Die Suche nach dem einen Punkt ist vergeblich

Der Zug fährt mit 199km/h Richtung Westen. Es ist schon spät. Der letzte Bus fährt um 22.50 Uhr ins Bergdorf. Wir werden ihn erreichen. Das WLAN ist heute gut. Surprise: Ich sitze in der ÖBB. Das Leben fließt dahin.  In meinem Fall ganz ohne Auto. Vor zwei Tagen habe ich den Kaufvertrag für die Weitergabe unterschrieben. 1.- EUR für eine „Last“, die ich als Öffi-Bekehrter und Öffi-Nutzer nicht mehr brauchen kann. Das Auto ist weg und ich fahre mit Chaufeur. In der U-Bahn, der Straßenbahn, dem Bus und dem Zug. Ich muss nicht fahren und so hämmere ich in die Tasten.

Drei Tage Intensivkur

Die vielen Begegnungen der letzten drei Tage beim Ordenstag 2012 lassen meinem „286-er“ von den Schultern aufwärts keine Zeit. Die CPU-Auslastung liegt ständig bei 100%. Gesichter, Anliegen und Zugehen aufeinander fordern mich heraus. Voll. Vielfalt. Erfahrung. Kraft. Dort ein altes Gesicht, aber es ist nicht alt. Die Gesichtszüge sind von Leben geprägt. „Enjoy diversity“ habe ich gelesen. Vielfalt genießen. Das konnte ich in den letzten Tagen. Es war die Intensivkur für Vielfalt-Mangement. Wer glaubt, den einen Punkt zu finden, der wird lange suchen oder zum Stehen, Sitzen und Liegen kommen. Davon spüre ich sehr wenig. Hellwache Menschen, die sich der heutigen Realität und Wirklichkeit stellen wollen. Wollen. Auch wenn mich alte Gesichter anschauen, so spüre ich, dass sie neugierig geblieben sind. Das ist es. Neugierde schnüffelt nie nach dem einen Punkt, sondern nach der Vielfalt des Lebens. Bevor dann der Zug in Linz einfährt: Gut, wenn der Zug punktgenau landet, aber das Leben kennt nicht nur Schienen.

Das Interview mit Kathpress zur Medienarbeit bei den Ordensgemeinschaften Österreich

Im Folgenden dokumentiere ich das Interview mit P. Erhard Rauch (Generalsekretär) und mir mit der Kathpress vom 14. November 2012:

Orden planen neue Medien-Offensive

Männer- und Frauenorden wollen künftig vereinter als bisher auftreten und eigenes Bild von „Ordenskirche“ vermitteln.
Präsentation des neuen PR-Konzepts bei Herbsttagung der Orden am 20. November in Wien.

Die Männer- und Frauenorden in Österreich wollen künftig vereinter als bisher auftreten und dabei ein eigenes Bild von „Ordenskirche“ vermitteln. Das erklärte P. Erhard Rauch, Generalsekretär der Superiorenkonferenz, im Interview mit „Kathpress“ am Rande eines Treffens von Ordensverantwortlichen für Öffentlichkeitsarbeit im deutschen Erfurt. Beim österreichweiten Ordenstag am 20. November in Wien sollen ein neuer gemeinsamer Internetauftritt der Orden sowie ein neues PR-Konzept präsentiert werden. Ordensgemeinschaften seien anders verfasst als die Amtskirche, betonte Rauch: „Wir wählen demokratisch unsere Oberinnen und Oberen, sind nicht dem Bischof unterstellt, müssen uns wirtschaftlich selber erhalten und bekommen direkt keinen Kirchenbeitrag.“ Da gebe es viele Unterschiede, die bei den Menschen „überhaupt nicht bekannt“ seien. „Dieses andere Gesicht der Kirche liegt irgendwie im Verborgenen.“ Angespornt vom „Vertrauen vieler Menschen, die Orden große Veränderungs- und Gestaltungskraft zumuten“, wolle man „beim veröffentlichten Kirchenbild nicht immer mitgemeint sein, sondern ein eigenes Bild von Ordenskirche entwickeln“, so der Generalsekretär der Superiorenkonferenz. Zudem erforderten viele Bereiche der täglichen Arbeit – Rauch nannte hier die Schulen, Spitäler, Pastoral- und Kulturangebote, Wirtschaftsbetriebe und Sozialprojekte der Orden – auch professionelle Öffentlichkeitsarbeit. Orden wollten dabei „nicht inszenieren, sondern einfach erzählen, was und wie wir leben, und wie unsere vom Evangelium und dem Ordenscharisma geprägte Sicht ist“, so Rauch.

