Gottfried wäre damals vielleicht erfroren

Schon einige Male höre ich heute im Radio, dass es „Kältetote“ in Europa gibt. Immer, wenn es so kalt wird, dann fällt mir das Jahr 1985 ein und dazu Gottfried Aigner. Ich habe ihn während meiner Zeit als Zivildiener im Obdachlosenheim der Heilsarmee kennen gelernt. Aus dieser Zeit war ich mit „vielen in der Öffentlichkeit von Linz berühmten Personen“ befreundet und bekannt. Gerade als Pastoralassistent in der Dompfarre habe ich immer wieder von ihnen Besuch bekommen oder bin bei ihnen im Dompark gesessen.

Donau zugefroren

Im Jänner 1985 war es in Linz so kalt, dass die Donau zugefroren war. Ich weiß es noch so genau, weil wir „Donau schauen“ gegangen sind. Ein Vater ist damals mit dem Kinderwagen von Linz, wo heute das Lentos steht, mit dem Kinderwagen auf der Donau hinüber gefahren nach Urfahr. Purer Leichtsinn –  haben wir damals konstatiert. Am Abend kam Gottfried Aigern bei mir im Pfarrhof vorbei und hat mir sein Leid geklagt. „In der Gartenhütte trocknet nichts mehr. Es ist alles nur gefroren“, hat er gemeint. Außerdem hat er geschildert, wie er sich warm gehalten hat in den Tagen bisher, wo die Donau noch offen war. Nächtelang ist er dort auf und ab gegangen, weil es von der Donau „warm herauf gegangen ist.“ „Aber jetzt ist der Ofen zugefroren und ich weiß nicht mehr, was ich tun soll“, war er ratlos.

Ein wärmendes Kammerl

Wir haben im Dompfarrhof ein heizbares Kammerl frei gemacht und ihn dort „einquartiert“. Daraus ist eine jahrelange gemeinsame Geschichte und Freundschaft geworden bis hin zu seinem Sterben. Für mich war er ein „herumvagabundierender Obdachloser“. Ich war immer erfüllt von großem Respekt ihm gegenüber, weil er eigentlich nie sesshaft geworden ist bzw. werden konnte. Wie ein scheues Reh hat er immer wieder „das Weite“ gesucht. Gerade diese arktischen Temperaturen gehen auf „die Substanz“, wie er selber einmal gesagt hat. Es ist gut, wenn in diesen Tagen viele „Kammerl“ aufgehen und damit diesen Menschen das Überleben sichern. Warum ich das hier erzähle? Es rührt mich sehr tief innen an, wenn ich von „Kältetoten“ höre. Diese äußere Kälte hat mich bzw. uns in eine dauerhafte Beziehung gestellt.

 

 

In 47 sec gesagt: Der Finanzsektor muss schrumpfen

In 47 Sekunden erläutert  der Makroökonom und Experte im Bereich der europäischen Wirtschaftspolitik Markus Marterbauer beim 100.sten Sozialstammtisch im Cardijn-Haus in Linz am 30. Jänner 2012, „dass der Finanzsektor zurückgenommen und seine Bedeutung verlieren muss.“ Die fähigsten jungen Menschen sollten lieber ihre Talente in die Entwicklung neuer Technologien und die Weiterentwicklung des „Sozialen“ investieren, um so Werte für die Gesellschaft zu schaffen. Mir scheint das nicht neu, aber es ist wieder einmal klar gesagt: Eine klare Regulierung und stärkere Besteuerung des Finanzsektor ist unumgänglich.

Hier die 47 sec zum Nachhören:
Markus Marterbauer_47sec

Der Hauptreferent hat zum 100sten Sozialstammtisch, zu dem mehr als 100 Personen gekommen sind, sein neues Buch „Zahlen bitte“ vorgestellt. Eindrucksvoll belegt er mit seinem Zahlenmaterial, wie der Sozialstaat nicht das Problem, sondern die Lösung des Problems ist. „Jeder Euro, der dort investiert und ausgegeben wird, hilft um ein vielfaches“, weiß Marterbauer zu belegen. Er belegt auch, dass an einer höheren Vermögenssteuer kein Weg vorbeiführt.

