Ein Friedhof ohne Einzelgräber in St. Gerold in Vorarlberg

Der Tag Allerseelen ist mir eigentlich lieber als Allerheiligen. Er ist frei von „Feierlichkeit“.  Die Seligpreisungen sind natürlich in Anbetracht der Heiligen, die in der Spur Jesu gelebt haben, eine der wesentlichsten Impulse für unsere Gesellschaft, wo alles auf Sieger, auf Goldmedaillen, auf Gewinn und Mehr ausgerichtet ist. Da gibt und gab es Menschen, die diese alternative und anders wertschätzende und wahrnehmende Spur Jesu voll aufgenommen haben. Die Heiligsprechungen sind mir dann aber doch wieder etwas aus der Spur gekommen, wenn sie wie in den letzten Jahren inflationär geworden sind. Allerseelen nimmt genau diesen „Stress“ heraus. Da wird unterschiedslos aller Menschen gedacht. Da ist selbst das Heiligen- und Seligen-Ranking ausgeschaltet. Der himmlische Hierarchie-Druck ist heraus. Es geht um die Vollendung aller Seelen, aller Lebensentwürfe und Lebensgeschichten. Dort in der Vollendung ist nicht Zeit, Raum und Hierarchie, wie wir sie uns vielleicht in der „Verlängerungsachse Welt Himmel“ vorstellen.

St. Gerold in Vorarlberg

Wäre Wien und Oberösterreich nicht so weit von Vorarlberg entfernt, hätte ich mich nochmals auf den Weg gemacht. Es ist etwa 20 Jahre her, dass ich mit meinen damaligen AusbildungskollegInnen im Rahmen unserer Österreichkonferenz in der Propstei St. Gerold im großen Walsertal war. Heute liest man auf der Website „Ort der Begegnung und Sinnfindung“. Pferdetherapie war damals schon etabliert und Künstler waren dort zu Hause. Die Patres von Einsiedeln sind 1947 wieder zurückgekehrt, nachdem sie in der NS-Zeit als unerwünschte Ausländer „abgeschoben“ wurden. 1958 kam Pater Nathanael Wirth nach St. Gerold und ihn haben wir eben vor etwa 20 Jahren getroffen. Er hat die Propstei „geöffnet“ und ins heute geführt.

Der beeindruckende Friedhof

Waldstimmung_11_2013Am meisten ist bei allen Schilderungen bis heute der Friedhof in Erinnerung geblieben. P. Nathanael hat einen radikalen theologischen Gedanken mit und zum Teil gegen die Menschen „durchgezogen“: Im Himmel sind wir alle gleich. Wir wissen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Es bleibt uns nur jene Liebe, die wir verschenkt haben. Mit der Geburt und der Taufe hat uns Gott „beim Namen gerufen“. Einzig der Name ist das Bleibende. Das hat P. Nathanael auch  am Friedhof „durchgezogen“. Es wurden alle Einzelgräber eingeebnet und jede und jeder bekommt an der Friedhofmauer ein Schild mit den Vornamen und dem Familiennamen. Das ist es. Der Anblick des Friedhofs ist mir bis heute als „starkes Bild“ eingeprägt. Die Friedhofmauer mit den Namensschildern, die schöne grüne Wiese und die Blumen in der Mitte der Wiese ohne individuelle Zuordnung. Das letzte Grab, das damals in den 60-er Jahren eingeebnet wurde, war das einer Priestermutter, weil der Sohn sich lange geweigert hat. Wir in Kirchschlag haben am Friedhof die Vorschrift, dass es nur Metallkreuze und keinen Stein geben darf. Das ist nicht einfach zu erklären, wo mir der Steinmetz vor längerer Zeit lange erklärt hat, „dass man mit Stein besser trauern kann“. St. Gerold ist hier ganz radikal: Es genügt der Name. Ein Namensschild unter allen. Du bist bei deinem Namen gerufen.  Allerseelen. Ein unglaublich starkes Zeichen, worauf es im Himmel und auf der Erde ankommt. Loslassen auf die Vollendung hin.

Wagenhofers Alphabet ein großes Plädoyer für mehr Freiraum und absichtlose Beziehung

alphabet_3alphabet_3alphabet_1alphabet_1alphabet_1alphabet_3In letzter Minute erreiche ich das Kino. Keiner mehr im Vorraum. Schon mehrmals wollte ich den Kinofilm von Erwin Wagenhofer „Alphabet“ anschauen. Im Innersten habe ich gespürt, dass das ein „Pflichtfilm“ ist. Die Auswahl der Plätze ist noch groß. Der kleine Kinosaal ist fast leer. Es erfasst mich eine gewisse Enttäuschung. Warum wollen so wenge diese befreienden Bilder und Botschaften sehen und hören. Da wird durch alle politischen Ebenen „die Bildung“ diskutiert und dieser Film wird ignoriert. Typisch Österreich, typisch Wien. Typisch. Ich nehme Platz und werde diese Geschichten, wie Bildung geht, entsteht, wächst und gedeiht in mich aufnehmen.