Gemeinsamer Auftritt der Vielfalt

Um das umzusetzen, werden die Männer- und Frauenorden auf Österreichebene nach außen gemeinsam unter dem Corporate Design „Ordensgemeinschaften Österreich“ auftreten. „Eine große Zielsetzung ist der direkte Kontakt zu den Journalisten und eine lebendige Präsenz im Internet und auf Social Media-Kanälen“, betonte Mediensprecher Ferdinand Kaineder gegenüber „Kathpress“. Dazu wurde ein PR-Konzept ausgearbeitet und ein Medienbüro eingerichtet. Eine gemeinsame Homepage soll künftig die bisher nebeneinander geführten Websites der Männer- und Frauenorden bündeln.  Wie beim Treffen in Erfurt deutlich sichtbar wurde, kennzeichneten sich Ordensgemeinschaften vor allem durch große Vielfalt im Engagement und in den inhaltlichen Schwerpunkten. Ein gemeinsamer Auftritt erfordere auch, die „Ambivalenz der vielen Meinungen und der einen Stimme nach außen“ zu meistern, betonte der Mediensprecher. „Genau das müssen wir in Bewegung halten und die Balance finden, ähnlich wie es auch in einer Familie und Verwandtschaft nicht eine Meinung gibt. Und doch wissen wir um die Zugehörigkeit zur jeweiligen Familie oder Verwandtschaft.“

Ängst abbauen helfen

Wie unterschiedlich die Orden Öffentlichkeitsarbeit handhaben, zeigt ihre Internetpräsenz: Manche besitzen laut Kaineder eine professionell gestaltete Homepage, andere gar keine. „Echte Herausforderungen“ des Internets seien die Geschwindigkeit und der Zeitaufwand, „Chancen“ hingegen die erlaubte Vielfalt und Barrierefreiheit, der verhältnismäßig günstige Preis sowie die Möglichkeit, einen Dialog auf Augenhöhe zu betreiben. Kaineder: „Jeder Orden spürt, dass er zumindest in einfacher, informativer Form online präsent sein muss. Nicht zuletzt bahnen sich die meisten Kontakte junger Leute mit Orden über das Web an.“ Eine Hürde für das Gelingen von Öffentlichkeitsarbeit sei für Orden besonders, wenn die „Zier der Bescheidenheit mit Angst vor den Medien gepaart ist“, formulierte Rauch. Ordensleute sollten diese Zurückhaltung jedoch zurücklassen und offen für ihre Themen und Anliegen einstehen. Kaineder ergänzte, dass manche Ordensleute den Medien aufgrund schlechter Erfahrungen mit Skepsis begegnen würden. „Journalisten machen jedoch ihren Job und sind dabei nicht Gegner, sondern Partner.“ Das Vertrauen unter den Ordensleuten diesbezüglich gelte es zu fördern.

[Quelle: Kathpress vom 14. November 2012]

 

Der lange Schatten der Zukunft

70 Ordensfrauen, Ordensmänner und die dazugehörigen PR-WorkerInnen versammelten sich in Erfurt. „Glaub!würdig?“ wurde im Vorfeld getitelt. Weil diese kreative Buchstabenkombination als Aufreißerin fungierte, musste der Untertitel näher orientieren: „(Selbst)Verständnis, Profil und Herausforderungen von Ordens-PR“.  Der Magnetismus hat uns hingezogen. International vernetzen ist immer gut, fast würde ich sagen „typisch Orden“. Eingesperrtes Denken war den Ordensleuten immer fremd.

Wohin geht die Reise?

