Ein PR-Blick von außen rät zu einem „Kirchen-Relaunch“

„Glaube gibt Halt“ hat die Agentur Como mit der Diözese entwickelt. Sabine Schimböck und Gerold Öller haben sich für die Pastoralkonferenz Linz-Mitte Zeit genommen und „Impulse aus Sicht einer PR- und Werbeagentur“ geliefert.  Nachdenklichkeit und ein Blick auf die Chancen waren die Folge der intensiven Auseinandersetzung.

Kirche als Marke sehen

„Kirche ist eine Marke, die Werte und Vorstellungen vertritt, die für Menschen relevant sind und darüber sollte mehr kommuniziert werden“, war gleich die Anfangsbehauptung von Geschäftsführer Öller, um gleich das Grundproblem anzusprechen: „Die Kirche beschäftigt sich zu viel mit sich selber! Nicht die Leute laufen der Kirche davon, sondern eher die Kirche den Leuten. Angebote kommen deshalb zu wenig hinüber“. Die Account-Managerin Schimböck ermutigt die SeelsorgerInnen: „Immer wieder zu den Leute gehen und von den konkreten Angeboten reden ist heute ganz entscheidend.“ Die Kirche wird als Lebensbegleiterin in schönen und schwierigen Lebenssituationen  wie Taufe, Hochzeit, Sterben und Notsituationen gesehen. Diese Anlässe müssen daher gut und professionell begleitet werden.

Meinungsverschiedenheiten und Reformstau verstellen den Blick

Meinungsverschiedenheiten über Werte, Vorstellungen und die Kirche selber verstellen den Blick für Kirchenmitglieder und Interessierte. „Was muss zuerst intern geklärt werden und was soll hinaus“, ist die Kernfrage. Die Basis ist aber eine transparente Kommunikation sowohl nach innen als auch nach außen.  Bevor es nicht gelingt, die Hauptprobleme intern zu lösen, wird jedes Tun nach außen davon überlagert. Öller: „Die Kirche ist gerade dabei, sich zu häuten. Sie muss ihre Haltung zu Zölibat, Sexualität, Frau in der Kirche und Wiederverheiratete neu hervorbringen und an heute anpassen.“ Gerade die TeilnehmerInnen an diesem Gespräch waren sich einig, dass zur Marke Kirche ein faires und geschwisterliches Austragen von Konflikten wesentlich dazugehört. Gerade diese Gesprächs- und Hinhör-Kultur sind heute gefragt.

Im Wettbewerb der Wahrnehmung muss ein „Church-Relaunch“ kommen

Der Mensch ist ein nutzenorientiertes Wesen und fragt immer: Was habe ich davon? Welcher Nutzen oder welche Lösung ist damit verbunden! Mit dieser Haltung ist positiv umzugehen. „Gerade die Sprache ist alt, unverständlich und zu viel im MUSS. Es braucht mehr chancenorientierte Kommunikation, ein positives Sprechen von Angeboten und vor allem den Sinn dahinter. Als Beispiel nennen sie die Ehevorbereitungskurse, die jetzt mehr als Verpflichtung kommuniziert werden und zu selten als Chance. „Worte sind zu abstrakt und sagen den Menschen heute nichts mehr. Was ist Anbetung, Beichte?“, fragen die beiden Kommunikationsexperten von außen und wissen aus persönlichen Gesprächen, dass die Menschen mit diesen Floskeln nichts mehr anfangen können.  Nicht Kirche oder Pfarre ist das Thema, sondern Glaube, Angebote und der Nutzen für den einzelnen. Sich den Menschen zuwenden und eine Sprache sprechen oder wieder lernen, die die Menschen sprechen. „Weil wir heute im Wettbewerb der Wahrnehmungen
(tägl. 8.000 Botschaften) stehen, braucht es Formulierungen, „die überraschen und das Wesentliche treffen“. Sie sollen von einer Begeisterung und Freiheit kommen, die andere anstecken kann. Deshalb sind sich viel im Klaren: „Es
braucht Adaptierungen, einen „Church-Relaunch“.

