche Haselgrabenstraße auf eigene Faust überqueren lässt. Mein Bruder (er ist auch passionierter Öffi-Fahrer) hatte damals die geniale Idee, dass der Bus einfach eine kleine Schleife ausfährt, um die Fahrgäste (Kinder, Erwachsene und Ältere) direkt auf der gegenüberliegenden Seite bei der Haltestelle abzusetzen. Der Bus fährt seine 360° fertig und steht wieder bereit für die Abfahrt mit den neuen Gästen. Keine Baumaßnahmen nötig und maximial eine Minute weg von der Wartezeit – nicht Fahrzeit. Was wurde da alles überlegt: Zebrastreifen, Unterführung. So einfach geht es. Heute: Ginge es.

Heute Unwilligkeit und Wegschauen statt Empathie und Mithelfen

998IMG_6494Der Buschaffeur hat von dieser Sicherheits-Schleife in der Dienstanweisung sicher schon gehört, aber er ist zu „ignorant“. Ich spreche ihn an, während die 3 anderen Fahrgäste aussteigen: „Fahren wir nicht hinüber?“ „Jo, wenns woin fohr i umi!“ Der Unterton ist unwillig. Seine Gewohnheit spricht gegen diese vereinbarte „Sicherheits-Dienstleistung“. Heute waren keine Kinder dabei, aber das Hinüberkommen auf die andere Seite gestaltet sich (siehe Foto) wie ein Spießrutenlauf. Drüben angekommen denke ich mir: Ist es Ignoranz oder Gewohnheit? Einen kurzen Moment kommt die Frage: Ist es etwa Dummheit? „I spü a Liad“ lässt fast auf eine Dreierkombination schließen. Aber das ist jetzt böse von mir. Dass ich in Urfahr eine Jugendliche, die während der Fahrt ihre Straßenschuhe am Sitz positioniert hatte, wo sich andere wieder hinsetzen sollen, wie den Simon von Zyrene ansprechen musste, damit sie mir beim Hinausstellen des Kinderwagens für eine Mutter mit zwei Kleinkindern hilft, hängt mir auch noch nach. Was fehlt der Gesellschaft? Empathie, Aufmerksamkeit, Mitdenken, Mithelfen. Zu scharfer Local Detective? Es ist nur gut, dass es so viele Menschen gibt, die das leben, was die Gesellschaft zusammenhält. „Wie du die Dinge denkst, so wirst du, so strahlst du aus, so kommt es zurück.“

Familienfasttag zwischen mir, dem Waldviertel und Indien

Familienfasttag

Familienfasttag

Die kfb macht im Laufe eines Jahres verschiedene Projekte. Sie gibt dem oft männerlastigen und institutionsmaskiertem Gesicht der Kirche eine Frische, die weibliche Lebendigkeit an der Basis. Oben ist leider noch nicht viel möglich. Ein Projekt seit Jahrzehnten ist der Familienfasttag. Heute bei uns im Bergdorf wurde beim Wortgottesdienst, den Florian mit uns stimmig und ansprechend gefeiert hat, dieses Thema aufgegriffen, gedeutet, in einen Rahmen gesetzt. Während des Gottesdienstes musste ich immer wieder an eine Begegnung denken, die ich in Schrems beim Konzert mit Konstantin Wecker hatte. Mit uns war eine Frau aus dem Waldviertel, die dort in der pfarrlichen kfb sehr engagiert ist.

Dort und hier 

Sie hat in der Pause erzählt, dass sie gelernte Weberin ist. Vor mehr als 25 Jahren gab ist im Waldviertel noch eine Weberei-Schule. Dort hat sie mit einer ganzen Klasse den Abschluss gemacht. Arbeit gefunden haben allerdings immer weniger in der Gegend, weil eine Weberei nach der anderen zugesperrt hat. Sie erzählte von einem Klassentreffen kürzlich, dass nur mehr eine Person in dieser Branche tätig ist. Alle anderen mussten in andere Berufe wechseln. Bei der kfb und bei der Vorbereitung ist ihr aber die Weberei-Welt wieder begegnet. Aus Indien kommend. Sie hat in der Kirche ein Projekt vorgestellt, wo Frauen in Indien, die in der Weberei und Textilerzeugung arbeiten, darin unterstützt werden, dass sie mit Selbstbewusstsein und mit neuen Formen der Zusammenarbeit einen halbwegs gerechten Lohn bekommen oder sich erarbeiten können. Sie blickt uns irgendwie ein wenig fragend an. Die Weberei und Textilbranche wurde im Waldviertel zerstört und nach Indien verlegt. Dort konnte „besseres Geld“ gemacht werden.

