Thema Zivilcourage: Migration ist Teil der Evolution

Prof. Markus Hengstschläger hat bei der Tagung  „Zivilcourage“ der Katholsichen Aktion im Parlament in Wien klargestellt: „Migration ist überlebensnotwendig und Teil der Evolution. Das Grundprinzip der Individualität und Flexibilität ist das einzige Konzept, um in veränderten Umwelten überleben zu können.“ Man kann nicht festlegen, welche Faktoren in der biologischen Weitergabe das Überleben sichern, aber Verschiedenheit sichert die Chance des Überlebens. Damit gibt er aus biologischen Gründen allen Systemen, die einen Zaun rund um ein Biotop errichten wollen, eine geringere Lebenschance als offenen und auf Diversität bauenden Gemeinwesen.

Der schwarze Birkenspanner hat überlebt

Hengstschläger hat auf humorvolle Weise eindringlich dargelegt, welchen Vorteil die Individualität hat. Der Birkenspanner (Schmetterling) hat normalerweise ein Aussehen wie die Rinde des Birkenbaumes. Das sichert ihm das Überleben, weil er von den Vögeln nicht gesehen wird. Es gibt aber auch schwarze Birkenspanner.  Im Ruhrgebiet ist die Rinde der Birken normalerweise schwarz vom Ruß und Schmutz. Dort hat der „normale Birkenspanner“ keine Chance und nur der schwarze Schmetterling hat sich binnen weniger Jahre durchgesetzt und überlebt. „Das war schon immer so“ und „wir sind aber viele“ ist daher kein Argument, will man in der Evolution überleben. Eine große Verschiedenheit ist die einzige Überlebenschance. Nicht Gleichmacherei, sondern Individualität sichert eine Zukunft, die wir nicht kennen können. Hengstschläger sieht als einziges Zukunftskonzept: „Individualität – Migration und Durchmischung – Teamarbeit.“

Fünf Pflichtgegenstände

Christian Felber, der die politische Dimension von Zivilgesellschaft in seinem Statement aufgearbeitet hat, schließt seine Ausführungen mit dem Vorschlag, fünf  Pflichtfächer in der Bildung aufzunehmen:

  1. Gefühlskunde: Was sagt mir mein Herz?
  2. Wertekunde: Was ist uns wichtig?
  3. Kommunkationskunde: Zuhören und sich ausdrücken lernen.
  4. Demokratiekunde: Entwicklung eines Souverenitätsbewußtseins.
  5. Naturerfahrenskunde: Was können wir von der Natur abschauen?

Ein Satz, den ich mir mit nach Hause nehme:

„Das Böse braucht das Schweigen der Mehrheit.“
Grund genug, sich einzumischen und die Stimme zu erheben.

Zivilcourage ist gefragt.

Manifest zur Zivilcourage der Katholischen Aktion Österreich:
http://religion.orf.at/projekt03/news/1011/ne101103_ka_fr.htm

[ http://www.kaoe.at ]

Heilige sein und werden: Anstosser, Türöffner, Tiefwurzler

Meine Ansprache zu Allerheiligen 2010 in der St. Anna Kirche in Kirchschlag:

„Liebe Schwestern und Brüder im Glauben an die Auferstehung!

Es klingt unglaublich, aber im Film „Am Anfang war das Licht“ P.A. Straubinger Menschen über die ganze Welt verstreut vor, die Jahre bis Jahrzehnte überhaupt nichts mehr gegessen und zum Teil getrunken haben. Er stellt zum Beispiel einen Schweizer und einen Saalfeldener vor, die seit mehreren Jahren ohne Essen und damit auch ohne Stuhl leben. Die interviewten Wissenschaftler, Ärzte sagen am Anfang unisono: „Das gibt es nicht.“ Je länger der Film aber geht, umso mehr beginnen sie zu staunen und auch zu fragen: Wenn es das gibt, dann verändert das unsere derzeitige Welt der Wissenschaft, der Medizin. Ganz am Schluss bleiben ihnen offene Fragen und der Filmemacher findet eine Antwort auf dieses „Phänomen“.  Mit meinen eigenen Worten und auch ein Stück persönlicher Erfahrung gesagt: „Wir begrenzen unser Bewusstsein, unser Denken zu viel Sichtbares und Messbares und schneiden uns so von der ganz großen Quelle der Energie und des Glaubens ab, dem „Himmel“ wie wir es nennen oder der großen göttlichen Energie wie es andere nennen. Diese Menschen leben vom Licht, von der Gnade, von Gott her.