Die Spechte und Medien erkennen die befallenen Bäume

Du gehst durch den Frühlingswald. Baum an Baum reiht sich in die Landschaft. Da fällt dir der „Spechtbaum“ ins Auge. Große frische Löcher sind mit spitzem Schnabel in den scheinbar „gesunden Baum“ gehackt worden. Ich bin verwundert, dass der Baum so arg zugerichtet ist. Ich denke beim Hinschauen an die spitzen Schnäbel der Medien in den letzten Wochen. Der Kirche wurden zurecht Löcher gehackt. Es ist mancher Baum hohl und von Ungeziefer befallen.

Es hat gesund ausgesehen und jetzt diese Löcher

Die Natur ist eine guter Lehrmeisterin darin, dass sie Bilder für unsere Realitätsbetrachtung bereit hält, die schlüssig sind und gut verständlich.  Biotische Prozesse sind hilfreich in der Lebensbewältigung. Natürlich treffen diese Bilder die Realität nicht immer ganz genau. Wir wissen auch damit umzugehen. Jeder Vergleich hinkt ein Stück weit. Doch dieser Baum (siehe Foto) steht als Zeichen am Wegrand bei meinem Kapellen-Rundgang.  Vor einem Jahr ist der Baum noch gesund dagestanden und ich hätte nicht vermutet, dass er „in sich ein ihm fremdes Leben trägt“.  Es gab Anzeichen im Sommer, die man aber lesen können muss. Vergleichsweise viel Harz war am Baum und das sind erste Abwehrmechanismen gegen jeden Schädling. Jeder Waldbauer spürt in so einem Fall, dass sich hier etwas ansiedelt, seien es Borkenkäfer oder Ameisen in den Hohlräumen des Baumes. Es zeichnet sich etwas ab, von dem man noch nicht sagen kann, wie es ausgehen wird. Man hofft, dass der Baum unbeschadet überlebt.

Der Specht reinigt den Wald

Dann kommt der Specht. Dieser Specht zerstöft nicht den Baum, sondern reinigt den Wald. Das muss man begreifen und so sehen lernen. Natürlich werden heute wieder die Medien als Zerstörer gesehen, „die Kampagnen gegen die Kirche fahren“. Der Specht wird wird schlecht gemacht, wo er doch nur an den „kranken Bäumen“ herumhackt.  Die Medien sind „brutal hungrig“ und suchen ohne Unterlass. Wenn alles gut recherchiert ist, möglichst objektiv berichtet wird, dann müssen wir ihnen für diesen „Reinigungsdienst“ dankbar sein. Das Trostvolle in der Natur ist, dass im Schatten dieser Bäume schon die neuen Bäume wachsen. Oft sind sie von anderer Art und begründen einen gesunden Mischwald. Das wäre auch für die Kirche eine schöne Zukunft – nicht Monokultur sondern Mischwald.

Weinskandal und Schlangenhaut. Die Chance der Emmausgänge?

„Mit Sicherheit ist offenbar notwendig, was geschieht. Und mit Sicherheit birgt auch diese Krise den Keim für Neues, für neue Glaubwürdigkeit, neue Strukturen, lebensfördernde Rahmenbedingungen und neues Leben in sich. Vorrausgesetzt werden muss, dass man sich den Themen und Ursachen ehrlich  stellt und die Aufarbeitung, Ursachenforschung und Konsequenzen nicht scheut“, so schreibt Monika Greil-Payrhuber in ihrem Oster-Email an FreundInnen.

Verfrühte, aber notwendige Emmausgänge

“Wir leben in kirchenpolitisch sehr turbulenten Zeiten. Die Finanzkammer spricht von einer Welle an Austritten. Viele Menschen sind aufgeschreckt, empört, haben viel Vertrauen in unsere Kirche verloren. Die “Emmausgänge” mit Klagen und düsteren Prognosen finden heuer offensichtlich schon ein wenig früher statt. Diese “Gänge” sie sind allerorts anzutreffen und viele verstehen noch nicht ganz, was da gerade geschieht und warum es reinigend und klärend ist, was geschieht”, nimmt Monika G.-P. Bezug auf die kommende Zeit.  Wir haben in Kirchschlag die Emmausgeschichte als “Leitgeschichte” für die Arbeit und das Selbstverständnis der Pfarre. Wir sind getragen von der Hoffnung, dass sich einer dazugesellt und uns die Augen ein Stück weit öffnen kann für das, was nach dieser Zeit kommen wird.