Im Zug zurück nach Wien über Linz und Kirchschlag will man natürlich nachschauen, was im Gepäck hängen geblieben ist. Am meisten hat mich überrascht, dass in einzelnen Wortmeldungen vor allem von Ordensfrauen ein „aufrechtes Selbstbewusstsein“ vorgetragen wurde. Auch bei Gesprächen am Tisch oder beim Kaffee wurde mir wieder einmal klar: „Die werden unterschätzt.“ Und ich rede mit einer Provinzoberin über die Ordensfrauen in den USA und die Zähmungsversuche des Vatikan. Ordensfrauen leben das neue Selbstbewusstsein der Frauen von heute. Das ist noch nicht „heraußen“. Das wird sich aber zeigen.  Da sind wir beim Grundtenoer der Tagung und der mächtigen Frage: „Wohin geht die Reise?“ Gibt es genug Platz und Energie für die Zukunftsbilder, die in die Zukunft ziehen und Menschen faszinieren. Diese Anliegen wird sicher von vielen mitgenommen, auch von den Chefitäten der DOK wie Abt Hermann Josef Kugler. P. Erhard Rauch hat vom Think Tank der Orden in Österreich erzählt, von Ordensleuten, die sich immer wieder die Frage stellen: „Orden haben Zukunft, wenn…“. Es sei hier auch gesagt: Österreich liegt hier vorne. Es geht aber nicht um einen Wettbewerb, sondern um den Wandertag in die Zukunft. Beim nächsten Treffen in Wien bin ich auch dabei. Eine positive „Spannung“ erfüllt mich. Ich nehme von Erfurt mit: Es braucht Freiraum, Platz und Energie für die Frage, was ist unser Zukunftsbild und sind unsere Ziele. So verliert die Zukunft ihre Schatten. Auch wenn es mittlerweile draußen finster ist, so weiß mein Zug, wohin er fährt. Das ist gut so.

Medien in die Niederungen einladen

Sr. Katharina Hartleib aus Olpe hat beim zeitlich langen Mittagstisch erzählt, dass sie bewusst wieder in die Stadt gezogen sind. Ihr Mutterhaus steht „oben“ und da ist es schwer, Leute „hinaufzulocken“. „Da haben wir uns entschlossen, wieder hinunterzuziehen“, meinte sie mit einem Schmunzeln. Ihre Kapelle ist praktisch immer offen und es kommen immer mehr Leute, um mit ihnen zu beten und da zu sein. Sie erzählt dann von einer Idee, die bei mir als genial angekommen ist. „Büffeln und beten“ nennt sich das Projekt. Abiturientinnen bekommen Platz, um am Morgen um 8 Uhr zum Gebet zu kommen, dann zu lernen, einzeln, Mittagsgebet, gemeinsames Mittagessen mit den Ordensfrauen und der Nachmittag klingt nach dem eifrigen, intensiven Studieren mit dem Abendgebet um 17 Uhr aus. Zulauf extrem stark steigend, sodass sie nicht mehr genau wissen, wo die Leute untergebracht können. Rhythmus und ritualisierter Lerntag, wertschätzender Umgang, Gemeinsamkeit und das Gefühl, spirituell getragen zu sein in dieser herausfordernden Situation. Das ist es. Sr. Katharina hat einmal Gäste und sie schlendern durch Olpe. Sie erzählt: „Da stürmt auf einmal eine Gruppe junger Mädchen auf sie zu, etwas beschwipst fallen sie ihr um den Hals und meinen ‚Wir haben das Abitur geschafft‘.“ Die Gäste staunten ordentlich. Das sind die Niederungen, in die Medienschaffende und JournalistInnen eingeladen werden sollten. Das liegt auch im Gepäck: „Aktiv und einladend solen Medien geholt werden“. Das bedeutet den Abbau von Angst und das Fassen von Mut. Da wird sich etwas ändern. Die Offenheit der Ordensgemeinschaft wird mehr. Ich denke an die Journalistin, die drei Tage in einem oberösterreichischen Frauenorden mitgelebt hat. Kurz vor Weihnachten werden wir sehen, was ihre Finger in die Tastatur gehämmert haben. Ich bin positiv gespannt.

