Barbaraweg: Finde deine persönlichen Schätze

Juraj_900Juraj hält stolz eine Rolle Stacheldraht in der Hand: „Ich war der Erste, der bei Bratislava 1989 ein Stück aus dem eisernen Vorhang gezwickt hat.“ Die Bilder beweisen, dass auch seine Frau und die Kinder damals dabei waren. Der Wachposten war damals noch skeptisch: „Ich habe ihn überzeugt, dass er wegschaut.“ Juraj spürt, wo etwas „aufgeht“. Er hat mit einem großen persönlichen Netzwerk den „Barbaraweg“ angestoßen. Schritt für Schritt nimmt er Menschen herein und überzeugt sie von der Idee dieses neuen Pilgerweges mitten in der Slowakei. Vor seinem Haus steht ein hölzerner Turm mit fast 3 Metern Höhe: „Solche Türme sollen im Laufe der Zeit die wichtigen 29 Stellen am 150 Kilometer langen Barbaraweg kennzeichnen.“ Daneben schon das Schild mit der gelben Markierung. „Der Turm ist das Zeichen für die hl. Barbara.“ Juraj brennt für diesen Weg. Mit seinem Feuer hat er schon eine Menge Leute am und für den Weg „entzündet“. Ich erlebe Juraj als Ermutiger: „Die größte Strecke ist schon ausgeschildert. Im Frühjahr werden noch die Markieurungskleber durch die Städte angebracht. Am 1. Mai 2015 wird der Pilgerweg offiziell eröffnet.“

Natur und Bergbau

mittelpunktDrei Tage nehmen wir uns Zeit, einige wichtige Stationen am Weg und Personen im Netzwerk „Barbaraweg“ kennen zu lernen. Ich wurde eingeladen, meine Erfahrungen als Pilger zu Verfügung zu stellen. Das mache ich in diesem Fall sehr gerne. 2004, 2009 und 2012 bin ich „weit gepilgert“, wie Juraj genau wusste. Durch mein Konzept des pilger_PFADes „In die Nähe Gottes gehen“ und mein Mitwirken am Johannesweg weiß ich, wie Tourismus und Pilgern gut zusammengehen bzw auf gemeinsamen Wegen unterwegs sind. Durch mein dreimaliges Weitgehen und Pilgern bin ich auch in das Pilgernetzwerk „hinein gewachsen oder noch besser hinein gegangen“. Die Idee vom Barbaraweg ist mir mit großer Energie, Begeisterung und Wärme begegnet. Jetzt kenne ich auch die Landschaft und die Städte. Neben den Begegnungen habe ich vor allem die wunderbaren Naturlandschaften mitgenommen. Hügelig, bewaldet und irgendwie einzigartig im Auf und Ab. Dann sind es die nach Bergbau klingenden Städte. Hier haben Menschen über Jahrhunderte nach Gold, Silber, Kupfer und anderen Edelmetallen gegraben. Wunderbare Städte wie Kremnica, Banska Bystrica oder Banska Stiavnica liegen am Weg. Letztere hat die erste Bergbauakademie der Welt unter Kaiser Maria Theresia erhalten. Die Bürgermeinsterin persönlich hat uns empfangen. Ein Rundumblick vom geografischen Mittelpunkt Europas aus oder der Einblick in den am Weg liegenden Thermalort Sklene Teplice lässt Staunen und Wohlbefinden hochkommen. Die Vorfreude auf unsere Pilgerreise mit Welt der Frau und Weltanschauen vom 28. August bis 6. September 2015 steigt auf. Ich sehe uns schon gehen ähnlich wie in Irland, in Rumänien oder nach Volkenroda in Thüringen.

Persönliche Schätze heben

banska_bystica_900In Gedanken gehe ich den sich in der weiten Landschaft abzeichnenden Weg. Es ist ein Rundweg. Da liegt die Chance in der Luft, sich selber in sieben, acht, neun Tagen besser kennen zu lernen. Sich selber „umgehen“. Ich erzähle den Verantwortlichen von meinen Pilger-Erfahrungen: „Da spielt sich bei den Menschen auf der körperlichen, der mentalen und spirituellen Ebene viel ab. Du gehst vom außen in das Innen. Du gehst vom Ich zum Selbst. Du wirst geöffnet. Du entdeckst Räume, neue Freiräume in dir. Du entdeckst das Weniger. Neue Sichtweisen ergänzen die alten oder lassen sie verblassen. Tiefe Dankbarkeit stellt sich ein.“ Juraj’s Augen leuchten: „Ja, diese Dimension hat uns in unserer eher touristisch geprägten Sichtweise noch gefehlt. Es geht nicht um touristisches Wandern, sondern um das Pilgern, um das Entdecken, das Finden der persönlichen Schätze.“ Ich ermutige sie, nicht viel zu machen, sondern die wesentlichen Fragen des Menschen anzustoßen. Dabei hilft eine gute Markierung am Weg und die Offenheit, die „Fremden“ willkommen zu heißen. „Das Gehen, die kontinuierliche Bewegung, die Natur und die Begegnungen therapieren die oft überfüllte Seele.“ Leer werden dürfen, damit die von der Konsumgesellschaft überfüllten Depots Platz geben für Wesentliches. Jeder Mensch trägt einen tiefen Schatz, eine tiefe Berufung in sich. Sie zu entdecken und zu leben schafft das wahre Glück. Dankbarkeit ist die Folge.

