Wie geht raus?

Schon mehrmals hat sich bei Workshops, die ich in den letzten Monaten begleitet habe, die Energie auf diese Frage zugespitzt: Wie geht raus? Wie kommen wir zu neuen Leuten? Wie können wir unseren TeilnehmerInnenkreis erweitern? Wie geht Rand?

Kirchliche Einrichtungen erscheinen abgeschlossen

999_IMG_6043Seit Papst Franziskus sich selber und damit sein Papstamt „bewegt, vagabundierend, hinaus“ angelegt hat, ist vielen kirchlichen Gruppen und Einrichtungen ihre „Abgeschottetheit“, ihre „Inner Circle Mentalität“ und der damit verbundene Prozess der oft radikalen Verkleinerung und Überalterung bewusst geworden. Einzelne Bischöfe haben dieses Faktum sogar ideologisiert und als Visionsbild in die Zukunft gestellt: Wir werden kleiner, weniger, unbedeutender. Die Kraftlosigkeit wird zum Programm erhoben. Aus meiner Sicht wird diese Denke gerade schmerzliche Realität. Hängende Schultern, geängstigte Zurückhaltung, leise Stimmen, angepasste Themen, Klagen über die Zeit, nur keinen Wirbel. Was ist Magnetismus, was bedeutet Attraktivität? Immer öfter richten sich jetzt Frauen und Männer, Verantwortliche an den Handlungen und Worten des Papstes auf, körperlich, mental und spirituell: Wie geht raus?

Eingefahrene Hohlwege

Als Kind kenne ich noch die „Hohlwege“. Durch jahrzehntelanges Fahren in einer Spur mit unterschiedlichen Steigungen wurde der Weg unterschiedlich ausgeschwemmt und immer tiefer zum sonstigen Niveau. Mancherorts konnte ich gar nicht hinausschauen, weil der Weg so tief „eingefurcht und eingefahren“ war. In den letzten 20 Jahren gab es aus dem Vatikan immer nur eine Ansage: Bleibt auf diesen eingefahrenen Wegen. Das sind die bewährten katholischen Pfade. Nicht vom Weg abkommen. Auf der Strecke bleiben. Aber: Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke. „Eine verbeulte Kirche ist mir lieber“, sagt Papst Franziskus. Die Hohlwege sind heute wenig begangen. Was passiert? Sie verwachsen und werden immer weniger begehbar. Die Leute suchen sich neue Pfade, dort wo andere Menschen sind. Wie geht raus – aus den Hohlwegen? Mit den Menschen mitgehen, gerade auf den neuen Pfaden – auch in den neuen Social Media „Hohlwegen“.

„No fear“ und Synapsen bilden

Foto: Alois Litzlbauer

Foto: Alois Litzlbauer

Es macht mich jedes Mal etwas „mulmig“, dass gerade die Ansage „no fear“ in kirchlichen Kreisen für Überraschungen, Nachdenklichkeit sorgt. Die letzte Papst-Epoche in ihrer Ängstlichkeit und Rückgezogenheit hat eine „Angstkultur“ geschaffen, die tief in die Menschen, ChristInnen und die Verantwortlichen „eingezogen“ ist. „Sind wir eh noch katholisch?“ – war eine häufige Frage, die oft auch als Drohung und zur Unterwerfung eingesetzt wurde. Die Frage zielt auf Enge, nicht auf „Aschlussfähigkeit und Weite“. Aber: Dieser Papst hat den Mut-Himmel geöffnet. Nicht verbal alleine, sondern in seinem Handeln, den Begegnungen und seinen „Bildern“. Darin kommt der „jesuanische Habitus“ so klar heraus. Im Grunde haben meine Workshops immer wieder drei Ebenen: 1. Das persönliche Empowerment zum „no fear“. 2. Die Kenntnis darüber zu erhöhen, was Menschen heute suchen, brauchen, realisieren, leben wollen. 3. Die Erhöhung der persönlichen und institutionellen „Synapsen-Fähigkeit“ mit Menschen und Gruppen auf den kreativen Flächen wie „Bühne, Bewegung, Musik, Kunst und Sozialem“. Meine Überzeugung: Dort wollen Menschen etwas tun. Das sind Tun-Felder, die „engage and involve“ möglich machen. Das braucht eine offene Anschlussfähigkeit auf Augenhöhe zu ganz neuen Menschen, Gruppen und Institutionen. Hierarchie war gestern, Netz ist heute. Von kristallin zu fluid. Und die beiden Fragen: Wo begegnet dir Mitte? Wo begegnet dir Rand? Das sind die Brennpunkte der Ellipse.