Freiheit und Beziehung

alphabet_2Alle Details kann und will ich hier nicht nacherzählen. Den Film „muss“ jede und jeder selber gesehen haben. Es hat mich jede Minute angesprochen. Die Grunderkenntnisse des Filmes haben mich gestärkt und ermutigt. Das kranke „Konkurrenzsystem“ im Bildungsbereich wird anschaulich dargestellt. Alternativen zum durch „Total-Ökonomisierung durchsetzen Bildungssystem“ werden ganz deutlich angesprochen und anhand von guten Beispielen erläutert. Die Quintessenz des Filmes lautet: Gebt den Kindern Freiraum und lasst sie in absichtsloser Beziehung in eurer Nähe aufwachsen. Lasst Vergleiche nicht aufkommen (Pisa), den jede und jeder ist in seinen Fähigkeiten einzigartig. Hört auf mit dem Vollstopfen mit Wissen und dem paramilitärischen Drill. Prof. Hüther kommt genauso zu Wort wie andere namhafte Menschen als „liebende ExpertInnen“. Ich gehe genährt aus dem Kino und am Heimweg springt mich in der unmittelbaren Nachbarschaft wieder ein Spruch auf einen T-Shirt an: „Ich möchte durchbrennen in meine Welt.“ Es trifft den Film: Lasst die Kinder und Jugend durchbrennen in ihre Welt. Hindert sie nicht daran. Das Kind will und wird blühen.

Film Alphabet

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Die Natur ist keine Bühne

Bayern„Es gibt heute dreijährige Kindergartenkinder, die auf einem ganz normalen Waldboden Schwierigkeiten haben zu gehen“, weiß die erfahrene Kindergartenpädagogin, die sich dem Thema Kinder im Wald verschrieben hat. Mir fallen dazu zwei Begebenheiten ein. Vor mehr als 25 Jahren bin ich jedes Jahr mit meiner Firmgruppe zu Frau Molterer in der Spittelwiese 15 gegangen. Sie war weit über 90 Jahre. Sie hat aus ihrem Leben erzählt und die Jugendlichen waren dabei immer total aufmerksam. Frau Molterer war von ihrem Lebensvorzeichen ein positiver Mensch, obwohl sie es nie leicht hatte und viele Hindernisse und Schwierigkeiten überwinden musste. Am meisten hat mich allerdings immer ihre Einschätzung in Richtung „heutiger Jugend“ (damals von 25 Jahren) beeindruckt: „Ihr jungen Leute habt es heute viel schwerer als wir in unserer Jugend. Wir hatten zwar nichts, aber wir hatten einander. Außerdem hatten wir Boden und Dreck unter den Füssen. Ihr habt nur mehr Asphalt. Ihr seid sozusagen die Asphalt-Kinder.“ Sie hat das nicht abwertend gemeint, sondern eher ermutigend: Geht hinaus in die Natur, auf die Berge, in den Wald.

Das Waldhaus und die Kinder

kinderimwald_1Bei meinem 24-tägigen Weitgehen im Mühlviertel, am Goldsteig und auf der Via Porta im Frühjahr 2012 bis hinauf ins Kloster Volkenroda bin ich im Bayrischen Wald nach einem langen Gang durch einen Wald am Waldrand auf eine Hütte getroffen. Es war Ende März und ich war etwas überrascht, dass dort etwa 25 Kinder „herumgekugelt“ sind, am Waldrand, weit hinunter auf der Wiese und rund um die Hütte. Als Local Detective war ich natürlich neugierig. Was ist das? Wer ist da? Wer ermöglicht den Kindern am Vormittag in der Vormittagssonne diesen Freiraum in der Natur? Es war ein privater Kindergarten, der als einzigen Stützpunkt diese kleine Hütte hat und sonst die gesamte Zeit im Wald, auf der Wiese, in der Sonne und im Regen verbringt. Ich selber war schon tagelang durch Wiesen und Wald unterwegs. Die Seele hat sich durch die wunderbaren Naturbilder genährt. Bewegung ist uns angeboren und Körper und Seele finden im Gehen den „Ur-Rhythmus“. Jetzt treffe ich diese Kinder. Sie dürfen. Sie probieren. Sie spielen. Alleine und gemeinsam. Erleben“hautnah“ Sonne und Regen. „Gefällt es euch da?“, habe ich zwei Kinder am Waldrand nach einem langen Gespräch mit der Kita-Pädagogin gefragt: „Wir bleiben da, bis die Sonne ganz weit dort drüben ist.“ Und sie zeigen ganz fachmännisch nach Westen.

