Nichts ist Gott ähnlicher als die Stille

Mit Andreas Knapp

Mit Andreas Knapp

Bescheiden und unauffällig bewegt sich Andreas Knapp von der Ordensgemeinschaft der Kleinen Brüder vom Evangelium in der Buchhandlung Herder in der Wollzeile in Wien. Gerhard Zach ist ein Buchhändler mit Botschaft und wunderbaren Büchern. In großen Lettern lese ich auf einem Bild: „Du musst nicht nach Amazonien reisen, wenn es dein Buch um die Ecke gibt.“ Oder so ähnlich. Er lädt immer wieder tolle Leute ein. Die Begegnung bei Wein, Brot, Wasser und Apfel gehört dazu. Heute bin ich hier, weil Andreas Knapp aus seinem Buch „Lebensspuren im Sand“ liest. Wie Charles de Foucauld verbringt er ganz alleine 40 Tage in der Wüste. Das Buch ist das „Spirituelle Tagebuch aus der Wüste“. Knapp hat eine kirchliche Karriere als Regens über Bord geworfen und hat den einfachen, den kleinen aber anspruchsvollen Weg in die Gemeinschaft gesucht. Ruhig liest er. Wir alle hängen an seinen Lippen. Seine Sprache ist so, dass im Kopf die Wüste, der Sternenhimmel, der Brunnen, die Stille „entsteht“. Ich atme tief aus an diesem Abend.

Erfahrung wie beim Gehen

Johannes Kaupp, Malanie Wolfers, Brigitte Thalhammer, Andreas Knapp

Mit Johannes Kaup, Melanie Wolfers, Brigitte Thalhammer, Andreas Knapp

Nach der Lesung kaufe ich das Buch, bekomme eine Widmung und wir tauschen unsere Erfahrung aus. „Weitgehen und Wüste haben ähnliche Wirkung“, meint er auf meine kurzen Erzählungen von meinen Weitgeh- und Pilger-Erfahrungen. Es ist das Alleine-Sein-Können. Es ist die Stille und der Kosmos. Die tiefe Dankbarkeit, die einem als ganzen erfasst. Da sein genügt. Schon am ersten Tag schreibt er: „Der Sinn dieser Zeit (in der Wüste) liegt gerade im Nichts-Tun. Wir sind gewohnt, in den Kategorien von Nutzen und Zweck zu denken. Viele Menschen erleben sich nur dann als wertvoll, wenn sie sich und den anderen durch ihre Arbeit beweisen können, dass sie von Nutzen sind.“ Der Wert den Menschen liegt nicht im Nutzen, sondern in der Würde und im Da-Sein. „Ich darf einfach da sein. Das genügt.“ So habe ich das auch beim Gehen erlebt. Ich bin einfach da. Selbst das Gehen war keine Leistung, sondern der tiefe Ausdruck der Weltbegegnung. „Das Leben kommt mir entgegen.“ Die Wahrnehmung verändert sich.  Die Propheten, Jesus, Franziskus gingen in die Wüste. 40 Tage. Nichts ist Gott ähnlicher als die Stille. Ich freue mich auf das ganze Buch. In aller Ruhe. Tag für Tag. Und wie schreibt Bruder Andreas am 40. Tag: „Wichtig ist jetzt das Weitergehen in der Hoffnung, dass das Gute, das ich gelebt habe, weiter wirkt.“ Ich spüre den Boden unter den Füssen, die wieder einmal weit gehen wollen.

Schiefe Ebene nach Wien

Zug und Wasser nach Wien

Zug und Wasser nach Wien

Die OÖN haben heute eine Studie in die Hände der Geschäftsführer des Instituts Wirtschaftsstandort Oberösterreich gelegt, um auf die Kraft und Dynamik des „k. u. k. Faktischen“ aufmerksam zu machen. Gerald Mandlbauer hat in seinem Kommentar gemeint: „Es würde heißen, dass alles Leben auf einer schiefen Ebene nach Wien zieht.“ Aus meiner Sicht ist das aber nicht nur in der Wirtschaft, in der Verwaltung, sondern auch in den Medien so.

