Bloggen für die Überwacher

Im Laufe der Jahre wurde ich mehrmals gewarnt, dass wir überall überwacht werden. Ja. Die Emails werden mitgelesen. Das sehe ich. Umsonst erscheinen nicht gerade dann, wenn ich zum bergGEHEN einlade, die Werbungen für Bergsportartikel. Ja, das weiß ich seit Jahren. Schon Niavarani lässt uns in seinem Programm vor Jahren wissen, „dass Facebook Stasi auf freiwilliger Basis ist“. Die USA, die Briten und ganz sicher Putin-Russland haben absolut großes Interesse an unserem Leben, unseren Themen, unsere Fotos, unseren Vorlieben und daran, was wir verachten. Ganz zu schweigen von den Weltreligionen wie Google, Apple, Red Bull oder den weltweit agierenden Selbsthilfe-Banken. Billa gibt mir das Gefühl, die Card gibt Rabatte und doch wollen sie nur mein Einkaufsverhalten checken. Also meines eigentlich nicht, weil ich dort nur im Notfall eintrete und dann ganz sicher ohne Card. Auch wenn ich die Ortungsdienste am Handy ausgeschaltet habe, bin ich beruhigt, dass der orange Betreiber jederzeit sagen kann, wo ich bin. Das lässt einen mutiger werden, wenn andere wissen, wo ich bin. Oder?

Wenn ihr uns schon überwacht, dann sollt ihr auch unsere Themen kennen, die uns am Herzen liegen: echte Demokratie, Toleranz und Liebe, keine Gottvergessenheit, Gerechtigkeit und Empathie für die, die ein kleines und einfaches Leben führen (müssen). Auch wenn ihr viel wisst und viel verknüpft, so sollt ihr wissen: Ihr seid sehr weit weg vom Leben. Deshalb bloggen wir weiter für euch Überwacher, dass ihr dem Leben auf die Spur kommt, dem Leben Raum gebt und in allem die Freiheit achtet.
Das Foto entfällt heute aus Sicherheitsgründen.

 

Die Welt denken und geben

Aichern und Dammers„Die Welt ist das, was wir von ihr denken“ lautet die Headline über dem Interview mit dem Filmemacher Götz Spielmann in der Presse am Sonntag vom 23. Juni 2013. Das ganze Interview folgt dem Thema „Berufung“. Letzten Donnerstag war ich bei der Uraufführung des Stückes „Jägerstätter“ im Theater in der Josefstadt. Es hat mich bewegt, wie Felix Mitterer, den ich an diesem Abend auch persönlich kennen lernen durfte, die tiefe Sicht Jägerstätters auf die damalige Welt gezeigt hat. Jene Theaterkritiken, die ich gelesen habe, waren voll des Lobes über dieses Stück und die Aufführung. Jetzt geht das Stück auf „Sommerfrische“ nach Stadt Haag. Der Geschäftsführer des „Theatersommer Haag“ , den ich ebenfalls an diesem Tag gesprochen habe, war froh, dass schon 9.000 Karten unter den Leuten sind. Ich selber sehe das Stück nochmals in Haag und freue mich sehr, auch in dieser Umgebung und mit der ganzen Familie nochmals einzutauchen in eine tiefe und anrührende Lebensgeschichte und die damit verbundene Weltsicht. Das Stück rührt sehr behutsam an meinem Gewissen und an der Frage nach meiner persönlichen Berufung. Wenn ich heute an der Abtweihe von Reinhold Dessl in Wilhering teilnehme, wird in mir das ganz tief mitschwingen.