Boden oder Bühne

kinderimwald_2„Wir wollen mit den Kindern zu viel“, haben schon viel PädagogInnen gemeint. In der „Bildungsmaschinerie“ ist das genaue Gegenteil im Gange. Kinder werden durch Bildungs-Programme geführt oder sogar getrifen, sie lernen, mit Fremdbestimmung fertig zu werden. Oft habe ich den Eindruck, Werbung, Fernseher und Internet vermitteln ein Bild, als ob es darauf ankäme, auf der Bühne des Lebens zu bestehen. Wir lernen Spielabläufe und Rituale, wie wir uns am besten darstellen und die Goldmedaille erringen. Rankings everywhere. Die Gesellschaft schürt in einem fort: Es ist  nie genug. Wir dürfen also nie bei uns selbst sein. Bist du mit dir und anderen zufrieden, dann kann etwas nicht stimmen. Laufen. Die digitalen Räume haben ohnehin eine eigene Geschwindigkeit und wollen den Menschen nicht zu sich kommen lassen. Vorgestern nimmt ein Freund im Kaffeehaus sein Handy zur Hand und schreibt auf Twitter #microlangeweile, während ich unterwegs bin zum Ort der Orte. Gerade für Kinder gilt: Dort, wo es langweilig oder fad wird, besteht im Umfeld der Natur und Gemeinschaft die Chance, dass etwas ganz Neues entsteht, auftaucht, entdeckt wird. Wenn Christine ihren Beruf und ihre Berufung darin sieht, Kinder im Wald ein neues Leben zu eröffnen, dann weiß sie aus Erfahrung: Kinder entdecken dort ihr eigenes, ganz persönliches Leben, ihre Fähigkeiten, Grenzen und Talente.  Und das gemeinsam. Das macht Spaß. Für alle. Und Boden unter den Füssen.

Kinder im Wald

 

 

Im alten Fahrwasser angekommen

WiederverheiratetEs hat sich angedeutet. Wir wollten es in der franziskanisch genährten Hoffnung nicht glauben. Der Papst spricht zwar in seinen morgendlichen Predigten die Dinge direkt beim Namen an. Dieser Tage: Geld kann nicht der Mittelpunkt sein. Der Bischof von Limburg fühlt sich allerdings am selben Tag nach der 20-minütigen Audienz „gestärkt“.  Heute wurde wieder einmal klar. Die „Abteilungsleiter“ wie der Glaubenspräfekt Ludwig Müller gehen in der Umsetzung die alten und eigenen Wege. Sie haben das „harte und herzlose Fahrwasser“ nicht verlassen. Es geht nicht um Werte und menschliche Wärme, sondern um Gesetze und Normen. Diese sicher falsche und daher  folgenschwere Botschaft heute aus dem Vatikan kann im Sinne Jesu nicht so stehen bleiben: Keine Sakramente für Wiederverheiratete.

Direkt am Leben vorbei

„Nach geltender kirchlicher Lehre könne es in dieser Frage keine Ausnahmen geben, so Müller. Der Umgang mit dieser Personengruppe dürfe „nicht aufgrund der verschiedenen Situationen modifiziert werden“ oder einer Gewissensentscheidung der Betroffenen anheimgestellt werden, schreibt er in einem Gastbeitrag für die vatikanische Zeitung „Osservatore Romano“. Das Gesetz steht damit über dem Menschen. Modifizieren, hinhören, Wege finden, aufrichten war die Sache Jesu in seinen vielen empathischen Begegnungen mit Menschen auf Augenhöhe. Menschen haben sich aufgerichtet, wurden geheilt. Und das persönliche Gewissen und die Entscheidung danach wird wieder einmal gering geachtet. Seliger Franz Jägerstätter, bitte für unsere Amtskirche. Genau diese Sichtweise geht direkt am Leben vorbei.  Es trifft mich persönlich, weil in vielen persönlichen pastoralen Gesprächen sich Menschen zu einer Entscheidung durchgerungen haben, sich in und an den Sakramenten stärken zu lassen. Sie werden wieder zweifeln, zurückgeworfen. Und sie werden auf „diese Kirche“ sauer sein, weil sie nicht fähig ist, mit dem Scheitern adäquat umzugehen.