Die regionale Autonomie

Seit nunmehr fast drei Jahren „schöpfe ich in Wien“, wie es dieser Tage ein Arbeiter in Erzählung seiner Tätigkeit gemeint hat. Wien war mir vorher „suspekt“ aus oberösterreichischer Sicht. Zu oft habe ich erlebt, wie „Wien“ sich im kirchlichen Kontext eingemischt hat oder wollte. Es gibt auch in der Kirche den Hang nach Wien, obwohl jeder Bischof seine Diözese eigenständig leitet und die Bischofskonferenz ein zahnloses Gremium ist. Dort wird beraten, aber nicht entschieden. Das tut jeder Bischof in und hoffentlich mit seiner Diözese. Könnte, wenn er wollte. Die Vielfalt der regionalen Wege wird und wurde von Wien aus argwöhnisch beäugt. Siehe Linzer Weg. Gerade die Bischofsernennungen werden vom Kardinal in Wien so gesteuert, dass nur ja kein neues „diözesanes Eigenleben“ aufkommt.

Wir haben keine anderen Medien

In den Medien ist es nicht anders. Ich habe mit einem österreichischen Präsidenten einer vielfältigen Organisation die „Zentralisierung nach Wien und die Wien-Zentralisierung der Berichterstattung“ in den Medien besprochen. Warum kommen fast nur Wiener Themen und Wiener Leute in den Österreich weiten Medien vor? Er darauf: „Wir haben in Wien keine anderen Medien als die Österreich weiten“. Alles klar. Da beißt sich die Wien-Zentriertheit in den eigenen Schwanz. Auch die Medienelite sitzt in Wien und dort sind Salzburger Nachrichten, die Tiroler Tageszeitung, die Kleine Zeitung, die OÖN oder die Vorarlberger Nachrichten „Blätter vom Rand, der Provinz“. Durch ihre „inhaltliche Vernetzung“ in den letzten Jahren bekommt die Peripherie etwas mehr „Kraft“. So findet sich der Artikel heute auch in der TT. Aber: Muss die Ebene schief bleiben? Richtung Wien?

Neu denken und Social Media handeln

Denkraum Rand © Werner Pfeffer

Denkraum Rand © Werner Pfeffer

Nein. Das ist meine Überzeugung. Wien wird noch größer. An der „umfassenden Zentralisierung aller gesellschaftlichen Felder“ arbeiten schier alle Kräfte, weltweit. „Je größer, desto toller“ ist die Devise. Dabei wächst im Untergrund, an den Rändern die Einsicht: „Je vielfältiger und vernetzter umso zukunftsträchtiger“. Das wird Handlungs-Denke. Ich genieße es immer mit meinem Freund Werner Pfeffer in den „Denkraum Rand“ einzutauchen. Ich habe die Aussagen des Papstes  schon mehrmals angeführt: „Geht an die Ränder.“ Dort, wo Rand ist, ist Kreativität, ist Lebenskraft, kaum eine Spur von Bequemlichkeit, von Abgehobenheit, da ist Augenhöhe und viel Hausverstand, Lebenserfahrung. Das täte vielen Verwaltungseinrichtungen und den dort Handelnden gut, in der Peripherie zu sein. Der Blick auf Wien würde anders ausschauen. Die Perspektive vom Zentrum ins Zentrum macht blind, selbstgenügsam, überheblich. Fremdheit würde einziehen und neue Blickwinkel würden sich den BeamtInnen in der Peripherie auftun. Über vernetztes Denken, über Social Media ist heute jede Verbindung und Verbundenheit möglich. Ich frage mich oft selber: Warum zieht die Finanzmarktaufsicht nicht einfach ins Waldviertel? Dort werden ohne sündhaft teure Studien schon die richtigen Fragen gestellt, die es dann zu beantworten gilt. Oder warum siedelt sich die EZB nicht in Griechenland an? Dort sehen sie die direkten Auswirkungen ihrer Politik. Oder warum zieht die AMA nicht ins obere Mühlviertel zu den Bauern? Da würden die Verantwortlichen sehen, dass die Bauern weniger Kontrollore sondern Helfer brauchen. So hoffe ich, dass Orden und Kirchen in der Peripherie bleiben und die Zeichen der Zeit vom Rand her deuten können. Alles Leben ist nicht in Wien. Auch wenn die Züge dorthin immer voller werden – und ich einstweilen dabei bin.