Weinskandal und Schlangenhaut

In vielen Gesprächen verwende ich immer wieder den Weinskandal als die große Chance, die in dieser Zeit liegt. Damals ist alles zusammengebrochen und aus diesem Scherbenhaufen ist ein ganz neues Weingefühl erwachsen. Ehrliche Arbeit, professionelle Verarbeitung und Begeisterung für das Produkt haben zu dieser Auferstehung des Weines gefüht. Dieser Tage hat ein Geschäftsführer einer Werbeagentur vor den SeelsorgerInnen des Dekanates Linz Mitte gemeint, „dass sich die Kirche gerade häutet“. So wie eine Schlange immer wieder die äußere Schicht ablegt, so muss auch die Kirche einen „Relaunch“ wagen, ganz im Sinne des II. Vatikanums mit der gemeinsamen Verantwortung aller Getauften. Wir kennen die Grundintention Jesu, die in den Seligpreisungen enthalten sind. Wenn nicht die Begeisterung dafür in den Herzen der Getauften durch den Wind des Heiligen Geistes angefacht wird,  dann kann es keine Liturgie im neuen Wein geben.  Auch wenn einzelne reaktioniäre Kreise wieder in die alte Schlangenhaut zurückkriechen wollen, so steht ein für allemal fest: In diese Haut passt die neue auf gemeinsame Verantwortung aller Getauften bauende Kirche nicht mehr. Und von der Anbetung der alten Haut kann die gehäutete Schlange nicht leben.

Wunsch für die kommenden Tage

Monika wünscht im Email vor allem „Mut, Phantasie für neue Wege und viel Gottvertrauen in diesen stürmischen Zeiten, außerdem besinnliche Kartage und viele Auferstehungserlebnisse an Ostern, vor allem auch im Kreise von Freunden und Familie. Besonders aber wünsche ich euch die Offenheit für Begegnungen auf allen Wegen, erhellende Gottes- und Menschenbegegnungen, damit wir von Emmaus auch wieder zurückfinden zu Leben und Lebendigkeit.“ Ergänzen möchte ich: Möge dir Kirche ihre Angst vor sich selber ablegen, vor allem die Entscheidungsträger.

 

 

 

Kritische Loyalität oder loyaler Widerstand. Wem gehört die Kirche?

Von Loyalität, kritischer Loyalität bis hin zum Gehorsam, dem devoten Gehorsam war hier schon die Rede. Diese Überlegungen  ließen das „System Kirche“ und auch das Seelsorgesystem „Pfarre oder pastorale Knotenpunkte“ weiterlaufen, solange die Veränderungen nicht „abgesegnet“ waren. Die Laieninitiative geht einen Schritt weiter und spricht offen von „Widerstand“, von „loyalem Ungehorsam“ und selbstverantwortetem Tun.

Lebensbedrohliche Situation fordert neues Handln

„Seit über einem Jahr trete die „Laieninitiative“ für ihre Forderungen – etwa verheiratete Männer und Frauen als Priester oder eine Reform des Kirchenrechts, das derzeit den Menschenrechten widerspreche – ein, erklärte der stellvertretende Obmann Peter Pawlowsky. Bisher hätte sich aber nichts getan, obwohl man schon über 12.000 UnterstützerInnen verzeichne, darunter auch Geistliche“,  so liest man auf religion.orf.at und weiter: „Die Kirche „erleidet permanent schweren Schaden“, betonte Kohlmaier, es sei eine Leitung am Werk, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen sei. Korrekturen gebe es aber nicht, da man behaupte, von Jesus eingesetzt worden zu sein – so entstehe aber Weltfremdheit und Realitätsverlust. Die Amtskirche argumentiere, dass sie den Laien keine Rechenschaft schuldig sei, auch Kritik sei verpönt, sagte Vorstandsmitglied Heribert Franz Köck. Diese Auffassung sei aber „grundfalsch“, die Herrschaftsformen hätten sich seit der Antike verändert und dies gelte auch für die Kirche.“  Die Missbrauchsdebatte sehen sie als Anlass, „über die falsche Grundstrukur“ der Kirche für das 21. Jahrhundert offen und engagiert zu reden und zu handeln. ( http://www.laieninitiative.at/ )