Der momentane Mix

panoptikumIch lade hier ein, den eingefügten Screenshot nebenan in seiner Themenstellung genauer zu meditieren. Zulehner ist noch von der Hoffnung auf Veränderung von oben inspiriert und rät zum Warten. Der Limburger „Lügen- und Protz-Bischof“ (Der Spiegel) darf nicht nur weiter zelebrieren, sondern auch kommunizieren. Gänswein stellt die Rinnen zum alten Fahrwasser her, getarnt als Brückenbauer zwischen emeritiertem Papst und aktivem Bischof von Rom. Und nicht nur im Vatikan, sondern in Deutschland und Österreich ist das Geld der Kirche Thema. Der Soziologe Hochschild hat einmal sinngemäß gemeint: „Die Probleme der Kirche sind keine Probleme der Welt (Säkularisierung), sondern Probleme der Kirche.“ Dieser Themen-Mix heute am 22. 10. 2013 um 21.00 Uhr auf religion.orf.at zeigt: Die Amtskirche arbeitet wieder taff an der eigenen Vernichtung oder in der Werbesprache ausgedrückt am „katholischen Alleinstellungsmerkmal“. Jetzt sind wieder die Ordensgemeinschaften gefragt, den „Freiraum für Gott und die Welt zu schaffen“. Und jedem Getauften sei in Erinnerung gerufen: Die Kirche dieses Jesus von Nazareth gibt es wegen der ganz konkreten Menschen heute, nicht wegen und für die Bischöfe. Es tut mir leid. Aber: Wer 52 Tage nach Assisi geht, dem kommen solch klaren Gedanken. Kirche tun, dort wo wir stehen und wie es die Menschen brauchen.

 

Pilgern im Wir von Waldsassen nach Volkenroda auf der Via Porta

1_IMG_501423 Personen brechen auf. Wir kennen einander nicht, nur zwei Ehepaare sind jeweils einander vertraut. Welt der Frau hat eingeladen und das Reisebüro Weltanschauen war mit der Vorbereitung der Reise betraut. Die Chefredakteurin Christine Haiden erhöhte die Zahl für drei Tage auf 24. Ich durfte als Weg- und Pilgerbegleiter „mitgehen“. Meine Erfahrungen vom März und April 2012 (24 Tage) flossen als eine der internationalen Routen in das Buch „Neue Wege“  ein. Die erste „Reise“ sollte ins Kloster Volkenroda führen. Insgesamt standen 9 Tage zur Verfügung. An acht Tagen sind wir insgesamt mehr als 150 Kilometer gegangen, bei jedem Wetter.  Die „vorgenommen und geplanten“ Strecken auf der Via Porta sind wir gepilgert. Alle sind am Ziel zu Fuß angekommen. Das war bewegend, nicht nur für mich.

Gehen führt Menschen zusammen^^

2_IMG_5076Die erste Fuß-Strecke von Mitterteich hat nach einer 4,5 stündigen Busfahrt alle in Bewegung gebracht. Nicht wenige waren dabei, die noch nie mit Rucksack mehrere Tage unterwegs waren. Zwei waren schon alleine wochenlang als Pilger am Jakobsweg unterwegs. Unterschiedlichste Voraussetzungen für unsere gemeinsamen Tage. Die Erfahrung lehrt, dass sich in den ersten drei Stunden eigentlich alle „Begrenzungen“ (Blasenandeutungen, Rückenbeschwerden, Rucksackgewicht) zeigen. Jetzt heißt es, sie gut und positiv in der Gruppe auf den Weg hin zu transformieren. In der Abtei Waldsassen kommen alle an. Wir sind in Bewegung und bekommen eine wunderbare Bleibe. Sr. Sophia zeigt uns des nächstens die wunderbare Bibliothek und somit war die Welt rein äußerlich wieder in Ordnung. Es zeigt sich: Es geht für und mit allen.
[Mitterteich – Abtei Waldsassen]

Weites Gehen ist heilsam

3_IMG_5132Von Waldsassen brechen wir etwas gespannt auf nach Hohenberg an der tschechischen Grenze. Erstmals begegnen wir dem „grünen Band“ und der unglaublichen Naturvielfalt bei unserem Gehen und Pilgern im weitläufigen Gelände. Das Wetter ist uns gnädig und lässt uns im Trockenen gehen. Beim Gespräch mit der Leiterin des internationalen Jugendbildungszentrum stellt sich heraus, dass gerade diese Ecke Bayerns durch die Pleite der Keramik und Glasindustrie („Man bekommt ja heute alles billigst aus China.“) mit groben Problemen zu kämpfen hat. Die frühere Jugendfürsorgerin weiß genau bescheid über den Drogen-Umschlagplatz in dieser Gegend. Wir spüren: Unser Pilgern ist ein „Welt anschauen“. Das stundenlange Gehen hat müde und hungrig zugleich gemacht. Das gewohnte Mittagessen wurde individuell überbrückt. Eine abendliche Runde im Sinne von „Zeit für Jetzt“ war sehr persönlich und jede und jeder schilderte die Motivation für das Mitgehen und woher er oder sie kommt. Tief berührt und bereichert gehen wir früh schlafen. Ein großer Schritt zum Wir, zum  Zusammenwachsen zu einer Pilgergruppe ist geschehen. Es wird schon gesungen.
[Waldsassen – Hohenberg]

