Lebe ich oder werde ich gelebt

IMG_3866Da fallen einem so Bücher in die Hand, weil andere an einen denken und meinen, es passt zu mir. Der Geburtstag hat mir das Büchlein „Regelrecht verrrückt“ in die Hände gespült. Danke. Es geht um die Benediktsregel für Optimisten. Das war der Link für den Schenker, weil er mich kennt. Orden, Regel, Optimist. Stimmig.

Das Kapitel „Zeit“

„Immer weiter, immer schneller, immer hektischer – man hat weder Ruhe noch Gelegenheit, in sich hineinzuhören.“  So beginnt das Kapitel getitelt mit „Zeit“. Der Alltag wird als laut beschrieben. Das Wort hektisch kommt vor und ich mag es nicht. Die innere Stimme wird angesprochen, gelassen werden und die Uhr einmal nicht brauchen. Die Sehnsucht heute. Das stimmt alles. Und dann bin ich geneigt, hier lange zu zitieren: „Wo aber findet der Mensch Orte, an denen er zur Ruhe kommen und sich dem Zeitdruck entziehen kann? Für stressgeplagte, termingehetzte Frauen und Männer scheint es unvorstellbar, sich für einige Tage in ein Kloster zurückzuziehen, um intensiv zu spüren, zu erspüren: lebe ich oder werde ich gelebt?“ Dann wird das Klischee geschildert, das viele abschreckt: Hinter Klostermauern hausen Menschen, die allem Weltlichen entsagt haben und völlig vergeistigt sind. Wer sich dann doch auf das Abenteuer Kloster einlässt, ist keinesfalls verrückt, sondern rückt vielmehr in eine besondere Atmosphäre ein.

Das Diktat der Zeit

IMG_3865„Vielleicht rümpfen manche die Nase: Ist ein solcher Ausstieg nicht gefährlich? Kann das einen Karriereschaden anrichten? Tage ohne Terminkalender, ohne Handy, ohne Computer und Internet, Stunden ohne das Diktat der Zeit? Im Kloster scheinen die Uhren anders zu ticken. Für manche klösterlichen Gast fällt es wie Schuppen von den Augen: Mönche und Nonnen verschenken Zeit an andere, wenn sie stundenlang singen und beten. Sie teilen Zeit, wenn sie mit Gästen reden, ihnen zuhören, offen für ihre Anliegen.“ Es geht weiter, dass auch in den Klöstern Uhren sind. Die Zeit hat dort aber eine andere Qualität. „Sie wird nicht vertrödelt, nicht totgeschlagen, sondern diszipliniert und verantwortungsvoll genutzt.“ Der Rhythmus der Zeit von Arbeit, Lesen und Gebet gibt eine neu Qualität. Da wird es leichter zu leben anstatt gelebt zu werden. Da besteht die Chance, das zu hören, was in einem drinnen steckt.

Du hast es in dir

Foto: Katrin Bruder

Foto: Katrin Bruder

Ich lege das Buch zur Seite. Die Zeit schreitet dahin. Um 21 Uhr beginnt der Film: „Madame Mallory und der Duft von Curry“ am Fleischmarkt. Eine wunderbare Geschichte einer indischen Familie, die in Frankreich „landet“. Der Sohn ein wunderbarer Koch. Es geht um Sterne. Um Konkurrenz und Annäherung. In jedem Fall hört der junge Koch von seiner Meisterin nach dem Verkosten des Omlett’s: „Du hast es in dir.“ Gemeint hat sie das Gespür für das Kochen, für einen Meister im Kochen. Wem wird das heute zugesagt: Du hast es in dir. Lebe das aus, was in dir steckt. Interessant am Film auch, dass der begnadete Koch alte Rezepte neu würzt. Er kommt aus Indien. „Sie können doch nicht einfach ein 200 Jahre altes Rezept verändern.“ Darauf sagt er aus sich heraus: „Vielleicht sind 200 Jahre schon genug.“ Da bin ich wieder bei den Regeln der Orden, bei den Ritualen, den „jahrhunderte alten Rezepten“, den Gewohnheiten. Es geht nicht um die Veränderung, sondern darum, ob das herauskommen darf, was in den Menschen heute drinnen steckt. Die tiefe Berufung. Im Film war es der Koch. Im Buch bin ich noch nicht ganz fertig. Im JAHR DER ORDEN wird es irgendwie auch darum gehen. Neues und Altes neu abschmecken.

