Weniger ist nicht auf Anhieb das Anliegen der Mehrheit

Ich bin noch nicht lange „Wiener“. Die sommerliche „Parkpickerl-Diskussion“ geht nicht spurlos vorbei. Aufgeregtheit liegt in der Luft wie bei jeder Veränderung. Die dahinsiechende VP in Wien hat das „Auferstehungswerkzeug“ entdeckt. Wer das Auto in irgend einer Form in Frage stellt oder mit „Maut“ belegt, kann auf „Auto-Solidarität“ bauen. In Unterschriften wurde das in Wien 120.000 mal zum Ausdruck gebracht. Soweit mir Zahlen zugänglich sind, haben von 10 Personen 1,4 unterschrieben. 8,6 Personen haben einstweilen nichts gemacht. Das ist doch eine große Mehrheit, die der Frage keinen „Aktivitätsimpuls“ versetzt hat. Auch bei mir gibt es kein Impulsbedürfnis zur Auto-Schonung.

Mobilität und nicht Auto

Gut erinnern kann ich mich an die breiten Straßen in den Vororten New Orleans. Ich selber hatte das Gefühl, dass dort dem Auto unglaublich viel Fläche geopfert wird. Es gibt wenige, die wie ich zu Fuß unterwegs waren. Und ebenso wenige waren mit dem Fahrrad unterwegs. Mehr schon mit dem Bus und mit der Tram. Es waren die Ärmeren, die darauf angewiesen sind. Das Auto ist Statussymbol, tausendfach psychologisch durchleuchtet. Wer in dieser Stadt 200 Jahre zurückgeht, sieht die Spuren der autolosen Zeit. Dann hat sich dieses luft- und flächenverzehrende Ungetüm über die Stadt hergemacht.  Das Model Mobilität mit Auto hat eine derartige Plausibilität und Sehnsuchtshaltung dorthin entwickelt, dass ein Weniger beim Auto mit einem unglaublichen Lebensqualitätsverlust assoziiert wird. Dabei gibt es Beispiele (im Buch von C.Chorherr, Verändert! angeführt), wie ein Weniger zu mehr Lebensqualität führt.  Viele spüren das und noch mehr genießen das in den autolosen Zonen. Es ist nur schade, dass diese dann oft mit dem Auto angesteuert werden. Ich selber genieße es ungemein, mich hier nicht mit einem Auto herumschlagen zu müssen. U-Bahn, Straßenbahn, Bus und die Füße bringen mich überall hin. Ehrlich: Vor ein paar Jahren hätte ich mir das nicht vorstellen können. Heute kann ich mir das umgekehrt nicht mehr vorstellen. Das Gehen und die innere Einstellung zur Mobilität haben mich verändert. Aus meiner Sicht. positiv. Ein Weniger an Auto ist ein Mehr an Lebensqualität. „Age of Less“ heißt ein Buch von D. Boshart. Mehr Füße hilft, das eigene Mobilitätsverhalten zu überdenken. Zu Fuß komme ich sehr weit. Aber muss ich überall hin?

NZZ schildert die Einführung des Götzen Auto in Hamburg

„Bald aber machte sich mit dem Auto ein neuer Götze breit. Stadtplaner und Architekten führten weiter, was bereits die Nazis begonnen hatten: die autogerechte Umgestaltung der Stadt. An die Stelle der weitgehend unrealisiert gebliebenen Monumentalität der 1930er Jahre traten nun urbanistische Visionen aus den USA, wie die suggestive Ausstellung «Die Stadt und das Auto» im Museum der Arbeit eindrücklich zu erzählen weiss. Die feinmaschige Stadtstruktur, wie man sie heute noch an der Deichstrasse oder im Gängeviertel erahnen kann, wurde durch breite Strassen überlagert, welche die Verkehrsteilnehmer trennten und die Fussgänger Lärm und Abgasen aussetzten.“ Ich schlage vor, das Rad nicht zurückzudrehen, sondern nach vorne in eine neue menschenfreundliche Feinmaschigkeit der Stadt.

 

 

 

Johannesweg: In 21 Stunden das eigene Leben „umpilgern“

Die gut gestaltete Karte zum neuen Johannesweg auf der Mühlviertler Alm ist eingepackt. Meine Frau und ich waren uns seit der Eröffnung am 24. Juni 2012 einig, dass wird den 72 km langen Rundweg „gleich einmal gehen wollen“ [21. 7. 2013: Der Weg wurde auf 80 km verlängert].  Bei der Gestaltung der zwölf Wegstationen durfte ich ideenmäßig mitwirken. Die Inhalte waren vorgegeben. Das erste Juliwochenende war zwei Tage frei. Wir haben vor, die ganze Strecke nicht wie vorgesehen in drei sondern in zwei Tagen zu gehen. Die Erfahrung hat mir gelehrt: Vier Kilometer in der Stunde. Das wären 18 Stunden. Hast und Eile sind nicht des Pilgers Sache. Außerdem sind die Höhenmeter in dieser Gegend nicht unerheblich. Nach nicht ganz 21 Stunden waren wir wieder am Start angelangt.