Weite Wald- und Feldwege und Improvisation

4_IMG_5274Der Geh-Motor ist bei allen angesprungen. Schmerzhafte Begleiter in Form von Blasen oder leichten Rückenschmerzen sind mit dabei. Aus Erfahrung sage ich: Das ist normal in einer so großen Gruppe. Mit Erfahrungen und Material wird einander das Gehen leichter gemacht. Mein Impulse führen auch dorthin, das ganze Leben zu sehen. Ich selber spüre die kleine Zehe. Wohlgemerkt: Spüre und sie schmerzt nicht. Die erste Geh-Etappe beschließen wir in Marktleuthen. Der Bus bringt uns nach Lehesten am Rennsteig in Thüringen direkt in den Schieferpark. Der ehemalige Geschäftsführer gibt uns einen sehr persönlichen Einblick in die Zeit des Schieferabbaues, des Rückganges und schließlich der Schließung und Flutung der Grube. Wir spüren seine inneren Schmerzen. Wehmut liegt im kalten Raum. Wir schauen wieder ein Stück Welt ganz authentisch und erlebbar.
[Hohenberg – Marktleuthen]

Es muss auch geregnet haben

Hier stand der StacheldrahtWer nur bei Sonne unterwegs ist, hat das halbe Pilgerleben versäumt. Deshalb hat es am vierten Tag in aller Frühe stark geregnet. Wir haben uns alle regenfest gemacht. Wir gehen trotz starkem Regen. Eine eigene Erfahrung. Noch dazu an dem Tag, wo wir mehrmals die Todesgrenze und das ehemalige Sperrgebiet durchpilgern. Zeit, ein weniger stiller zu sein und die Gespräche auf diese dunklen Jahre der Grenzziehung zu lenken. Ein Mahnmal für die umgekommen Flüchtenden lässt uns ruhig werden. In Spechtsbrunn übernachten einige, andere in Lichte. Sie ist jener Teil unserer Gruppe, „der im Lichte war“. Der Wirt lässt uns wissen, wie voll die Gaststube früher war und wie wenige heute in diese Grenzregion kommen. „Früher war nicht alles schlechter“, ergänzt er unverbittert unser „Wissen“. Es hat auch nicht den ganzen Tag geregnet, auch wenn es der Regentag war.
[Lehesten – Spechtsbrunn]

Der Wald als Schutzmantel

6_IMG_5393Früh am Morgen brechen wir auf. Der Nebel begegnet der Sonne über Spechtsbrunn. Das weite Land wird mit Wattebauschen berührt. Eine zarte Stimmung liegt in der Luft. Unser Morgenimpuls geht über und mit diesem Land, das so lange eine Trennlinie war. Ab jetzt bleiben wir am Rennsteig in Thüringen. Die Wege sind nass und doch so wunderbar. Der Wind lässt die Bäume über uns wanken, nicht aber unser Füsse und unsere mentale Kraft. Ein schönes und starkes spirituelles Band hält unsere Gruppe zusammen, ein „mentales Gummiringerl“. Der Aussichtsturm steht da. Im Nebel. Wer hinaufgeht, kann den Nebel noch viel deutlicher Sehen. Das tut unserer positiven Stimmung keinen Abbruch. Der Wald schützt uns heute. Der Nebel hat seine Reize und in Limbach glauben wir am Ziel zu sein. Nein. Das Gasthaus Thomas Müntzer ist 2 km in Richtung Tal. Ein Neuaufbruch ist auch für 2 km gar nicht so leicht. Dafür erleben wir einen gesprächigen und taffen Wirt, der als ehmaliger Heimleiter des Hauses privat investiert hat und eine tolle Arbeit macht.
[Spechtsbrunn – Limbach Gasthaus Müntzer]

