Was und wie viel gehört in einen Rucksack

RucksackWer längere Zeit zu Fuß unterwegs ist, steht vor der Herausforderung: Was und wie viel gehört in den Rucksack? Wie finde ich die Balance zwischen dem möglichst „leichten“ Rucksack und „alles Notwendige“ dabei zu haben?

Motto: Nicht viel, sondern das Richtige einpacken!

  1. Erstelle dir deine persönliche Checkliste, indem du dir zwei Szenarien beim Gehen vorstellst: 1. „Schönwetter warm 24°“ und 2. „Schlechtwetter kalt 2°“. Dafür musst du gerüstet sein. Eine Haube und leichte Handschuhe gehören immer dazu. Wasserfeste Schuhe, Regenhose, Regenjacke und ein Rucksackschutz ist unabdingbar.
  2. Rucksack_leerUnterscheide klar zwischen den „Gehsachen“ und den „Bleibesachen“. Bist du am Tagesziel, so wird hoffentlich eine Dusche das eine konsequent vom anderen trennen. Die Geh- und die Bleibesachen verwenden wir immer wieder, Tag für Tag. Das spart unglaublich viel unnötige und nur einmal verwendete Kleidung. Das gilt jeweils von der Unterwäsche, Socken, atmungsaktives T-Shirt, Hose, Pulli bis hin zu den Schuhen. Anreise ist ratsam in den Gehsachen.
  3. Bei den Toilettsachen nur jene Menge mitnehmen, die verbraucht wird – also kleine oder fast leere Zahnpastatuben und Sonnencreme. Ein kleines Handtuch tut verschiedene Dienste.
  4. Gehschuhe sind wasserfeste Wanderschuhe und Bleibeschuhe sind zB Crocs. Das genügt. Neue Schuhe vorher 3 Stunden (nass) eingehen. Dann neu präparieren. Eventuell Blasenpflaster zur Sicherheit mitnehmen.
  5. Eine „Reserve“ enthält für alle Fälle noch Unterwäsche, eine leichte Hose, ein bis zwei T-Shirts und eine Fleecejacke.
  6. Persönliches ist selbst einzuschätzen: Reisepass, Medikamente, Tagebuch, Stift, Lesestoff, Fotoapparat, Handy, Wanderkarte.
  7. Rucksack_BergeTrinkflasche mit 1,5 Liter Fassungsvermögen. Es genügt eine Mineralwasserflasche, die wieder gefüllt wird. Manche mögen Tee zum Gehen. Ist Frühstück und Abendessen bei der Nächtigung dabei, genügt für den Tag eine Kleinigkeit zur Stärkung (Studentenfutter, Vollwertkekse). Wer weniger isst, geht leichter.  Und: Der Körper hat Reserven.
  8. Gehstöcke erleben die einen als Erleichterung und die anderen als Belastung.
  9. Aus Erfahrung ist es gut, die einzelnen „Abteilungen“ (Bleibegewand, Reserve, Toilettsachen, Persönliches) in jeweils ein Plastiksackerl zu stecken. Das erleichtert die Ordnung und hält zur Sicherheit nochmals trocken.
  10. Und nie die Sonnenbrille, den Badeanzug und die Badehose vergessen!

“Der Kluge lernt aus allem und von jedem,
der Normale aus seinen Erfahrungen
und der Dumme weiß schon alles besser.”
(Sokrates)

wachgerüttelt

ON_3Das neue Ordensmagazin ON hat in seiner dritten Version das Licht der Welt erblickt. Auf der letzten Seite schreibe ich immer unter den Titel „wachgerüttelt“ meine Beobachtungen, Einschätzungen, Wahrnehmungen und stelle sie in den „Ordens-Zusammenhang“:

Seite 17. Der Standard. Rubrik Wirtschaft.18. Juni. Eine Headline, die gerade im wirtschaftlichen Umfeld aufhorchen lässt: „Teilen statt Besitzen, das ist ein langfristiger Trend.“ Die 35-jährige Theoretikerin des gemeinschaftlichen Konsums Rachel Botsmann schaut mich zuversichtlich vom Foto her an. „Ich konsumiere, also bin ich?“, wird sie gefragt. Sie antwortet gleich in der ersten Zeile: „Das ist vorbei.“ Mir kommt die unglaubliche Konsum-Maschinerie nach immer Mehr in den Sinn. Frage: „Geht die Änderung schnell oder langsam?“ Sie: „Sehr schnell, abhängig vom Sektor.“ Einen Auslöser für diesen Trend sieht sie in der Wirtschaftskrise. „Teilen statt Besitzen ist ein langfristiger Trend.“ Sie schildert Geldverleih ohne Vermittlung einer Bank, nennt das Car Sharing. Crowdfunding ist nicht nur ein neues Vokabel, Wohnungstausch findet statt, Couchsurfing ist eine neue Gastfreundschaft. Das Common-Gardening-Projekt unserer 31-jährigen Tochter ist plötzlich da. Botsmann: „Das Entscheidende ist die Technologie. Plötzlich können über Internet Dinge rasch und einfach zwischen Interessierten geteilt werden. Ganz vorne mischt Korea mit.“ Mir fällt ein, dass Sr. Magdalena Eichinger von den Steyler Missionsschwestern erzählt hat: „In Korea kommen 100% der Novizinnen über Facebook.“ Zurück zum „Sharing“, zum Teilen. Botsmann: „In der neuen Form des Wirtschaftens geht es nicht ums Besitzen, sondern um den Gebrauch der Dinge.“ Gemeinsam und nachhaltig. Diese „junge Entwicklung“ trifft eigentlich den Grundduktus der Orden. Oder?“

Bestellt werden kann das ON übrigens direkt im medienbuero@ordensgemeinschaften.at und ist kostenlos.

Cornwall und 220 km auf dem Coast Path

2_Coast Path Schild„Das Wasser nimmt sich Land und das Land gibt dem Wasser“. Das war ein immer wiederkehrender Gedanke in den 12 Tagen am Küstensaum in Cornwall (Südwestengland) am Coast Path. Das Wetter war uns gnädig und hat fast ausschließlich eine wunderschöne Mischung aus Sonne und Wolken über dem Atlantik in diesen Tagen für uns zusammengebraut. Einmal gab es am Ende des Tages intensiveren Regen und vielleicht 2-3 Mal so etwas wie „liquid sunshine“.