Der Hilferuf hier und dort

Jetzt kommt der Hilferuf: Helft uns, dass wir von unserer Hände arbeit leben können. Dieser Hilferuf war damals im Waldviertel auch zu hören. Heini Staudinger hat im „viel mehr wesentlich weniger„-Gespräch geschildert, dass die Schuhbranche derzeit von China und Indien nach Äthiopien wandert, weil dort die Arbeitskraft um das 10-fache billiger ist als in China und Indien. Ich ziehe aus der Begegnung einen zweifachen Schluss: 1. Gut, dass die kfb sich um diese Frauen in Indien kümmert und ich mit meiner Spende dort beim „Aufrichten“ helfe. 2. Beim Einkauf schaue ich mit 15o%iger Aufmerksamkeit, dass Handwerk und Produktion bei uns in der Umgebung passiert. Tischler, Bauern oder Baufirmen sind heute Pioniere der neuen WIR-Produktion bei uns. Wir müssen sie sehen und uns mit ihnen verknüpfen. Beispiel: Waldviertler. So wirken wir am neuen Empowerment des lokalen Handwerkes mit. Zukunft in Sicht.

Mutig und ganz Ohr in Salzburg

PlakatPlakate kündigen uns an. Das STADTFORUM des kbw Salzburg hat uns eingeladen. Unsere Themen sind „Mutig und ganz Ohr“ und „An den Rändern finden wir die Mitte“. Mein Untertitel verrät „Die notwendigen Schritte einer Kirche der Zukunft“ und der zweite Untertitel lautet „Wo sich Christsein bewähren wird“. Ich kenne den Markussaal in der Gstättengasse 16 in Salzburg (noch) nicht. Am DO 12. März wird sich das geändert haben. Mein Vortrag beginnt um 19.30 Uhr. Der von „unserer Präsidentin“ Sr. Beatrix Mayrhofer startet am MI 18. März ebenfalls um 19.30 Uhr. Ich sehe meinen Part als Ouvertüre, um schließlich voller Mut und Aufnahmefähigkeit, Achtsamkeit Mitte und Rand auszuloten. Ordensleben, das mir in den letzten 2 1/2 Jahren ganz intensiv und nahe begegnet, sucht die Balance von Rand und Mitte, ganz offen für Gott und ganz Nahe bei und mit den Menschen. Ich freue mich schon auf diesen „Zweisprung“ in der Mozartstadt. Wer mitspringen will, ist herzlich willkommen.

Was wird angesprochen?

So lesen wir in der Ankündigung: „Wie können wir uns bereit machen für das Neue und dabei aus dem Alten, dem Bewährten lernen? In diesem Vortrag geht es darum, wie wir mutig das Neue (als Kirche) wagen können und wo wir vermeintlich bewährte Pfade verlassen (müssen). Es gibt drei Grundhaltungen der Zukunft gegenüber: 1. Die Verlängerung der Vergangenheit in die Zukunft hinein. 2. Das Innehalten und die Neuausrichtung aus der Vergangenheit heraus. 3. Das Denken aus der Zukunft in das Jetzt, das Heute herein. Jesus sprach vom Reich Gottes. Es ist nicht entscheidend, wer und was wir sind und haben, sondern mit welcher Haltung wir den Alltag leben. Wenn sich Mut und genaues Hinhören im Sinne von ganz Ohr hier verknüpfen, entstehen die konkreten Schritte in die Zukunft. Einen Schritt werden wir an diesem Abend setzen.“ Komm und sieh.