Es braucht Widerstand gegen die Diktatur der Beschleunigung

Ich habe Gelegenheit, bei einem Gespräch mit Friedhelm Hengsbach SJ  im kleinen Kreis in der KSÖ dabei zu sein. Er hat aus meiner Wahrnehmung in sozialpolitischer und sozialethischer Hinsicht auf Basis der katholischen Soziallehre einen sehr tiefen Ein- und Überblick. So nehme ich die Einschätzung des 75-Jährigen zum Zustand der jetzigen politischen und gesellschaftlichen Zustände und Entwicklungen  wie eine tiefe und weite  Radaraufnahme wahr. Natürlich fallen die Keywords der heutigen Zeit: Druck, Mehrarbeit ohne Bezahlung, schneller, Arbeitskraftunternehmer, WissensarbeiterInnen, Leitkultur Tempo, Digitalisierung, Auflösung, Vernetzung, Profit. Da ließen sich noch 3 Zeilen anfügen.

Die Epochen der Beschleunigung

Hengsbach steht heute selber auch etwas unter Zeitdruck, weil der zum Zug nach München muss. Er schildert die Epochen der Beschleunigung: 1. Der Mensch zieht vom Dorf in die Stadt und wird beschleunigt. 2. Die fossilen Brennstoffe ermöglichen eine Fortbewegung mit ganz neuer Geschwindigkeit bis hin zum Flugzeug. 3. Die Digitalisierung hat eine neue Welle der Beschleunigung ausgelöst, wo noch weit nicht alle „mitkommen“. Am Beispiel des „Hochfrequenzhandels“ der digitalisierten Finanzmärkte zeigt Hengsbach, wie Staat und Gesellschaft „überrumpelt“ werden. Der Privatraum als Schutzraum wird durch alle Ebenen erobert. Der Mensch kann nicht mehr einfach „abschalten“. Und Hengsbach: „Die Frauen tun sich hier schwerer, weil sie dauernd und überall Bereitschaftsdienst haben.“ Die Beschleunigung trifft die Frauen. Kinder, Beruf und Mann treiben. Distanz ist nicht in Sicht.

Time and timeing

Woher kann der Widerstand kommen? Hengsbach wir im Dezember ein Buch vorlegen, das den Titel „Zeitrebellen“ tragen wird. Hengsbach; „Der Widerstand kann nur von unten kommen.“  Ich denke auch, dass die Bremsklötze in den Wohnungen, den Betrieben, den Schulen, den zivilen Initiativen und Vereinen liegen. Auch die Ordensgemeinschaften sprechen wir an und sie werden ihren Beitrag leisten, indem sie viel bewusster und klarer die ihnen eigene Rhythmisierung des Tages, der Woche und des Jahres leben. „Es gibt keinen Zeitmangel, sondern einen Mangel an Selbstbestimmung“, erklärt Hengsbach. Zeitstress ist also Autonomiemangel. Das denke ich auch immer. In der englischen Sprache gibt es Zeit und Timeing. Also gestalten der Zeit. Ich muss gestehen. Heute habe ich ganzen Tag im Garten gearbeitet und die Uhr war weit weg. Es war selbstbestimmtes Arbeiten für die ganze Familie. Ich habe jetzt am Abend das Gefühl. Es war nicht „Time“ sonder sinnerfülltes „Timeing“. Gestalten der Zeit. Es war im Nachhinein betrachtet ein Geschenk. Geschenkte Zeit.

Gott  hat alles zu seiner Zeit gemacht

Hengsbach kommt auf Kohelet. Alles Windhauch ist die Hauptassoziation. Das ist hier nicht das Thema. Es liegt dort viel zur Zeitgestaltung, wenn es heißt: „Gott hat alles zu seiner Zeit schön gemacht.“  Und weiter heißt es: „Er hat die Zeit in die Ewigkeit hineingelegt.“ Unglaublich für mich, wie man dann mit Termingeschäften in Millisekunden Profit macht. Gerade auch die Ordensgemeinschaften sind vom Grundgedanken getragen: „Das Leben kommt uns aus der Ewigkeit entgegen.“  Auf meine Nachfrage, was die Bedeutung der Ordensgemeinschaften ist, sagt Hengsbach: „Die Zeit zum Nachspüren offen halten.“ Das ist ein Wert an sich. Und ich bin froh, dass auf  dem Ziffernblatt meiner Uhr bei jedem Hinschauen mir das eine Wort begegnet: „JETZT“. Denn jetzt hat Gott alles gemacht. Es braucht diesen Widerstand aus dem Jetzt, diese Aufmerksamkeit aus einer gemeinsamen Verantwortung für die Gestaltung – der Zeit.

