Wir hatten die Ehre, mit einem Kamerateam von „Feierabend“ unseren „Weg nach Assisi“ nachzugehen.
Eine schöne und wettermäßig herausfordernde Zeit – wie jede und jeder sehen kann (La Verna).
Hier der „Feierabend“ am Ostersonntag 2013.
Apr. 02 2013
Wir hatten die Ehre, mit einem Kamerateam von „Feierabend“ unseren „Weg nach Assisi“ nachzugehen.
Eine schöne und wettermäßig herausfordernde Zeit – wie jede und jeder sehen kann (La Verna).
Hier der „Feierabend“ am Ostersonntag 2013.
März 28 2013
Entweder liegt es an meiner Wahrnehmung oder ist der Wunsch, zu Fuß nach Assisi aufzubrechen, tatsächlich mehr geworden. Immer wieder habe ich Anrufe oder Emails bekommen zum meinem Weg nach Assisi. In den letzten 14 Tagen sind diese Anfragen aber sprunghaft angestiegen. Da rufen zwei Leute aus dem Raum Innsbruck an, wie sie am besten nach Assisi kommen. Sie fragen vor allem nach dem Weg von Padua nach Assisi. Zwei Stunden später ruft eine Lehrerin aus dem Raum Steyr an, dass sie Mitte April nach Assisi aufbrechen möchte. Eine Tag darauf kommt ein Anruf aus Gmunden, wie man am besten auf den 09-er Weitwanderweg kommt, damit wir deine Route nach Assisi gehen können. Auf Facebook schreibt eine Bekannte (so übersetze ich friends), dass sie jetzt den Mut gefasst hat, und in allernächster Zeit über die Berge nach Süden aufbrechen wird. „Über die Berge?“, schreibe ich zurück. Da liegt Schnee bis Juni. Jetzt wird sie noch warten. Ich habe den Eindruck: Franziskus weist auf Franziskus hin und so wird der Franziskusweg mehr begangen. Schön so.
Pilgern und Tourismus
Heute durfte ich ein Gespräch mit Margit führen. Sie schreibt eine Arbeit über „Pilgern und Tourismus“ auf der FH Krems. Wir haben dabei die „Basics“ des Weitgehens und Pilgerns abgesprochen. Es ist immer wieder eine Freude, wie junge Menschen neugierig sind und sehr aufmerksam die Erfahrungen aufnehmen: Das Leben hat im Rucksack Platz. Die Folge des Weitgehens ist die Haltung der tiefen Dankbarkeit in jeder Situation. Die Dusche am Abend ist der „Himmel“. Unterscheide Geh- und Bleibe-Sachen. Ein Ziel haben und Detailkarten zum Weg sind unerlässlich. Wenn ein, zwei oder drei PilgerInnen unterwegs sind, dann braucht es keine Reservierungen. Die Lösungen liegen am Weg und: Es wird im Gehen gelöst. Das offene Zugehen auf Menschen am Weg ist das wichtigste „Wissens- und Lösungstools“. Nur Mut – die Menschen und die Welt meint es gut mit dir. Für Pilger: Jesus ist ein toller Begleiter und „Lehrmeister“. Die Natur ist die beste und billigste Therapeutin. Und was hat das alles mit Tourismus zu tun? Die Liebe Gottes drückt sich in einer „offenen und liebevollen Gastfreundschaft“ aus. Fast möchte ich meinen: Als Pilger ist mir Gott sehr oft in den wunderbaren GastgeberInnen entgegengekommen. Deshalb: Danke denen, die für pilgernde Vagabunden eine offene Tür, eine Dusche und ein Bett haben.