Sag Reform und nichts wird anders

Dürnstein

Dürnstein

Es gibt magische Worte: Einsparung. Innovation. Schulden. Reform. Gerade das Wort Reform wurde zum Hammer, der die Nägel treiben soll. Bis 17. März 2015 wird damit die Steuer beschworen, umtänzelt, anvisiert und wieder auf Distanz gehalten. Wer in die Runde schaut und etwas genauer dahinter schaut, wird feststellen: Dort, wo mit Reform hantiert wird, ändert sich am wenigsten. Ich erinnere mich noch ziemlich genau, wie die Universitätsreform nach drei Anläufen und Umrundungen wieder am Start angelangt war. Das jahrzehntelange Reform-Bemühen in der Kirche ist schließlich auch in Ermüdung und Erschöpfung geendet. Der Papst wird in seinem Reform-Eifer zwar medial groß unterstützt, in der Kurie lässt man ihn zum Teil „anrennen“. Sichtweisen wurden durch seine „Bewegung“ anders. Der Gegenstand selber, die römische Kirche, hat sich noch nicht bewegt. Die Gleichwertigkeit der Frau oder der Umgang mit Scheitern sind noch „reformfähig“.

Die Drittel-Gesellschaft

Oskar Negt

Oskar Negt

Beim Symposion Dürnstein hat Oskar Negt, ein Schüler von Adorno, recht klar unsere Gesellschaft „gesehen“. Negt sieht in der neoliberalen und durchökonomisierten Gesellschaft drei große Entwertungen: Erinnerung, Bindung, Erfahrung. „Das kapitalistische System kann mit Erinnerung und Bindung nichts anfangen. Außerdem wird die Erfahrung entwertet, herabgestuft, verdrängt.“ Drei Strukturelemente sind vielmehr heute im gesellschaftlichen System tragend. Die Polarisierungen wie arm – reich, Zentrum – Peripherie, schnell – langsam. Weiters wirken Flexibilisierung und Entgrenzung ausbeuterisch. „Diese idiotische Ich-AG führt zur Verzehnfachung sozial-therapeutischer Maßnahmen.“  Weiters führt das Systemelement Abkoppelung dazu, dass Probleme, ja ganze Staaten von Ratingagenturen einfach aus dem System abgekoppelt werden. Der überflüssige Mensch ist die Folge. Negt sieht drei Drittel in unserer Gesellschaft: 1. Gesicherte Lebenssituationen inklusive der Medienapperate. 2. Prekäre Lebenssituationen ohne konstante Lebensverhältnisse. 3. Dauerhaft Überflüssige ohne irgendeine Perspektive.

Kosmetik mit Reformen

Man muss kein Hellseher sein, um zu erahnen, dass die sogenannte Steuerreform keine Reform der Drittel-Gesellschaft bringen wird. Mehr Netto von Brutto bringt denen mehr, die mehr Brutto haben. Das wohlhabende Drittel wird neue Steuern mit großen Lobby-Agenturen abwenden. Das ist relativ leicht zu erklären, gehören die etablierten Parteien zum oberen Drittel und kennen zum Beispiel das untere Drittel nicht einmal aus der Zeitung. Dort kommen diese „Überflüssigen“ nämlich nicht mehr vor. So kämpft das obere Drittel mit dem zweiten Drittel um die Reform. Es wird Kosmetik in einem Wahljahr sein (Wien, OÖ, Burgenland, Steiermark). Wenn dann der deutsche Finanzminister viel umjubelt Richtung Griechenland sagt: „Regieren ist ein Rendezvous mit der Realität.“ Er meint die Realität des oberen Drittels. Dafür gilt es Sparprogramme abzuliefern. Dort wären echte Reformen notwendig, auf allen ebenen. Aber: Wer reformiert will eigentlich alles so gestalten, dass es mir nutzt. Die Elite reformiert und es bleibt so günstig für sie wie bisher.

