Macht der Job die Welt schlechter oder wie groß darf eine Differenz sein

Macht ihr Job die Welt schlechter? So fragt Payscale Angestellte. Die Angestellten der Fastfood-Restaurants haben zu 38% moralische Probleme, was ihren Job betrifft. Erst an zweiter Stelle die Casino-Croupiers gefolgt von Marketing-Callcenters.Investmentbanker sind zu 85,4% überzeugt, dass sie die Welt besser machen. Umgekehrt: 4,6% sagen, dass sie kaum etwas zur Verbesserung der Welt beitragen. Dort die  moralisch anspruchsvollen Fastfood-Jobler und da die Jongleure ohne viel Skupel. „corti“ im Standard behauptet heute 29. 10. 2012: „Sieht fast so aus, als ob das Gewissen als solches auch längst zu Ware verkommen ist, die sich mit entsprechendem Gerstl kaufen lässt.“  In mir schlummert ein anderer Verdacht: Dort sind die Menschen ganz nahe beim Menschen und am Produkt und sie spüren die Verantwortung. Da sind Menschen Lichtjahre von den konkreten Situationen der Menschen entfernt und spüren keine persönliche Verantwortung mehr.

Die Zeichen der Zeit hier

Spät am Abend schaue ich online die „Orientierung“ nach. Gut, dass es die Möglichkeit gibt nach dem verlängerten Wochenende. Zwei Beiträge bekommen meine vergleichende Aufmerksamkeit. Hier die „Bischofssynode in Rom“ mit dem Ergebnis der „57 Empfehlungen an den Papst“. Evangelisierung steht am Programm. Der Bericht zeigt lauter Bischöfe im Ornat. Die Kirche verliert an Attraktivität. Der Glaubensschwund ist ein „Problem“. Die Bischöfe sitzen in Bänken nebeneinander und studieren „Papiere“. „Die Kirche muss näher zu den Menschen“. wird gesagt. Und sie sitzen weiter im Vatikan, Schulter an Schulter. ExpertInnen reden wie Kardinal Schönborn vor einer Bücherwand. Das Jahr des Glaubens ist ausgerufen. Der Glaube muss neu entdeckt werden und der Beitrag schließt mit einem Kameraschwenk in die feiernde „Masse“. Hier wird über die Zeichen der Zeit gesprochen, die Herausforderungen werden angesprochen.

Die Zeichen der Zeit dort

Der nächste Beitrag startet gleich los: „Konziliare Versammlung„. Maria Moser hat den Beitrag gestaltet und das bürgt für Qualität. Schauplatz ist Frankfurt. Die uneingelösten Versprechen des Vatikanum II sollen selbst eingelöst werden. Die Banken sind der Schauplatz der gehenden Versammlung. Die Finanz- und Bankenkrise ist ein Zeichen der Zeit. Die Paulskirche gibt den Start. Geschichtsträchtig. Die Kirche dreht sich um die Welt, muss sich um die Menschen sorgen. Es dreht sich nicht alles um die Hierarchie. Das Gallus-Viertel mit hohem Anteil an Migranten. Genau dort ist ein Zeichen der Zeit sichtbar, spürbar. Es muss nicht alles so bleiben wie es ist. Das Viertel ist mit ihrer Situation (Migranten, Analphabeten, Hartz IV,…) ein Zeichen der Zeit. Eine Kirche der Armen wird angesprochen. Aber Stopp! Es muss heute aber „Frauenkirche der Armen“ heißen, weil Armut weiblich ist. Ein Zeichen der Zeit. Die Moschee in der Nähe gehört auch zu den Zeichen der Zeit. Interreligiös leben. Respekt ganz konkret. Die Versammlung geht weiter. Geht und bleibt nicht sitzen. Geht auf dem Weg nach Buchenwald, um die dunkle Geschichte der 400 Zwangsarbeiter  in Erinnerung zu rufen.  Eine andere Gruppe der Versammlung geht zu den Ordensleuten, die seit 20 Jahren gegen die Schere „Arm-Reich“ Mahnwache halten. Gegen diese Ungerechtigkeit, die der Kaptialismus hervorbringt, „muss Widerstand geleistet werden. Die 8.57 Minuten sind vorüber und es ist klar: Da wird mit den Zeichen der Zeit gesprochen und Herausforderungen werden angegangen.