Sie macht mir Freude, manchmal Spaß

Theater in der JosefstadtDie letzte Seite der Presse am Sonntag hat ein Kästchen mit der Frage: „Herr Spielmann, darf man Sie auch fragen . . .“ Dort beantwortet der im Interview Befragte noch die allerletzten Fragen, die wir sonst im Alltag vielleicht zwischen Tür und Angel ansprechen. Es sind oft die wichtigsten und drängensten Fragen. Die erste Frage geht zum Beurteilen und ich erinnere mich an die Einladung gestern, wo auch zwei Lehrerinnen dabei waren und jetzt in der Schulschlusszeit mit Noten herumquälen und damit so ihre Schwierigkeiten haben. „1 . . . ob Sie schnell sind im Beurteilen? Nein. Ich halte den Zwang, ständig beurteilen zu müssen, für einen Defekt. Und es ist in den allermeisten Fällen völlig unnötig. Die Wurzel liegt in der Vergötzung des Intellekts. Jemand, der daran arbeitet, sein Ego zu verkleinern, wird notgedrungen weniger urteilen.“ Ich appelliere an alle Ranking-ExpertInnen: Schaut eure Welt an und gebt es offen zu: Es geht immer um euer Ego. Eine Studie jagt die andere, ein Ranking und Umfrage die nächste, die Prozentzahlen werden als schlagend verkauft. Es geht um die äußere Darstellung des Ego und nicht um die tiefe Berufung, die in jedem Menschen liegt. Weiter: „2 . . . ob Ihnen Ihre Lehrtätigkeit an der Wiener Filmakademie Spaß macht? Sie macht mir Freude, manchmal Spaß. Ich habe das Gefühl, etwas geben zu können. Das ist ja der eigentliche Sinn der Arbeit. Das hat unsere Gesellschaft vergessen, dass es bei dem, was wir tun, viel mehr darauf ankommt, was man gibt, nicht was man dafür bekommt. Das sage ich nicht aus einem strengen Idealismus heraus. Geben ist einfach das bessere Leben.“

Der Götze Ökonomie macht geisteskrank

Spielmann verwendet im Interview zur Vergötzung der Ökonomie noch ein sehr eindringliches Bild: „Wirtschaftsfragen werden zunehmend als das einzig Relevante propagiert. Sie dominieren alles. Es ist, als würde man die Verdauung zum Sinn und Zweck des Lebens erklären! Ich denke hier an Banken, Konzerne, Teile der Politik, die jede Verelendung und Zerstörung in Kauf nehmen, nur um den Profit einer immer kleiner werdenden Schicht zu erhöhen. Diese Vergötterung des sogenannten freien Marktes. Eine Gesellschaft, die Wirtschaft über alles stellt, ist geisteskrank. Das sage ich mit Bedacht und das meine ich auch wirklich wörtlich.“ Und ich bin wieder bei der Uraufführung von Jägerstätter. Es bleibt die bohrende Frage und sie wir immer kräftiger genährt: Was heißt Jägerstätter heute, in dieser Gesellschaft und als Christ?

 

Medien sind wie Berge

ScheinlImmer wieder fasziniert mich die Natur als Lehrmeisterin für viele Facetten des Lebens und Arbeitens. Dabei ist die Idee entstanden, die Berge als Paradigma und Erlebnisraum zu nutzen, um die Erfahrungen in der Medienarbeit in den verschiedensten Bereichen zu inspirieren. Ich lade Menschen ein, über die Berge mitzugehen und bei Gehen auf den Pfaden und Verweilen auf den Hütten der Erfahrung nachzugehen, ob Medien wie Berge sind. Je vielfältiger die Zusammensetzung der Gruppe ist, umso überraschender wird unser „gemeinsames Lernen“. So habe ich die „Eckpfeiler“ beschrieben:

DI 23. Juli 2013 bis SA 27. Juli 2013

Wir werden am Weg und in den Hütten gemeinsam den Medien- und Kommunikations-Paradigmen unserer Zeit nachGEHEN. Die Natur wird uns inspirieren, mit ungewöhnlichen Ideen beflügeln und mit neuer Kraft für den Medienalltag anreichern. Persönliche Visionen, Bilder und Erfahrungen werden auf den Weg gebracht. Wieder im Tal angelangt wird jede und jeder nach diesen Tagen „Medienberge und -täler etwas anders begehen“.

mit Ferdinand Kaineder, Kommunikationslotse, Medien- und Berg erfahren

Treffpunkt:
DI 14.00 Uhr am Busbahnhof in Matrei in Ostttirol. Ab dort gemeinsame Weiterfahrt mit Bus ins Virgental / Ströden.