 

 

 

#ganzOhr bei Konstantin Wecker

999IMG_6327Aschermittwoch. Sicherlich ein Tag für viele, um im Leben eine Veränderung zu beginnen. Vielleicht manches zu reduzieren, um wieder echt genießen zu können, der Zeit eine solidarische und empathische Grundrichtung zu geben. Ich breche auf in das Stift St. Florian. „Mönch und Krieger“ habe ich eingepackt und von einem guten Freund zwei alte LP’s, um sie von Konstantin Wecker signieren zu lassen. Mit Konstantin habe ich nach dem Konzert in Schrems dieses Treffen vereinbart. Spiritualität, Orden, Mönch, Kirche sind die Themenflächen.

Empathie fehlt dieser Welt

9IMG_6310Konstantin beschreibt im Buch seine Veränderungen und seine ebenso „große Sehnsucht nach dem Mönch in mir“. Wir sitzen bei Propst Johann Holzinger im Büro. Im Gespräch tauchen wir sofort in tiefe Dimensionen des Lebens ein. „Empathie fehlt dieser Welt. Widerstand ist notwendig. Es geht nur mehr um das Besitzen. Wir sind auf einer tiefen spirituellen Art miteinander verbunden. Beten ist aussteigen aus der Zeit. Orden können der Gesellschaft einen Spiegel hinhalten. Es gibt bei uns viele kleine Ordensgründungen in alternativen gemeinsamen Lebensformen.“ Das ganze Gespräch werde ich für unser Ordensmagazin ON zusammenfassen. Ich sehe heute schon: Zwei Seiten sind verdammt wenig für so viel.

Unterwegs 

Konstantin muss aufbrechen. Es ist kurz vor 12 und abends ist das Konzert in Innsbruck. Ein noch weiter Weg. Er schreibt auf die LP’s noch: „Auf ein gutes Leben für Gerhard.“ Dann bleibt er am Gang noch stehen, und ich stelle ihm die #ganzOhr-Fragen, ganz spontan. Wir umarmen einander und unsere Wege trennen sich wieder. Aber: Wir sind auf wunderbare Weise verbunden, wenn wir uns dieser spirituellen Dimension des Lebens nicht verschließen. Er entschwindet am langen Gang. Ich gehe mit zum Mittagsgebet. Die Psalmen sind heute ganz besonders „gefüllt“.

Martin Engelmann geht zu Fuß nach Rom

999IMG_6291Vom Tyrolia-Verlag flattert ein neues Buch auf meinen Schreibtisch. „Zu Fuß auf dem Franziskusweg nach Rom“ ist der Titel. Die Eckstädte sind Florenz als Beginn, Assisi als Mitte und Rom als Ziel. Die angeführten Schlüsselworte bieten für mich als Assisi-Pilger den Anlass, das Buch zu lesen und – zu genießen.

Stimmige Fotos

Eine wesentliche Erkenntnis stellt der Autor, Fotograf und Pilger gleich an den Beginn: „Die moderne Zivilisation hat uns die Stille genommen. Wer pilgert, kann sie sich zurückerobern.“ Eindrucksvoll schildert Engelmann die Natur am Weg von Florenz weg in den Süden. Bestätigen kann ich die individuellen und tiefen Gespräche mit PilgerkollegInnen am Weg und Herberge-Gebende. Unterkünfte mit ihren Orten Städten werden zu Reflexionszonen des Tages. Wege sind Wege und Abwege. Beides erlebt der Pilger in Richtung Assisi. Ebenso lebhaft schildert der Autor die Erfahrung, wenn man Handy und speziell die Emails nicht daheim lässt. Die Last des Alltags überschwemmt die Erfahrung auf dem Weg. Der so herbeigeholte Alltag wird als Tsunami erlebt. Die wunderbaren Landschaften sind fotografisch hervorragend „eingeholt“ und stimmig geschildert. Der Pilger erlebt am Weg aber genauso die Auswüchse der rohen Zivilisation, die für Weitgeher fast unerträglich sind. Wetter, Gewitter und Unwetter verändern einen Menschen, wenn er alleine seinen Weg geht. Martin Engelmann und die Mitautorin Anna-Maria Stiefmüller gelingt es hervorragend, Stimmungen ganz drinnen mit den Erfahrungen ganz draußen wohltemperiert zu verbinden.