7 x 7 ist gut möglich

markierungMeine Überzeugung teile ich immer wieder. Um der „Magie der Zahl“ heute zu entsprechen, gieße ich das in ein Zahlenspiel. Wer 7x3x7 geht, erlebt eine heilsame Veränderung. Sieben mal drei Tage ist 21 Tage lang und 7 Stunden pro Tag gehen. Eine Kur dauert drei Wochen und früher waren die Urlaube drei Wochen. Der Barbaraweg wird seine heilsame Wirkung in der Formel 7×7 entfalten: Sieben Tage sieben Stunden pro Tag gehend unterwegs sein. Einen Tag vielleicht etwas mehr und einen Tag etwas weniger. Die Wegerfinder sind noch etwas skeptisch, „ob das die Menschen aushalten, in einem Tag so weit gehen.“ Ich ermutige sie als Pilger. 20-25 Kilometer sind eine gute Strecke für einen ganzen Tag. Wer schon einmal gepilgert ist, wird dem zustimmen. Wer es noch nie getan hat, wird es als wunderbares Gefühl erleben, „so weit gegangen zu sein.“ Dieser Barbaraweg wird eine wunderbare Möglichkeit, Bewegung in viele Leben zu bringen. Dabei werden die vielen persönlichen Schätze zum Vorschein kommen in einer Gegend, wo die Menschen unglaublich viele Schätze aus den Bergwerken ans Tageslicht gebracht haben. Vor meinem geistigen Auge erhebt sich das Motto unseres Pilgerns im Herbst 2015: „Finde deine persönlichen Schätze“.

Der Barbaraweg in der Slowakei und das wird unser Gehen und Pilgern am Barbaraweg mit weltanschauen.at.barbora mapageschaeftturm

 

Das Welt-WC und Tirol

8_venDu liest in der Zeitung. Nicht irgendeine. „Die Zeit“. Die „Tiroler Tageszeitung“. Das „Publik Forum“. Keine Verwandtschaft und doch treffen sie sich heute. Und dann beginnen die Ganglien zu tanzen. Von dort nach da und von drüben nach herüben. Die Themen mischen sich. Zuerst sperrig, dann logisch.

Das WC der Zukunft

„Das Klo der Zukunft“. Wozu brauchen wir den Welttoilettentag? Der 19. November ist dieser besagte Tag. Es ist noch Zeit. Seite 48 im Publik Forum will darauf einschwingen. Und was soll das Ganze? Klar war mir schon vor 30 Jahren, dass nicht alle ChinesInnen so auf das Klo gehen können wie wir. Das Wasser gibt es nicht. So heißt es auch: 2,5 Milliarden Menschen haben keinen würdigen Zugang zu Toiletten. Weltweit gedacht. „Rund eine Milliarde müssen im Freien defäkieren.“ Den Satz muss ich nochmals lesen. Dann kommt die Frage nach dem WC der Zukunft: „Das Klo der Zukunft müsste Wasser und Urin selbständig aufbereiten und im ständigen Kreislauf wieder zur Spülung einsetzen. Die Exkremente werden darin geruchlos getrocknet und gepresst und später als Briketts im hocheffizienten Heizofen verbrannt.“  Indien taucht auf. Die vielen Kanalsysteme unserer Breiten scheinen Vergangenheit zu sein. In jedem Fall wird klar: Die Exkremente sickern und fließen nicht mehr kilometerweise durch die Gegend. Es passiert alles bei mir zuhause. Der Gedanke gefällt mir, weil er als geruchlos geschildert wird.

Sterben die Kleinen wirklich aus?