P.A. Straubinger, der Filmemacher, ist durch einen Heiligen auf dieses Thema gestoßen. Er hat gelesen, dass Nikolaus von der Flüe mehr als 20 Jahre nichts gegessen hat. Er lebte als Einsiedler um 1450 in der Schweiz. Das war der Anstoß für den Ö3-Filmkritiker, selbst über Jahre mit der Kamera die ganze Welt zu bereisen und solche Menschen aufzusuchen. Ein Heiliger war der Anstoß dazu.

Heilige sind und waren immer ein Anstoß, ein Anstoß für uns alle. Das Fest aller Heiligen am 1. November kam im 8. Jahrhundert aus Irland und England auf den europäischen Kontinent und hat sich bald allgemein durchgesetzt.  Allerheiligen ist wie ein großes Erntefest. Die Frucht, die aus dem Sterben des Weizenkorns wächst und reift, sehen wir, bewundern wir und können wir auch selber sein. Darin sind uns die Heiligen ein Anstoß, eine Ermutigung, eine Hilfe, WegbegleiterInnen.

Heilige sind Türöffner in eine Welt hinein, die uns nicht automatisch geöffnet ist. Wenn ich die Seligpreisungen höre, dann läuft fast automatisch das rein weltliche Gegenprogramm mit. Wer hungert, soll arbeiten, wer trauert, wird seinen Grund haben, ohne Gewalt und Ellbogen geht nichts, Barmherzig? Da tanzen sie dir bald auf der Nase herum, Reines Herz – das ich nicht lache. Frieden, ja  wenn ich meine Interessen durch habe, können wir darüber reden, für jemand anderen einstehen oder gar Nachteile in Kauf nehmen? Ich stehe für mich.

Heilige stehen und standen immer für eine neue Welt, so wie Gott sie gedacht hat, wie Jesus sie den Menschen eröffnet hat. Heilige legen uns die Spur in diese neue feinfühlende Welt, die einen besonderen Blick für das Wesentliche und das Kleine, das Gebrochene hat. Die „Mitte am Rand“ war einmal ein Slogan. Wir wissen aber auch: Die Kirche selber hat solche Türöffner in die neue Welt oft verfolgt, weil sie die gängige – von der Welt geprägte – Kirchenmacht nicht anerkannt haben.

Heilige sind auch Tiefwurzler. Sie erahnen und leben aus der Kraft der Tiefe. Franz Jägerstätter wurzelte ganz tief ein in die Welt Gottes und ließ sich nicht irritieren oder verführen vom „warmen Wind der Nazi-Propaganda“. Ebenso Edtith Stein und viele andere in dieser Zeit. Sie reden den Leuten nicht nach dem Mund und stellen sich eigenverantwortlich den Herausforderungen der Zeit. Ein Pater Sporschil, eine Ute Bock, Menschen der St. Anna Pfarre in Steyr sind heute Tiefwurzler, die nicht lange fragen, ob das jetzt gelegen ist, sondern einfach einstehen, weil sie aus der Tiefe der neuen Gerechtigkeit Gottes ihre Kraft und Energie schöpfen.

Ich freue mich schon, dass ich morgen bei der Tagung „Zivilcourage“ im Parlament in Wien dabei sein darf. Einen Tag nach Allerheiligen passt dieses Thema sehr gut, auch für mich. In den ersten Jahrhunderten des Christentums, unseres Glaubens, ist der Weg der Kirche voller Märtyrer, die ihr Leben für ihren Glauben, der damals neu und ein Ärgernis für die Herrschenden war, lassen mussten. Wer in Rom in den Katakomben war, bei den Gräbern der Märtyrer,  konnte wahrscheinlich auch diese Kraft des Widerstandes spüren. Aus einer tiefen Wurzel kann couragiertes Handeln erwachsen, nicht verbittert, sondern klar und rein im Anliegen.