Durchschnittsfalle und Hochleistungsdesaster

Die Frage nach den Genen, den Talenten und den Chancen ist durch alle Medien geeilt. Markus Hengstschläger hat mit dem Buch „Die Durchschnittsfalle“ wieder einen Bestseller gelandet. Das kann heute schon prognostiziert werden. Er ist ein begnadeter Wissenschaftler und was noch mehr zählt: Er kann die Welt in einfachen Bildern mit Begeisterung erklären. So lese ich das Buch. Im  Vorfeld haben wir schon das eine oder andere Gespräch darüber geführt.

Individualität ist alles

Wenn ich hier meine Anmerkungen mache, dann beanspruche ich für mich die Grundthese des Buches: Es sind meine individuellen Bemerkungen. Dazu ruft der Autor auf fast jeder Seite auf. Lebe deine Individualität. Ohne Individualität gibt es keine hohen Überlebenschancen. Der Durchschnitt ist das rote Tuch. Der Durchschnitt ist ein Würfel mit immer dergleichen Augenzahl auf jeder Fläche. Gegen jede Gleichmacherei spricht sich das Buch aus, gegen Tendenzen, alles am Durchschnitt zu messen. Ich ergänze hier, dass ich in meiner individuellen Sicht auch glaube, dass uns tatsächlich die „Flucht aus der Excel-Zelle“ gelingen muss. Das ist der größte Individualitätshemmer in unserer Zeit. Was nicht in eine Liste passt, das darf es nicht geben. Eindrucksvoll schildert Hengstschläger Beispiel um Beispiel, warum es so wichtig ist, die Individualität zu entwickeln, alte Wege zu verlassen, das ganz Andere positiv zu sehen und die Ergebnisse von Gene, Talent und Üben nicht zu werten. „Nicht gut oder schlecht, sondern individuell“ lautet eine Zwischenüberschrift. Das kann ich nur unterstreichen.

Solidarität kann alles

Wer den Autor kennt, weiß, dass er ein umtriebiger und „treibender“ Mensch ist. Seine im Buch immer wieder kehrenden Beispiele (Fußballer Messi, Sängerin Garanca oder Albert Einstein) legen für mich eine „Hochleistungsdynamik“ in die Ausführungen. Gegen Ende des Buches wird die für mich so wichtige „Empathie“ kurz angesprochen. Allerdings schwingt für mich auch dort wieder mit, dass diese Fähigkeit notwendig ist, „um etwas Besonderes  zu leisten“. Erfolg ist ein Schlüsselwort. Das ist mein dauerndes Unbehagen während des Lesens: Es geht um Höchstleistung. Und spätestens hier fallen mir die vielen Gespräche und „Studien“ ein, um Oberösterreich in den verschiedensten Rankings wieder nach vorne zu bringen. Ich kann nur sagen: Eine Goldmedaille kann man nicht essen, sie pflegt keinen alten Menschen und sie lässt Zeit und Raum ausschließlich als „Leistungsraum“ zu. Das kollektive Burn-Out ist schon mehrmals artikuliert worden. Wer dauernd die Leistung in den Mittelpunkt stellt, wird zur Höchstleistung getrieben und spätestens dort besteht die Gefahr des „kollektiven Höchstleistungsdesaster“. „It’s allways competition“, führte die Schriftstellerin Janne Teller damals beim Symposium als den größten „Hemmer für die Entwicklung Jugendlicher“ aus.

Das rechte (Mittel)Maß

Dabei geht es um das rechte Maß, ja das „Mittelmaß“ (ist nicht der Durchschnitt). Und es geht nicht nur um individuelle Erfolge, sondern um das „solidarische Biotop, wo sich Charismen  im Dienst aneinander entfalten können“.  Eine breit ausgefaltete Individualität (Diversity) beinhaltet große Chancen zum Überleben. Zu kurz kommt meiner Wahrnehmung im Buches, dass eine ausgeprägte Solidarität und eine „Gemeinwohl-Denke“ mindestens so wichtig ist für ein Weiterkommen in die Zukunft hinein. Die Kehrseite der exzessiven Individualität ist die Einsamkeit. Deshalb sollten wir nicht nur individuelle „Leuchttürme“ voranstellen, sondern unsere Augen auf  „Commons-Leuchttürme“ (neues gemeinsames Leben) richten.
In jedem Fall können wir dem zustimmen: „Viel interessanter als ein Haufen Gleichgesinnter ist doch eine Gemeinschaft der Ungleichgesinnten.“ Individualität und Gemeinschaft – Hand in Hand.

