Andeutungen am Tag der geistlichen Berufe

Der 21. April 2013 ist der Tag der geistlichen Berufungen. Es gibt in diesem Zusammenhang viel zu erspüren, zu meditieren, zu denken und auch zu handeln. In einer Ansprache habe ich meine Andeutungen gemacht. Der Satz von Adorno bildete den Beginn: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Mit dem „bunten prophetischen Ökonomen Sedlacek“ fuhr ich weiter: „Wir streben mit aller Kraft ins Paradies. Sind wir dort, suchen wir mit aller Kraft wieder heraus.“ Er beschreibt damit diese „bohrende Unzufriedenheit“, die uns heute in allen Lebensbereichen eingepflanzt wird. Dann erinnere ich mich noch an Clemens Sedmak, der am Samstag in Göttweig gemeint hat: „Wir wissen immer mehr über weniger  bis wir alles über nichts wissen.“

Von Berufs wegen geistliches Leben fördern

AufblühenSo ein Tag für geistliche Berufe rückt jemand oder etwas in die Mitte: „Menschen mit einem geistlichen Beruf.“  Einige sehen da die Frauen und Männer, die in den drei Gelübden leben und Priester und Diakone. Für mich geht der Kreis viel weiter und umfasst genauso die ReligionslehrerInnen, PastoralassistentInnen, JugendleiterInnen, Pfarrgemeinderäte und alle Menschen, „die einen pastoralen Dienst tun“. Das muss oft nicht einmal im üblichen Rahmen der Kirchen sein. Diese Menschen – ein wenig zähle ich mich dazu – begegnen dem „Faktum der Entscheidung“ mit einem „inneren Abwägen“. Jede und jeder steht vor Entscheidungssituationen: Dort entscheidet die Evidenz. Das Radfahren ohne Bremsen ist klar, wohin es führt. Da entscheidet das Pro und Contra. Vor- und Nachteile sagen mir: Die Hausübung kann nach der Schule oder am Abend gemacht werden. In vielen Situationen braucht es aber ein inneres Abwägen. Da schweigt die Evidenz und die Kriterien Vor- und Nachteile passen nicht. Denken wir an Partnerschaft, Geschäftsideen, Projekte, Lebensträume. Ignatius bietet uns da die „Idee der Waage“ an. Es ist ein inneres Platz nehmen auf der Narbe der Waage (es handelt sich also um keine digitale Waage!!), um zu spüren, geht es in Richtung Gott oder böse Dynamiken, Gewalt oder Liebe, teuflische Bereicherung oder Hingabe. Geistliche Berufe verstehen etwas von der „geistlichen Unterscheidung“.  Durch regelmäßige Meditation und Gebet, durch Beratung und Gespräch und durch „gutes Tun“ wird es möglich, auf der „Narbe der Waage“ Platz zu nehmen. Es ist gerade auch für junge Menschen eine schöne Aufgabe, hier ihre Berufung zu leben, sich selbst und andere Menschen mit ihrem Leben und Beruf dorthin zu führen oder sich führen lassen. Ich wünsche jungen Menschen eine große und tiefe Neugierde für ihre eigene persönliche Berufung ganz tief drinnen im Herzen und den Gemeinschaften und Einrichtungen eine ganz große Weite, diese neuen, oft auch „neuartigen“ Berufungen annehmen zu können. Um Gottes und der Menschen willen.

 

Warten wir einmal ab

So war der Tenor nach der Wahl von Papst Franziskus durch das Konklave. Selbst nach den ersten wirklich sympatischen Handlungen wie „zuerst erbittet das Volk Gottes den Segen für den Papst“, das „gute Nacht“ oder „hier ist der Bischof von Rom“ war noch keinerlei Begeisterung im Fußvolk an der Basis zu spüren. Die Medien haben sich schon überschlagen, weil eine Überraschung die andere jagte: mitfahren im Bus, einfacher Papst-Habit („Der Karneval ist vorbei“), Wohnen im Gästehaus, Gottesdienste mitfeiern im Gästehaus („Franziskus in der letzten Reihe“). Abwarten. Selbst in Assisi war am Tag der Amtseinführung am 19. April 2013, obwohl schon sehr zur Überraschung aller Franziskaner von La Verna die liturgischen Dienste übernommen haben, eine relativ gelassene Stimmung zu spüren. Freude über einen Mann aus Südamerika, Franziskus als Arbeitsprogramm. Es war eher Hoffnung als Begeisterung zu spüren.

