Die Balance finden hin zum guten Leben

vmww_wesentlichEs waren wunderbare Stunden, die ich mit den Begegnungen zum Thema „viel mehr wesentlich weniger“ verbracht habe. Ein Freund fragt mich immer wieder: „Wie heißt das Thema ganz genau?“ Es ist ihm zu vage. Zu wenig am Punkt. Für ihn müsste die Aussage „knallen“. So ist allerdings das Leben nicht. Das Leben ist feinfühliger, gibt Raum, sucht Raum, ja Freiraum, um in die Balance und die Tiefe zu kommen. Jesus hat zu seinen Freunden gesagt, die auch alles „am Punkt“ haben wollten: Komm und sieh! Ja, das lade ich auch ein: Kommt und seht.

Hier sind alle  6 Gespräche in der Kurz- und Langversion zusammengefasst.
Wenn jemand Feedback geben möchte, dann herzlich willkommen.

Kein Wort für Armut und Entwicklung

4_vkDer Friedhofgang liegt hinter mir. Eine tiefe Traurigkeit und Schwere wurde durch die Liturgie und mit den Musikstücken über den wunderschönen sonnenbeschienenen Waldfriedhof gelegt. Ich denke an New Orleans, wo an diesem Tag Fröhlichkeit am Friedhof herrschte. Diese Menschen hier sind angekommen – auch mein Vater und meine Großeltern – und wir dürfen uns aus unserem Glauben heraus darüber freuen. Die ganze Verwandtschaft kommt, sich um das Grab zu versammeln. Mein Neffe Stefan hat heute seine Welthaus-Gäste aus Bolivien Iván Fernando Lahor und Juan Manuel Laura mitgenommen. Sie stehen am Grab mit dabei als gehörten sie schon immer zu unserer Familie. Nachher treffen wir uns in unserem kleinen Haus zum jährlichen Verwandtschaftstreffen unter dem Motto: Ist die Hütte noch so klein, passen doch wieder alle rein. 25 Personen heuer und die beiden Gäste aus Bolivien. Beim LALA-Konzert in Steyr sind wir einander erstmals begegnet. Es ist uns eine Ehre, sie unter unserem Dach zu haben. Auch sie sagen: Bei uns in Bolivien wird zu Allerheiligen am Friedhof getanzt.

Spezialisten des „guten Lebens“

2_stSprachlich erleben wir unsere Begrenzungen. Einzig spanisch. Aber Kathi und Michaela sind dessen mächtig und so können wir uns gut austauschen. Es dauert ohnehin nicht wirklich lange und dann tun wir das, was alle Menschen verbindet: singen. Unsere Gäste sind Gäste von Welthaus hier in Österreich. In ihrer Partnerschule in Haag erzählten sie von ihrem „guten Leben“ in Bolivien. Was mich am meisten beeindruckt hat: In ihrer Gegend in Bolivien kennen sie im Sprachschatz die Wörter „Armut“ und „Entwicklung“ nicht. Es ist dort undenkbar, dass Menschen, die für uns hier „herausfallen“, dort nicht von der vernetzten gemeinschaftlichen Struktur mitgetragen werden. Dort ist niemand arm, weil jeder und jede an den Möglichkeiten teilhaben kann, die alle vorfinden. Unser Gesellschaftssystem kennt diese „intrinsische Kraft des Zusammenhaltes“ nicht mehr. Der „Markt“ hat diese Art der Verbindung unter uns zu einer Geschäftsbeziehung gemacht. Versicherungen, Hilfseinrichtungen usw sind die organisierte Folge. Beide Gäste singen, summen mit und haben ein Lächeln in ihrem Gesicht. Der Schuldirektor und Musiklehrer für 700 Kinder und Jugendliche von 5-18 sitzen bei uns. Das Wort „Entwicklung“ fehlt ihnen auch. 3_stSie sehen alles im Wachsen und im Vergehen. Was wir Nullwachstum nennen, ist dort in Bolivien die nachhaltigste Form zu leben. Mir kommt der Titel der Freitagzeitung in den Sinn: „Wirtschaft steht still“. Gemeint ist, sie wächst nicht. Aber sie steht doch nicht still. Hallo. Wo ist das Wording mit uns hingekommen? Die indigenen Völker in Bolivien können für uns die Lehrmeisterinnen sein im „Balance finden“ von „viel mehr wesentlich weniger“. Acht kleine Kinder treiben sich spielend durch das Haus und ich denke mir: Schön, dass sie diesen bolivianischen Geist „mitatmen“. Und wieder stimmt die Erfahrung zu 100%: Fremde sind Freunde, die ich noch nicht kennengelernt habe.