Synapsen und Movement

Wenn sich mein Vortrag in Salzburg „Mutig und ganz Ohr“ nennt, dann ist die Quintessenz für die Zukunft der Kirche für mich in zwei Worte gefasst: Synapsen und Movement. Aber was haben diese beiden Worte mit Kirche zu tun? Mit der Ordenskirche?

Synapsenfähigkeit

Es ist schon lange her, dass ich Wikipedia hier bemüht habe. Aber in diesem Fall muss ich es tun, weil dort glasklar steht, was gemeint ist: „Synapse (von griech. σύν syn ’zusammen‘; ἅπτειν haptein ’greifen, fassen, tasten‘) bezeichnet die Stelle einer neuronalen Verknüpfung, über die eine Nervenzelle in Kontakt zu einer anderen Zelle steht – einer Sinneszelle, Muskelzelle, Drüsenzelle oder anderen Nervenzelle.“ Ich sage es frei heraus: Wer heute nicht synapsenfähig ist, ist auch nicht zukunftsfähig. Warum? Es steckt im Wort. Zusammengreifen. Zusammenfassen. Zusammentasten. Auf verschiedenen Ebenen und Bereichen. Ich habe heute einen Tag zur gewaltfreien Kommunikation mitgemacht. Beobachtung, Gefühle, Bedürfnisse und Bitten spielen eine große Rolle, um Lebensstrategien zu entwickeln. Menschen sind heute vor allem in ihren Emotionen angesprochen durch Werbung, Medien und sozialen Netzwerke. Marken sind Emotionen. Damit werden Bedürfnisse kreiert, erzeugt in der Emotion des Menschen und schließlich produktorientiert befriedigt. Geschäftsmodelle lassen den Euro fließen. Meine Wahrnehmung: In vielen Bereichen sehe ich, wie einzelne Menschen und Gemeinschaften für sich und in sich alleine denken, handeln und leben. Kirche ist in vielen Fällen im Rückzug. Orden leben in ihren Autonomien. Anschlussfähigkeit im Sinne der Bedeutung des Wortes „Synapse“ steht noch aus. Also: Anschlussfähig untereinander und ebenso hin zu den Kontexten wird es dringend brauchen. Ich bin selber zutiefst überzeugt, dass es mehr Mut braucht, sich überhaupt mit dem „Fremden“ auf Augenhöhe zu begegnen. Biblisch: Die Gastfreundschaft dem Fremden gegenüber ist die größte Chance der Gottgegenwärtigkeit. Dazu braucht es wieder ein ganzes Ohr. #ganzOhr.

Bewegung und Perspektive

c_Helm_Romaria_2014_450Vieles ist eingefahren. Formen wie bei Gottesdiensten sind Rituale, die theologisch viel bedeuten, sich aber der Erfahrung und Emotion heutiger Menschen verschließen. Gemeinschaften sind oft so abgeschlossen, dass sie mit neuen Gesichtern nichts anzufangen wissen. Bei der letzen Taufe hat die Patin erzählt, dass sie ganz berührt war, als sie in New York in einer Methodistenkirche war. Dort wurden die Neuen hinaus gerufen und mit einem Segen willkommen geheißen. Anschlussfähig durch eine Bewegung in die Mitte der Gottesdienstgemeinschaft. Movement hinaus. Viel öfter wünschte ich mir, dass Ordensleute gerade im Jahr der Orden heuer „ganz andere Orte aufsuchen“, mit ganz fremden Menschen „mitgehen“, dort unterwegs sind, „wo keiner sie vermutet“. Es ist nicht einfach, in Bewegung zu kommen. Viele erzählen mir, dass gerade „Synapsen untereinander“ wachsen. Wir wissen: Im Sitzen geht es oft um Rangordnung und beim Gehen um Begegnung, einander zuhören, ermutigen, Nähe und Distanz, auf ein Ziel hin. Deshalb: Movement und Synapsen sind Zukunftsfaktoren einer lebendigen Kirche, auch Ordenskirche. Ein besonderes Ereignis wird daher die 6. Romaria-Wallfahrt. Synaptisch unterwegs.

