Mit wenig unterwegs sein

AppeninVom Sozialreferat der Diözese Linz wurde ich eingeladen, einen „Predigtvorschlag“ zu diesem Thema zu machen. Dem bin ich gerne nachgekommen, wo ich viele Wochen beim „Weitgehen“ nach Assisi, durch Österreich und ins Kloster Volkenroda in Thüringen diese Erfahrung bestätigt bekommen habe. Wir leben leichter mit viel mehr Weniger!

Hier geht es zum Predigttext und zum Download.

Hier der Text als Fließtext:

Auf dem ökumenischen Pilgerweg Via Porta von Waldsassen in Bayern über 300 km in das Kloster Volkenroda in Thüringen wird dem Pilger in Selbitz die Unterkunft bei den Schwestern der Christusbruderschaft vorgeschlagen. Es war der Montag in der Karwoche 2012, als ich als Pilger an die Tür geklopft habe. Ein Rucksack, zwei Gehstöcke und gebrauchte Wanderkleidung haben mich als Pilger erscheinen lassen. Eine ältere Schwester begrüßte mich freundlich. Ich wollte einfach nur ein Bett und Zugang zu Wasser und WC. Die Schwester war überfordert und war froh, dass zufällig in diesem Moment die Gastschwester bei der Pforte vorbeischaute. Zwei weitere Schwestern gesellten sich zu dem Gespräch dazu. Sie haben guten Willen gezeigt, aber schließlich erklärt, dass es nicht möglich ist, gerade heute hier zu übernachten. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon 14 Tage unterwegs und innerlich sehr ausgeglichen. Ich konnte die Abweisung ohne einen Funken Enttäuschung annehmen, habe Rucksack und Stöcke genommen und bin weitergezogen.

Wenn du abgewiesen wirst, dann entsteht sehr oft tiefe Enttäuschung. Jesus sagt aber, dass wir den Menschen begegnen, um Frieden und Segen zu bringen. Jedes Anklopfen bei den Menschen bedeutet einen Sprung aus sich selbst. Ich setze mich aus und werde in diesem Moment abhängig von meinem Gegenüber. Nimmt der meine Bitte oder mein Angebot an?
Jesus ermutigt seine Jünger, hinauszugehen zu den Menschen. Der neue Papst folgt in diesem Punkt Jesus genau in der Spur. Er predigt bei den Frühmessen immer frei und kurz. So hat er sich gegen eine Kirche ausgesprochen, „die auf sich selber bezogen sei und nicht hinausgehe in die Peripherie der Städte und des Geistes“. Er benennt diese „Salon-Christen“, die auch unter uns sind und schaut in die Schar der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vatikan. Wörtlich sagt er. „Diese Wohlerzogenen, Braven, die der Kirche keine Kinder schenken, weil sie die apostolische Leidenschaft nicht haben, Christus zu verkünden.“ Man spürt und sieht fast täglich, dass Papst Franziskus keine Angst hat, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Einfach und direkt lebt er unter den Menschen. Das hat Jesus gemeint, wenn er seine Leute hinausgeschickt hat, ohne Geld und Beutel.

Nehmt nicht viel mit, wenn ihr zu den Menschen geht. Wer schon mehrmals über weite Strecken gepilgert ist, kann diese Anweisung gut verstehen. Eine Lehre aus dem Weitgehen und Pilgern ist, dass wir erleben, mit wie wenig wir auskommen. Das Leben hat in einem Rucksack Platz. Je länger und öfter du unterwegs bist, umso leichter wird der Rucksack, weil alles vermeintliche „Zeugs“ keinen Nutzen mehr hat. Als ich 2004 erstmals 28 Tage vom Bodensee zum Neusiedlersee gegangen bin, habe ich in Bayern nach fünf Tagen das zu viel Eingepackte in einer Unterkunft gelassen, weil ich spürte, dass ich „viel zu viel Zeugs mittrage“. Auf meinem Weg nach Assisi war der Rucksack von Beginn an schon viel leichter, und es hat gepasst. Je weniger du selber mitträgst, umso mehr öffnest du dich für das, was dir die Menschen am Weg entgegenbringen. Und wenn sich einmal herausstellt, dass du etwas bräuchtest, was jetzt gerade nicht da ist, dann hast du die Chance, an diesem Punkt zu lernen, ohne es auszukommen. Das kann auch ein Bett sein und du lernst, dass auch Beton eine Unterlage zum Schlafen ist.