70 Jahre Lebenserfahrung und noch mehr

Nächsten Samstag bin ich zu einem 40er eingeladen. Ich freue mich schon, weil ich sicher liebe und gute alte FreundInnen und Bekannte treffen werde. Ich musste immer schmunzeln: „Ihr seid in dem Jahr geboren, in dem ich reif wurde. Schulisch gemeint.“ Ein toller Zeit-Artikel beschreibt die Dekaden durch das Leben. Natürlich war ich neugierig, was die Dekade 50-60 „hergibt“. Ja, ich fühle mich „verstanden“. Da denke ich an die besagte Freundin, die in die Dekade 40-50 eintaucht. Sie darf gespannt sein und sich freuen. Übrigens wie alle Menschen, die einen „positiven Zugang“ zum Leben wählen. Jede Dekade hat alle Lebensfacetten. Die Kunst besteht ja darin, „in der richtigen weil aktuellen Dekade anzukommen und dort zu gestalten“. Ich selber war um den 30er nicht immer „kongruent“. Der Wunsch, jünger sein zu wollen, war die Versuchung.

Christoph Schönborn und Anselm Grün

Igrünn diesen Tagen haben zwei Männer den 70er gefeiert, die die Kirche „prägend mitgestalten“. 70 Jahre Lebenserfahrung ist doch mehr als ein Kübel voll. Beide hinterlassen ihre Spuren auf sehr unterschiedliche Weise. Da geht es nicht um besser oder schlechter, sondern um das Anders. Der eine ist ein Benediktinermönch, schreibt Bücher in Fülle und trifft mit seiner Sprache und seiner Lebenssicht Millionen von Menschen. „Anselm Grün“ füllt Säle und lässt Buchhandlungen jubeln. Er ist einer jener Lebemeister, die christlich geprägtes und inspiriertes Leben zugänglich machen, anschlussfähig halten. Da spielt die Organisation #Kirche nicht immer die erste Rolle. Nein, er lässt sich nicht von ihr behindern, obwohl er ganz in ihr, in der #Ordenskirche lebt. Ganz anders Christoph Schönborn, erster Repräsentant der katholischen Kirche in Österreich, medial und organisatorisch hochstilisiert zum „einzig wahren Gesicht der Organisation“. Die hierarchisch tickenden Medien hierarchisieren hier mit. Dann verknüpft weit „hinauf“ in den Vatikan als Berater für alles erdenklich Mögliche. Das hebt die Autorität, weil der Vatikan für viele Insider ein „hinaufhebender Kontext“ ist. Papstfreund. Intimus. Da bleiben die medialen Münder offen. Damit steigt die Bedeutung, wenn ein Bischof, als Kardinal in die Nähe des Papstes gerückt wird. Dass Bischofsernennungen daneben gehen, nicht stattfinden, steht auf einem anderen Blatt.

