Laudato si ist eine Grundmelodie

450IMG_9082Wir haben dann doch nicht gesungen. Das Jesuitenfoyer war bummvoll. Die KSÖ, mit der ich seit 1978 durch den Drei-Monats-Kurs persönlich verbunden bin, hat zusammen mit den Jesuiten zum Frühstück geladen. Es ging um die neue Enzyklika von Papst Franziskus. Die Medien haben schon berichtet. Magdalena Holztrattner meint in ihrem ersten Satz bei der Begrüßung: „Eigentlich wollte ich mit einem Lied beginnen. Aber…“. Dann war es ein Weilchen still. Ich selbst war überrascht, den Fotoapperat gezückt. Die Melodie lag mir auf der Zunge: Laudato si. Haben wir doch in unserer Jugendzeit oft gesungen. Es entsteht keine Melodie. Sie will auch bei mir nicht heraus. Es hätte uns gut getan, wenn wir einfach angefangen hätten. Einer meiner kommenden Klimapilgerkollegen hat nachher zu mir gemeint, dass ihm die Melodie auch auf der Zunge gelegen ist. Dann ist mir Heini Staudinger eingefallen: Scheiss di net an. Da war ein bisserl Mutlosigkeit bei mir da. Jetzt bin ich direkt ein wenig enttäuscht von mir selber. Es ging dann um die neue Enzyklika. Auf Twitter wird sie mit #LaudatoSi gekennzeichnet. Hier ist sie ganz einfach zu finden. Ich habe sie ausgedruckt. 84 A-4-Seiten. Ich bin noch lange nicht durch. Erst am Beginn. Sie ist mir zu schade, dass ich sie einfach „durchlese“. Dieses Werk will ich in meine Tat hineinlesen. Tag für Tag. Immer wieder. Vor allem dann beim Klimapilgern im Oktober. Ich spüre in diesem Werk von Beginn weg eine Grundmelodie, die wir wieder entdecken, hören sollten. Und: Die wir dann hoffentlich unaufgefordert auch gemeinsam singen. Um der Erde und des Menschen willen.

Der rote Faden zur Melodie

Nach dem Frühstück und dem Gespräch habe ich mir „mutig“ die Sozialhistorikerin, Pädagogin und Mitarbeiterin der KSÖ Dr.in Paloma Fernández de la Hoz „geschnappt“ und nach dem roten Faden gefragt. Hier ihre Einschätzungen im Video, die ohne Schnitt und medialer Behübschung auf der Straße online gegangen sind. Und: Gesungen haben wir wieder nicht. .

Der Barbaraweg in der Slowakei ist bereit

unnamedMit einem Wanderbüchlein im Taschenformat in deutscher Übersetzung kann nun der Barbaraweg in der Slowakei begangen werden.  Das kleine Büchlein enthält alle notwendigen Information. Landkarten zeigen den Weg, die Höhenprofile lassen das Auf und Ab erahnen und gut beschrieben sind die Details am Weg: Orte, Städte, Plätze, Kulturdenkmäler. Bei jedem größeren Ort sind auch die Möglichkeiten wie Übernachtung oder Gasthäuser gekennzeichnet. Wir werden diesen Pilgerführer im Rucksack mittragen, wenn wir Ende August und Anfang September mit der Weltanschauen-Pilgergruppe den Weg gehen, genießen, ausloten und im Anschluss daran beschreiben. Wir fühlen uns auch ein wenig als Pioniere – wir 30.