Wehmut am Fenster

7_IMG_5457Der Tipp des Wirtes ermöglicht uns einen wunderbar gleichmäßigen Aufstieg zurück zum Rennsteig. Es muss ein alter Weg hinunter in die Mühle gewesen sein. Kaolin wurde hier abgebaut und in der alten Mühle im Tal gemalen und so wieder zurück zur Verarbeitung gebracht. Auf der Friedrichshöhe, der kleinsten eigenständigen Gemeinde mit ca. 30 Einwohnern, kehren wir ein im Gasthaus „Zum Rennsteig“. Eine allgegenwärtige Bezeichnung. Nach unserer Rast warten wir vor der Tür zusammen und einige beginnen zu singen. In Sekundenschnelle war eine Mehrstimmigkeit da. Die alte Wirtin steht am Fenster und hört sichtbar wehmütig zu. Genau das muss früher oft der Fall gewesen sein am berühmtesten Weitwanderweg Deutschlands, „Am Rennsteig“. In Masserberg angekommen, kommt uns der Bus schon entgegen, der uns nach Behringen überstellt.
[Limbach – Masserberg]

Gott vergessen

8_IMG_5596Das Schlosshotel Behringen nimmt uns auf. Wir besuchen den evangelischen Pfarrer der Gemeinde. Das offene und ehrliche Gespräch lässt uns die Welt wieder neu schauen. „Die Menschen haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben.“ Das trifft. Sonntagsgottesdienste werden nicht mehr regelmäßig gefeiert, weil keine Mitfeiernden kommen.  Leere Riten finden keine Menschen. Er selber ist ein bunter Vogel. Er kann gut mit der Jugend. In der Baude am Weg nach Weberstedt erzählt uns der Hüttenwirt, „dass der Uwe sehr viel bewegt, vor allem bei der Jugend.“ Für mich ist fast unerträglich, die Sonntagsgemeinschaft zu verlieren. Der Übergang durch den Nationalpark „Hainich“ ist nächsten Tag unglauchlich nährend. So viele Farben ist der Herbstsonne im größten Laubwald Deutschlands vergoldet auch die eigene Seele. Den Abend in der Herberge verbringen wir singend und fast ein wenig „ausgelassen“. Wir spüren, dass wir schon nahe am Ziel sind.
[Behringen – Weberstedt]

Ankommen und ganz tief durchatmen

9_IMG_5814Die letzen 23 km waren freudig und „zach“ zugleich. Die erste Hälfte war  auf Gehwegen zwischen den Ortschaften bis nach Altengottern. Dort haben wir in einem Gemeindezentrum etwas zu trinken bekommen. Es war kalt und der Bodennebel hat sich in die Kleidung und das Gemüt eingeschlichen. Die letzten 11 km gingen entlang von riesigen Feldern. Vögel und Insekten haben hier keinen Raum. Wir stellen uns alle Natur vielfältiger vor. Auch die landwirtschaftliche Nutzung sollte das berücksichtigen. Die letzten 2 km geht es bergan zum Kloster Volkenroda. Zwetschkenbäume halten uns auf. Die Natur will uns noch nähren, bevor wir „freudig müde und andächtig“ die fast unscheinbare Klosteranlage betreten. Wir gehen in die die älteste erhaltene Zisterzienser-Kirche, die heute das Zentrum der ökumenischen Kommunität ist. Wir setzen uns einfach nieder und atmen durch. Wir sind da. Einige haben Tränen in den Augen, weil sie es geschafft haben. „Dankbarkeit“ ist das Wort, das uns erfasst und weniger „Leistung“. Wir beten das Vater unser und singen mehrere Lieder. Wir sind 91_IMG_5834zusammen gegangen, gewachsen. Im mehrstimmigen Singen spüren wir das „Wir“, das sich entwickelt hat. Sr. Johanna zeigt uns die Pilger-Unterkunft, den Christus-Pavillon und das Kloster. Lothar lädt uns ein, an der „Sonntagsbegrüßung“ teilzunehmen. Ein tiefes Ritual in Anlehnung an das Judentum. Singen, beten, Kerze anzünden und Agape bei Brot und Wein. Am Sonntag feiern wir noch den Gospel-Gottesdienst mit. Ein wunderbare Stimmung und ein ganz kräftiger Ort im vereinten Europa. Frau Ulrike Köhler, die Initiatorin des Wiederaufbaues und Mitglied der Kommunität von Ledigen und Verheirateten sitzt vorne mit ihrem Mann und zwei der sechs Enkelkinder.
[Weberstedt – Volkenroda]

Bitte um Verständnis bei den MitpilgerInnen: Es lässt sich nicht alles in Worte fassen.