Wir müssen aufhören mit dem verdammten Legalismus

IMG_4295Der Saal ist prall gefüllt. Im Vorraum ist der Tisch mit dem Buch von Bischof Dom Erwin Kräutler aufgestellt. „Mein Leben für Amazonien„. 34 Jahre Bischof mit und bei den indigenen Menschen am Amazonas. Dom Erwin wird nach dem Vortrag und der Diskussion von den Leuten umringt. In der Diskussion fällt es ihm schwer, zwischen Du und Sie zu unterscheiden. Und das in Wien, wo Titel und Funktionen lebensnotwendig sind, damit der Turm der Bedeutung ja nicht zu klein ausfällt. Dem Menschen, Christen und Bischof ist das nicht wichtig. Beziehung auf Augenhöhe und „Hinhören“  oder #ganzOhr sind für ihn charakteristisch. Ein heilender Mensch. Er macht den Raum auf. Atmen, freies Atmen liegt in der Luft.

Legalismus oder Barmherzigkeit

Gefragt wurde er vieles. Mich hat beeindruckt, wie er seine Begegnung (andere nennen es Privataudienz) mit Papst Franziskus schildert. Bischof Kräutler erzählt, dass der Papst die Bischöfe ermutigt, ihre Situation direkt anzusprechen, konkrete Vorschläge zu machen für die Lösung von Problemstellungen. „Habt Mut und redet.“ Das Ergebnis der Synode hält Kräutler dahingehend für irreversibel, „weil Transparenz eingezogen ist“. Abstimmungsverhältnisse wurden veröffentlicht. Diskussionen sind nachvollziehbar. Der verdeckte und zudeckende Legalismus hat sein Ende gefunden. „Wir müssen aufhören mit dem verdammten Legalismus.“Es geht um Aufrichten und Barmherzigkeit. „Das ist das Herzensanliegen diese Papstes. Die offene Diskussion über die Zukunft.“ Und: „Die Bischöfe sollen mutig und verwegen sein. Das gilt auch für die österreichischen Bischöfe.“ Ganz ehrlich: Sie sind noch mit der Zumutung beschäftigt. Und ich denke parallel mit: für die Ordensoberinnen und Ordensoberen genauso, die in der Spur der Erneuerung, der Gründungen, der Antwort auf die Not der Zeit stehen. Kräutler hat vom Papst gehört: „Sag den Bischöfen, sie sollen konrete Vorschläge machen.“ Der Papst ist mutig – mutiger als die Bischöfe. Wie sollen sie auch Mut fassen, wenn Mut in den letzten Jahrzehnten zu „Troubles“ (Zitat Bischof Aichern) geführt hat. Da braucht es noch einige Eucharistien, um Wandlung zu ermöglichen und zu bewirken.