SajathütteAnreise:
Bus vom Norden: Kitzbühel12.45 ab – Matrei 14.01 an.
Bus vom Süden. Lienz in Osttirol 13.30 Uhr ab – 14.01 an.

Geplante Route:
Venediger Höhenweg (www.virgental.at): Aufstieg Essener Rostocker Hütte – Johannishütte – Sajathütte – Eissee Hütte – Bonn Matreier Hütte – Niljoch Hütte – Tal

Mitzubringen:
Alpine Ausrüstung (ohne Klettern), Schwindelfreiheit und Trittsicherheit, analoger oder digitaler Notizblock. Das Gehen am gesicherten Venediger Höhenweg geschieht in voller Eigenverantwortung (kein Bergführer).

Anmeldung bis 5. Juli 2013 und Informationen:
Ferdinand Kaineder, +43 699 1503 2847
ferdinand.kaineder@ordensgemeinschaften.at

 

Ich mag die ÖBB und den Papst

Der  RJ füllt sich hier in Wien. Schon am Voranzeiger hat sich eine Verspätung von 15 Minuten bei der Abfahrt abgezeichnet. Erinnerungen vom letzten Montag kommen hoch. Die ÖBB hat mich den Montagmorgen in Linz um mehr als ein Stunde länger sitzen lassen. Hätte ich nicht einen lieben Menschen, der auch auf der Suche nach einem Zug nach Wien war, getroffen, wäre die Zeit lang geworden. Erstmals in diesem ersten Berufsjahr in Wien hat mich die ÖBB hängen lassen, obwohl ich mich mit der Österreich-Card bewusst für sie entschieden habe.  Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass vieles so viel schief gehen kann, dass fast alles daneben gehen kann. Das gilt für die ÖBB und genauso für die Autobahn im Stau.ÖBB

Was lässt positiv warten?

„Sehr geehrte Damen und Herren. Aufgrund eines Triebwerkschadens können sie nun auf den RJ am gleichen Bahnsteig umsteigen, der die schnelle Strecke fährt. Dieser Zug fährt auf der alten Strecke. Wir bedauern, aber wir wurden auch nicht informiert“, ertönte es freundlich aus den Lautsprecher. Alle stehen auf und übersiedeln in den Nebenzug, der hoffentlich pünktlich startet. Ich stehe auch auf. Nehme meinen Rucksack mit meinem Büro und übersiedle. Beim Hinübergehen denke ich: Es ist der Informationsmangel, der alle aufgebracht macht. Den Zugführer genauso wie die Reisenden. Der Mensch wird unruhig und unrund, wenn er nicht weiß, warum er warten muss. Das ist im Stau mit dem Auto noch viel schlimmer. Warten und keine Ansage warum und wie lange. Die ÖBB hat die Chance zu informieren. Offen und ehrlich. Wenn es, wie einzelne im Zug am Montag wussten, in Salzburg einen Totalabsturz des Serversystems gab, dann lässt sich erahnen, dass nichts mehr läuft. Das beunruhigt zwar auch, dass alles am Netz hängt, aber es macht transparent, woran das Warten hängt. Darum eine Appell an die Verantwortlichen: Informiert und informiert. Und wenn gar nichts geht, dann informiert, was dazu führt, dass gar nichts geht. Wir verzeihen als Kunden sehr viel, wenn wir wissen, was geht und warum nicht.