Pilgern durch Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag und den Ostermorgen
Bei unseren Dreharbeiten zum Franziskusweg am Ostersonntag für „Feierabend“ haben wir am zweiten Tag ganz schlechtes Wetter gehabt. Schnee, Regengüsse und volle Kälte in und rund um La Verna. Der Kameramann war ganz angetan von den Bildern und er meinte: „Nicht immer diese Sonnenbilder.“ Die Linse musste er oft abwischen. Ich selber konnte ihm nur beipflichten: „Es gibt kein Pilgern ohne Karfreitag.“ Ob es Hitze, Kälte, Nebel, Regen oder körperlich Schmerzen sind, es sind immer „kleine oder größere Todeserfahrungen“. Gerade in diesen Zeit reift sehr viel. Wer aufbricht heraus aus der Gemeinschaft der einen umgebenden Menschen verlässt den Gründonnerstag. Das Alleine-Sein und die ausgesetzten Erfahrungen vermitteln etwas vom Karfreitag und Karsamstag. In der Po-Ebene in der unglaublichen Hitze hatte ich auch manchmal das Gefühl, als „Toter“ unterwegs zu sein. Das Kreuz von der Kirche in Schönbühel an der Donau (siehe Foto: leider hinter Glas) hat mir gestern etwas deutlich gemacht: Jesus greift vom Kreuz herab und reicht uns die Hand. Der, der gerade das Schlimmste erleidet, streckt noch die Hand aus. Das finde ich das wichtigste: Gerade an Tiefpunkten sich öffnen, um Zuspruch und Hilfe anzunehmen. Das lässt die Ahnung auf dem Ostermorgen erwachen. Das ist aber kein billiger Weg. Die Auferstehung radiert den Tod nicht weg. Der Glaube an die Vollendung macht den Durchgang „leichter“. So wie beim Pilgern und Gehen.
Ostern 2013: Ich wünsche allen einen tiefen „Franziskusweg“ durch alle Erfahrungen des Lebens. Gesegnete Zeit.
März 21 2013
Die letzte Annäherung an Assisi in den letzen Tagen war eine ganz besondere für meine Frau und mich. Ein Kamerateam von „Feierabend“ hat uns begleitet. Nach fast vier Jahren gehen wir den „Cammino Assisi“ von Dovadola südlich von Forli. La Verna hat uns mit einer ganz besonderen Witterung aufgewartet. Schneefall, Nebel, Wind und Regen in Hülle und Fülle. Genau diese Stimmung lässt uns den besonderen Ort des hl. Franziskus auf ganz neue Weise erleben.
Baue an der Baustelle Kirche
Wieder einmal hat uns Bruder Thomas vom Convento in der Basilika von Assisi eine „Privatführung“ durch die berühmten Fresken gemacht. Es ist immer wieder beeindruckend, wie er es versteht, „hinter die Bilder zu schauen und die (theologischen) Ideen des Künstlers offen zu legen“. Er erklärt uns die drei Darstellung übereinander, die von oben herab vom Künstler so konzipiert worden sind. Das oberste Bild zeigt die Erschaffung des Menschen. Gott hat nicht das Gesicht eines Mannes, sondern das Gesicht Christi. Darunter ist Abraham in seinem Gehorsam Gott gegenüber dargestellt. Das große Bild unten zeigt Franziskus, wie er in der Kapelle von San Damiano Gott auf Augenhöhe begegnet. Nach der Begegnung mit den Aussätzigen geht er nach San Damiano und hört vom Kreuz her die Stimme: „Baue meine Kirche wieder auf“. Das Gesicht des Franziskus und das Kreuz begegnen einander auf Augenhöhe. Franziskus ist zuerst den Ärmsten in den Aussätzigen und Bettlern begegnet, hat sich ganz für sie geöffnet und in dieser Haltung der Offenheit für die Armen und die Armut spricht Gott zu ihm auf der „Baustelle Kirche“. Franziskus wird klar: Gott spricht mit ihm von den Armen her und die Kirche ist eine Baustelle, die seinen Beitrag braucht. So beginnt die Erneuerung. Er bringt seine tiefe Berufung zur Armut in die Baustelle Kirche ein.
Das Gesicht der Armen ist das Gesicht Gottes
Heute lese ich, dass der neue Papst Franziskus am Gründonnerstag den Petersdom verlässt und im Gefängnis das letzte Abendmahl feiert und Gefangenen die Füsse wäscht. Ich empfinde eine tiefe innere Freude darüber. Der Papst bleibt nicht in der „Groß-Kirche“, sondern geht hin zu den Armen, Gefangenen, Kranken usw, denen das Evangelium Jesu gilt: Ihr sollt befreit werden, weil uns in euch Gott anschaut. Das ist das Sakrament, das Zeichen für die Nähe Gottes. Wer diesen grundsätzlichen „Gedanken- und Glaubensgang“ nicht verstanden hat oder verstehen will, der wird sich mit diesem Pontifikat schwer tun. Das ist ganz und gar franziskansich. Möge hier Franziskus in Franziskus „durchschlagen“. Gerade der Vatikan braucht das dringend. Wie damals bei Franziskus. In Assisi haben wir gehört, dass für die liturgischen Dienste Franziskaner gerufen wurden. Wir haben auch gehört, dass die Schweizer Garde ziemlich nervös und verstört ist, „weil dieser Papst aus ihrer Sicht tut, was er will“. Da muss auch einiges in Bewegung kommen. Darin darf er nicht müde werden, auf seine innere Stimme zu hören.