Der Fotograf und seine Positionen

Das Buch taugt aus meiner Sicht durch die ansprechenden Bilder als Kochbuch für die Seele. Wer darin blättert, wird Naturlandschaften in besonderes Licht getaucht finden, Städte wie Florenz, Assisi oder Rom von ungewohnten Perspektiven neu sehen und Menschen in Portraits kennen lernen. Engelmanns „Fototipp“ zu jedem Tag nährt die Lust, genau diesen Weg mit dem Auge des Fotografen zu gehen. Einzelne Erfahrungen des Pilgers hebt der Autor in seinem „Pilgertipp“ hervor. Dort und da streut der Pilger Engelmann seine spirituellen Erkenntnisse in Großbuchstaben ein, indem er Aussprüche von großen Heiligen am Weg hervorhebt oder eigene Erkenntnisse festhält: „Mit jedem Schritt, den ich gehe, komme ich mir näher.“ Ich erlebe das Buch als eine einzige Einladung, den Weg selber zu gehen.  Nur eines rate ich nicht: Das Buch ist zu schwer, um es im Rucksack mitzutragen.

 

 

Gehen dürfen oder fahren müssen

999IMG_6247Die Sonne scheint vom Himmel. Schnee überall. Der Unterricht im Bergdorf ist an diesem Freitag beendet. Nach dem genialen Wecker-Konzert gestern in Schrems ist Homeoffice angesagt. Die Sonne lockt mich vor die Haustür. Durchatmen. Die Bergluft genießen. Und eine unglaubliche Anzahl von Autos vor der Schule und dem Kindergarten beobachten. Einfach nur schauen.

Lasst die Kinder gehen

Eine Mutter trägt dem Kind die Schultasche zum Auto. Das Kind wirkt getrieben. Dort drüben sucht ein großer Audi einen Halteplatz. Alle Parkplätze sind ausgebucht. Fast mitten auf der Straße bleibt er stehen. Heute sind auch Väter zu sehen, die sich am Freitag die Arbeit einteilen (können). Autotür auf und rein mit den zwei Kindern. Dort vier Kinder, die mit dem Schnee spielen. Eine Mutter: „Komm, wir haben es eilig.“ Die Lautstärke war so, dass ich es bis zur Haustüre höre. Wehmütig lässt das Kind den Schneeball fallen. Ich hätte ihn aus meiner Sicht zumindest der Mutter zugeschossen, damit sie ihre Strenge verliert. Das Kind weiß aber, warum sie das nicht tut. Autotüren zu und ab. Arme Kinder. Sie müssen jetzt fahren. Wir mussten (heute sage ich durften) eine Stunde in die Schule gehen. Bei jedem Wetter. Manchmal hat uns das Wetter daheim gelassen. Vor allem im Winter.
Aber: Da kommen zwei Buben bei mir vorbei. „Grüß dich“, rufen sie mir zu. Ich mache ein Foto, weil ich das Handy gerade dabei habe. „Wie geht es euch?“, frage ich die mir nicht Unbekannten. „Gut“ und sie lächeln dabei. Das verstehe ich. In ihrer Siedlung gehen die Kinder. Sie haben jetzt 1 1/2 Kilometer Heimweg vor sich. Gut gekennzeichnet sind sie. Mit listigen Augen fragen sie: „Dürfen wir uns die Eiszapfen von deinem Dach herunterschießen?“ „Ich breche sie euch herunter, damit sie ganz und lang bleiben.“ Ich mache es und gebe ihnen zwei wirklich große Eiszapfen. „Danke, das finden wir sehr nett.“ Das ist O-Ton. Eigenohrig gehört. Genauso gesagt. Sie gehen damit weiter. Einer schießt schon damit wie mit einem Gewehr, der andere probiert einen Stock zum Gehen. Spielerisch tänzelnd gehen sie die Straße hinauf – immer wieder von Autos gestört.
Liebe Eltern, die ihr mit den Autos kommt, die Schultaschen tragt: Glaubt ihr nicht, dass ihr mit eurer Überfürsorge den Kindern viel Leben wegnehmt? Lasst die Kinder gehen!