Wir lassen uns überraschen

1_FalmouthFix war unsere Cornwall-Zeit (ich sage unsere, weil ich diese Tage mit meiner Frau Gerlinde unterwegs war) eingerahmt vom Hin- und Rückflug. Sonst haben wir nichts weiter vorbereitet. „Surprise Factor“ – wir lassen uns wirklich überraschen. Unseren Ausgangspunkt haben wir mit Falmouth festgelegt. Diese Stadt ist mit dem Zug von London aus gut erreichbar. Fest stand auch, dass wir pro Tag etwa 5-7 Stunden am „Coast Path“ gehen wollen. Unterkünfte werden uns in Form von Bed & Breakfast „entgegenkommen“. Das war unsere Annahme. Es war immer knapp, hat aber doch immer funktioniert. Unsere erste Lernerfahrung war, dass wir die absolute Hochsaison der Ferien der Engländer Anfang August erwischt hatten. Bei allen B&B’s hat uns das Schild „No Vacancies“ begrüsst. Davon ließen wir uns nicht abschrecken und haben trotzdem gefragt. Die unglaubliche Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft hat uns dann eine Lösung gebracht. Kommunikation und Schwarm-Intellegenz bringt Lösungen. Internet stand uns für Recherche nicht zur Verfügung. „Durch’s Reden kommen d’Leut zam.“ Stimmt. Zwei Mal war es allerdings knapp. Aber: Es hat geklappt.

Unglaubliche Vielfalt

6_Kynance CoveDer Weg selber war hervorragend ausgeschildert und auch gut gepflegt. Einmal fragten wir einen Mann, weil wir uns nicht sicher waren auf dem „Inland Footpath“, die wir dort und da genommen haben, um auch das Hinterland etwas kennenzulernen. Er hat uns hilfsbereit den Weg erklärt und angefügt: „Immer schön links halten, dann kann nichts schief gehen.“ Eben: Zu linker Hand war immer das Meer und rechter Hand diese unglaublich vielfältige Landschaft. Durch das Auf und Ab haben wir täglich unsere Höhenmeter gemacht. Die Pflanzenwelt war ebenfalls sehr unterschiedlich. Am Weg der „Ostküsten“ entlang war die Pflanzenwelt „südlicher“ bis hin zum Dschungel. An den „Westküsten“ war der Wind und die Wellen rauher somit auch die Pflanzenwelt wie auf höher gelegenen Almen. Die Steilküstenabschnitte waren noch dazu imposant und zum Teil nicht ungefährlich, wenn es zwischen 80-100 Höhenmeter senkrecht hinuntergeht. 24_pub_stivesDort und da holt sich das Meer Land und solche Abschnitte sind dann mit „Danger“ gut gekennzeichnet. Genau diese Abschnitte lassen in mir die Meditation von Zeit und Ewigkeit aufkeimen und lehren einem das Leben als Geben und Nehmen, als Widerstand und Ergebung, als fest und flüssig. Die Ellipse als „Lebensansicht“ taugt auch hier.

Nüchtern und herzlich

22_zenor_kreuzCornwall ist eine „ärmere Gegend“. Die Moderne ist in den aufgelassenen Bergbaugruben stehen geblieben. Pubs sind nicht modernisiert, aber wunderschön und ursprünglich. Die Felder, Wiesen und Weiden sind mit den Steinwällen eingezäunt. Alles ist kleinstrukturiert und „belassen“. Das ist das Besondere. Es ist nicht so, dass hier die Zeit stehen geblieben ist, sondern viel mehr hat die Zeit stehen gelassen. Wir haben viele Menschen getroffen und sie haben Freundlichkeit ausgestrahlt. Viel Land gehört dem Adel und dieser hat festgelegt, dass die Landwirtschaft biologisch betrieben werden muss. Das ist schon ein gesünderer Ansatz. Gut auch, dass der Tourismus gekommen ist. So können die lokalen Spezialitäten verkauft werden. Ich möchte nicht dem Gestern das Wort reden, aber vieles, was wir hier und heute tun („Das muss sich rechnen.“), führt doch auch nicht in die Zukunft. Das Land ist nüchtern schön und die Menschen herzlich gastfreundlich. Das haben wir am Weg erlebt. Nicht nur bei den GastgeberInnen.

Es ist teurer geworden

28_haus_inselÜberrascht hat uns etwas der Preis in den B&B’s. Zugegeben: Hochsaison und immer in einem der Küstenorte. Zugegeben: Die Qualität war ausgezeichnet und die Frühstücke haben alle „Stückerl“ gespielt. Zugegeben: Die sanitären Einrichtungen waren fast immer neu und intakt. Insofern ist teuer auch wieder relativ. 80-90 Pfund haben wir im Normalfall gebraucht. Das Hostel in Penzance oder das Bed without breakfast in Mevagissey direkt am Hafen waren billiger und auch sehr sauber, ja lieblich. Es wurde uns mit jedem Tag klarer, dass genau diese Dienstleistung hier lokal die einzige Einnahmequelle für viele ist. Und: Qualität hat seinen Preis. Wir selber waren auch zufrieden, weil wir 100% der Wertschöpfung direkt im Ort gelassen haben. Niemand hat „mitgeschnitten“.