 

Ver­brau­cher sind erschöpft vom ewi­gen Mas­sen­kon­sum

„Wir füh­len uns leer durch sinn­lo­sen Kon­sum­zwang. Wir sind frus­triert, weil wir dank sin­ken­der Real­löhne »down­s­hif­ten« müs­sen. Wir haben genug davon, uns täg­lich im Job abzu­stram­peln und zu ernied­ri­gen, um uns anschlie­ßend mit Kon­sum­gü­tern zu beloh­nen, die wir ers­tens nicht brau­chen und die zwei­tens nie so gut sind, wie uns die Wer­bung das ver­spro­chen hat… Nein, wir wol­len nicht mehr! Wir wol­len lie­ber Dinge sel­ber machen – ob im Gar­ten, beim Bas­teln oder Hand­wer­ken. Und wir wol­len auf Kon­sum ver­zich­ten. Oder genauer gesagt: intel­li­gen­ter konsumieren!“ – so lese ich auf der anregenden Internetseite „Für eine bessere Welt“. Es lohnt weiterzulesen.

Ein neues Miteinander wird sich breit machen, echte Kollaboration mit den „neuen alten Werten“ Ver­trauen, Ehr­lich­keit, Respekt und Fair­ness.  Viele Menschen durchschauen die Show und kehren den Eliten und Individualitätsfanatikern den Rücken. Die wirkliche Exzellenz liegt im neuen WIR. „Wir mutie­ren von den Ein­zel­kämp­fern am Wühl­tisch mit den spit­zen Ellen­bo­gen zu den inte­grier­ten, von ein­an­der im posi­ti­ven Sinne abhän­gi­gen Gemein­schafts­we­sen, die wir im Grunde unse­res Her­zens doch alle sein wollen“, meint Rachel Botsman. Dem kann ich nur zustimmen!

 

 

STUPA – ja oder nein?

Da gibt es in Gmünd (Waldviertel) einen „soligen Felsen“, um den im Jahre 2005 eine wunderbare „Bade- und Saunalandschaft“ errichtet wurde. Die Neugierde trieb mich in diese herbe Gegend des Waldviertels. Ausspannen und die Weite der Gegend stand am Programm. Das Wetter winterlich und das Gehen in diesen Weiten macht Geist und Gedanken frei. Empfehlenswert.

Warum hat es das Neue so schwer?

Das Wasser in den Becken ist warm und mit Ischler Sole angereichert. Das tut gut. Zahlreiche Menschen schwimmen darin oder lassen sich einfach „treiben“. Ebenso schweben ihre Themen und Gedanken über dem Wasser, je nach Lautstärke. Das eigene Ohr ist nicht neugierig, aber verschließt sich auch nicht für das, was mit genügender Leidenschaft „herangetragen“ wird. „Wer hätte das gedacht, dass dieses Bad hier in dieser Gegend funktionieren wird“, kommt es aus einem Mund: „Die Einheimischen waren skeptisch bis ablehnend dem Bauwerk am Aßang-Teich gegenüber.“ Ein noch nicht wirklich relaxtes Gesicht weiß: „Das werden sie bald wieder zusperren wie so viele Fabriken und Gebäude in der Gegend – haben sie damals gesagt“. Ich höre das auch anderswo. Im Jahr 2005 hat niemand so wirklich an diese „Oase“ geglaubt. Die Rechnung ist allerdings perfekt aufgegangen und das Sole-Bad wird regelrecht überrannt, sodass jetzt die Gemeinde Gmünd dabei ist, bei den anstehenden Verhandlungen auch ein Stück vom Gewinn abzuschneiden. Das wissen wieder andere „Wellness-Gäste“. Ich denke, schweige aber: Warum muss sich Neues immer zuerst an Skepsis reiben? Aus meiner Sicht ein gelungenes Werk. 140 Arbeitsplätze und in Ferienzeiten wegen Überfüllung öfters geschlossen.