Transparente Arbeitsstrukturen einer Weltkirche

FranziksusViele kleine und größere Schritte in Richtung einer „tatsächlicher Erneuerung“ hat Franziskus gesetzt. Sogar direkte Kritik vom Papst an die Kurie und die dort tätigen Geistlichen hat er formuliert, wenn er vom „tatkräftigen Zeugnis durch das Leben“ spricht und klar sagt: Es genügt heute nicht, schöne Worte zu machen. Das war mir persönlich immer sehr sympatisch. Und in vielen Handlungen habe ich Bischof Maximilian gesehen, der auch durch tatkräftiges Leben und Einfachheit die Herzen der Menschen anrührt. So entstand bei mir von der Haltung des Abwartens die Hoffnung auf tatsächliche Veränderung des praktizierten „vatikanischen  Monarchiegehabes“. Pompös dargestellt und keinerlei Transparenz. Als gestern der nächste Schritt bekannt gegeben wurde, gesellte sich zum Abwarten, zur Hoffnung eine tiefe Freude . Das achtköpfige Beratergremium, das Franziskus ernannt hat, repräsentiert nun endlich die Weltkirche. Noch dazu spricht der Leiter der Gruppe aus, was viele Bischöfe und Gläubige in den letzten zwei Jahrzehnten so oft gefordert bzw vermisst hatten: Bitte hört uns endlich mit unseren Anliegen und Erfahrungen. Der Kommentar von Heinz Niederleitner spricht ebenso davon. Im Vatikan hat es in den letzten Jahren keinen Priestermangel gegeben. Wohl aber weltweit in den Pfarren draußen. Allüberall. Wenn er nun vielleicht rund um Pfingsten noch ein paar Kardinäle in der Kurie austauscht, dann ist Franziskus am besten Wege, die katholische Kirche aus der Selbstisolation zu befreien. Es ist ihm und uns zu wünschen, dass so die Kirche als wichtiger Impulsgeber für die Weltgestaltung wahrgenommen wird. Die Welt hätte es nötig, sich an Franziskus zu orientieren. Welchen? In Zukunft hoffentlich beiden. Und die Zeit und Haltung des Abwartens hätte ein Ende.

 

Der Brennpunkt Zweifel

„Wenn das so einfach wäre, mit dem Glauben“, hörte ich heute mehrmals in der Predigt von P. Gottfried in der Franziskanerkirche in Wien. Es war keinerlei „frustrierter Unterton“ dabei, sondern ein recht klarer Blick auf viele Vorgänge in unserer Gesellschaft und manche Situation in der Kirche. Der Auslöser für die Überlegungen war das Evangelium vom „ungläubigen Thomas“. Die Bezeichnung ungläubig irritiert mich schon lange. Er hat seinen Zweifel geäußert: „Wenn ich nicht mit eigenen Augen sehen und mit meinen Händen nicht begreifen kann, dann ist es mir unmöglich zu glauben.“ Er will sich selber ein Urteil bilden davon, woran er sein Herz hängen möchte nach den irdischen Erfahrungen mit Jesus. Er will keiner Einbildung aufsitzen und das für Wahr-und-wichtig-halten der Aussagen seiner Freunde Apostelkollegen war ihm nicht möglich. So wurde er der „ungläubige“. In der Katechese bekam diese „Zuschreibung“ eine besondere „moralische Färbung“. Es kommen Erinnerungen an den eigenen Religionsunterricht: Thomas ist Zweifel ist schlecht. Hätte Thomas aber keinen Zweifel geäußert, wäre das zweite Testament nicht nur eine Geschichte ärmer, sondern Jesus hätte sich als Auferstandener nicht in der Intensität dem Zweifler zugewandt.