Obwohl ich bei meinen Pilgerungen sicher zu 98% positiv, unterstützend und wertschätzend aufgenommen wurde, ist es denkbar, abgewiesen zu werden, wie ich es eben in Selbitz erlebt habe. Jesus erhoffte bei seinen Leuten, dass sie Frieden bringen. Wer Frieden im Herzen trägt, strahlt Frieden aus. Wer Frieden ausstrahlt, bekommt ihn zurück. Das hoffen wir. Ein Sohn des Friedens“ oder eine „Tochter des Friedens“ ist ein Mensch, der vom Frieden geprägt ist. Diesen heilenden Frieden, der von Gott kommt.

Der Mensch bleibt aber frei, das Angebot anzunehmen oder abzulehnen. Für die, die das Angebot annehmen, ist ein Stück Heilung und Gemeinschaft geschenkt. Unglaublich viele schöne Begegnungen durfte ich da erleben. Immer wieder auch den Wunsch nach solchen Begegnungen: Beten Sie für mich, für unsere Familie. „Nehmen Sie uns mit nach Assisi“ habe ich oft gehört und mit all den Anliegen wurde der Rucksack nicht schwerer, sondern leichter, die Schritte freudiger und das Herz weiter.

Wir hängen viel zu viel an den Dingen, von denen uns der Alltag einredet, dass sie wichtig sind. Unsere Gesellschaft lässt uns täglich über die Werbung ausrichten, dass wir noch viel zu wenig haben und dass materielles Wachstum die Basis für ein glückliches Leben ist. Diese Glaubenssätze der Wachstumsgesellschaft werden aus meiner Erfahrung immer dümmer und absurder. Deshalb überlegen auch die Ordensgemeinschaften in Österreich, das Gelübde der Armut in neuer Weise zugänglich zu machen. Irgendwie schwebt die Botschaft im Raum:

Wir brauchen „viel mehr WENIGER“.

Der Tipp von Ignatius von Loyola, täglich daran zu denken, dass ich sterbe, hat in diesem Zusammenhang nichts Bedrohliches, sondern etwas Befreiendes. Im Rucksack hat das Leben Platz, wenn wir das Herz weit öffnen für die Gnade, den Frieden Gottes und die Begegnung mit Menschen. Da gilt es den Menschen behilflich zu sein – beim Öffnen des Herzens. Es braucht auch die Demut, uns selber klar zu machen, dass wir in diesem Punkt Hilfe und Besuch nötig haben, auch die Jüngerinnen und Jünger selber. Wer den Gedanken, dass das Leben in einen Rucksack passt, einmal mit Erfahrung gefüllt hat, wird Jesus und Papst Franziskus und den Auftrag zum Hinausgehen verstehen und als Befreiung erleben.

Als ich das Ziel im Kloster Volkenroda erreicht hatte, habe ich zu vielen Menschen, denen ich am Weg begegnet bin, nochmals Kontakt aufgenommen. Auch den Schwestern in Selbitz habe ich per Email wissen lassen, dass ich gut am Ziel angelangt bin. Keine zwei Stunden später hat mir die Gastschwester zurückgeschrieben. Schon wie sie mich auf der Straße mit meinem Rucksack hinuntergehen sehen haben, haben sie sich gegenseitig angeschaut und gespürt: Das war falsch, dass sie mich abgewiesen haben. Die ganze Karwoche war ich „abgewiesener Pilger“ das Thema und sie haben viel für mich gebetet. Jetzt gibt es ein einfaches Pilgerzimmer, das immer offen steht. Als letzten Satz schreibt sie: „Wir sind Ihnen von ganzem Herzen dankbar, dass Sie bei uns angeklopft haben. Unsere Abweisung war falsch, hat uns aber die Augen für die Pilger und Fremden ganz neu und intensiv geöffnet.“

Wer mit „viel mehr WENIGER“ durch das Leben geht, wird erst wirklich offen für die Gnade Gottes und das Beschenkt-Werden durch Menschen. Selbst eine Abweisung kann bei den Betroffenen eine Änderung auslösen. Das dürfen wir glauben.

