Palast und Grab sind leer

v2Der Papstpalast im Vatikan ist leer. Dabei gäbe es gerade jetzt zwei Päpste. Papst Franziskus zieht es vor, „in community“ mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu leben, zu arbeiten, zu beten, zu begegnen und zu feiern. Die täglichen Kurzpredigten bei den Gottesdiensten sind frei gehalten und sind immer bildreich formuliert. So wie auch das Fernsehen mit Geschichten und Bildern funktioniert, so ist dieser Papst in der „Körpersprache des Auftretens und Kommunizierens“ ein Papst der Moderne. Er tut nichts anderes als Jesus, der mit Bildern, Vergleichen und tiefen heilenden Begegnungen unter den Menschen war. Dieser Papst wird als „unmittelbarer und persönlicher Kommunikator“ gerade auch in den eigenen Reihen erlebt. Der Palast wäre ihm hier ein Hiindernis, weil Palast Distanz, abghobenes Leben und Prunk bedeutet. Er ist meiner Wahrnehmung auch ein Papst der Furchtlosigkeit im Gegensatz zu seinem Vorgänger. No fear. Paläste sind Rückzugsorte der Angsthasen, die aber viel gestalten. Martin L. King, Ghandi oder der Dalai Lama bewegen sich frei.

Das lebendige Grab des Palastes

Frauen vor GottAls wir am 19. März 2013, am Tag der Amtseinführung  von Papst Franziskus in Assisi waren, erzählte uns Bruder Thomas von einem Telefonat mit der Schweizer Garde, die sehr beunruhigt war. Warum? „Der tut, was er will“, war die Antwort des Gardisten. Er ist keine Marionette, sondern Gestalter des Amtes aus seiner Person heraus, aus seiner Erfahrung und aus dem Amt selber. P. Hagenkord von Radio Vatikan hat es so beschrieben: „Er erfindet das Papstamt neu und wir alle miteinander wissen nicht, wohin das führen wird.“ Meine persönliche Einschätzung zu Pfingsten 2013 ist die, dass dieser Papst das Papstamt aus dem Grab führt, heraus aus dem „lebendigen Grab des Palastes“.  Zu Ostern haben wir gehört: Das Grab ist leer. Zu Pfingsten vernehmen wir, dass dieser Papst gewillt ist, die Kirche aus dem Grab des Palastes herauszuführen. Ein unerschütterlicher Glaube an die Liebe und Zuwendung Gottes ist der tragende Grund. Die Selbstermächtigung zum Handeln aus seiner Person heraus hält er bis heute durch. Das Bauen auf die Kraft einer Sendungs-Community ist zutiefst zukunftsorientiert. Das Meiden von lebensfeindlichen Umgebungen („Palastdenken und -menschen) hält einem in der Spur Jesu. Es ist eine Freude, dass Grab und Palast leer sind. Der Papst selber erzählt das Beispiel, dass in Japan die Missionare vertrieben wurden. Über 200 Jahre hat dort das Christentum überlebt. Alle sind getauft, verheiratet und die Rituale erhalten, obwohl es keine Priester gab. Das erzählt der Papst. Wahrscheinlich waren es wie am Beginn der Christentums vor allem Frauen, die den christlichen Glauben weitergegeben haben. So wie heute und fast überall. Das wird die Auferstehung aus dem nächsten Grab der katholischen Kirche, dass Frauen gleichwertig zu allem Zugang haben. Pfingsten bleibt notwendig. Ich sehe eine Päpstin und niemand lacht. Das nächste Grab wird geöffnet.

Behutsam offensiv

Markus RubaschDie Ordenstagung in St. Virgil zum Thema „Medien – wozu?“ ist schon wieder einmal „überschlafen“. Die Zusammenfassung ist online. Das kommende Pfingstfest hat die Präsidentin mit dem „göttlichen Kommunikationsgenie“ verknüpft. Ein wunderbares Bild für das, was ein Stück des Geheimnisses Gottes ausmacht: das Zusammenspiel der Vielfalt in die Einheit und wieder zurück. Gelingende Kommunikation ist immer ein Öffnen auf das DU hin, auch auf das DU in mir. Da kommt mir wieder „meine Ellipse“ in den Sinn. Alles Leben ist Ellipse. Zwei Brennpunkte und ein Konstruktionsvorgang mit viel Behutsamkeit und händischem Fertigmachen der letzten Kurvenverbindung. Sorry, das klingt jetzt mathematisch und ist es auch. Das muss man ausprobiert haben. Gott Vater/Mutter/Eltern und Mensch/Sohn sind die Brennpunkte. Geist ist der Konstruktionsvorgang. Dieses Zusammenspiel ergibt ein wunderschönes Gebilde: die Ellipse. Es ist ein Bild, ein ganz kleines, wie das mit Gott, Sohn und Geist eventuell „angedacht“ werden kann. Ich gestehe: die Ellipse ist zu statisch. Geist hat viel mit Freiheit, Inspiration, Neuem, Kreativem, Ungewöhnlichem, Bewegung zu tun. Also doch keine statische Ellipse, sondern das Tun des „göttliche Kommunikationsgenies“.