Wanderführer > 2015_Barborska_Cesta_bedeker_DE_082_nahlad

Der verhüllte Fernseher – das weggelegte Handy

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Foto: FB

Manchmal treibt mich das Wetter, in alten Unterlagen zu stöbern. Selten, aber doch. Vor genau 10 Jahren habe ich folgenden Tipp in einen Wandkalender geschrieben: „Wer gibt den Ton im familiären Gemeinschaftsraum an? Bekommt etwa der Fernseher große Aufmerksamkeit? Wenn das nicht so sein soll, dann nehmen Sie eine schöne Decke und verhüllen Sie das Gerät zur Gänze. Den Fersehsessel drehen Sie in eine andere Richtung. Dann nehmen Sie wieder Platz. Was ist in Ihrem Blickfeld? Liegen dort Zeitschriften, Zeitungen, Spiele? Für jede Fernsehsendung wird der Fernseher abgedeckt und dann wieder zugedeckt.“  Und heute? Junge Menschen haben heute oft bewusst keinen Fernseher. Aber: Sie haben mit dem Smartphone (Handy) und PC jederzeit Zugriff auf alles. Der „Fernseher“ geht sozusagen überall hin mit. Mein Tipp: Definieren Sie gemeinsam handyfreie „Gegenden“. „Bei uns kommt kein Handy auf den Esstisch und ins Schlafzimmer“, hat mir ein Gesprächspartner im Zug erzählt. Vielleicht sollte man für diese „kleinen Dinger“, wie er sie nannte, Abstellflächen definieren. Dort liegen sie lautlos vor sich hin. Gerade auch an Sonn- und Feiertagen. Der Mensch wird heute fast überall „verrobotert“. Manchen Menschen macht deshalb das „echt Lebendige“ bereits Angst. Wenn das so ist: Schnell verhüllen und weglegen.

Die Eliten führen Mittelschicht an Nase herum

herrmannUlrike Herrmann betritt den übervollen Saal der AK Wien. Sie ist Gast bei den Wiener Stadtgesprächen. Es geht um den Anfang und das Ende des Kapitalismus. Die Berliner Journalistin der TAZ hat die Gabe, die heutige gesellschaftspolitische Situation auf den Punkt zu bringen. Sie nimmt eine Perspektive ein, die die Eliten von unten anschaut. Sie arbeitet klar heraus, warum gerade in den letzten 25 Jahren die gesellschaftlichen Eliten unter Mithilfe der Medien ihren Reichtum auf Kosten der BürgerInnen, des Staates anhäufen konnten. Den Eliten mit ihren Think Tanks ist es gelungen, das Rettungsgeld für ihre Banken von den Staaten herauszupressen und die Banken- bzw. Geldkrise als Staatskrise darzustellen. Das griechische Bankendesaster wurde zum Staatsdesaster umfunktioniert und  umerklärt. Die reichen Eliten nehmen sich, wo es nur geht. Sie gewinnen dort, wo es anderen schlechter geht. Beispiel: Die EZB fordert vom griechischen Staat das Herunterfahren der Renten. Griechenland will die Militärausgaben kürzen. Dürfen sie nicht: Am Waffenhandel verdienen die Eliten mit.

Die Mittelschicht schaut in die falsche Richtung

IMG_8887Wer das Buch von Ulrike Herrmann „Hurra, wir dürfen zahlen“ gelesen hat, staunt nur so, mit welchen Geschichten und Erklärungen die sogenannte Mittelschicht von den Eliten und Reichen an der Nase herumgeführt wird. „Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ ist der Untertitel. Die laufende Umverteilung von unten nach oben wird von der Mittelschicht nicht durchschaut. Ihr wird „erzählt“, dass sie bald zur Elite gehören, reich sein wird. Deshalb wehrt sich diese Mittelschicht gegen alle Besteuerung der Besserverdiener, „weil sie ja selber bald dazugehören könnte“. Durch diese Koaltion mit den reichen Eliten kommt die Mittelschicht selber unter die Räder. Die erzählten Geschichten halten sie ab von der einzigen Koalition, die die Gesellschaft wieder ausgleichen, ins Lot bringen könnte, nämlich der Koalition mit der Unterschicht. Unterschicht und Mittelschicht sollten sich gut verbündet ihr Geld von der Elite zurückholen durch hohe Besteuerung von Vermögen, Erbgut und Finanzerträgen. Die Mittelschicht lehnt Vermögenssteuern ab, die sie gar nicht treffen würde. Paradox. Statt dessen glaubt die Mittelschicht die Stories von Sozialschmarotzern, von der Bedrohung durch Asylwerbern, von der schlechten Bildung in öffentlichen Schulen. Als Beispiel führt Herrmann den Boom an Privatschulen an, die derzeit sprießen mit dem einen Ziel, die eigenen Kinder vor der Berührung mit der Unterschicht zu schützen. Persönlich glaube ich, dass aber genau dort die neuen Lernfelder aufgehen, neues Lernen möglich ist. Die „Koalitionen am Rand“ werden Zukunft schaffen. Dort müssen auch Ordensschulen angesiedelt sein. Plädoyer der Autorin: Holen wir uns die Ressourcen von den Eliten zurück. Das Buch ist lesenswert, bedenkenswert und ein guter Handlungsimpuls.