Bischöfe in die Pflicht nehmen

Bischof Scheuer findet seit Jahren in diesen Tagen offene Worte zum Zustand der österreichischen Kirche. Bischof Fischer trifft mit seiner Feststellung von der „gsunden Watschn“ wieder voll ins Gestern. Bischof Müller aus Regensburg fühlt sich von den Medien verfolgt wie zur NS-Zeit. Alle anderen haben darauf hin wieder alle Hände voll zu tun, die verschüttete Milch aufzuwischen. Kardinal Schönborn ist dem Papst dankbar, dass er so geschrieben hat und zu uns nichts gesagt hat. Hier bleibt Spielraum für den „Kopiervorgang von Irland nach Österreich“. Nach allen Seiten wird beruhigt und die Diskussion soll wieder einschlafen. Entrüstung und fromme Ansagen. Das ist der Wunsch der schweigenden Bischöfe. Aus dieser jahrzehntelangen Erfahrung hat die Laieninitiative die Geduld verloren und die klare Ansage getätigt: Schaut euch selber auf eure Pfarren und Seelsorgeeinheiten. Tut dort das, was die Menschen brauchen und von der Kirche erwarten. Die Basis-Kirche muss belebt werden, will der ganze Organismus nicht sterben.

Der PGR-Kongress in Mariazell

Wenn zu Chisti Himmelfahrt etwa 500 delegiert Pfarrgemeinderäte aus ganz Österreich nach Mariazell kommen, werden alle diese Themen hoffentlich zur Sprache kommen. Ich bin selber dabei und werde als Vorbereitung zwei Tage von Ybbsitz  zu Fuss „anpilgern“. Wollen dort die Frauen und Männer nicht auf den Vertröstungstripp kommen, müssen wir gemeinsam ganz offen immer und immer wieder fragen: Wer trägt in Zukunft die Pfarrgemeinden? Und hier gibt es für unsere Breiten nur eine Chance: die Pfarrgemeinderäte mit den dazugehörigen Beauftragten und Geweihten. Denn die Kernfrage ist und bleibt: Wem gehört die Kirche? – den Getauften! Das ist mit dem derzeitigen römisch-klerikalen Kirchenbild, das wieder installiert werden soll nicht gleich kongruent. Aber: Wen gehört die Kirche?

Dammbruch für das Neue. Drum brich auf!

„Es kommt jetzt eine größere Ehrlichkeit: Schluss mit frommen Sprüchen, Schluss mit Betulichkeit, Schluss mit Vortäuschung von Machtstrukturen, die keine mehr sind. Wir müssen die Orte in der Welt entdecken, wo das Heil passiert, und nicht glauben, wir produzieren es. Das ist die Lehre Jesu“, so Sporschill im Presseinternview.

Die Feigheit fällt uns auf den Kopf

Die Kirche hat sich geweigert, die Realität zu sehen. Es ist vieles heute schon mehr Show als Realität. Tote Institutionen, leere Häuser, behinderter Fortschritt. Sporschill sieht als kirchliche Realität: „Die Schwäche in der Erziehung, die Mutlosigkeit, die Fantasielosigkeit, Neues anzufangen, die Ängstlichkeit, über etwas zu sprechen. Diese Feigheit, über Probleme zu reden, die fällt uns auf den Kopf.“ Jetzt besteht die Chance zur Veränderung: „Das Ärgernis ist, die Chancen, die man hat, nicht zu nützen. Jetzt werden uns die frommen Sprüche abgeräumt, jetzt wird manchem die Luft ausgelassen.“

Kirche im 21. Jahrhundert?

„Ich glaube so sehr an die Kirche und vor allem an die biblische Botschaft, an Jesus, der radikal ist vor allem im sozialen Bereich und in der Begegnung mit allem Fremden. Das wird bleiben und das hat Bestand. Ich erlebe die Kirche begeistert bei Straßenkindern, bei jenen, die vielleicht ausgetreten sind und mit unglaublicher Großzügigkeit helfen. Wir müssen ganz radikal auf diese Seite treten und nicht feig sein, nur an Altem hängen – das ist keine Zukunft. Ich hoffe, dass jetzt auch für das Neue ein Damm bricht. Vielleicht wird im Zuge dieses Dammbruches der Pflichtzölibat aufgehoben, vielleicht kommt auch das Priestertum der Frauen. Das alles kann kommen, wenn der Deckel, der jetzt zerbricht, weg ist“, so P. Sporschill im Interview.