Bei und mit den Menschen

schönbAber: Es braucht eine Menge Lebenserfahrung, um den Change zu bewältigen, wenn ganz oben von Benedikt auf Franziskus umgestellt wird. Das lange ORF-Orientierung-Interview mit Christoph Riedl zum 70er zeugt von „Synchronisierungsschwierigkeiten“. Zu schnell. Veränderungen. Tempo. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass das Los der Bischöfe bisher „Fremdbestimmung durch Rom“ lautete. Das Gefühl nährt sich auch aus jahrelanger Erfahrung mit der Amtskirche. Und heute sehe ich noch nicht den Willen, die Sache in der Diözese „mutig und frei anzupacken“.  Zögerlichkeit. Da sehe ich einen Anselm Grün, der den Blick frei und ungeschminkt in seinen Büchern auf „das Leben“ richtet. Nicht Organisation, Gesetz und Macht sondern Leben, Dienst und Verstehen. Das spüren die Menschen und deshalb fühlen sie sich hingezogen. Zu Millionen, was die Auflagen erzählen. Bischöfe müssen ihre Lebenserfahrung dahingehend (noch) ausbauen. Das geht auch – laut Zeit-Artikel – ab 70. Die bedingungslose Hinwendung zu Menschen ist immer möglich. Als Bischof, Autor, Mensch. Mit 40, 57 oder 70.

Top Five der Spiritualität

999_IMG_5946Ich nehme die Zeit(ung) in die Hand. Jemand übermittelt mir einen tollen Artikel via Twitter. Dort bin ich bei einem Gespräch dabei. Im Daringer Kunstmuseum halte ich selber neben den „innigen Skulpturen“ meinen „Weitgehen ist heilsam“ Vortrag. Inspirierende Umgebung. Hellwache Hundertschaft. Immer versuche ich, das Radar eingeschaltet und auf Neugierde gestellt zu haben. Tauchen irgendwo von irgendwem hilfreiche Ansätze und Impulse auf, um „das Leben besser zu verstehen“?

Sprache, Symbole, Rituale

Den Vortrag von der Diplompädagogin Sabine Zwierlein-Rockenfellner bei den Ordensschulen in St. Virgil zum Thema „Management und Spiritualität“ erwische ich nur mehr im Finale. Es geht um die Zusammenfassung. Das ist jetzt verdächtig. Ich nehme mein „Schreibbuch“ heraus und notiere Folgendes mit: „Sprache, Symbole und Rituale sind im Management unterschätzt.“ Die Referentin fasst nochmals die Top Five der Spiritualität zusammen. Die Pädagogin und Coaching-Expertin nennt fünf Punkte, die sich als entscheidende Faktoren für 999_IMG_5999Spiritualität herauskristallisiert haben.

1. Communio: Der Verbundenheit in der Begegnung auf Augenhöhe ermöglicht eine „Theophanie in und aus der Begegnung“.

2. Präsenz: Da-Sein in einer hellhörigen Achtsamkeit.

3. Geheimnis: Das Leben jedes Menschen liegt nie einfach total offen da. Der Geheimnisfaktor öffnet auf Transzendenz – für uns ChristInnen auf Gott hin.

4. Aufgeschlossen-Sein: Es geht um das „geöffnet“-Sein für die Fülle, die Möglichkeiten, das Ganze, die Lösungen.

5. Humor: Da geht es schlicht und einfach um die Selbstironie und die Distanzfähigkeit. Ich höre: Glücklicher, leichter müssten sie mir aussehen.

Fünf Worte, Begriffe, Realitäten pinnen für eine Zeit vor mir. Als Ermutigung. Und für den Workshop mit dem PGR St. Franziskus Wels letztes Wochenende reiche ich sie nach für ihr „Why“. Neugierig? Gut so.

 

 

Die Champions League und die leeren Schipisten

999_IMG_5925„Wir wollen zu den besten gehören“, höre ich seit Jahresbeginn immer intensiver in der OÖ Politik von ganz oben. Damit will der ganz oben unseren Ehrgeiz anstacheln. Er trifft damit auch die oberösterreichische Seele, die immer auch nach oben sucht. Aber bei weitem nicht nur. Es heißt aber litaneiartig: Wir müssen die besten Köpfe nach OÖ holen. Koste es, was es wolle.

Aber was bedeutet Champions League für jede/n ?