Unsere RouteMap Route Cornwall

7_ÜbergängeStart in Falmouth direkt am Strand bzw. Bahnhof. Coverack war unsere erste Übernachtung. Der zweite Tag führte uns zum südlichsten Punkt von England und in ein B&B in Lizard. Von dort ging es am dritten Tag über die wunderbare Kynance Cove bis nach Portleven. Das Regenwetter am Abend und ein fehlendes B&B hat uns mit dem Bus  nach Penzance ins dortige Hostel geführt. Am nächsten Tag starten wir in St. Just Richtung Norden und finden in Zennor ein wunderbares B&B. Den Samstag verwenden wir, um am Coast Path und zum Teil „inland“ nacht St. Ives zu kommen. Wunderbare Stadt, wo wir auch den Sonntag gehfrei verbringen. Am Montag früh starten wir wieder los und abends kommen wir nach Portreath, wo uns Emma im eigenen Haus noch ein Zimmer zur Verfügung stellte. Danke. 9_dis_shaftsNach dem von ihr und ihrem Mann zubereiteten Frühstück gehen wir nach Perranporth, wo uns Emma bei Bekannten im St. Georges Landhaus angekündigt hat. Nochmals Danke. Über Sanddünen und Steilküsten kommen wir nach Newquay und finden ein B&B gleich im Stadtkern. Wir wechseln mit dem Bus wieder an die Ostküste und gehen von Charlestown nach Mevagessey. Die Nächtigung im „Harbour House“ direkt am Hfen, das wir eher zufällig gefunden haben, wird uns positiv in Erinnerung bleiben. Gehend machen wir einen Abstecher in 29_heligans gardenThe lost Gardens of Heligan“ und in weitem Bogen gehen wir nach Pentewan, wo wir den Bus nach St. Austell und von dort den Zug nach Plymouth nehmen. Am Abend erwartet uns bei schönem Wetter die Stadt, die von 21. auf 22. März 1941 bei einem Bombenangriff fast ausgelöscht wurde. Den Samstag wollten wir für Besichtigungen nutzen. Es hat ganzen Tag stark geregnet und so haben wir im einen oder anderen Cafe darüber gesprochen, „was gewesen wäre, wenn wir dieses Wetter beim Gehen gehabt hätten“. Berührt hat uns unmittelbar vor der Abfahrt der Besuch der „Charles Church“, die als Mahnmal gegen den Krieg verfallen wird und ohne Dach ist. 29_charles_churchAm Samstag um 23 Uhr steigen wir in Plymouth in den Bus der National Express ein und sind um 5.30 Uhr in London Heathrow. Der Bus ist um einiges billiger als der Zug und verkehrstechnisch passender zu unserm Flug um 8 Uhr nach Frankfurt – Linz gewesen. Alles in allem waren wir ca. 220 km „on and near the Coast Path“ unterwegs.

Coast Path Association

 

 

 

Zehn Tage am Venediger und Lasörling Höhenweg

0_ven„Osttirol ist eine wunderbare Perle Österreichs“, habe ich in das Gipfelbuch am Lasörling (3.098m) geschrieben. Mit dem Stempel vom Gipfel des Großvenedigers (3.674m) kann ich das am zweiten Tag meines bergGEHENS noch nicht bestätigen. Es war wolkig und die Fernsicht mussten wir uns in den eigenen Köpfen aufbauen. In jedem Fall möchte ich mit diesem Erfahrungsbericht beitragen, dass mehr Menschen sich nach Osttirol aufmachen, um von dieser überwältigenden Schönheit der Natur genährt zu werden.

Sanft und ruhig

00_venMeine Anreise war noch mit Zug und Bus durch den gesperrten Felbertauerntunnel. Mit dem „Pendlershuttle“ (Bus von Mittersill zum Südportal, Fußweg von ca. 70 Höhenmeter zum Anschlußbus beim Matreier Tauernhaus) bin ich zum Südportal gekommen. Der erste Blick auf den riesigen Erdrutsch macht klar: Da fehlt es weit. Die Ersatzstraße ist in ein paar Tagen fertig. Dann ist Osttirol  wieder mit allen Verkehrsmitteln gut erreichbar. Persönlich habe ich den Eindruck, dass dieses Stück Welt weit unter dem Wert geschlagen wird. „Virgen war bis vor 14 Tage wie ausgestorben“, hat mir ein junges Paar aus Virgen auf dem Weg zur Bonn-Matreier-Hütte erzählt. Dass das anders geworden ist, haben wir bei der Busfahrt am letzten Tag aus dem Virgental heraus zurück zum Ausgangspunkt in Matrei gesehen. Es waren viele Gäste – zumindest Autos – im Tal. Das ist mein Wunsch, dass diese naturbelassene Gegend ohne „Remmidemmi„, ohne Schigebiete und Starkstromleitungen, ohne extensive Nutzungen durch Landwirtschaft und mit den vielen noch frei fallenden Wassern viele Menschen innerlich nährt. Die Natur und das Weitgehen in der Natur ist heilsam. Das habe ich auch hier schon mehrmals erlebt. Erstmals 1986. Hier meine Tage und Erfahrungen rund um und am Großvenediger und Lasörling in Osttirol.

1. Tag: Trockene Anreise und nasser Aufstieg zur Neuen Prager Hütte

Blick ins InngerschlössNormalerweise beginnt der Venediger Höhenweg mit der St. Pöltner Hütte über dem Felbertauern. Ich war einen Tag zu spät unterwegs und steige deshalb ab 16 Uhr vom Matreier Tauernhaus (1.512 m) , das Außergschlöss und Innergschlöss auf die Neue Prager Hütte (2.830 m) auf. Ein Freund hat kurz vor Beginn meiner Arbeit in Wien für die Ordensgemeinschaften Österreich gemeint: Du wirst sehen, die Stadt macht schwach. Daran musste ich einige Male denken bei der Bewältigung der 1.300 Höhenmeter. Etwa zwei Stunden vor dem Ziel, noch vor der unbewirtschafteten Alten Prager Hütte, beginnt es mit einem Blitz und Donner wie aus Schaffeln zu regnen. Zuerst den Rucksack sichern, dann Jacke anziehen. Die Regenhose habe ich noch im Rucksack gelassen, weil ich aufgrund der Ersterscheinung „Gewitter“ dachte, es hört wieder auf. Nein. Noch auf keiner meiner Touren wurde ich so nass wie bei diesem Aufstieg. Um 20.30 Uhr erreiche ich die Hütte und bin Gott sei Dank der einzige, der nass geworden ist. So konnte ich alleine den Ofen für mich und meine Sachen zum Trocknen nutzen. Der Hüttenwirt und Bergführer Paul hat mich erwartet. Mit ihm habe ich vom Zug aus telefoniert, ob er mich „morgen“ auf den Großvenediger mitnimmt. Ja. Ich falle müde ins Lager. Es regnet bis weit nach Mitternacht.