Der Urlaub verneigt sich und geht

In Irland

Es stimmt. Wer länger als drei Wochen Abstand zur Arbeit genommen hat, dem wird ganz leise die Freude an der Arbeit aufsteigen. Es erwacht die Sehnsucht, wieder einen Beitrag für das Ganze aus dem eigenen Aufgabengebiet zu gestalten. So spüre ich es heute. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir im Dompfarrhof sozusagen in der „Dompfarrhoffamilie“ in Linz gelebt und gewohnt haben, die Kinder klein waren und der damalige Dompfarrer Johann Bergsmann am Abend noch in unsere Wohnung gekommen ist, einen schönen Urlaub und Erholung gewünscht hat mit den Worten: „So und jetzt will ich euch drei Wochen nicht sehen.“

Drei Wochen Abstand geht nicht

Bauernarbeit

Bauernarbeit

Wir waren dann wirklich drei Wochen „Pfarrhof abstinent“. Das hat unglaublich gut getan. Die erste Woche war einfach Müdigkeit. Die zweite Woche war Erwachen. Die dritte Woche war Ideen, Sehnsucht nach Daheim, gute Gedanken an Menschen, die wir das ganze Jahr über begleiten durften, die mit uns Pfarrleben in der bunten Vielfalt mitgestaltet haben. Der Abstand, die Distanz ist eine Kunst. Der Dompfarrer hat sie uns übrigens vorgelebt. Er war dann auch drei Wochen weg und hat uns alle Schlüssel und die Verantwortung übertragen. Ein unglaubliches Vertrauen. Nach einem Assisi-Vortrag ist ein Firmeninhaber zu mir gekommen und hat gemeint: „Ich kann mir keine 4 Wochen Zeit freischaufeln so wie du.“ Angeblich habe ich zu ihm recht spontan gesagt: „Und was ist, wenn du stirbst. Dann fehlst du mehr als 4 Wochen.“ Das hat diesen Mann so „aufgewühlt“, dass er ein Jahr später 4 Wochen zu Fuß nach Assisi gegangen ist. Von dort hat er mich angerufen, mir diese Begebenheit erzählt, an die ich mich im Detail gar nicht mehr erinnern konnte.

Jonas ist da

Jonas ist da

„Ich habe Abstand genommen und bin jetzt nach 4 Wochen da, in Assisi.“ Großartig. Distanz und Abstand geht, wenn man selber will. Und das ist heute – im digitalisierten Zeitalter – der Hacken. Will ich überhaupt Distanz? Geht nicht Wichtiges vorüber, ohne dass es mich erreicht? Geht Leben überhaupt ohne Arbeit? Noch dazu, wo die Arbeit Freude und Sinn macht? Lassen die Firmen Menschen überhaupt „aus“? Die digitale Leine scheint allgegenwärtig.

Smartphone als verführerische Brücke

Ich gestehe. Es ist mir damals – es war noch die vor-digitale Zeit – leichter gefallen, Abstand zu gewinnen und zu halten. Heute geht überall und immer ein Gerät mit, das nicht nur telefonieren kann, sondern auch fotografiert, Emails anzeigt, Informationen bereit hält und die „soziale Brücke“ darstellt zur digitalisierten Realität und Beziehungswelt. Der ganz normale Alltag eines Kommunikations- und Medienmenschen geht mit. Ich habe heuer einige Funktionen des Smartphones vermehrt ausprobiert. Abschalten.