Eine solche Kirche, die ganz  konkret mit und bei den Menschen ist, ist ein Zeichen für die Zeit.

 

Großartige, völlig integere, kirchlich loyale, weltoffene Bischöfe ein Dorn im Auge?

Die Stadt Wien ist wirklich schön und ich gestehe, dass ich Gefallen finde, hier zu sein. Ich gestehe aber auch, dass es mich hinauszieht auf die Berge und die weiten Landschaften, wenn die Herbstsonne alles in Gold taucht und die Nebel den weiten Blick verstellen. Dann breche ich auf wie letzten Freitag. Der Traunstein ragt weit in den Himmel und heraus aus dem Nebelmeer. Unten ist es kalt und je höher ich steige, umso höher die Temperaturen. Die Beine sind heute schwer und ich weiß nicht genau, warum. Der Kopf trägt ab der Mitte ein Anliegen mit, das vielleicht die Beine auch schwer macht. Auf der Hütte klärt sich aber: Es ist der Föhn. Aber nicht nur.

Und doch macht eine Personalentscheidung in Rom die Beine schwer

Am  Tag vor dem Aufstieg hat sich durchgesprochen, dass Erzbischof Tobin von der Kongregation für Ordensleute abberufen und nach Indianapolis versetzt worden ist. Das hat in den österreichischen Ordensgemeinschaften Unverständnis bis tiefe Empörung ausgelöst. In einem Email meint einer: Roma locuta – causa kaputta!  P. Voith will als Redemptoristen-Kollege nicht länger schweigen. Die Öffentlichkeit soll wissen, dass diese Vorgehensweise Roms auf totales Unverständnis stößt. Alles das, was schließlich hinausgegangen ist, ist auch über den Berg mitgegangen. Dieser Presseerklärung  drückt alles aus, was Beine schwer macht. „Sind diese großartigen, völlig integeren, kirchlich loyalen, weltoffenen und für die heutige Zeit aufgeschlossenen Bischöfe gar ein Dorn im Auge?“ Diese Frage lässt schneller atmen und den Rucksack schwer werden, weil sie nicht klar mit „Nein“ beantwortet werden kann. Sie sind für die jetzige römische Kirche ein Dorn und deshalb werden sie „beseitigt“. Ordensleute erlebe ich als „gstanden“ und „geduldig“, aber mit einem „mutigen und unerschrockenen Wesen“. Aber hier spürt man: Das kann so nicht sein. Hier muss gesprochen werden.

Es gibt ein anderes Rom

Relativ zeitgleich wird bekannt, dass eine Österreicherin die weltweite Leitung der Salvatorianerinnen übernimmt: Sr. Edith Bramberger aus Steyr wird zur Generaloberin gewählt und „es gilt“. Während Diözesen auf einen Bischof warten und angstvoll dahinzittern, wer geschickt wird, ohne eine Möglichkeit zur transparenten Einflussnahme. Bei Ordensgemeinschaften wird gewählt und Verantwortung übergeben. Jahrhundertelang. „Demokratie“ im ursprünglichen Sinn. Männer und Frauen werden gewählt, um den Dienst an der Einheit und Weiterentwicklung des Ordensauftrages zu tun. Ist das nicht ein gutes Beispiel? Fast alle dieser weltweiten VerantwortungstägerInnen haben ihr Zentrum in Rom, im anderen Rom. Großartige, völlig integere, kirchlich loyale, weltoffene Frauen und Männer als VerantwortungsträgerInnen sind kein Dorn im Auge. Im anderen Rom.

 

Ergebnisse und Erfolge melken

Der heutige Tag war ganz und gar mit dem Pressegespräch zum Engagement der Frauenorden mit ihrem Schutzhaus für Prostituierte ausgefüllt. Dazu gleich eine zweite Präsentation, wo die Superiorenkonferenz federführend als „Ermöglicher“ engagiert ist. Es wurde die Serie CULTUS-Feiertage präsentiert. Propst Maximilian Fürnsinn hat über die Wohltat eines rhythmisierten Lebens gesprochen. Die Ordensgemeinschaften sind aus meiner Sicht „Synchronisierungsstätten für einen guten Lebensrhythmus“. Das nutzen viele und doch wieder zu wenige. Ich selber habe in Weiz beim Wisdom Council eine tiefe Synchronisierung erfahren. Das steigt nach getaner Arbeit wieder auf.