Unser Einstieg war nicht der vorgesehene Startpunkt

St. Leonhard haben wir als Startpunkt für unser Gehen und Pilgern ausgewählt. Das Grab einer guten Freundin (Martha Huber) suchen wir als erstes auf. Gleich an der ersten „Johannes-Tafel“ begegnen wir Herbert Punz, der die Strecke auf dem Gemeindegebiet von St. Leonhard markiert hat. Großes Lob für ihn und für alle anderen Wegmarkierer. Wunderbar ausgeschildert. Nach etwa zehn Minuten kommen wir zur  Station Bründlkapelle. Eine schöne Kapelle, das Bründlwasser fließt und wir lesen hier aufmerksam am Johannes-Stamm den Lebenstipp des Dermatologen Johannes Neuhofer: „Werde großzügig und strebe nicht gierig nach noch mehr.“ Viele Gespräche kommen mir in den Sinn, die sich im Grunde um das „Loslassen“ drehen. Das Dilemma der Etablierten ist, dass Loslassen und ein freies Zutrauen keinen Platz (mehr) haben. Was nutzt MIR und viel weniger: Was nutzt UNS. Wir trinken vom heilsamen Wasser und gehen den Weg hinunter. Der Aufstieg zum Haiderberg lässt die ersten Schweißperlen aufkommen und in Langfirling begegnen wir einem übergroßen Florian, der aus der dort gefällten Linde geschnitzt wurde. Ein Stück der wenig befahrenen Straße entlang kommen wir zur Waldfeldkapelle. Überhaupt: Wir begegnen sehr vielen sehr schön gestalteten Kapellen und Marterln, die wir immer wieder als „manifestierte Dankbarkeit“ interpretieren.

Schwarze und weiße Aist

Die Augen haben nach zwei Stunden gehen den Kirchturm von Weitersfelden erspäht. Der Weg führt hinunter zum Zusammenfluss von schwarzer und weißer Aist. Ein Fischer hat dort Platz genommen. Wir gehen mit dem Johannesweg auf dem Wollness-Weg rund um Weitersfelden. Zwei Liegen wurden dort schon vor Jahren platziert. Die Weisheit des Johannes-Stammes ist auf der Tafel mit der weißen Lilie im Stamm aufgeschrieben. „Sei tolerant gegenüber deinem Gesprächspartner und akzeptiere auch seine Vorstellungen.“ Ein schwarzer und weißer Fluss fließen hier zusammen. In großer „Toleranz“ mischt sich das Wasser. Der weitere Weg hat seine Gesprächsinhalte gefunden. Wie sehen wir unsere Beziehung, unsere Ehe, unseren Alltag, unser „Zusammengehen“?  Toleranz ist wichtig und doch gibt es noch mehr, um in guter Beziehung zu leben. Es gibt Gesprächsstoff für den Weg – zumindest bis zur nächsten Steigung, die Schritt und Atem näher zusammenführt.

„Shorty“ begleitet uns

Beim Aufstieg nach Nadelbach gesellt sich ein brauner Dackel zu uns. Wir beide sind keine ausgesprochenen Hundeliebhaber. Er macht aber gleich einen zutraulichen Eindruck und er läuft mit uns, als ob er zu uns gehören würde. In Nadelbach haben drei Männer, die auf einer Bank die Vormittagssonne genießen, gemeint: „Ach, der geht öfters wandern mit.“ Ich denke an eine Begebenheit am Weg nach Mariazell, wo auch ein Hund etwa drei Stunden bis Lunz mitgegangen ist und dann wieder zurückgefunden hat. So dachte ich auch bei „Shorty“, wie wir ihn wegen der kurzen Beine genannt haben. Der Weg führt von Nadelbach kilometerweit auf schönen Naturwegen hinauf zur nördlichsten Stelle, dem Kammererberg auf 980 Höhenmeter. Der Ausblick ist wunderbar. Natürlich geht es, wer weit hinaufgegangen ist, wieder hinunter ins Tal. Weil wir auf der Alm sind, geht es nach Kaltenberg wieder hinauf, wo wir zusammen mit Shorty um 13.45 Uhr im Gasthaus Neubauer ankommen. Wir müssen uns rechtfertigen, den Shorty ist der erste, der die Gaststube betritt und gleich einmal unter den Tischen herumschnüffelt. Die Wirtsleute sind allerdings sehr professionell und hilfsbereit. Shorty wird „eingefangen“ und mittels Telefon wird ein Abholdienst organisiert. „Alleine findet er nicht mehr heim“, haben sie gewusst. Nach kurzer Zeit kommt eine Frau und es heißt Abschied nehmen von einem lieben Begleiter. Die erste Zeit hinunter am Kreuzweg nach Unterweißenbach fehlt er uns direkt etwas. Unser Gespräch geht immer wieder in die Richtung: Wie gehen wir mit „Überraschendem“ um? Der letzte Johannes-Stamm an der Aistschlinge bei Weitersfelden hat uns „mitgegeben“: Sei hilfsbereit und ein guter Gastgeber. Wir hoffen doch, dass wir für Shorty gute Wanderkollegen waren. Hier in Kaltenberg wäre normalerweise die Tagesetappe zu Ende. Was täten wir mit dem „angebrochenen Nachmittag“? Eben: Wir gehen  nach einer halben Stunde Pause weiter.

Abstieg und Aufstieg der besonderen Art

Immer wieder begegnen uns am Weg die Folgen von massiven Regengüssen. Der steile Kreuzweg hinunter nach Unterweißenbach wird gerade gerichtet. Zwei Leute graben händisch frische Wasserauslässe. Es berührt uns, wie sich Menschen hier um diesen Weg kümmern. Wir gehen den Kreuzweg hinunter und die Menschen hier gehen ihn normalerweise herauf. Uns steht der Aufstieg aber erst bevor. Durch Unterweißenbach gehen wir durch, vorbei am Büro der Mühlviertler Alm. Das Büro ist natürlich am Samstag nachmittag  geschlossen. Wenn offen gewesen wäre, hätten wir natürlich den „WorkerInnen“ des Johannesweges einen Besuch abgestattet. Der Aufstieg auf den Wegererstein ist unser Kreuzweg, weil er steil ist. 200 Höhenmeter sind zu bewältigen. Begleitet werden wir auf der kommenden Strecke bis zur Hirschalm vom Pilgerpfad „In die Nähe Gottes gehen“ zu den sieben Sakramenten. Firmung, Eucharistie und Taufe „liegen am Weg“.  Die Texte und „Verweilorte“ nutzen wir beide, um uns zu sammeln auf das Wesentliche hin. Beim Eucharistie-Platz teilen wir das kleine Brot, das wir mitgenommen haben. Die Hirschalm erreichen wir um 16.15 Uhr und machen dort, weil wir den quirligen Betreiber Josef Aglas persönlich gut kennen, eine Stunde Pause. Er selbst kann sich nur kurz Zeit nehmen, weil er zwei Hochzeitsgesellschaften zu betreuen hat.