In der Natur

In der Natur

Flugmodus. Gerät alleine lassen. Es geht noch nicht wirklich gut. Vielleicht hat mich bisher noch keiner so radikal angesprochen und gemeint: Was ist, wenn du gestorben bist, dann hat das Smartphone auch niemanden. Stimmt. Im nächsten Jahr werde ich meinem Smartphone drei Wochen Urlaub geben. Ich werde mich bei ihm verabschieden und sagen: „So und jetzt haben wir drei Wochen nichts miteinander zu tun.“ Ich bin gespannt, ob das Gerät es genießen wird. In jedem Fall habe ich heuer schon geübt. Mit mehr oder weniger „Erfolg“ und Distanz. Der Urlaub verneigt sich und geht.

 

 

Wer nichts sieht, hört vielleicht besser

Kinderklangwolke

Kinderklangwolke

Bernhard Lichtenberger schreibt in den OÖN über einen süffisanten LIVA-Chef und einen grollenden Maestro. Grund: Ein bildloser Klang bei der klassischen Linzer Klangwolke. Das Konzert wurde heuer nicht wie seit 2005 üblich via Video-Leinwände in den Donaupark übertragen. Spargründe waren ausschlaggebend. Scheingründe wurden inszeniert. Das notwendige Umdenken wurde leider nicht thematisiert.

Weniger Leinwände stärken Hörvermögen und Phantasie

2_kiklaWer schon einmal mit dem blinden Andy Holzer zusammen war, ist wahrscheinlich auch von seinem Hörvermögen fasziniert gewesen. Es hat fast den Anschein, dass die Ohren die Aufgabe der Augen übernommen haben. In unserer Gesellschaft ist es genau umgekehrt. Da werden mit großflächigen Bildern, mit allgegenwärtigen Video-Leinwänden die Augen zugeschüttet, dass selbst die Ohren und alle anderen Sinne unfähig werden. In jedem Gastlokal hängt schon ein Flatscreen mit irgendwelchen Sport- oder News-Sendungen. Das Auge will angezogen werden. Es wundert mich des öfteren, dass Restaurants von ihrem Essen ablenken. Oder ist es das Essen nicht wert, sich darauf zu konzentrieren? Das Auge ist am anfälligsten für die „Verführungen von außen“. Das Ohr ist jenes Sinnesorgan, das der Mensch als erstes bekommt (schon im Mutterleib) und das Gehör ist das letzte, was aus einem sterbenden Menschen hinausgeht. Das Ohr und das Hören ist etwas ganz intimes, tief gehendes. Darum ist Radio intimer. Das Auge sieht die Oberfläche, das Außenbild. Ich bin ganz fest überzeugt, dass die fehlenden Leinwände (aus welchem Grund auch immer) eine große Chance sind, vom viel mehr Oberfläche hin zu viel mehr innerem Hören und Erleben zu kommen. Auch wenn alle Welt derzeit visualisiert, so ist es nicht der Weg in die Zukunft. Wer die Augen schließt und die Musik ganz in sich aufnimmt, erlebt wahrscheinlich den höchsten Genuss und das weite Feld der Phantasie. Also: Nicht viel mehr sondern wesentlich weniger wird die Zukunft bringen.