Assisi-Pilger werden mehr
Heute haben mich aus Innsbruck und aus Gmunden Pilger angerufen, die zu Fuß nach Assisi gehen werden. Sie wollten einige Ratschläge von mir einholen. Es gibt da eine Wegstrecke, die nicht nur mir damals etwas Angst gemacht hat, die Po-Ebene. Wie komme ich da von den Alpen „hinüber“ zum Apennin? Solche Gespräche und Anfragen mache ich gerne und ich freue mich mit jedem und jeder, der oder die sich öffnet für das Geschenk des weiten Gehens und Pilgerns. Ich selber bin gespannt, wie „Regie, Kamera und Ton“ unser Gehen nach Assisi über den Apennin eingefangen haben.
Am Ostersonntag nach der ZIB wird das beim „Feierabend“ zu sehen sein.
Wir sind auch schon gespannt.
Auf den Spuren von Franziskus ist die Chance, das Leben zu treffen, wirklich sehr groß. Auch für einen Papst.
März 10 2013
Meinen Sonntag halte ich offen, damit ich offen bleibe. Natürlich begegnen einem in dieser Offenheit ganz verschiedene „Themen“. Das ist der Sinn meiner Offenheit. Das beginnt damit, dass mich das Ausschlafen weckt und nicht der Wecker. Dessen verlässlicher Job ist morgen Montag wieder ganz früh dran. Es ist trotzdem früh. Die Sonntagszeit hat aber eine andere Qualität. Das hat damit zu tun, dass ich normalerweise keine „Sonntagsverpflichtungen“ mehr habe. Das tut gut. Ja, sage es ganz offen. Es tut gut und öffnet.
Die Predigt der Zeitung
Gut, dass auch am Sonntag eine Zeitung bis zur Haustüre kommt. Ich genieße die auf Papier gepressten Gedanken. Konklave mag ich heute nicht mehr „hören“, weil ich in den letzten Tagen wieder einmal aus erster Hand einiges über das „Kardinalsleben“ erfahren habe. Wieder einmal kommt die Aussage des Pfarrprovisors hoch: Je weiter du oben in die Hierarchie hineinsiehst, umso mehr wird dein Glaube geprüft. Ob die Kardinäle den Presse-Artikel „Hätte ich doch besser…“ gelesen haben? Nein, denn sonst wüssten sie gleich am Morgen, dass es im Leben (so sagen Sterbende) um etwas ganz anderes als Macht und Arbeit geht. Und Freundschaft dürfte unter Kardinälen einen ähnlichen Beigeschmack haben wie auf Facebook. In jedem Fall dort wie da: Tiefe Freundschaft ist nicht gemeint. Der Pressesprecher Michael Prüller schildert heute angesichts der Abschottung der Kardinäle beim Gebet seine Schlussfolgerung: Weniger Nimbus und mehr Christus. Ich meine: Mehr Jesus täte dem Konklave gut. Das bringt Jon Sobrino im Interview in der Orientierung am Punkt. Der neue Papst muss die Option Gottes für die Armen klar und unmissverständlich leben. Das spricht einer aus der Spur Jesu. Christus ist ja in keinster Weise falsch, aber hat ein „Abheben“, eine „Überhöhung“ an sich. Und überhöht ist schon zu viel im Vatikan.
Und wo ist die Mutter?
Der Gottesdienst im Linzer Dom wird musikalisch von vier Männern unter der Leitung von Tobias Chizzali gestaltet: mannOmann nennen sie sich. Der Regens des Priesterseminars führt in seiner Predigt „in das Wesen Gottes ein“. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater legt er einfühlsam dar. Ich sitze in der Bank und genieße die Schönheit der Liturgie, der Gedanken und der Musik. Und dann dreht sich langsam ein großes Fragezeichen hoch: Der Vater, zwei Söhne und hier treffen wir auf das Wesen Gottes. Wo ist die Mutter der Söhne? Wo die Frau des Vaters? Wäre schön, wenn sie im Gleichnis einen Platz gefunden hätte, wo wir wissen, dass den Frauen eine ganz große Rolle bei der Grundlegung des Lebens und Glaubens zukommt. Auch das Fest, dass der Vater ausruft, wird wahrscheinlich von der Mutter mitgefeiert. Ich verlasse den Dom genährt und trage eben dieses Fragezeichen: Geht es überhaupt, das Wesen Gottes anzudeuten, ohne die Mutter zu erwähnen?