Der schönste Blick

Um 17.15 Uhr machen wir uns zur letzten Etappe dieses Tages auf. Immer wieder haben wir „Gipfelkreuz“ gehört und nicht gewusst, wie und was. Der Weg führt uns leicht hinauf und wieder leicht hinunter bis zum kurzen steilen Anstieg zum Gipfelkreuz. Ein wunderbarer Platz mit einer wunderbaren Aussicht. Im Tal unten liegt Königswiesen unser Tagesziel. Ein Radfahrer aus Wien ist zur gleich Zeit oben und so machen wir jeweils voneinander Fotos. Wir sind uns einig: Ein Gipfelerlebnis mitten im Mühlviertel auf 920 m. Wir sind dankbar, hier zu sein und es drängt uns gar nicht talwärts. Es muss aber sein. Nach einem Abstieg von 920 m auf 610 m erreichen wir Königswiesen um 19.15 Uhr. In der Kirche ist gerade der Abendgottesdienst und wir beten das Vater unser mit. 9 1/2 Stunden Gehzeit liegen hinter uns. Das Wetter war uns wohlgesonnen. Shorty wird wieder daheim sein. Wir genießen in trauter Zweisamkeit den Gastgarten der Karlingers und lassen den Tag nochmals vorüber ziehen. Wir sehen ihn als großes Geschenk. Der Hunger ist „vergangen“ und so brauchen wir nur eine Kleinigkeit. Wer geht, braucht weniger Essen.  Es war anstrengend – aber nährend. Die Kraft kommt im Gehen. Wir gehen bald ins Bett, den der morgige Tag beginnt um 4.15 Uhr.

Zu wenig Aufmerksamkeit ist unser „Vergehen“

Es ist noch finster. Leichte Dämmerung ist um 4.18 Uhr (das zeigt die Uhr am Marktplatz) spürbar. Die Kirche ist leicht beleuchtet. Wir finden wieder unsere Wegmarkierung „Johannesweg“. Wir haben gestern schon gesehen, dass klar und gut markiert ist. Königswiesen verlassen wir bergwärts. Wir hören Menschen „gröllen“. Ein Fest neigt sich dem Ende und die akustischen Überbleibsel hören wir eine Stunde lang. Unglaublich, wie sich das in die tiefe Stille der Gegend bohrt. Bei der Straßenüberquerung übersehen wir ein Schild (es ist noch nicht ganz hell) und gehen falsch. Nach etwa einem Kilometer ist uns klar (es wird immer heller), dass wir falsch sind. Wir wagen einen frei gewählten Bogen einen Bach entlang zurück auf „unseren Weg“. Wir treffen ihn wieder und sind froh. „Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke“ geht mir und uns durch den Kopf. Wir gehen bergwärts durch das nasse Gras. Die Schuhe „feuchteln“. Meine Waldviertler werden innen aber nicht klassisch nass. Ein Schuh, den ich absolut empfehlen kann für solches Gelände. Nach etwa einer Stunde zeigt sich die Sonne hinter uns und unsere Seele erwacht mit. Wir haben beim Weggehen nichts gegessen. Klares Wasser war heute unser Kaffee. Nach vier Stunden erreichen wir Pierbach auf Wegen mit wunderbaren Aussichten und Stimmungen in der Landschaft. Die Nebelfetzen verziehen sich, der Tau trocknet und unsere Schuhe werden wieder trocken, weil es in diesem Fall Gott sei Dank auf Güterwegen dahingeht. Im Gasthaus Populorum geht gerade jetzt das Tor auf, weil die Kirchenbesucher und wir da sind. Für ein wunderbares Frühstück ist jetzt Zeit. Ein so frühes Weggehen ist auch an drei Tagen wirklich empfehlenswert.

Mitpilger vor und hinter uns

Eine Frau hat am Weg zu uns gemeint: „Jetzt mit dem Johannesweg gehen mehr Leute mit Rucksack.“ Klar. Sie sind drei Tage unterwegs und da packt man einiges ein. Sparsam, wenig, aber doch braucht es den Rucksack. An diesem erkennen wir unsere heutigen Mitpilger, die ihren Johannesweg am vorgesehenen Start in Pierbach „angehen“. Sie sind einmal vor uns und dann wieder hinter uns. Unser Weg führt uns auf der Straße hinaus zur Abzweigung „hinüber zum Irxenmayr“, wo die Eröffnung stattfand. Der Johannesbrunnen und die Engelskapelle mit ihren Johannes-Stämmen sind ein unvergesslicher Platz. Wir trinken und waschen uns den Schweiß nicht nur von der Stirn. Die Sonne steigt und „wärmt“. Wir gehen wieder hinunter ins Tal und entlang des Baches hinauf nach Schönau, wo wir um 12.15 Uhr ankommen. Die Kirchenglocken habe wir beim Hinaufgehen gehört. Dort versperrt uns das „Dorffest“ den Weg. In der kühlen Kirche halten wir inne und stärken uns zu zweit mit einem Grillhenderl. Sollen wir das überhaupt essen? Ja, es hat gut getan. Schöne Gespräche beim Ankommen dort lassen wir bei uns nachwirken. Eine Dorfgemeinschaft begegnet uns, die wir auch von daheim kennen. Es heißt aber weiter und laut Karte haben wir noch einige Höhenmeter vor uns. Es geht kontinuierlich nach oben. Der Aufstieg entlang der Speedgleitbahn zum Herrgottsitz fordert mentale Stärke, weil es die Mittagssonne mit uns sehr gut meint. Nach den mehr als 200 Höhenmetern erwartet uns allerdings ein wunderbarer Ort. Es kann schon sein, dass sich hier Gott Vater und Gott Mutter niedergelassen haben, „um das Mühlviertel zu genießen“. Wir machen einige Fotos und unterhalten uns über unser Gottesbild: Vater und Mutter. Wenn wir Jesus genau nehmen, dann dürfte da oben am Herrgottsitz nur ein Kind Platz nehmen: Er stellte ein Kind in die Mitte. Wir lassen uns füllen von diesem kraftvollen Ort und sind bereit, nochmals abzusteigen.