2. Tag: Am Großvenediger (3.674 m) und doch kein Überblick

Am GroßvenedigerUm 5 Uhr gibt der erste Blick aus der Dachlucke zu verstehen: blauer Himmel. Meine Sachen sind fast trocken geworden. Die Schuhe natürlich nicht. Aber das kenne ich von meinem Assisi-Gehen. Nach dem Frühstück schlüpfe ich hinein und es ist wie gestern. Gut feucht. Mit sieben BergkameradInnen und Paul geht es um 6 Uhr los. Fotos vom blauen Himmel mache ich beim Gehen, anseilen und im ersten Teil über dem Gletscher. Nach 3 Stunden Aufstieg über den spaltigen Gletscher vom Norden her erreichen wir ohne Steigeisen den Gipfel. Je höher wir gekommen sind, umso mehr hat sich der blaue Himmel „vertschüsst“, wie eine holländische Seilkollegin gemeint hat. Vier Seilschaften am Gipfel. Vor 27 Jahren war ich auch hier und dieselbe Aussicht: keine. Trotzdem. Manchmal blinzelt die Sonne durch. Ich weiß und spüre, dass ich wieder kommen werde. Trotzdem überwältigend, am Gipfel des dritthöchsten Berges Österreichs zu stehen. Peter, der Schwager von Paul, ist der Hüttenwirt und Bergführer von der „anderen Seite“, vom Defereggerhaus. Er nimmt mich mit seiner Seilschaft über den südlichen Gletscher mit hinunter auf das Defereggerhaus. Ohne Seilschaft gehe ich keinen Meter am verschneiten Gletscher. Wir kommen dort vorbei, wo drei deutsche Bergsteiger beim Schneeschuhgehen drei Tage vermisst wurden. Sie haben überlebt. Es ist nie ratsam, alleine über (unsichtbare) Spalten zu gehen. Auf der Hütte ist schönstes Wetter und der Gipfel hüllt sich in Wolken. So kann es eben sein. Ich genieße die Zeit auf 2.962 m (Hütte) bevor ich hinuntersteige auf die Johannishütte (2.121 m), um dort zu übernachten. Auch wenn von dort der Gipfel zu sehen wäre, wird er erst später in voller Größe und Schönheit vor meinen Augen erscheinen. 8 Stunden in diesen Höhen gehen ist wirklich herausfordernd für „den Wiener Stadtmenschen“, wie manche schon zu mir sagen.

3. Tag: Über die Sajat-Scharte zur Eissee-Hütte

Sajathütte und Rote SaileDer Weg von der Johannishütte über die Sajat-Scharte (2.750 m) gehört zu den eindrucksvollsten Wegstrecken, die angelegt wurden. Die (private) Sajathütte (2.600 m) hinter der Scharte ist ein Schloss in den Bergen. Von dort geht es mit einer phänomenalen Sicht auf das Gegenüber, dem Lasörling und das ganze Virgental hinüber zur Eissee-Hütte (2.500 m). Dort komme ich nach insgesamt 5 Stunden an. Weil ich einer Klettergruppe, die den Klettersteig auf die Rote Saile geht, lange und immer wieder zuschaute, war ich etwas langsamer. Ein „Ausflug“ hinauf zum Eissee (2.640 m), der der Hütte den Namen gibt, ist zeitlich noch drinnen. Das Baden im See  bei etwa 8 Grad war kurz, aber erfrischend. Markus hat die Hütte neu übernommen bzw. gekauft und wir reden ein paar Leute abends lange über das Leben im Virgental, als Hüttenwirt und über das Potential an Gästen, die noch Platz hätten. Er ist für mich wieder einmal ein Beispiel für einen Menschen, der Neues ohne Sicherheitsnetz wagt. Ich wünsche ihm alles Gute.

4. Tag: Hoch hinauf auf die Bonn-Matreier und über die Gottschaun hinunter ins Tal

Bonn Matrier HütteDas Frühstück hat wunderbar geschmeckt. Ich verabschiede mich von den Gesprächspartnern vom Vorabend und steuere am Venediger Höhenweg die Bonn-Matreier Hütte (2.750 m) an. Das Wetter ist wunderbar und warm. Kurze Hose und Leiberl in der Höhe genügen schon beim Weggehen zum 7.30 Uhr. Die Augen und Seele wird bei diesem Hinübergehen genährt mit wunderbaren Bildern, Aussichten, der Hochgebirgsvegetation und dem Menschenwerk (Wun-Alm) in diesen Höhen. Nach 3 1/2 Stunden komme ich bei der Bonn-Matreier an. Burschen finalisieren gerade ihre Steinbar und ich fotografiere sie. Das Foto schicke ich als „Andenken“. Ich genieße die Mittagszeit auf der Hütte, besuche die Felsenkapelle und steige über die kleine Nill Alpe hinunter zur Gottschaun-Alm (1.945 m). Gott schauen. Ein besonderer und wunderbarer Ort, der zum Verweilen einlädt. Morgen kommt die Gruppe aus Kirchschlag, mit der ich den Lasörling Höhenweg gehen werde. Ich muss daher die andere Seite des Tales erreichen. Deshalb steige ich nach Virgen ab und übernachte dort gut und fein im Gasthaus Neuwirth.

5. Tag: Der gemeinsame Aufstieg auf die Zunig-Alm

Zunig-AlmMorgens treffe ich mich mit den Schwestern des dortigen „Klosters der Tertiarschwestern“. Dann gehe ich hinunter nach Mitteldorf, wechsle weiter hinunter an die Isel und gehe „hinaus“ nach Matrei, wie die Einheimischen sagen. Die heurige Gruppe für das „bergGEHEN am Lasörling Höhenweg“ ist zwischendurch auf 20 Personen angewachsen. Vor Monaten habe ich 16 Personen auf den Hütten gemeldet, weil auf der Zunig-Alm (1.846 m) für 16 Personen Platz ist. Zwei wurden krank und eine hat sich dann kurzfristig abgemeldet. So waren wir schließlich 17 Personen von 27 – 64 Jahren. Also bunt gemischt. Mein Allein-Gehen hatte ein Ende und ich freute mich auf die Gruppe. Gegen 13 Uhr treffen wir einander und der 2 1/2 stündige Aufstieg bei „guter Wärme“ kann beginnen. Uns erwartet auf der Zunig-Alm nicht nur ein Panorama vom Großglockner bis hinein zum Dreiherrenspitz, sondern auch eine wunderbare Küche und unglaublich „berufene Almwirtsleut“.  Die Abendsonne vom schönsten Balkon der Welt aus war die Sonntagsgabe. Die Almwirtin selber lies es sich nicht nehmen, unsere Gruppe in der Abendsonne zu fotografieren. Wir sind da.