Ich lade heute ein, den eigenen Namenspatron oder Namenspatronin wieder einmal genauer „anzuschauen“. Wie weit war er oder sie ein Anstoß, Türöffner in eine neue Welt und Tiefwurzler mit Zivilcourage in seiner oder ihrer Zeit.

Wenn wir heute hier Allerheiligen feiern, dann vergessen wir nicht, dass Gott in der Taufe einen heiligen Kern, eine Berufung in uns hinein- oder freigelegt hat.

Bitten wir darum, dass es uns gelingt, offen zu werden für diese heilige Berufung, die Gott in uns hineingelegt hat. So sei es.“

Web 2.0 ist das Medium des Zweiten Vatikanischen Konzils

Noch gibt es viele Frauen und Männer, die aus eigener Erfahrung den Geist des Vatikanum II am eigenen Leib verspürt haben. Partnerschaftlich geschwisterliche Luft wurde geatmet.  Selbstbestimmtes und eigenverantwortetes Handeln wurde als besondere Herausforderung gesehen. Das persönlich gebildete Gewissen wurde die oberste Instanz jeder Verantwortung. Die Taufe ist das Grundsakrament und darin sind wir alle zu Priesterinnen und Priester geworden. Das vorher einseitige hierarchische und klerikale Prinzip der Kirche wurde ergänzt durch die  synodalen Füsse.  Der Kreis wurde zur Elipse mit zwei Brennpunkten. Gehorsam wurde zur kritischen Loyalität. Ich übernehme die Verantwortung für mein Tun und Handeln. Gott selber wird am Ende keine Ausrede gelten lassen. Ferdinand, du warst gefordert.

Genau diese Dynamik ist im Web 2.0 „abgebildet“. Es geht nicht um Hierarchie,. Die NutzerInnen bestimmen, was sie von sich erzählen und welche Personen und Informationen sie nutzen, um Entscheidungen zu treffen und Verantwortung übernehmen. Für nichts, was ich im Web hinterlasse, gibt nachher eine Ausrede. Wir sind als Menschen, als Christen gefragt.  Hellhörigkeit, Wachheit und ein Schöpfen aus der Jesus-Quelle kann uns stärken.

Was Bedürfnis der Zeit, ist Gottes Wille

Wer die LinzerKirchenzeitung liest, stößt dort auf diesen Satz, den die Provinzoberin Dr. Maria Bosco Zechner von den Kreuzschwestern von ihrem Gründer zitiert und selbst weiterkonkretisiert: „Jede Not ist ein Anruf an uns.“  Wir kennen die qualitätsvollen  Angebote an die Menschen an heute, die durch Ordensgemeinschaften heute getan werden. Oft denke ich mir, dass diese „Biotope der jesuanischen Menschlichkeit“ zu wenig in der Öffentlichkeit gesehen und gewürdigt werden.

Wo liegt die Not?

Nach meinem gestrigen Assisi-Vortrag im Haus der Frau in Linz hat sich ein sehr offenes und intensives Gespräch in einer Tischrunde ergeben. Die Frauen haben nicht nur die Amtskirche kritisch angefragt, sondern sich auch die Frage gestellt: Wo liegt die Not heute? Einige haben dann begonnen, ihre oft sehr prekäre Situation mit den dementen Älteren und Angehörigen zu schildern. Schon lange denke ich, dass Armut heute nicht die materielle Seite alleine trifft, sondern die Einsamkeit und das Altern in Würde. „Die Menschen haben vielleicht zwei drei W0hnungen, aber keinen Menschen in ihrer Nähe“, meinte auch dieser Tage eine mobile Pflegedienstleiterin. Das ist ihre eigentliche Not.