Abstieg und nochmaliger Anstieg

Der weite freie Blick auf das Mühlviertel lässt uns den Weg über Feld- und Wiesenwegen hinunter zur Ruine Prandegg gehen. Ein solcher immer leicht abfallender Weg lässt Luft für Gespräche. Das genießen wir an diesem Johannesweg: Dass er Luft nimmt und Luft gibt im Auf und Ab. Um 14.15 Uhr erreichen wir die Ruine. Die Taverne ist unser Ziel. Etwas trinken und etwas sitzen. Unsere PilgergefährtInnen nehmen neben uns Platz. Meine Frau wirkt etwas gribbelig. Von unserem Assisi-Gehen weiß ich, dass sie mit zwei Dingen nicht ganz „locker“ umgehen kann: Den Weg verlieren und Gewitter. Es wird ganz schwarz am Himmel. Ich beruhige und bete innerlich ganz fest, dass es kein Gewitter werden möge. Wir verlassen die Ruine und gehen hinunter an die Aist zur Haselmühle. Es wird immer dunkler und die ersten Regentropfen erreichen uns. Aber: Es bleibt dabei. Die Regenjacke, die meine Frau übergeworfen hat, war „Drohung“ genug und ein starker Wind hat die Wolken weder verblasen. Danke nach ganz oben. Es hätte auch anders sein können. Ab der Haselmühle geht es wieder etwa 250 Höhenmeter aufwärts. Schwül, 18 Stunden Gehzeit in den Beinen und wir rechnen noch mit zwei Stunden. Oben am Kamm angekommen, geht es in Folge mit einem wunderbaren Blick über das Mühlviertel kontinuierlich hinaus nach St. Leonhard, wo wir um 17.15 Uhr ankommen. Ich mache noch einige Fotos, weil mir am Weg einige Ideen für meine Arbeit gekommen sind. Nach dem Dank in der Kirche legen wir uns unter die Linden, Schuhe aus und einfach den Himmel genießen. Nicht ganz 21 Stunden haben wir am Weg verbracht. Manchmal zügig unterwegs und dann wieder Zeit zum Wahrnehmen, Schauen, Spüren und Genießen. Bevor wir nach Hause aufbrechen, nehmen wir noch im Gastgarten Platz. „Wie ist der Weg?“, hören wir nicht nur einmal. Wir sind uns ganz sicher: Eine gute Möglichkeit, das eigene Leben in zwei – besser in drei – Tagen zu umrunden oder zu „umpilgern“.

Immer wieder taucht meine Rechnung auf:
Gehe drei Tage sieben Stunden und du wirst heilsame Erfahrungen machen.
Dieser Weg ist bestens dazu geeignet.

Facts und unsere Erfahrung:

  • Den Weg in drei Tagen zu gehen ist sicherlich die „richtige“ Entscheidung. Ein langer Tag hat mehr Stunden zum Gehen als manche glauben. [21. 7. 2013: Der Weg ist jetzt auf 80 Kilometer angewachsen. Dh. 2 Gehstunden mehr.]
  • Die sehr gut aufbereitete und übersichtliche Wanderkarte zum Johannesweg im Büro der Mühlviertler Alm vorher anfordern.
    [21. 7. 2013: Die Wanderkarte ist schon aktualisiert.]
  • Bei den Zeitangaben im Internet würden wir einfach jeden Tag eine Stunde dazugeben und das als Netto-Gehzeiten sehen. Das ist relativ leicht machbar.
  • Der Weg ist toll beschildert und geht ganz selten entlang viel befahrener Straßen. Nie gefährlich. Drei „mächtigere Anstiege“ Wegererstein (Unterweißenbach – Hirschalm), Herrgottssitz (nach Schönau) und der Aufstieg nach der Haselmühle.
  • Nach zwei bis drei Stunden ist immer Gelegenheit zu einer ausgiebigen Rast. Damit verbunden muss nicht immer Essen sein. Zu viel und zu schwer essen macht müde, nimmt Energie und beschwert die Füsse. Trinken, Suppe, Milch und Käse, Salat, Studentenfutter usw sind gut für den Weg geeignet. Ich trinke auch gerne Kaffee. Am Weg trinke ich ausschließlich und viel Brunnen bzw. Quell- und Bachwasser. Es gibt immer wieder „Bründl“.

 

Meine einschneidensten Erfahrungen sammelte ich bei diversen Bergtouren, Zu Fuß vom Bodensee zum Neusiedlersee 2004, Assisi-Gehen 2009, Stadtpilgern 2010, als Vagabund in New Orleans 2011, Ich ging ins Kloster Volkenroda (750 km nach Thüringen) 2012, beim jährlichen bergGEHEN mit 12-15 Personen, Zu Fuß nach Mariazell (mehrmals fünf Tage) und Maria Taferl (2011) usw

Das Vatikanum II ist im Geburtskanal stecken geblieben

Hitze am Dachboden des Stephansdomes in Wien. Etwa 250 Personen sind die enge Stiege heraufgeklettert. Ein Buch wird vorgestellt. Das zieht mich ebenfalls hin. Matthias Beck, Leben – wie geht das?. Heinz Nußbaumer wird den Autor, Moraltheologen und Priester Fragen stellen und darauf den Redefluss nicht viel unterbrechen. So war es ausgemacht. Prof. Beck ist ein Meister des bogen-spannenden Welt-Erklärens. Er beginnt und holt weit aus. Er ist erfüllt Leichtigkeit, die Welt, Gott und den Menschen in größere Zusammenhängen zu stellen. Das Zuhören fällt leicht. Seine bildhafte Sprache macht es leichter.