Es muss weitergehen

Mein Bus fährt um 10 Uhr in Weiz, weil ich nachmittags in Wien einen wichtigen Termin habe. Klangschalen und eine tiefe buddhistische Meditation und Einführung haben uns zusammengeführt, bewusst, spirituell. Da sitzt der Initiator Fery, dort der orthodoxe Bischof, daneben der jüdische Psychologe und Mystiker, der Wirtschaftstreibende neben der Apfelbäuerin, die mir zwei steirische Äpfel mit auf den Weg gegeben hat. Etwa 60 Personen stellen sich der vor Fery Berger gestellten Frage: Wie soll es mit Way of Hope weitergehen? Einzelne melden sich und erzählen: Schon lange habe ich keine so intensiven Gespräche geführt. Die Methode „wisdom council“ hat mir ganz neue Facetten eröffnet. Begegnung und Ermutigung standen im Vordergrund. Es war wohltuend, dass der Erfolgsdruck herausgenommen wurde: „Wir mussten keine Erfolge melken.“ Immer wieder der Wunsch und die Bitte: „Da ist Kraft und Energie. Das muss weitergehen.“ Ich denke an mein Assisi-Gehen. Es geht weiter. Ich schaue auf die Uhr. Mein Bus. Ich muss mich trennen. Beim Hinuntergehen über die Stiege aus dem Kunsthaus höre direkt „antizipativ“ die Klangschalen, die zur „Abschlussliturgie“ erklingen werden. Mit Wehmut betrete ich den Bus und fahre Richtung Graz. Dort lässt uns der Graz-Marathon Umwege nehmen. Die Diözese, so lese ich in der Kathpress, startet mit heutigem Tag den „diözesanen Weg“ in der Stadthalle. Ein nicht unwesentlicher Teil wurde und wird in Weiz schon gegangen. Am Weg der Hoffnung. Im Zug nach Wien kommt mir immer wieder in den Sinn: Es wird weitergehen. Und über den Semmering denke ich: „Gut, dass keine schnellen Ergebnisse gemolken wurden.“

 

Die Achtsamkeit ist eine große Macht

Ich drehe mich nochmals um, bevor ich die Stiegen zum Kunsthaus hinaufgehe. Rechts und links die volle Wucht der Moderne und dahinter die kleine Häuserzeile aus früheren Zeiten. Schön langsam treffen die TeilnehmerInnen an der großen Runde des Wisdom Council ein. Die Tische sind vorbereitet. Weißes Papier und Stifte liegen bereit. Sr. Ishpriya führt uns mit einem Animationsfilm in die Weite des Makrokosmos und die die Tiefen des Nanokosmos. Diese Meditation hilft mir persönlich, mich im Kosmos zu „verorten“. Ein großes Staunen erfasst mich.

Als würde wir uns schon lange kennen

Nach der meditativen Hinführung stellt die „Seeding Group“, die am Vortag ein „kleines wisdom Council“ abgehalten hat, ihre Erfahrungen und Ergebnisse vor. Davor öffnet die Moderatorin Emma Spreitzhofer „einen tiefen Gesprächsraum, um auf allen Ebenen miteinander in Kontakt zu kommen“. Es geht nicht „ums recht haben und auch nicht nur um den Kopf“. Es geht nicht um Mehrheit oder Kompromisse, sondern um „einmütig gefundene Ergebnisse“. Ich kenne den „sensus fidelim“ (gemeinsamen Glaubenssinn)  und hier geht es um den „sense of the meeting“. Das ist nicht die Summe der Einzelmeinungen. Wie gelingt es, Antworten zu finden auf unbeantwortbare Fragen? Es verlangt mehr Mut, die eigene Meinung zu ändern als einen anderen zu überzeugen. Da heißt es, „den Raum zu halten und zu schützen“. Wertschätzung ist die Voraussetzung. Let us listen to the mystery in us and enjoy diversity. Mit Plakaten wurden festhaltbare Ergebnisse in den Raum gestellt. Immer wieder höre ich: Es war als würden wir uns schon lange kennen und wir haben uns zum ersten Mal gesehen. Wir sind spirituell verbunden. Das heißt: Raum geben, Platz geben, Raum schaffen, Freiräume öffnen. Und ich denke persönlich die vielen Ordensgemeinschaften mit, die das als Pioniere gegen alle Mauern schon tun. Sie treffen auf eine Sehnsucht, die sich hier artikuliert. Freiraum für Gott und den Menschen.