Die These der beauftragten Priester/in

IMG_4287Apropos Eucharistie. Bemerkenswert finde ich, dass Papst Franziskus ganz klar den Eucharistie-Mangel in allen Kontinenten erkannt hat. Bischof Kräutler hat eine Diözese, die 4 Mal so groß ist wie Österreich und mit ihm wirken 16 Priester. 16. Da redet bei seiner Begegnung in Rom der Papst selber von einer „Idee“. Bischof Fritz Lobinger hat ihm, dem Papst den Floh ins Ohr gesetzt. Eine priesterlose Gemeinde ist ein eucharistielose Gemeinde. Bei Kräutler sind das 90% der Gemeinden. Jetzt die These, die der Papst selber ins Gespräch mit seinem Mitbruder Kräutler eingebracht hat. „Jede Gemeinde beauftragt drei älteste Frauen und Männer (das ist nicht das Alter gemeint), die am Sonntag der Eucharistie in dieser Gemeinde, wo sie eben dazugehören, vorstehen. Am Montag geht jede und jeder seinem Beruf nach.“ Beauftragte Leute-Priester und Priesterinnen. Nicht geweiht – beauftragt. Der Weg von Bischof Aichern in Linz. „Beauftragte SeelsorgerInnen“. Und ich denke an die vielen Beauftragungsfeiern. Der Weg der Weihe und der Weg der Beauftragung. Auf Augenhöhe. Ich werde etwas sentimental, weil das über Jahre meine die innere Triebfeder war, aber von „erzkonservativen Kreisen „zerstört“ wurde. Jetzt spricht der Papst von sich aus diese Vorgehensweise an. Das Vorzeichen in Rom hat sich 180° gedreht. Jetzt steht für mich das + vor der Gleichung. Kräutler endet bei diesem kirchlichen Kapitel mit dem Satz: „Um der Eucharistie willen wird es diesen „Priestertyp“ sehr bald geben.“ Hoffen wir es. Für Frauen und Männer. Um Gottes und der Gemeinden willen.

Das Wenige tun, dort wo ich bin

Gesellschaftlich taucht in der Diskussion immer wieder die Frage auf: Was kann ich heute hier und jetzt tun? Kräutler: „Das Wenige tun, dort wo ich bin.“ Was sagen sie zum Wirtschaftswachstum? In meinem Kopf taucht sofort die Gesprächsreihe „viel mehr wesentlich weniger“ auf. „Wachstum muss verantwortbar sein, gerade auch ökologisch. Wir sind für die nächsten Generationen verantwortlich. Wirtschaftswachstum geht aber heute über Leichen. Es geht nur mehr um statistische Größen. Aber: Jeder Mensch hat ein Gesicht.“ Kräutler ist für Wachstum im Bereich der Ernährung, der Gesundheit, des Wohnens oder der Bildung. Es muss das Buchhalterdenken von Einsatz und Erfolg aufhören. „Eine andere Welt ist möglich“ sollte viele erfassen. Es kommt auf jeden und jede an. Ermutigend in diese Richtung erwähnt er seinen jahrzehntelangen Einsatz in Amazonien: „Es gibt immer eine Spalte, wo der Fuß reingeht. Man soll nie die Hoffnung verlieren.“ Angesprochen auf das Klima lässt er keinen Zweifel: „Das Klima geht so nicht mehr lange. Es wurde alles abgeholzt. Die Folgen wie Stürme und Trockenheit spüren wir jetzt.“ Mir fallen die Lobbying-Unternehmen ein, die alle Klimaziele für unmöglich halten und der Voest-Generaldirektor Eder, der in den USA die Zukunft aufbaut: ohne Umweltauflagen. Es ist zum Schreien.