Das Konzil steckt

Ein Bild ist mir vom Abend hängen geblieben, dh. es sind mehrere hängen geblieben, aber dieses Gehörte gehört auf diesen Blog: Prof. Beck schildert, dass er tagsüber bei einer Medienschulung war. Dort wurde man zum Thema des zweiten Vatikanums befragt. Er hat in einer ersten Aufnahmestafel in die Kamera gesagt: „Das Kind, das Vatikanum II, ist im Geburtskanal stecken geblieben.“ Weiters hat er laut seiner Erzählung der laufenden Kamera wissen lassen: „Die Kirche steht in einem Verwesungsprozess.“ Die darauf folgende gemeinsame Auswertung bei der Medienschulung hat allerdings ergeben, „dass man das so nicht in eine Kamera sagen darf“. Zu drastisch formuliert. Natürlich frage ich mich: Wer hat hier geschult mit welchem Interesse? Hat nicht er damit recht anschlaulich zum Ausdruck gebracht, was andere (Weihbischöfe) auch in einem ganzen Buch sagen: Im Sprung gehemmt. Gestern entsteht zu dem hier Gehörten eine Brücke. Kein Stecken im Geburtskanal und schon gar kein Verwesungsgeruch.

Interreligiöse Feiern

Mein gestriger Besuch bei den Salvatorianerinnen in Wien hat mich bereichert. In einem Programmheft ihres Gesundheitszentrum ist der Satz sinngemäß zu lesen: Wer offen in ein Gespräch geht, kommt verändert heraus. Das war auch so. Zwischenstep: Natürlich sind bei dieser Hitze eher „nebensächliche und aus dem Klischee kommende Fragestellung“ sinnvoll. Was tun Ordensleute angesichts der doch etwas hohen Temperaturen.  Freilich fragen sich „normale Menschen“, ob so eine Ordenstracht nicht heiß ist. Aber der Business-Anzug der im ersten Bezirk herumeilenden Beamtenschaft ist es auch. Dort wie da gibt es Mittel dagegen. Deshalb ist der Kathpress-Artikel wirklich informativ. Aber zurück zum Gespräch, wo ich auch mit einigen Schweißperlen nach der Umrundung der Ordensgebäude angekommen bin. Ich treffe ganz „normale Menschen“. Von dort bei den Salvatorianerinnen nehme ich mit, dass schon zehn Jahre lang die liturgischen Feiern interreligiös gefeiert werden. Es sind gemeinsame Feiern, wo jeder in seinem Glauben da sein darf und das auch im Rahmen der Liturgie zum Ausdruck kommt. Sr. Maria meint, dass das ganz intensive und besondere Zeiten im Kloster sind. Dieses Brückenbauen gehört aus ihrer Sicht zum zentralen Auftrag der Orden heute in einer multikulturellen Gesellschaft. Natürlich fällt mir da das Buch von Kuschel, Leben ist Brücken bauen, ein. Das Buch von Allan, Das neue Gesicht der Kirche, haben wir auch angesprochen. Die Orden haben – nach Allan – die Aufgabe, den unterschiedlichsten religösen Menschen Beheimatung zu geben. Die Orden selbst sind vielfältig und einer ihrer Zukunftsaufgaben ist  die Vielfalt, die Ermöglichung und die Gestaltung dieser Vielfalt.

Meine Überzeugung ist:
Die Ordensgemeinschaften weltweit werden einen wesentlichen Beitrag leisten, dass eine jesuanisch geprägte Kirche um der Menschen willen zur Welt kommt. Da kann sie niemand betäuben und niemand einfangen. Diese Perlen in den Orden sind den Menschen behutsam und ohne Ängstlichkeit vor der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.Kommt und seht. Lasst euch vielfältigst überraschen.

 

 

Räume freihalten und Verschüttetes freilegen

„Haben die Orden Zukunft?“, steht in der Einladung zum Podiumsgespräch im Linzer Schlossmuseum. Der Zug ist pünktlich, das Taxi steckt im Verkehr und so erreiche ich nur mehr die halbe Begrüßung. Die fünf Ordensleute stellen sich vor.

Was war anziehend?

Die Generaloberin der Elisabethinen in Linz, Sr. Barbara Lehner, schildert, wie sie schon als junge Mitarbeiterin in der Küche bei den „Liesln“ von den fünf Schwestern angezogen war: „Die fröhliche umgängliche Art der Schwestern hat mich angesprochen und angezogen.“  Der Regionalobere der Marianisten, P. Hans Eidenberger, schildert, wie er über kleine Schritte in die Nähe der Marianisten gekommen und schließlich dort gelandet ist. P. Karl Bleibtreu von den Salesianern Don Boscos war von der Gestalt Don Boscos fasziniert: „Der stand mitten im Leben. Das war faszinierend.“ Sr. Teresa Hametner von den Franziskanerinnen in Vöcklabruck hat Interesse am Ordensleben gezeigt und sie hat daraufhin aus der Umgebung gehört: „Schau dir die Vöcklabruckinnen an. Die sind normal.“ Herr Markus Grasl von den Chorherren in Reichersberg wurde direkt angesprochen: „Kannst du dir nicht vorstellen, Priester zu werden?“ „Nein“, war seine Antwort und dann hat er das Stift kennengelernt. Mein Eindruck war, dass jede biografische Schilderung als Wegweiser in die Zukunft gesehen werden kann. Da waren es umgängliche Schwstern, dort die direkte Frage, da die kleinen Schritte, hier wieder ein faszinierender Ordensgründer, schließlich eine „normale community“.