Nach dem Salzaufguss

Drei Männer mittleren Alters tummeln sich schon im Becken und sind hier zufällig zusammengetroffen. Zwei kommen aus Gföhl und einer aus Krems. Der aus Krems: „Was entsteht den da bei euch in Gföhl für komischer Bau? Muss das sein? Wie wird die Volksabstimmung ausgehen?“ Er hat damit die beiden Gföhler drei wichtige Fragezeichen auf die Wasseroberfläche gelegt. Und siehe da, sie bleiben an der Oberfläche. „Es ist egal, wie das ausgeht, weil der Bürgermeister ohnehin tut, was er will“, weiß der eine. „Die Leute kennen sich ja überhaupt nicht aus“, weiß der andere. Ich selber kenne mich in diesem Disput knapp über der Wasseroberfläche ebenfalls nicht aus bis das Wort „Stupa“ fällt. Es dämmert und die Orientierung-Sendung kommt mir in den Sinn. Es geht um einen großen buddhistischen Sakralbau und das größte buddhistisch Friedenszeichen in Europa. „Braucht es das wirklich?“, bleibt an der Wasseroberfläche hängen. Ich finde den Gedanken spannend, dass sich ein nichtchristlich geprägtes Friedensmahnmal über die Kirchtürme der Gegend erhebt. Nach dem „reibenden“ wohltuenden Salzaufguss finden sich zwei der Männer wieder im Ruheraum und finalisieren ihr Wasseroberflächengespräch: „A Bledsinn des“. Dann ist es dem Raum entsprechend ruhig. Ich denke: „Spannend“. Am 12. Feber werde ich nachschauen, wie die Volksbefragung ausgegangen ist.

 

Rückzug ins Ghetto oder empathischer Aufbruch zu und mit den konkreten Menschen?

Im Rahmen des Dreh zum ORF-Report haben wir heute am Rande auch über die Wichtigkeit und Notwendigkeit gesprochen, „dass Kirche nicht in irgend einer skurilen gesellschaftlichen Ecke verschwinden darf.“ Immer wieder erzähle ich von meinen verschiedenen Begegnungen, die im Grunde alle die Wichtigkeit der Kirche (gemeint ist eine Kirche des Volkes) in drei Richtungen herausstreichen: 1. Wer steht für Werte? 2. Wer lebt mit den Menschen Alltagsrituale? 3. Wer schafft Solidarität?. Also: Werte – Alltagsrituale – Solidarität.

So lese ich heute auf der Website der Diözese Innsbruck von Jozef Niewiadomski eine Zusammenfassung eines Interviews, das genau in diese Richtung geht:

Vor einem „Rückzug ins kirchliche Ghetto“ als mögliche Reaktion auf die am Dienstag veröffentlichte Kirchenstatistik warnt der Innsbrucker Theologe Jozef Niewiadomski in einem Gespräch mit „Kathpress“. Die Zahlen, die einen Rückgang der Katholikenzahl anzeigen, würden zum einen die „Diskussion über Reformen einer Großinstitution“ weiter anheizen. Zum anderen gelte es aber, „oft reflexartig ansetzenden“ Forderungen nach „Konzentration auf Wesentliches“ – etwa auf Liturgie und Pastoral – entgegenzutreten, so Niewiadomski.

Wesentlich zur Kirche gehört, wie Niewiadomksi hervorhebt, auch die Caritas. Der Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck hielte daher eine „Entweltlichungsdebatte“, wie sie Papst Benedikt XVI. in Deutschland ausgelöst hatte, für missverständlich und kontraproduktiv. Wo eine solche Debatte als Reaktion auf ein weiteres Abschmelzen institutioneller kirchlicher Bindungen geführt werde und dabei etwa „Caritas und Liturgie gegeneinander ausgespielt“ würden, laufe etwas falsch. Wenn Caritas nur als Anhängsel von Kirche begriffen werde, verfehle man die grundlegende Erfahrung und das Geheimnis des Erfolgs der „Alten Kirche“: „In der oft feindlichen Umwelt lebend, fiel die christliche Minderheit gerade durch Caritas auf“ – d.h. durch „Solidarität nach innen und Zuwendung zu den Armen und Ausgegrenzten nach außen“.

Zugleich warnte Niewiadomski davor, die in der Kirche institutionell umgesetzten Formen konkreter Solidarität zu unterschätzen. Es gebe gerade in der Kirche noch „sehr viel an uneigennützig gelebter Solidarität“ – aber die Gesellschaft neige dazu, zu vergessen, „was die Quellen dieser Solidarität sind“: Diese haben nämlich laut Niewiadomski „fundamental etwas mit Gottesglauben und einem bestimmten Gottesbild zu tun: Jenem Gott, der auf die Stimme des Armen hört und sich die Sorgen der Entrechteten zu eigen macht.“

Bei aller Wertschätzung einer „frei flottierenden Religiosität“ müsse man doch dieses Kriterium immer wieder in Erinnerung rufen: die Zuwendung zu jenen Menschen, „von denen in einem marktförmigen Denken nichts mehr zu erwarten ist“. Dies sei weiterhin die Stärke der Kirchen – „und das hat wohl etwas mit ihrem Glauben zu tun“.