Wie man ein Interview geschmeidig macht

gruber_standard„Der Hashtag #Synod14 ist mit dem Schlussdokument zur Familien-Synode in Rom nochmals in Schwung gekommen. Da war Hoffnung in der Luft. Die Erwartungen wurden nicht erfüllt. Das ist auch kein Wunder, denn dieser Papst Franziskus muss sich mit jenen Bischöfen arrangieren, die unter Benedikt XVI und seinem Vorgänger ernannt wurden. Da war Angepasstheit und Untertänigkeit die oberste Maxime. Devoter Gehorsam war ritualisiert. Das (erz)konservative Denken hatte ganz oben in der Hierarchie Platz genommen. Die Welt wurde als Gegnerin abgestempelt und als Feindbild die „böse Säkularisierung“ hoch gehalten. In jedem Fall war es eine Einweg-Kommunikation von oben nach unten. Kein offenes Wort aus einem Bischofsmund kam offen und transparent in Rom an. Dialog wurde „unten mit unten“ ausgerufen, zelebriert und inszeniert. Immer wieder, damit die Hoffnung nicht erlischt. „Gewisse Seilschaften“ in Rom hielten eine dichte Membran um die römische Elite. Dorthin kamen nur Meldungen über „Abtrünige“, die via Spitzelwesen und Internet gejagt wurden. Es ging um Machterhalt und Doktrin. Da wird selbst der neue Papst Franziskus gefährlich, wie heute Kardinal Schönborn einfach zugibt: Massive Angriffswelle gegen Papst.

Enttäuschung und geschmeidig machen

Heute früh ist mir ein Brief an die Bischöfe von Erik Flügge aus Köln über das Netz auf meinen Laptop gespült worden. „Ihr habt mit Christus nichts zu tun.“ Hart. Emotional. Schwerste Enttäuschung in und zwischen den Zeilen. Der Titel verrät es. Aus meiner Sicht lesens- und bedenkenswert. Dann kam ein von vielen empfohlener Artikel aus der Süddeutschen daher: „Verwirrender Lichtstrahl„. „Die Bischöfe hat bei ihrer Familiensynode in Rom der Mut verlassen, Geschiedenen und Homosexuellen ein Signal des Aufbruchs zu senden. Viele sind nun enttäuscht. Die katholische Kirche wird grundsätzlich über ihre Ehe-, Familien- und Sexuallehre streiten müssen.“ Das wird zu wenig sein. Es müssen Taten kommen und klare Botschaften. Wenn es die Hierarchen nicht schaffen, dann müssen wir unten es tun. Die Dissonanzen werden lauter werden. Es ist nämlich nicht so, dass wir noch länger warten können. Jesus und das Volk sind schon weit voraus. Jesus geht, der Papst geht, das Volk geht. Nur die römische Elite sitzt. Der neue Rektor der KTU Linz Franz Gruber hat im heutigen Standard auch ein Interview gegeben. Klug. Klar. Von der Stimmung her die Erwartungen bremsend. „Man darf nicht vergessen: Fast 40 Jahre war keine Diskussion etwa zum Thema Familie möglich.“ Siehe oben.

Rom und das Dienstleistungsdenken

Die Kathpress hat in der Meldung („Lieber gut als schnell“) den bremsenden Anteil im Interview hervorgehoben und auf „geschmeidiger“ gesetzt. Das ist in Wien so. Da wird erst im letzten Absatz, zu dem 80 % nicht mehr kommen, die „Ungeduld“ des Linzer Theologen angesprochen, wenn es heißt: „Zugleich hielt der Dogmatikprofessor fest: Die Zeit sei „überreif“ für Reformen, die dann 2015 erfolgen müssten. „Das ist eine der letzten Chancen der Kirche in dieser modernen Zeit, sich hinein- und nicht mehr über die Menschen zu stellen.“ Sie müsse den Mut haben, auf die veränderte Welt aktiv zuzugehen „und nicht nur zuzuschauen, zu jammern und dabei depressiv zu werden“. Überholt sei auch der kirchliche Zentralismus im Sinne eines „Roma locuta, causa finita“. Rom müsse vielmehr eine „Dienstleistungsstelle für die Ortskirchen“ werden, sagte Gruber.“ Das ist die eigentliche Überschrift: Rom und das Bewusstsein des Dienstleisters für die Ortskirchen. #Synod16, wenn #Synod15 fertig ist. Dieser Papst hat einen Haufen Arbeit vor sich.

