Das Klimapilgern zieht Kreise und lädt ein

IMG_0525Auch wenn ich selber „ganz schön tief oder hoch“ im Urlaub stecke, nutze ich einen Zwischentag, um auf ein paar aktualisierte Informationen zum Klimapilgern hinzuweisen. Auch deshalb, weil immer mehr Menschen anfragen, ob sie stückweise mitgehen können. Auf der Website sind sowohl die Route als auch die Tagesetappen gut ersichtlich. Der Rucksack der Alternativen, den wir am Weg füllen (lassen) wollen, wird ab September „geöffnet“. Auf Facebook kann jede und jeder schon „liken“. Würde uns freuen. Ich selber werde nach Paris zum Weltklimagipfel reisen. Gleisnost hat die Tickets für die Züge schon geschickt. Die beiden letzten Tage werden wir mit den deutschen KollegInnen „auf Paris zugehen“. Wird ein spannender Herbst.

Meine Motivation

999IMG_0427Der neunt höchste Berg von Vorarlberg (Hohes Rad 2.934m) war auf der Rückreise aus der Schweiz unser Ziel. Erstmals mit der Montafoner Bahn und Bus auf die Bieler Höhe. Ich kann das Reisen mit den Öffis so richtig genießen. Auf der Wiesbadener Hütte in der Silvretta (2.443m) wurde mir auf Schautafeln wieder einmal sehr eindrucksvoll vor Augen geführt, welche unmittelbaren Auswirkungen die Klimaveränderung auf die Umgebung der Hütte hat. Das Tempo der Veränderung nimmt in den letzten Jahren dramatisch zu. Vor 150 Jahren wurde erstmals der Piz Buin bestiegen. Seither sind die Gletscher schwer zurückgegangen. Es ist die Zeit der Industrialisierung. Die Zusammenhänge sind weiter zu denken, als für den aktuellen Wahlkampf gebräuchlich. Gedanken gehen mir durch den Kopf. Wieder ein großes Stück Motivation, „sich auf den Weg zu machen und nach Alternativen Ausschau zu halten“.

Wie geht Reduktion?

999IMG_0438„Das Gehen, das Pilgern über drei Wochen hat für jeden Menschen „heilsame Wirkung“. Sowohl körperlich als auch mental und spirituell öffnen sich neue „Zugänge“ zum Leben. Unsere gesellschaftliche Kernfrage ist nicht Wachstum, sondern: Wie geht Reduktion, ein Weniger, das Wesentliche. Gewohnheiten kommen in Gang und eine tiefe Erkenntnis geht von selber auf: das Leben hat in einem Rucksack Platz. Wir werden hinhören auf die Menschen und Initiativen, die schon Alternativen leben. Das nehmen wir im „Rucksack der Alternativen“ mit auf den Weg, bis zum Weltklimagipfel in Paris. Und aus Erfahrung kann ich sagen: Weitgehen verändert das Herz, die Seele, das Denken und Tun.“ Das habe ich für die Website als tiefe Motivation geschrieben. Die Einladung zum Mitgehen steht.

Der Genuss, Produkt zu sein

9DSC_0247Da gibt es Emails, die kommen bis in den Eingang und dann sind sie mit einem Klick vernichtet. „Es ist nicht zum derlesen“, hat dieser Tage ein Ordensmann gemeint. Ganz ehrlich: Da ist er nicht alleine. Mir geht es auch oft so. Viele scheitern in der Kommunikation am Unwesentlichen, weil sie den Löschen-Button nicht betätigen. Beim Email von „Social Media Watchblog“ bin ich vorsichtig. Da ist fast immer was „drinnen“. Diesmal fällt mir die Zwischenüberschrift auf: Vom Genuss, ein Produkt zu sein“.