Sie sollen heiraten
Die Wirtin am Wildberghang hat Schaf auf dem Programm. Das soll am Laetare den Mittagshunger bearbeiten. Das Schaf hat nicht nur den Hunger bearbeitet, sondern Genuss gestiftet. Am Tisch daneben war wie in diesen Tagen überall „die Kirche und der Papst“ das Thema. Lautstark haben die sechs älteren Frauen und Männer darin übereingestimmt: „Der neue Papst soll sie doch heiraten lassen, die Pfarrer.“ Dabei schauen sie auf unseren Tisch herüber, weil wir uns kennen. Ich bleibe beim Schaf und genieße es und kann es nicht glauben, dass der neue Papst da etwas machen „darf“. Ihre Einschätzung wird nicht gehört werden. Oder es geschieht ein Wunder. Da wurde zu lange und zu intensiv betoniert. Der lange Aufstieg zu Fuß aus dem Haselgraben „himmelwärts“ nach Kirchschlag hat die Gedanken frei gemacht. Vorfreude kommt auf. Am Samstag geht es wieder einmal nach Assisi für ein paar Tage. Da wird der neue Papst in Rom sein. Wir freuen uns schon darauf. Seit langem hole ich die „Assisi“-Schachtel hervor und lasse die Zeit vor und nach meinem Gehen nach Assisi 2009 zurückkommen. Aus heutiger Sicht eine unglaubliche Zeit. Bei „Nachschauen der Orientierung“ kommen mir noch die Morgengedanken von Bischof Küng entgegen: „Gott weiß längst, wer kommen wird.“ Am Dienstag werden 115 Kardinäle versuchen, die Entscheidung Gottes zu „treffen“. Ihre Entscheidung ist dann Gottes Entscheidung. Logisch.
Wer weiß, ob Gott nicht einen Wutanfall bekommen wird, wenn der weiße Rauch aufsteigt? So offen sollte uns der Sonntag machen. Oder?
März 04 2013
Heute feiert eine ganz große Oberösterreicherin ihren 100.sten Geburtstag: Franziska Jägerstätter. Wer sie persönlich kennt, wird mir zustimmen, dass sie ein besonders „begnadeter Mensch“ ist. Sie ist in jeder Hinsicht ein Geschenk Gottes an uns Menschen, vor allem an uns Christinnen und Christen. Was mich bei jeder Begegnung mit ihr berührt hat, war ihr tiefes Vertrauen dem Leben gegenüber. Bei ihr habe ich immer den Eindruck, dass sie ganz im Hier und Jetzt und doch in allem mit dem Himmel, dem weitaus Größeren verwoben ist. Mich hat der Ausspruch von Vaclav Hawel immer angesprochen – bis heute: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Verkörpert finde ich diese Weisheit in Franziska Jägerstätter.