 

Allein sein und Der einsame Mensch

perner1Alle Stühle in der Buchhandlung in der Mariahilferstraße sind besetzt. Ich nehme mir Zeit, bei der Buchpräsentation mit Rotraud Perner dabei zu sein. „Der einsame Mensch“ steht auf dem blauen Umschlag. Sie war Gesprächspartnerin bei unserer Video-Reihe „viel mehr wesentlich weniger“. Dort hat sie von ihrem neuen Buch schon gesprochen. Und davon: Die ehelose Lebensform ist psychologisch betrachtet gut – ja sogar einfach – zu leben. Das können sich allerdings heute viele nicht vorstellen. Das monastische Leben hat sie in der Präsentation nicht angesprochen. Aber wir reden nachher kurz darüber.

Allein sein und das Gefühl der Einsamkeit

perner2„Alleine sein ist nicht das gleiche wie Einsamkeit, das Gefühl von Einsamkeit. Wir sind eigentlich nie alleine, weil wir immer umgeben sind. Wir bauen aber Barrieren auf und so entsteht das Gefühl der Einsamkeit, weil keine Energie mit und aus der Umgebung fließen kann. Wir brauchen immer einen Energieaustausch.“ In ihrer Buchvorstellung spricht sie ausführlich von den lebendigen Brücken zu den mich umgebenden Menschen, Tieren und Gegenständen. Und sie gesteht: „Ich schlafe mit meiner Geliebten, der Bibliothek.“ Da fließt Energie. Bücher nähren sie ungemein. Perner spricht davon, dass wir heute durch die digitalen Medien „entpersonalisiert“ werden. Das ist die Gefahr. Medien und digitale Verknüpfungen geben uns den „Anschein“, dass wir nicht alleine sind. Aber es fließt keine Energie für die Seele – im digitalen Raum. Mein jahrelang locker ausgesprochener Satz: „Digital ist kalt. Verkühlungsgefahr.“ – ist auf einmal berechtigt da. Perner spricht auch davon, dass wir heute zu viel auf Paarbeziehungen fokussiert sind. Da bleibt viel Leben daneben liegen. Siehe Bibliothek. Schon als Kinder wird uns ausgetrieben, alleine sein zu können. Es ist ein Segen, wenn ein/e Zweijährige/r alleine spielen kann, verrückte Dinge macht, dabei schmutzig wird, einfach kreativ sein darf. Eltern machen heute zwei Fehler: Sie halten die Kinder ab („Da wirst du nur schmutzig“) oder sie bewerten. „Kreativität braucht das Alleinsein, die Ungestörtheit, im Flow bleiben dürfen.“ Sie spricht in diesem Zusammenhang von der Einsamkeit der Genies. Ein Art Schlusssatz bei der Präsentation war für mich: „Es geht um den Energiefluss und Achtsamkeit braucht Zeit.“

Der betende Mensch

Im Gespräch wurden noch einige Aspekte ergänzt. „Warum sind betende Menschen gesünder?“ Perner: „Weil sie bewusst aussteigen und Energie aus einer ganz anderen Welt nehmen (können).“ Wenn dieser Energiefluss fließt, dann besteht am wenigsten die Gelegenheit, dass sich das Gefühl der Einsamkeit breit macht. Der beste Mitstreiter für das Gefühl der Einsamkeit ist die „Opfer-Rolle“. Wer das Gefühl der Einsamkeit spürt, sollte in die Gestalter-Rolle wechseln: Was kann ich tun, ändern, gestalten? „Wie kann ich das Gefühl verändern?“ Das ist ein Lernvorgang. Diese Gefühle kann ich lernen. Außerdem empfiehlt sie etwas Ähnliches wie ich mit #ganzOhr erlebe. Wer neugierig ist und auf Menschen zugeht, wird sehr spannende Dinge erleben. Warum? „Jeder Mensch ist eine gefährliche Gelegenheit oder eine gelegentliche Gefährdung.“ Das Leben bleibt spannend. Denn der Satz gilt für betende Menschen auch für Gott. Das Buch ist auch eine Gelegenheit, gut alleine sein zu können.