Subjekt und Produkt

„Wenn du nichts dafür zahlst, bist du das Produkt – so lautet ein Standardsatz zu Social Media, mit dem die Vorstellung einhergeht, dass Social Media User von den Plattformen nur manipuliert und ausgenutzt werden. Rob Horning stellt dem die These entgegen, dass es gerade das ist, was User an diesen Plattformen genießen: Zum Produkt zu werden.“ Das macht mich stutzig. Hat der Mensch bisher immer als Ziel vor Augen, zum selbstbestimmten Menschen zu werden, so mutiert er in den sozialen Netzen zum „Produkt“, zum Objekt von undurchsichtigen Zusammenhängen. Und das macht ihm noch dazu Spaß. Er ist ein vernetztes Produkt, liegt nicht alleine herum, gehört dazu. Auch wenn der Mensch heute das Gefühl hat, dass er der Erschaffer des Produktes seiner Selbst ist, so bleibt die bange Frage: Wie wirkt sich das Produkt-Paradigma auf die Seele aus? Auch in der Markenwelt bildet sich jede Marke in einem „typischen Produkt“ ab. Will es und soll es. Bevor ich  nun den Urlaub antrete, muss ich mir noch überlegen, ob ich mich als „Urlaubs-Produkt“ entwickle oder der Raum doch etwas größer und fundamental freier wird. Eines weiß ich: Weite Offline-Strecken werden die Lust am Produkt-Sein und sich als Produkt zu schaffen reduzieren. Es macht mich eher kribbelig, wenn Menschen sich genussvoll zum Produkt entwickeln (lassen). Aber: Wenn ich zahle, bin ich Subjekt. Wir werden sehen.

Kein Plagiat zum Neoliberalismus

sws2009 war ich mit einer Presse-Reise in Berlin. Wir saßen alle erwartungsvoll an den Tischen. Da kam er. Er betritt den Raum. Schwang sich – ja, so tat er es – über den Tisch und nahm Platz. Karl-Theodor zu Guttenberg. Schaffte er sich bei uns noch den Tisch, stolperte er 2011 über die „Plagiatsaffäre„. Abgeschrieben. Das nahm ich mir zu Herzen. Abschreiben ist ein großes Vergehen. Schon in der Schule war bei der Schularbeit öfter der Augenwinkel „schräg suchend“. Einer meiner Kollegen war damals Sepp Wall-Strasser. Mit ihm war ich am Ortler. Weltumspannend, Frieden und Gerechtigkeit sind seine tiefe Leidenschaft. Er war und ist zeitlebens ein Pionier. Er hat „gerochen“, was in der Luft liegt und hat gehandelt. Schon Ende der 70-er Jahre einen „Friedensmarsch“ zu initiieren, war das Zeichen seiner antizipativen Fähigkeiten. Seit Jahren prangert er die Entsolidarisierung in Griechenland an und vernetzt sich mit dortigen GewerkschafterInnen. Heute zitiere ich ganz offiziell aus seiner FB-Seite. Ich schreibe es nicht selber, weil es ausdrückt, was uns verbindet. Er betrachtet die Zeit jetzt, die beschrieben, betrachtet, bewertet, beurteilt werden muss. Sepp ist inspirierend und „am Punkt“. Selber geschrieben könnte nur ein Plagiat werden. Franz Jägerstätter hat im Traum den Zug gesehen, der ins Verderben fährt und auf den alle aufspringen wollen. Das hat meine Wahrnehmung seit Jahren geprägt. Sepp Wall-Strasser bezieht sich im Text, der Analyse auf das Buch „Die Verrohung der Mittelschicht„:

Der Giftcocktail für unsere Zukunft

edition„Nach 20 Jahren Versuch, Neoliberalismus zu entlarven und zu bekämpfen muss ich jeder dieser Beobachtungen zustimmen. Die Gehirnwäsche ist so weit fortgeschritten, dass das Extreme nicht mehr als extrem, sondern als Normalität wahrgenommen wird. Deutschland marschiert nicht mehr mit dem stampfenden Stiefel Richtung Vormachtstellung, sondern schwingt sich mit der „sanfteren“ und zunächst unsichtbaren Methode des Erfolgreichen und Tüchtigen an die Spitze. Am Ende wid trotzdem der Stiefel wieder marschieren. Das zieht sich durch ganz Europa. So z. B. das Gleiche zu beobachten in Skandinavien: einst wirkliche Vorbilder, wurden vor allem Schweden und Finnland in den letzten 10 Jahren immer mehr von den Neoliberalen verdächtig oft gelobt für ihre „gelungenen Reformen“. Nun ist ihre Gesellschaft gespalten, und „plötzlich“ tauchen Hardcore-Extremistenparteien auf. Finnland wird zum Falken im Kampf gegen Griechenland und Russland….. Nichts fällt vom Himmel. Wir alle stehen fast ohnmächtig vor diesem riesigen gesellschaftspolitischen Tsunami. Früher hab ich mich oft gefragt, wie es möglich war, dass die Menschen die großen Verhetzungen – sei es den Hurra-Patriotismus vor dem 1. Weltkrieg oder den Wahn des Nationalsozialismus – nicht durchschaut haben. In den letzten Jahren wurde mir das klarer und klarer: Wir sind selber Zeugen solch einer riesigen Massenverblendung. Und diese wird deshalb nicht als solche wahrgenommen, weil ja herzeigbare BürgerInnen und PolitikerInnen, vor allem das Gros der bürgerlichen Medien und Presse (nicht nur der „böse“ Boulevard) diese Verblendung als die Normalität leben und repräsentieren. In der Regel aber haben sie keine Ahnung davon, wie sehr ihr Agieren in die Katastrophe führt. Dies entschuldigt sie nicht, sondern spricht noch mehr für ihre Dummheit. Dummheit als Unfähigkeit, in Zusammenhängen zu denken. Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung machen sich breit. Vor allem bei jenen, die dies durchschauen. Und eine nicht mehr zu kontrollierende Verunsicherung und Angst bei der „Masse“ (wie man das früher nannte), insgesamt ein riesiger Giftcocktail für unsere Zukunft.“

 

Sperrfrist neu

Die Regierung hat heute das 5 Punkte Programm zur Lösung der Flüchtlingsunterbringung präsentiert. Im Zug hat dieser Tage ein Mitreisender gemeint: „Wir werden uns in 10 Jahren schämen für diese Zeit.“ Ja. Das Vorhaben ist äußerst notwendig, um endlich die Flüchtlinge aus ihrem obdachlosen Gefängnis in Traiskirchen zu befreien. Es ist ein wichtiger Schritt am garstigen Graben zwischen Fremdenhass und Hilfsbereitschaft entlang. Menschenwürdige Unterbringung wird leichter möglich und Hilfsbereitschaft wird erleichtert, den NGO’s wieder direkt möglich. Auf meine Mauer hin zur Zivilgesellschaft habe ich einige positive Rückmeldungen bekommen.

Traiskirchen wäre in einem Tag halb leer

zeltePersönlich bin ich überzeugt, dass Traiskirchen in einem Tag halb leer wäre, wenn Einzelpersonen, Familien, „Amateure“ kommen dürften. Es gibt viele, die ein bis drei Flüchtlinge mitnehmen möchten und eine menschenwürdige Unterbringung zur Verfügung stellen könnten. Wer für die Grundversorgung zugelassen ist, kann mit jemanden mitgehen. Die Personalunterlagen bleiben im Innenministerium – soweit sie überhaupt vorhanden sind – und der „Abholer“ wird mit gültigem österreichischem Reisepass identifiziert. Die Adresse wird angegeben, wo die Unterkunft liegt. Standards sind in einem Merkblatt erläutert. Ein bis zwei Tage später kommt ein Polizist, eine Polizistin dorthin, wo die Flüchtlingen untergebracht sind. Er oder sie fragt nach, ob alles OK ist. Ich weiß schon: Amateure. Es geht mir um den Denk-Ansatz. Es gibt so viel Hilfsbereitschaft, die an der Mauer der Distanz abprallt, frustriert oder gelöscht wird. Ich weiß, für manche ein „irrer“ Gedanke. Bei allen aber, wo ich ihn probiert habe, hat er ein Nicken ausgelöst.