Einfacher und konzentrierter

Alle Mitwirkenden

Alle Mitwirkenden

Die Kinderklangwolke, die ich selber miterleben durfte, war ein sehr schönes Beispiel, worum es geht. Ein Zirkusdirektor, die wunderbaren Stimmen des LALA-Vokalensembles und Kinder, die tanzen, singen, malen zu den einfachen Melodien alter Kinderlieder – neu und kreativ präsentiert. Die Bühne war voller Begeisterung und die ist herüber gesprungen. Ich hatte verschiedene Kinder auf meiner Schulter sitzen und alle haben irgendwie mitgewippt oder mitgesungen. Keine Leinwand, sondern ein analoges „zusammensehen und -hören“. Keine besondere Technik. Es braucht heute viel mehr Einfachheit und wesentlich weniger „technisch dislozierte Visualität“, visuelle Wahrnehmung. Der Mensch ist bequem geworden. Der Fernseher arbeitet täglich daran. Frage eine/n ZuhörerIn, was gesagt wurde. Die Antwort ist meist: Das weiß ich nicht mehr, aber schön hat er gesprochen. Das nutzen auch Politiker. Auch sie werden von großen Leinwänden begleitet. Es ist dann nicht mehr so wichtig, was man sagt sondern wie. In New Orleans hat jede Kirche (aller Testimonien) eine große Leinwand vorne angebracht gehabt. Die Bilder haben mich fast „erschlagen“. Vielleicht war es auch das Ziel: visuelle Abhängigkeit. Bei unserem Themenschwerpunkt höre ich gerade von den externen GesprächspartnerInnen, dass es heute „viel mehr Stille braucht“. In Salzburg haben wir beim Gespräch im Zoo lange über die rasant zunehmende „Lichtverschmutzung“ gesprochen. Finsternis, Stille stärkt das Hinhören, das Hören, das Hineinhören. Herr Hans.Joachim Frey, Herr Dennis Russel Davies: Die Leinwand hat für alle jene nicht gefehlt, die Musik hören wollten. Wer Ohren hat, der hörte die wunderbare Musik. Oft sind Engpässe der Anstoß für Neues, für die Konzentration auf das Notwendige. Insofern könnte das ein Fortschritt sein.

 

 

Weltanschauen und pilgern am Dingle Way in Irland

1_Irland„Urlaubsfeeling auf Knopfdruck“ lese ich auf dem Plakat einer Fluggesellschaft dieser Tage auf der Freyung. „Reisen statt fliegen“ stand auf der Innenseite der Taschen von „Gleisnost“ für die verschiedenen Tickets am Weg nach Irland. Welt der Frau hat eine LeserInnen-Reise ausgeschrieben und wir von Weltanschauen haben sie umgesetzt. 12 Tage waren wir 30 gemeinsam unterwegs: zu Fuß, mit Zug, Fähre oder Bus. Bewusst nicht mit Auto oder Flieger.  Annähern, erleben und bewegen.  Nähe und Distanz sind für jede und jedem im Leben eine besondere Kunst.  Wenn ich diese Rückmeldung lese, dann scheint es uns wirklich gelungen zu sein , ein tieferes Erleben „einzufädeln und zu ermöglichen“.

Unterschiede machen das Gemeinsame interessant

In Paris

In Paris

Daniela, eine Teilnehmerin schreibt an Weltanschauen: „Es war eine der interessantesten und auf jeden Fall die erweiterndste Reise, die ich je gemacht habe. Vielleicht war die Anreise strapaziös, obwohl ich es persönlich nicht so empfunden habe, aber gerade diese Art der Anreise bot auch viele Vorteile. So ergab sich die Möglichkeit, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kennenlernten, dass man sich austauschen konnte – eine erste Annäherung. Von Anfang an passte dieses Gemeinsam. Es war nicht, weil die Gruppe homogen war. Natürlich gab es Komponenten, die uns von vornherein verbanden, vorab die sich auf diese Art des Reisens überhaupt einzulassen, doch gerade die Unterschiede machten es aus und interessant. Es war eine Atmosphäre der Offenheit und Toleranz, der Hilfsbereitschaft und des Miteinander – und das sind Dinge, die man nicht organisieren kann, sondern die einfach geschehen. Die Organisation selbst war tadellos – und die zwei, drei Problemchen, nun, die wurden behoben und spielten eigentlich keine Rolle.

Gallarus Oratorium

Gallarus Oratorium

Es stand eindeutig das Positve im Vordergrund. So wie das Ankommen in Cloughane (ich hoffe, ich habe es jetzt richtig geschrieben), wo die Dame des Hauses sofort sämtliche Heizkörper für uns aufdrehte um die nassen Sachen zu trocknen und den müden Wanderern Tee und Kaffe aufwartete. Hier auch gleich ein großes Kompliment an Ferdinand und Gerlinde, die uns so toll durch die Reise leiteten. Es war – aus meiner Sicht – eine perfekte Abstimmung.“ Das freut uns Guides, Reisebegleiter, wenn Urlaubszeit nährend und anregend erlebt wird. Es geht nicht auf Knopfdruck. Es ist ein „Einlassen“ auf dieses Unterwegssein.

