Rand ist Mitte

Das Weihnachtsfest klopft schon fest an. Auf Facebook posten immer mehr Leute ihre Wartezeiten an den Kassen. Die Weihnachtspost schwemmt Gedichte, Wünsche und Lebensweisen herein. Mehr oder weniger persönlich. Mehr oder weniger gut gemacht oder gut gemeint. Selten beides. In fast jedem Fall hochwertig im Material. Und dann die handschriftlichen Zeilen. Ja, ein Mensch mit Handschrift. Selten, aber ich genieße es und mache es selber auch. Füllfeder und „Schönschreibe“ eingestellt, damit es leserlich bleibt. Weihnachten klopft unüberhörbar an.

Ihr da macht das

Die Weihnachtsbäume auf der Freyung werden schon weniger. Die Innenministerin muss noch ausholen gegen die Kirche und ein mediales Klischee-Feindbild vor die Krippe setzen. Macht Platz. Sie weiß nicht, nein, sie will es nicht hören, dass Orden schon viel machen. Sie tun es nicht entlang von medialen Kampagnen. Dort 10 Personen, da 150 in Mödling, im Shalom-Kloster Pupping ziehen 12 Flüchtlinge ein. Und so geht es weiter. Eher still und leise. Dort wollen sie helfen wie die Kreuzschwestern und dann sagt die Politik und Bevölkerung: Nein. Die Politik sitzt in der Mitte und befiehlt, was am Rand zu geschehen hat. Wir dirigieren und ihr da hinten macht das. Inszenierter Schlagabtausch am Rücken derer, die uns brauchen.

Neuem Platz geben

Und dann heute der Papst. Er liest den Kurien-Kardinälen die Leviten. Der Teaser der FAZ liest sich so: „Papst Franziskus hat seiner Kurie eine Mischung aus Gier, Machtstreben und Reform-Unfähigkeit vorgeworfen. Einige in der Kurie benähmen sich, als ob sie „unsterblich, unantastbar und unverzichtbar“ seien.“ Und weiter: Intrigen und Karrierestreben hätten die Kurie mit „geistlichem Alzheimer“ infiziert. Sie müsse sich ändern: „Eine Kurie, die sich nicht selbst hinterfragt, die sich nicht modernisiert, die sich nicht bessert, ist krank.“ Das sagt nicht irgendwer. Das sagt der irdische Chef selber. Das ist Mut. Ganz persönlich. Hier die ganze Ansprache. Sie werden den Kopf schütteln und sagen: Wie lange lassen wir uns das gefallen? Und ich denke an die vielen geriatrischen Zirkel auch in unserer Kirche. Oder: Da will sich in Linz eine Jugendkirche entwickeln und der Pfarre, dem PGR schmeckt das gar nicht. Es wäre so einfach: Papst Franziskus hören und sich freuen über neues Leben.

Der Rand ist die Mitte

_IMG_4747Froh bin ich über einige Freundschaften, die mir die Spur zum Wesentlichen immer wieder finden helfen. Werner Pfeffer hat den Dankraum Rand eröffnet. Was sind das für nährende Gespräche mit ihm. Wie viel kann ich dabei für meine Arbeit mit den Orden mitnehmen. Der Rand wurde für die meisten Gründerinnen und Gründer der Orden zur Mitte. Sie haben jenseits der Komfortzone gelebt und Menschen aufgerichtet. Als Vagabund an der Westbahnstrecke begegnet mir immer wieder Rand. In mir selber, wenn ich die heimatliche Mitte verlasse und in Menschen, die in ihrem Unterwegs-Sein den Rand bewohnen (müssen). Ganz sichtbar ist der „soziale Rand“. Da mühen sich gerade zu Weihnachten viele Menschen und Organisationen ab. Persönlich bin ich überzeugt, dass die Einsamkeit viele Menschen an den Rand führt. Die Einsamkeit. Im Stall zu Bethlehem waren es die Hirten und die Könige, die genau diesen Rand da draußen als Mitte gesehen, erlebt und gemeinsam gestaltet haben. Das wird die Kunst sein: Dem Leben am Rand eine gemeinsame Mitte geben. Aber stopp: Gott selbst kam in den Rand und fand unter diesen Menschen seine Mitte, die Beziehung. Ich denke, der Papst ist inspiriert von diesem „Weihnachtsgeschehen“. Er macht ernst. Gesegnete Weihnacht allen.