Wem wird das Mikro hingehalten

Wer im Mediengeschäft tätig ist, wird heute wieder Zeuge einer Medien- und PR-Meisterschaft, die da immer lautet: „Wer ist der Schnellere?“ Wer hat die erste Presse- und OTS-Meldung verschickt. Wer hat gleich einmal Stellung bezogen. Natürlich wissen wir, dass die 5 Punkte längst im Hintergrund mit den „medial schnellen NGO’s“ ausgetauscht sind. Stellungnahmen werden fast zeitgleich mit der Präsentation in Umlauf gebracht. „Der erste, der ausruft, bestimmt das Thema am Platz.“ Heute werden die Regierungsmaßnahmen „begrüßt“, für hilfreich empfunden. Es geht mir jetzt weniger um den Inhalt, sondern um die tiefe Dynamik der Medienwelt. Natürlich wissen wir, dass Politik und Medien  die Bühne bespielen und dort ihr „Theater-Stück“ inszeniert aufführen. Viel Geld wird in die Hand genommen, um die Schaupieler zu briefen, überhaupt einen Platz auf der Bühne zu ergattern. Und natürlich wissen wir, dass die Machtfrage das Grundthema jedes „medialen Polit-Stückes“. Genau deshalb ist ja entscheidend, wer zuerst mit wem auf die Bühne tritt, wem das Mikro hingehalten wird und wer die schnellste Antwort gibt. Auf der Bühne gibt es kein Nachdenken mehr. Es wird als „Hänger“ interpretiert, als fad dargestellt.

Eine Sperrfrist neu

Aber ganz ehrlich. Ich würde mir eine „Sperrfrist neu“ wünschen, die besagt, dass zwischen der öffentlichen Präsentation einer „Maßnahme“ und der öffentlichen Reaktion 24 Stunden liegen müssen. Man stelle sich vor, alle NGO’s regieren erst morgen Mittag mit einer Stellungnahme. MitarbeiterInnen, Mitglieder, BürgerInnen „müssen“ sich auf einmal selber Gedanken machen. Die 5 Punkte wirken einmal. Leser- und Leserinnen denken nach, selber. Reden. Diskutieren. Machen sich ein Bild. Es entsteht Raum. Freiraum. Kreativraum. Es beginnt etwas zu gären. Das Tempo verringert sich. Ich meine die der Medien. Klar ist: Es muss heute rasch gehandelt werden, aber noch rascher werden heute ja die Meldungen gehandelt. Eine Turbo-Maschinerie inklusive Twitter und Co ist im Gange. Die Position der meisten Menschen ist ja nur mehr die des Kameramannes oder der Fotografin. Wer berührt denn noch einen Flüchtling, wenn es so berührende Fotos gibt? Das Magazin „Brand eins“ hat sich die Faulheit vorgenommen. Das Thema Entschleunigung wird überall als „Tiefen-Thema“ unserer Gesellschaft gesehen. Ich frage einfach: Wie kann das auf die Medienmaschinerie angewendet werden? Wenn sich die Medien nicht entschleunigen, werden sich die Menschen abwenden. Das tun sie bereits. Offline ist Lebensqualität. Sozusagen persönlich verordnete „Sperrfrist neu“. Es bracht das entschiedene Tun. Das passiert hundertfach. Ich hoffe und zähle auf Medien, die das Tun suchen, beschreiben, zeigen und weniger Stellungnahmen und Polit-Theater in alle Welt übertragen. Aber ich höre schon einige sagen: Wach auf. Das ist auch dein Geschäft. Aber eine Sperrfrist nachher würde ich gerne einmal erleben.

 

Die aufgezogene Mauer zur Zivilgesellschaft

göttwTraiskirchen kennt mittlerweile jede und jeder. Die Emotionen sind unterschiedlich. Da Distanz und dort eine Welle der Hilfsbereitschaft. Da „Gott sei Dank ist das nicht in meiner Nähe“ und dort die drängende Frage „Wann werden diese Menschen endlich aufgeteilt?“. LH Haslauer von Salzburg hat laut SN bei der Eröffnung in Richtung Flüchtlingssituation gemeint: „Wir regeln ihre Untätigkeit und stricken daraus Faulheit. Wir geben ihnen das Notwendigste zum Leben und werfen ihnen vor, dass sie es annehmen.“ Er zitiert noch Erwin Ringel: „Diese Angst [vor dem Fremden] ist natürlich nichts anderes als mangelndes Selbstwertgefühl. Der Mensch, der ohnehin alles fürchtet, fürchtet natürlich ganz besonders den Fremden.“