Behutsamkeit und Offensive

Monika SloukDie Auseinandersetzung mit dem Thema Medien bei der Tagung hat einen Grundtenor zu Tage gefördert, den SN-Redakteur Bruckmoser den Ordensleuten und Verantwortlichen so zurückgespiegelt hat: zu bescheiden – zu katholisch – zu zurückhaltend. Und Maria Moser  hat es auch recht anregend auf den Punkt gebracht: Es fehlen sehr oft Bilder und Geschichten. Bestätigt haben alle ReferentInnen, dass es wertvollen, ja sehr wertvollen „Inhalt“ in den Ordensgemeinschaften gibt. Es fehlt der Mut, diesen für Medien aufbereitet hinauszutragen in die Öffentlichkeit. „Sie haben etwas zu sagen. Schieben sie niemanden vor“, ermutigt Bruckmoser. Klar wurde auch, dass es oft um Schnelligkeit geht. Beten und Schnelligkeit sind auch zwei Brennpunkte, die weit auseinander liegen.  Thematisch – so habe ich den Eindruck – liegen wir aber auf der Strecke der Erwartungen der Menschen heute. Sie beschäftigen sich mit Heimat und lokale Verwurzelung, mit Spiritualität und Esoterik, haben Sehnsucht nach Zeit- und Ritualerfahrung gegen Stress und Überforderung und gehen gerne auf Kräuterwanderung, weil sie aus der Natur leben wollen. Da ist überall Gottesbegegnung ist drinnen. Es steht also an, bei der Medien- und Kommunikationsarbeit die Grundmelodie von „behutsam bescheiden“ auf „behutsam offensiv“ zu heben. Möge das  göttliche Kommunikationsgenie zu Pfingsten eine oder zwei Tonlagen höher anstimmen.

Neues gemeinschaftliches Leben mit Kloster-Knowhow

Iris KunzeEtwa 25 Frauen und Männer versammeln sich im Stift Melk im Rahmen der Dunavision zu einem dreitägigen Symposium. Sechs Personen sind zu Fuß von der Quelle der Donau bis zu ihrer Mündung unterwegs. Die zwei Frauen neben mit quetsche ich aus, wie es ihnen bisher in den mehr als 2 Monaten ergangen ist. Sie erzählen spannende Dinge und ich spüre wieder einmal: Weitgehen ist heilsam. Sie machen immer wieder Halt. Letztens länger in Ottensheim und jetzt in Melk. Was sie antreibt? Wie kann neues Leben gelingen? Der Mensch ist ein Gemeinschaftswesen und wie können neue gemeinschaftliche Formen des Zusammenlebens gelingen? Ich bin da für die Ordensgemeinschaften in Österreich. Es ist eine Neugierde erwacht bei den „Klöstern der Zukunft“, wie sie ihr Projekt nennen. Eine Neugierde den bestehenden Ordensgemeinschaften gegenüber, die schon zum Teil über Jahrhunderte als Gemeinschaft leben.