Schaltet das Mikro des Papstes ein

FranziskusUnd warum geht in der Kirche nichts weiter? Woran liegt es da, dass wir zum Heute so große Verspätungen zusammenbringen? Systemabsturz? Oder blockiert gar seit Jahren der „Machtvirus“ das System?  Der Papst hat Ordensverantwortliche aus Südamerika zur Privataudienz empfangen. Die Presse und andere Medien haben die „Mitschrift“ heute  veröffentlicht und „gedeutet“. Vatikleaks II war eine Art, das zu interpretieren. Es war kein öffentliches Gespräch und doch halte ich es für ganz wesentlich, dass von solchen Gesprächen die Inhalte öffentlich werden. Fast würde ich sagen: Dieser Papst soll ein Mikro tragen und schaltet es ein. Er redet ehrlich über die desaströse Situation im Vatikan. Das hat auch im Vorkonklave stattgefunden: Das offene Gespräch Richtung Vatikan. Wenn Kardinal Marx erzählt, dass selbst die Präfekten hilflos zum Ausdruck gebracht haben diesen Gruppen und Netzwerken gnadenlos ausgeliefert zu sein.  Das, was der Papst hier angesprochen hat, war schon Thema. Die Reinigung der römischen Kirche kann nur über Transparenz und Offenheit erfolgen. Es ist keine Schande, wenn Menschen von ihren Gesprächen mit dem Papst berichten. Es ist der Inhalt der Gespräche, die zur Ermüdung, Erschlaffung und selbstgefälligen Kirche führen. „Probiert das Leben aus dem Evangelium und vergesst die Briefe von der Glaubenskongregation“, hört man Franziskus den Papst reden. Das tut einer öberösterreichischen Seele gut. Für Papst und ÖBB gilt: Informiert uns und lässt uns zuhören und zuschauen, worum es wirklich geht oder warum wir solche Verspätungen haben. Dann „mag“ ich euch auch in Zukunft.

 

 

Einladung zum Weitgehen

Via PortaEs ist immer eine Frage, wie wir die Dinge benennen. So war es auch in diesem Fall. Ist es Pilgern? Ist es eine Wallfahrt? Ist es einfach Gehen? Oder gar ein Weitgehen? In jedem Fall kam dieser Titel dieses Angebotes vom 12. bis 20. Oktober 2013 an alle heraus: Weitgehen am grünen Band. Unterwegs am ökumenischen Pilgerweg Via Porta. Es ist eine Zusammenarbeit mit dem neuen Reiseveranstalter weltanschauen.at. Genau das hat mich bewogen, meine Erfahrungen für eine größere Gruppe zur Verfügung zu stellen. 2012 war ich selber entlang des ehemaligen „eisernen Vorhanges“ 22 Tage in das evangelische Kloster Volkenroda unterwegs. Das genau dieser Landstrich durch Europa sich als „grünes Band“ entwickelt, ist eine besondere Draufgabe der Geschichte. Die den Tod bringende Zone hat sich die Natur in einer unglaublichen Vielfalt zurückgeholt und wird so das „Band der Versöhnung“. Es war für mich fast täglich bewegend, diese alte Schreckens- und Verbotszone zu „durchgehen“, darauf zu pilgern und diese Zeit und die Veränderung ins Gebet zu bringen. „Welt anschauen“ braucht offene Augen und offene Herzen und die Bereitschaft zur Bewegung. Es heißt: Es wird im Gehen gelöst. Es ist meine Erfahrung, dass das Gehen löst, zum Loslassen animiert und so Platz wird für Neues. Ich freue mich schon auf die Bewegung und die Begegnungen auf der Via Porta.

Hier die Reisedetails auf weltanschauen.at. Hier geht es zur Anmeldemöglichkeit bei Welt der Frau.

In besonderer Weise danke ich Welt der Frau für die Aufnahme meiner Erfahrungen in das neue Pilgerbuch „Neue Wege – 17 Pilgerrouten die verändern“.