Das ganze Interview ist nachzulesen auf: http://diepresse.com ,
Link direkt auf das Interview: http://xlurl.de/N6C7os

Die Pfarren werden anders

Auf dem Hintergrund der gängigen kirchlichen Praxis in den meisten Pfarren und mit einem klaren Blick auf die neuesten Umfragen zur kirchlichen Situation (auch mit dem nötigen Abstands zu solchen „Umfragen“) erahnen wir, dass sich hier einiges ändern wird müssen. Das Fremde, die Nichterfolgreichen, die an den Rand Gedrängten und vor allem die Andersdenkenden müssen einen zentralen Platz einnehmen dürfen. Kirche steht für Tradition. Auch Pfarren handeln demzufolge. Es braucht in unserer Gesellschaft Orte des Aufbruchs.

„Drum brich auf!“

So ruft  der Pionier Heini Staudinger im gerade erschienenen „Waldviertler“ den KundInnen zu. Das könnte auch den Pfarren und pastoralen Knoten gelten: „In erster Linie geht es nicht sosehr darum, genau zu erkennen, wohin die Reise gehen soll. Der springende Punkt ist, aufzubrechen. Endlich zu erkennen, was uns gefangen hält. Nur wenn wir dieses Gefangensein überwinden, wird es uns – mit ein bisschen Mut, Vertrauen, Zuversicht – , gelingen, uns in Bewegung zu setzen. Wenn wir uns nicht bewegen, bleibt alles so, wie es ist.“

Damit könnten sich die beiden Pioniere Sporschill und Staudinger nicht abfrinden. Auch wir Christinnen und Christen können nicht warten, bis die Bischöfe sagen: Jetzt gehen wir!

Wo sind die Vitalitätskiller der Kirche, fragt Bischof Scheuer

In einem Interview mit dem Tiroler Sonntag nimmt Bischof Manfred Scheuer sehr offen und direkt Stellung zu dem Umfeld, in dem die Missbrauchsfälle passiert sind und jetzt aufgearbeitet werden müssen. Er ist mir persönlich bekannt als „feinfühliger spiritueller Mensch“ und so sind auch seine Worte einfühlsam und klar.Quelle: Tiroler Sonntag „Es geht immer um persönliche Verantwortung“, meint der Jägerstätter-Kenner und Verehrer.

Sexualität, Zölibat und Machtgefüge klar angesprochen

Im Zusammenhang mit der sinkenden Glaubwürdigkeit der Kirche durch den Missbrauchsskandal müsse sich die Kirche heute auch der Frage stellen, was ihre „Vitalitätskiller“ seien, so Bischof Scheuer:  „Natürlich müssen wir überlegen, wo unsere Blockaden sind, und da müssen wir über Strukturen reden, über Sexualität, über den Zölibat,
auch über Bürokratie.“ Die jetzt nach Jahrzehnten öffentlich werdenden Ereignisse seien ein Grund über die Machtverhältnisse in der Kirche und eine „humane Sexualität“, die dem Menschen gerecht wird, nachzudenken. Die Kirche habe etwa im Umgang mit der Sexualität „oft nur die Gelegenheit zur Sünde gesehen“, bedauert der Bischof. „Das war nicht gut, weil es übertrieben war und weil nicht die Schönheit von Sexualität vermittelt wurde.“ Andererseits zeigten sich gegenwärtig auch die abgründigen Möglichkeiten von Sexualität, so Scheuer: „Da wird deutlich, dass es im Bereich von Sexualität Dimensionen gibt, wo einander sehr weh getan werden kann.“