Die Nicht-Rednerin sagt alles
Ich kann mich noch gut erinnern an die Seligsprechungsfeierlichkeiten. Unglaublich viele und zum Teil auch berührende Ansprachen wurden gehalten. Sie selber hat immer aufmerksam zugehört und wenn sie dran war, dann war es entweder eine humorvolle Pointe oder ein treffender Satz, der ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht hat. Ihr Kommentar bei einem Nachtreffen zur Feier im Dom war lapidar: „A bisserl viel Latein. Das versteht doch keiner.“ Es war das Gefühl einer Frau, die ihn Bescheidenheit und Demut ein Stück der Reliquie ihres Mannes nach vorne getragen hat. Oder sie sitzt vor dem Jägerstätter-Haus in St. Radegund und wartet auf uns Wallfahrer. Sie lächelt und schüttelt allen die Hand. Sie ruht in sich und mir kommt sie vor wie ein „Fenster in eine versöhnte weite Welt“. Sie nimmt alle Menschen wahr und hat – so habe ich das Gefühl – den Wunsch, dass alle sich dieser versöhnten, gewaltfreien Welt öffnen. Sie hat auch gelernt, die Fotoapparate und Kameras „zu ertragen“. Sie freut sich ungemein über die vielen internationalen Kontakte und Menschen, die mithelfen sich dieser gewaltfreien und versöhnten Welt zu öffnen. Sie erträgt die Fragen der Journalisten und findet alles nicht so wichtig, was sie da über sie wissen wollen. Sie ist für mich eine „Nicht-Rednerin“, die doch alles sagt in dem, wie sie ist: ungeteilte Aufmerksamkeit dem tiefen spirituellen Leben gegenüber. Wenn du predigen gehst, dann ist das Gehen die Predigt. Das könnten sich viele der Redner und Prediger von ihr abschauen: Man muss eigentlich gar nichts reden, um alles zu sagen. Für mich ist sie auch eine „Selige“. Sie öffnet mich für die Gnade Gottes, den versöhnten, einfachen, gewaltfreien Himmel. Einhundert Jahre. Ein großes Geschenk an uns heute und jetzt.
Feb. 28 2013
Ich weiß nicht genau, wie es den Menschen auf der Straße, in der Arbeit und in den Wohnung geht, wenn täglich der scheidende Papst von den Titelseiten lächelt oder schwächelt. In jedem Fall ist klar, dass dieser Papst mit seinem Rücktritt, das kommende Konklave und der neue Papst die Medienstuben auf Trapp halten. Der Logik der Medien entsprechend darf das Neueste, das Ungewöhlichste, das Skurilste nicht versäumt oder gar verschwiegen werden. Von kirchlichen Agenturen werden Details zeitgerecht und kontinuierlich „gestreut“. Natürlich: Manches fällt auf Stein, anderes ins Gestrüpp und wieder anderes findet fruchtbaren Boden, das Papier, einen Tonträger oder die Kamera. Dieses Spiel wird jetzt in den nächsten Wochen so weitergehen und die Fastenzeit 2013 wird als Papst-Such-Zeit in die Geschichte eingehen.
Die Körpersprache des Geschehens stabilisiert
Wer sich ein Stück Überblick bewahren möchte, liest und schaut die eine oder andere Zeitung durch. Die einen formulieren recht andächtig und voller Anstand die Verdienste dieses Pontifikats. Die anderen lesen aus diesen verlorenen Jahren den Auftrag für den nächsten Papst heraus. Für die eher konservativ Orientierten bricht ohnehin ein neues Zeitalter der Kirche und Evangelisation an. Sie treffen damit den heute gängigen „Retro-Trend“ und basteln am spirituellen Trachtenanzug bzw. Dirndlkleid. Konservativ steht uns heute gut an. Das, was war, wird uns in die Zukunft tragen. Die eher charismatisch Orientierten sehen im konservativen Rahmen genau den Freiraum, den sie zur gehorsamen Verwirklichung des Evangeliums brauchen. Die weitaus größte Mehrheit der KatholikInnen ist einer sozial liberalen Orientierung zuzuordnen. Sie empfinden die Körpersprache dieses Papstkultes als Machtinszenierung und rechnen schon längst, dass sich Kirche in neuer Sozialgestalt und in seiner tiefen Sozialdimension darstellt. Der Ausgangspunkt allen Handelns ist dieser konkrete Mensch heute, eingepfercht in die allgegenwärtige Monetarisierung und geführt an einer recht kurzen digitalen Leine. Die allgegenwärtigen Bilder der Werbung erzeugen im Menschen ein unglaubliches Sehnsuchtsgefühl und er darf nie bei sich ankommen. Er wird dramatisch heftig in die Welt des Immer-Mehr herangeführt, sodass er keine Lust und Freude am Jetzt entwickeln kann. So verfestigt sich in jedem Menschen die rastlose Ich-Bezogenheit gepaart mit einem Selbstdarstellungsimperativ. Genau in dieser Maschinerie läuft der Vatikan. Das Ziel ist Bescheidenheit, der selbstlose Dienst und spirituelle Tiefe. In der Körpersprache kommt eine protzige Monarchie, angezuckert mit Macht herüber („Während der Sedisvakanz übernehmen die Kardinäle die Macht“ – Die Presse) und dargestellt in vielen Äußerlichkeiten. Insofern geht die Amtskirche derzeit stromlinienförmig und parallel zur Eliten-Welt einher. Genau das stabilisiert das Bestehende. Es wird sich nichts ändern. Oben. Sie werden wie Felix Neureuther bei der WM in Schladming den Widerspruch leben: „Ich habe mich gezwungen, locker zu bleiben.“ Dass das alles stattfindet, wo Stèphane Hessel (1917-2013) diese irdische Welt verlassen hat, ist Zufall, fällt uns zu. „Empört euch“ und „Engagiert euch“ wurde millionenfach gelesen.