Die Kerze brennt

Im Laufe des Tages gab es immer wieder Gesprächskreise, Runden, Begegnungen, die auf unterschiedliche Weise struktuiert wurden. Ich durfte mit jedem Mal neue und interessante Menschen kennenlernen. Das lange Warten auf das Mittagessen war auch eine gute Gelegenheit, einander näher zu kommen. Berührt haben mich Aussagen wie: Wenn eine Kerze angezündet ist, ist nicht wichtig, wer sie angezündet hat, sondern wichtig ist das Licht. Die „Einmütigkeit“ war für einige eine Überraschung. Einem Gedanken nicht gleich einen Gegen-Gedanken oder ein „Argument“ entgegenzuwerfen, sondern Raum zu lassen, wirken zu lassen, Nachdenklichkeit zu schenken. Irgendwie hat sich eine Stimmung mit Sensibilität, Achtsamkeit und liebevoller, hinhörender Begegnung „ergeben“. Wir brauchen nichts vom Himmel holen, weil schon so viel da ist. „Wir müssen es nur wahrnehmen. Dann bleibt so viel, dass wir es verschenken können“. Die Ideen verdichten sich: Braucht es eine Akademie der Spiritualität? Ist die Musik ein hervorragender Erfahrungs- und Ausdrucksraum? Wie gelingt es, „Zuhör-Räume“ zu schaffen?

In die große Runde gesagt

Gegen Ende des Nachmittags sitzen alle in einer großen Runde. Das Mikro geht langsam herum. Schweigezeiten entstehen. Die Ökumene-Gruppe mit Herwig Sturm stößt aus ihrer Arbeit dazu. Ermutigungen und Eindrücke werden ausgesprochen. Was heißt nun „Aufbruch“ und „Spiritualität“? Sind es große Aktionen oder ist es eine tiefe Kraft in uns? Tarafa Baghajati  legt in den Raum, dass das Wort „Spiritualität“ ein leeres und kraftloses Wort ist. Was bedeutet es konkret? Er schlägt einen „Dreisprung“ vor: Verantwortung tragen – Dankbarkeit in allem – Teilen auf allen Ebenen (Gefühle, Geld, Leid, Freundschaft, Zeit). Das bleibt hängen. Mein Sitznachbar Rudolf aus Wr. Neudorf, mit dem ich in der Dreier-Gruppe war, meint: „Ich habe hier die Achtsamkeit wieder entdeckt und mir vorgenommen. Die Achtsamkeit ist eine große Macht.“ Wir haben in der Gruppe auch von der „Macht des Gebetes“ gesprochen. Gegenüber der Kirche und Institutionen meint ein Teilnehmer: „Menschlichkeit wird immer eingefordert, aber nicht eingeübt.“ Gabriel Strenger aus Jerusalem sieht in der Spiritualität immer eine „Unterbrechung“, das Hereinnehmen oder -lassen einer „fremden anderen Dimension“ und das bedeutet immer „Relativierung“.

Es braucht Raum und Zeit für die Frage: „Was bewegt dich?“ Mir fällt der Kommunikationsschwerpunkt „Ganz Ohr“ ein und die Kraft, die er damals in der Diözese Linz unter den Engagierten entwickelt hat.

Lebens- und Erfahrungsraum Musik wurde immer wieder angesprochen und auch „angesungen“. Der jetzt folgende Abend gehört multi-kultureller Musik. Ich freue mich darauf.