 

 

Tiere und Menschen greifen in dieselbe emotionale Werkzeugkiste

bio1„Gefühle sind nicht dem Menschen vorbehalten. Tiere haben Sorgen und Freuden.“ Jaak Panksepp steht auf der Bühne und referiert beim 1. Bilogicum Almtal über die Gefühlswelt bei Tieren und Menschen. Ich höre intensiv zu und nehme mir von dem international renommierten Psychologen mit, „dass animal mind gute Auskunft gibt über den Menschen selber.“ Gefühle sind im Stammhirn angesiedelt und diese Hirnbereiche sind bei Mensch und Tier als dieselbe Basis vorhanden. „Tiere und Menschen haben dieselbe emotionale Basis. Mensch und Tier teilen dasselbe emotionale System.“ Panksepp erzählt (auf englisch) von verschiedensten Versuchen, Beobachtungen und Messungen, die das belegen. Er wiederlegt auch die seit Rene Descartes aufkommenden Thesen und Arbeitshaltungen, dass Gefühle entweder irrelevant, im Großhirn angesiedelt sind oder dass man dazu nichts sagen kann. Mit eindrucksvoller Einfachheit und Klarheit lässt der Psychologe keinen Zweifel daran, dass Mensch und Tier auf derselben emotionalen Basis aufbauen. „Das erklärt auch, dass ein Hund ein Kind ersetzen kann.“ Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf darüber, wie heute der Mensch durch (Haus)Tiere seine emotionale Balance finden will.

Cogito-Zentrismus und emotionale Werkzeugkiste

bio2Der österreichische Biologe, Verhaltensforscher und Autor Kurt Kotrschal, Wissenschafter des Jahres 2010 legt in die Spannung Verstand und Gefühle noch ein paar „Schäuferl“ nach. Tiere, Natur und Cortex sind zugunsten eines „Cogito-Zentrismus“ zurückgedrängt worden. Tiere wurden als Reiz-Reaktionsmaschinen gesehen, „dabei teilen Tier und Mensch dieselben biopsychologisch-sozialen Tools.“ Beide greifen in dieselbe „emotionale Werkzeugkiste“. Nicht nur das. Raben wissen über ihr Wissen. Hund und Mensch begegnen einander emotional systemisch. Dann betont der Wissenschafter, dass eine ausbalancierte Emotionalität aus den Beziehungen kommt und aus der guten Einbettung in ein soziales Netz. Emotionalität und soziales Netz sind eng verbunden.

Verstehen bei den Graugänsen

bio3„Stressfreie Atmosphäre lässt das Gehirn am besten arbeiten.“ Meine Gedanken gehen in das heutige Bildungssystem und in die Arbeitswelt. Stressfrei? Gute offene stabile Beziehungen? Rituale, die tragen? Wir fahren am Nachmittag hinaus zu den Graugänsen in die Konrad Lorenz Forschungsstelle. Ich genieße diesen ruhigen Platz an der Alm. Keine Tiere da. Die Gänse werden – so sie wollen – später kommen. Auch dort unter den vielen Beobachtungen eine herausgenommen: Der größte Energieverbrauch der Gänse – gemessen am Herzschlag – entsteht dort, wo ungeklärte soziale Verhältnisse bestehen. So habe ich es verstanden. Und verstanden habe ich auch, dass das soziale Leben der Gänse ganz ähnlich „tickt“ wie bei Menschen. Josef Hemetsberger müsste sofort nach Rom zur jetzt laufenden Synode zu Ehe und Familie beordert werden. bio4Wenn er dort von den Gänsen und ihren „Anlagen, Beziehungs- und Familienformen“ erzählen würde, dann wäre vielleicht eine weitere Basis gelegt, die uns alle biologisch – nicht ideologisch – verbindet. Dieser eine Tag beim Biologicum Almtal war absolut interessant und als Nicht-Biologe nehme ich mit: Es ist alles in Beziehung und es geht immer um Beziehung, um eine soziales Netz. Als ChristInnen (und alle Menschen) haben wir den Auftrag, diese Beziehungen zu pflegen, mit Energie und Respekt auf Augenhöhe zu gestalten, Verhärtungen und Lieblosigkeit auszutreiben. Dazu braucht es den Willen, die biologische Basis zu akzeptieren. Basics, die noch nicht überall Basics sind. So können wir – Menschen, Tiere, Schöpfung – emotional genährt leben. So bin ich schon gespannt, wenn es nächstes Jahr im Almtal zur selben Zeit um das „Denken und die Biologie des Verstandes“ gehen wird.