 

Wenn du ein totes Pferd reitest, steig ab

Leider lässt sich die Quelle nicht finden und doch ist dieser Befund aktueller denn je. Loslassen ist nicht die einfachste Sache der Welt. Eine Weisheit der Dakota-Indianer heißt: „Wenn Du entdeckst, dass Du ein totes Pferd reitest, steig ab!” Das hört sich doch recht einfach an. Von einem gewohnten (toten) Pferd abzusteigen wird oft im beruflichen Leben mit vielen Methoden und Strategien – zum Teil bis zur Perfektion – „verhindert“, um dem Unausweichlichen doch ausweichen zu können.

Hier die Vorschläge zum Weiterreiten:

Wir besorgen uns eine stärkere Peitsche.
Wir sagen: „So haben wir das Pferd schon immer geritten”.
Wir gründen einen Arbeitskreis, um das Pferd zu analysieren.
Wir besuchen andere Orte, um zu sehen, wie man dort tote Pferde reitet.
Wir erhöhen die Qualitätsstandards für den Beritt toter Pferde.
Wir bilden eine Task-Force, um das Pferd wiederzubeleben.
Wir kaufen Leute von außerhalb ein, die angeblich tote Pferde reiten können.
Wir schieben eine Trainingseinheit ein um besser reiten zu können.
Wir stellen Vergleiche unterschiedlicher toter Pferde an.
Wir ändern die Kriterien, die besagen, dass ein Pferd tot ist.
Wir schirren mehrere tote Pferde gemeinsam an, damit wir schneller werden.
Wir erklären: „Kein Pferd kann so tot sein, das wir es nicht mehr reiten können.”
Wir machen eine Studie, um zu sehen, ob es bessere oder billigere Pferde gibt.
Wir erklären, dass unser Pferd besser, schneller und billiger tot ist als andere Pferde.
Wir bilden einen Qualitätszirkel, um eine Verwendung von toten Pferden zu finden.
Wir richten eine unabhängige Kostenstelle für tote Pferde ein.
Wir vergrößern den Verantwortungsbereich für tote Pferde.
Wir entwickeln ein Motivationsprogramm für tote Pferde.
Wir erstellen eine Präsentation in der wir aufzeigen, was das Pferd könnte, wenn es noch leben würde.
Wir strukturieren um damit ein anderer Bereich das tote Pferd bekommt.
Wir senden jemandem das tote Pferd als Geschenk. Geschenke darf man nicht zurücksenden.

Mit wenig unterwegs sein

AppeninVom Sozialreferat der Diözese Linz wurde ich eingeladen, einen „Predigtvorschlag“ zu diesem Thema zu machen. Dem bin ich gerne nachgekommen, wo ich viele Wochen beim „Weitgehen“ nach Assisi, durch Österreich und ins Kloster Volkenroda in Thüringen diese Erfahrung bestätigt bekommen habe. Wir leben leichter mit viel mehr Weniger!

Hier geht es zum Predigttext und zum Download.

Hier der Text als Fließtext:

Auf dem ökumenischen Pilgerweg Via Porta von Waldsassen in Bayern über 300 km in das Kloster Volkenroda in Thüringen wird dem Pilger in Selbitz die Unterkunft bei den Schwestern der Christusbruderschaft vorgeschlagen. Es war der Montag in der Karwoche 2012, als ich als Pilger an die Tür geklopft habe. Ein Rucksack, zwei Gehstöcke und gebrauchte Wanderkleidung haben mich als Pilger erscheinen lassen. Eine ältere Schwester begrüßte mich freundlich. Ich wollte einfach nur ein Bett und Zugang zu Wasser und WC. Die Schwester war überfordert und war froh, dass zufällig in diesem Moment die Gastschwester bei der Pforte vorbeischaute. Zwei weitere Schwestern gesellten sich zu dem Gespräch dazu. Sie haben guten Willen gezeigt, aber schließlich erklärt, dass es nicht möglich ist, gerade heute hier zu übernachten. Ich war zu diesem Zeitpunkt schon 14 Tage unterwegs und innerlich sehr ausgeglichen. Ich konnte die Abweisung ohne einen Funken Enttäuschung annehmen, habe Rucksack und Stöcke genommen und bin weitergezogen.