Jesus und Papst Franziskus haben recht: Geht als einfache und friedvolle Menschen hinaus in die Peripherie der Orte, Städte und des Geistes. Die Menschen warten auf euch – so oder so. Aber sicher mehr so, wenn ihr es mit offenem Herzen und wachem Ohr tut.

Null Bock auf Humanität

Markus Hengstschläger„Diesem Titel habe ich sicher so nicht zugestimmt“, stellte Univ. Prof. Markus Hengstschläger gestern 24. Mai 2013 am Greisinghof klar. Das EU-Themenjahr „Humanität“ stand für diese Provokation Pate. Ich war als Moderator und Impulsgeber auch eingeladen. Spannend, meinen ehemaligen wissenschaftlichen Leiter bei Academia wieder zu treffen.

Evolution macht Sinn

Sehr schnell hat Hengstschläger klar gestellt, dass es an diesem Abend richtiger Weise um „humanitäres Verhalten“ geht und weniger um die Abstraktion in die „Humantität“ hinein. Zwei anwesende Rot-Kreuz-Mitarbeiter konnten dem sichtlich etwas abgewinnen. „Als Biologe kann ich sagen, dass Evolution Sinn macht“, meint Hengstschläger und eher nur das überlabt, was gebraucht wird und eben Sinn macht. Alles Überflüssige und nicht an die Umwelt „Angepasste“ hat es im Überlebenskampf schwer. Das Bild von Birkenfalter macht die These plausibel. Hengstschläger sieht drei Faktoren, „die das Menschliche ausmachen“:

  1. Der Mensch denkt über Zukunft nach. Das führt zum humanitären Verhalten.
  2. Der Mensch kann auf die Gene pfeifen und sich darüber erheben. Humanitäres Verhalten ist steigerbar.
  3. Der Mensch kann seine Fähigkeiten und Talente entwickeln und so „Neues erfinden“. Er kann Kreativität zulassen.

Hengstschläger betonte im Laufe des Vortrages und mehrmals in der Diskussion, wie wichtig Vielfalt und Zusammenhalt sind („Der Verlierer von heute kann uns morgen retten.“). Humanitäres Verhalten waren noch nie so wichtig wie heute und daher soll es auch „gelehrt“ werden. Die zwei wichtigsten Voraussetzungen für eine „Lebensmächtigkeit“ heute sieht er in zwei Komponenten: Ich muss meine Fähigkeiten, Talente und Grenzen kennen und ich muss „netzwerkfähig“ sein: „Was ich selber nicht weiß oder kann, muss ich mir aus einer Beziehung oder im Team holen können.“ Daher würde ich aus den Ausführungen und der Diskussion heraushören: Voller Bock auf humanitäres und soziales Verhalten.

Notizen am Beiblatt

Herr Markus RubaschBei mir selber – so gestehe ich – schwingt gegenüber der Genetik ein „Vorbehalt“ mit. Darwin hat sich mit dem „Überleben der Starken“ zu mächtig ins kollektive Bewusstsein eingefurcht. Von diesem Vorbehalt hat mich dieser Abend persönlich ein Stück befreit. Ich habe diese dauernden „Rankings“, die permanete „Olympiade, der oder die Beste zu sein“ oder diese „extrinsische Wachstumsideologie“ satt. Dass Hengstschäger an diesem Abend den „sozialen Menschen“ mehr hervorgehoben hat, hat mein Bild ergänzt. Er sieht das als Biologe, um zu überleben. Ich sehe das als Theologe, weil wir als gemeinschaftliche Wesen „konstruiert“ sind. Gott hat uns den „Überlebensstress“ genommen. Ich spüre es so. Gerade die Arbeit bei den Ordensgemeinschaften macht mir nochmals klarer, welcher Reichtum in der Balance von Individualität und Gemeinschaft steckt, gepaart mit dem Zukunftsgedanken, „persönlich nichts haben zu müssen“, weil die Güter gemeinsam genutzt werden, „so wie es jede und jeder braucht“. Aus genetischer und theologischer Sicht sehe ich in den vielfältigsten Modellen von Ordensgemeinschaften einen Schatz, „der heute viel offensiver in die öffentlichen Diskurs eingebracht werden soll und kann.“  Den Ordensleuten sei zugerufen: „Springt über die Klostermauern!“ Der oft hechelnde und suchende Mensch heute sei ermutigt: „Schau doch hin.“ „Das Menschliche ist steigerbar“, meinte Hengstschläger und ich schlage vor, dass die Schätze der Ordensweisheiten nicht brach liegen bleiben sollen. Am Greisinghof kann jede und jeder damit beginnen.