Bei  Champions League denke ich an Fußball, volle Stadien, Millionen an Umsätzen und Fernsehzuschauer (ich verzichte auf das Binnen-I) und elf aktiven Fußballern (auch hier kein I). Sie laufen, sie trippeln, sie unterhalten uns mit der runden Kugel 90 Minuten lang. Mehr oder weniger. Über die Preise unserer alltäglichen Produkte (Auto, Bier, Netzbetreiber, Marken) bezahlen wir diese „Milliarden-Maschinerie“. Elf laufen und Millionen sitzen. Nein: Springen auch manchmal auf. Und konsumieren. Elf kassieren und wir Millionen zahlen die Champions, inklusive Hintermänner und Agenturen. Dort wollen wir hin, heißt es im schwarzen Umfeld seit ein paar Jahren. Die besten, die teuersten, die international renommiertesten Persönlichkeiten holen wir. Damit steigen wir ein in das Geschäft der Champions League. Viel Geld für wenige, Unterhaltung für alle. Bewegung bei wenigen. Passiv-Sport bei vielen. Soweit das Paradigma.

Die SchifahrerInnen sind schon in der Champions League

Schauen wir woanders hin, auf den „Schizirkus“, wie er sich selber nennen lässt. Österreich ist Weltspitze. Ganz oben. Dort fahren einige für uns um Gold bis Bronze. Alles andere ist uninteressant in der „Stangen-Champions-League“. SchifahrerInnen werden in der Werbebranche als „Markengesichter“ vorgeführt. Da geht es um viel Geld, das über unseren Warenkorb finanziert wird. Beim Schifahren sind wir dort, wo OÖ hin will. Ganz oben. Und mit welchen Folgen?

Die Schipisten sind leer

Dieser Tage hat ein befreundeter Familienvater ein Foto von der Schipiste in Hinterstoder auf FB gepostet: „@Hinterstoder: Leere und tolle Pisten!“ Was bedeutet das? Wir sind beim Schifahren in der Champions League und die Leute fahren nicht mehr Schi. Wir haben es ganz nach oben geschafft und das dahinter liegende „Aktivitätsmodell Schifahren“ stirbt gerade. Freilich: Schröcksnadel hat in den letzten 25 Jahren alle kleinen Lift mit rechtlicher Akribie und der Sichtweise „Schischaukel“ umgebracht. Je größer, desto cooler. Alle sollten an den Champions-Pisten wedeln, Lust am Carven entwickeln, sich als toll erleben. Wir gewinnen heute zwar Goldmedaillen, die Pisten bleiben leer.

Die Lust am Leben

Ganz ehrlich: Wir sollten nicht nach oben streben, sondern die Freude am Kicken in den Parks und Hinterhöfen „just for fun“ anwerfen. Nicht die Streif bringt uns alle weiter, sondern der schneebedeckte Hügel oder die Gstetten in der Nähe. Da wird die Lust am Schnee, an der Bewegung an der Basis spürbar und nicht an die Champions League, an die Streif delegiert. Die Gesellschafts-Elite braucht „die Streif“. Der Geld-, Medien- und Wirtschaftsadel inszeniert sich und macht den Anschein des „Millionengeschäftes“ für Österreich. Durchatmen. Gedanke: Gestalten wir Wirtschaft mehr nach dem Commons-Prinzip (auch weltweit) und weniger nach dem Ranking-Prinzip. Geben wir der „intrinsischen Lust am Arbeiten“ mehr Platz als der „extrinsischen Weltrangliste“. Lokale Klein- und Mittelbetriebe werden links liegen gelassen. Die vielen lokalen Vereine und Initiativen wollen und können nicht in die Weltrangliste. Einzelne Primarii machen Image, die 423 Knieoperationen müssen oft schlecht bezahlte Ärzte machen. Gemeinden organisieren Fahrkarten für das Musiktheater und haben keine Ressource mehr für die lokalen Kulturinitiativen. Es geht nicht um die Goldmedaille, sondern um die Lust am Arbeiten, an der Bewegung, am Leben. Ich möchte PolitikerInnen ermutigen, das mehr zu sehen. So wie hier.