Was Bedürfnis der Zeit, ist Gottes Wille. Wenn heute viele, auch junge Bürgerinnen und Bürger, den Willen Gottes tun wollen, dann heißt das Zeit, Aufmerksamkeit, Zuwendung und Geduld zu schenken an jene Menschen, die das heute in besonderer Weise brauchen: die älteren einsamen Menschen. Manche Orden haben das sehr früh erkannt und dafür Einrichtungen geschaffen. Wir können ihnen nur danken.

Das würde viel Arbeit sparen, auch viele Tränen und viel Kritik

Der Bundespräsident hat am 26. Oktober 2010 gesprochen. Ein bestimmter „Wunschton“ lag hinter oder unter sein Rede: „Das würde viel Arbeit sparen, auch viele Tränen und viel Kritik.“ Es ging um das Bleiberecht für gut integrierte Familein.

Darf der Bundespräsident nur bitten?

Österreich ist ein Rechtsstaat. Das ist gut so. Es gibt parlamentarische Abläufe. Das ist gut so. Vorgeschriebene Konsultationsmechanismen sind festgelegt. Das erhöht die Plausibilität. Die Finanzkrise hat innerhalb von Tagen das alles geschafft und alle Zusagen waren da. Die Milliarden konnten fließen. Ob das für alle gut war, getraue ich mir nicht zu beurteilen. Was ich mir aber nicht vorstellen kann, ist die Hilflosigkeit und das bittende Gehabe des Bundespräsidenten, wenn es um gut integrierte Familien und das dafür nötige Bleiberecht geht.  Deshalb meine Bitte an Bundespräsident Heinz Fischer: Nicht mehr länger bitten, sondern die „humaitäre Krise“ sehen und wie bei der Finanzkrise alles in die Wege leiten, damit nach einer Woche alles klar ist und das Bleiberecht klar und eindeutig zugesprochen werden kann.

Danke!

„Kehren dem Klerus den Rücken“

Eine interessante Meldung lese ich heute 22. Oktober 2010 auf der Startseite des ORF: „Nachdem es mittlerweile ruhiger um die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche geworden ist, hat auch die Welle bei den Kirchenaustritten wieder nachgelassen. Hatte es Mitte des Jahres noch so ausgesehen, als würden 2010 mehr als doppelt so viele Menschen dem Klerus den Rücken kehren, wurde dieses Verhältnis nach Ende des dritten Quartals wieder unterschritten.“

Welches Kirchenbild? – kleruszentriert

Es geht mir nicht um die Zahl der Austritte, sondern um das Kirchenbild, das hier medial trasportiert wird. Ein Austritt ist meiner Ansicht nach nicht die Abkehr vom Klerus, sondern der Austritt aus der organisierten Christengemeinschaft, wo alle Getauften, alle Beauftragten und alle Geweihten gemeinsam Verantwortung tragen. Das kommt in den Medien und in der Öffentlichkeit nicht wirklich „hinüber“.  Warum?

Die Medien schauen nach oben

Eine zweite Meldung sticht ins Auge und hilft erklären, warum es hauptsächlich eine klerus- und bischofzentrierte Berichterstattung gibt: „“Nichts Unübliches“ und auch „nichts Neues“ erblickt der seit knapp einem Monat amtierende Eisenstädter Diözesanbischofs Ägidius Zsifkovics in den seit seiner Bischofsweihe zahlreich erfolgten Personalrochaden.“ Er stellt sich „sein Team“ zusammen – meint er. Das schaut nach Klarheit aus – Klarheit von oben. Das Ohr nicht bei der Diözese, sondern als Statthalter von Eisenstadt  in Rom. Also: Wohin werden die Medien schauen? Nach oben und werden bei dem jetzt vorherrschenden kleruszentrierten Kurs der römischen Kirche das auch so abbilden.

Nicht die Medien verzerren das Bild der „gemeinsam verantworteten Kirche in der Nachfolge“, sondern dieser  Bischof selber, der jahrelang die Bischofskonferenz als Generalsekretär so gestaltet hat. Jetzt zeigt er es seinen Bischofskollegen, „wie man das macht.“ Wir werden sehen – Austritte hin oder her.