Wenn du abgewiesen wirst, dann entsteht sehr oft tiefe Enttäuschung. Jesus sagt aber, dass wir den Menschen begegnen, um Frieden und Segen zu bringen. Jedes Anklopfen bei den Menschen bedeutet einen Sprung aus sich selbst. Ich setze mich aus und werde in diesem Moment abhängig von meinem Gegenüber. Nimmt der meine Bitte oder mein Angebot an?
Jesus ermutigt seine Jünger, hinauszugehen zu den Menschen. Der neue Papst folgt in diesem Punkt Jesus genau in der Spur. Er predigt bei den Frühmessen immer frei und kurz. So hat er sich gegen eine Kirche ausgesprochen, „die auf sich selber bezogen sei und nicht hinausgehe in die Peripherie der Städte und des Geistes“. Er benennt diese „Salon-Christen“, die auch unter uns sind und schaut in die Schar der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Vatikan. Wörtlich sagt er. „Diese Wohlerzogenen, Braven, die der Kirche keine Kinder schenken, weil sie die apostolische Leidenschaft nicht haben, Christus zu verkünden.“ Man spürt und sieht fast täglich, dass Papst Franziskus keine Angst hat, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Einfach und direkt lebt er unter den Menschen. Das hat Jesus gemeint, wenn er seine Leute hinausgeschickt hat, ohne Geld und Beutel.

Nehmt nicht viel mit, wenn ihr zu den Menschen geht. Wer schon mehrmals über weite Strecken gepilgert ist, kann diese Anweisung gut verstehen. Eine Lehre aus dem Weitgehen und Pilgern ist, dass wir erleben, mit wie wenig wir auskommen. Das Leben hat in einem Rucksack Platz. Je länger und öfter du unterwegs bist, umso leichter wird der Rucksack, weil alles vermeintliche „Zeugs“ keinen Nutzen mehr hat. Als ich 2004 erstmals 28 Tage vom Bodensee zum Neusiedlersee gegangen bin, habe ich in Bayern nach fünf Tagen das zu viel Eingepackte in einer Unterkunft gelassen, weil ich spürte, dass ich „viel zu viel Zeugs mittrage“. Auf meinem Weg nach Assisi war der Rucksack von Beginn an schon viel leichter, und es hat gepasst. Je weniger du selber mitträgst, umso mehr öffnest du dich für das, was dir die Menschen am Weg entgegenbringen. Und wenn sich einmal herausstellt, dass du etwas bräuchtest, was jetzt gerade nicht da ist, dann hast du die Chance, an diesem Punkt zu lernen, ohne es auszukommen. Das kann auch ein Bett sein und du lernst, dass auch Beton eine Unterlage zum Schlafen ist.

Obwohl ich bei meinen Pilgerungen sicher zu 98% positiv, unterstützend und wertschätzend aufgenommen wurde, ist es denkbar, abgewiesen zu werden, wie ich es eben in Selbitz erlebt habe. Jesus erhoffte bei seinen Leuten, dass sie Frieden bringen. Wer Frieden im Herzen trägt, strahlt Frieden aus. Wer Frieden ausstrahlt, bekommt ihn zurück. Das hoffen wir. Ein Sohn des Friedens“ oder eine „Tochter des Friedens“ ist ein Mensch, der vom Frieden geprägt ist. Diesen heilenden Frieden, der von Gott kommt.