Wie lange geht Kurz

Wer genau hinschaut, wird vielleicht wie ich die Frage spüren: Wie lange macht das der Sebastian Kurz? Der ORF hat dieser Tage einen Rückblick gemacht und Bundesminister Kurz – es sei hier erwähnt: 28 Jahre alt – zum Interview eingeladen. Er nimmt auf der Couch Platz. Aufrecht sitzend, nach NLP „genau richtig“. Er signalisiert Bereitschaft, Aufgerichtetheit, Tatkraft, Lebenskraft. Nichts an ihm „hängt“. Auch seine Worte und Antworten kommen gerichtet, auf Zukunft, auf Lösung. Als Zuschauer sage ich: Top.  Der stellt seinen Mann. Und ich denke: 28 Jahre. Wie lange wird er das so durchhalten. Stets bereit. Unter genauer Beobachtung. Seine fähigen MitarbeiterInnen: Bleiben sie bei ihm? Er ist im Flow – jetzt auch international. Der Rucksack – so scheint es zumindest – trägt sich fast von selbst. Die Kraft des positiven Denkens kommt rüber. Strahlt aus. Dranbleiben. Aura vergrößern. Aber: Wie lange geht das mit 28 Jahren? – auf der politischen Leiter.

Alles dient der Macht

Burgstaller_IMG_5307Eine alte Weisheit sagt: Wer die Karriereleiter hinaufgeht, muss sie auch wieder herunter steigen (können). Spätestens der Tod holt alle „runter“. Der Landeshauptmann von Oberösterreich Josef Pühringer hat sich für das Hinaufsteigen entschieden, obwohl die Leiter immer mehr wackelt. Siehe Spitäler. Siehe Budget. Die Landeshauptfrau Gabi Burgstaller ist von der Leiter heruntergestürzt (worden). Schon auf der Zugfahrt hin zum SN-Chefredakteur Manfred Perterer habe ich das berührende erste Interview mit Burgstaller gelesen. Es lohnt sich, bis zum Ende zu lesen. Sie schildert die Politik und sagt: „Auch ich bin gescheitert, diese System zu verändern.“ Sie wollte die Politik zumindest verändern.  Das System wehrt sich mit Macht, die verteilt oder besser konzentriert wird. Es geht nur um Macht. Sonst nichts. Alles dient der Machtvergrößerung oder dem Machterhalt. Alles.

Von der Landeshauptfrau zur Referentin

In der Video-Reihe „viel mehr wesentlich weniger“ hat Landeshauptmann-Stellvertreterin Astrid Rössler diese Veränderung auch angesprochen und gemeint: „Ja, behutsam verändern wir. Tempo heraus und es entsteht eine neue Qualität.“ Bei Kurz allerdings habe ich den Eindruck, dass er Gas gibt. Tempo und Radius erhöht, um aus dem Strudel der Politik, der Parteipolitik herauszukommen. Tempo und Standing. Professionelstes Medienmanagement. Zukunft gestalten. Jede Handlung ist ein Zeichen, fast in der Tragweite eines Sakramentes. Das macht ihn beliebt. Das hebt ihn noch höher hinaus. Mit 28 Jahren. Er ist Mann. Gabi Burgstaller wird gefragt: „Viele Politiker – vor allem Männer – würden sich gedemütigt fühlen?“ Sie antwortet: „Politiker müssen nach der Politik nicht nach oben fallen. Das habe ich nie verstanden. Ich erwarte mir für jeden Menschen Respekt. Und der soll nicht von der Hierarchie-Ebene abhängen.“ Sie ist Referentin bei der Arbeiterkammer Salzburg. Aber wie ist das mit Kurz? Wie lange geht Kurz? Und wie tut er als Mann, wenn die politische Karriereleiter zu Ende ist.

aufgewacht: Es braucht jede und jeden

Spruch_IMG_3938Auf die letzte Seite der ON (Ordens-Nachrichten) werde ich immer wieder angesprochen. Beobachtungen, Wahrnehmungen, überraschende Sichtweisen, Praktisches.Das sind meine Gedanken für die kommende Nummer, die gerade ihren Weg durch die Druckerei zur Post und Ende Dezember in die Postkästen sucht:

„Eine alte Legende besagt, dass Gott bei der Erschaffung der Welt von vier Engeln angesprochen wurde. Der Erste fragte: „Wie machst du das?“ Der Zweite: „Warum machst du es?“ Der Dritte: „Kann ich helfen?“ Der Vierte: „Was ist es wert?“ Der Erste war Wissenschaftler. Der zweite Philosoph. Der dritte Altruist. Der vierte Immobilienhändler. Ein fünfter Engel sah voller Staunen zu und klatschte aus reinem Entzücken Beifall. Das war der Mystiker, die Mystikerin. Ich habe diese Legende einem Freund erzählt. Aufgrund meiner „Nähe“ zu den Orden meinte er spontan: „Wahrscheinlich sind in einer Ordensgemeinschaft alle diese Engel dabei? Gerade die Vielfalt der Engel macht das himmlische Milieu aus.“ Ich bin ob dieser positiv gemeinten Zumutung etwas sprachlos. Mir fallen dann reihenweise konkrete Ordensfrauen und Ordensmänner ein, die einen der fünf Engel hauptsächlich darstellen. Aus meinen Team-Coachings weiß ich, dass nicht alle gleich sein sollen, sondern in der Vielfalt der Zugänge der Erfolg der Gemeinschaft liegt. Und manchmal denke ich mir: Vielleicht erscheinen einzelne Gemeinschaften nach außen als zu gleichförmig. Es ist nicht ein Engel, der Gott fragt. Im Himmel waren es zumindest fünf.“ Es kommt auf die Vielfalt an, auf die unterschiedlichen Betrachtungsweisen, um „das Ganze“ irgendwie zu erahnen. Enjoy diversity.

Der außen geleitete Charakter des Radarmenschen

3_PuppingIMG_5260Der Sonntag ist Unterbrechung. Wohltuend. In Wien wollen Kaufleute von diesem menschlichen Grundbedürfnis wieder einmal nichts wissen. Aufsperren. Tempo rein. Geldbörse raus. Konsum steigern. Weiterhecheln nach den wichtigen außen liegenden Produkten. Ja nicht unterbrechen, ja nicht bremsen. Oder gar nachdenken, durchatmen. Nicht nur individuell, sondern als Gemeinwesen, als ganzer gesellschaftlicher Körper. Der Sonntag ist für den Menschen da, nicht umgekehrt.

Tausende Spieglungen 

2_PuppingIMG_5260Der Sonntag hat bei mir auch ein ganz anderes mediales Verhalten. Ein große Hilfe ist mir dabei die Presse am Sonntag. Sie kommt als Zeitung. Jeden Sonntag. Danke dem Austräger oder Austrägerin an dieser Stelle. Ich sehe ihn oder sie nie, weil der Sonntag später anspringt als die anderen Tage. Heut auf der letzten Seite das Interview mit dem Soziologen Heinz Bude. Er schreibt, dass der Mensch heute (das Ich) sich aus tausenden Spiegelung von außen gewinnen muss. Da ist immer der Blick auf den anderen. Er verweist auf den amerikanischen Soziologen Riesmann, der vom „außen geleiteten Charakter“ spricht. Bude: „Man kann das auch den Radarmenschen nennen. Der steuert sein Leben von den Erwartungen und den Erwartungserwartungen der anderen her. Alle sind wahnsinnig empathisch begabt. Alle gucken: Welche Reaktionen folgen und wie kann ich notfalls gleich wieder weg.“ Das erinnert mich an David Bosshart bei unserem Ordenstag 2015 in Wien. Meine Zusammenfassung habe ich für die ON Ordensnachrichten getitelt: „Der Mensch und sein Gerät“. Wir haben gelernt und dieses Lernen nimmt kein Ende sondern den Turbo, von außen her zu leben. Werbung, Medien, Geräte, Fernsehen wollen uns das Leben „beibringen“, uns sagen, was gerade cool ist und was mein Leben gerade braucht. Wir haben gelernt, auf dieses „Außen“ zu reagieren. Und Advent? Wohin geht die Erwartung? Nach Außen?

In dir

1_PuppingIMG_5260Heute hatte ich die Gelegenheit, im Shalom-Kloster der Franziskaner in Pupping Gaudete zu feiern. Die Kirche war voll und nachher war die Klosterpforte offen. „Fritz ist in der Küche. Gehe einfach rein.“ So höre ich es von einem franziskanischen Mitbruder vor der Kirche, der sich angeregt mit den Menschen unterhält. Ich suche Br. Fritz. Sieben Frauen und Männer sitzen bei Kaffee und Brot am Tisch und unterhalten sich. „Komm, setz dich her.“ Auf ihrem Folder habe ich außen gelesen: „Komm und sieh“. Sehr kongruent. In diesem Kloster leben Brüder, Schwestern und Laien unter einem Dach. In der nächsten Woche werden noch Flüchtlinge dazukommen. Bruder Fritz: „Wir werden sehen, wie wir zurecht kommen. Unser Kloster ist offen. Auch andere Gäste haben sich für Weihnachten angesagt.“ Ich habe das Gefühl, dass hier eine andere Richtung gelebt wird: Von innen her. Ruhig. Gelassen. Getragen.