6. Tag: Schnell hinübergehen auf die Zupalsee-Hütte vor dem Gewitter

6_venSchon am Vortag hatten einige der Bergfreunde den doch etwas „unangenehmen Wetterbericht“ gehört. Schwere Gewitter und Sturmwarnung. Wir konkretisieren das beim Frühstück  um 7 Uhr bei frischer Butter, Marmelade, Kaffee, Tee und selbstgemachtem Brot.  Die Gewitter werden nachmittags kommen. Also 5 Stunden Zeit, hinüberzugehen auf die (private) Zupalsee-Hütte (2.342 m). Es ist gelungen. Die ersten Tropfen und der starke Wind erreichen uns im Finale kurz vor der Hütte. Alle sind trocken und der Gewitterschauer konnte kommen. In der Zirbenstube haben wir gespielt, lange gesungen und sind doch zur vorgesehenen Hüttenruhe um 22 Uhr ins Bett. Die Hüttenwirtin war begeistert von Ernst’s Denkaufgaben. Andere Gäste meinten tags darauf, dass wir ein „Gesangsverein“ sein müssen. Wir singen gerne und wenn die Seelen einschwingen, entstehen sogar mehrstimmige Lieder. Der Weg von der Zunig-Alm geht „fast flach“ hinüber und sowohl die Arnitzalm als auch der Lacken-See ist eine Augenweide. Die Berggemeinschaft fühlt sich heuer wieder sehr gut an.

7. Tag: Talwechsel am Weg zur Lasörlinghütte

SpeikbodenDas Frühstück war (wie in allen Hütten bisher) sehr reichhaltig und abwechslungsreich. Oft frage ich mich, wie die Hüttenwirte das in dieser exponierten Lage schaffen. Kompliment. Der direkte Weg von der Zupalsee-Hütte zur Lasörling-Hütte (2.350 m) ist mir 3 Stunden angeschrieben. Das war dann doch allen „zu kurz“. So steigen wir gleich vor der Hütte etwa 400 Höhenmeter auf und gehen über den Donnerstein (2.725 m), den Speikboden mit dem riesigen Heimkehrerkreuz ein Stück hinunter ins Defereggental auf etwa 2.300 m. Ein Ausflug ins andere Tal mit neuen Aussichten. Von dort führt ein wunderbarer und stetig ansteigender Weg hinauf zum Virgen Törl (2.616 m). Einige von der Gruppe haben das Gritzer Hörndl „mitgenommen“ und sind hinten den neu angelegten Weg heruntergekommen zu den wunderbaren Gritzer Seen. Das Wasser war wieder erfrischend und die Aussicht schier unglaublich. Das Okotogon, die Lasörlinghütte wird sichtbar. Der Hüttenwirt hat uns die Zimmer zugewiesen. Wir bleiben hier wie telefonisch und damit recht kurzfristig am Sonntag vereinbart eine zweite Nacht, weil in der Bergersee-Hütte kein Platz war. Auch diese Hütte wird privat geführt.

8. Tag: Einmal Lasörling hinauf und zurück bei toller Fernsicht

Am LasörlingDas Frühstück auf der Lasörling-Hütte (2.350 m) war wieder reichhaltig. Wir brauchen es für unseren 3 stündigen Aufstieg auf unseren „Zentralberg des Höhenweges“, den Lasörling (3.098 m). Eine Stunde lang nähern wir uns dem „Steilansteig“. Wir machen dabei zum Aufwäremen etwa 200 Höhenmeter. Dann geht es die restlichen 600 Höhenmeter steil und kontinuierlich hinauf. Trittsicherheit ist gefragt. Alle kommen oben gut an und wir fallen einander um den Hals. Platz ist am Gipfel nicht viel. Wir sind dankbar für diesen Gipfel, singen und genießen den Rundumblick. Alle Berge wolkenfrei mit Ausnahme des Großglockners und Großvenedigers. Wir werden ihn aber in den nächsten Tagen ganz klar sehen. Wir bleiben fast 1 1/2 Stunden am Gipfel und merken unten, dass die Sonne ordentlich am Werk war. Nach dem vorsichtigen Abstieg lassen wir es uns auf der Hütte bei gutem Essen, gemeinsamen Singen und Spielen gut gehen. Freudig und müde fallen wir heute ins Lager.  Morgen wird ein langer Tag.

9. Tag: Drei Übergänge hinüber auf die Neue Reichenberger Hütte

See und Gösles WandWie immer stehen wir vor dem Weggehen in der Gruppe zusammen. Wir blicken voraus auf die Route, machen uns davon ein gemeinsames Bild. Der Blick in die Runde zeigt, dass alle „fit und bereit“ sind. „In Gott’s Nam“ gehen wir. Hinauf zum Prägrater Törl (2.846 m)  brauchen wir etwa zwei Stunden. Dort lagern wir auf der Klippe (es geht etwa 200 Höhenmeter senkrecht hinunter) und es entwicheln sich die Morgengespräche in der Morgensonne. Eine wundervolle und entspannte Atmosphäre nach dem morgendlichen Anstieg. Auch wenn unsere Tour heute 6 Stunden dauert, so ist keine Minute „Stress“ angesagt. Das Wetter verleitet zum Müßiggang. Es heißt aber noch zwei Scharten zu nehmen. Vor der Roten Lenke (2.794 m) und dem 300 Höhenmeter Aufstieg dorthin genießen wir die aufgewärmten Steine und das erfrischende Wasser in der Senke. So nebenbei machen wir heute die Gösles Wand (2.912 m) mit. Der Ausblick und das mit Schnee gekühlte Gipfelbier von Hermann wird in vollen Zügen genossen. Der See und die Hütte sind schon in Sichtweite. Ein unglaublich schöner Platz. Im 8 Grad „warmen“ See baden wir und die Abendsonne verleitet nach dem Abendessen zum Rundumgehen. Neue Reichenberger HütteDieses Ensemble (Gösles Wand, See, Hütte, Keeseck, Murmeltiere, Hüttenwirt,…) sollten viele gesehen, gespürt, erlebt haben. Persönlich frage ich mich in solchen Momenten immer wieder: Warum gibt es so viel Fremdenfeindlichkeit, wo Gott die Welt so groß und für alle zugänglich gemacht hat? Die Reichenberger Hütte ist mit 2.586 m die höchst gelegene und für uns in diesem Jahr leider letzte Hütte auf unserer Tour. Wir genießen es, hier gemeinsam unterwegs zu sein.