00_ven„Die Tatsache, dass immer mehr Menschen in Städten leben und ihre Lebensgewohnheiten von dort in den Urlaub mitbringen, führt zu neuen Herausforderungen. Sie wollen per Mausklick, ganz spontan, immer kürzere Reisen buchen. Die Erwartungen an Dienstleistung, Qualität und Komfort steigen. Der Gast ist anspruchsvoller geworden, bewertet alles im großen Vergleich. Und über das Internet und soziale Medien ist es schon im Vorfeld leichter, sich ein glaubwürdiges Bild zu machen.“ Es geht hier in der ZEIT um den Tiroler Fremdenverkehr. Josef Margreiter ist der Steurmann im Tiroler Tourismus. Die Natur trifft auf den Städter. Siehe oben. Große „Tourismusflächen“ scheinen zu bestehen. Kleiner Natur bezogener Touismus bleibt Segment: „Ja, für manch entlegene Region ist der sanfte Tourismus eine Chance. Letztlich braucht es aber doch eine gewisse Infrastruktur. Die Ruhe, die Reinheit der Luft oder der schöne Wanderweg alleine reichen nicht.“ Warum? Dann fragt die ZEIT: „Was jetzt eine gute Nachricht für diejenigen wäre, die nach Stille und Einsamkeit suchen?“ Margreiter: „Genau, es wird sie weiter geben. Und sie werden weiter von einer Minderheit besucht werden.“ Jetzt wird mir klar, dass ich seit Jahrzehnten zur Minderheit gehöre. Ich bin ein Ostttirol-Fan, konkret das Virgen-Tal. Neugierig? Gut so.

Wann ist genug genug?

3_ven„Wann ist genug genug und wann ist oans mehr als koans?“ Das ist die Headline in der TT. Der Tiroler Tobias Moretti hat sich zum 125-Jahr-Jubiläum der Tourismuswerbung in Tirol Gedanken gemacht und bei der Feier in Erl eine viel beachtete Rede über Tirol und den Tourismus gehalten. „Ich bin beeindruckt von der Gesamtleistung und von allem, was die Touristologie da so alles durchanalysiert hat, alles digital und technisch top aufgestellt, alles einbindet. Sie hat also den Schwung der Zeit mitgenommen. Kann nur sein, dass der Touristiker sich damit grad selber abschafft, weil es ihn nimmer braucht.“ Und ich denke an die „digitalisierten Städter“, die „das Land“ suchen. In Tirol. Und was finden sie? „Zu diesem Traditionsmodell des Gastes kommen aber ganz andere Schichten: Die jungen „User“, die, obwohl sie sich nicht auskennen, auch im alpinen Bereich Anspruch ihre Gaudi haben wollen, alle Ressourcen gnadenlos ausnutzen, ohne Rücksicht auf Verluste und das gleich posten; und da setzen wir auch nichts dagegen, sondern warten erst einmal ab. Dann haben wir die Russen, die ihr Hauptinteresse auf die Exklusivität des Standorts legen. Gut ist nur, was teuer ist. Und die Versuchung angesichts dessen, was da im Lande bleibt, ist riesig. Und wir verbiegen uns bis in alle Windungen hinein. Mit einem Bein sind wir traditionell, mit dem anderen hip, mit dem dritten ein lächelnder Diener seiner Herren.“ Da fällt mir ein: Und alle gehen auf das WC. Auf welches? Es geht noch weiter: „Tourismus ist in unserem Lande zum wichtigsten Wirtschaftsfaktor geworden. Und so wie unser gesamtes globalisiertes Wirtschaftssystem huldigt er dem Dogma grenzenlosen Wachstums: mehr an Nächtigungen, mehr an Aktivitäten etc.“ Mehr WC’s. Aber welche? Die jetzigen oder die zukünftigen. Das WC und Tirol könnten zum „Weltphilosophieren“ anregen. Oder?

Die Balance finden hin zum guten Leben

vmww_wesentlichEs waren wunderbare Stunden, die ich mit den Begegnungen zum Thema „viel mehr wesentlich weniger“ verbracht habe. Ein Freund fragt mich immer wieder: „Wie heißt das Thema ganz genau?“ Es ist ihm zu vage. Zu wenig am Punkt. Für ihn müsste die Aussage „knallen“. So ist allerdings das Leben nicht. Das Leben ist feinfühliger, gibt Raum, sucht Raum, ja Freiraum, um in die Balance und die Tiefe zu kommen. Jesus hat zu seinen Freunden gesagt, die auch alles „am Punkt“ haben wollten: Komm und sieh! Ja, das lade ich auch ein: Kommt und seht.

Hier sind alle  6 Gespräche in der Kurz- und Langversion zusammengefasst.
Wenn jemand Feedback geben möchte, dann herzlich willkommen.