Humor von innen

Die Predigt heute war froh, freudig – eben gaudete. Der Mitbruder hat alle in der Kirche sich gegenseitig zulächeln lassen. „Probiert es einfach einmal.“ Und die Menschen haben mitgemacht. Es war kein Lachen, aber ein Lächeln. So werden innen drinnen im Menschen Schwingungen ausgelöst, die frei machen. gibmirIch höre in mir meinen zentralen Satz für meinen Advent 2014 aus dem Gebet des hl. Franziskus, das mir auf meinem Weg nach Assisi begegnet ist. Der letzte Satz des Gebetes lautet: „Gib mir Herr das Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen Auftrag erfülle, den du mir in Wahrheit gegeben.“ Also: Radar ausfahren nach innen und daraus den persönlichen Charakter, das persönliche Leben entwickeln lernen. Das vertreibt die Angst vor dem Außen. Das ermöglicht Humor. Bude meint über unsere Zeit im Interview: „Das einzige Mittel gegen die existentielle Angst ist das gemeinsame Lachen.“ Er schreibt aber weiter, dass wir nicht mehr lachen können: „Selbst das Lachen ist kontrollierte geworden. Wir leben in einer Welt des Lächelns, nicht des Lachens.“ David Bosshart auch mit dem Satz geschlossen: „Es braucht Humor.“ Befreiendes Lachen kommt von innen heraus. Der Spiegel liegt nämlich innen. Nicht außen.

Es ist gut warten in den Bus Stops in Krumbach im Bregenzer Wald

6_IMG_510612,50 EUR kosten die zwei Tageskarten für den „LandBus“ in den Bregenzer Wald.  „Krumbach“ sage ich dem Chauffeur und er kann es an unserer Neugierde ablesen, was uns in diese Gegend führt. Schon im Herbst wollten wir die 7 Bushaltestellen anschauen. Heute ist es soweit, nachdem sie sogar den PR-Staatspreis 2014 gewonnen haben. Sieben Bushaltestellen („Wartehüsli“) sind weltberühmt. Die Einheimischen kippen gerade von Ablehnung oder Verwunderung in Zustimmung und Begeisterung.

Ein Scherz?

1_IMG_5051„Ich war am Anfang ganz dagegen und bin heute direkt begeistert“, meint eine ältere Frau, der wir am Weg zu Fuß zwischen den Busstationen begegnen. Wir stehen sechs Personen zusammen, treffen zufällig aufeinander. Auf die Frage, wie das für die Einheimischen ist, bekomme ich unterschiedlichste Antworten. „Am Anfang habe ich das wie einen Scherz gesehen.“ „Ich fand das von Anfang an cool.“ „Gut wäre es, wenn die Besucher jetzt auch bei uns bleiben und Wertschöpfung bringen würden. Es kommen auch Busse und die fahren einfach weiter.“ Ich antworte: „Wir gehen zu Fuß die Runde, schauen uns alle Bus Stops an und dann essen wir hier.“  Wir werden „gelobt“. Wir erzählen, dass wir extra wegen der Bus Stops gekommen sind und dass wir es super finden, wenn so eine coole Idee umgesetzt wird.

Für eine Woche Aufenthalt

2_IMG_5055Als PR- und Medienmensch habe ich immer mit „Aufmerksamkeit“ zu tun. Als Theologe und Pilger weiß ich, dass bewegende und nährende Aufmerksamkeit intrinsisch angelegt ist. Also nicht im Außen. Deshalb ist die Idee mit den Bus Stops so faszinierend. „Was haben wir, was uns Aufmerksamkeit bringen kann?“, war angeblich die Frage der Initiativgruppe. „Wir haben sieben Bushaltestellen“, war die ernüchternde Antwort. Und dann wahrscheinlich der Geistesblitz: Und diese lassen wir von den berühmtesten Architkekten der Welt für eine Woche Aufenthalt gestalten. Gebaut aus Material vom Bregenzer Wald mit Firmen aus der Region.“  Und die Idee, die banalen Bushaltestellen in einen weltweiten Architekten-Kontext zu stellen, wurde Wirklichkeit. Die Website zu den Bus Stops schildert alle Details. Wir kommen mit dem LandBus und fahren sie ab. Zurück gehen wir zu Fuß. Bewegung in der Bregenzer Waldluft tut einfach gut.