Haben die Orden Zukunft?

Es hat von der Moderatorin her ein wenig gedauert, bis die Schlüsselfrage nach der Zukunft kam. Der Grundtenor in der Beantwortung war: Yes. There is future! Sr. Teresa betont, dass die Orden ein schärferes Profil entwickeln müssen. Da fällt mir gleich die A4-Seite mit dem „Profil-Check“ ein. Dann noch der Wille: Wir müssen uns mehr in die Öffentlichkeit  gehen. Balsam auf die Seele eines frischen Medien- und Kommunikationsverantwortlichen auf Ö-Ebene. Sr. Barbara ist sich sicher, dass eine klare Besinnung auf den Auftrag Wege in die Zukunft weist. P. Karl spricht die Liebeswürdigkeit und die Gemeinschaft an. Heute leben viel mehr Menschen mit den Orden mit als früher. Die Salesianer haben Erfahrungen mit Hunderten von Volunteers in ihrem weltweiten Einsatzorten. „Wenn wir für unsere Sache kämpfen und begeistert leben, dann zieht das an“, ist P. Karl überzeugt. Mir fallen sein ungewöhnlichen Aktionen in der Pfarre Don Bosco ein. Wenn in den Ferienmonaten die Kinder in die Pfarre kommen, dann haben 90 % kein Frühstück gehabt. P. Karl geht zum Bäcker und holt Semmeln. Herr Markus bleibt rech gelassen und meint: „Unser Stift besteht seit 920 Jahre und es waren immer zwischen 20 und 30 da.“  Natürlich wurde auch manches Überholte angesprochen und dann viel der markante Satz: „Habt Mut zum Aussterben, damit Neues werden kann.“ Ich atme durch und spüre, dass einzelne kleinere Ordensgemeinschaften nicht weit davon weg sind.

Selbstbewusstsein entwickeln, mutig auftreten

„Wir brauchen uns nicht dauernd entschuldigen, dass es uns gibt“, meint Sr. Teresa. Sie hat recht. Manchmal habe ich auch den Eindruck, dass es eine falsche Bescheidenheit gibt. Mir selber taugen einfach Menschen und in besonderer Weise Schwestern, die nichts scheuen und erhobenen Hauptes auf Augenhöhe auf die Menschen zugehen. Sr. Kunigunde (sie ist die Vorsitzende der Vereinigung aller Frauenorden) betont das immer wieder. Das Charisma und der Beitrag der Schwestern ist unterschätzt. Deshalb sage ich: Das dürfen über die Medien alle wissen, was hier dahinter steckt und was geleistet wird für die Menschen. Wir werden dazu die eine oder andere Klostermauer überspringen und dorthin gehen, „wo die Menschen sind“. Frei sein und sich nicht binden wollen ist heute das Lebensprogramm. Das steht diametral gegenüber zum Sich einlassen auf das WIR und die Treue zum Auftrag. Heute wollen viele alles haben und wir Ordensleute haben alles, obwohl wir nicht viel haben. Ich denke: Es werden wieder Menschen begreifen, dass hier ein Stück der neuen Freiheit aufleuchtet. Dafür die Räume freihalten und in den Menschen das Verschüttete freilegen, ist die Aufgabe für die Zukunft. Ich finde es eine schöne Sache, hier mithelfen zu dürfen.

 

 

Der Spalt geht auf und wo ist die Kirche im Kampf für Solidarität und Gerechtigkeit

Etwas betroffen verfolge ich heute die neuesten Ereignisse in der „ungehorsamen Gehorsamsdebatte oder im gehorsamen Ungehorsamsverhalten“. Es ist so weit. Die in der Logik gehorsam vorgetragenen Anliegen sind am Tisch. Inhaltlich schlüssige Antworten sind die Bischöfe schuldig geblieben. Ich nehme als Beispiel jetzt nicht die Frauenweihe, weil sie hier in einer besonderen selbstverfassten Zwickmühle sitzen. Der Vatikan hat festgelegt, „dass man in diesem Falle gar nicht ‚handlungsbefähigt‘ ist.“ Das erinnert mich an die geschlossenen Excel-Listen, die im Hintergrund programmiert sind und die Admin-Rechte zur Veränderung sind einzig und alleine im Himmel. Jesus hat programmiert und der ist in den Himmel aufgefahren. Dort alleine liegen Login und Passwort für eine Umprogrammierung: „Wir können da gar nichts machen.“

Der ungeschminkte Blick und die Solidarität der 70%

Nein, ich nehme das Beispiel der Ausdünnung der Seelsorge. Hat je ein Bischof schlüssig auf Zukunft hin erklärt, wie es in der Pfarrseelsorge bei den konkreten Menschen weitergehen soll, wenn die in dieser Aufgabe zum Zölibat Verpflichteten noch weniger und älter geworden sind? Gestern hat mich in einem Meeting eine PR-Verantwortliche gefragt, warum die Medien immer nur über Priester schreiben und so selten über Ordensschwestern, Ordensbrüder oder speziell beauftragte TheologInnen in wichtigen Funktionen.
Meine Sichtweise hat sich über die Jahre herausgebildet:
1. Geweiht ist beim Großteil der KatholikInnen selbst viel mehr als getauft.
2. Die Bischöfe und die Hierarchie selber betonen immer wieder die Wichtigkeit des Priesteramtes (gerade jetzt in der Zeit der Priesterweihen).
3. Die Medien beobachten das und übernehmen diesen Prioritäten-Raster.
4. Was für enorm wichtig erklärt und rar wird, wird noch interessanter.
5. Die Medien selber agieren im „Hierarchie-Modus“ und kennen den synodalen Communio-Modus nicht oder nur sehr selten.