Beeinflussbar und nicht steuerbar

999_IMG_8570Wir können die Natur beeinflussen. Aber nicht steuern. Wir beeinflussen das Klima. Aber wir können das Wetter mit seinen Wirkungen nicht steuern. Wir können Politik gestalten, Rahmenbedingungen gut oder schlecht setzen. Aber wir können den einzelnen Menschen nicht steuern. Manche sagen: Noch nicht. Bei Maschinen gelingt es – bis auf einige Entgleisungen, Abstürze, Unfälle sehr gut. Sie sind steuerbar. Es dauert vielleicht nicht mehr lange, dann steuern sich sich selber. Und dann: Wir können Maschinen beeinflussen, aber sie steuern sich selber. Wir werden acht geben müssen. Manches Smartphone hat seinen Besitzer, seine Besitzerin schon gut im Griff.

#Klimapilgern als neue Aufmerksamkeit

Hashtags (#) haben für mich den Sinn, die Aufmerksamkeit und die Energie der Wahrnehmung zu bündeln. Im Social Media Bereich sind Milliarden „Aussagen“ abrufbar. Sie wollen mich erreichen. Ich habe aber meine eigenen Wahrnehmungsfelder, „die mir nahe gehen“. Der Hashtag #Klimapilgern ist mir seit gestern wieder näher. Ich werde – wie ich hier schon angekündigt habe – Klimapilger. Von 17. Oktober bis 8. November werden wir von Wien über Linz nach Salzburg pilgern, alles gehen. Pilgern heißt, auf ein Ziel hingehen und „Anliegen“ mitnehmen. Das Ziel ist der Weltklimagipfel in Paris Anfang Dezember. Das Anliegen, das Thema, die Sorge ist das „Weltklima und die Folgen der Veränderung“. Wir sind täglich dabei, das Weltklima negativ zu beeinflussen. Manche glauben aber, dass das Weltklima steuerbar ist. Oft habe ich den Eindruck, dass in den Eliten der fatale Gedanke herrscht: „Die Welt hält das schon aus.“ Andere machen aus den Katastrophen wie Tornados, Überschwemmungen bereits ihr Geschäft. In diesem „ökonomisierten Weltwirtschaftsgebilde“, das seit der Etablierung des Wachstumskapitalismus am Beginn der Industrialisierung der Weltkugel, dem Klima und der Weltgemeinschaft schwer im Magen liegt, braucht es eine neue Aufmerksamkeit. Wir sind um der Zukunft willen aufgerufen, unsere Beeinflussungen auf diese Weltkugel tiefgehend zu reflektieren. Es gilt auch die Frage: Wem schade ich mit meinem konkreten Leben?

Aufwachen und Veränderungen einleiten

999_IMG_8572Wir wissen, dass Veränderungen am besten möglich sind, wenn sich der Mensch als offenes spirituell verbundenes Wesen begreift, wenn er sein Leben als Entgegenkommen, als Geschenk sieht. „Das Leben kommt mir entgegen“. Diese Haltung macht nichts kaputt, sondern empfängt alles mit Achtsamkeit und Dankbarkeit. Aber: Nicht jedes Flugzeug, nicht jedes Auto, nicht jedes Fass Öl, nicht jedes Spritzmittel, nicht jede südamerikanische Weintraube, nicht jedes „Billigprodukt“ darf ich dankbar annehmen, weil dahinter Ausbeutung, zum Teil Sklaverei und „Schöpfungsvernichtung“ wüten. Das Weltklima ist wie der Schlaf ein Indikator, ob der Lebensstil „passt“. Der Schlaf ist ein täglich kommender Gast und ich muss ihn „zur rechten Zeit erkennen“. So ist auch das immer höher und weiter springende Klima ein „Anzeiger“ für unseren ungesunden Lebensstil. Da gerät gerade etwas aus den Fugen. Wir bedrohen uns selber. Es ist etwas in Umbruch. In Umbruchzeiten ist aus meiner Erfahrung das Gehen eine gute Sache, einen klaren Gedanken zu fassen, Sichtweisen und Verhaltensweisen zu ändern, neue Wahrnehmungen zu schöpfen. Was ist der Fußabdruck, mit dem ich das Klima beeinflussen? Die Route von Wien über St. Pölten, Linz nach Salzburg haben wir gestern festgelegt. Und den Hashtag #Klimapilgern, der uns auch international verbindet.