 

Macht der Job die Welt schlechter oder wie groß darf eine Differenz sein

Macht ihr Job die Welt schlechter? So fragt Payscale Angestellte. Die Angestellten der Fastfood-Restaurants haben zu 38% moralische Probleme, was ihren Job betrifft. Erst an zweiter Stelle die Casino-Croupiers gefolgt von Marketing-Callcenters.Investmentbanker sind zu 85,4% überzeugt, dass sie die Welt besser machen. Umgekehrt: 4,6% sagen, dass sie kaum etwas zur Verbesserung der Welt beitragen. Dort die  moralisch anspruchsvollen Fastfood-Jobler und da die Jongleure ohne viel Skupel. „corti“ im Standard behauptet heute 29. 10. 2012: „Sieht fast so aus, als ob das Gewissen als solches auch längst zu Ware verkommen ist, die sich mit entsprechendem Gerstl kaufen lässt.“  In mir schlummert ein anderer Verdacht: Dort sind die Menschen ganz nahe beim Menschen und am Produkt und sie spüren die Verantwortung. Da sind Menschen Lichtjahre von den konkreten Situationen der Menschen entfernt und spüren keine persönliche Verantwortung mehr.

Die Zeichen der Zeit hier

Spät am Abend schaue ich online die „Orientierung“ nach. Gut, dass es die Möglichkeit gibt nach dem verlängerten Wochenende. Zwei Beiträge bekommen meine vergleichende Aufmerksamkeit. Hier die „Bischofssynode in Rom“ mit dem Ergebnis der „57 Empfehlungen an den Papst“. Evangelisierung steht am Programm. Der Bericht zeigt lauter Bischöfe im Ornat. Die Kirche verliert an Attraktivität. Der Glaubensschwund ist ein „Problem“. Die Bischöfe sitzen in Bänken nebeneinander und studieren „Papiere“. „Die Kirche muss näher zu den Menschen“. wird gesagt. Und sie sitzen weiter im Vatikan, Schulter an Schulter. ExpertInnen reden wie Kardinal Schönborn vor einer Bücherwand. Das Jahr des Glaubens ist ausgerufen. Der Glaube muss neu entdeckt werden und der Beitrag schließt mit einem Kameraschwenk in die feiernde „Masse“. Hier wird über die Zeichen der Zeit gesprochen, die Herausforderungen werden angesprochen.

Die Zeichen der Zeit dort

Der nächste Beitrag startet gleich los: „Konziliare Versammlung„. Maria Moser hat den Beitrag gestaltet und das bürgt für Qualität. Schauplatz ist Frankfurt. Die uneingelösten Versprechen des Vatikanum II sollen selbst eingelöst werden. Die Banken sind der Schauplatz der gehenden Versammlung. Die Finanz- und Bankenkrise ist ein Zeichen der Zeit. Die Paulskirche gibt den Start. Geschichtsträchtig. Die Kirche dreht sich um die Welt, muss sich um die Menschen sorgen. Es dreht sich nicht alles um die Hierarchie. Das Gallus-Viertel mit hohem Anteil an Migranten. Genau dort ist ein Zeichen der Zeit sichtbar, spürbar. Es muss nicht alles so bleiben wie es ist. Das Viertel ist mit ihrer Situation (Migranten, Analphabeten, Hartz IV,…) ein Zeichen der Zeit. Eine Kirche der Armen wird angesprochen. Aber Stopp! Es muss heute aber „Frauenkirche der Armen“ heißen, weil Armut weiblich ist. Ein Zeichen der Zeit. Die Moschee in der Nähe gehört auch zu den Zeichen der Zeit. Interreligiös leben. Respekt ganz konkret. Die Versammlung geht weiter. Geht und bleibt nicht sitzen. Geht auf dem Weg nach Buchenwald, um die dunkle Geschichte der 400 Zwangsarbeiter  in Erinnerung zu rufen.  Eine andere Gruppe der Versammlung geht zu den Ordensleuten, die seit 20 Jahren gegen die Schere „Arm-Reich“ Mahnwache halten. Gegen diese Ungerechtigkeit, die der Kaptialismus hervorbringt, „muss Widerstand geleistet werden. Die 8.57 Minuten sind vorüber und es ist klar: Da wird mit den Zeichen der Zeit gesprochen und Herausforderungen werden angegangen.