 

Wirklichkeit sieht man besser von der Peripherie

223_1Mitte und Rand. Das sind nicht nur Begriffe, sondern viel mehr Sicht- und Bewegungsräume. Zentrum und Peripherie gehen mir schon lange nach. #ganzOhr ist für mich die Übung, von der Peripherie und den damit verbundenen Erfahrungen her zu denken. Papst Franziskus hat einer Armenzeitung ein Interview gegeben. Dort wurde er genau nach Peripherie und Zentrum gefragt. Er ist von der „Peripherie“ ins „Zentrum“ Rom gekommen. Er spürt und sieht: Die wirkliche Perspektive Gottes ist die Peripherie. Danke Bernd Hagenkord SJ für die Dokumentation des Interviews.

Der Papst wird gefragt: „Sie sprechen viel von der Peripherie. Woran denken Sie, wenn Sie von Peripherie sprechen? An uns, die Leute aus dem Armenviertel?“

Franziskus antwortet: „Wenn ich von Peripherie spreche, spreche ich von Grenzen. Normalerweise bewegen wir uns in Räumen, die wir auf gewisse Weise kontrollieren. Das ist das Zentrum. Aber wenn wir uns vom Zentrum weg bewegen, entdecken wir mehr Dinge. Und wenn wir dann von jenen Dingen, die wir entdeckt haben, wieder auf das Zentrum schauen, von unseren neuen Positionen, von dieser Peripherie, sehen wir, dass die Wirklichkeit anders ist. Eine Sache ist es, die Wirklichkeit vom Zentrum zu sehen, und eine andere ist es, sie vom entferntesten Ort zu sehen, an den sie gelangt sind. Die Wirklichkeit sieht man besser von der Peripherie als vom Zentrum. Auch die Wirklichkeit eines Menschen, der existenziellen Peripherien und sogar die Wirklichkeit des Denkens. Du kannst ein sehr scharfes Denken haben, aber wenn du dann jemandem gegenüberstehst, der außerhalb dieses Denkens ist und du irgendwie die Berechtigung deines eigenen Denkens suchen musst, und zu diskutieren beginnst, dann wächst du an der Peripherie des Denkens des anderen.“

Kirche ist nicht im Kontext

7_IMG_6542Wirklich tief beeindruckt komme ich von der Tagung der Oberinnen in Vöcklabruck. Ich durfte dort Sr. Edith Maria Magar von den Waldbreitbacher Franziskanerinnen zwei Tage live erleben. An die 100 Ordensfrauen gingen der Frage nach, wie ein gutes Miteinander von „Laien und Ordensfrauen“ gelingen kann. Die Waldbreitbacher Ordensfrauen waren Pionierinnen in einem neuen Miteinander, auf Augenhöhe, mit Übertragung von großer Verantwortung. Mit tiefem Vertrauen und höchster Kompetenz ausgestattet, haben sie ihre Werke übergeben, übertragen, in die Hände von Mitarbeiterinnen gelegt. Heute arbeiten in 200 Einrichtung etwa 20.000 Frauen und Männer. Sie ist als Generaloberin sozusagen die „Konzernchefin“ eines ausbalanzierten Netzwerkes von handelnden Personen, in den höchsten Verantwortungen fast nur Frauen. Sie spricht ruhig, hat eine ganz klare Sicht, leitet aus dem christlichen Selbstverständnis Anforderungen ab, immer gepaart mit dem Anspruch, alles im Prozess zu sehen. Die hohe Qualität in den Begegnungen spüre ich aus ihren Worten. Der „kollegiale Austausch auf Augenhöhe“ ist das Lebenselexier.