Feb. 25 2013
Warum der jetzige Skandal „Pferdefleischskandal“ heißt, kann ich nicht nachvollziehen. Da bin ich nicht alleine. Auch bei der Griechenlandkrise ist es mir genauso ergangen. Sie sollte eigentlich (deutsche) Bankenkrise in der EU heißen. So auch beim jetzigen Skandal, der ein „Etiketten-Schwindel-Skandal“ ist. Wer sagt denn, dass in diesem europäischen Mischmasch nicht auch Katzen, Hunde, Meerschweinchen oder Sägespäne dabei sind. Haben die Untersuchungen das im Fokus? Nach dem Krieg, so erzählt es meine Mutter, hat man die Würste „gestreckt“ und etwas Sägemehl dazu gegeben. „Das haben wir gar nicht bemerkt“, hat sie versichert. Überall, wo zusammen gemixt wird, kann man auch „Ähnliches“ dazu mixen, passend oder nicht, appetitlich oder nicht. In jedem Fall hat der Misch-Masch einen Vorteil: Es ist fertig. Mikrowelle. Heißes Wasser. Backrohr. In jedem Fall nur ein Dreh an irgend einem Knopf. Fertig. Done.
Verführt zum Mischmasch und zur Abhängigkeit
Ich gehe davon aus, dass die meisten der jungen Erwachsenen heute nicht mehr sagen können, was in einer Wurst oder in gefüllten Tortellini drinnen ist. Die Fertigpizza ist belegt mit Dingen, die auf den ersten Blick auch nicht gleich identifizierbar sind. Der Handel und die Lebensmittelindustrie haben nur ein Ziel: Sie wollen uns das Leben vereinfachen und dabei das Geld aus der Tasche ziehen. Ich erinnere mich noch ganz genau, als vor Jahren Familien bei meinem Bruder „ein halbes Schwein“ bestellt haben. Er ist heute noch Selbstvermarkter. Sie haben sich noch ausgekannt, was man daraus alles machen konnte. Heute wäre das ein krasse Überfoderung. Es wäre so, als ob das Fahrrad in Einzelteilen da liegt und zusammengebaut werden müsste. Da gibt es doch Spezialisten, die mir die Sattelhöhe einstellen, oder? Beim Zubereiten des Essens sind wir mittlerweile auch so hilflos geworden. Wer reibt die Karotte, schält die Gurke, klopft das Schnitzlfleisch, kocht die Kartoffeln und macht Püree. Das gibt es alles fertig und schon wunderbar vermischt. Da haben wir einiges verlernt. Kochwissen ist verloren gegangen oder ist am TV-Schirm zu bewundern, während die Fertiggerichte in der Mikrowelle „entstehen“.
Unvermischt und rein
Ich war ein älterer Jugendlicher. Damals hat uns ein „erfahrener Junggeselle“ einen Ratschlag gegeben, der bis heute hängen geblieben ist: „Wenn du trinkst, dann trinke rein!“ Damals sind allerhand Mixgetränke modern geworden und der nächste Tag war von „Schädelweh“ gezeichnet. Rein und unvermischt. Bier ist Bier. Schnaps ist Schnaps. Wein ist Wein. Wasser ist Wasser. „Gib dem Mixed-Teufel keine Chance“, war seine „Predigt“. Er hat nach Jahrzehnten immer noch recht. Das Übel kommt vom Mischen, vom Durcheinander, vom „Fertigtrink“. Es grüßt vor allem der Himmelsspringer. Wer nicht mischt, hat das ursprüngliche Feeling und braucht die „Pantscher“ nicht fürchten. Gurke ist Gurke, Karotte Karotte und Mehl ist Mehl. Wein ist Wein und Stiegl ein Stiegl. Unvermischt und rein ist die Lösung. „Zusammenmischen“ kann es doch jede und jeder selber, oder? Dann weiß jeder, was drinnen ist. Ohne Etiketten-Überwachungsstaat. Deshalb: Das vereinfachte Leben ist unvermischt. Der Ausgangspunkt immer ein klares reines unverkennbares Produkt. Na dann: Prost und Mahlzeit. Auf die eigene „Mischung“.