Eine solche Kirche, die ganz  konkret mit und bei den Menschen ist, ist ein Zeichen für die Zeit.

 

Großartige, völlig integere, kirchlich loyale, weltoffene Bischöfe ein Dorn im Auge?

Die Stadt Wien ist wirklich schön und ich gestehe, dass ich Gefallen finde, hier zu sein. Ich gestehe aber auch, dass es mich hinauszieht auf die Berge und die weiten Landschaften, wenn die Herbstsonne alles in Gold taucht und die Nebel den weiten Blick verstellen. Dann breche ich auf wie letzten Freitag. Der Traunstein ragt weit in den Himmel und heraus aus dem Nebelmeer. Unten ist es kalt und je höher ich steige, umso höher die Temperaturen. Die Beine sind heute schwer und ich weiß nicht genau, warum. Der Kopf trägt ab der Mitte ein Anliegen mit, das vielleicht die Beine auch schwer macht. Auf der Hütte klärt sich aber: Es ist der Föhn. Aber nicht nur.

Und doch macht eine Personalentscheidung in Rom die Beine schwer

Am  Tag vor dem Aufstieg hat sich durchgesprochen, dass Erzbischof Tobin von der Kongregation für Ordensleute abberufen und nach Indianapolis versetzt worden ist. Das hat in den österreichischen Ordensgemeinschaften Unverständnis bis tiefe Empörung ausgelöst. In einem Email meint einer: Roma locuta – causa kaputta!  P. Voith will als Redemptoristen-Kollege nicht länger schweigen. Die Öffentlichkeit soll wissen, dass diese Vorgehensweise Roms auf totales Unverständnis stößt. Alles das, was schließlich hinausgegangen ist, ist auch über den Berg mitgegangen. Dieser Presseerklärung  drückt alles aus, was Beine schwer macht. „Sind diese großartigen, völlig integeren, kirchlich loyalen, weltoffenen und für die heutige Zeit aufgeschlossenen Bischöfe gar ein Dorn im Auge?“ Diese Frage lässt schneller atmen und den Rucksack schwer werden, weil sie nicht klar mit „Nein“ beantwortet werden kann. Sie sind für die jetzige römische Kirche ein Dorn und deshalb werden sie „beseitigt“. Ordensleute erlebe ich als „gstanden“ und „geduldig“, aber mit einem „mutigen und unerschrockenen Wesen“. Aber hier spürt man: Das kann so nicht sein. Hier muss gesprochen werden.

Es gibt ein anderes Rom

Relativ zeitgleich wird bekannt, dass eine Österreicherin die weltweite Leitung der Salvatorianerinnen übernimmt: Sr. Edith Bramberger aus Steyr wird zur Generaloberin gewählt und „es gilt“. Während Diözesen auf einen Bischof warten und angstvoll dahinzittern, wer geschickt wird, ohne eine Möglichkeit zur transparenten Einflussnahme. Bei Ordensgemeinschaften wird gewählt und Verantwortung übergeben. Jahrhundertelang. „Demokratie“ im ursprünglichen Sinn. Männer und Frauen werden gewählt, um den Dienst an der Einheit und Weiterentwicklung des Ordensauftrages zu tun. Ist das nicht ein gutes Beispiel? Fast alle dieser weltweiten VerantwortungstägerInnen haben ihr Zentrum in Rom, im anderen Rom. Großartige, völlig integere, kirchlich loyale, weltoffene Frauen und Männer als VerantwortungsträgerInnen sind kein Dorn im Auge. Im anderen Rom.