Null Bock? Keine Spur!

Palast und Grab sind leer

v2Der Papstpalast im Vatikan ist leer. Dabei gäbe es gerade jetzt zwei Päpste. Papst Franziskus zieht es vor, „in community“ mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu leben, zu arbeiten, zu beten, zu begegnen und zu feiern. Die täglichen Kurzpredigten bei den Gottesdiensten sind frei gehalten und sind immer bildreich formuliert. So wie auch das Fernsehen mit Geschichten und Bildern funktioniert, so ist dieser Papst in der „Körpersprache des Auftretens und Kommunizierens“ ein Papst der Moderne. Er tut nichts anderes als Jesus, der mit Bildern, Vergleichen und tiefen heilenden Begegnungen unter den Menschen war. Dieser Papst wird als „unmittelbarer und persönlicher Kommunikator“ gerade auch in den eigenen Reihen erlebt. Der Palast wäre ihm hier ein Hiindernis, weil Palast Distanz, abghobenes Leben und Prunk bedeutet. Er ist meiner Wahrnehmung auch ein Papst der Furchtlosigkeit im Gegensatz zu seinem Vorgänger. No fear. Paläste sind Rückzugsorte der Angsthasen, die aber viel gestalten. Martin L. King, Ghandi oder der Dalai Lama bewegen sich frei.

Das lebendige Grab des Palastes

Frauen vor GottAls wir am 19. März 2013, am Tag der Amtseinführung  von Papst Franziskus in Assisi waren, erzählte uns Bruder Thomas von einem Telefonat mit der Schweizer Garde, die sehr beunruhigt war. Warum? „Der tut, was er will“, war die Antwort des Gardisten. Er ist keine Marionette, sondern Gestalter des Amtes aus seiner Person heraus, aus seiner Erfahrung und aus dem Amt selber. P. Hagenkord von Radio Vatikan hat es so beschrieben: „Er erfindet das Papstamt neu und wir alle miteinander wissen nicht, wohin das führen wird.“ Meine persönliche Einschätzung zu Pfingsten 2013 ist die, dass dieser Papst das Papstamt aus dem Grab führt, heraus aus dem „lebendigen Grab des Palastes“.  Zu Ostern haben wir gehört: Das Grab ist leer. Zu Pfingsten vernehmen wir, dass dieser Papst gewillt ist, die Kirche aus dem Grab des Palastes herauszuführen. Ein unerschütterlicher Glaube an die Liebe und Zuwendung Gottes ist der tragende Grund. Die Selbstermächtigung zum Handeln aus seiner Person heraus hält er bis heute durch. Das Bauen auf die Kraft einer Sendungs-Community ist zutiefst zukunftsorientiert. Das Meiden von lebensfeindlichen Umgebungen („Palastdenken und -menschen) hält einem in der Spur Jesu. Es ist eine Freude, dass Grab und Palast leer sind. Der Papst selber erzählt das Beispiel, dass in Japan die Missionare vertrieben wurden. Über 200 Jahre hat dort das Christentum überlebt. Alle sind getauft, verheiratet und die Rituale erhalten, obwohl es keine Priester gab. Das erzählt der Papst. Wahrscheinlich waren es wie am Beginn der Christentums vor allem Frauen, die den christlichen Glauben weitergegeben haben. So wie heute und fast überall. Das wird die Auferstehung aus dem nächsten Grab der katholischen Kirche, dass Frauen gleichwertig zu allem Zugang haben. Pfingsten bleibt notwendig. Ich sehe eine Päpstin und niemand lacht. Das nächste Grab wird geöffnet.