 

 

Gehe weg von dir zu dir. Das ist das Geheimnis des Aufbruchs

Auf der Einladung steht: Aufbrechen – wohin? mit wem?. Der Zug hat mich hierher gebracht, nach Weiz. Die Kunsthalle ist die Location.  Wir sitzen im Halbkreis im Saal des modernen und neuen Gebäudes. Way of Hope hat eingeladen zum „Wisdom Council“. Schon das Eröffnungslied bringt und in Schwingung. Klang hat viel mit dem Thema zu tun. Das Einschwingen in einen gemeinsamen Klangkörper. Ich gerate in die erste Reihe, weil es wie in der Kirche ist: sie ist frei. Neben mir sitzt mein Facebook-Freund Tarafa Baghajati. Er ist Obmann der Initiative muslimischer ÖsterreicherInnen. Wir stellen fest: es ist schön, sich analog zu sehen. Daneben der Dozent für Psychologie in Jerusalem und Lehrer jüdischer Mystik Gabriel Strenger. Er wird als erster das Wort ergreifen. Mit großem Brustkreuz daneben der serbisch-orthodoxe Bischof Andrej Cilerdcic aus Belgrad. Seine Mutter aus Deutschland gebürtig sitzt neben ihm und deshalb spricht er ausgezeichnet deutsch.

Aufbruch aus der Sicht eines Juden

„Der Mensch hat immer Angst vor der Unsicherheit“, stellt Gabriel Strenger fest: „Wer die Angst aushält, kann den ersten Schritt zum Aufbruch wagen.“ Er fragt, was Glaube eigentlich bedeutet: „Für einen Juden bedeutet der Glaube an die Schöpfung Gottes glauben und dass sie gut ist. Der Drang zum Sein wir das Haben besiegen  und der Mut die Angst. Wir glauben an die innere Kraft der Seele.“ Wie erkenne ich die Stimme Gottes? „Der Teufel macht Angst und Gott macht Mut. Wenn mich Mut erfasst, spricht Gott zu mir.“ Strenger geht einzelnen Wortbedeutungen nach. „Auf-Bruch“ hießt los und vorwärts und Bruch ist öffnen, das oft mit brechen verbunden ist. „Das Zerstören der Götzen ist immer Teil des Aufbruchs, weil Götzen versteinertes Lebens sind“, erläutert Strenger. Aus seiner Sicht bedeutet Krise, „dass das Alte gestorben ist und das Neue nicht geboren werden kann oder darf.“ Am Beispiel Abrahams erläutert Strenger, was es heißt, dem Ruf Gottes zu folgen und aufzubrechen: „Gehe weg von dir zu dir. Verlasse das Ego, damit du das Selbst finden kannst.“  Voraussetzung ist das Gehen: „Du bist das Gehen. Das ist die Dynamik des Lebens.“  Wer glaubt, er ist angekommen, hat schon verloren: „Der Gott von gestern wird sehr schnell zum Götzen von morgen.“ Strenger sieht im Hören Abrahams den tiefsten Grund für den Aufbruch: „Hören und gehen. Gott möge uns helfen, seine Stimme zu hören und gebe uns die Kraft immer neu aufzubrechen.“

Aufbrechen aus der Sicht des Muslim

„Mohamed hat in einer Zeit des Stammesdenkens und Rassismus einen Aufbruch gesetzt“, führt Tarafa Baghajati aus. Neben Sklaverei, Menschenbesitz und Götzendienst gab es zur Zeit Mohameds auch Hilfsbereitschaft, Großzügigkeit und Gastfreundschaft. Mohamed will genau diese vorhandenen guten Tugenden stärken. Die Gleichwertigkeit der Menschen ist seine Botschaft. Alles sind Menschen und Kinder Gottes. „Oben steht. Ihr Menschen und nicht ihr Muslime“, führt Baghajati aus. Aufbruch, Auswanderung, Migration ist wegen der Erinnerung an die Gefährten Mohameds, die nach Äthiopien auszogen, nicht negativ, sondern positiv bewertet. Auch dass Mohamend in Medina aufgenommen wurde, zeigt bis heute noch tiefe Spuren. Die Hälfte des Besitzes ist für Migranten oder Asylsuchende. „Deshalb ist bis heute die Atmosphäre in Medina gelassen, locker und fröhlich“, weiß Baghajati. Mit Mohamed ist Aufbruchstimmung verbunden. Das Zinsverbot bringt verfahrene Ungerechtigkeiten in Bewegung. Wasser, Luft, Weide und Feuer (heute Energie) muss frei sein für alle. Ein Flucht aus der Verantwortung darf es nicht geben.