Gott nicht auf  Moral reduzieren

Differenziert setzt sich Bischof Scheuer in dem Interview mit der Frage auseinander, ob die kirchliche Sexualmoral den Blick der Menschen auf die wesentlichen Glaubensinhalte verstellt. „Das Anliegen des Papstes, das Geschenk des Glaubens herauszustreichen, erreicht die Menschen nach meinem Eindruck nur wenig und wird kaum wahrgenommen“, stellt der Innsbrucker Bischof fest. Trotzdem wäre es seiner Meinung nach falsch, die Moral insgesamt beiseite zu schieben. Hinter den kirchlichen Geboten der Sexualmoral stünden „menschliche
Erfahrungen, die Beziehung, Humanität und Familie schützen sollen“, erinnert Scheuer. „Die Gebote sind so etwas wie Fixsterne, die der Orientierung dienen. Dabei ist es nicht hilfreich, Ideale ohne die Lebbarkeit zu vermitteln.“ Es gäbe so etwas wie eine Kränkung durch die kirchliche Sexualmoral, so Scheuer, „Kränkung insofern, weil zu wenig sensibel vermittelt wird, wie es nach Krisen und Scheitern weiter gehen kann.“

Quelle: Kathpress vom 18. März 2010 und http://www.dibk.at/index.php?id=3953&portal=6&isMeldung=1

Der Fall der Mauer. Ein Kommentar vom em. Betriebspfarrer Hans Gruber

Welch eine Woche für die Katholische Kirche im deutschsprachigen Rau. Eine Schreckensnachricht jagt die andere. Die KommentatorInnen ringen um Ausdrücke, die die Lage der Kirche beschreiben: Erdbeben, Tsunami, usw

Vatikanischer Granit

Neben Schreck und Eckel bewegen mich alten Pfarrer noch einige andere Gedanken. Aus der katholischen Jugendbewegung schöpfte ich den Mut als Schmiedegeselle Priester zu werden. Das Konzil der 60er Jahre bestätigte meine Hoffnungen, dass die Kirche keine alte unbewegliche Dame sei. So war ich mein ganzes Berufsleben bemüht, diese meine Kirche etwas nach vorne zu bewegen. 1966 war ich Gründungsmitglied der „Priestergewerkschaft SOG“. Neben liturgischer und disziplinärer Modernisierung agitierten wir an der Lockerung des Pflichtzölibats für Weltpriester. Wir kämpften um menschliche Behandlung heiratswilliger Kollegen. An der Regierungszeit des Papstes Johannes Pauls des II. wurde sichtbar, dass wir mit unseren Zielen auf vatikanischen Granit bissen.

Nur zwei Beschlüsse aus dem Dialog umgesetzt

1995 kam wieder Bewegung in die Sache. In Österreichs Kirche brach der erste Missbrauchsfall ganz oben aus: der „Fall“ Groer. Am daraus entstandenen „Kirchenvolksbegehren“ war ich aktiv beteiligt. 500.000 Unterschriften, dachte wir Akteure, könnte die Kirche nicht übersehen. Wir hatten uns getäuscht. Wenn nicht Bischof Weber gewesen wäre, hätte die Bischofskonferenz die Sache einfach ohne Reaktion ausgesessen. Weber rief 1998 den Dialog für Österreich zusammen. Von den 60 einstimmigen Beschlüssen der 300 Delegierten wurden zwei umgesetzt – durch Bischof Aichern. Alle anderen Reformvorschläge wurden in Schweigen und Untätigkeit erstickt. Oft wurde uns „Modernisierern“ gesagt: „Ihr liegt ja nicht so falsch, aber das kann nur gesamtkirchlich geregelt werden.“ Dieser Verweis hieß in der Regel: Lasst alle Hoffnung auf Veränderung fahren. Ein Wort von Bischof Erwin Kräutler kam uns jedes Mal in Erinnerung: „Brasilien hat riesige Probleme. Für Brasilien gibt es jedoch Hoffnung. Für den Vatikan aber nicht.“