Der Dienst an der Gesellschaft erlaubt den Spalt nicht

Die Lösung der Hierarchie liegt meiner Wahrnehmung im Gesundschrumpfen. Die kleine Herde ist kein verpöntes Wort mehr in den oberen Etagen. Auf Twitter wurde die Aktion 70% gestartet. Das Ziel ist, die 70 % ChristInnen in den Fokus zu nehmen, die in unserem Land leben. Sie haben ein Anrecht, als Getaufte gesehen zu werden. Das sind nicht nur die Müden, sondern auch die Kreativen, die Suchenden, die „Fremd-Gewordenen“. Sie haben ein Anrecht, dass sie Kontakt, Seelsorge, Sakramente und die Vorbereitung darauf gut und professionell erleben. Die ausgedünnte Decke der Priester und die nicht „wirklich handlungsbemächtigten Laien“ sind nicht jene Netz-Brücke, über die Menschen gehen werden (wollen). Schade, dass nicht an der Verdichtung des Netzes gearbeitet wird, sondern jetzt mit Sanktionsmaßnahmen der Spalt aufgeschlagen wird. Dabei wäre entlang dieser „Gehorsams-Ungehorsams-Debatte“ etwas möglich: „Der ungeschminkte Blick auf die Realität birgt das größte Veränderungspotential in sich.“ So bleibt eigentlich nur die Hoffnung, die Sr. Kunigunde Fürst in ihrem Interview in den OÖN formuliert hat: „Die Erneuerung der Kirche fängt unten an, von oben wird sie nicht kommen.“  Der Spalt von oben wäre nicht notwendig gewesen in gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft des Netzwerkes Jesu. Und dass die Impulse des Netzwerkes Jesu gesellschaftlich notwendigst wäre, betonte gestern die Sozialethikerin Ingeborg Gabriel: „Mit ihrem „beeindruckenden“ Netzwerk sollten die Kirchen in verschiedensten Bereichen ihren Beitrag zu einem verstärkten Gerechtigkeitsdiskurs leisten.“ Dieser Kampf für Gerechtigkeit und Solidarität lässt diese innerkirchlichen Spaltereien erblassen, oder?

 

Weniger Ruhe und Stille als Rhythmus des Lebens

Die erste Woche Medienbüro in Wien ist begangen. Eindrücke, Begegnungen, Erfahrungen sind die Frucht meiner Neugierde. Offenheit und Entgegenkommen begleiten diese Tage. Dankbar gehe ich wieder auf Distanz nach Oberösterreich. Das ungeschminkte Wahrnehmen braucht vor allem die Distanz. Die neue Umgebung baut an einer – an meiner – neuen Wahrnehmung. Gut, dass die Räume in der Freyung mit positiven „Vibs“ und dem Willen, etwas zu tun, erfüllt sind. Solche Situationen mag ich. Das Ziel zu schärfen und kooperativ den Weg zu „planen“ und aufbrechen.  Überraschungen werden kommen. Gemeinsam sind sie zu bewältigen. Die weit verbreitete Haltung unserer Zeit ist zu durchbrechen: „Jeder wartet,  dass ein anderer was tut.“ Es kommt auf jede und jeden an.

Gott qualifiziert die Berufenen

Heute früh habe ich auf Facebook den Satz zitiert: „Gott beruft nicht die Qualifizierten, sondern er qualifiziert die Berufenen.“ Eine lange Diskussion hat sich in den Kommentaren entwickelt. Im Grunde geht es darum, dass die kirchliche Hierarchie den Qualifizierungsinteressen Gottes nicht im Weg steht. Es braucht Offenheit und Tun. Das wird uns als Kirche überraschen. Ein anderer Diskussions-Ast ist die Berufung in den Ordensberuf.  Da habe ich den Eindruck, dass durch gewisse „Werbemaßnahmen“ indirekt ein etwas „entrückter Daseins-Zustand“ erzeugt wird. Folder und Gespräche vermitteln in ihrer Körpersprache oft den Eindruck, als ob man schon als fertige Ordensfrau oder –mann da sein müsste. Wer die Um- und Irrwege vieler Ordensgründerinnen und –gründer anschaut, weiß, „dass vor der ewigen Profess oft eine ganz lange und oft irre Weg-Suche lag.“

Weniger Ruhe – mehr Rhythmus

Das führt mich wieder zur Pressekonferenz „Gast im Kloster“ vorige Woche. „Viele Menschen suchen heute die Ruhe und Stille“, hat es da geheißen. Ja. Das stimmt. Es sind oft jene Menschen, die mit hängender Zunge immer noch das Glück probieren in der Geschwindigkeit und in der Omnipräsenz. Andere sind in der gesellschaftlichen Elite so weit oben, dass sie die Tiefe spirituelle Gemeinschaft suchen, die nicht quasselt und nicht dauernd etwas will. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Klöster und Ordensgemeinschaften vor allem durch den Lebensrhythmus attraktiv sind. Wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich schlafe, dann schlafe ich, wenn ich bete, dann bete ich und wenn ich arbeite, dann ist das in diesen Rhythmus eingebettet. Die Sehnsucht nach einem lebensförderlichen Rhythmus ist „mein Punkt“. Warum? Zu viele haben ein Bild vom Ordensleben als ob ich nur ruhig und still sein müsste. Nein, es darf auch laut und turbulent werden, WEIL es eingebunden ist in einen Rhythmus der menschlichen Grundbedürfnisse wie Schlaf, Essen, Beten und sinnerfüllender Tätigkeit (Arbeit).  Die Ordensgemeinschaften sind eben Plätze, wo im Rhythmus des Lebens die Zeit erfüllt wird.