Aufbrechen aus der Sicht des Orthodoxen

„Die Einfachheit des Geistes ist die eigentliche spirituelle Kraft“, führt Bischof Andrej Cilerdcic aus Belgrad aus. Er erörtert vor allem die ökumenischen Bemühungen und Aktivitäten. Er sieht in der Anerkennung der Pluralität einen wichtigen Aufbruch zueinander: „Manche Kirchen tun sich schwer, die Inhalte und Ergebnisse von Dialogprozessen an und aufzunehmen.“ Als Folge sieht er Ratlosikeit. Dabei hat die ökumenische Bewegung unglaublich viel Know How in der Konfliktbewältigung angesammelt. Das verleitet ihn zur Forderung: „Das braucht mehr Wahrnehmung der ökumenischen Aufbrüche und Bemühungen.“

Der erste Abend wird mit vielen Gesprächen weitergeführt. Es fällt leicht, mit den anwesenden Menschen ins Gespräch zu kommen. Das ist ein gutes Zeichen. In jedem Fall steigt bei mir die „Spannung“, was die Methode des Wisdom Council betrifft. Spannender Beginn.

 

 

 

Wir erinnern und erzählen, damit wir uns den Aufbruch ersparen?

Aktionen ziehen durch das Land. Das Konzil wurde eröffnet. Ab heute sind 50 Jahre ins Land gezogen. Papst, Bischöfe und deren Institutionen sind in Aktion. Schwerpunkte in den Zeitungen. Nostalgische Fotos von Konzilsvätern werden von Großmüttern und Großvätern begeistert interpretiert. Da war Aufbruch zu spüren und tatsächlich wurde Aufbruch gelebt. Das Establishment, die Elite der römischen Kirche hat in ihrer Machtstarre ganz übersehen, dass rundherum alles „fluid“ geworden ist. „Kristallisierte Kompetenz“ traf auf „fluide Kompetenz“. Der individuelle Mensch entwickelt sich auch von der fluiden in die kristalline Realität. Im Alter von 50 Jahren etwa wird diese Veränderung spürbar. Das sagen Menschen (um sich das Wort ExpertIn zu ersparen), die etwas von „Beschäftigung und Employabilty“ verstehen. Das Konzil wird 50 und „kristallin“.

Die Körpersprache sagt: erstarrt

Das wohl berühmteste Foto lacht mich von der Titelseite von „informiert“ an. Das ist die Mitarbeiterzeitung aus Linz. Die Bischöfe sitzen in Reih und Glied im Petersdom. Eine äußerlich starre Angelegenheit. Da hat sich seit der Zeit damals nicht viel verändert. Ich erinnere mich noch an eine Nachbesprechung zum Papstbesuch in Mariazell. Der ORF-Sendeverantwortliche war wütend, weil durch alle Kameras, die auf den Altar hin aufgenommen haben, nur Bischöfe im Bild waren. 100 Bischöfe waren im Hntergrund aufgestellt. Keine Frauen, keine Ordensleute, keine „Zivilisten“. Er resümiert: „Diese ausschließlich klerikale Männerlastigkeit können wir heute nicht mehr so senden.“ Dann kommen mir Ordensmeetings in den Sinn. Bunt, vielfältig, unterschiedlich. Da ist etwas in Bewegung. Das deutet eine fluide Realität an. Unterschiedlichste Knotenpunkte sind sichtbar. Manchmal erfüllt mich ein Stück Wehmut und dann wieder Zorn: Sind nicht viele, sehr viele Festgottesdienste, Veranstaltungen und Feiern körpersprachlich so aufgebaut, dass sie den Aufbruch nicht einmal andeuten? Der fluide und kommunikative Geist wird beschworen im Sitzen und Stehen. Wie war das? Pilgerndes Volk Gottes. Aber: „Es bleibt ohnehin alles so, wie es wird.“

 

Weltgestaltung gegen Selbsterhaltung

Der Zug bringt mich des nächstens von Linz wieder zurück nach Wien. Heut ein zweites Mal. Otto Hirsch hat zu einem Benefiz-Abend „Hope for Future“ eingeladen. Sepp S. hat mir seine Gastfreundschaft an seinen „gekauften Tisch“ angeboten. Nachdem ich Otto schon seit der Dompfarre kenne und Sepp noch ein Stück länger, „konnte und wollte“ ich nicht nein sagen.