Der Mensch bleibt aber frei, das Angebot anzunehmen oder abzulehnen. Für die, die das Angebot annehmen, ist ein Stück Heilung und Gemeinschaft geschenkt. Unglaublich viele schöne Begegnungen durfte ich da erleben. Immer wieder auch den Wunsch nach solchen Begegnungen: Beten Sie für mich, für unsere Familie. „Nehmen Sie uns mit nach Assisi“ habe ich oft gehört und mit all den Anliegen wurde der Rucksack nicht schwerer, sondern leichter, die Schritte freudiger und das Herz weiter.

Wir hängen viel zu viel an den Dingen, von denen uns der Alltag einredet, dass sie wichtig sind. Unsere Gesellschaft lässt uns täglich über die Werbung ausrichten, dass wir noch viel zu wenig haben und dass materielles Wachstum die Basis für ein glückliches Leben ist. Diese Glaubenssätze der Wachstumsgesellschaft werden aus meiner Erfahrung immer dümmer und absurder. Deshalb überlegen auch die Ordensgemeinschaften in Österreich, das Gelübde der Armut in neuer Weise zugänglich zu machen. Irgendwie schwebt die Botschaft im Raum:

Wir brauchen „viel mehr WENIGER“.

Der Tipp von Ignatius von Loyola, täglich daran zu denken, dass ich sterbe, hat in diesem Zusammenhang nichts Bedrohliches, sondern etwas Befreiendes. Im Rucksack hat das Leben Platz, wenn wir das Herz weit öffnen für die Gnade, den Frieden Gottes und die Begegnung mit Menschen. Da gilt es den Menschen behilflich zu sein – beim Öffnen des Herzens. Es braucht auch die Demut, uns selber klar zu machen, dass wir in diesem Punkt Hilfe und Besuch nötig haben, auch die Jüngerinnen und Jünger selber. Wer den Gedanken, dass das Leben in einen Rucksack passt, einmal mit Erfahrung gefüllt hat, wird Jesus und Papst Franziskus und den Auftrag zum Hinausgehen verstehen und als Befreiung erleben.

Als ich das Ziel im Kloster Volkenroda erreicht hatte, habe ich zu vielen Menschen, denen ich am Weg begegnet bin, nochmals Kontakt aufgenommen. Auch den Schwestern in Selbitz habe ich per Email wissen lassen, dass ich gut am Ziel angelangt bin. Keine zwei Stunden später hat mir die Gastschwester zurückgeschrieben. Schon wie sie mich auf der Straße mit meinem Rucksack hinuntergehen sehen haben, haben sie sich gegenseitig angeschaut und gespürt: Das war falsch, dass sie mich abgewiesen haben. Die ganze Karwoche war ich „abgewiesener Pilger“ das Thema und sie haben viel für mich gebetet. Jetzt gibt es ein einfaches Pilgerzimmer, das immer offen steht. Als letzten Satz schreibt sie: „Wir sind Ihnen von ganzem Herzen dankbar, dass Sie bei uns angeklopft haben. Unsere Abweisung war falsch, hat uns aber die Augen für die Pilger und Fremden ganz neu und intensiv geöffnet.“

Wer mit „viel mehr WENIGER“ durch das Leben geht, wird erst wirklich offen für die Gnade Gottes und das Beschenkt-Werden durch Menschen. Selbst eine Abweisung kann bei den Betroffenen eine Änderung auslösen. Das dürfen wir glauben.

Jesus und Papst Franziskus haben recht: Geht als einfache und friedvolle Menschen hinaus in die Peripherie der Orte, Städte und des Geistes. Die Menschen warten auf euch – so oder so. Aber sicher mehr so, wenn ihr es mit offenem Herzen und wachem Ohr tut.

Null Bock auf Humanität

Markus Hengstschläger„Diesem Titel habe ich sicher so nicht zugestimmt“, stellte Univ. Prof. Markus Hengstschläger gestern 24. Mai 2013 am Greisinghof klar. Das EU-Themenjahr „Humanität“ stand für diese Provokation Pate. Ich war als Moderator und Impulsgeber auch eingeladen. Spannend, meinen ehemaligen wissenschaftlichen Leiter bei Academia wieder zu treffen.