Verschiedene Reisemittel bringen uns weiter

Vom Mount Brandon

Vom Mount Brandon

Maria aus Vorarlberg stösst in Stuttgart am Bahnsteig des TGV  zu uns. Wir sind komplett. Ab 5 Uhr früh sind die Ersten unterwegs von Wien kommend. Die Gruppe setzt sich aus 8 Bundesländern zusammen. Mit 314 km/h trägt uns der TGV nach Paris. Dort checken wir ins Hotel ein und begeben uns auf einen Stadtrundgang. Das tun wir mit der lokalen Reisebegleiterin – auch am nächsten Tag, bevor wir nach Cherbourg aufbrechen. Ungestühm betreten wir das Fährengelände und werden von der Polizei „eingefangen“ hin zum CheckIn. Es macht Spass zu gehen. Mit der Fähre geht es auf „stürmischer“ See nach Rosslare, mehr oder weniger schlafend in den Kajüten.  In Rosslare haben wir festen Boden unter den Füssen. Alle sind (wieder) wohlauf. Der Bus bringt uns ab Mittag quer durch den Süden Irlands nach Tralee, dem Grand Hotel. Morgen wird es mit den Füssen weitergehen, nachdem uns derselbe Bus nach Ventry – zum Startpunkt des Pilgerweges „Cosan na Naomh“ – gebracht hat. Gehen. Bewegung. Rucksäcke in unterschiedlicher Schwere begleiten uns 5 Stunden am Pilgerweg hinüber nach Ballydavid. Im Gallarus Oratorium singen wir einen Kanon. Wir stimmen zusammen. Ein wirklicher Kraftplatz. Die Unterkunft „Tabbairne ui Chonchuir“ ist jetzt einfach geworden, das Essen dafür umso besser. Christiana aus Tirol hat auch eine gute Hand für Massage.

Der Gipfel wird erreicht

Am Gipfel

Am Gipfel

Der Mount Brandon mit 963 m Höhe (klingt nicht viel, aber wir starten bei Null – also 1.000 Höhenmeter) ist der Pilgerberg in Dingle. Auf ihm wollen wir „hinübergehen“. Das ist der Wunsch. Zuvor gehen wir am zweiten Tag 8 Stunden am Dingle-Way auf 700 Höhenmeter in den Norden nach Cloughan. 6 Stunden hat es davon geregnet. Wirklich geregnet. Wir sind in Irland. Wir wurden (siehe oben) wunderbar enpfangen. Am nächsten Tag besteigen wir gemeinam den heiligen Berg. Wir sind glücklich, oben zu sein, die Aussicht zu genießen und einige sagen: Ich war noch nie auf einem solchen Berg. Abends kommen wir nach 8 Stunden sehr gut müde in unserer Unterkunft an. Geschafft. In allen Schattierungen. Ab morgen gehen wir drei Tage lang den Dingle-Way. Den 403 m hohen Cruach Mhartain besteigen wir wild, durch blühende Erika. Die Aussicht ist wieder phänomenal und die Strapazzen sind vergessen.

Wild bestiegen

Wild bestiegen

Dunquin und das Blasket-Center erwarten uns. Morgen gehen wir von hier bis Dingle, dem Städtchen, das der Halbinsel den Namen gibt. Oder umgekehrt. 5 Tage gehen und davon 32 Stunden wirklich auf den Füssen. Wir genießen im ****-Hotel das Abendessen, die Abendsonne und die Schlafkissen. Bevor wir in den Bus nach Dublin steigen, stehen wir im Kreis in der Wiese am Strand, in der Morgensonne. Die Füsse haben 5 Tage gebetet und in uns ist tiefe Dankbarkeit aufgestiegen. Das drücken wir gemeinsam aus.