Zupacken

Otto unterstützt mit einem unglaublich engagierten Netz von UnterstützerInnen die Arbeit von Sr. Lydia in Nairobi. Sie hat sich um die „Müllkinder“ angenommen. Hope for Future hat alleine aus Spenden 309.000.- EUR zur Verfügung gestellt und Leben gerettet und Leben entwickelt. Im Zug auf der Rückfahrt vermischen sich die Gedanken dieses Abends mit dem Jubiläum des Zweiten Vatikanischen Konzils. Aufbruch war überall zu spüren. Anpacken war gefragt und wurde als „Wille Gottes“ verstanden. Die Kirche als Werkzeug und nicht als Selbstzweck. Die gesellschaftlichen Wirklichkeiten galt es nach dem Evangelium zu gestalten. Große Vorbilder wie M.L.King „tauchten“ auf und inspirierten eine ganze Generation. Das Christentum hat Welt gestaltet. Edi Ploier weitete den Blick auf die ganze Welt und entwickelte Entwicklungshilfe. Junge Leute gingen als Entwicklungshelfer in andere Kontinente. Missionare verstanden sich im Dialog mit dem vorhandenen Kulturen. Das Christentum inspirierte, motivierte zur „Weltgestaltung“.

Anhalten

In der Nähe von St. Pölten waren meine Gedanken bei der Theologie der Befreiung. Sie wurde radikal angehalten, nein abgewürgt. Inkarniertes gelebtes Christentum auf Seite der Armen war der Hierarchie zu gefährlich. Wer an Selbsterhalten denkt, der hat große Angst, sich in der Welt zu verlieren, auch wenn es um Gerechtigkeit und Menschenwürde geht. Sr. Lydia und Otto Hirsch denken nicht an Selbsterhaltung. Ihnen geht es um Weltgestaltung im Dienst der Ärmsten. Ganz konkret und ohne Wenn und Aber. Der Zug fährt in Wien ein und ich bin dankbar für die Einladung. Der Abend hat die Richtung des Vat II wieder in Erinnerung gerufen. Ich habe Zeugnisse gesehen, die den Kern der Botschaft Jesu leben. Es geht um Weltgestaltung und nicht Selbsterhaltung. Ordensfrauen sind in diesem Fall die „Täterinnen“, Menschen der Tat. Beunruhigt gehe ich schlafen. Und das ist gut so.

 

Der nackte Franziskus ist heute wie damals ein Ärgernis

Der Vorabend des 4. Oktober „verleitet“ dazu, sich einzustimmen auf den großen Feiertag des Hl. Franziskus. Natürlich kommen in mir persönlich viele Erinnerungen und Erfahrung hoch von meinem Gehen nach Assisi im Jahre 2009. 52 Tage und 1.400 Kilometer zu Fuß  hinterlassen Spuren im Herzen und in der Seele. Nachhaltig. Wer es probieren will: 21 Tage 7 Stunden pro Tag gehen. Das „furcht“ sich ein. Franziskus, Klara und Antonius sind mir immer wichtiger geworden, sind mir immer näher gekommen. Bist heute.