Biologicum Almtal

 

 

Das Navi im Hirn und im Herzen

kal2„Navi-Zellen im Gehirn entdeckt: So funktioniert das GPS-System im Kopf.“ So titeln unisono fast alle Medien in diesem Tagen zur Verleihung des Medizin-Nobelpreises an das norwegische Ehepaar May-Britt und Edvard Moser sowie John O’Keefe aus Großbritannien. Sie haben die grundlegenden Strukturen unseres Orientierungssinns im Gehirn entdeckt. Jetzt wissen wir die Antworten auf so wesentliche Fragen wie: Wieso finden wir jeden Tag den Weg ins Büro? Warum können wir uns sogar in einer fremden Stadt orientieren? Wie finden wir den Weg beim Pilgern auch ohne viel Markierung? Eben: Weil in unserem Hirn eine Art Navi existiert. Noch. Ich habe das in vielen Gesprächen und hier auf meinem Blog thematisiert, dass das äußere Navi im Auto oder in der Hand genau das innere Navi im Gehirn „vernichtet“. Die Technik ersetzt also die Navi-Zellen im Gehirn. Die Orientierung ist dahin. Ich ermutige direkt „missionarisch“, immer öfter und immer mehr auf diese technischen Geräte zu verzichten. wir brauchen sie nicht immer. Gestern bin ich mit einem Taxilenker in Salzburg in die Friedensstraße gefahren. Er hat – angesprochen auf das Navi – gemeint: Das liegt hier drinnen im Handschuhfach. Sein Finger zeigt auf den Kopf: Hier ist mein Navi. Er kommt aus Afrika und fährt seit drei Jahren Taxi. Er hat es verstanden. Er kennt seine Navi-Zellen und hält sie fit.

Wird nach dem Navi im Herzen auch gesucht?

kal1Was ist aber mit der Lebensorientierung? Wie geht das mit allgemeinen Entscheidungen im Leben? Mir kommt manchmal vor, dass hier auch auf „äußere Navigation“ gesetzt wird. Da gibt es Tests, ob ich „zusammenpasse“ mit dem Partner, der Partnerin. Ob etwas gut oder schlecht ist, entscheidet die Anzahl der „Klicks“ auf Youtube. Der Job muss toll sein, wenn so viel Geld dabei herausspringt. Da gäbe es eine ganze Liste anzuführen, worauf sich Menschen heute verlassen, wenn sie entscheiden. Ich durfte dieser Tage einen Nachmittag lang mit Gerlinde Kaltenbrunner über „Mehr die eigene Berufung leben“ sprechen. Sr. Anna und Br. Rudolf waren ebenfalls Gesprächspartner. Was mich sehr berührt hat, war der unglaubliche „Zug“ der Bergsteigerin in die Stille, in die Tiefe, hin zum Selbst, zur Intuition, zum Bauchgefühl. „Ganz tief in sich hineinspüren und der Intuition folgen.“ Das Bauchgefühl und die Intuition sind sozusagen der Herzens-Kompass, das Herzens-Navi für die Orientierung im Leben. Ich höre Gerlinde heute noch sagen: „Das Um und Auf ist, dass man ganz tief in sich hineingeht und spürt, was möchte ich, was ist für mich das Richtige. Es braucht Zeit, um Stille einkehren zu lassen und alles auszuschalten, was mich daran hindert, meine Intuition zu hören. Ich gehe immer voll in die Stille, wenn Entscheidungen anstehen.“ Alles ausschalten, was mich hindert, die Intuition zu hören, zu spüren. Irgendwie fände ich es lustig, wenn diese Intuition, dieses Bauchgefühl auch einmal „entdeckt“ und dafür der Nobelpreis vergeben würde.