Kein Wort für Armut und Entwicklung

4_vkDer Friedhofgang liegt hinter mir. Eine tiefe Traurigkeit und Schwere wurde durch die Liturgie und mit den Musikstücken über den wunderschönen sonnenbeschienenen Waldfriedhof gelegt. Ich denke an New Orleans, wo an diesem Tag Fröhlichkeit am Friedhof herrschte. Diese Menschen hier sind angekommen – auch mein Vater und meine Großeltern – und wir dürfen uns aus unserem Glauben heraus darüber freuen. Die ganze Verwandtschaft kommt, sich um das Grab zu versammeln. Mein Neffe Stefan hat heute seine Welthaus-Gäste aus Bolivien Iván Fernando Lahor und Juan Manuel Laura mitgenommen. Sie stehen am Grab mit dabei als gehörten sie schon immer zu unserer Familie. Nachher treffen wir uns in unserem kleinen Haus zum jährlichen Verwandtschaftstreffen unter dem Motto: Ist die Hütte noch so klein, passen doch wieder alle rein. 25 Personen heuer und die beiden Gäste aus Bolivien. Beim LALA-Konzert in Steyr sind wir einander erstmals begegnet. Es ist uns eine Ehre, sie unter unserem Dach zu haben. Auch sie sagen: Bei uns in Bolivien wird zu Allerheiligen am Friedhof getanzt.

Spezialisten des „guten Lebens“

2_stSprachlich erleben wir unsere Begrenzungen. Einzig spanisch. Aber Kathi und Michaela sind dessen mächtig und so können wir uns gut austauschen. Es dauert ohnehin nicht wirklich lange und dann tun wir das, was alle Menschen verbindet: singen. Unsere Gäste sind Gäste von Welthaus hier in Österreich. In ihrer Partnerschule in Haag erzählten sie von ihrem „guten Leben“ in Bolivien. Was mich am meisten beeindruckt hat: In ihrer Gegend in Bolivien kennen sie im Sprachschatz die Wörter „Armut“ und „Entwicklung“ nicht. Es ist dort undenkbar, dass Menschen, die für uns hier „herausfallen“, dort nicht von der vernetzten gemeinschaftlichen Struktur mitgetragen werden. Dort ist niemand arm, weil jeder und jede an den Möglichkeiten teilhaben kann, die alle vorfinden. Unser Gesellschaftssystem kennt diese „intrinsische Kraft des Zusammenhaltes“ nicht mehr. Der „Markt“ hat diese Art der Verbindung unter uns zu einer Geschäftsbeziehung gemacht. Versicherungen, Hilfseinrichtungen usw sind die organisierte Folge. Beide Gäste singen, summen mit und haben ein Lächeln in ihrem Gesicht. Der Schuldirektor und Musiklehrer für 700 Kinder und Jugendliche von 5-18 sitzen bei uns. Das Wort „Entwicklung“ fehlt ihnen auch. 3_stSie sehen alles im Wachsen und im Vergehen. Was wir Nullwachstum nennen, ist dort in Bolivien die nachhaltigste Form zu leben. Mir kommt der Titel der Freitagzeitung in den Sinn: „Wirtschaft steht still“. Gemeint ist, sie wächst nicht. Aber sie steht doch nicht still. Hallo. Wo ist das Wording mit uns hingekommen? Die indigenen Völker in Bolivien können für uns die Lehrmeisterinnen sein im „Balance finden“ von „viel mehr wesentlich weniger“. Acht kleine Kinder treiben sich spielend durch das Haus und ich denke mir: Schön, dass sie diesen bolivianischen Geist „mitatmen“. Und wieder stimmt die Erfahrung zu 100%: Fremde sind Freunde, die ich noch nicht kennengelernt habe.

Wir müssen aufhören mit dem verdammten Legalismus

IMG_4295Der Saal ist prall gefüllt. Im Vorraum ist der Tisch mit dem Buch von Bischof Dom Erwin Kräutler aufgestellt. „Mein Leben für Amazonien„. 34 Jahre Bischof mit und bei den indigenen Menschen am Amazonas. Dom Erwin wird nach dem Vortrag und der Diskussion von den Leuten umringt. In der Diskussion fällt es ihm schwer, zwischen Du und Sie zu unterscheiden. Und das in Wien, wo Titel und Funktionen lebensnotwendig sind, damit der Turm der Bedeutung ja nicht zu klein ausfällt. Dem Menschen, Christen und Bischof ist das nicht wichtig. Beziehung auf Augenhöhe und „Hinhören“  oder #ganzOhr sind für ihn charakteristisch. Ein heilender Mensch. Er macht den Raum auf. Atmen, freies Atmen liegt in der Luft.