 

Ergebnisse und Erfolge melken

Der heutige Tag war ganz und gar mit dem Pressegespräch zum Engagement der Frauenorden mit ihrem Schutzhaus für Prostituierte ausgefüllt. Dazu gleich eine zweite Präsentation, wo die Superiorenkonferenz federführend als „Ermöglicher“ engagiert ist. Es wurde die Serie CULTUS-Feiertage präsentiert. Propst Maximilian Fürnsinn hat über die Wohltat eines rhythmisierten Lebens gesprochen. Die Ordensgemeinschaften sind aus meiner Sicht „Synchronisierungsstätten für einen guten Lebensrhythmus“. Das nutzen viele und doch wieder zu wenige. Ich selber habe in Weiz beim Wisdom Council eine tiefe Synchronisierung erfahren. Das steigt nach getaner Arbeit wieder auf.

Es muss weitergehen

Mein Bus fährt um 10 Uhr in Weiz, weil ich nachmittags in Wien einen wichtigen Termin habe. Klangschalen und eine tiefe buddhistische Meditation und Einführung haben uns zusammengeführt, bewusst, spirituell. Da sitzt der Initiator Fery, dort der orthodoxe Bischof, daneben der jüdische Psychologe und Mystiker, der Wirtschaftstreibende neben der Apfelbäuerin, die mir zwei steirische Äpfel mit auf den Weg gegeben hat. Etwa 60 Personen stellen sich der vor Fery Berger gestellten Frage: Wie soll es mit Way of Hope weitergehen? Einzelne melden sich und erzählen: Schon lange habe ich keine so intensiven Gespräche geführt. Die Methode „wisdom council“ hat mir ganz neue Facetten eröffnet. Begegnung und Ermutigung standen im Vordergrund. Es war wohltuend, dass der Erfolgsdruck herausgenommen wurde: „Wir mussten keine Erfolge melken.“ Immer wieder der Wunsch und die Bitte: „Da ist Kraft und Energie. Das muss weitergehen.“ Ich denke an mein Assisi-Gehen. Es geht weiter. Ich schaue auf die Uhr. Mein Bus. Ich muss mich trennen. Beim Hinuntergehen über die Stiege aus dem Kunsthaus höre direkt „antizipativ“ die Klangschalen, die zur „Abschlussliturgie“ erklingen werden. Mit Wehmut betrete ich den Bus und fahre Richtung Graz. Dort lässt uns der Graz-Marathon Umwege nehmen. Die Diözese, so lese ich in der Kathpress, startet mit heutigem Tag den „diözesanen Weg“ in der Stadthalle. Ein nicht unwesentlicher Teil wurde und wird in Weiz schon gegangen. Am Weg der Hoffnung. Im Zug nach Wien kommt mir immer wieder in den Sinn: Es wird weitergehen. Und über den Semmering denke ich: „Gut, dass keine schnellen Ergebnisse gemolken wurden.“

 

Die Achtsamkeit ist eine große Macht

Ich drehe mich nochmals um, bevor ich die Stiegen zum Kunsthaus hinaufgehe. Rechts und links die volle Wucht der Moderne und dahinter die kleine Häuserzeile aus früheren Zeiten. Schön langsam treffen die TeilnehmerInnen an der großen Runde des Wisdom Council ein. Die Tische sind vorbereitet. Weißes Papier und Stifte liegen bereit. Sr. Ishpriya führt uns mit einem Animationsfilm in die Weite des Makrokosmos und die die Tiefen des Nanokosmos. Diese Meditation hilft mir persönlich, mich im Kosmos zu „verorten“. Ein großes Staunen erfasst mich.

Als würde wir uns schon lange kennen

Nach der meditativen Hinführung stellt die „Seeding Group“, die am Vortag ein „kleines wisdom Council“ abgehalten hat, ihre Erfahrungen und Ergebnisse vor. Davor öffnet die Moderatorin Emma Spreitzhofer „einen tiefen Gesprächsraum, um auf allen Ebenen miteinander in Kontakt zu kommen“. Es geht nicht „ums recht haben und auch nicht nur um den Kopf“. Es geht nicht um Mehrheit oder Kompromisse, sondern um „einmütig gefundene Ergebnisse“. Ich kenne den „sensus fidelim“ (gemeinsamen Glaubenssinn)  und hier geht es um den „sense of the meeting“. Das ist nicht die Summe der Einzelmeinungen. Wie gelingt es, Antworten zu finden auf unbeantwortbare Fragen? Es verlangt mehr Mut, die eigene Meinung zu ändern als einen anderen zu überzeugen. Da heißt es, „den Raum zu halten und zu schützen“. Wertschätzung ist die Voraussetzung. Let us listen to the mystery in us and enjoy diversity. Mit Plakaten wurden festhaltbare Ergebnisse in den Raum gestellt. Immer wieder höre ich: Es war als würden wir uns schon lange kennen und wir haben uns zum ersten Mal gesehen. Wir sind spirituell verbunden. Das heißt: Raum geben, Platz geben, Raum schaffen, Freiräume öffnen. Und ich denke persönlich die vielen Ordensgemeinschaften mit, die das als Pioniere gegen alle Mauern schon tun. Sie treffen auf eine Sehnsucht, die sich hier artikuliert. Freiraum für Gott und den Menschen.