 

Die Ja-Sager sind die Totengräber

wolf120. Stock. Eine tolle Sicht auf Wien. Die Abendsonne wärmt den Raum. Wirtschafts- und speziell Bankleute hören den obersten Benediktiner Abtprimas Notger Wolf. Die Benedikt-Regel in der Wirtschaft. Ich selber bin gespannt, wie direkt er Ordensmann die Dinge beim Namen nennt. Ich entscheide mich zu twittern. 144 Zeichen sind nicht viel und doch höre ich ein paar Aussagen, die in diesem Raum vielleicht nicht so oft fallen.

Veränderung noch nicht wirklich wahrgenommen

„Haben Veränderung noch nicht wirklich wahrgenommen“, tippe ich ein. Wolf spricht von der digitalen Welt und erzählt von Menschen, die nur mehr ins  Navi schauen und keinen Überblick mehr haben. Der Hirnforscher Prof. Singer hat uns das eindringlich erklärt, dass bei Navi-Nutzern der Orientierungssinn gelöscht wird. Das scheint mir in der Wirtschaft heute auch der Fall zu sein. Der dauernde Blick in die „Excel-Listen“ löscht den Überblick, den Gesamtzusammenhang, die Welt davor und dahinter und danach. Es geht nur mehr um Zahlen, um Gewinn. Deshalb spricht Wolf von einer sinnvollen Tätigkeit, die jeder Mönch (und er meint hier jeden Menschen) braucht. Und Sinn macht es, wenn meine Tätigkeit in einem gut sichtbaren und erlebbaren Ganzen eingebunden ist. Genau davon wird der Mensch heute durch die digitalen Möglichkeiten abgeschnitten.

Ja-Sager

wolf2„Die Ja-Sager sind die Totengräber. Es braucht Atmosphäre der Kommunikation, Transparenz und keine Manipulation. #Führung #Offenheit“. Das ist mein Tweet. Es fallen mir zwei Sätze ein, die ich in letzter Zeit immer wieder höre: „Wer in der Erbsensuppe schwimmt, glaubt, die Welt ist grün.“ Und noch viel anschaulicher ist diese Wahrnehmung. Die englische Königin glaubt, dass England frisch gestrichen ist. Wenn sie kommt, riecht immer alles frisch gestrichen. Die Eliten heute leiden unter der eingeschränkten Wahrnehmung. Die Membran zum Volk hin ist der Distanzhalter. Die Bischöfe glauben ja auch, dass die Kirchen voll sind. Immer, wenn sie da sind, sind sie voll. Wolf schildert sehr eindringlich, dass es für einen Abt wichtig ist, den Kritikern und vor allem den Jungen genau zuzuhören. Und meine Tweets schauen so aus: „Querdenkern Platz geben. #Führung .@ordensgem_at Oft gibt Gott den Jüngeren die guten Ideen. Neue Denke anhören.“ Dann redet Wolf in Richtung der Führungskräfte im Raum: „#Führung muss der erste Störenfried einer Organisation sein gegen den Stillstand.“ Ich gehe als Nachlese zum Klavierkonzert von Sr. Joanna mit Texten von Willi Bruners in das Quo Vadis. Dort höre ich einen Text über die „Liturgie der freien Rede“und von der „Demut der Fragen gegen die Sicherheit der Behauptung“.