Die Stadt und die Rückfahrt

Kevin Kreuz

Kevin Kreuz

Glandalough nehmen wir bei unserer Fahrt nach Bray bei Dublin mit. Der hl. Kevin erscheint mir ganz neu. Er hat lange vor Franziskus das gelebt, was Heilige fast immer leben, wenn sie von unten kommen: Naturverbundenheit, Rückzug, empatische Gottes- und Menschenbeziehung, Gemeinschaftsstifter. Das ist weit nicht alles. 1685 hat Heinrich VIII alle Orden verboten. Wir stehen deshalb vor einem Steinehaufen, der allerdings unglaublich viel Enerige ausstrahlt. Um 6 Uhr füh brechen wir etwa 150 Höhemeter zum Gipfelkreuz auf. Der Sonnenaufgang ist unsere Morgenmediation. Es ist ein Wunder, was wir hier sehen. In Dublin verbringen wir einen Tag bei Book of Kells, der Patrick-Cathedrale und beim Herumschlendern in der sehr lebendigen Stadt. Ralf Sotscheck von der TAZ Berlin, den wir im Teachers Club treffen, gibt uns abschließend noch Einblicke in das irische Leben. Der 11. Tag unserer Reise beginnt um 5.45 Uhr mit der Abfahrt zur Fähre von Dublin nach Hollyhead. Dort steigen wir in den Zug und fahren durch das wunderbare Wales. Die Seele hängt am Fenster und lässt die Gegend vorüberziehen. Gespräche verbinden die Reisenden.

Durchnässte Unterlagen

Durchnässte Unterlagen

In London wechseln wir den Bahnhof und erleben „Stadt“. Nach zwei Stunden Fahrt unter dem Ärmelkanal landen wir in Brüssel, wo ein tolles Hotel auf uns wartet. Am letzten Tag – ein Sonntag – stehen wir vor dem Hotel im Kreis, betrachten alles unter der eucharistischen Dankbarkeit, beten das Vater unser und wünschen Karl alles Gute zum Geburtstag. In Frankfurt werden sich unsere Wege wieder trennen, nach Bregenz, Salzburg und Richtung Wien. Im Speisewagen gibt es noch eine „Mordsgaudi“ mit dem Schaffner, bevor die letzten in Wels, Linz, St. Pölten und in Wien um 20.30 Uhr aus dem Zug steigen. Unglaublich schöne gemeinsame 12 Tage. Ah ja, und Guinness haben wir auch getrunken. Aber nicht auf Knopfdruck.

Hier der Link zur geplanten Reise.

Aufbrechen, reisen und gehen

KüstenEs ist vielleicht nicht die Spannung, die steigt, sondern eher die Vorfreude. Wir brechen auf – zusammen mit 28 Frauen und Männern. Von Welt der Frau zusammengeführt. Wir schauen die Welt an – mit Weltanschauen. Irland ist das Ziel und unsere Bewegungsfläche. Um 6 Uhr früh geht es los. Wir reisen mit dem Zug. Zuerst nach Paris. Dort holen wir Eindrücke ein für die Weiterreise mit dem Zug und Fährschiff nach Irland. „Das ginge aber wesentlich schneller“, meinte dieser Tage Kollegin. Wir haben uns entschlossen zu reisen. Die Seele, die Gemeinschaft, das Fahren, das Aufbrechen und Ankommen soll schwingen können. Einschwingen. Einschwingen nach Dingle. Dort werden wir fünf Tage auf die Geschwindigkeit der Seele einschwingen und zu Fuß auf den Pilgerwegen unterwegs sein. Manche glauben, die Seele kann fliegen. Die um ihre Achtsamkeit gebrachte Schrumpfseele kann das. Da – dort – und schon wieder da. Zu vieles wird in unserem Alltag zusammengeschrumpft, weil immer alles Platz haben und Platz bekommen soll. Es ist nicht das Alles, das die Seele nährt, sondern das Wenige. Die tiefste Form der Achtsamkeit ist die Stille. Astrid Rössler hat es im Zoo angesprochen: „Wir haben verlernt mit und in der Finsternis zu leben.“ Unsere Sinne sind zu viel am Visuellen orientiert. Stille, Ruhe, Weite. Das Loslassen und leer werden wird möglich. Erst dann kann die Seele mit „frischem Neu“ genährt werden. Sie muss nicht dauernd am und mit dem Gängigen herumrülpsen.