Skepsis und Neugierde gehen Hand in Hand

Mein Input ist angelegt als „Helikopter-Flug“ über die Ordenslandschaft in Österreich. Mit ein paar Zahlen, die ich einwerfe, entsteht ein Staunen. Sie sind in der Tour auf www.ordensgemeinschaften,at/tour gut zusammengefasst. Die Gelübde stelle ich als besondere Wege in die Freiheit vor. Rückhalt bietet die jeweilige Gemeinschaft. Ich sehe heute eine neue Bewegung vom Ich zum Wir. Diese „Brückengespräche“ hier in Melk zwischen „Kulturkreativen“ (wie sie sich selber nennen) und den Orden können viel dazu beitragen, Wege in eine bessere Zukunft zu finden. Orden sind über die Jahrhunderte davon geprägt, „im Jetzt mit den Menschen zu leben, sich für Gott offen zu halten und vor allem den Schwächsten der jeweiligen Zeit beizustehen“. Jede Vision ist geprägt vom Dienst am Menschen. Dass es in der (Kirchen)Geschichte auch das Gegenteil gegeben hat, sehe ich als Fakt. Klare Regeln und Rituale haben über Jahrhunderte aber die „Haltegriffe“ für das gemeinschaftliche Leben gebildet. Im Auditorium waren Skepsis und Neugierde ganz nahe beieinander.

Fremdkörper

Cohousing wird vorgestelltIch schildere, dass sich Ordensgemeinschaften heute oft auch als „Fremdkörper“ in unserer Gesellschaft erleben.
Woher kommt das?
1. Der Markt ist zum allesbestimmenden Paradigma der Gesellschaft geworden. Der Markt ist und wird allerdings nie die Basis für eine „Jesus geprägte Spiritualität“ sein können. Das macht Ordensleben „fremd“.
2. Es gibt eine große Last der Geschichte. Das Evangelium von der Gewaltfreiheit wurde ins Gegenteil verkehrt, der Dienst am Menschen in Macht ausgeübt und der Missbrauch ist mehr als ein Schatten.
3. Spirituelle Rituale sind ambivalent. Nicht immer werden Rituale als „Verlebendigungsformeln“ erlebt. Manches ist hohl und leer geworden. Nährende Rituale sind dem heutigen digitalen Menschen oft nicht mehr zugänglich. Er hält sie einfach nicht aus.
4. Die Welt wird in Excel-Listen gefangen gehalten. Alle Lebens- und Arbeitsbereiche werden „aufgelistet“ oder in Listen eingetragen. Die Supermarkt-Scanner-Kassa ist allgegenwärtig. Das widerspricht dem Freiheitsdrang eines Christen, einer Christin. Die Flucht aus der Excel-Zelle muss gelingen. Das sind Ordensleute gefragt.
5. Viele Ordensgemeinschaften machen tiefgreifende Transformationsprozesse durch. TrägerInnen des „Gründungscharismas“ sind nicht mehr nur alleine Ordensfrauen oder -männer, sondern auch MitarbeiterInnen. Das ist bei den Menschen noch nicht positiv angekommen. Die Bevölkerung bleibt immer noch fokusiert auf den „Pater oder die Schwester im Habit“.
Das waren meine Blitzlichter und daraus hat sich eine sehr dynamische Diskussion entwickelt. Am Muttertag 12. Mai 2012 gehen dieses Gespräche weiter. Sr. Michaela Pfeifer, P. Franz Helm und Sr. Anna Mayrhofer werden an den Panels „Der ganze Mensch“ und „Das zerrissene Netz“ teilnehmen. Jeder und jede kann daran teilnehmen.

 

 

 

Lasst euch jetzt das FAIR nicht nehmen

Auf Facebook zieht gerade in meiner  Timeline ein Posting mit einem Foto vorbei: Die ProponentInnen halten das Plakat „Vöcklabrucker FAIRgnügen“ in die Linse. 10 Jahre gibt es den Weltladen in Vöcklabruck bereits. Herbert Brunnsteiner postet Stefan Hindingers Plakat: „Ein großes Danke an das Team für soviel (zum großen Teil) ehrenamtliches Engagement für FAIR TRADE. Am 25. Mai wird im OKH gefeiert. Karten gibt es ab sofort im Weltladen.“ Ich kenne die Leute nicht im Detail. Ich weiß aber, dass in Vöcklabruck immer Leute waren, die die Enkeltauglichkeit schon gelebt haben, bevor CSR oder das Hammerwort „Nachhaltigkeit“ in die Schlacht geworfen wurde. Sicherlich waren die Franziskanerinnen auch eine Brutstätte in diese Richtung. Es ist aber ein vielfältiges Netz von engagierten und verantwortungsvollen Menschen. Und originell sind sie auch: Das ist ein echtes Vergnügen.