Ein Bischof für die Bischöfe

romeroKreuz & Quer gehört sicher zu den Leuchttürmen des ORF. Soviel ich weiß, genießt die Religionsabteilung gerade wegen ihrer tiefblickenden und weit machenden Themen innerhalb des ORF großes Ansehen. Und das bedeutet etwas unter Medienschaffenden. Gestern war wieder ein Moment, wo das sichtbar und spürbar wurde. Kreuz & Quer zeigte den Film über Oscar Romero. Der vom Vatikan (Johannes Paul II) lange Zeit nicht verstandene und bewusst in die dritte Reihe gestellte Erzbischof Oscar Romero wurde am vergangenen Samstag selig gesprochen. Er war ursprünglich kein Befreiungstheologe. Erst die katastrophalen sozialen Zustände in El Salvador machten ihn zu einem konsequenten Anwalt der Unterdrückten. Er wurde „gewandelt“ durch das genaue Hinschauen, die Orientierung am Evangelium und die Kraft der Empathie. Im Volk ist er längst ein Heiliger. Für Papst Franziskus mit seiner unerschrockenen Sichtweise ebenso. Die gesellschaftlichen Eliten zusammen mit den damaligen kirchlichen Machteliten sehen heute, dass ihr Denken und Handeln falsch war. Nicht Romero „irrte“, sondern die vatikanische Hierarchie war der weltlichen Macht bis in die USA „untertänig“. Wem dienst du mit deinem Leben? Wie kommt mehr Liebe und Gerechtigkeit in die Welt? Das sind die Kernfragen an die Bischöfe. Damals und heute. Und natürlich auch an uns.

Oscar Romero als Vorbild für das „Format Bischof“

Aus meiner Sicht zeichnet Romero aus, dass er sich „anrühren“ ließ. So viele Bilder im Film zeigen die Nähe zum Volk. Er geht mitten unter den Menschen, kein Zeremoniär dabei, keine Distanzhalter. Er konnte das Volk „riechen“ und sie ihn anfassen. Er setzte seine Autorität mitten in das Volk hinein und die Militärs mussten weichen. Er verhandelte nicht in Palästen für das unterdrückte Volk, sondern ging zusammen mit dem Volk in die Auseinandersetzungen. Es waren seine Predigten bei den Gottesdiensten, die im ganzen Land gehört wurden. Es waren nicht Ansprachen, sondern aus dem Evangelium herrührendes Wort hinein in die unterdrückende Situation. Er hat es gemacht, wie Papst Franziskus heute. Er feiert Gottesdienst, hörte das Evangelium und darin sieht er das Leben. Genau diese unmittelbare Orientierung am Evangelium macht ihn „radikal“ (wie manche heute meinen). Ja, das Evangelium geht an die Wurzel und kommt von der Wurzel. Da weicht jede leere Frömmigkeit und jedes Getue. Selbstbeweihräucherung hat dort keinen Platz. Romero ist als Mensch, als Christ und dann als Bischof unter und mit den Menschen. Nicht bei den Eliten, den Wohlhabenden, den Mächtigen, sondern auf Seite der Unterdrückten, der Geschundenen, der Ausgebeuteten, der „Überflüssigen“, wie sie Ilija Trojanow nennt. Wenn Romero jetzt heilig gesprochen wird, dann erkennt die Amtskirche heute, dass sie damals falsch lag. Auch der damalige Linzer Bischof Gföllner wollte Franz Jägerstätter zum Militärdienst überreden. Es gibt unzählige Beispiele, wo sich die Hierarchie-Kirche später korrigiert hat. Jetzt sehe ich, dass Bischöfe in Österreich recht still und fromm sind, unauffällig, gut kooperierend mit den gesellschaftlichen Eliten. Sie haben es auch nicht einfach, weil die Machteliten es gut verstehen, die Bischöfe zu halten. Sie sitzen bei Staatsakten in den ersten Reihen. Sie sind in VIP-Bereichen unterwegs, zelebrieren Festgottesdienste mit Distanzhaltern zum Volk. Mit dieser Seligsprechung gibt Papst Franziskus ein neues Format Bischof vor. Mutig, im Volk lebend, gegen Ungerechtigkeit kämpfend, direkt am Evangelium, angstfrei, gottverbunden. Wäre das nicht auch etwas für Linz?