10 Tag: Absteigen zu und mit den Umbal-Wasserfällen

DabertalDie Sonne, das Frühstück, der witzige Hüttenwirt begrüßen uns am Morgen. Schönstes und warmes Wetter ist angesagt. Uns stehen bis Ströden (Bushaltestelle) etwa 1.300 Höhenmeter hinunter und 5 1/2 Stunden Gehzeit bevor. Eine Stunde hinauf auf die Daberlenke. Durch das Dabertal geht der unglaublich eindrucksvollen Weg kontinuierlich hinunter zur Isel. Der Weg ist gut angelegt und braucht seine Achtsamkeit. Dass hier gestern zwei Radfahrer ihr Fahrrad heraufgetragen haben, schürt weniger Bewunderung bei mir sondern eher Verwunderung. Dort haben Fahrräder aus meiner Sicht. Direkt neben dem Weg blühen Edelweiß und ich denke, dass sie noch da sind, stellt den Wanderern ein gutes Zeugnis aus. Anschauen und nicht mitnehmen. Die Umbalfälle sind eindrucksvoll. Die vielen Höhenmeter  gehen wir entlang der Isel hinunter. Sie stürzt und wir gehen. Bei der Islitzer-Alm, die 1984 von einer Lawine und 1986 von einem Wasserschwall der Umbalfälle weggerissen wurde, kehren wir noch kurz auf eine Buttermilch ein, bevor wir die 20 Minuten hinausgehen nach Ströden zum Bus. Wir nutzen die dortige kleine Kapelle, um unser „Laudate omnes gentes“ zu singen und „Danke“ zu sagen, einander und dem, der das Leben schenkt und begleitet. Der Busfahrer bringt uns durch das schöne Virgental zum Ausgangspunkt nach Glanz zurück. Und wieder bestätigt sich: Weit gehen ist heilsam – alleine und zusammen mit anderen.Umbalfälle

Lasörling Höhenweg
Venediger Höhenweg

 

 

 

Was habe ich versäumt? Nix

ZellerHeute ist eine FB-Freundin aus dem Urlaub zurückgekehrt. So hat sie gepostet: „Auch der schönste Urlaub hat einmal ein Ende: Goodbye Sizilien – Hello Vienna! War zwei Wochen lang Facebook-, Handy- und Mailabstinent, war traumhaft! Frage an Euch: Was habe ich verpasst?“

Nix

49 Gefällt mir hat dieses Posting von Daniela Zeller. Da kann der Urlaub gemeint sein, Sizilien oder das Offline. Von 18 Kommentaren beantworten 16 die Frage klar und immer wiederkehrend: „Nix. Nichts.“ Ein Kommentar bewundert den Hut und eine andere spricht das Robbie Williams Konzert an. Auch mit dem Grundtenor: Das kann ich dir auch vortanzen. Ich selber habe ihr auch gepostet: „Die Welt dreht sich. Also nichts“. Daniela Zeller hat 2x in ihrer beruflichen Beschreibung „Freiraum“ stehen. Was bedeutet diese individuelle Situation von Daniela, dass sie für 14 Tage die „digitale Leine“ abgestreift hat und bei der Nachfrage nach dem versäumten immer wieder „NIX“ kommt. Ich selber habe auch den Urlaub vor mir. Natürlich ist auch da die Frage nach dem „möglichen Freiraum“ in den Bergen Osttirols und an der Küste Cornwalls. Das Smartphone hat meine Kamera mit eingebaut und da ist die Versuchung, das „digitale Ding“ wieder in allen Dimensionen mitzutragen, sehr groß. Ich danke Daniela und vor allem der Bestätigung ihrer FB-Freunde: Digitale Leine ausklinken und digitalen Käfig konsequent verlassen. Ich behaupte: Du versäumst nur nicht NIX, sondern gewinnst sehr viel. Das wirklich analoge, haptische, spürbare Leben wartet auf dich. Urlaub ist Distanz und Neues. Sokrates meint ja auch, dass wir das Gewohnte daheim lassen sollen: “Was wunderst du dich, dass deine Reisen dir nichts nützen, wenn du dich selbst mit herumschleppst.“
Es liegt an einem Knopf, dem „Aus“. Wo ist er jetzt?

 

Wachsen im Glauben heißt bewegen

Mein Referat bei der 27. Sommerakademie der KMBÖ in Melk am 11. Juli 2013 zur Themenfläche „Religiöse Entwicklung von Männern“. Eine Zusammenfassung: 

Sommerakademie Melk KMBWenn es um die religiöse Entwicklung von Männern – und das gilt auch für Frauen – geht, ist sicherlich die erste Frage, die sich jeder stellen soll: Wer und was hat mich in religiöser Hinsicht geprägt? Ich selber wurde mit einem großen Urvertrauen aus der Familie heraus beschenkt. Zutrauen und Vertrauen, offene Kommunikation, Zweifel und Glaube waren authentisch spürbar. Meine Theologie hat sich im Zivildienst bei den Obdachlosen erst wirklich bewähren müssen. Die wirkliche Diplomprüfung war die Straße und das überfüllte Obdachlosenheim mit 200 Männern und wenigen Frauen. Die Geburt der eigenen drei Kinder ist unvergesslich und hat die Haltung der Dankbarkeit bis heute verstäkrt. Einschneidend war die berufliche Entpflichtung nach 30 Jahren Dienst in der Diözese Linz, sowohl hauptamtlich als auch ehrenamtlich in der eigenen Pfarre. In der Zeit habe ich als Presseprecher der Diözese Linz fast ganz oben in der hierarchisch verfassten Bischofskirche hineingesehen und das hat meinem frohen und befreienden Glauben wirklich schwer „geprüft.“

Von der Institution zur Person aufschwingen

Deshalb ist es wichtig, dass wir uns persönlich von der Ebene der Institution, der Normen und Gesetze aufschwingen zu einem persönlichen Glauben, der bestimmten christlich geprägten Werten folgt. Ich übernehme zu 100% Verantwortung für mein Leben, meine Entwicklung und mein Reifen. Instituionelle kirchliche Religiosität ist heute out und spirituelle Community Religion ist im Kommen. Deshalb ist sind die institutionellen Begriffe wie „Kirche“ und „katholisch“ kaum anschlußfähig an weltoffene, ehrlich suchende, den Menschenrechten verpflichteten, auf Gendergerechtigkeit eingestellte Menschen. Papst Franziskus hat in einer der Morgenansprachen sinngemäß gemeint: Reden wir nicht über Kondome, denn sonst verstellen wir den Blick auf das Wesentliche.