Neuer Wein in neue Schläuche

FAIRgnügenNun ist es allerdings so, dass die etablierten Konzerne wie Hofer, Billa, Spar und ? Das wäre es dann. Es gibt nicht mehr viel, weil über diese Konzerne mehr als 80% des Lebensmittelhandels in Österreich laufen. Monokultur pur. Da gibt es nicht mehr viel. Dieser Tage durfte ich jemanden kennen lernen, der Billa von der „Innenseite“ und „ganz oben“ kennt. Die Konzernspitze glaubt nämlich, dass sie ein Lebensmittelkonzern sind. Ein renommierter Kommunikationsfachmann hat sie aber auf die eigentliche Spur gebracht, was sie tatsächlich sind: ein ausgeklügeltes Logistik-Unternehmen! Ich selber habe die „Lebensmittelbrille“ abgenommen und die „Logistikbrille“ zum Testen aufgesetzt. Dann habe ich einen „3D-Effekt“ erlebt. Die geschälten Bananen. Die Teiglinge beim „Brot“. Es geht um Logistik. Unter diesem Aspekt habe ich einen massiven Vorbehalt bestätigt bekommen. FAIRtrade-Produkte werden in das Sortiment integriert wie jedes andere Produkt. Ziel: Neben uns keine Logistik und 100% Bevölkerung in unserer „Abhängigkeit“. Dazu passt auch der neueste „Hofer-Schmäh“ von Projekt 2020. Es ist dreist, wie in alte Schläuche neuer Wein gefüllt werden soll. Wie heißt es in der Bibel: Neuer Wein in neue Schläuche. Lasst euch das FAIR nicht in ausschließlich monetarisierte Schläuche abfüllen. Danke Vöcklabruck und wo immer sich Menschen in der Weise engagieren: Ihr seid das wahre FAIRgnügen für Gott und die Welt.

Weltladen Vöcklabruck

Es gibt nichts gratis

Täglich dieselbe Situation. Die Behälter der Gratis-Zeitungen vor den Öffis hier in Wien sind früh am Morgen prall gefüllt. Spät abends sind sie leer und je später der Abend, umso mehr ist der Boden der U-Bahn damit gepflastert. In der U-Bahn wird nicht gesprochen, sondern gelesen und geschaut. Der Lesestoff ist gratis.

Gratis?

ONNicht nur das Wort macht mich stutzig, sondern diese behauptete Tatsache. Schon seit langer Zeit gibt es für mich nichts gratis oder supergünstig. Diese „Tatsache“ wird von mir immer mit der Gegenfrage konfrontiert: Wer hat mir das bezahlt? Anhand dieser Frage wird mir jedes Mal klar, wer von mir etwas will oder wer mit mir etwas im Schilde führt. Bei der Gratis-Zeitung sehe ich das auf den ersten Blick. Die erste Werbeeinschaltung sagt mir: Kauf! Auch Facebook, Twitter und alle Social Media sind „gratis“. Wer hat mir das bezahlt? Da ist ein Stück Werbung und dann wird es schon tiefsinniger. Meine Daten sind „etwas wert“. Ich bekomme nichts gratis, sondern ich gebe mich oder sehr viel Persönliches von mir. Ich bezahle mit mir. „Supergünstige Bankkonditionen“ stehen im Raum. Auch hier die Frage: Wer bezahlt den Rest? Auch da sind viele dabei, „sich selber schleichend zu verkaufen“. Es gibt nichts gratis. Wer hat mir das bezahlt? Im Endeffekt bin ich es selber. Die Umwege und Schleichwege sind uns nur nicht bewusst. Daher: täglich aufwachen und bewusst entscheiden. Es gibt nichts gratis.

[Diesen Kommentar habe ich für das neue Ordensmagazin ON unter der Ruprik „wachgerüttelt“ auf der letzten Seite verfasst. Das ON kann tatsächlich gratis mit einem Email bestellt werden.]

Sie gehören nicht mehr dazu

„DIE ZEIT“ flattert heute mit der Post ins Haus. Natürlich denke ich immer spontan, wenn doch die Zeit in dem Ausmaß, was das Format der Zeitung ist, anwachsen könnte. Es lohnt sich aber immer, die Zeit für DIE ZEIT zu dehnen und zu nehmen. Natürlich wären da auch süddeutsche Zeitungsgegenden bis hin nach Zürich zu NZZ. Heute ist DIE ZEIT hereingeflattert und die Headline, der Aufmacher, der Hingucker lautet: „Ich gehöre nicht mehr dazu.“ Aber bevor Seite 13 und 14 auftauchen, blättere ich noch über Schäubles Sager: Das ist Blödsinn – drüber. Dann Seite 13. Ja. 13. Es geht um ein Konto in der Schweiz und Steuerhinterziehung und im weiteren Sinne den Fußball. Aber nicht direkt.