Step back

Heute wurde das Jahr des Glaubens in Wien vorgestellt. Geteilte Einschätzung. Pattstellung ist das Stichwort. „Step back“, schreibt der Blogger Georg. Stefan, der @frei_denk_er twittert überhaupt ganz kritisch: „Jahr des Raubens wäre wohl die richtige Bezeichnung: Dieser Hirtenbrief raubt mir den letzten Nerv.“ Dass die organisierten Reformer das kritisch sehen, lag nicht nur in der Luft, sondern hat sich längst manifestiert. Daraus ist mittlerweile ein Ritual geworden, ein innerkirchliches mit großer medialer Wirkung. Da bleibt kein Spalt für Neues. Wo sich ein Spalt auftut, da schreiben Medien hinein. Es ist ihre Aufgabe, Inkongruenzen aufzuzeigen. Das wünschen wir uns beim U-Ausschuss und genauso bei der sogenannten organisierten Euro-Rettung. Das letzte Publik-Forum liegt am Stoß neben mir: Wer rettet den Euro vor den Euro-Rettern. Wer rettet die Kirche vor den Kirchenrettern – dort wie da, oben wie unten. Wenn sich etwas ganz und gar „verfangen“ hat (in der Ehe, Firma, Politik, Schule, Verein,…), dann ist sicher der „step back“ hilfreich. Aber was feiern wir morgen?

The others will pay

Zur Zeit des Hl. Franziskus und der Hl. Klara hat sich die Kirchenspitze irgendwie verlaufen gehabt. Macht, Einfluss, Geld, Prunk und Imponiergehabe. Während Franziskus San Damiano (das verfallene Kirchlein, wo Franziskus gehört hat: Baue meine Kirche auf) wieder aufbaut, sind alle mit der Errichtung des Domes in Assisi beschäftigt. Franziskus setzt bei der kleinen Kirche außerhalb der Stadt an. Da war er gleich einmal „voll daneben“. Die Menschen hatten es aber satt, am weltlichen Prunk und der Logik der Macht und Größe mitzumachen. Es ist wie heute. Was wird nicht alles „aufgeführt“, um den größeren Eindruck zu machen. Damals waren es Dome und Türme aus Stein. Heute sind es Inserate für ein großes Image. Bilder prägen sich ein. Wer nicht in den Medien ist, ist außerhalb der „Stadt“. Dort war Franziskus. Dort startet er. Think big and start small. Das war anders als heute: Inseriere kräftig mit dem Steuergeld. Only me and start big. The others will pay.

Step back and be naked

Franziskus hat es ganz anders auf die Spitze getrieben. Er stellt sich nackt vor seinen Eltern, den Menschen und dem Bischof auf den Stadtplatz von Assisi. Wer selber Kinder hat, der kann mit den Eltern mitfühlen. Erfolg, Macht und Einfluss waren im Raum. Beste Chancen und „er will nicht“. Da steht der Sohn, nackt. Das Bild (siehe Bild) zeigt eine interessante Reaktion des Bischofs: „Verhüllen“. Auf das Bild bin ich in der Po-Ebene gestoßen, bei 40 Grad Hitze. Dort haben mich tagelang diese Fragen nicht mehr verlassen: „Warum stellt sich der Bischof nicht nackt neben Franziskus, damit er den ganz tiefen Grund des Evangeliums unterstreicht, den Franziskus herausgekehrt hat?“ Das Gehen in der Hitze treibt manche Gedanken auf die Spitze. Das hat Einsichten zur Folge: Es ist alleine die Dankbarkeit, die uns Geborgenheit geben kann. Das erfüllt uns mit aufrechter Demut gegen alle Arroganz, die in uns schlummert. Nacktheit bringt die aufrechte Dankbarkeit und Demut zum Ausdruck. Das ist die Annäherung an das wahre Selbst, wie es Richard Rohr in seinem Buch „Befreiung vom Ego – Wege zum wahren Selbst“ beschreibt. Seite 28: „Das falsche Selbst muss sich ständig reproduzieren, daher die permanente Unruhe und Unsicherheit. Das wahre Selbst muss sich nur enthüllen, selbst erkennen. Es ist bereits da. Jeder Mensch ist ein Tabernakel Gottes.“ Steuert das der Hirtenbrief an? Ist das gemeint, wenn wir das „Jahr des Glaubens“ begehen? Nackt werden? Ohne Unterschied und Ausnahme?

Franziskus hat etwas ausgelöst. Diese Nacktheit habe ich beim Gehen erlebt. Es ist beschämend und befreiend zugleich, nackt zu werden und zu sein. „Loslossn is a Hund“, sagt ein Bekannter immer wieder. No fear. Keine Angst. Ein frohes Herz ist die Folge. Danke Franziskus.