Aufeinander einschwingen in Nähe und Distanz

Zwölf Tage haben wir Zeit, aufeinander und in eine tiefe Achtsamkeit einzutauchen. Zwölf Tage wird unsere Reise- und Pilgergemeinschaft mit Nähe und Distanz, mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten und Prioritäten leben lernen. Vom Ich zum Wir – heißt ein Buch. Wir werden es leben, erleben. Oft schon durften wir ein Stück als Hebamme mithelfen, das Wir zu „entwickeln“. Spätestens beim Gehen über den Mount Brandon wird sich das „mentale Gummiringerl“ um unsere Gruppe als hilfreich erweisen. Dort und da werden wir in die weite Seele Irlands hineinsteigen und uns aufgehoben fühlen. Wir werden sehen, dass die Natur uns ruhig macht. Die Städte werden uns „verzaubern“. Dublin, London und Brüssel liegen am Weg. Wenn wir uns am zwölften Tag im Zug von Brüssel aus sukzessive verabschieden, weil die eine nach Bregenz und der andere nach Wien gehört, dann bleibt uns eine sicherlich tiefe Erfahrung, eine Verbundenheit über die zwölf Tage hinaus. Unterwegs sein und pilgern ist auch das Andocken an die große spirituelle Seele, die uns umgibt.

Fröhliche und hellwache Bescheidenheit

Die letzten Tage war ich wieder „Vagabund“. Begegnen, hinhören und Erlebtes weitertragen, erzählen und ermutigen. Der Dreh zur Video-Reihe „viel mehr wesentlich weniger“ mit Landeshauptmannstellvertreterin Astrid Rössler im Zoo Salzburg hat uns gezeigt, dass ein Status aus dem Weniger nicht nur möglich, sondern selbst in der Politik gelebt werden kann. Frau Rössler kam im Regen mit ihrem Dienstfahrzeug – dem Fahrrad. Der Weg nach Zürich wurde dadurch verlängert, dass ein Zug den anderen nicht mehr erreicht hat. Br. Marek von den Jesuiten in Zürich hat auf mich gewartet und noch ein Gläschen Wein mit mir getrunken. Das Gespräch mit David Boshart vom GDI hat der Vorbereitung des Ordenstages 2014 am 25. November im Kardinal König Haus. Wir werden dort der Frage nachspüren: „Was ist heute cool?“ und was bedeutet das für die Ordenswelt, die Gemeinschaften und ihrer Werke.

Bregenz liegt mitten in Österreich

Am Nachmittag breche ich nach Bregenz zu den Klaraschwestern auf. Zuvor gehe ich noch zum See, wo ich 2004 im Oktober damals zu Fuß aufgebrochen bin, um quer durch Österreich am 04er und am 06er zu gehen . Erstmals habe ich nach 28 Tagen in Rust angekommen die heilsame Wirkung des Weitgehens erlebt.  Ein kurzer Weg durch die Stadt hinauf führt mich zum Kloster. Die Schwestern treffe ich beim Abendessen. Ich fühle mich, wie wenn ich in Assisi ankomme. Wir bleiben über 2 Stunden im Gespräch. Wir erzählen einander und ich erlebe hier eine fröhliche und hellwache Bescheidenheit, ganz in der Welt und dem Gebet und der Stille verschrieben. Genau das können sich so viel ZeitgenossInnen nicht vorstellen. Sie freuen sich, „dass sich wer aus Wien für uns interessiert“. Sie können das aber selber einschätzen und relativieren. „Wenn man es anders betrachtet, liebt Bregenz in der Mitte.“ Das stimmt. Meine Fragen nach dem Rand und der Mitte sind von selber da. Wir vereinbaren, dass wir morgen nach der Laudes um 6.45 Uhr ein gemeinsames Foto machen und ich die #ganzOhr-Fragen stellen darf.
Beim Hinuntergehen zum Zug spüre ich, dass diese kontemplative Ordensgemeinschaft ein wirklicher Segen für die Stadt und darüber hinaus ist. Danke und pace e bene!