Es war der Kick, pures Adrenalin

DIE ZEITDas Interview beginnt mit der Frage: Bereuen sie? „Ja, ich bereue das, unendlich.“ Das klingt jetzt nicht nur nach Lebensbeichte. Das wird eine. Weiter: „Ich habe eine große Torheit begangen, einen Riesenfehler, den ich so gut wie möglich korrigieren will.“ Da fällt mir der Bäcker Gragger von Ansfelden ein, der beim Workshop ‚Scheitern‘ in Göttweig auch von seinem Konkurs 2002 gesprochen hat und stolz war, dass er nach diesem Desaster noch alle MitarbeiterInnen, Kunden und Lieferanten hat und niemanden zu Schaden gekommen ist. Jahre hat er dafür gearbeitet, sein Versagen zurückzuzahlen. Dort habe ich den personifizierten gelebten Wert der Ehrlichkeit vor mir gesehen. Aber zurück zu Hoeneß und seinem Beichtgespräch mit den zwei Beichtvätern und der Beichtmutter von der ZEIT. „Wissen sie, nur eine Sache ist wirklich gut an meiner katastrophalen Situation. Ich hatte all die Jahre ein schlechtes Gewissen wegen dieses Kontos in der Schweiz. Und damit ist jetzt Schluss. Das ist die große Erleichterung.“ Ich höre das Durchatmen und das Aufatmen. Fast möchte man dazuhören. Ego te absolvo! Aber das ginge zu schnell. Da ist über die Jahre viel im Unterbewusstsein an dieser Person geformt worden. Das kann man nicht einfach „weglösen“.

Ich schwitze und wälze mich

KKHDas Interview geht weiter. Ein gejagter und gefangener Mensch, obwohl er keinerlei Fessel an sich hatte. Nein: Das  Geld. Die Gier. Der Kick. Adrenalin pur. In die Mitte des Interviews rück ein Satz, der diese unglaubliche Unfreiheit der „Viel-Haber“ beschreibt: „Ich schwitze in der Nacht, ich wälze mich. Und denke nach, denke nach und verzweifle.“ Jetzt wird es heiß. Warum spricht er mit niemanden über diese „heiße Last“? Da gibt es eine Heerschar von „professioneller Hilfe“ bis hin zu SeelsorgerInnen, die genau dafür da sind. „Ich gehöre nicht mehr dazu“ wird getitelt. So stelle ich mir das längst vorher vor. Er hat schon längst nicht mehr zu den normalen freien und beziehungsfähigen Menschen gehört, weil „diese Welt“ gar nicht zur „Welt der Menschen“ gehört. Sie gehören alle nicht mehr dazu. Sie haben sich abgesondert und treiben sichg abseits des Lebens durch die Hölle, wie man an Hoeneß sehen kann. Dann erinnere ich mich an jenden Bankmanager, der jene Kunden betreut, die zwischen 10 und 20 Millionen „eingelegt“ haben. Stress pur für diese Leute. Ich habe damals zu ihm gesagt: Du arbeitest in der Hölle. Er hat verhalten geschmunzelt. Ich erinnere mich an einen Kaffeehausbesuch in Linz, wo ein Mann mit dem STANDARD am Nebentisch recht laut und deutlich mit seinem Anleageberater telefoniert, „weil meine Wertpapiere angeblich nur bis 20.000 EUR staatlich abgesichert sind“. Der Kaffee hat ihm nicht wirklich geschmeckt und sein Gesicht war „verspannt“. Festhalten. Nur nicht loslassen. Sie gehören alle nicht mehr dazu – zum Leben.

[DIE ZEIT vom 2. Mai 2013, Nr. 19]

 

 

 

Der Beamer sieht alles

Keine Besprechung, in der nicht ein Beamer mitmischt. Brauchen wir den Beamer? oder ist ein Beamer vorhanden? sind Fragen, die heute eigentlich keine Fragen mehr sein sollten. Dank PPT werden Inhalte, Vorhaben und Fakten „in Form gebracht“. Kaum vorstellbar, dass eine Beratung ohne Beamer auskommt. Alles fein dargestellt. Alle Slides flutschen dahin. Die GesprächsteilnehmerInnen verlieren sich aus den Augen, weil sie an der Leinwand hängen. Einer oder eine strampelt sich ab und erläutert die Sachlage. Einmal interessanter und ein anderes Mal sprechen die Bilder, schreien die hereinfahrenden Sätze und Bilder nach Aufmerksamkeit. Dort und da fällt ein Auge zu. Es geht sanft dahin. Der Beamer gibt sein bestes und lässt alles in bestem Licht und den strahlensten Farben erstrahlen. Der Beamer sieht zeigt und sieht alles.