Im Gespräch mit Krumbachern

3_IMG_5062Ich habe mir angewöhnt, weniger „ins Gerät zu schauen“ und mehr die Menschen am Weg zu  fragen, mit ihnen das Gespräch zu  suchen. Der Buschaufeur von Bregenz nach Krumbach City und die Chaufeurin im Anschlussbus sind sehr zuvorkommend. Bei beiden ist noch etwas Verwunderung da, „dass man wegen der Hütten extra kimmt“. Beiden  wurde aus meiner Wahrnehmung noch nie die „innere Idee“ erläutert. Aber: Der Idee der Bus Stops ging es wie allen neuen und ungewöhnlichen Ideen: Spinnt ihr? Was soll das bringen? Verrückt! Jetzt, wo sich die „Aufmerksamkeit weltweit“ einstellt, trauen sich alle spinnen, verrückt sein. Ein gewisser Stolz keimt auf. Ganz zurecht.

Zeit zum Verweilen

4_IMG_5077Wir kommen zu Fuß zum Bus Stop, der vom Russen Alexander Brodsky gestaltet wurde. Tisch und Sessel lassen uns ganz gemütlich Platz nehmen. Am Tisch steht eine leere Flasche Wodka und wir wissen nicht, ob das „dazugehöhrt“ oder ob sie jemand nach seinen Klischee-Bildern diesem Stop zugeordnet hat. Das wuchtige Wartehaus des Norwegers Rintala Eggertsson war uns zuerst im Vorbeifahren suspekt. Ein Tennisplatz störte auch meine ersten Aufnahmen mit dem Fotoapparat. Dann die Auflösung: Der obere Stock ist Zuschauertribüne für das Tennismatch. Ort und Funktion genial verwoben. Weiße Stangen ragen zart in den Himmel und Stufen führen uns auf eine Höhe von etwa  5 Meter zum Ausschau halten nach dem Bus. Wie ein Bild hängt die Landschaft in einem anderen Stop hinter mir. Das weiße Zelt schmiegt sich in die Häuserzeile, wo gegenüber die scheinbar zum Trocknen aufgelegten Bretter Schutz vor Regen und Sonne geben. Heute brauchen wir den Schutz nicht, weil sich das Wetter in einer tiefen Bewölkung zeigt. Nach etwa einer Stunde kehren wir in der Krumbacher Stuba ein. Es ist Sonntag und viele Einheimische genießen dort die gute Kost. Der LandBus nimmt uns wieder auf Richtung Bregenz. In Doren weiß der Chauffeur vom guten Kaffee und von guter Mehlspeis. Der Tipp in das Cafe Rose war sehr gut. In einer Stunde kommt der nächste Bus, der uns wieder nach Bregenz bringt. Das ist hier in Vorarlberg so: Jede Stunde ein Bus. Das nenne ich reisen. So gesehen hätten wir auch alles umdrehen können. In Krumbach, im Bregenzer Wald bleiben und mit dem Bus Bregenz besuchen. Auch eine gute Möglichkeit. Klar ist uns: Das Auto wäre ein Fehler, denn wer mit dem Auto fährt, „bleibt daheim.“

Unsere Route konkret

5_IMG_5096Unsere Route von Bregenz aus: LandBus 25 von Bregenz Hbf nach Krumbach. Hier kommen wir an drei „Wartehüsli“  vorbei. Umsteingen in den LandBus 29 nach Langenegg. Hier kommen wir an drei BUS:STOPS vorbei. Beim dritten Stop steigen wir aus und gehen der Straße entlang am durchgehenden Gehsteig zurück, zweigen vor Krumbach am Güterweg von der Hauptstraße ab und kommen über den Wanderweg direkt zum siebten Stop des japanischen Architektenteams. Von dort gehen wir zurück in das Dorf hinunter zur Krumbacher Stuba. In 5 Minuten Gehweg entfernt warten wir  auf den Bus – in einem der „Wartehüsli“.

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Im System und am System

„Wir leben im Erfahrungsgefängnis. Wir leben in einem Gedankensilo. Es braucht die Kraft, sich die Dinge ganz anders vorzustellen. Es braucht nicht nur die Arbeit im System, sondern gerade heute die gestaltende Arbeit am System“.  Meinen Artikel für die nächsten ON habe ich abgeliefert. Jetzt fließt einiges nach. Es ist eine Zusammenfassung der Impulse von David Bosshart beim Ordenstag 2014. Diese drei Sätze werden mir weiter nachgehen. Es ist nicht einfach, im und am System gleichzeitig zu arbeiten. Und doch entfaltet beides die größte Kraft.