Anschlussfähig hinein in die Kontexte

9_IMG_6523Sie spricht von der Wichtigkeit der Firmen-Kulturen in verschiedenen Phasen der Veränderung. Vertrauens-, Fehler-, Ziel-, Macht- und Visionskultur sind die Schlüsselworte, wenn es um Veränderung, Unsicherheit, Euphorie, Widerstand, Dominanz oder Nostalgie geht. Die Methoden von gestern führen uns nicht in die Zukunft. Sie kommt auf die Kirche allgemein zu sprechen und eine Aussage geht mir nach, nicht nur bis hierher: „Die Kirche definiert sich nicht mehr in den Kontexten. Sie spricht dadurch isoliert.“ Durchatmen. Das Aggiornamento hat sie verlernt. Sie steht wie der Kardinal nach der Bischofskonferenz mit dem Zeigefinger in der heutigen Fortpflanzungsmedizin drinnen, ängstlich besorgt und mit der Keule „Gegen-Argument“ ausgestattet. Das ist meine Wahrnehmung und Sicht. Kirche sieht sich selber, „ihre Wahrheiten“. Ihre Dogmen stehen verlassen in der oft menschenleeren Gegend. Kirche hat es verabsäumt, in der Jetzt-Zeit zu agieren, sich daraus zu verstehen, aus dem Kontext zu lernen. Kommunikation ist dann oft der Werbe-Versuch, so zu tun, als wären wir da, mitten unter den Menschen. Das ist jetzt zu pauschal und zu negativ. Ich weiß. Ich wollte die Richtung skizzieren. 8_IMG_6514Es gibt Diözesen wie zum Beispiel die rund um Linz unter Aichern oder Limburg unter Kamphaus, die sich immer mit den „Lebenswelten“ der Menschen auseinandergesetzt haben. Es ist nur so, dass das von der römischen Kirche nicht honoriert wurde. Eher das Gegenteil war der Fall. Perfekt „römisch-katholisch“ war die letzten Jahrzehnte angesagt. Und was hat die Generaloberin zur Fehlerkultur gesagt: „Das beste Projekt war das, wo wir gescheitert sind und dabei so viel gelernt haben.“ Der Kontext ist nicht ohne Scheitern zu haben. Die Kirche „muss“ sich aber nach dem Beispiel Jesu inkarnieren, hinein in die genau heutigen Kontexte. Nicht mir kognitiven Argumenten, sondern mit gemeinschaftlichen „Heils-Erfahrungen“. Die Waldbreitbacher Franziskanerinnen tun das mit viel Mut und hoher Kompetenz. Anspruchsvoll. Merci, Sr. Eva Maria.

#Öffi: Ist es Ignoranz oder Gewohnheit?

Haselgraben B126

Haselgraben B126

Der Mittagsbus zieht behutsam seine Schleifen hinunter vom Bergdorf in den Haselgraben. Gute 400 Höhenmeter sind zu bewältigen. Deshalb ein paar steile Serpentinen, die die Bezeichnung Bergdorf rechtfertigen. Mein Ziel heute ist die Tagung der Höheren Oberinnen in Vöcklabruck. Diese Zeilen notiere ich im IC. Bis dahin bin ich zwei Mal umgestiegen. Bus Bus und Bus ÖBB. Der Bus Bus Umstieg oberhalb der Speichmühle auf der vielbefahrenen Bundesstraße lässt mir heute keine Ruhe. Es ist nichts passiert und trotzdem regt er mich auf, der Busfahrer.