Die Ellipse von Glaube und Zweifel

Die FurcheIch muss gestehen, dass ich während der Predigt mit meinem Gedanken der Ellipse nebenbei beschäftigt war. Das Bild von der Ellipse, den beiden Brennpunkten, den Konstruktionsschritten, der händischen Fertigstellung der Kurve dient mir schon über Jahre als Grundparadigma zum Lebensverständnis. Es ist nicht ein Punkt, um den sich das Leben entfaltet, konstruiert. Es sind immer zwei Brennpunkte: Frau – Mann, Eltern – Kind, rechter Fuß – linker Fuß, Vergangenheit – Zukunft, Gott – Mensch, einatmen – ausatmen, stehen – gehen. Das kann ich fast unendlich fortführen bis hin zum Glauben – Zweifel. Je fester du im Glauben wirst, umso mehr meldet sich natürlicher Weise der Zweifel. Viele Heilige geben davon bis zu ihrem Lebensende ein glaubwürdiges Zeugnis. Je mehr dich der Zweifel erfasst, desto größer wird die Sehnsucht, die Zirkelspitze zum Brennpunkt Glauben zu führen. In der Predigt wurde doch etwas pauschal die Wissenschaft als „gottlos“ dargestellt. Es stimmt auch, dass viele Wissenschaftler die Wissenschaft als geschlossenes System sehen und betreiben. Im persönlichen Gespräch mit Anton Zeilinger durfte ich einmal länger über die Quantenphysik und den Glauben reden. Seine Sicht, die er oft auch medial darstellt, ist doch auch, dass die wissenschaftlichen Annahmen, die Zufälle nahe legen, von Glauben zu reden. Auch dort bewegt sich die Welt auf der Brennpunktlinie Zweifel und Glaube. Ich bin froh, dass Thomas den Zweifel so stark und intensiv „herausgelassen“ hat, weil er so in der unmittelbaren Jesus-Begegnung mit dem Glauben beschenkt wurde. Ein anderer hat einmal gesagt: Glauben und Zweifel sind Geschwister. Oder wie zwei Brennpunkte. Konstruiere.

Der Schlägler Jakob Eckerstorfer OPräm sieht das am Weißen Sonntag als Lebenstrott (aus Facebook):

EINSicht
ZWEIfel
EINSicht
ZWEIfel
EINSicht
ZWEIfel

doch plötzlich Begegnung:
DREIfaltiger!

 

Weltliche Klöster suchen geistliche Communities

Pfarrkiche Schönbühel„Klöster der Zukunft“ heißt das Projekt, an dem ich derzeit kooperativ mitarbeite. Dabei geht es nicht um Klöster im üblichen Sinn. Gefragt sind hier meine Lotsendienste und die Fähigkeiten, tragfähige Brücken zu errichten. Verbunden werden sollen Menschen, die die Sehnsucht nach gemeinsamen Leben verspüren und daraus Wohn- und Arbeitsprojekte gemacht haben oder machen wollen. Es sind „weltliche Cohousing“-Formen in verschiedensten Varianten. Commons und Gemeingüter sind Vokabel, die dort nicht fremd sind. Es besteht der intensive Wunsch, sich mit den „geistlichen Commuities“ mit der Tradition der Jahrhunderte zu verbinden. Ordensgemeinschaften und Klöster haben ein unglaubliches Wissen aus ihrer Tradition im gemeinsamen Leben gestalten angehäuft. Weltliche Klöster werden bei dieser Veranstaltung von 10. – 12. Mai 2013 in Melk mit den geistlichen traditionellen Ordensgemeinschaften verbunden. Auch wenn vieles offen ist, so finde ich diesen Brückenbau spannend und sicherlich anregend. Heute schon sehe ich, dass man voneinander lernen kann: Da ist diese tiefe Sehnsucht nach gemeinsamen Leben und dort die oft unglaubliche Kraft der Vision von der Gründung her und die Klarheit in den Regeln, die Jahrhunderte und durch tiefste Krisen überleben ließen.