Eine fremde Agentur

Natürlich frage ich mich in den laufenden Auseinandersetzungen oft, warum vielen bei dieser Flüchtlingswelle die Flüchtlinge so fremd bleiben. Im ganzen Mosaik der Erklärungen wurde mir bei einem Gespräch von Caritas, Diözesen und Orden auf Österreichebene ein Faktor klarer, der eine größere Rolle spielt als so manche denken. Ich bin jetzt kein Sozialexperte. Aber eines habe ich verstanden. Für die Erstaufnahme hat das Innenministerium ohne Ausschreibung eine Schweizer Sicherheitsfirma beauftragt und die NGO’s der Zivilgesellschaft „ausgebremst“. Niemand kann sagen, zu welchen Bedingungen diese Firma arbeitet. In jedem Fall steht „Profit mit Not“ schon vor längerer Zeit im Falter und weiter: Das Innenministerium schreibt die Betreuung von Flüchtlingen neu aus – und tut alles dafür, dass karitative Organisationen beim millionenschweren Auftrag nicht zum Zug kommen. Die Innenministerin (VP) hat beinhart privatisiert. Und jetzt wachsen ihr die Probleme über den Kopf. Warum? Sie kann den inneren Zusammenhalt der Zivilgesellschaft nicht „anzapfen“, weil die „fremde Agentur“ die Flüchtlinge fremd hält. Sie werden weggesperrt (siehe Traiskirchen), anstatt der Zivilgesellschaft übergeben. Ich denke an New Orleans. Dort wurde auch die Katastrophe privaten Firmen „anvertraut“. 82 Milliarden Dollar wurden hineingepumpt und 50.000 Häuser bleiben verwüstet. Ganz offen wird von Korruption und Bereicherung gesprochen. Der 7.000 Einwohner zählende Stadtteil der Viet-People in New Orleans hat die Katastrophe nach 6 Monaten ohne einen Cent von der Regierung beseitigt gehabt. 3-4 Meter stand das Wasser. Gemeinsames Engagement der Betroffenen im Netz der katholischen Community dort haben die Katastrophe beseitigt. Die Pfarren, kirchliche Personen, Ordensfrauen und -männer tun heute viel, viel mehr als viele sehen und doch zu wenig, was wieder einige „fordernd anmerken“. Sobald Flüchtlinge in der Zivilgesellschaft angekommen sind, werden die „Probleme“ gelöst. Da gibt es berührende Beispiele. Der Innenministerin sei gesagt: Haltet die Flüchtlinge nicht fremd. Entfernt die „fremde Agentur“ und lasst die zivilgesellschaftlichen NGO’s mit den vielen Freiwilligen nach Traiskirchen. Da bin ich wahrscheinlich ohnehin der zig Tausendste, der das fordert. In New Orleans hat es geheißen: Gebt die Stadt den Betroffenen. Gebt die Flüchtlinge den Menschen und haltet sie nicht in ihrer Untätigkeit gefangen.

Die Welt hat Fieber: 37,8 Grad

Kerstin schreibt heute in aller Frühe auf FB: „37,8 Grad gestern und die Nacht auf heute war die wärmste in der Geschichte Österreichs.“ Ich habe ihr spontan dazugepostet: „Oh, das schaut nach Fieber aus.“ Was ich ein wenig humorvoll mit einer Brise Morgenfrische losgelassen habe, hat mich jetzt tagsüber nicht losgelassen. Es tauchten immer wieder Assoziationen zu diesem Bild vom Fieber auf.

40,2 statt 42

999_IMG_9531Als Kind hat ich auch einmal starkes Fieber. Wir hatten Besuch von allen Onkeln und Tanten. Sie sind am großen Tisch in der Stube gesessen und sie haben geplaudert, diskutiert, gelacht. Ich bin am Sofa unter einer großen Tuchent gelegen. Ich war krank, ich hatte Fieber. Dann kam meine Großmutter mit dem Thermometer. Als Kind habe ich schon verstanden, dass 42 Grad das Ende der Fahnenstange ist. Von meiner Mutter habe ich da einmal gehört: 42 Grad ist sehr gefährlich. Ich habe den „Fiebermesser“ brav in der Achselhöhle gehalten. Es war Quecksilber und es gab noch keinen Entwarnungston. Lange haben sie gewartet bis meine Großmutter wieder gekommen ist. Sie hat ihn genommen, vor ihre Augen gehalten und gemeint: 40,2. Die Onkel und Tanten sind am Schlag ruhig geworden, fast aufgesprungen, dass ich erschrocken bin. Eine Tante rief fragend in unsere Richtung: „42?“ Meine Oma dann: Nein, 40,2. Da haben sie sich wieder niedergesetzt und doch besorgt über mein Fieber gesprochen. Es war nicht lebensbedrohlich, aber doch „nicht ganz ungefährlich“. Diese Begebenheit fällt mir ein, wenn ich an das auftretende Fieber auf unserer Weltkugel derzeit in Österreich gemessen denke.