Weckt die Welt auf

Wels_1Lange mussten wir auf die deutsche Übersetzung des Schreibens von Papst Franziskus an die Orden warten. „Deutsch ist nicht mehr Umgangssprache in Rom.“ Das sehen Ordensleute, die mit Rom oder in Rom verkehren. Jetzt ist das Schreiben da. Hier zum Nachlesen. Es lohnt sich zurückzulehnen und hinunter zu lesen bis an den Schluss. Unter Punkt 2 kommt ein Satz, der auch die Präsidentin Sr. Beatrix Mayrhofer in der Predigt beim Ordenstag inspiriert hat: „Ich erwarte, dass ihr „die Welt aufweckt“, denn das Merkmal, das das geweihte Leben kennzeichnet, ist die Prophetie.“ Auch dieser Satz hat es in sich. Wenn ich ganz ehrlich bin, dann erlebe ich oft auch das Gegenteil davon. Zurückgezogenheit, Unterwürfigkeit, ja Angst, „der Welt da draußen zu begegnen“. Jetzt tue ich sicher einigen weh. Mir wurde in den letzten 2 1/2 Jahren irgendwie klar: Viele Ordensleute arbeiten brav, engagiert, fleißig, selbstlos im System. Im System des Krankenhauses, der Schule, der Kultur, der Spiritualität, die eigene Gemeinschaft zu erhalten. Eben im System. Wer allerdings die Welt aufwecken will, muss am System arbeiten. Am eigenen und an dem der Gesellschaft.  Es fällt aber leichter, im System zu bleiben als am System zu schrauben, mit ungewöhnlichen Ideen und kreativen Zugehensweisen. Wie David Bosshart festgestellt hat: Erfahrungsgefängnis, Gedankensilo. So wird es schwer gelingen, die Welt, die ihre „eigenen Wege geht“, aufzuwecken.

Die Sprengkraft der Geschichten

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Foto: Katrin Bruder

„Sie haben so viele biblische Geschichten und sie haben die Möglichkeiten, in Bildern und Analogien zu reden. Die Menschen lieben Geschichtenerzähler.“ Ich füge ein: Jesus hat den Menschen nicht durch Dogmen und Moral das Leben erläutert, sondern durch Gleichnisse, Geschichten und Begegnungen. Er war zu seiner Zeit wie der hl. Franziskus ein „Performer“. Öffentlich, darstellend und zeichenhaft handelnd. Das hat Realitäten geschaffen. Was sind die besonderen Möglichkeiten für Orden? Dieselben wir für jeden Menschen: Der Dialog, das Fragen, der Vertrauenskern. Und: In allem heißt es, das richtige Maß finden. Bosshart bezieht sich auf die Video-Reihe viel mehr wesentlich weniger“ und meint: „Jetzt heißt es klug zu interpretieren, was es konkret heißt: viel mehr und wesentlich weniger. Wir wissen im Bauchgefühl: Es kann so nicht weitergehen. Wir sind in der Wirtschaft brutal effizient geworden. Insgesamt sind wir im System nicht wirklich vernünftig.“  Die Menschen erkennen „vorgespielte Tatsachen“. Bosshart rät, öfter die Löschen-Taste zu drücken. „Denn: Es fehlt uns danach gar nichts.“ Das ist Arbeit am System: Das System verlassen, die Excel-Zelle meiden, die dauernden Rankings gezielt desavouieren, Auszeichnungen ablehnen, die Ränder als Mitte sehen.

Bleibt nicht Gefangene eurer Probleme

Wels_2Das ist jetzt alles Originalzitat aus dem Schreiben von Papst Franziskus: „Weiter erwarte ich von euch, worum ich alle Glieder der Kirche bitte: aus sich herauszugehen, um zu den existenziellen Peripherien zu gehen. „Geht hinaus in die ganze Welt“, war das letzte Wort, das Jesus an die Seinen richtete und das er heute immer noch an uns alle richtet. Da ist eine ganze Menschheit, die wartet: Menschen, die jede Hoffnung verloren haben; Familien in Not; sich selbst überlassene Kinder; Jugendliche, denen jede Zukunft versperrt ist; Kranke und verlassene Alte; Reiche, die satt sind an Gütern und im Herzen eine Leere haben, Männer und Frauen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, dürstend nach dem Göttlichen…“ Und weiter, was für mich selber genauso wie für den Vatikan gilt: „Zieht euch nicht in euch selbst zurück, lasst euch nicht von den kleinen Streitereien zu Hause belästigen, bleibt nicht Gefangene eurer Probleme. Diese lösen sich, wenn ihr hinausgeht, um den anderen zu helfen, ihre Probleme zu lösen, und um die gute Nachricht zu verkünden. Ihr werdet das Leben finden, wenn ihr das Leben hingebt, die Hoffnung, wenn ihr Hoffnung gebt, die Liebe, wenn ihr liebt.“ Persönlich weiß ich aus Erfahrung: Gehen, Bewegung und damit neue Begegnungen sind heilsam.