Die drei Themenbrücken

Donaublick SchönbühelBei unserer gemeinsamen Fahrt und Begehung durch und im Dunkelsteinerwald wurde mit im ehemaligen Servitenkloster „Schönbühel“ einiges an der Brisanz bewusster. Das Servitenkloster wurde 1980 vom letzten Serviten verlassen und es viel an die „Herrschaft“ zurück. Die Pfarrkirche (ein Juwel) gehört den Pfarrangehörigen. Das Kloster wird von einem „Energetiker“ bewohnt und genutzt. Schon hier sieht man: Die Mönche wurden vom Energetiker abgelöst.  Genau diese Situation öffnet auf die drei Themenfelder, die auf der Brücke abgehandelt werden sollen:

  • Der ganze Mensch:
    Der Mensch wird heute immer mehr zerteilt, aufgestückelt, „spezialisiert“. Selbst die Medizin macht davor nicht Halt. Die Betrachtung des ganzen Menschen kann heilsame Wirkung entfalten.
  • Das zerrissene Netz:
    Der Zusammenhalt in der Gesellschaft schwindet. Es wird eine Bewegung vom „Ich zum Wir“ brauchen. Die Kultivierung des unendlichen Individualismus zeigt uns nicht nur sozial, sondern auch spirituell die Grenzen. Der Mensch sucht Halt und findet ein immer brüchigeres Netz.
  • Das elektronische Kloster:
    In den Bibliotheken und Archiven der Klöster liegt unglaublich viel „Menschenwissen“. Die heutigen Methoden des „sharing“ müssten es doch relativ einfach machen, dieses Wissen für jeden zugänglich zu machen. Was hier schon alles möglich ist, wird hier auf den Tisch gelegt.

Vieles von dem, was hier im Raum steht, muss erst beweglich gemacht und mit der Sehnsucht erfüllt werden, sich auf der Brücke zu treffen. Jedes Themen-Panel wird von jeweils zwei ExpertInnen der Brückenpartner beschickt. Auch die Planung ist noch „flüssig“. Auf dieser Website findet sich der aktuelle Stand. In jedem Fall bin ich überzeugt, dass dieses Brückengeschehen spannend und zukunftsträchtig wird.

Auf dem Franziskusweg

FeierabendWir hatten die Ehre, mit einem Kamerateam von „Feierabend“ unseren „Weg nach Assisi“ nachzugehen.
Eine schöne und wettermäßig herausfordernde Zeit – wie jede und jeder sehen kann (La Verna).

Hier der „Feierabend“ am Ostersonntag 2013.

 

Franziskusweg nach Assisi wird mehr begangen

Entweder liegt es an meiner Wahrnehmung oder ist der Wunsch, zu Fuß nach Assisi aufzubrechen, tatsächlich mehr geworden.  Immer wieder habe ich Anrufe oder Emails bekommen zum meinem Weg nach Assisi. In den letzten 14 Tagen sind diese Anfragen aber sprunghaft angestiegen. Da rufen zwei Leute aus dem Raum Innsbruck an, wie sie am besten nach Assisi kommen. Sie fragen vor allem nach dem Weg von Padua nach Assisi. Zwei Stunden später ruft eine Lehrerin aus dem Raum Steyr an, dass sie Mitte April nach Assisi aufbrechen möchte. Eine Tag darauf kommt ein Anruf aus Gmunden, wie man am besten auf den 09-er Weitwanderweg kommt, damit wir deine Route nach Assisi gehen können. Auf Facebook schreibt eine Bekannte (so übersetze ich friends), dass sie jetzt den Mut gefasst hat, und in allernächster Zeit über die Berge nach Süden aufbrechen wird. „Über die Berge?“, schreibe ich zurück. Da liegt Schnee bis Juni. Jetzt wird sie noch warten. Ich habe den Eindruck: Franziskus weist auf Franziskus hin und so wird der Franziskusweg mehr begangen. Schön so.

Pilgern und Tourismus

FranziskuswegHeute durfte ich ein Gespräch mit Margit führen. Sie schreibt eine Arbeit über „Pilgern und Tourismus“ auf der FH Krems. Wir haben dabei die „Basics“ des Weitgehens und Pilgerns abgesprochen. Es ist immer wieder eine Freude, wie junge Menschen neugierig sind und sehr aufmerksam die Erfahrungen aufnehmen: Das Leben hat im Rucksack Platz. Die Folge des Weitgehens ist die Haltung der tiefen Dankbarkeit in jeder Situation. Die Dusche am Abend ist der „Himmel“. Unterscheide Geh- und Bleibe-Sachen. Ein Ziel haben und Detailkarten zum Weg sind unerlässlich. Wenn ein, zwei oder drei PilgerInnen unterwegs sind, dann braucht es keine Reservierungen. Die Lösungen liegen am Weg und: Es wird im Gehen gelöst. Das offene Zugehen auf Menschen am Weg ist das wichtigste „Wissens- und Lösungstools“. Nur Mut – die Menschen und die Welt meint es gut mit dir. Für Pilger: Jesus ist ein toller Begleiter und „Lehrmeister“. Die Natur ist die beste und billigste Therapeutin. Und was hat das alles mit Tourismus zu tun? Die Liebe Gottes drückt sich in einer „offenen und liebevollen Gastfreundschaft“ aus. Fast möchte ich meinen: Als Pilger ist mir Gott sehr oft in den wunderbaren GastgeberInnen entgegengekommen. Deshalb: Danke denen, die für pilgernde Vagabunden eine offene Tür, eine Dusche und ein Bett haben.