Behutsam offensiv

Markus RubaschDie Ordenstagung in St. Virgil zum Thema „Medien – wozu?“ ist schon wieder einmal „überschlafen“. Die Zusammenfassung ist online. Das kommende Pfingstfest hat die Präsidentin mit dem „göttlichen Kommunikationsgenie“ verknüpft. Ein wunderbares Bild für das, was ein Stück des Geheimnisses Gottes ausmacht: das Zusammenspiel der Vielfalt in die Einheit und wieder zurück. Gelingende Kommunikation ist immer ein Öffnen auf das DU hin, auch auf das DU in mir. Da kommt mir wieder „meine Ellipse“ in den Sinn. Alles Leben ist Ellipse. Zwei Brennpunkte und ein Konstruktionsvorgang mit viel Behutsamkeit und händischem Fertigmachen der letzten Kurvenverbindung. Sorry, das klingt jetzt mathematisch und ist es auch. Das muss man ausprobiert haben. Gott Vater/Mutter/Eltern und Mensch/Sohn sind die Brennpunkte. Geist ist der Konstruktionsvorgang. Dieses Zusammenspiel ergibt ein wunderschönes Gebilde: die Ellipse. Es ist ein Bild, ein ganz kleines, wie das mit Gott, Sohn und Geist eventuell „angedacht“ werden kann. Ich gestehe: die Ellipse ist zu statisch. Geist hat viel mit Freiheit, Inspiration, Neuem, Kreativem, Ungewöhnlichem, Bewegung zu tun. Also doch keine statische Ellipse, sondern das Tun des „göttliche Kommunikationsgenies“.

Behutsamkeit und Offensive

Monika SloukDie Auseinandersetzung mit dem Thema Medien bei der Tagung hat einen Grundtenor zu Tage gefördert, den SN-Redakteur Bruckmoser den Ordensleuten und Verantwortlichen so zurückgespiegelt hat: zu bescheiden – zu katholisch – zu zurückhaltend. Und Maria Moser  hat es auch recht anregend auf den Punkt gebracht: Es fehlen sehr oft Bilder und Geschichten. Bestätigt haben alle ReferentInnen, dass es wertvollen, ja sehr wertvollen „Inhalt“ in den Ordensgemeinschaften gibt. Es fehlt der Mut, diesen für Medien aufbereitet hinauszutragen in die Öffentlichkeit. „Sie haben etwas zu sagen. Schieben sie niemanden vor“, ermutigt Bruckmoser. Klar wurde auch, dass es oft um Schnelligkeit geht. Beten und Schnelligkeit sind auch zwei Brennpunkte, die weit auseinander liegen.  Thematisch – so habe ich den Eindruck – liegen wir aber auf der Strecke der Erwartungen der Menschen heute. Sie beschäftigen sich mit Heimat und lokale Verwurzelung, mit Spiritualität und Esoterik, haben Sehnsucht nach Zeit- und Ritualerfahrung gegen Stress und Überforderung und gehen gerne auf Kräuterwanderung, weil sie aus der Natur leben wollen. Da ist überall Gottesbegegnung ist drinnen. Es steht also an, bei der Medien- und Kommunikationsarbeit die Grundmelodie von „behutsam bescheiden“ auf „behutsam offensiv“ zu heben. Möge das  göttliche Kommunikationsgenie zu Pfingsten eine oder zwei Tonlagen höher anstimmen.

Neues gemeinschaftliches Leben mit Kloster-Knowhow

Iris KunzeEtwa 25 Frauen und Männer versammeln sich im Stift Melk im Rahmen der Dunavision zu einem dreitägigen Symposium. Sechs Personen sind zu Fuß von der Quelle der Donau bis zu ihrer Mündung unterwegs. Die zwei Frauen neben mit quetsche ich aus, wie es ihnen bisher in den mehr als 2 Monaten ergangen ist. Sie erzählen spannende Dinge und ich spüre wieder einmal: Weitgehen ist heilsam. Sie machen immer wieder Halt. Letztens länger in Ottensheim und jetzt in Melk. Was sie antreibt? Wie kann neues Leben gelingen? Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen und wie können neue gemeinschaftliche Formen des Zusammenlebens gelingen? Ich bin da für die Ordensgemeinschaften in Österreich. Es ist eine Neugierde erwacht bei den „Klöstern der Zukunft“, wie sie ihr Projekt nennen. Eine Neugierde den bestehenden Ordensgemeinschaften gegenüber, die schon zum Teil über Jahrhunderte als Gemeinschaft leben.