Songcontest oder Kultinarium

1IMG_8386„Der #ESC interessiert doch keinen Menschen“, hat dieser Tage der namhafter Journalist @CKotanko in Wien auf Twitter geschrieben. „ESC? Was ist das?“ Schon das Fragezeichen ist für eingefleischte Fans des Songcontestes „Blasphemie“. „Ich bin froh, wenn ESC wieder unmissverständlich die Taste ganz links oben ist.“ Wieder auf Twitter. Ich steuere heute eine Beobachtung, eine Erfahrung bei, die ich am Dienstag Abend in Wien gemacht hatte.

Von außen 

2IMG_8384Etwa gegen 19 Uhr habe ich unser Büro in der Freyung verlassen mit der Neugierde, „beim Songcontest am Rathausplatz vorbeizuschauen“. Dort angekommen, fand ich eine imposante Bühne, eine Event-Gastronomie und die Sängerin Zoe und später Celina Ann auf der Bühne. Der Moderator hat sich Mühe gegeben, die aus meiner Sicht noch nicht zahlreichen Besucher „anzukurbeln“. Die riesigen Videowalls mit ihren laufenden Bildern zogen die Augen auf sich. Die Lautsprecher mit der Musik, die ich später bis zur Hofburg hinüber noch gehört habe, eroberten die Ohren. Eine Freundin treffe ich zufällig. Ein Reden miteinander war fast nicht möglich. Die Lautsprecher waren lauter. Die Reize von außen waren zu dominant. „Schön“, dachte ich mir. Ein wenig fühlte ich mich von außen „erschlagen“. Ich fühlte mich „anvibriert“. Vielleicht war ich auch noch nicht „gelockert“. Meine Neugierde war gestillt. Da ich in meiner Wiener Klosterzelle keinen Fernseher habe, hat sich ganz hinten der Gedanke eingeschlichen: Nach 21 Uhr komme ich beim Abendspaziergang nochmals vorbei zur Ausscheidung. Andere fahren extra nach Wien. Ich bin ohnehin da. Ich verlasse den Rathausplatz und höre lange noch das „Spektakel“.

Von innen

5IMG_8402Im Wiener Daheim telefoniere ich noch zwei lange Telefonate. Dann beschließe ich um 21,30 Uhr, nochmals frische Luft zu tanken und das Spektakel des Songcontestes aufzusuchen. Meine Schritte gehen über den Judenplatz in Richtung  Am Hof. Wieder liegt auf einmal ein Vibrieren in der Luft. Mein Blick auf den großen Platz überrascht mich. Der ganze Platz ist voller Menschen. Dicht gedrängt stehen die Menschen beisammen und reden. Der Platz ist erfüllt von einem „Grundton“, der vielleicht mit dem Summen vieler Bienenstöcke vergleichbar ist. Nur tiefer. Hunderte Gespräche bei einem Glaserl Wein, Bier oder alkoholfrei fließen zusammen. Keine Musik, keine Animation. Nur die vielen Gespräche, die zusammenfließen und den Platz erfüllen. 4IMG_8400Viele junge Menschen, die in Gruppen und Grüppchen beisammen stehen. Und reden. Nirgends am Platz – und ich bin herumgegangen – ist es fad. Das Leben sprudelt nur so heraus. Von innen, beim „Burgenländischen Kultinarium„. Ich treffe einen Bekannten. Wir nehmen ein Gläschen Wein in die Hand und erzählen. Und erzählen. Und keine Musik, keine Videowall, kein Moderator muss uns von außen animieren. Es würde nur stören. Es kommt von innen, wie bei den vielen anderen Menschen auch.