Wie geht Reduktion? Die Qualität der Einfachheit

Ringstrasse in Wien

Ringstrasse in Wien

Das Gespräch, das ich Anfang Juli mit „der“ Klimaspezialistin Dr. Helga Kromp-Kolb vom „Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit“ in Wien geführt habe, hat verschiedene Aspekte angesprochen. Es ging immer um das konkrete und mögliche Tun der Menschen. Helga Kromp-Kolb sieht drei wichtige Bereiche: „Wir müssen heute neu über Werte reden. Was ist uns wichtig? Worauf kommt es an? Was brauche ich wirklich?“ Dann: „Was bedeutet der Klimawandel woanders, auf der anderen Seite der Welt?“ Der Umbau der Weltwirtschaft mit der Reduktion der fossilen Brennstoffe wie Erdöl und Kohle auf Null ist ein Muss. Ja, auf Null. Das heißt für uns konkret: „Einfacher leben.“ Schon lange trage ich die Kernfrage für unsere Tage mit: Wie geht Reduktion? Ich habe sie schon gelegen und ungelegen gestellt. Im politischen und wirtschafllichen Umfeld eher (nur) Kopfschütteln: „Wir brauchen Wachstum.“ Kromp-Kolb bejaht die Kernfrage nach Reduktion ganz vehement: „Wenn wir uns vor der Umgewöhnung scheuen, wird sich nichts ändern. Der Anfang ist immer schwierig. Erst langsam wird die Qualität der Einfachheit sichtbar und spürbar. Man sieht, dass heute viele Leute aussteigen. Die Fülle, die einem heute durch Werbung nahegelegt wird, ist nicht  mehr menschengerecht.“ Die Welt hat Fieber. Zu viele Fremdkörper sind in ihrem Organismus. Sie erhöht die Temperatur. Der Mensch nimmt dann meist kurzsichtig Antibiotika oder Klimaanlagen. Das Fieber wird gesenkt und indirekt die Verurscher, die Fremdkörper nicht bekämpft. „Das haben wir gleich“, sagt die Ärztin mit dem Antibiotikum in der Hand. „Es ist ja gar nicht so warm“, sagt die Klimaanlage, die ihren Strom aus dem AKW bezieht. Alles nicht so schlimm. Alles gar nicht so heiß. Manche meinen: „Die Welt hat bloß ein bisserl Temperatur.“

Europa muss sich nicht kahlfressen lassen

Die OÖN haben heute 20. Juli 2015 meinen Leserbrief von gestern übernommen:
„Der Leitartikel von Gerald Mandlbauer spricht die Situation klar an. Amazon nährt sich aus Europa. Ja. Und doch greifen die Gedanken zu kurz bzw. sogar in die falsche Richtung. Europa muss sich nicht kahlfressen lassen, weder von Amazon noch von den „Großen“. Es liegt an den Konsumenten selber, wo sie einkaufen und ob sie mit ihrer Bequemlichkeit die Kleinen vor Ort selber aushungern. Außerdem: Wer das Leben per Mausklick gewinnen will, kann sich alternativer Einkaufsplattformen bedienen oder sich direkt an die Verkäufer wenden. Amazon könnte sich nicht ausbreiten, wenn Konsumenten regionaler und lokaler denken und handeln. Eine schöne Aufgabe für eine Tageszeitung, Konsumenten dahin zu informieren, ihre allernächste Lebensumgebung lebenswert zu gestalten.“

Die Sünde der Distanz und bedingungslose Akzeptanz

Es ist warm, angeblich sehr warm für viele Menschen. Wer unter einem Baum sitzen darf und die Woche nach getaner Arbeit etwas Revue passieren lassen kann wie ich, wird Gedanken, Erfahrungen und Emotionen vorfinden. Meine Woche hat Alltägliches , vielleicht sogar Banales und wieder Beeindruckendes gebracht. Ein Video mit Angela Merkel und einem Flüchtlingsmädchen hat in den Social Media unglaublich Furore gemacht. Cecily Corti hat in Kremsmünster über ihr Engagement bei VinziRast erzählt und die Kleine Schwester Janine hat mir einen Text über ihre Erfahrungen aus ihrer Freundschaft mit Gefangenen geschickt. Eben beeindruckend.