Skepsis und Neugierde gehen Hand in Hand

Mein Input ist angelegt als „Helikopter-Flug“ über die Ordenslandschaft in Österreich. Mit ein paar Zahlen, die ich einwerfe, entsteht ein Staunen. Sie sind in der Tour auf www.ordensgemeinschaften,at/tour gut zusammengefasst. Die Gelübde stelle ich als besondere Wege in die Freiheit vor. Rückhalt bietet die jeweilige Gemeinschaft. Ich sehe heute eine neue Bewegung vom Ich zum Wir. Diese „Brückengespräche“ hier in Melk zwischen „Kulturkreativen“ (wie sie sich selber nennen) und den Orden können viel dazu beitragen, Wege in eine bessere Zukunft zu finden. Orden sind über die Jahrhunderte davon geprägt, „im Jetzt mit den Menschen zu leben, sich für Gott offen zu halten und vor allem den Schwächsten der jeweiligen Zeit beizustehen“. Jede Vision ist geprägt vom Dienst am Menschen. Dass es in der (Kirchen)Geschichte auch das Gegenteil gegeben hat, sehe ich als Fakt. Klare Regeln und Rituale haben über Jahrhunderte aber die „Haltegriffe“ für das gemeinschaftliche Leben gebildet. Im Auditorium waren Skepsis und Neugierde ganz nahe beieinander.

Fremdkörper

Cohousing wird vorgestelltIch schildere, dass sich Ordensgemeinschaften heute oft auch als „Fremdkörper“ in unserer Gesellschaft erleben.
Woher kommt das?
1. Der Markt ist zum allesbestimmenden Paradigma der Gesellschaft geworden. Der Markt ist und wird allerdings nie die Basis für eine „Jesus geprägte Spiritualität“ sein können. Das macht Ordensleben „fremd“.
2. Es gibt eine große Last der Geschichte. Das Evangelium von der Gewaltfreiheit wurde ins Gegenteil verkehrt, der Dienst am Menschen in Macht ausgeübt und der Missbrauch ist mehr als ein Schatten.
3. Spirituelle Rituale sind ambivalent. Nicht immer werden Rituale als „Verlebendigungsformeln“ erlebt. Manches ist hohl und leer geworden. Nährende Rituale sind dem heutigen digitalen Menschen oft nicht mehr zugänglich. Er hält sie einfach nicht aus.
4. Die Welt wird in Excel-Listen gefangen gehalten. Alle Lebens- und Arbeitsbereiche werden „aufgelistet“ oder in Listen eingetragen. Die Supermarkt-Scanner-Kassa ist allgegenwärtig. Das widerspricht dem Freiheitsdrang eines Christen, einer Christin. Die Flucht aus der Excel-Zelle muss gelingen. Das sind Ordensleute gefragt.
5. Viele Ordensgemeinschaften machen tiefgreifende Transformationsprozesse durch. TrägerInnen des „Gründungscharismas“ sind nicht mehr nur alleine Ordensfrauen oder -männer, sondern auch MitarbeiterInnen. Das ist bei den Menschen noch nicht positiv angekommen. Die Bevölkerung bleibt immer noch fokusiert auf den „Pater oder die Schwester im Habit“.
Das waren meine Blitzlichter und daraus hat sich eine sehr dynamische Diskussion entwickelt. Am Muttertag 12. Mai 2012 gehen dieses Gespräche weiter. Sr. Michaela Pfeifer, P. Franz Helm und Sr. Anna Mayrhofer werden an den Panels „Der ganze Mensch“ und „Das zerrissene Netz“ teilnehmen. Jeder und jede kann daran teilnehmen.

 

 

 

Lasst euch jetzt das FAIR nicht nehmen

Auf Facebook zieht gerade in meiner  Timeline ein Posting mit einem Foto vorbei: Die ProponentInnen halten das Plakat „Vöcklabrucker FAIRgnügen“ in die Linse. 10 Jahre gibt es den Weltladen in Vöcklabruck bereits. Herbert Brunnsteiner postet Stefan Hindingers Plakat: „Ein großes Danke an das Team für soviel (zum großen Teil) ehrenamtliches Engagement für FAIR TRADE. Am 25. Mai wird im OKH gefeiert. Karten gibt es ab sofort im Weltladen.“ Ich kenne die Leute nicht im Detail. Ich weiß aber, dass in Vöcklabruck immer Leute waren, die die Enkeltauglichkeit schon gelebt haben, bevor CSR oder das Hammerwort „Nachhaltigkeit“ in die Schlacht geworfen wurde. Sicherlich waren die Franziskanerinnen auch eine Brutstätte in diese Richtung. Es ist aber ein vielfältiges Netz von engagierten und verantwortungsvollen Menschen. Und originell sind sie auch: Das ist ein echtes Vergnügen.