Die Kerze brennt

Im Laufe des Tages gab es immer wieder Gesprächskreise, Runden, Begegnungen, die auf unterschiedliche Weise struktuiert wurden. Ich durfte mit jedem Mal neue und interessante Menschen kennenlernen. Das lange Warten auf das Mittagessen war auch eine gute Gelegenheit, einander näher zu kommen. Berührt haben mich Aussagen wie: Wenn eine Kerze angezündet ist, ist nicht wichtig, wer sie angezündet hat, sondern wichtig ist das Licht. Die „Einmütigkeit“ war für einige eine Überraschung. Einem Gedanken nicht gleich einen Gegen-Gedanken oder ein „Argument“ entgegenzuwerfen, sondern Raum zu lassen, wirken zu lassen, Nachdenklichkeit zu schenken. Irgendwie hat sich eine Stimmung mit Sensibilität, Achtsamkeit und liebevoller, hinhörender Begegnung „ergeben“. Wir brauchen nichts vom Himmel holen, weil schon so viel da ist. „Wir müssen es nur wahrnehmen. Dann bleibt so viel, dass wir es verschenken können“. Die Ideen verdichten sich: Braucht es eine Akademie der Spiritualität? Ist die Musik ein hervorragender Erfahrungs- und Ausdrucksraum? Wie gelingt es, „Zuhör-Räume“ zu schaffen?

In die große Runde gesagt

Gegen Ende des Nachmittags sitzen alle in einer großen Runde. Das Mikro geht langsam herum. Schweigezeiten entstehen. Die Ökumene-Gruppe mit Herwig Sturm stößt aus ihrer Arbeit dazu. Ermutigungen und Eindrücke werden ausgesprochen. Was heißt nun „Aufbruch“ und „Spiritualität“? Sind es große Aktionen oder ist es eine tiefe Kraft in uns? Tarafa Baghajati  legt in den Raum, dass das Wort „Spiritualität“ ein leeres und kraftloses Wort ist. Was bedeutet es konkret? Er schlägt einen „Dreisprung“ vor: Verantwortung tragen – Dankbarkeit in allem – Teilen auf allen Ebenen (Gefühle, Geld, Leid, Freundschaft, Zeit). Das bleibt hängen. Mein Sitznachbar Rudolf aus Wr. Neudorf, mit dem ich in der Dreier-Gruppe war, meint: „Ich habe hier die Achtsamkeit wieder entdeckt und mir vorgenommen. Die Achtsamkeit ist eine große Macht.“ Wir haben in der Gruppe auch von der „Macht des Gebetes“ gesprochen. Gegenüber der Kirche und Institutionen meint ein Teilnehmer: „Menschlichkeit wird immer eingefordert, aber nicht eingeübt.“ Gabriel Strenger aus Jerusalem sieht in der Spiritualität immer eine „Unterbrechung“, das Hereinnehmen oder -lassen einer „fremden anderen Dimension“ und das bedeutet immer „Relativierung“.

Es braucht Raum und Zeit für die Frage: „Was bewegt dich?“ Mir fällt der Kommunikationsschwerpunkt „Ganz Ohr“ ein und die Kraft, die er damals in der Diözese Linz unter den Engagierten entwickelt hat.

Lebens- und Erfahrungsraum Musik wurde immer wieder angesprochen und auch „angesungen“. Der jetzt folgende Abend gehört multi-kultureller Musik. Ich freue mich darauf.