Pilgern durch Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag und den Ostermorgen

Kreuz in SchönbühelBei unseren Dreharbeiten zum Franziskusweg am Ostersonntag für „Feierabend“ haben wir am zweiten Tag ganz schlechtes Wetter gehabt. Schnee, Regengüsse und volle Kälte in und rund um La Verna.  Der Kameramann war ganz angetan von den Bildern und er meinte: „Nicht immer diese Sonnenbilder.“ Die Linse musste er oft abwischen. Ich selber konnte ihm nur beipflichten: „Es gibt kein Pilgern ohne Karfreitag.“ Ob es Hitze, Kälte, Nebel, Regen oder körperlich Schmerzen sind, es sind immer „kleine oder größere Todeserfahrungen“. Gerade in diesen Zeit reift sehr viel. Wer aufbricht heraus aus der Gemeinschaft der einen umgebenden Menschen verlässt den Gründonnerstag. Das Alleine-Sein und die ausgesetzten Erfahrungen vermitteln etwas vom Karfreitag und Karsamstag. In der Po-Ebene in der unglaublichen Hitze hatte ich auch manchmal das Gefühl, als „Toter“ unterwegs zu sein. Das Kreuz von der Kirche in Schönbühel an der Donau (siehe Foto: leider hinter Glas) hat mir gestern etwas deutlich gemacht: Jesus greift vom Kreuz herab und reicht uns die Hand. Der, der gerade das Schlimmste erleidet, streckt noch die Hand aus. Das finde ich das wichtigste: Gerade an Tiefpunkten sich öffnen, um Zuspruch und Hilfe anzunehmen. Das lässt die Ahnung auf dem Ostermorgen erwachen. Das ist aber kein billiger Weg. Die Auferstehung radiert den Tod nicht weg. Der Glaube an die Vollendung macht den Durchgang „leichter“. So wie beim Pilgern und Gehen.

Ostern 2013: Ich wünsche allen einen tiefen „Franziskusweg“ durch alle Erfahrungen des Lebens. Gesegnete Zeit.

 

Franziskus in Assisi genau betrachtet

Die letzte Annäherung an Assisi in den letzen Tagen war eine ganz besondere für meine Frau und mich. Ein Kamerateam von „Feierabend“ hat uns begleitet. Nach fast vier Jahren gehen wir den „Cammino Assisi“ von Dovadola südlich von Forli. La Verna hat uns mit einer ganz besonderen Witterung aufgewartet. Schneefall, Nebel, Wind und Regen in Hülle und Fülle. Genau diese Stimmung lässt uns den besonderen Ort des hl. Franziskus auf ganz neue Weise erleben.

Baue an der Baustelle Kirche

Bruder ThomasWieder einmal hat uns Bruder Thomas vom Convento in der Basilika von Assisi eine „Privatführung“ durch die berühmten Fresken gemacht. Es ist immer wieder beeindruckend, wie er es versteht, „hinter die Bilder zu schauen und die (theologischen) Ideen des Künstlers offen zu legen“. Er erklärt uns die drei Darstellung übereinander, die von oben herab vom Künstler so konzipiert worden sind. Das oberste Bild zeigt die Erschaffung des Menschen. Gott hat nicht das Gesicht eines Mannes, sondern das Gesicht Christi. Darunter ist Abraham in seinem Gehorsam Gott gegenüber dargestellt. Das große Bild unten zeigt Franziskus, wie er in der Kapelle von San Damiano Gott auf Augenhöhe begegnet. Nach der Begegnung mit den Aussätzigen geht er nach San Damiano und hört vom Kreuz her die Stimme: „Baue meine Kirche wieder auf“. Das Gesicht des Franziskus und das Kreuz begegnen einander auf Augenhöhe. Franziskus ist zuerst den Ärmsten in den Aussätzigen und Bettlern begegnet, hat sich ganz für sie geöffnet und in dieser Haltung der Offenheit für die Armen und die Armut spricht Gott zu ihm auf der „Baustelle Kirche“. Franziskus wird klar: Gott spricht mit ihm von den Armen her und die Kirche ist eine Baustelle, die seinen Beitrag braucht. So beginnt die Erneuerung. Er bringt seine tiefe Berufung zur Armut in die Baustelle Kirche ein.