Die Geißel der Radikalisierung

wig_haidingerAbt Christian Haidinger ist Vorsitzender der Männerorden in Österreich. „Was ich glaube?“ wurde er von ORF Religion als erster gefragt zum Fokus „Radikalisierung“. Er schildert darin seine Sichtweise und seinen Zugang zur heutigen von Gewalt aufgeladenen Welt. „2000 Jahre hat die Katholische Kirche gebraucht, um positiv auf die anderen Religionen zu schauen“, führt Haidinger den Fokus zuerst „auf uns selber“. Er bezieht sich auf Nostrae Aetate, wo es heißt: „Zuerst füreinander interessieren, dann mehr voneinander wissen und in einen ehrlichen Dialog eintreten, damit wir uns gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen können.“ Religionen haben eine Aufgabe in dieser Welt und sind nicht überflüssig: Friedensstifter und Gerechtigkeitsstifter.

Gewalt nicht mit Gegengewalt beantworten

Wer wie ich 1975 bei der Zivildienstkommission auf Gewaltbereitschaft abgeklopft wurde, kann ich Abt Christian verstehen, dass die Gewaltbereitschaft und die Ablehnung von Gewalt in jeder Situation sehr persönlich ist. Das braucht eine starke Persönlichkeit und Mut. Das ist das genaue Gegenteil von Feigheit oder Passivität. Aktive Gewaltfreiheit ist auch für mich die höchste Form des Dialoges, um aus der Gewaltspirale herauszukommen. In jedem Menschen die Würde sehen und dass er ein Geschöpf Gottes ist, in ihm Gott wohnt. Deshalb darf ich nicht morden, einfach zurückschlagen. Für mich als Christen heißt das, auf Gewalt mit Ehrfurcht, Güte und Barmherzigkeit zu antworten. Abt Christian sagt: „Bewusst andere Akzente setzen.“

17 Kamele

Mehr als 70 Schulverantwortliche lauschen dem Schweizer Pädagogen Andreas Müller. Ich sitze auch darunter. Müller hat eine involvierende Art und nimmt die ZuhörerInnen immer wieder mit „Denkübungen“ herein. Am meisten beeindruckt hat mich folgende:

„Ein Vater hat in seinem Testament bestimmt, dass sein Besitztum – 17 Kamele – wie folgt aufgeteilt werden: Der älteste Sohn erhält die Hälfte, der zweitälteste ein Drittel und dritte Sohn ein Neuntel. Nach dem Tod des Vaters möchten die Söhne das Erbe aufteilen. Aber sie finden keine Lösung, da sie die 17 Kamele nicht töten wollen. Ein Mullah kommt auf einem Kamel vorbeigeritten. Sie bitten ihn um Rat.“ Müller schaut in die Gesichter: Welchen Rat hat er ihnen gegeben? Stille. Nachdenken. Flüstern. Schwätzen. Was kann die Lösung sein? Probieren sie es, ohne hier gleich weiterzulesen. Stopp.

 

kamelPlatz zum Denken!

 

Ungeduld kommt auf. Hier die Lösung, die ein Denken außerhalb der „linearen Denkbewegung “verlangt. Also: Out oft the Box. Und wie geht die Lösung jetzt wirklich? Der Mullah borgt den drei Söhnen sein Kamel. Damit sind es 18 Kamele. Die Hälfte sind 9. Ein Drittel sind 6. Ein Neuntel sind 2. Also: 9 + 6 + 2 = 17 Kamele. Alle gehen zufrieden ihre Wege. Ich muss lächeln. Wo sind meine Kamele, die ich zur Lösung von Konfliktsituationen für andere zur Verfügung stellen kann?

Eine berühmt gewordene Gewissenserforschung

Pfarrer Wöckinger

Pfarrer Wöckinger

Franz Wöckinger hat gleich nach dem 22. Dezember die „Gewissenserforschung von Papst Franziskus mit der Kurie“ übersetzt und zusammengefasst. Danke dem Pfarrer von St. Georgen an der Gusen für die Prägnanz. Hier die Liste der „15 Krankheiten der Kurie“ vom 22. Dezember 2014.