Das Evangelium entdecken

7IMG_8404Um 22.30 Uhr – so genau habe ich nicht geschaut – kommt ein Gewitter und ein paar Regentropfen. Die Gläser suchen ihren Weg zurück. Ein wenig „Hektik in aller Ruhe“ kommt auf. Der Himmel meint es aber gut mit uns und lässt es nicht schütten, sondern sagt mit ein paar festen Tropfen nur: Geh nach Hause. Das mache ich. Seit diesem Abend trage ich diese zwei Szenarien, Erfahrungen, Beobachtungen mit mir. Dort eine Unterhaltung von außen an den Menschen herangetragen, herangepustet und dort die Unterhaltung von innen kommend, heraussprudelnd, in ein Gespräch gebracht. Einen Tag später war ich beim Open House der KJÖ. Dort habe ich meine Erfahrung erzählt. Die Frage taucht auf: An welchem Ort findet Kirche mehr statt? Wie kommt das Evangelium zu den Menschen? Über die Videowalls von außen an die Menschen herangetragen? Oder wird es in den hinhörenden Gesprächen von innen entdeckt? Beispiel: „Mission first“ heißt es in der Erzdiözese Wien: Wo jetzt? Am Rathausplatz oder Am Hof?

 

Wohin läuft der Selbstläufer?

Entweder hat sich meine Wahrnehmung verändert oder es taucht in letzter Zeit tatsächlich das Wort „System“ immer häufiger auf. In der Furche lese ich die Headline: „Unser System zerstört sich selber„. Stephan Schulmeister, Michael Fleischhacker und Wilfried Altzinger diskutieren, reden, analysieren. Im heutigen Standard wird das Gespräch mit dem Rechnungshofpräsidenten Josef Moser so getitelt: „Die Strukturen haben ein Eigenleben entwickelt„.

Flucht und Alternativen

IMG_4858Die eine Betrachtung redet schon vom Ende und die andere davon, dass das System selbständig dorthin unterwegs ist. Von einem guten Bekannten weiß ich, dass die 17.000 Eingaben zur Verwaltungsvereinfachung in OÖ nicht von der Verwaltung bearbeitet werden, sondern von einer externen Agentur. Die BeamtInnen dürfen einstweilen zu, über und in ländlichen Vorgärten „arbeiten“. Eine Veränderung von außen wird nicht gelingen. Politischer Druck hin oder her. Anreize, die einmal geschaffen wurden, sind zum Job der Verwaltung selbst geworden. Das Steuergeld steuert sich selber in die Selbst-Bedeutung. Beispiel: Hat es früher einen Pokal als Anreiz gegeben, so wird heute das Training damit kontrolliert. Die Kontrollore kontrollieren einander und damit die Kontrolle nicht aus der Kontrolle gerät, wird der Kontrollausschuss tätig, besser sitzend. Wichtig dabei ist, dass für jede und jeden etwas abfällt. Eine ausgeglügelte Hierarchie der Kontrolle hält alles unter Kontrolle. Das Gütesiegel der AMA findet ihre Güte in der Kontrolle auf 17 Ebenen. Der Bauer fährt nicht nur gegen das Wetter, noch mehr gegen die Kontrollore, die ihn vom Arbeiten aufhalten. Würden alle Kontrollore einen Tag helfend von Bauernhof zu Bauernhof ziehen, dann wäre viel gewonnen. Die Gastronomie dürfte ein ähnliches Schicksal erleiden. Es ist einfach nicht mehr lustig, wenn –  im Bild – beim Fussballspiel dauernd der Rasen, die Linien, der Ball, die Socken, die Schuhe, das Leiberl, die Torstangen kontrolliert werden. Da stehen bald mehr Kontrollore am Feld als Spieler. Ich wette: Die Kontrollore haben ihren Spaß miteinander und werden bald ein Seiterl auf den Fußball trinken. Die Zuschauer und die Fussballer werden heimgehen. Wo waren wir? „Unser System zerstört sich selber.“ „Strukturen haben ein Eigenleben entwickelt.“ Gut, dass wir die Excel-Listen haben, in die wir alles hineinschreiben können. Diese lassen wir in Mega-Studien zusammenfließen und kontrollieren so die Zukunft. Seit wann steht dieser Satz auf meinem 12-Sätze-Zettel? „Die Flucht aus der Excel-Zelle muss uns gelingen.“ Mehrere Jahre. Gut, dass auf dem Titel des „brennstoff“ von Heini Staudinger steht: „Gemeinsinniges Wirtschaften“. Es wächst eine Alternative, ein neues Miteinander, das ich nicht System nennen möchte. Dieses Miteinander lebt vom Vertrauen, Subsidiarität und Solidarität.