20 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer

Das „Wunder“ des Mauerfalls nährte bei mir die Hoffnung, dass auch der Fels Petri irgendwann erschüttert werden könnte. In der Soziologie habe ich gelernt, dass eine etablierte Institution solange unverändert agieren kann, als ihre Mittel zur Regulierung und Disziplinierung wirksam sind. Ich hege die Hoffnung, dass die Kirche vor einem Mauerfall steht. Die DDR scheiterte an der Ökonomie und an der Ideologie. Es gibt gegenwärtig für beides Parallelen zur römisch-katholischen Kirche. Erstens gibt es gewaltige finanzielle Ausfälle für den Vatikan. Viele ehemals reiche nordamerikanische Diözesen, die für den Vatikan spendeten, sind pleite. Ähnlichres läuft in der Bundesrepublik Deutschland. Tiefgreifender ist die „ideologische Krise“. Jährliche Umfragen liefern stetig zu Tage, dass die Gläubigen um Welten von dem Abweichen, was der Vatikan als Lebenslinie vorgibt. Als Beispiel sehe ich die Differenz der offiziellen Sexualmoral zu dem, was heute gelebt wird – auch von KatholikInnen- schlicht desaströs. Erdbebenartig wurde nun in diesen Wochen bewusst, was ohnehin schon allgemein bekannt war, dass sie selbst nicht halten, was sie predigen. Die Auswirkungen sind katastrophal. Erneut wird sich ein Teil des Kirchenvolkes von der Amtskirche abwenden. In erster Linie nicht deshalb, weil die Priester „Sünder“ sind, sondern deshalb, weil sie das System verlogen finden. Dem als Dechant gewählte Pfarrer von Freistadt wird vom Bischof die Bestätigung verweigert, weil er mit einer Partnerin lebt. Andererseits wurden Kinderschänder weiter im Dienst behalten. Unglaublich.

Der Skandal hat den Papst persönlich erreicht

Noch bemühen sich die „Oberen“ um Schadensbegrenzung. Ich hoffe es gelingt ihnen nicht. Den Medien sei Dank,dass jetzt die ganze Welt weiß, was früher mit und hinter dicken Mauern verheimlicht werden konnte. Meine Hoffnung auf Veränderung stützt sich nicht zuletzt darauf, dass der Skandal nun auch den Papst selber erreicht hat.
Erstens hat er als Erzbischof in München einen Priester der wegen Kindesmissbrauch eine Norddeutsche Diözese verlassen musste in München wieder in Dienst genommen. Er wurde erneut straffällig. Nun bemüht man sich, den Papst rein zu waschen, indem man die Wiederbeschäftigung dem Münchner Generalvikar in die Schuhe schiebt. Als alter Gefangenenpfarrer hör ich da die Nachtigall singen: „Ich habe öfter als einmal den Prokuristen anstatt des Chefs im Häfen sitzen sehen!“ Zweitens hat Papst Benedikt als Chef der Glaubenskongregation an die 3000 Bischöfe der Welt erst 2001 einen Brief geschrieben, indem er befahl, mit Missbrauchfällen höchst diskret und geheim umzugehen. Er setzte damals noch den Tupfen drauf, in dem er auftrug, das Schreiben selbst unter Strafandrohung geheim zu halten.

Auf einem kochenden Topf ist nicht gut sitzen

Nun gibt sich der Papst „erschüttert“. Das glaub ich ihm. Auf einem kochenden Topf ist nicht gut sitzen. Gott gebe, dass es nicht nur den Papst erschüttert, sondern das ganze System. Allerdings berichtet der Vatikanexperte Andreas Englisch schon wieder von einem geistigen Schlupfloch für die päpstliche Verantwortung. Der Papst reagiere mit Verständnis auf Kirchenaustritte, weil er die Theorie der „Kleinen Herde“ vertrete. Er sagt: „Es ist besser eine kleine Herde zu haben“. Das macht mich als langjährigen Betriebspfarrer wütend. Jesus zielte doch nicht auf einen kleinen, elitären, konservativen Haufen. Er hat uns in die ganze Welt hinausgeschickt.

Frauenfrage als Angelpunkt für Männerkirche

Als junger Kaplan hatte ich über meinem Schreibtisch zwei Fotos hängen: ein Gruppenbild von 20 Kardinälen und ein Gruppenfoto des Obersten Sowjet. Der Vergleich war erstaunlich. Erstens glichen sich erstaunlich ihre ernsten, humorlosen Gesichter und zweitens gab es keine Frau unter ihnen. Mir war damals schon klar: autoritäre Systeme werden immer nur von alten Männern geleitet. Deshalb glaube ich, dass die Frauenfrage der Angelpunkt der Kirchenreform ist.