Kloster Volkenroda

Via Porta

Abtei Waldsassen

 

 

 

 

 

 

Wer ist zu viel auf dieser Welt

Population Boom“ war der Film, den ich heute überraschender Weise gesehen habe. Gesucht habe ich „Alphabet“ von Erwin Wagenhofer. Der kommt aber erst am 11. Okt in die Kinos in Österreich. Das Thema „Überbevölkerung“ ist für einen über 55-Jährigen ein „lebensbegleitendes Schlagwort“. Da waren in den 80-er Jahren 5 Milliarden Menschen auf dieser Weltkugel und 2011 waren es schließlich 7 Milliarden. Nach „Plastic Planet” ist der neue Film von Werner Boote diesem „Märchen der Mächtigen“ nachgegangen.

Ein Zuwenig an Teilen

populationboomWerner Boote reist durch die ganze Welt und nimmt Szenen auf, die den Widerspruch zeigen zwischen der „Geschichte Überbevölkerung“, die  erzählt wird, und dem vielen freien Land, dass man zum Beispiel in Afrika vor die Linse bekommt. Er spricht mit den namhaften ExpertInnen. Die Bilder sind unspektakulär eingefangen. Überrascht hat mich im Kino das Gedankenspiel, das auch meinem Nachbarn fast unheimlich vorgekommen ist. Würden alle 7 Milliarden WeltbewohnerInnen nach Österreich kommen, wie hoch wäre der „Menschenberg“. Das Märchen der Überbevölkerung ist tief in uns eingedrungen. Stopp: Jede und jeder der 7 Milliarden hätte in Österreich – ja in Österreich – 11 m² zur Verfügung. Also ein kleines Zimmer und nirgends ein Menschenberg. Bilder und Erzählungen wirken. Wir haben nicht ein Zuviel an Menschen, sondern ein Zuwenig an Verteilung. Weltbank, Eliten, Politik, die Total-Ökonomisierung sind die „Verursacher“. Boote fährt am Ende des Filmes mit einen total überfüllten Zug in Bangladesch mit. Diesen überfüllten Zug gibt es nur einmal im Jahr am Ende der großen muslimischen Wallfahrt, an der 5 Millionen teilnehmen. Bei wird der Eindruck erweckt, als ob dieser Zug täglich so überfüllt wäre. Dort sagt Boote am Dach des Zuges im Fahrtwind, so sich alle gegenseitig sichern: Es sind nicht zu viele Menschen, sondern es kommt auf das Wie des Zusammenhaltes an. Und: Bevölkerungen mit Nachwuchs werden weiterleben. Nicht die reichen sich abschottenden Länder. Nur Mut: Der Film ist sehenswert.

 

Responsiv, robust, dornig: Die Tiefe Praxis der Liebe

Stärke unseren Glauben. Das war der Grundtenor der heutigen Lesungen in der Liturgie am 6. Oktober 2013. Meine Predigt an diesem Sonntag verdanke ich den Ausführungen von Clemens Sedmak beim Führungskräfteforum der Caritas Oberösterreich. So ungefähr müssten das die Gottesdienstfeiernden gehört haben.

Weniger Kirche und mehr Jesus

AlberfeldkogelIch habe am Konzilsgespräch in St. Florian am 5. Oktober 2013 teilgenommen. Es war viel von Kirche die Rede. Mir war zu wenig von der Praxis, der Person und dem Tun Jesu die Rede. Er hat von Gott her gelebt und ist in dieser offenen Haltung auf Menschen zugegangen. Er hat Menschen angeblickt und sein Blick hat heilsame Wirkung ausgelöst. Jede Begegnung, Berührung, Gespräch hat Menschen aufgerichtet, sodass er schließlich sagen konnte: „Mein Joch ist leicht“. Es drückt nicht nieder, sondern richtet auf.

Responsiv, robust und dornig

Wenn wir bitten –  Stärke unseren Glauben – dann dürfen wir uns fragen: Welchen? Was ist dieser Glaube? Was ist dieses von Jesus inspirierte Leben? Drei „Schlagworte“ können das gut verdeutlichen. Glaube ist responsiv, in Beziehung, Antwort. Es braucht ein tiefes Hinhören, eine kraftvolle Empathie und eine tiefe Vorstellungskraft, „was im anderen vor  sich geht“. Dialog gelingt dann, wenn ich im anderen Platz nehmen kann, mit offenen Ohren. Glaube ist robust und braucht eine starke Identität. Diese Identität leben, auch wenn es Widrigkeiten gibt. Das wünsche ich vielen Eltern, die in tiefer „Robustheit“ ihre Überzeugung leben, auch wenn die Kinder das Tischgebet nicht wollen, nicht in die Kirche mitgehen. Diese zarte Robustheit wird bei den Kindern mehr bewirken als das viele Reden oder gar Zwingen. Und Glaube ist dornig wie ein Stachel. Wenn die Kirche einen besonderen Dienst heute erfüllen will, dann liegt er darin, die Menschen darin zu hindern, bei Leid, Trauer und Angst wegzuschauen. Der Papst selber ist Stachel mit seinem Hinweis auf Lampedusa. Auch wenn alle wegschauen wollen, der gläubige Mensch richtet den Blick auf Beeinträchtigte, Einsame, Demenzkranke. Genau diese leidvollen Erfahrungen immer wieder in Beziehung bringen ist auch Dienst in der Liturgie.