Aus diesem Grund sei es auch höchste Zeit, auf die umfassende gesellschaftliche Perspektive des Problems der Erosion traditioneller Kirchlichkeit aufmerksam zu machen, so Niewiadomski: „All die Kräfte, denen die Gestaltung der Zivilgesellschaft ein echtes Anliegen ist, müssten über den Prozess der Erosion kirchlicher Gemeinschaften längst besorgt sein.“

Aber auch die mediale Öffentlichkeit müsse sich die Frage gefallen lassen, ob sie nicht zu vorschnell und selbstverständlich die christlichen Kirchen mit dem Thema Austritt bzw. Austrittsbereitschaft verknüpft. Dies schaffe auf lange Sicht ein Klima, in dem die „Auflösung von religiösen Identitäten“ zur Normalität stilisiert werde.

Quelle: Diözese Innsbruck

Eine ganze Schule stellt sich der Ungleichzeitigkeit

„Soll der Zugang zu Facebook in der Modeschule mit Internat gesperrt werden oder nicht?“, war der Anlass für einen spannenden Nachmittag in Ebensee. Als Location für den Social Media Vortrag musste aus Platzgründen der Turnsaal herhalten. Über 200 SchülerInnen und der dazugehörige Lehrkörper mit Direktor waren gekommen. Alle in einem Raum. Die Nutzung und Einschätzung von Chancen und Gefahren der „neuen Medien“ war das Thema. Da ich direkt aus New Orleans vom Münchner Flughafen nach Ebensee kam, wurde die „technische Infrastruktur“ zur Verfügung gestellt. Der Zugang zum Internet im Turnsaal funktionierte nicht auf Anhieb. Nervosität lag in der Luft. Ich selber war gelassen. Heute über Social Media in einer höheren Schule reden, heißt so viel, wie vor 30 Jahren das Autofahren zu erklären: Die meisten sind Autofahrer. Da könnte man analog über die digitalen Erfahrungen reden und sich über Erfahrungen austauschen. Auf meine Eingangsfrage: Wer nutzt Facebook? erheben praktisch alle SchülerInnen die Hand. Allerdings nur ein kleiner Teil der Lehrerinnen und Lehrer kennt Facebook  „von innen“ und nutzt es auch. Die einen fahren selber sehr viel mit dem Auto und die anderen kennen das nur aus Erzählungen von Unfällen, Rasereien, Gefährlichkeiten.

Facebook tickt wie ein Gasthaus

Diese gravierende Ungleichzeitigkeit zieht sich den ganzen Nachmittag bei dieser interaktiven Online-Präsentation durch. Ich weigere mich mit Powerpoint zu arbeiten. Es wäre für mich sonst so, als ob ich im statischen Flugsimulator eine dynamische und sich ständig ändernde Welt erklären würde. Live ist mein Anspruch und das hat schließlich mit „Surprise“ zu tun. Während des Vortrages haben nur ganz wenige der SchülerInnen ihre Smartphones in Betrieb und so bekomme ich aus dem Publikum Freundschaftsanfragen. Zwei habe ich angeklickt und im Publikum abgefragt. Sie sind seitdem meine Brücken in diese interessante Schule nach Ebensee. Anhand dieser zweistündigen Online-Präsenz wurde den „Anti-Facebookern“ die kommunikative Welt klarer, in die „Privates und Persönliches in einen abgegrenzten öffentlichen Raum gestellt wird“. Meine Ansage, dass auf Facebook dieselben kommunkativen Mechanismen laufen wie in einem Gasthaus hat den „FB-Offlinern“ vieles erklärt und die „fundamentale Urangst“ davor genommen. Meine Sicht dazu ist: Neues ist für 80 % zuerst mit Angst und Nein verbunden. Die Jungen greifen Neues hingegen unreflektiert auf, um die „Alten“ damit zu überholen und sich eine für die ältere Generation uneinsichtige „Eigenwelt“ zu schaffen.