Evolution macht Sinn

Sehr schnell hat Hengstschläger klar gestellt, dass es an diesem Abend richtiger Weise um „humanitäres Verhalten“ geht und weniger um die Abstraktion in die „Humantität“ hinein. Zwei anwesende Rot-Kreuz-Mitarbeiter konnten dem sichtlich etwas abgewinnen. „Als Biologe kann ich sagen, dass Evolution Sinn macht“, meint Hengstschläger und eher nur das überlabt, was gebraucht wird und eben Sinn macht. Alles Überflüssige und nicht an die Umwelt „Angepasste“ hat es im Überlebenskampf schwer. Das Bild von Birkenfalter macht die These plausibel. Hengstschläger sieht drei Faktoren, „die das Menschliche ausmachen“:

  1. Der Mensch denkt über Zukunft nach. Das führt zum humanitären Verhalten.
  2. Der Mensch kann auf die Gene pfeifen und sich darüber erheben. Humanitäres Verhalten ist steigerbar.
  3. Der Mensch kann seine Fähigkeiten und Talente entwickeln und so „Neues erfinden“. Er kann Kreativität zulassen.

Hengstschläger betonte im Laufe des Vortrages und mehrmals in der Diskussion, wie wichtig Vielfalt und Zusammenhalt sind („Der Verlierer von heute kann uns morgen retten.“). Humanitäres Verhalten waren noch nie so wichtig wie heute und daher soll es auch „gelehrt“ werden. Die zwei wichtigsten Voraussetzungen für eine „Lebensmächtigkeit“ heute sieht er in zwei Komponenten: Ich muss meine Fähigkeiten, Talente und Grenzen kennen und ich muss „netzwerkfähig“ sein: „Was ich selber nicht weiß oder kann, muss ich mir aus einer Beziehung oder im Team holen können.“ Daher würde ich aus den Ausführungen und der Diskussion heraushören: Voller Bock auf humanitäres und soziales Verhalten.

Notizen am Beiblatt

Herr Markus RubaschBei mir selber – so gestehe ich – schwingt gegenüber der Genetik ein „Vorbehalt“ mit. Darwin hat sich mit dem „Überleben der Starken“ zu mächtig ins kollektive Bewusstsein eingefurcht. Von diesem Vorbehalt hat mich dieser Abend persönlich ein Stück befreit. Ich habe diese dauernden „Rankings“, die permanete „Olympiade, der oder die Beste zu sein“ oder diese „extrinsische Wachstumsideologie“ satt. Dass Hengstschäger an diesem Abend den „sozialen Menschen“ mehr hervorgehoben hat, hat mein Bild ergänzt. Er sieht das als Biologe, um zu überleben. Ich sehe das als Theologe, weil wir als gemeinschaftliche Wesen „konstruiert“ sind. Gott hat uns den „Überlebensstress“ genommen. Ich spüre es so. Gerade die Arbeit bei den Ordensgemeinschaften macht mir nochmals klarer, welcher Reichtum in der Balance von Individualität und Gemeinschaft steckt, gepaart mit dem Zukunftsgedanken, „persönlich nichts haben zu müssen“, weil die Güter gemeinsam genutzt werden, „so wie es jede und jeder braucht“. Aus genetischer und theologischer Sicht sehe ich in den vielfältigsten Modellen von Ordensgemeinschaften einen Schatz, „der heute viel offensiver in die öffentlichen Diskurs eingebracht werden soll und kann.“  Den Ordensleuten sei zugerufen: „Springt über die Klostermauern!“ Der oft hechelnde und suchende Mensch heute sei ermutigt: „Schau doch hin.“ „Das Menschliche ist steigerbar“, meinte Hengstschläger und ich schlage vor, dass die Schätze der Ordensweisheiten nicht brach liegen bleiben sollen. Am Greisinghof kann jede und jeder damit beginnen.

Null Bock? Keine Spur!