Neuer Wein in neue Schläuche

FAIRgnügenNun ist es allerdings so, dass die etablierten Konzerne wie Hofer, Billa, Spar und ? Das wäre es dann. Es gibt nicht mehr viel, weil über diese Konzerne mehr als 80% des Lebensmittelhandels in Österreich laufen. Monokultur pur. Da gibt es nicht mehr viel. Dieser Tage durfte ich jemanden kennen lernen, der Billa von der „Innenseite“ und „ganz oben“ kennt. Die Konzernspitze glaubt nämlich, dass sie ein Lebensmittelkonzern sind. Ein renommierter Kommunikationsfachmann hat sie aber auf die eigentliche Spur gebracht, was sie tatsächlich sind: ein ausgeklügeltes Logistik-Unternehmen! Ich selber habe die „Lebensmittelbrille“ abgenommen und die „Logistikbrille“ zum Testen aufgesetzt. Dann habe ich einen „3D-Effekt“ erlebt. Die geschälten Bananen. Die Teiglinge beim „Brot“. Es geht um Logistik. Unter diesem Aspekt habe ich einen massiven Vorbehalt bestätigt bekommen. FAIRtrade-Produkte werden in das Sortiment integriert wie jedes andere Produkt. Ziel: Neben uns keine Logistik und 100% Bevölkerung in unserer „Abhängigkeit“. Dazu passt auch der neueste „Hofer-Schmäh“ von Projekt 2020. Es ist dreist, wie in alte Schläuche neuer Wein gefüllt werden soll. Wie heißt es in der Bibel: Neuer Wein in neue Schläuche. Lasst euch das FAIR nicht in ausschließlich monetarisierte Schläuche abfüllen. Danke Vöcklabruck und wo immer sich Menschen in der Weise engagieren: Ihr seid das wahre FAIRgnügen für Gott und die Welt.

Weltladen Vöcklabruck

Es gibt nichts gratis

Täglich dieselbe Situation. Die Behälter der Gratis-Zeitungen vor den Öffis hier in Wien sind früh am Morgen prall gefüllt. Spät abends sind sie leer und je später der Abend, umso mehr ist der Boden der U-Bahn damit gepflastert. In der U-Bahn wird nicht gesprochen, sondern gelesen und geschaut. Der Lesestoff ist gratis.

Gratis?

ONNicht nur das Wort macht mich stutzig, sondern diese behauptete Tatsache. Schon seit langer Zeit gibt es für mich nichts gratis oder supergünstig. Diese „Tatsache“ wird von mir immer mit der Gegenfrage konfrontiert: Wer hat mir das bezahlt? Anhand dieser Frage wird mir jedes Mal klar, wer von mir etwas will oder wer mit mir etwas im Schilde führt. Bei der Gratis-Zeitung sehe ich das auf den ersten Blick. Die erste Werbeeinschaltung sagt mir: Kauf! Auch Facebook, Twitter und alle Social Media sind „gratis“. Wer hat mir das bezahlt? Da ist ein Stück Werbung und dann wird es schon tiefsinniger. Meine Daten sind „etwas wert“. Ich bekomme nichts gratis, sondern ich gebe mich oder sehr viel Persönliches von mir. Ich bezahle mit mir. „Supergünstige Bankkonditionen“ stehen im Raum. Auch hier die Frage: Wer bezahlt den Rest? Auch da sind viele dabei, „sich selber schleichend zu verkaufen“. Es gibt nichts gratis. Wer hat mir das bezahlt? Im Endeffekt bin ich es selber. Die Umwege und Schleichwege sind uns nur nicht bewusst. Daher: täglich aufwachen und bewusst entscheiden. Es gibt nichts gratis.

[Diesen Kommentar habe ich für das neue Ordensmagazin ON unter der Ruprik „wachgerüttelt“ auf der letzten Seite verfasst. Das ON kann tatsächlich gratis mit einem Email bestellt werden.]