Wir müssen etwas zur „Bespaßung“ tun

Sonntagabend. 20.30 Uhr. Die KHG Linz hat zum Theater geladen. König Luzifer, der vom Hochschulseelsorger Markus Schlagnitweit hervorragend gespielt wird, kriecht aus seinem Schlafsack. Bergseil und Pickel müssen dabei sein. Er ist der König der Hölle. Die „aufmontierten Hörner“ lassen das ganze Stück keinen Zweifel aufkommen, dass wir uns in der Hölle befinden. Ansonsten könnte man den Eindruck bekommen, man sei im Heute, hier auf der Welt.

Bespaßung

Das Problem Luzifers könnte ein ganz gewöhnliches hier unter uns sein. Den Leuten in der Hölle ist fad. Trotz einer Stunde Folter. Es braucht Abwechslung. „Wir müssen etwas tun zur Bespaßung der Hölle!“, meint Luzifer zu einem Autokonzernchef, der in der Hölle gelandet ist. „Wir bauen eine Autobahn“, kommt als Vorschlag. Das wird den Leuten Spass machen. Gesagt getan. Und es klappt eine Zeit. Dann der Vorschlag zur Umstrukturierung der Hölle in Richtung Demokratie. Luzifer ist nicht begeistert. Er lässt sich aber hinreisen und wird schließlich zum Präsidenten gewählt. Mentale Infrastrukturen wählen immer das Bekannte. Ob König des Königreich Hölle oder Präsident der Demokratie Hölle macht als Zuschauer nicht wirklich einen Unterschied. Die Macht hält sich oben und die Menschen werden mit dem richtigen Maß an Folter und Spaß ruhig gehalten. Irgendwie kommt mir das bekannt vor, obwohl ich keinen Einblick in die Hölle habe(n möchte). Das Theater war facettenreich und nicht alle Aspekte sind hier geschildert. Irgendwie gehe ich amüsiert nach Hause, weil das Stück tiefgründigen Humor hat. Irgendwie gehe ich nachdenklich weiter, weil ich den Gedanken nicht los werde, dass Welt und Hölle nach dem Prinzip der „Bespaßung“ geführt werden. In jedem Fall: ein spaßiger Abend. Mehr wie heute nach den zwei EM-Fußballspielen.

Nicht den Traditionswächtern gehört die Zukunft

„Nicht den Traditionswächtern gehört die Zukunft, sondern den Kühnen und Mutigen. Sie gehört Menschen, die zusammenbringen, was früher getrennt war; die Lebenswege gehen, die früher versperrt waren. Menschen somit, die zu Wandlungen und Weiterentwicklungen fähig sein.Vor-Denker (innen) eben, die anderen voraus sind in Problembewusstsein und Lösungswillen. Ihre Geschichte offenlegen heißt, eine Geschichte der Hoffnung erzählen. Deren Pointe lautet: Neue Wege zu gehen ist möglich, allen Konflikten und Widerständen, Verurteilungen und Ausgrenzungen zum Trotz. Diese Menschen ermutigen  zur Nachfolge – heute und in Zukunft.“

Brücken entdecken und pflegen

Diese Passage Seite 16 in der Einleitung zum Buch von Karl-Josef Kuschel „LEBEN ist Brückenschlagen“ habe ich mehrmals gelesen. Auch wenn der offizielle Arbeitsbeginn für die Ordensgemeinschaften Österreichs am 15. Juni ist, so gibt es inoffiziell schon einiges zu tun. Erste Dinge passieren, die mich positiv stimmen, weil sie genau in diese Richtung gehen. Der Befund oben soll auf die Pioniere des interreligiösen Dialogs verweisen. Das Buch ist ein ausgesprochener Schatz in diese Reichtung. Auf 575 Seiten bin ich Pionieren begegnet wie Svami Vivekanda (1863-1902), Richard Wilhelm (1873-1930), Hermann Hesse (1877-1962), Mahatma Ghandi (1869-1948), Thich Nhat Hanh (1926-heute), Hugo Enomiya-Lassalle (1898-1990), Thomas Merton (1915-1968), Martin Buber (1878-1965), Abraham Joshua Heschel (1907-1972), Louis Massignon (1883-1962) und Hans Küng (1928-heute). Hier sind einzelne Pioniere (es sind nur Männer angeführt), die zwischen den Religionen nicht das Turmbauen im Sinne hatten, sondern Brückenköpfe errichtet haben. Das Vatikanum II hat diese Vorarbeiten aufgegriffen und so das Verhältnis zu den Weltreligionen neu bestimmt. Heute besteht natürlich die Gefahr, dass einflussreiche Cliquen im Vatikan diese Brücken wieder sprengen und dafür den römischen Turm erhöhen. Deshalb gilt es, diese Brücken zu schützen und zu begehen wie hier mit einem Fußballspiel.

Tragfähige Brücken heute

Dieses Buch habe ich als Anregung gelesen, in den Ordensgemeinschaften heute diese Dynamik zu entdecken und „herauszuarbeiten“. Bei den Verantwortlichen sehe ich dieses „Problembewusstsein und den Lösungswillen“ für heute, für jetzt und die Zukunft. Ich denke da an die Vorsitzende der Frauenorden Österreichs Generaloberin Kunigunde Fürst, die nicht nur mit Worten (siehe Interview in den OÖN), sondern in ihrem Alter selbst noch als Pionierin eine Brücke nach Kasachstan nicht nur für andere, sondern für sich selbst gelegt oder gebaut hat. „Es ist nicht alle golden, was glänzt, aber in den Ordensgemeinschaften liegt das größte Potential für die nächste Wegstrecke der Kirche“, hat ein renommierter Ökonom vor längerer Zeit zu mir gemeint. Diese Erfahrung der „Zumutung und der Erwartung“ aus dem gesellschaftlichen  nicht kirchlichen Umfeld sehe ich als Ansporn für die Orden. Die Ordensgemeinschaften dürften doch sehr tragfähige Brücken zu den Menschen von heute  haben. Wo dies nicht der Fall ist, siehe oben!