Werte, Anerkennung – sinnvolle Tätigkeit und Rituale – Solidarität und das Ganze

Die religiöse Entwicklung orientiert sich an drei  Grundbedürfnissen jedes Menschen nach Werten und Anerkennung, nach sinnvoller Tätigkeit und sinnstiftenden Ritualen und nach Solidarität und dem Erleben, zu einem Ganzen zu gehören. Der Mensch sucht heute selbstbestimmte Community auf persönnlicher Ebene. Das ist die Chance des sozial offenen und anschlußfähigen Teils der Kirche. Bei Werten geht es nicht um propagierte und proklamierte Werte, sondern um authentisch gelebte Biografien. Durch mein Handeln soll kein anderer zu Schaden kommen. Beispiel ist der Bäcker Gragger aus Ansfelden, der mit seinem Scheitern niemand anderen belastet hat. Es geht darum, Verantwortung für das eigene Leben 100%-ig zu übernehmen und diese nicht in irgendwelche Systeme abzuschieben oder sich in einen Zirkel der Verantwortungslosigkeit einzureihen. Jägersätter ist hier eine ganz scharfe Herausforderung. Die Menschen suchen heute Rituale, um ihren zäh dahinfließenden Lebensfluss zu strukturieren und zu bestehen. Ordensgemeinschaften haben hier mit der bewussten Rhythmisierung der Zeit einen großen Dienst an der Gesellschaft zu erfüllen. Oft ist ihnen das in der Tragweite selber gar nicht so bewusst, dass genau das heute gefragt ist. Um den Glauben zu entwickeln, braucht er einen Rahmen, der Freiraum bietet, der ausleeren hilft, abschalten lässt. Die Klosterzelle wird zur höchsten Stufe der Gastfreundschaft (Claus Sendling).

Sharing statt Besitzen

Ich sehe heute eine große Bewegung hin zum Leben im WIR. Sharing gilt heute nicht nur bei der jüngeren Generation mehr als Besitzen. Güter und Ressoucen gemeinsam zu nutzen macht die  Communities von heute aus. Die Idee der „Commons“ hat 2009 den Nobelpreis bekommen (Oström). Diese Entwicklung außerhalb der Hierarchie-Kirche trifft den Grundduktus und die Grundintention Jesu nach einem Leben in Gemeinschaft (Communio). Die KMB, die Pfarren, Bewegungen haben hier die Chance, neue Communities zu ermöglichen. Papst Franziskus sagt selber: „Für frühe Christen stand nicht die Befolgung der Gesetze im Vordergrund, sondern die Bildung einer Gemeinschaft gutwilliger Menschen.“ (Morgenmesse am 7. 7. 2013). Das heißt aber auch, sich vom „drückenden Balast kirchlicher und katholischer Engpässe“ zu befreien.

Movement entwickelt

KMB_Sommerakademie_TransparentWeit gehen ist heilsam. Es wird im Gehen gelöst. Das Gehen entwickelt den Glauben aus meiner Erfahrung als oftmaliger Pilger über weite Streckem am schönsten und am tiefsten. Dabei wird die körperliche Dimension einer Veränderung erlebbar. Die Kraft kommt im Gehen so wie der Glaube durch Leben kommt.  Mental habe ich gelernt, auf ein Ziel hinzugehen und mit den Unannehmlichkeiten des Lebens gelassener umzugehen. Auf der spirituellen Ebene erfahre ich durch das Weitgehen immer wieder eine Vereinfachung und Fokusierung auf das Wesentliche. Das Vater unser mehrmals am Tag an verschiedensten Orten zu beten ist „spirituell spannend“.  Das Gehen lehrt mich: Das Leben kommt mir entgegen und die tiefe Haltung der Dankbarkeit erfasst mich. Ich nenne die Quelle Gott. Was der theologische Begriff Gnade meint, erlebe ich täglich als Geschenk. Der Umgang mit Auf und Ab, die Erfahrung, dass das Leben in einem Rucksack Platz hat, das Alleine-Sein-Können und die Furchlosigkeit sind Zeichen und Anzeiger für einen  erwachsen geworden Glauben. Mut und aufrechte Selbstbestimmung gehören ebenso dazu.  Wenn ein Mensch weit gegangen ist, ist er auch in religiöser Hinsicht sicher nicht stehen geblieben. Movement „garantiert“ ein entwickeltes Leben und einen weltoffenen Glauben. Movement stellt den Menschen immer in neue Beziehungen. Ich erlebe mich als Vagabund und als Brückenwesen.

Die Ellipse als „Weltanschauung“

EllipseDabei hilft mir das Bild von der Ellipse. Die Ellipse ist sozusagen meine Weltanschauung geworden. Sie wird immer mit zwei Brennpunkten konstruiert. Damit lässt sich sehr schön zeigen, dass der Mensch immer in Beziehung ist und alles im Leben ein Gegenüber hat und eine Ergänzug braucht.  Wer glaubt, den EINEN Punkt zum Einstechen des Zirkel im Leben zu finden, ist enggeführt, neigt in Folge zum Fanatismus. Selbst wenn wir bei Gott „den Zirkel einstechen“ sucht der das Gegenüber im Menschen. Mann Frau, rechter linker Fuss, Gott Mensch, Eltern Kinder, Vergangenheit Zukunft, Diözese Bischof, hierarchisch synodal, Erfolg Scheitern, mehr weniger, Geburt Tod, … sind nur einige Ellipsen, die das Leben konstruieren. Die Ellipse kann nicht mit dem Zirkel fertigkonstruiert werden. Die letzten Verbindungslinien müssen mit der Hand gezeichnet werden. Das macht diese „Weltanschauung“ noch sympathischer.

Was du denkst, das bist du. Was du bist, strahlst du aus. Was du ausstrahlst, bekommst du zurück.

Ich teile die „gemischten Gefühle“

Jägerstätter Sommertheater HaagHeute am 8. Juli 2013 hat „Wir sind Kirche“ eine Presseaussendung ausgeschickt, die ich voll inhaltlich teile. Es geht um die eingeleiteten Heiligsprechungen der beiden Päpste Johannes XXIII und Johannes Paul II. Ich sehe genau diese Ambilvalenz, die offensichtliche Kirchenpolitik und die sprudelnde Einnahmequelle „vatikanischer Gutachter samt ihren Familien“. Genau aus diesem Grund lassen zum Beispiel die Salvatorianer ihr Seligsprechungsverfahren für ihren Gründer ruhen. Wer das Stück „Jägerstätter“ beim Sommertheater in Stadt Haag gesehen hat, versteht noch mehr den spontanen Ausspruch von Josef Ahammer bei Requiem von Franziska Jägerstätter im Linzer Mariendom: „Jetzt trifft die Heilige ihren Seligen.“