Sie gehören nicht mehr dazu

„DIE ZEIT“ flattert heute mit der Post ins Haus. Natürlich denke ich immer spontan, wenn doch die Zeit in dem Ausmaß, was das Format der Zeitung ist, anwachsen könnte. Es lohnt sich aber immer, die Zeit für DIE ZEIT zu dehnen und zu nehmen. Natürlich wären da auch süddeutsche Zeitungsgegenden bis hin nach Zürich zu NZZ. Heute ist DIE ZEIT hereingeflattert und die Headline, der Aufmacher, der Hingucker lautet: „Ich gehöre nicht mehr dazu.“ Aber bevor Seite 13 und 14 auftauchen, blättere ich noch über Schäubles Sager: Das ist Blödsinn – drüber. Dann Seite 13. Ja. 13. Es geht um ein Konto in der Schweiz und Steuerhinterziehung und im weiteren Sinne den Fußball. Aber nicht direkt.

Es war der Kick, pures Adrenalin

DIE ZEITDas Interview beginnt mit der Frage: Bereuen sie? „Ja, ich bereue das, unendlich.“ Das klingt jetzt nicht nur nach Lebensbeichte. Das wird eine. Weiter: „Ich habe eine große Torheit begangen, einen Riesenfehler, den ich so gut wie möglich korrigieren will.“ Da fällt mir der Bäcker Gragger von Ansfelden ein, der beim Workshop ‚Scheitern‘ in Göttweig auch von seinem Konkurs 2002 gesprochen hat und stolz war, dass er nach diesem Desaster noch alle MitarbeiterInnen, Kunden und Lieferanten hat und niemanden zu Schaden gekommen ist. Jahre hat er dafür gearbeitet, sein Versagen zurückzuzahlen. Dort habe ich den personifizierten gelebten Wert der Ehrlichkeit vor mir gesehen. Aber zurück zu Hoeneß und seinem Beichtgespräch mit den zwei Beichtvätern und der Beichtmutter von der ZEIT. „Wissen sie, nur eine Sache ist wirklich gut an meiner katastrophalen Situation. Ich hatte all die Jahre ein schlechtes Gewissen wegen dieses Kontos in der Schweiz. Und damit ist jetzt Schluss. Das ist die große Erleichterung.“ Ich höre das Durchatmen und das Aufatmen. Fast möchte man dazuhören. Ego te absolvo! Aber das ginge zu schnell. Da ist über die Jahre viel im Unterbewusstsein an dieser Person geformt worden. Das kann man nicht einfach „weglösen“.

Ich schwitze und wälze mich

KKHDas Interview geht weiter. Ein gejagter und gefangener Mensch, obwohl er keinerlei Fessel an sich hatte. Nein: Das  Geld. Die Gier. Der Kick. Adrenalin pur. In die Mitte des Interviews rück ein Satz, der diese unglaubliche Unfreiheit der „Viel-Haber“ beschreibt: „Ich schwitze in der Nacht, ich wälze mich. Und denke nach, denke nach und verzweifle.“ Jetzt wird es heiß. Warum spricht er mit niemanden über diese „heiße Last“? Da gibt es eine Heerschar von „professioneller Hilfe“ bis hin zu SeelsorgerInnen, die genau dafür da sind. „Ich gehöre nicht mehr dazu“ wird getitelt. So stelle ich mir das längst vorher vor. Er hat schon längst nicht mehr zu den normalen freien und beziehungsfähigen Menschen gehört, weil „diese Welt“ gar nicht zur „Welt der Menschen“ gehört. Sie gehören alle nicht mehr dazu. Sie haben sich abgesondert und treiben sichg abseits des Lebens durch die Hölle, wie man an Hoeneß sehen kann. Dann erinnere ich mich an jenden Bankmanager, der jene Kunden betreut, die zwischen 10 und 20 Millionen „eingelegt“ haben. Stress pur für diese Leute. Ich habe damals zu ihm gesagt: Du arbeitest in der Hölle. Er hat verhalten geschmunzelt. Ich erinnere mich an einen Kaffeehausbesuch in Linz, wo ein Mann mit dem STANDARD am Nebentisch recht laut und deutlich mit seinem Anleageberater telefoniert, „weil meine Wertpapiere angeblich nur bis 20.000 EUR staatlich abgesichert sind“. Der Kaffee hat ihm nicht wirklich geschmeckt und sein Gesicht war „verspannt“. Festhalten. Nur nicht loslassen. Sie gehören alle nicht mehr dazu – zum Leben.

[DIE ZEIT vom 2. Mai 2013, Nr. 19]