Legalismus oder Barmherzigkeit

Gefragt wurde er vieles. Mich hat beeindruckt, wie er seine Begegnung (andere nennen es Privataudienz) mit Papst Franziskus schildert. Bischof Kräutler erzählt, dass der Papst die Bischöfe ermutigt, ihre Situation direkt anzusprechen, konkrete Vorschläge zu machen für die Lösung von Problemstellungen. „Habt Mut und redet.“ Das Ergebnis der Synode hält Kräutler dahingehend für irreversibel, „weil Transparenz eingezogen ist“. Abstimmungsverhältnisse wurden veröffentlicht. Diskussionen sind nachvollziehbar. Der verdeckte und zudeckende Legalismus hat sein Ende gefunden. „Wir müssen aufhören mit dem verdammten Legalismus.“Es geht um Aufrichten und Barmherzigkeit. „Das ist das Herzensanliegen diese Papstes. Die offene Diskussion über die Zukunft.“ Und: „Die Bischöfe sollen mutig und verwegen sein. Das gilt auch für die österreichischen Bischöfe.“ Ganz ehrlich: Sie sind noch mit der Zumutung beschäftigt. Und ich denke parallel mit: für die Ordensoberinnen und Ordensoberen genauso, die in der Spur der Erneuerung, der Gründungen, der Antwort auf die Not der Zeit stehen. Kräutler hat vom Papst gehört: „Sag den Bischöfen, sie sollen konrete Vorschläge machen.“ Der Papst ist mutig – mutiger als die Bischöfe. Wie sollen sie auch Mut fassen, wenn Mut in den letzten Jahrzehnten zu „Troubles“ (Zitat Bischof Aichern) geführt hat. Da braucht es noch einige Eucharistien, um Wandlung zu ermöglichen und zu bewirken.

Die These der beauftragten Priester/in

IMG_4287Apropos Eucharistie. Bemerkenswert finde ich, dass Papst Franziskus ganz klar den Eucharistie-Mangel in allen Kontinenten erkannt hat. Bischof Kräutler hat eine Diözese, die 4 Mal so groß ist wie Österreich und mit ihm wirken 16 Priester. 16. Da redet bei seiner Begegnung in Rom der Papst selber von einer „Idee“. Bischof Fritz Lobinger hat ihm, dem Papst den Floh ins Ohr gesetzt. Eine priesterlose Gemeinde ist ein eucharistielose Gemeinde. Bei Kräutler sind das 90% der Gemeinden. Jetzt die These, die der Papst selber ins Gespräch mit seinem Mitbruder Kräutler eingebracht hat. „Jede Gemeinde beauftragt drei älteste Frauen und Männer (das ist nicht das Alter gemeint), die am Sonntag der Eucharistie in dieser Gemeinde, wo sie eben dazugehören, vorstehen. Am Montag geht jede und jeder seinem Beruf nach.“ Beauftragte Leute-Priester und Priesterinnen. Nicht geweiht – beauftragt. Der Weg von Bischof Aichern in Linz. „Beauftragte SeelsorgerInnen“. Und ich denke an die vielen Beauftragungsfeiern. Der Weg der Weihe und der Weg der Beauftragung. Auf Augenhöhe. Ich werde etwas sentimental, weil das über Jahre meine die innere Triebfeder war, aber von „erzkonservativen Kreisen „zerstört“ wurde. Jetzt spricht der Papst von sich aus diese Vorgehensweise an. Das Vorzeichen in Rom hat sich 180° gedreht. Jetzt steht für mich das + vor der Gleichung. Kräutler endet bei diesem kirchlichen Kapitel mit dem Satz: „Um der Eucharistie willen wird es diesen „Priestertyp“ sehr bald geben.“ Hoffen wir es. Für Frauen und Männer. Um Gottes und der Gemeinden willen.

Das Wenige tun, dort wo ich bin

Gesellschaftlich taucht in der Diskussion immer wieder die Frage auf: Was kann ich heute hier und jetzt tun? Kräutler: „Das Wenige tun, dort wo ich bin.“ Was sagen sie zum Wirtschaftswachstum? In meinem Kopf taucht sofort die Gesprächsreihe „viel mehr wesentlich weniger“ auf. „Wachstum muss verantwortbar sein, gerade auch ökologisch. Wir sind für die nächsten Generationen verantwortlich. Wirtschaftswachstum geht aber heute über Leichen. Es geht nur mehr um statistische Größen. Aber: Jeder Mensch hat ein Gesicht.“ Kräutler ist für Wachstum im Bereich der Ernährung, der Gesundheit, des Wohnens oder der Bildung. Es muss das Buchhalterdenken von Einsatz und Erfolg aufhören. „Eine andere Welt ist möglich“ sollte viele erfassen. Es kommt auf jeden und jede an. Ermutigend in diese Richtung erwähnt er seinen jahrzehntelangen Einsatz in Amazonien: „Es gibt immer eine Spalte, wo der Fuß reingeht. Man soll nie die Hoffnung verlieren.“ Angesprochen auf das Klima lässt er keinen Zweifel: „Das Klima geht so nicht mehr lange. Es wurde alles abgeholzt. Die Folgen wie Stürme und Trockenheit spüren wir jetzt.“ Mir fallen die Lobbying-Unternehmen ein, die alle Klimaziele für unmöglich halten und der Voest-Generaldirektor Eder, der in den USA die Zukunft aufbaut: ohne Umweltauflagen. Es ist zum Schreien.