Umsteigen als Dienstleistung mit Sicherheitseffekt

Fahrschleife

Fahrschleife

„I spü a Liad für di“ lässt sich der Buschaffeur aus dem Regioalradio durch seine Ohren ins Gehirn liefern. Dass ich hier mithören muss, finde ich für mein Musikempfinden nicht erhellend, aber es ist OK, dass ein Buschaffeur (auf dieser Strecke fahren bisher nur Männer) sich emotional mit „seiner“ Musik die Fahrt angenehm gestaltet. Manchmal meinen sie sogar, dass das für alle mitfahrenden Gäste eine Wohltat wäre. Das Lied ist aus und wir steigen um. Es ist immer spannend, ob der Busfahrer die vereinbarte Sicherheits-Schleife fährt oder uns die gefährliche Haselgrabenstraße auf eigene Faust überqueren lässt. Mein Bruder (er ist auch passionierter Öffi-Fahrer) hatte damals die geniale Idee, dass der Bus einfach eine kleine Schleife ausfährt, um die Fahrgäste (Kinder, Erwachsene und Ältere) direkt auf der gegenüberliegenden Seite bei der Haltestelle abzusetzen. Der Bus fährt seine 360° fertig und steht wieder bereit für die Abfahrt mit den neuen Gästen. Keine Baumaßnahmen nötig und maximial eine Minute weg von der Wartezeit – nicht Fahrzeit. Was wurde da alles überlegt: Zebrastreifen, Unterführung. So einfach geht es. Heute: Ginge es.

Heute Unwilligkeit und Wegschauen statt Empathie und Mithelfen

998IMG_6494Der Buschaffeur hat von dieser Sicherheits-Schleife in der Dienstanweisung sicher schon gehört, aber er ist zu „ignorant“. Ich spreche ihn an, während die 3 anderen Fahrgäste aussteigen: „Fahren wir nicht hinüber?“ „Jo, wenns woin fohr i umi!“ Der Unterton ist unwillig. Seine Gewohnheit spricht gegen diese vereinbarte „Sicherheits-Dienstleistung“. Heute waren keine Kinder dabei, aber das Hinüberkommen auf die andere Seite gestaltet sich (siehe Foto) wie ein Spießrutenlauf. Drüben angekommen denke ich mir: Ist es Ignoranz oder Gewohnheit? Einen kurzen Moment kommt die Frage: Ist es etwa Dummheit? „I spü a Liad“ lässt fast auf eine Dreierkombination schließen. Aber das ist jetzt böse von mir. Dass ich in Urfahr eine Jugendliche, die während der Fahrt ihre Straßenschuhe am Sitz positioniert hatte, wo sich andere wieder hinsetzen sollen, wie den Simon von Zyrene ansprechen musste, damit sie mir beim Hinausstellen des Kinderwagens für eine Mutter mit zwei Kleinkindern hilft, hängt mir auch noch nach. Was fehlt der Gesellschaft? Empathie, Aufmerksamkeit, Mitdenken, Mithelfen. Zu scharfer Local Detective? Es ist nur gut, dass es so viele Menschen gibt, die das leben, was die Gesellschaft zusammenhält. „Wie du die Dinge denkst, so wirst du, so strahlst du aus, so kommt es zurück.“

Familienfasttag zwischen mir, dem Waldviertel und Indien

Familienfasttag

Familienfasttag

Die kfb macht im Laufe eines Jahres verschiedene Projekte. Sie gibt dem oft männerlastigen und institutionsmaskiertem Gesicht der Kirche eine Frische, die weibliche Lebendigkeit an der Basis. Oben ist leider noch nicht viel möglich. Ein Projekt seit Jahrzehnten ist der Familienfasttag. Heute bei uns im Bergdorf wurde beim Wortgottesdienst, den Florian mit uns stimmig und ansprechend gefeiert hat, dieses Thema aufgegriffen, gedeutet, in einen Rahmen gesetzt. Während des Gottesdienstes musste ich immer wieder an eine Begegnung denken, die ich in Schrems beim Konzert mit Konstantin Wecker hatte. Mit uns war eine Frau aus dem Waldviertel, die dort in der pfarrlichen kfb sehr engagiert ist.

Dort und hier 

Sie hat in der Pause erzählt, dass sie gelernte Weberin ist. Vor mehr als 25 Jahren gab ist im Waldviertel noch eine Weberei-Schule. Dort hat sie mit einer ganzen Klasse den Abschluss gemacht. Arbeit gefunden haben allerdings immer weniger in der Gegend, weil eine Weberei nach der anderen zugesperrt hat. Sie erzählte von einem Klassentreffen kürzlich, dass nur mehr eine Person in dieser Branche tätig ist. Alle anderen mussten in andere Berufe wechseln. Bei der kfb und bei der Vorbereitung ist ihr aber die Weberei-Welt wieder begegnet. Aus Indien kommend. Sie hat in der Kirche ein Projekt vorgestellt, wo Frauen in Indien, die in der Weberei und Textilerzeugung arbeiten, darin unterstützt werden, dass sie mit Selbstbewusstsein und mit neuen Formen der Zusammenarbeit einen halbwegs gerechten Lohn bekommen oder sich erarbeiten können. Sie blickt uns irgendwie ein wenig fragend an. Die Weberei und Textilbranche wurde im Waldviertel zerstört und nach Indien verlegt. Dort konnte „besseres Geld“ gemacht werden.