Das Gesicht der Armen ist das Gesicht Gottes
Fresko: Baue meine Kirche aufHeute lese ich, dass der neue Papst Franziskus am Gründonnerstag den Petersdom verlässt und im Gefängnis das letzte Abendmahl feiert und Gefangenen die Füsse wäscht. Ich empfinde eine tiefe innere Freude darüber. Der Papst bleibt nicht in der „Groß-Kirche“, sondern geht hin zu den Armen, Gefangenen, Kranken usw, denen das Evangelium Jesu gilt: Ihr sollt befreit werden, weil uns in euch Gott anschaut. Das ist das Sakrament, das Zeichen für die Nähe Gottes. Wer diesen grundsätzlichen „Gedanken- und Glaubensgang“ nicht verstanden hat oder verstehen will, der wird sich mit diesem Pontifikat schwer tun. Das ist ganz und gar franziskansich. Möge hier Franziskus in Franziskus „durchschlagen“. Gerade der Vatikan braucht das dringend. Wie damals bei Franziskus. In Assisi haben wir gehört, dass für die liturgischen Dienste Franziskaner gerufen wurden. Wir haben auch gehört, dass die Schweizer Garde ziemlich nervös und verstört ist, „weil dieser Papst aus ihrer Sicht tut, was er will“. Da muss auch einiges in Bewegung kommen. Darin darf er nicht müde werden, auf seine innere Stimme zu hören.

Assisi-Pilger werden mehr
PortiunkulaHeute haben mich aus Innsbruck und aus Gmunden Pilger angerufen, die zu Fuß nach Assisi gehen werden. Sie wollten einige Ratschläge von mir einholen. Es gibt da eine Wegstrecke, die nicht nur mir damals etwas Angst gemacht hat, die Po-Ebene. Wie komme ich da von den Alpen „hinüber“ zum Apennin? Solche Gespräche und Anfragen mache ich gerne und ich freue mich mit jedem und jeder, der oder die sich öffnet für das Geschenk des weiten Gehens und Pilgerns. Ich selber bin gespannt, wie „Regie, Kamera und Ton“ unser Gehen nach Assisi über den Apennin  eingefangen haben.
Am Ostersonntag nach der ZIB wird das beim „Feierabend“ zu sehen sein.
Wir sind auch schon gespannt.
Auf den Spuren von Franziskus ist die Chance, das Leben zu treffen, wirklich sehr groß. Auch für einen Papst.

 

 

Ein ganz normaler Sonntag

Meinen Sonntag halte ich offen, damit ich offen bleibe. Natürlich begegnen einem in dieser Offenheit ganz verschiedene „Themen“. Das ist der Sinn meiner Offenheit. Das beginnt damit, dass mich das Ausschlafen weckt und nicht der Wecker. Dessen verlässlicher Job ist morgen Montag wieder ganz früh dran. Es ist trotzdem früh. Die Sonntagszeit hat aber eine andere Qualität. Das hat damit zu tun, dass ich normalerweise keine „Sonntagsverpflichtungen“ mehr habe. Das tut gut. Ja, sage es ganz offen. Es tut gut und öffnet.