Wie man ein Interview geschmeidig macht

gruber_standard„Der Hashtag #Synod14 ist mit dem Schlussdokument zur Familien-Synode in Rom nochmals in Schwung gekommen. Da war Hoffnung in der Luft. Die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Das ist auch kein Wunder, denn dieser Papst Franziskus muss sich mit jenen Bischöfen arrangieren, die unter Benedikt XVI und seinem Vorgänger ernannt wurden. Da war Angepasstheit und Untertänigkeit die oberste Maxime. Devoter Gehorsam war ritualisiert. Das (erz)konservative Denken hatte ganz oben in der Hierarchie Platz genommen. Die Welt wurde als Gegnerin abgestempelt und als Feindbild die „böse Säkularisierung“ hoch gehalten. In jedem Fall war es eine Einweg-Kommunikation von oben nach unten. Kein offenes Wort aus einem Bischofsmund kam offen und transparent in Rom an. Dialog wurde „unten mit unten“ ausgerufen, zelebriert und inszeniert. Immer wieder, damit die Hoffnung nicht erlischt. „Gewisse Seilschaften“ in Rom hielten eine dichte Membran um die römische Elite. Dorthin kamen nur Meldungen über „Abtrünige“, die via Spitzelwesen und Internet gejagt wurden. Es ging um Machterhalt und Doktrin. Da wird selbst der neue Papst Franziskus gefährlich, wie heute Kardinal Schönborn einfach zugibt: Massive Angriffswelle gegen Papst.

Enttäuschung und geschmeidig machen

Heute früh ist mir ein Brief an die Bischöfe von Erik Flügge aus Köln über das Netz auf meinen Laptop gespült worden. „Ihr habt mit Christus nichts zu tun.“ Hart. Emotional. Schwerste Enttäuschung in und zwischen den Zeilen. Der Titel verrät es. Aus meiner Sicht lesens- und bedenkenswert. Dann kam ein von vielen empfohlener Artikel aus der Süddeutschen daher: „Verwirrender Lichtstrahl„. „Die Bischöfe hat bei ihrer Familiensynode in Rom der Mut verlassen, Geschiedenen und Homosexuellen ein Signal des Aufbruchs zu senden. Viele sind nun enttäuscht. Die katholische Kirche wird grundsätzlich über ihre Ehe-, Familien- und Sexuallehre streiten müssen.“ Das wird zu wenig sein. Es müssen Taten kommen und klare Botschaften. Wenn es die Hierarchen nicht schaffen, dann müssen wir unten es tun. Die Dissonanzen werden lauter werden. Es ist nämlich nicht so, dass wir noch länger warten können. Jesus und das Volk sind schon weit voraus. Jesus geht, der Papst geht, das Volk geht. Nur die römische Elite sitzt. Der neue Rektor der KTU Linz Franz Gruber hat im heutigen Standard auch ein Interview gegeben. Klug. Klar. Von der Stimmung her die Erwartungen bremsend. „Man darf nicht vergessen: Fast 40 Jahre war keine Diskussion etwa zum Thema Familie möglich.“ Siehe oben.

Rom und das Dienstleistungsdenken

Die Kathpress hat in der Meldung („Lieber gut als schnell“) den bremsenden Anteil im Interview hervorgehoben und auf „geschmeidiger“ gesetzt. Das ist in Wien so. Da wird erst im letzten Absatz, zu dem 80 % nicht mehr kommen, die „Ungeduld“ des Linzer Theologen angesprochen, wenn es heißt: „Zugleich hielt der Dogmatikprofessor fest: Die Zeit sei „überreif“ für Reformen, die dann 2015 erfolgen müssten. „Das ist eine der letzten Chancen der Kirche in dieser modernen Zeit, sich hinein- und nicht mehr über die Menschen zu stellen.“ Sie müsse den Mut haben, auf die veränderte Welt aktiv zuzugehen „und nicht nur zuzuschauen, zu jammern und dabei depressiv zu werden“. Überholt sei auch der kirchliche Zentralismus im Sinne eines „Roma locuta, causa finita“. Rom müsse vielmehr eine „Dienstleistungsstelle für die Ortskirchen“ werden, sagte Gruber.“ Das ist die eigentliche Überschrift: Rom und das Bewusstsein des Dienstleisters für die Ortskirchen. #Synod16, wenn #Synod15 fertig ist. Dieser Papst hat einen Haufen Arbeit vor sich.