Hans Gruber ist nach wie vor ehrenamtlich in verschiedensten Seelsorgefeldern tätig und begleitet als Priester viele Frauen und Männer in der Arbeitswelt. Erreichbar ist er über das Urbi@Orbi ( urbi.orbi@dioezese-linz.at ), wo er auch ehrenamtlich tätig ist.

Man hätte mehr auf die Frauen hören müssen

Ich selber habe als 11-jähriger Petriner Glück gehabt. Wir waren die erste Klasse, die damals zwei weltliche Erzieherinnen bekommen hat. Damit war die „harte Männerdomäne entschärft“. Das wäre überhaupt der Schlüssel gewesen: Die Frauen sollten an leitenden Stellen die Geschicke der Kirche in die Hand nehmen.

Jahrelanger Einsatz der kfb gegen sexuelle Gewalt

Gegen eine Pauschalverurteilung der katholischen Kirche wegen des Umgangs mit sexuellem Missbrauch und Gewalt gegen Kinder und Jugendlichen wendet sich die Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs, Margit Hauft. „Die Katholische Frauenbewegung Österreichs setzt sich seit mehr als 20 Jahren mit dem Problem sexueller Gewalt gegen Kinder und Frauen auseinander. Wir haben nicht geschwiegen, sondern immer wieder an die Kirchenleitung appelliert, sexuelle Gewalt nicht weiter zu tabuisieren und Maßnahmen zu deren Bekämpfung zu setzen. Als größte katholische Laienorganisation im Land sind wir ein wesentlicher, aktiver Teil der katholischen Kirche Österreichs und lehnen deshalb jede Pauschalverurteilung der Kirche strikt ab.“

Die Katholische Frauenbewegung widmete bereits beim Festgottesdienst zu ihrem 40jährigen Bestehen im Jahr 1987 die Kollekte für die Errichtung einer eigenen Beratungsstelle für Opfer von sexueller Gewalt. 1989 gründete sie gemeinsam mit der Evangelischen Frauenarbeit in Wien die Beratungsstelle Tamar für Opfer von sexuellem Missbrauch, die später auch die erste diesbezügliche Ombudsstelle der Erzdiözese Wien wurde. Diese Funktion hat die heute eigenständige Beratungsstelle nun allerdings nicht mehr.

Bereits 1991 vor dem Fall Groer forderte die Katholische Frauenbewegung Österreichs im Rahmen einer Kampagne des Ökumenischen Forums christlicher Frauen in Österreich „Kein Schweigen zu sexueller Gewalt!“ Die Christinnen appellierten an Kirchen und Glaubensgemeinschaften, Information und Bewusstseinsbildung über die Themen Inzest, sexuellen Missbrauch, Vergewaltigung und sexuelle Belästigung in den Gemeinden zu leisten. Kleriker und Laien müssten für diese Probleme sensibilisiert werden. Die Errichtung und Finanzierung von Beratungsstellen und von Einrichtungen zur Krisenintervention wurde gefordert. Diese Kampagne wurde einige Jahre später wiederholt.

Im April 1995 als Anschuldigungen gegen Kardinal Dr. Hans Hermann Groer laut wurden trat die damalige kfbö-Vorsitzende Ingrid Klein für die unverzügliche Einrichtung eines Untersuchungsausschusses ein, dessen Ergebnisse veröffentlicht werden sollten. Das Thema sexueller Missbrauch von Minderjährigen dürfe nicht länger tabuisiert werden, betonte damals Ingrid Klein. Bis heute setzt die kfbö immer wieder Initiativen, um das Schweigen über Gewalt zu brechen. So warb sie zuletzt im November und Dezember 2009 für den Gebrauch des Frauennotrufs gegen Männergewalt.

„Trotz allem wird aber auch heute noch Männergewalt häufig verschwiegen, verdrängt, vertuscht und still von Frauen und Kindern erduldet, um den idealisierten Vorstellungen von Familie und Kirche zu entsprechen. Umso wichtiger ist es, dass nun Opfer von sexuellem Missbrauch durch ihre Erfahrungsberichte die Kirchenleitung zum verstärkten, effizienten Handeln zwingen“, erklärt die kfbö Vorsitzende Margit Hauft.

(aus www.kfb.at )