Äbtissin Sr. Barbara Moosbrugger

Sr. Rita Maria Schmid

 

Dürfen wir dann auch was sagen?

IMG_2405Das Forum Alpach ist wieder angelaufen. Dort finden die „Zukunftsgespräche“ statt. Technologie ist ein breites Thema. Der Kurier präsentiert heute einen Bericht zur Technoligeförerung: „Geld für Fabrik der Zukunft„. Man muss gar nicht alle Details kennen, erahnt man schon, worum es in Zukunft gehen wird: Vernetzte Maschinen arbeiten selbsttätig zusammen und steuern sich selber in ihren Abläufen. Der Mensch ist der Schöpfer der Algorithmen. Es wird schwer werden für den Menschen, in diese programmierte „Maschinerie“ einzugreifen. Da wird der Mensch ordentlich aufzeigen müssen neben den Maschinen und laut rufen: „Darf ich dann auch mal was sagen?“. Solange er fragen wird – in Zukunft – werden die Maschinen nichts hören. Anita Staudacher hat mit ihrem Kommentar „Sprechblase 5.0“ schon einmal „aufgezeigt“. Die Industrie 4.0 wird als systemischer Selbstläufer konzipiert. Wenn wir das mit dem Autofahren vergleichen, würde ich sagen: „Lieber Mensch, nimm am Rücksitz Platz. Wir fahren schon mit dir.“

Gesundheit als Sammlung von vernetzten Daten

Dann blättere ich in der Zeitung weiter und dort begegnet mir das „Extra“. Ist der Mensch optimierbar? steht unter den Worten „Klüger, besser, schöner“. Das Extra will Kontroversen über das Leben anstoßen. Dann die Doppelseite mit den Titel „Grenzen, welche Grenzen?“. Der Mensch überspringt Grenzen. Insinuiert wird in diesen Tagen, dass das Überspringen in jedem Fall besser ist als das „zurückbleiben“. In Gaza, in der Ukraine, im Irak, in Ferguson, in… überspringt der Mensch auch Grenzen und viele sterben. Das Überspringen ist per se noch nicht besser als umgekehrt. Das sage ich als einer, dem die Aussage – Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke – nicht nur als Aussage, sondern auch als Erfahrung wichtig geworden ist. Wirklich stutzig macht der MedStandard von heute, der im Teaser schreibt: „Die Zukunft des Gesundheitswesens liegt in der Vernetzung enormer Datenmengen aus Forschung, IT und Social Media.“ Darin sind sich die Experten in Alpach einig. Ein Revolution in der Medizin steht uns bevor. Ganz ehrlich: Die Zukunft der Gesundheit liegt in der Beziehung unter uns Menschen, in der absichtslosen Zeit, die wir einander schenken, in der Selbstverantwortung wie wir leben und in der auf das Transzendente hin geöffneten Seele. Spiritualität, Beziehung und Empathie lassen sich nicht durch noch so große Datenmengen einfangen. Der Mensch ist nicht einfach eine optimierbare und reparierbare Maschine. Der Mensch ist Mensch. Subjekt. Am Steuer – und nicht auf der Rückbank.

Die #ganzOhr-Fragen an mich selber

„Wann beantwortest du selber einmal diese #ganzOhr-Fragen?“, werde ich von GesprächspartnerInnen immer wieder gefragt. So auch gestern: Wo begegnet dir Mitte? Wo begegnet dir Rand? Wo liegen deine Inspirationsquellen? Was siehst du als deinen Auftrag? Wo siehst du dich in 25 Jahren? Das sind die #ganzOhr-Fragen, die ich Ordensfrauen und Ordensmänner recht spontan stelle. Die Kamera wird eingeschaltet und nach dem Gespräch wieder aus. Kein Schnitt, keine Bearbeitung. Total unplugged würden MusikerInnen sagen. So haben sich bisher auf meiner Youtube-Seite schon einige Videos angesammelt. #ganzOhr finde ich spannend – nicht nur für Ordensleute. Es sind für mich Lebensfragen geworden, die ich persönlich beantworten möchte.

 

 

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