 

Allein sein und Der einsame Mensch

perner1Alle Stühle in der Buchhandlung in der Mariahilferstraße sind besetzt. Ich nehme mir Zeit, bei der Buchpräsentation mit Rotraud Perner dabei zu sein. „Der einsame Mensch“ steht auf dem blauen Umschlag. Sie war Gesprächspartnerin bei unserer Video-Reihe „viel mehr wesentlich weniger“. Dort hat sie von ihrem neuen Buch schon gesprochen. Und davon: Die ehelose Lebensform ist psychologisch betrachtet gut – ja sogar einfach – zu leben. Das können sich allerdings heute viele nicht vorstellen. Das monastische Leben hat sie in der Präsentation nicht angesprochen. Aber wir reden nachher kurz darüber.

Allein sein und das Gefühl der Einsamkeit

perner2„Alleine sein ist nicht das gleiche wie Einsamkeit, das Gefühl von Einsamkeit. Wir sind eigentlich nie alleine, weil wir immer umgeben sind. Wir bauen aber Barrieren auf und so entsteht das Gefühl der Einsamkeit, weil keine Energie mit und aus der Umgebung fließen kann. Wir brauchen immer einen Energieaustausch.“ In ihrer Buchvorstellung spricht sie ausführlich von den lebendigen Brücken zu den mich umgebenden Menschen, Tieren und Gegenständen. Und sie gesteht: „Ich schlafe mit meiner Geliebten, der Bibliothek.“ Da fließt Energie. Bücher nähren sie ungemein. Perner spricht davon, dass wir heute durch die digitalen Medien „entpersonalisiert“ werden. Das ist die Gefahr. Medien und digitale Verknüpfungen geben uns den „Anschein“, dass wir nicht alleine sind. Aber es fließt keine Energie für die Seele – im digitalen Raum. Mein jahrelang locker ausgesprochener Satz: „Digital ist kalt. Verkühlungsgefahr.“ – ist auf einmal berechtigt da. Perner spricht auch davon, dass wir heute zu viel auf Paarbeziehungen fokussiert sind. Da bleibt viel Leben daneben liegen. Siehe Bibliothek. Schon als Kinder wird uns ausgetrieben, alleine sein zu können. Es ist ein Segen, wenn ein/e Zweijährige/r alleine spielen kann, verrückte Dinge macht, dabei schmutzig wird, einfach kreativ sein darf. Eltern machen heute zwei Fehler: Sie halten die Kinder ab („Da wirst du nur schmutzig“) oder sie bewerten. „Kreativität braucht das Alleinsein, die Ungestörtheit, im Flow bleiben dürfen.“ Sie spricht in diesem Zusammenhang von der Einsamkeit der Genies. Ein Art Schlusssatz bei der Präsentation war für mich: „Es geht um den Energiefluss und Achtsamkeit braucht Zeit.“

Der betende Mensch

Im Gespräch wurden noch einige Aspekte ergänzt. „Warum sind betende Menschen gesünder?“ Perner: „Weil sie bewusst aussteigen und Energie aus einer ganz anderen Welt nehmen (können).“ Wenn dieser Energiefluss fließt, dann besteht am wenigsten die Gelegenheit, dass sich das Gefühl der Einsamkeit breit macht. Der beste Mitstreiter für das Gefühl der Einsamkeit ist die „Opfer-Rolle“. Wer das Gefühl der Einsamkeit spürt, sollte in die Gestalter-Rolle wechseln: Was kann ich tun, ändern, gestalten? „Wie kann ich das Gefühl verändern?“ Das ist ein Lernvorgang. Diese Gefühle kann ich lernen. Außerdem empfiehlt sie etwas Ähnliches wie ich mit #ganzOhr erlebe. Wer neugierig ist und auf Menschen zugeht, wird sehr spannende Dinge erleben. Warum? „Jeder Mensch ist eine gefährliche Gelegenheit oder eine gelegentliche Gefährdung.“ Das Leben bleibt spannend. Denn der Satz gilt für betende Menschen auch für Gott. Das Buch ist auch eine Gelegenheit, gut alleine sein zu können.