Der Hilferuf hier und dort

Jetzt kommt der Hilferuf: Helft uns, dass wir von unserer Hände arbeit leben können. Dieser Hilferuf war damals im Waldviertel auch zu hören. Heini Staudinger hat im „viel mehr wesentlich weniger„-Gespräch geschildert, dass die Schuhbranche derzeit von China und Indien nach Äthiopien wandert, weil dort die Arbeitskraft um das 10-fache billiger ist als in China und Indien. Ich ziehe aus der Begegnung einen zweifachen Schluss: 1. Gut, dass die kfb sich um diese Frauen in Indien kümmert und ich mit meiner Spende dort beim „Aufrichten“ helfe. 2. Beim Einkauf schaue ich mit 15o%iger Aufmerksamkeit, dass Handwerk und Produktion bei uns in der Umgebung passiert. Tischler, Bauern oder Baufirmen sind heute Pioniere der neuen WIR-Produktion bei uns. Wir müssen sie sehen und uns mit ihnen verknüpfen. Beispiel: Waldviertler. So wirken wir am neuen Empowerment des lokalen Handwerkes mit. Zukunft in Sicht.

Mutig und ganz Ohr in Salzburg

PlakatPlakate kündigen uns an. Das STADTFORUM des kbw Salzburg hat uns eingeladen. Unsere Themen sind „Mutig und ganz Ohr“ und „An den Rändern finden wir die Mitte“. Mein Untertitel verrät „Die notwendigen Schritte einer Kirche der Zukunft“ und der zweite Untertitel lautet „Wo sich Christsein bewähren wird“. Ich kenne den Markussaal in der Gstättengasse 16 in Salzburg (noch) nicht. Am DO 12. März wird sich das geändert haben. Mein Vortrag beginnt um 19.30 Uhr. Der von „unserer Präsidentin“ Sr. Beatrix Mayrhofer startet am MI 18. März ebenfalls um 19.30 Uhr. Ich sehe meinen Part als Ouvertüre, um schließlich voller Mut und Aufnahmefähigkeit, Achtsamkeit Mitte und Rand auszuloten. Ordensleben, das mir in den letzten 2 1/2 Jahren ganz intensiv und nahe begegnet, sucht die Balance von Rand und Mitte, ganz offen für Gott und ganz Nahe bei und mit den Menschen. Ich freue mich schon auf diesen „Zweisprung“ in der Mozartstadt. Wer mitspringen will, ist herzlich willkommen.

Was wird angesprochen?

So lesen wir in der Ankündigung: „Wie können wir uns bereit machen für das Neue und dabei aus dem Alten, dem Bewährten lernen? In diesem Vortrag geht es darum, wie wir mutig das Neue (als Kirche) wagen können und wo wir vermeintlich bewährte Pfade verlassen (müssen). Es gibt drei Grundhaltungen der Zukunft gegenüber: 1. Die Verlängerung der Vergangenheit in die Zukunft hinein. 2. Das Innehalten und die Neuausrichtung aus der Vergangenheit heraus. 3. Das Denken aus der Zukunft in das Jetzt, das Heute herein. Jesus sprach vom Reich Gottes. Es ist nicht entscheidend, wer und was wir sind und haben, sondern mit welcher Haltung wir den Alltag leben. Wenn sich Mut und genaues Hinhören im Sinne von ganz Ohr hier verknüpfen, entstehen die konkreten Schritte in die Zukunft. Einen Schritt werden wir an diesem Abend setzen.“ Komm und sieh.