Der Wortlaut

„Die Ankündigung der Heiligsprechung von Johannes XXIII. wird von einem großen Teil der Menschen freudig begrüßt, die von Johannes Paul II. zumeist hingenommen. Die Entscheidung trägt den Geruch des Kompromisses zwischen dem in die Moderne aufbrechenden Teil der römisch-katholischen Kirche und jenem, der wichtige Ergebnisse des letzten großen Konzils am liebsten ungeschehen machen will. Dazu kommt die grundsätzliche Frage, wozu brauchen wir „Heiligsprechungen“ überhaupt? „Wir sind Kirche“ freut sich, dass der von einer großen Mehrheit im Kirchenvolk geschätzte Konzilspapst, Angelo Giuseppe Roncalli, unter dem neuen Bischof von Rom wieder zu Ehren kommt. Gerade seine Person und seine bedeutenden Leistungen für den Aufbruch der Kirche in die Neuzeit wurde in den letzten Jahrzehnten von der Kirchenleitung verschwiegen, versteckt oder sogar wenig schmeichelhaft kommentiert. Das Johannes XXIII. von seinem Amtsnachfolger – ohne Wunder – nunmehr heilig gesprochen wird, löst Freude und Genugtuung aus. Demgegenüber wird die ebenfalls angekündigte Heiligsprechung von Johannes Paul II. nur von wenigen enthusiastisch im Kirchenvolk aufgenommen. War er es doch, der den rückschrittlichen Kirchenkurs unter der theologischen Federführung von Joseph Kardinal Ratzinger einleitete und bestätigte. Der Pole Karol Józef Wojtyla trug zwar zur politischen Öffnung und Wende in seinem Heimatland bei, innerkirchlich jedoch verurteilte und behinderte er die „Theologie der Befreiung“. Sie war ihm zu politisch, ja sogar kommunistisch. Seine politische Einseitigkeit ist auch daran zu erkennen, dass er mit den Putschisten gegen Präsident Salvador Allende in der Kapelle, wo der Chilenische Staatsmann erschossen wurde, Eucharistie feierte und diese Ereignisse nicht zur Sprache kamen. Die Bilder der öffentlichen Zurechtweisung von Ernesto Cardinal auf dem Flughafen von Managua sind vielen Menschen noch in Erinnerung. Dieser gehörte als Bildungsminister Nicaraguas dem Empfangskomitee für den Papst an. Johannes Paul II. war es auch, der die Selig- und Heiligsprechungen einer Inflation zuführte. In seinem Pontifikat wurden so viele vorgenommen, wie die ganze Zeit der Päpste davor nicht. Gleichzeitig wurden sie zu einer bedeutenden Einnahmequelle des Vatikans entwickelt.

Vorbilder der christlichen Gemeinschaft, wie Franz und Franziska Jägerstätter oder der el salvatorianische Märtyrer-Erzbischof, Oscar Arnulfo Romero, die die Menschen bewegen, brauchen zu ihrer Verehrung weder große Wunder noch vatikanische Bestätigungen. Ihr Beispielcharakter benötigt keine Wunder. Ihr Leben und ihr Wirken reichen völlig aus. Das gilt auch für Johannes XXIII.“

Welt der Frau Pilgerreise „Weitgehen auf der Via Porta“ von 12.10. bis 20.10.2013

So steht es in der aktuellen Welt der Frau. Wird sicherlich eine schöne und spannende Pilgerreise, bei der die Füsse viel Bewegung machen:

volkenrodaGemeinsam Pilgern und bereichernde Begegnungen erleben – eine geführte » Welt der Frau-Pilgerreise « mit Ferdinand Kaineder. Chefredakteurin Christine Haiden wird die Pilger bei 2 Etappen begleiten. Die Via Porta ist der ökumenische Pilgerweg zwischen der kath. Zisterzienserinnenabtei im bayerischen Waldsassen und der evangelischen Jesusbruderschaft in Volkenroda in Thüringen, in der einzigartigen Schönheit der Naturlandschaften am sogenannten „grünen Band zwischen Bayern und Thüringen“.

VIA PORTA führt von einer katholischen Abtei zu einem evangelischen Kloster, es ist also ein wahrhaft ökumenisches Projekt. Der Weg führt auch von einem sogenannten „alten Bundesland“ in ein „neues“, von Bayern nach Thüringen. Es fiel damals nicht nur eine Staatsgrenze. Es tat sich viel mehr. Heute kann VIA PORTA sicher auch dazu mit beitragen, eine in so manchen Köpfen noch vorhandene „Grenze“ und Bremse mit abzubauen. Und in zwei Etappen führt VIA PORTA auch durch Tschechien. Jetzt dokumentiert der Pilgerweg echte, grenzüberschreitende Zusammenarbeit, praktiziertes europäisches Denken. Hier wird Europa zur Realität.

Neben den 7 Pilger-Etappen wird auch Zeit für Begegnungen mit Menschen und Projekten, die in dieser Region in den Bereichen Umwelt, Soziales oder Spiritualität etwas bewegen und verändern, sein. Ferdinand Kaineder ist die Via Porta bereits gegangen und stellt diese im neuen Pilgerbuch „Neue Wege – 17 Pilger-Routen die verändern“ vor. Er wird diese geführte Welt der Frau-Pilgerreise begleiten.

_volken_v4„Das Gehen öffnet die Seele und das Gemüt.
Gehen verändert den Menschen.
Nicht nur körperlich, vor allem innerlich.“
(Ferdinand Kaineder)

Reiseinformationen:
Anreise ab / bis Linz mit modernem Reisebus
Gesamtgehstrecke von Waldsassen bis Volkenrode: ca. 150 km, aufgeteilt in 7 Tagesetappen zwischen 14 km und 22 km (Gepäck wird mitgetragen) und zwei Bustransfers.
Besondere Orte am Weg: Klöster Waldsassen und Volkenroda, Nationalpark Hainich (größtes Laubwaldgebiet Deutschlands und unglaublich vielfältige Flora und Fauna), Rennsteig (historischer Grenzweg und Weitwanderweg im Thüringerwald)
Reisebegleitung: Mag. Ferdinand Kaineder (Kommunikationslotse, Theologe, Coach)
Organisation: WELTANSCHAUEN, ein Projekt von Amigotour Graz, www.weltanschauen.at
Preis inkl. Halbpension im DZ, Transfers, Begleitung, Begegnungen, Eintritte: max. EUR 890,–

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