 

 

Tiere und Menschen greifen in dieselbe emotionale Werkzeugkiste

bio1„Gefühle sind nicht dem Menschen vorbehalten. Tiere haben Sorgen und Freuden.“ Jaak Panksepp steht auf der Bühne und referiert beim 1. Bilogicum Almtal über die Gefühlswelt bei Tieren und Menschen. Ich höre intensiv zu und nehme mir von dem international renommierten Psychologen mit, „dass animal mind gute Auskunft gibt über den Menschen selber.“ Gefühle sind im Stammhirn angesiedelt und diese Hirnbereiche sind bei Mensch und Tier als dieselbe Basis vorhanden. „Tiere und Menschen haben dieselbe emotionale Basis. Mensch und Tier teilen dasselbe emotionale System.“ Panksepp erzählt (auf englisch) von verschiedensten Versuchen, Beobachtungen und Messungen, die das belegen. Er wiederlegt auch die seit Rene Descartes aufkommenden Thesen und Arbeitshaltungen, dass Gefühle entweder irrelevant, im Großhirn angesiedelt sind oder dass man dazu nichts sagen kann. Mit eindrucksvoller Einfachheit und Klarheit lässt der Psychologe keinen Zweifel daran, dass Mensch und Tier auf derselben emotionalen Basis aufbauen. „Das erklärt auch, dass ein Hund ein Kind ersetzen kann.“ Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf darüber, wie heute der Mensch durch (Haus)Tiere seine emotionale Balance finden will.

Cogito-Zentrismus und emotionale Werkzeugkiste

bio2Der österreichische Biologe, Verhaltensforscher und Autor Kurt Kotrschal, Wissenschafter des Jahres 2010 legt in die Spannung Verstand und Gefühle noch ein paar „Schäuferl“ nach. Tiere, Natur und Cortex sind zugunsten eines „Cogito-Zentrismus“ zurückgedrängt worden. Tiere wurden als Reiz-Reaktionsmaschinen gesehen, „dabei teilen Tier und Mensch dieselben biopsychologisch-sozialen Tools.“ Beide greifen in dieselbe „emotionale Werkzeugkiste“. Nicht nur das. Raben wissen über ihr Wissen. Hund und Mensch begegnen einander emotional systemisch. Dann betont der Wissenschafter, dass eine ausbalancierte Emotionalität aus den Beziehungen kommt und aus der guten Einbettung in ein soziales Netz. Emotionalität und soziales Netz sind eng verbunden.

Verstehen bei den Graugänsen

bio3„Stressfreie Atmosphäre lässt das Gehirn am besten arbeiten.“ Meine Gedanken gehen in das heutige Bildungssystem und in die Arbeitswelt. Stressfrei? Gute offene stabile Beziehungen? Rituale, die tragen? Wir fahren am Nachmittag hinaus zu den Graugänsen in die Konrad Lorenz Forschungsstelle. Ich genieße diesen ruhigen Platz an der Alm. Keine Tiere da. Die Gänse werden – so sie wollen – später kommen. Auch dort unter den vielen Beobachtungen eine herausgenommen: Der größte Energieverbrauch der Gänse – gemessen am Herzschlag – entsteht dort, wo ungeklärte soziale Verhältnisse bestehen. So habe ich es verstanden. Und verstanden habe ich auch, dass das soziale Leben der Gänse ganz ähnlich „tickt“ wie bei Menschen. Josef Hemetsberger müsste sofort nach Rom zur jetzt laufenden Synode zu Ehe und Familie beordert werden. bio4Wenn er dort von den Gänsen und ihren „Anlagen, Beziehungs- und Familienformen“ erzählen würde, dann wäre vielleicht eine weitere Basis gelegt, die uns alle biologisch – nicht ideologisch – verbindet. Dieser eine Tag beim Biologicum Almtal war absolut interessant und als Nicht-Biologe nehme ich mit: Es ist alles in Beziehung und es geht immer um Beziehung, um eine soziales Netz. Als ChristInnen (und alle Menschen) haben wir den Auftrag, diese Beziehungen zu pflegen, mit Energie und Respekt auf Augenhöhe zu gestalten, Verhärtungen und Lieblosigkeit auszutreiben. Dazu braucht es den Willen, die biologische Basis zu akzeptieren. Basics, die noch nicht überall Basics sind. So können wir – Menschen, Tiere, Schöpfung – emotional genährt leben. So bin ich schon gespannt, wenn es nächstes Jahr im Almtal zur selben Zeit um das „Denken und die Biologie des Verstandes“ gehen wird.

Biologicum Almtal