 Die Chance zur internationalen Profilierung

Was war der Nutzen dieses Nachmittags der Ungleichzeitigkeit? „Jetzt haben einmal alle dieselbe Wissens-Basis und Einschätzung“, meint Direktor Steinkogler. Religionsprofessor und Initiator für diesen gemeinsamen Nachmittag Mittendorfer sieht, dass es eben keine allgemeine Lösung für „dieses Problem an der Schule und im Internat“ gibt. Meine Sichtweise ist die, dass „Aufklärung“ der Nutzer (User) und „Verantwortungsbewusstsein“ aller Beteiligten wahrscheinlich ans Ziel führen wird. Im Konferenzzimmer ging die Diskussion bei einem guten Kaffee weiter. Dort kam vor allem die Frage der „Kontrollierbarkeit“ auf: Wer kontrolliert, was über unsere Schule ins Netz gestellt wird? Meine Ansage dazu war der Hinweis auf eine ganz neue Chance für die Schule: Nicht die Kontrolle ist die erste Frage, sondern die Chance, dass SchülerInnen ihre Schule, ihre Ausbildung, ihre Kreationen schon aus einem bestimmten Eigennutz positiv darstellen und so „Ebensee eine geile Location für Modeentwicklung werden kann“. Die Social Media sind grenzenlos und so kann sich auch der Ruhm der Schule grenzenlos verbreiten.

Die Anfangsfrage bleibt in der Schule. Sie kann nur dort beantwortet werden. Die Basis für eine fruchtbringende Auseinandersetzung ohne „fundamentalistische Vorurteile“ ist gelegt. Risiko und Chancen liegen am Tisch. Wir werden sehen.

 

Die Jungen gehen für die anderen

Es stürmt und schneit. Vier Kinder als Sternsinger mit einer jugendlichen Begleitperson. Sie trotzen dem Wetter auf 900m Seehöhe und steuern Tür um Tür an. Der Gesang kommt manchmal mehrstimmig, manchmal verhalten, weil der Wind und die kalte Luft die Lungen noch gefüllt hält. Sie lassen nicht „locker“, denn es geht um zwei Dinge. Da ist die Botschaft vom Kind im Stall. Gott wird direkt sichtbar und erlebbar in dieser „ohnmächtigen Situation“. Die Fünf können das gut nachspüren. Dort leben Menschen in größter Armut, weil wir den Wohlstand auf ein Niveau getrieben haben, dass auf der Kehrseite ein immerwährender „Krieg“ herrscht gegen die Armen herrscht. Davon die Bewohner zu „überzeugen“ ist nicht gerade „in“. Wer in den letzten Tagen die Zeitung liest, könnte verzweifeln, mit welcher Dreistigkeit und Selbstverständlichkeit „oben zum eigenen Nutzen und Machterhalt abgeräumt wird.“ Die Frage der Gerechtigkeit war bei Jüngeren immer mehr ausgeprägt als bei den Erwachsenen. Die jungen Leute spüren, dass wir hier Handlungsbedarf haben. Und sie schlüpfen in Kleider,…. und trotzen allem, „was sich entgegenstellt“.

In unserem Bergdorf mit 1.150 KatholikInnen in der Kartei haben sich 12 Jugendliche gefunden, die diese Aktion ohne Pfarrer oder Hauptamtliche von vorne bis ganz hinten „durchziehen“. Es ist bewundernswert, dass Jugendliche ihre Zeit zusammen mit den Kindern einsetzen, um für andere zu gehen, zu singen, sich blöd anreden zu lassen, Geld zu bekommen, umsonst angeklopft zu haben, nass geworden zu sein, erschöpft heim zu kommen,…! Ich bin dankbar, dass in unserem Dorf diese „Tradition“ bis heute so „durchgehalten“ hat und mit diesem Einsatz durchgeführt wird. Der Jungschar-Verantwortliche der Diözese Linz schreibt ob dieser Tatsache in einem persönlichen Email. „Eure Pfarre zeigt, dass wir unsere Kirche auch in Zukunft attraktive gestalten können, unabhängig davon wieviel hauptamtliches Personal es gibt. Das beruhigt.“  Ja, diese jungen Leute lassen die Hoffnung nicht verschwinden, dass der Blick und der Aktionsradius über den eigenen Tellerrand hinausgeht. „Ein Zauber liegt im Teilen, so ist die Welt zu heilen“, sagen sie in ihrem Spruch, der unten angehängt ist.
Danke!

Sternsinger Kirchschlag 2

(Foto Sternsinger und Audio: Hans Breitenfellner)