Die Predigt der Zeitung

DomGut, dass auch am Sonntag eine Zeitung bis zur Haustüre kommt. Ich genieße die auf Papier gepressten Gedanken. Konklave mag ich heute nicht mehr „hören“, weil ich in den letzten Tagen wieder einmal aus erster Hand einiges über das „Kardinalsleben“ erfahren habe. Wieder einmal kommt die Aussage des Pfarrprovisors hoch: Je weiter du oben in die Hierarchie hineinsiehst, umso mehr wird dein Glaube geprüft. Ob die Kardinäle den Presse-Artikel „Hätte ich doch besser…“ gelesen haben? Nein, denn sonst wüssten sie gleich am Morgen, dass es im Leben (so sagen Sterbende) um etwas ganz anderes als Macht und Arbeit geht. Und Freundschaft dürfte unter Kardinälen einen ähnlichen Beigeschmack haben wie auf Facebook. In jedem Fall dort wie da: Tiefe Freundschaft ist nicht gemeint. Der Pressesprecher Michael Prüller schildert heute angesichts der Abschottung der Kardinäle beim Gebet seine Schlussfolgerung: Weniger Nimbus und mehr Christus. Ich meine: Mehr Jesus täte dem Konklave gut. Das bringt Jon Sobrino im Interview in der Orientierung am Punkt. Der neue Papst muss die Option Gottes für die Armen klar und unmissverständlich leben. Das spricht einer aus der Spur Jesu. Christus ist ja in keinster Weise falsch, aber hat ein „Abheben“, eine „Überhöhung“ an sich. Und überhöht ist schon zu viel im Vatikan.

Und wo ist die Mutter?

Der Gottesdienst im Linzer Dom wird musikalisch von vier Männern unter der Leitung von Tobias Chizzali gestaltet: mannOmann nennen sie sich. Der Regens des Priesterseminars führt in seiner Predigt „in das Wesen Gottes ein“. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater legt er einfühlsam dar. Ich sitze in der Bank und genieße die Schönheit der Liturgie, der Gedanken und der Musik. Und dann dreht sich langsam ein großes Fragezeichen hoch: Der Vater, zwei Söhne und hier treffen wir auf das Wesen Gottes. Wo ist die Mutter der Söhne? Wo die Frau des Vaters? Wäre schön, wenn sie im Gleichnis einen Platz gefunden hätte, wo wir wissen, dass den Frauen eine ganz große Rolle bei der Grundlegung des Lebens und Glaubens zukommt. Auch das Fest, dass der Vater ausruft, wird wahrscheinlich von der Mutter mitgefeiert. Ich verlasse den Dom genährt und trage eben dieses Fragezeichen: Geht es überhaupt, das Wesen Gottes anzudeuten, ohne die Mutter zu erwähnen?

Sie sollen heiraten

Die Wirtin am Wildberghang hat Schaf auf dem Programm. Das soll am Laetare den Mittagshunger bearbeiten. Das Schaf hat nicht nur den Hunger bearbeitet, sondern Genuss gestiftet. Am Tisch daneben war wie in diesen Tagen überall „die Kirche und der Papst“ das Thema. Lautstark haben die sechs älteren Frauen und Männer darin übereingestimmt: „Der neue Papst soll sie doch heiraten lassen, die Pfarrer.“  Dabei schauen sie auf unseren Tisch herüber, weil wir uns kennen. Ich bleibe beim Schaf und genieße es und kann es nicht glauben, dass der neue Papst da etwas machen „darf“. Ihre Einschätzung wird nicht gehört werden. Oder es geschieht ein Wunder. Da wurde zu lange und zu intensiv betoniert. Der lange Aufstieg zu Fuß aus dem Haselgraben „himmelwärts“ nach Kirchschlag hat die Gedanken frei gemacht. Vorfreude kommt auf. Am Samstag geht es wieder einmal nach Assisi für ein paar Tage. Da wird der neue Papst in Rom sein. Wir freuen uns schon darauf. Seit langem hole ich die „Assisi“-Schachtel hervor und lasse die Zeit vor und nach meinem Gehen nach Assisi 2009 zurückkommen. Aus heutiger Sicht eine unglaubliche Zeit. Bei „Nachschauen der Orientierung“ kommen mir noch die Morgengedanken von Bischof Küng entgegen: „Gott weiß längst, wer kommen wird.“ Am Dienstag werden 115 Kardinäle versuchen, die Entscheidung Gottes zu „treffen“. Ihre Entscheidung ist dann Gottes Entscheidung. Logisch.
Wer weiß, ob Gott nicht einen Wutanfall bekommen wird, wenn der weiße Rauch aufsteigt? So offen sollte uns der Sonntag machen. Oder?