Tiefe Praxis der Liebe

Eltern bekommen ihr drittes Kind. Sie wissen es nicht. Das Kind ist schwer behindert. Die Mutter schildert das so: Der Flug hätte nach Italien gehen sollen und angekommen sie wir ganz woanders. Die Eltern lassen sich ein auf diese ganz neue und unvermutete Situation. Sie sind fähig zu Liebe, zur ganz tiefen Praxis der Liebe. Sie sind bereit, eine ganz neue „Sprache der Liebe und Zuwendung“ zu erlernen so wie wenn man eine ganz neue Sprache in einem fremden Land lernt oder lernen muss. Das ist gemeint, wenn wir bitten: Stärke unseren Glauben. Mach uns fähig und bereit zur „Liebe ohne Zögern“. Dieser Papst ist in diesem Punkt ein guter „Ermutiger“. Es geht darum, die Kirche als Ganze in diese Richtung zu öffnen, für die tiefe Praxis der Liebe.

Mehr vom Alten?

naviAm Samstag 5. Oktober 2013 finden zwei Veranstaltungen statt, die noch in der Ära Benedikt XVI entstanden sind. Hinter beiden „steckt“ die KA. In Wien wird am Yppenplatz erhoben, „wo der Schuh drückt„. Der Prozess ist als „Zukunftsforum“ mit den Bischöfen konzipiert. In St. Florian bei Linz hat das Stift am 5. Oktober 2013 den „Freiraum“ für offene Konzilsgespräche geschaffen. Es geht es um Navigationsprobleme in der Kirche und mit Rom. Mittlerweile hat diese Probleme der Bischof von Rom selber mit dem Vatikan. Beide Interviews, die der Bischof von Rom in den letzten Tagen gegeben hat, zeigen, wie aufgewühlt der katholische Netzknoten „Rom“ inzwischen ist. Die einen sehen die „Hierarchie“ und sie haben diesen heiligen Ursprung in der Vergangenheit als Pyramide organisiert und strukturiert. Der Papst als Monarch. Die anderen sehen das Netz, das Volk Gottes unterwegs. Es scheint, dass der neue Bischof in Rom Franziskus die Kirche so haben will und deshalb neu strukturiert. Die Beraterkardinäle tagen in diesen Tagen zu genau zu diesem Thema. Möge die Übung gelingen.

Die Probleme sind bekannt

schuhHinhören ist ein doppelseitiges Geschehen auf Augenhöhe. Die Strukturen müssen dafür in der vernetzten Organisation geschaffen werden. Die Synoden sollten weniger steif ablaufen, meint Franziskus. Der jetzige Bischof von Rom kennt weniger unten und oben, sondern ein Miteinander. Beim Frühstück soll sich ein Priester neben Franziskus gesetzt haben mit der Frage: „Darf ich Platz nehmen, Heilger Vater?“ Der Papst hat ihn zum Niedersetzen eingeladen: „Setzen sie sich, Heiliger Sohn.“ Das mögen die einen lustig finden, die anderen atmen auf. Eine Ordensfrau erzählt diese Geschichte mit Begeisterung. Ich selber habe gesehen, wie Bischöfe bei der Audienz dem Papst nicht auf Augenhöhe, sondern mit Kniefall und Ringkuß begegnet sind. Jetzt haben viele den Eindruck, dass Franziskus die Probleme und die damit verbundenen Herausforderungen der Ortskirchen hören will. Die Strukturen werden als „höhrende Ohren“ gestaltet. Da ist schon viel gewonnen. Die wirkliche Herausforderung besteht allerdings darin, was mit den Anliegen, den Ideen und der Inspiration aus dem Volk Gottes heraus geschieht. Das wird im Stift St. Florian genauso eine Rolle spielen wie am Yppenplatz. An beiden Orten soll nicht „Mehr vom Alten“ ausgebreitet werden, sondern das „Neue in Wort und Tat“ angestoßen werden. Für beide Veranstaltungen gilt: Komm und geh mit!