Die Eliten halten Distanz

Frau Corti

Frau Corti

Frau Corti hat die ZuhörerInnen im Kaisersaal von Kremsmünster am Nachmittag schwer beeindruckt. Der Applaus nach ihrem Vortrag hat einfach nicht aufhören wollen. Es ging um Leid. Und sie hat ganz praktisch geschildert, wie sie zu ihrem Engagement von Pfarrer Wolfgang Pucher „verführt“ worden ist. Sie ist ihm in Wien begegnet und er hat dort von der „Sünde der Distanz und der bedingungslosen Akzeptanz“ gesprochen. Das hat sie angerührt. „Jede und jeder ist mit einer unglaublichen Macht ausgestattet worden. Es ist die persönliche Entscheidung eines jeden und einer jeden: Was führt diese Macht, unser Potential in Richtung Liebe?“ Und sie ist überzeugt: „Dort, wo ich selber anpacken kann, da bin ich gefragt. Es liegt an jedem einzelnen von uns, wie es mit der Welt weitergeht.“ Szenenwechsel. Ich gestehe: Ich möchte ja nicht in der Haut von Frau Merkel stecken. Das Video zeigt aber diese unglaubliche Distanz, die PolitikerInnen zu konkreten Menschen entwickelt haben. Ich will hier in keinster Weise richten, sondern einfach nur einmal wahrnehmen. Die Politik hat – mit allen Ausreden geschmückt – die Realität, die konkreten Menschen aus dem Blick, aus der Wahrnehmung verloren. Sünde kommt von „absondern“. Sie haben sich (zum Großteil) in ihrer Macht von Liebe, Zuwendung, Empathie abgesondert. Manche sagen, dass sie sonst „das Geschäft“ nicht aushalten. Was ist das für ein Geschäft geworden, wenn nur mehr mit der Sünde der Distanz geatmet, gesprochen, gehandelt werden kann? Erschütternd auch die Erfahrung des zurückgetretenen griechischen Finanzministers Varoufakis. Hier nachzulesen. Einfach zum Wahrnehmen.

Der Mensch lebt von Beziehung und Akzeptanz

Sr. Janine in der Mitte

Sr. Janine in der Mitte

Ich selbst habe während meiner Zeit, wo ich viel direkten Kontakt zu Obdachlosen hatte (Zivildienst, Dompfarre), erleben dürfen, dass diese Menschen für nichts dankbarer sind als für die Begegnung auf Augenhöhe und ohne Bedingungen. Sie haben ganz genau gespürt, ob sie sein durften, wie sie sind. Frau Corti hat das so geschildert (Vortrag ist hier zum Nachhören): „Es geht um freie Zuwendung, um wenig Kontrolle und wenig Regeln. Bedingungslose Akzeptanz. Der Mensch soll sich so angenommen fühlen, wie er gerade ist.“ Es erinnert mich an die Schwestern in New Orleans, die genau das den Homeless-People im „homeless shelter“ gegeben haben. Und die Kleine Schwester Janine schreibt in ihren Aufzeichnungen, die noch nicht veröffentlicht sind: „Wir sind weder Sozialarbeiterinnen noch Seelsorgerinnen, sondern nach dem Wunsch Bruder Karls (Charles de Foucauld) möchten wir Freundinnen werden denen, die keine Freunde haben. So versuchen wir einfach zu tun, was man in dieser Situation für seine Freunde tun würde. Es geht vor allem um Nähe und Treue, darum, mitzufühlen und  Zeit zu schenken, zuzuhören, beizustehen, kleine Dienste zu tun. Staunend und dankend dürfen wir hören und schauen, was Gott tut, oft auf scheinbar verwüstetem ausgetrocknetem Boden. Das Erlebte ist oft so intensiv und das Anvertraute so kostbar, dass es schwierig auszudrücken ist, ohne es zu verraten.“ Beeindruckend und demütig dankbar für solche Begegnungen. Das wollte ich einfach erzählen.