Eine berührende Ansprache bei der Amtseinführung des Pfarradministrators Martin Schrems in Linz Auwiesen

Die Kirche ist ganz voll. Alle Altersschichten sind vertreten. Priester, PastoralassistentInnen und MinistrantInnen in liturgischen Gewändern. Der Pfarrgemeinderat in der vordersten Reihe und während des Hochgebetes um den Altar versammelt. Eine herzliche und offene Atmosphäre. Alles wartet auf den neuen Pfarradministrator Martin Schrems. Ich spüre, er fühlt sich mit der ganzen Gemeinde und den Kolleginnen und Kollegen verbunden. Ein positiv ausstrahlender Pastoralassistent neben ihm, Rainer Haudum. Am Ende sagt eine Frau hinter mir: „Der passt.“ Und ich denke in dem Moment an jene Pfarren, wo es eben nicht passt.

Am Beginn der Feier ergreift der Dechant das Wort. Und diese Worte haben mich angerührt – nicht nur mich, wie ich später gehört habe:

„In der Einladung zu deiner heutigen Amtseinführung als Pfarradministrator für die Marcel Callo Gemeinde hast du kurz und prägnant ein Leitbild für eine Pfarre formuliert: Gott baut ein Haus, das lebt – und wir in Auwiesen werden ihn gemeinsam dabei unterstützen. Und für heute in der Taufkapelle hast Du Worte von Marcel Callo ausgesucht: Wir werden gute Werkzeuge in der Hand Gottes sein, gute Bauleute der „Neuen Stadt“, wenn wir Christus in die Mitte unseres Leben stellen. Das Entscheidende und das eigentlich Faszinierende der „Baustelle Gemeinde“ in Auwiesen ist damit gesagt: Gottes Werkzeug bist Du. Keiner von uns allen wäre hier, hätte Gott uns nicht gerufen und eingeladen, mit zubauen an der „Neuen Stadt“.

Den Plan für diese Neue Stadt hat Christus – ihn willst Du, wollt ihr in die Mitte stellen. Da braucht ein Pfarrer gar keinen großen, neuen Plan entwickeln – er muss nur schauen, dass alle Bauleute gut am Werk Christi miteinander arbeiten. Und gar nicht gut wäre es, wenn der Herr Pfarrer nur immer sich selber auf der Baustelle herumwerkeln sieht und keinen anderen, keine andere hinzuläßt.

Liebe Pfarrgemeinde von Auwiesen!

Als Bauleute in diesem Werk Jesu habt ihr einen guten Ruf – und das hat wohl auch Martin gereizt, euer Pfarrer zu werden, zu euch zu kommen. Ob ihr natürlich in ihm den idealen Pfarrer bekommen habt, das wird sich erst erweisen nach jenen hoffentlich zahlreichen Jahren, wenn ihr ihn ebenso verabschieden müsst wie seinen verdienten und so beliebten Vorgänger Christian (Öhler). Ihm möchte ich heute noch einmal danken und ihm viele Freude und Kraft in seiner neuen Aufgabe in Bad Ischl wünschen. Dir – lieber Martin – vertraut der Bischof heute diese Gemeinde an. Sei ihr ein glaubwürdiger, gebildeter und moderner Pfarrer, der es versteht, in den Menschen mit ihren heutigen Welterfahrungen die Sehnsucht nach Sinn, nach Tiefe, nach Gott zu wecken.

Wir brauchen Frauen und Männer mit geistlicher und weltlich-geistiger Kompetenz für suchende Menschen auf der Höhe der Zeit, die erfüllt sind von Fantasie und Unternehmungsgeist, die aus einer tiefen Frömmigkeit leben, um es in so traditionellen Worten zu sagen, – diese aber nicht zur Schau stellen, die schweigen können und darum etwas zu sagen haben. Wir brauchen Männer und Frauen, die in sich ruhen, aber nicht bei sich stehen bleiben, die eine Leidenschaft haben für die Menschen, aber nicht in missionarische Penetranz verfallen. Wir brauchen Priester mit Stehvermögen.