Wo das vorkommt?

BeamerDas sicherlich interessanteste Material bekommen die Beamer in den Ministerbüros, den Landesregierungsbüros und den Vorstandsebenen großer Firmen und Organisationen zu sehen, wenn die Agenturen antanzen und ihre „Studien“ und „Strategien“ ins Rennen führen. Da ist es – wie wir in den letzten Jahren bitter erfahren – schon dort und da vorgekommen, dass eine solche PPT von einem „Junior Consultant“ zusammengebastelt wurde und mit großer sonorer (nicht senorer) Stimme vorgetragen wird. Dort und da wurden diese drei Buchstaben (PPT) auch teuer, sicher oft zu teuer bezahlt. Der Beamer hat es gesehen und sicher öfter war ihm  nach Absturz. Viel könnten diese Beamer erzählen, wenn sie nicht so stumm an der Decke hängen würden und nach Gebrauch sogar in die Decke hinein verschwinden (können). So mancher Beamer nimmt so sein Wissen über die Zukunft mit hinein in sein Versteck, das uns als normal „Bodenständige“ (oder „Bodengängige“) sehr interessieren würde. Schon die Titel der Präsentationen bringen die Tragweite zum Ausdruck: Agenda 2020, Arbeitsplatz 2020, Kursbuch 2011-2016, Energie 2025, KMU Strategie 2030, Produktionsstandort 2050,  usw. Diese Jahreszahlen dürften die Beamer in letzter Zeit öfter gesehen haben. Schön wäre es, wenn jener Beamer einen lauten, aber ungefährlichen Knall tun könnte, der 2113 oder mehr sieht. Dieser unglaublich weite  Blick in die Zukunft ist für Politiker und Verantwortliche oft eine wunderbare Sache. Sie lässt das Jetzt und Heute blass und für manche sogar unwichtig erscheinen. Politiker und Wirtschaftsbosse bilden sogenannte Zukunftsnetze, die sie sich von Agenturen zimmern lassen. Inhaltlich und strukturell. Attraktiv und strahlend. Der Beamer ist das Medium, das sie so in die Zukunft führt. Deshalb wird der Raum immer auch verdunkelt, damit das Heute und Jetzt nicht zu viel  hereinscheint, sondern sich jede und jeder mit dem Beamer ungestört in die Zukunft beamen kann. Ob die „Bodengehenden“ auch dorthin wollen? Das fragen sich viele und so mancher Beamer.

Papst lehrt gute Erziehung

SchönbrunnDer Papst ruft an. Das ist eine Kathpress-Meldung, die mich irgendwie anspringt. Aber lesen sie selber: „Papst Franziskus greift wieder selbst zum Hörer: Cesar Alejandro Pulchinotta, Pfarrer im italienischen Dorf Montorio Romano nahe Rom, traute seinen Ohren nicht, als sich am Ende der Leitung jemand mit den Worten „Ich bin Papst Franziskus“ meldete. Wie der aus Argentinien stammende Priester am Montag gegenüber Radio Vatikan schilderte, rief ihn der Papst persönlich an, um sich für ein Buch zu bedanken, das ihm Pulchinotta über einen gemeinsamen Freund geschenkt hatte. Als er erwiderte, es sei ihm eine große Ehre, dass der Papst das Buch erhalten habe und ihn nun auch noch anrufe, habe Franziskus geantwortet: „Es schien mir eine Frage der guten Erziehung zu sein. Du hast mir ein Buch geschenkt, und ich bedanke mich bei dir.“

Was ist der Punkt?

Wie weit war das Papstamt von den einfachen Menschen entfernt? Es besteht fast der Eindruck, dass die „gute Erziehung“ im Hofstaat untergegangen ist, oder? Warum ist es mit einem Mal so interessant, wen der Papst anruft? Was will uns diese Agenturmeldung sagen?