Feb. 17 2013
Diese Papstwahl ist gut für die Medien. Sie hat nicht den traurigen Anlass eines Todesfalles und ist seit 700 Jahren eine echte Novität. „Erstmals“ ist ein Schlüsselwort, auf das Medien anspringen. Und dann geht es zur Sache. Äußerlich. Da werden Fotos und Filme gedreht über Kleider, Insignien, Bauten, Aufenthaltsorte, Männer in diversen Ornaten. Und natürlich auch von jenen, die sich in der Nähe dieser Männer bewegen. Mir ist noch kein Konklave-Mitglied auf einem Foto begegnet, wo er in „zivil“ zu sehen wäre. Immer irgendwie die Farbe Rot, die auf das Weiß hingelenkt wird. Das ist nicht Schuld der Medien, sondern die Medien werden von dieser äußeren Inszenierung angezogen. Sie werden regelrecht „gefüttert“ vom Leben in Ornaten.
Immer nur um Macht
Wer den heutigen Sonntagskurier auf Seite 8 und 9 zu Gesicht bekommen hat, kann den Unmut und die Skepsis gegenüber der Amtskirche nachvollziehen. Was da im Laufe der Geschichte an der Spitze der römischen Kirche am Evangelium vorbei abgegangen ist, passt bei uns im Mühlviertel auf „keine Kuhhaut“. Bei der Aufzählung der „guten und bösen Päpste“ von Georg Markus hat man fast den Eindruck, dass diese Geschichte erst im letzten Jahrhundert die „guten Päpste“ fand, beginnend mit Johannes XXIII. So wird es auch nicht gewesen sein. In jedem Fall sind die Irrwege der Päpste durch die „alleinige Perspektive der Macht“ gekennzeichnet. Herrschen, den eigenen Vorteil erlangen und die eigenen Leute in Stellung bringen, damit das Machtgefüge stabil wird. Wir kennen das zur Genüge aus der derzeitigen Politik. Den etwas jähzornig Familienvater Petrus als ersten Ponitfex stelle ich mir auch noch etwas anders vor.
Sitzt der Papst Gottes im Konklave?
Es geht nicht um das Evangelium und um die Inhalte, sondern um die „machtvolle Stellung“. Wer schon einmal in San Damiano in Assisi gestanden ist (ob zu Fuß oder anders „angereist“), bekommt eine Ahnung davon, worum es bei der Papstwahl ginge: Die Sensibilität für das Kleine, das fast Unmögliche, diese innere Berufung, die Einfachheit und die Demut, auch in Zweifel und Scheitern zu geraten. Die Fragen, Berichte, Bilder und Filme derzeit beschäftigen sich fast ausschließlich mit der „Machtfrage“. Und genau an dieser Frage ist Benedikt XVI ermattet, ermüdet. Mag er auch selber im Herzen ein demütiger Mensch sein, so ist er doch umgeben von zum Teil gnadenlosen Machtpolitikern. Hinhörende, wahrnehmende, empathische und dialogfähige Leute wurden sehr schnell entfernt. Der nächste Papst könnte das wieder umkehren oder er wird sich in diesem konservative und teilweise intriganten Machtgeflecht verlieren. Wenn das so kommen wird, werden die Bischöfe wieder mehr Bischöfe und weniger Statthalter sein müssen, damit die Kirche, das Evangelium nicht in der Hülle der Macht verloren geht. Glauben, hoffen, lieben, echt und authentisch leben. Die meisten bewundernden Anmerkungen zur langen Tradition der Päpste sind mir eigentlich von Machtmenschen und Konstrukteuren der Macht begegnet. Die Kirche weiter getragen hat aber nicht die (Macht)Hülle der vielen Ornate, sondern die „tiefe innere Umkehr, die Fülle an Liebe und Nachfolge im Geiste des Evangeliums“. Kardinal Schönborn hat dieser Tagegemeint, dass Gott den nächsten Papst schon kennt. Unter dieser Perspektive denke ich, dass der Kandidat Gottes womöglich gar nicht im Konklave sitzt.