 

 

 

 

Der Bäcker backt nicht selbstverständlich

In meinem Heimat-Bergdorf Kirchschlag ist es möglich, ins lokale Kaufhaus zu gehen und ein frisch gebackenes „Frühstücksflesserl“ von „unserem Bäcker im Ort“ zu kaufen. Das sehe ich als großes Geschenk und nicht als Selbstverständlichkeit, dass das möglich ist. Das Kirchschlager Brot ist noch dazu ein Brot und keine aufgebackenen „Teiglinge“. Wer vom Schwarzbrot einige Tage herunter schneidet, hat immer noch Brot unter dem Messer. Da kann das mit allen Werbemitteln angepriesene „Teiglinge-Brot“ einfach nicht mithalten. Bei den Bergwochen hatte ich früher immer dieses Kirchschlager Brot mit. Es war bis zum letzten Tag frisch im Gegensatz zu anderen Broten, die von den BergfreundInnen mitgenommen wurden.

Junge Leute backen mit Spaß
baeckerei_kirchschlagWarum ist das so? Damit es weiter Brot im Bergdorf gibt, braucht es zwei Dinge. Da ist einmal die Bäckerei. Ich habe den Eindruck und spüre es auch, dass hier ein paar junge Leute am Werk sind, die Spaß haben an ihrer Arbeit, an ihrem Produkt. Das Bäckerleben ist ja etwas außerhalb des normalen Zeitrhythmus. Um Mitternacht aufstehen und fertig sein, wenn alle in der Arbeit sind, also schon Brot gegessen haben. Wir können hier in Kirchschlag froh sein, dass sich hier diese Frauen und Männer rund um das Brot und die wunderbaren Mehlspeisen  „gefunden“ haben. Das ist die eine Seite. Es braucht aber auch KonsumentInnen, die diese „echten Brot-Produkte“ auch kaufen, konsumieren, genießen. Die „tief gefrorene Teigling“ lauert verführerisch in allen Supermärkten und das in vollem Angebot bis zur letzten Minute. Es kann schon sein, dass in unserem Kaufhaus einmal das spezielle Flesserl gerade aus ist. Das ist gut so. Nochmals: Das ist gut so. Wo kommen wir auf Dauer hin, wenn wir immer alles und sofort jederzeit zur Verfügung haben? Das redet uns der Teigling aus den Tiefkühlfach ein. Dort liegt die Konsum-Ideologie – aber nicht die nährende Lebensphilosophie. Zurück zu unserem Bäcker hier im Bergdorf. Euch allen Danke.

Das irre Verhältnis

katzenmilchDa nimmt man das Flesserl, streicht Butter hinein. Fertig ist es. Der Kaffee dazu. Die Zeitung lockt. Klar ist, dass der Geschmack des Flesserls den Inhalt der Zeitung übertrifft. Deshalb keimt der Zweifel auf, ob ich überhaupt die Zeitung „dazulesen“ soll. Ich blättere. Dann die Headline: „Bauern kritisieren Preise im Handel. Da gehen die Wertigkeiten verloren!“. Ein Bild (siehe Bild) sagt mehr als tausend Erklärungen. Die Katze schaut auf ihre Katzenmilch zum Preis von 4,95 EUR. Daneben steht die Trinkmilch im Glas mit 0,54 EUR. Das ist kein Tippfehler. Und ich frage mich beim Frühstück wieder einmal: Was ist los mit unserer Welt? „Geiz ist geil“ hat in den meisten Menschen das „gute Verhältnis, die Wertigkeiten“ tiefgehend zerstört. Es ist der Preis, der die Gefühle im Verhältnis zum Wert steuert. Billig ist gut. Billigst ist hervorragend. Ich schaue seit Jahren keine Werbung mehr an, die mit den Zeitungen geliefert wird. Ich lasse mir meine Wertigkeitsverhältnisse, die ich an der Natur und der Nachhaltigkeit ausrichten will, nicht durch „Sonderangebote“ zerstören. Heini Staudinger sagt: „Die Milliardenindustrie Werbung redet uns täglich ein.“ Hier zum Nachschauen. Zurück zu unserem Bäcker. Gut, dass ihr Brot backt, hier für uns im Bergdorf und weit über Kirchschlag hinaus. Brot und keine aufgebackenen Teiglinge. Ihr seid deshalb nicht die billigsten, aber die besten.