Denn es ist nicht leicht, von der befreienden Botschaft Jesu zu erzählen und dabei sich selbst und seine Kirche immer wieder rechtfertigen zu müssen, weil ständig Irritationen von irgendwoher oder Rom kommen.

Was wir nicht brauchen sind ängstliche, ich-schwache Persönlichkeiten, die im kirchlichen Raum eher einen windstillen Ort suchen und denen der „römische Kragen“ von Anfang an verdächtig wichtig ist. Die sich bei Konflikten recht schnell auf ihr Amt berufen und auf ihre Verantwortung und dabei einen erstaunlich autoritären Stil an den Tag legen und nicht spüren, wie sehr ein solches Gehabe den Weg zu den Menschen verbaut, die sie doch gewinnen sollten.

Liebe Pfarrgemeinde, lieber Martin – seid gute Bauleute im Werk, das Gott bauen will. Gott vollende das Werk, das er in euch begonnen. Oder noch einmal mit den Worten eures Pfarrpatrons Marcel Callo:

Nehmt Christus in euer ganzes Leben hinein, in alle eure Handlungen; denn in dem Maß, in dem ihr IHN mitten hineinstellt in euer Leben, wirkt ihr für das Wohl der Gemeinschaft.“

Das Evangelium „freischaufeln“ – vor allem in der Kirche

Zwei ganz interessante Meldungen sind  mir  in den letzten Stunden zugefallen. Die erste: “ Auch wenn kirchliche Interpreten noch so oft den Zusammenhang von Säkularisierung und Moralverfall beschwören mögen – empirisch gibt es dafür keinen Beleg,“  betonte der Religionssoziologe und Leiter des Erfurter Max-Weber-Kollegs für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien  Prof. Hans Joas bei einer Tagung am 11./12. Oktober zum Thema „Wie wird der Glaube glaubwürdig?“ an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz: „Auch die These, dass Säkularisierung als komplexer Prozess der Zurückdrängung der Religion und ihres Geltungsanspruchs aus dem öffentlichen Raum mit einem Niedergang der Religion an sich führe, gilt laut Joas als nicht mehr haltbar.“

Neuevangelisierung in der Kirche selber

Joas spricht von Religion und nicht von Kirche – nicht von der römisch-katholischen Kirche, nicht von der Institution. Denn diese sieht in der Säkularisierung ihren Hauptfeind. Dort wird Säkularisierung und Verfall der Werte ident verwendet. Zumindest habe ich das sehr oft aus dem Mund des Linzer Bischofs so gehört und er hat sich dabei immer auf die Einschätzung „oben“ berufen. Deshalb gründet der Papst ein eigenes Ministerium für Neuevangelisierung und meint damit die „Etablierung des alten Geschirrs“ zur Bewältigung der „neuen Sichtweisen und Einstellungen auf Basis der Menschenrechte“. Dass eine Frau an sich nicht weihefähig ist, dass es in der Ehe kein Scheitern geben darf, dass es für Priester nur eine verpflichtende  Lebensform geben darf, dass die Sexualität nach wie vor schräg angeschaut wird,  sind die alten Gefäße, mit denen ein offener, jesuanisch denkender und fühlender Christ und Katholik sich schwer tut. Deshalb meine ich, dass es mehr ein Ministerium zur Evangelisierung der Kurie und des Vatikan selber braucht.

Ich bin überzeugt: Das Evangelium ist in jedem Menschen eingepflanzt. Wir brauchen es nur freischaufeln und gemeinsam leben. Die römisch-klerikale Kirche soll uns bitte daran nicht hindern und Barrieren  beim Weitergehen aufbauen.  Aber das führt zur dritten Meldung, die mir gerade im „Reader“ unterkommt: Laien noch mehr in kirchliche Ämter einbinden. ( http://bit.ly/dCluKO )