 

Der Glockenschlag ist die einzig regelmäßig hörbare Zeit

dompfarreDas ist eine Aufregung. Ein Anrainer will wieder einmal die Domglocken zu Linz in der Nacht zum Schweigen bringen. Wieder einmal. Alle paar Jahre steht dieser „Wunsch“ nach „Ruhe im Domturm“ auf. Die Anwaltskanzlei hat einen perfekten PR-Coup für sich gelandet. Am Wirtshaustisch wird diskutiert. Im Zug nach Linz werde ich darauf angesprochen. Die Krone-Redakteurin als Aufdeckerin der Geschichte ist auf der Suche nach jemanden, „der den Dompfarrer zum Reden bringen könnte“. Im Pfarrgemeinderat hat man sich nach eingehender Beratung für das Weiterschlagen der Glocken durch alle 24 Stunden hindurch ausgesprochen. Auf Twitter habe ich einen Blogeintrag entdeckt, der schon sehr früh über diese Situation nachdenkt. Ich selber habe damals den Tweet abgesetzt: „Wer die Glocken bekämpft, wird sie immer störend hören.“

Frage der inneren Einstellung zur Umgebung

Wir haben als Familie von 1982-92 direkt neben dem Dom gewohnt. Es hat nicht lange gedauert, waren wir die Glocken gewohnt. Sie haben wie der Autoverkehr, der allgemeine Straßenlärm, die Stöckelschuhe am Gehsteig oder das Gröllen der Nachtschwärmer „hörbar“ dazugehört. Aber die Glocken haben wir sehr bald nicht mehr gehört. Diese Glockenschläge waren die einzigen regelmäßigen hörbaren Impulse. Alle anderen waren zufällig, chaotisch, penetrant oder einfach da. Meine These zu den Dingen rund um mich: Alles, was von außen auf mich zukommt, bekommt durch den inneren Spiegel, die innere Reflexionsfläche eine positive oder negative „Aufladung“. Je nachdem, wie ruhig oder aufgeregt mein Inneres ist. Im Zug reiste gestern eine junge Frau, die in Freilassing unter der Einflugschneise des Flughafens aufgewachsen ist. „Uns hat das überhaupt nicht gestört. Das hat dazugehört.“ Ihre Eltern haben signalisiert: „Es ist gut, dass wir hier sind.“ Und nicht: „So eine Sauerei das mit den Fliegern.“ Wohlgemerkt: Ich rede hier in keinstem Fall den Fliegern das Wort. Ich fliege nur im Notfall. Sonst reise ich. Aber das Beispiel der jungen Frau war gestern einfach da. Der Ärger, das Stören der Außenfaktoren hat mit der inneren Einstellung zu tun. Resilienz, Widerstandsfähigkeit wächst, wenn ich mich mit den nicht veränderbaren Umweltbedingungen arrangieren kann. Vieles im Leben macht krank, weil wir krank denken. Aber jetzt wieder zum Glockenschlag.

Der hörbare Rhythmus der Zeit

Wer in Osttirol im Virgental einige Nächte verbringt, kann auch bei offenem Fenster neben der nicht gerade leise rauschenden Isel schlafen. Das Rauschen macht etwas von der Ewigkeit hörbar. Wer in bergigen Gegenden wohnt, kann auch bei Wind das Fenster offen halten, weil er das ganz große Atmen der Welt hört. Die Glocke am Kirchturm schlägt ganz regelmäßig, ist die hörbare Zeit, ist der Schritt oder Gang durch die Zeit. Sie zeigt: Die Stille geht. Wer in dieses Geheimnis eintauchen kann, wird die Glocke außen nicht mehr hören. Es tut einfach gut, wenn das innere Ohr diesen äußeren Impuls wahrnimmt und dabei weitergeht. Stunde um Stunde und das vier Mal in der Stunde. Aber vielleicht fällt es unserer aus dem Rhythmus gekommen Seele heute überhaupt schwer, Regelmäßiges zu hören. Es ist entweder fad oder störend. Als Kranker, der nicht schlafen kann, kann ich den Fernseher einschalten oder auf die regelmäßige Glocke hören. Was beruhigt mehr? Was lässt die Seele mehr zur Ruhe kommen? Der dauernde individuelle Blick auf die Uhr oder das Hinhören können auf den regelmäßigen Impuls, von dem viele getragen sind. Ein Stück Transzendenz schlägt dabei an. Dieses regelmäßige Schlagen der Glocke hat etwas. Es würde fehlen. Das wollte ich sagen.