1) Die Krankheit, sich unsterblich, immun oder unersetzbar zu fühlen:

„Eine Kurie, die sich nicht selbst kritisiert, die sich nicht selbst erneuert, die nicht versucht, sich selbst zu verbessern, ist ein kranker Körper“. Der Papst erinnert: „Ein Friedhofsbesuch könnte uns helfen, die Namen der vielen Menschen zu sehen, die vielleicht meinten, unsterblich, immun oder unersetzbar zu sein“. Es ist die Krankheit jener, die „sich in Herrschaften verwandeln und die sich erhaben über alle fühlen anstatt zu Diensten aller. Sie kommt oft von der Pathologie der Macht, vom Erwählt-Sein-Komplex, vom Narzissmus.“

2) Die Krankheit des übertriebenen Arbeitens:

Die Krankheit derjenigen, die sich, wie Marta im Evangelium, „in die Arbeit stürzen und dabei unausweichlich das Bessere vernachlässigen: das zu Füßen Jesu sitzen.“ Der Papst erinnert, dass Jesus „seine Jünger eingeladen hat, ein wenig auszuruhen, denn ein Vernachlässigen des nötigen Rastens führt zu Stress und Unruhe.“

3) Geistige und spirituelle Versteinerung:

Das ist die Krankheit jener, die „ihre innere Klarheit, ihre Lebendigkeit und ihren Wagemut verlieren, und die sich unter den Akten verstecken und so zu ausführenden Apparaten werden anstatt zu Männern Gottes – unfähig mit den Weinenden zu weinen und sich mit den Fröhlichen zu freuen.“

4) Die Krankheit des übertriebenen Planens:

„Wenn der Apostel alles minuziös plant“ und wenn er „meint, dass so die Dinge effektiv voranschreiten, wird er ein Buchhalter oder ein Handelsfachmann. Es ist nötig, gute Pläne zu machen. Aber erliegt nicht der Versuchung, die Freiheit des Heiligen Geistes einzusperren oder zu dirigieren, denn er ist größer und großzügiger als jeder menschliche Plan“.

5) Die Krankheit der schlechten Koordination:

Ohne Koordination werden die Mitglieder einer Gemeinschaft wie ein bloß Lärm erzeugendes Orchester, in dem Gemeinschaftssinn und Mannschaftsgeist fehlen: „Wenn der Fuß der Hand sagt: ‚Ich brauche dich nicht‘ oder die Hand dem Kopf sagt: ‚Ich habe das Sagen'“.

6) „Spiritueller Alzheimer“:

Das ist ein „fortschreitendes Abnehmen der spirituellen Fähigkeiten, das … dazu führt, dass ein Mensch in völliger Abhängigkeit von seinen oft eingebildeten Einsichten lebt. Wir sehen das in den Leuten, die den Kontakt mit dem Herrn verloren haben … in jenen, die völlig auf ihr Hier und Jetzt, ihre Leidenschaften, Launen und Manien angewiesen sind; in jenen, die Mauern um sich bauen und sich von selbst erschaffenen Götzen versklaven lassen“.

7) Die Krankheit der Rivalität und Eitelkeit

„Wenn das eigene Aussehen, die Farbe der Gewänder oder die Ehrentitel zu den wichtigsten Zielen im Leben werden“.

8) Existenzielle Schizophrenie:

„Es ist die Krankheit jener, die ein Doppelleben führen. Ein Resultat der Scheinheiligkeit, die typisch ist für mittelmäßige und fortgeschrittene spirituelle Leere, die auch akademische Titel nicht füllen können. An ihr leiden, die den pastoralen Dienst verlassen haben und sich auf bürokratische Aufgaben beschränken und so den Kontakt mit konkreten Menschen verlieren“.

9) Terror des Tratsches und Klatsches:

Die von dieser Krankheit befallenen Menschen werden „Sämänner, die (wie der Teufel) Unkraut säen“ – und oft „kaltblütige Mörder, die mit Gerüchten über die eigenen Kollegen und Mitbrüder agieren. Das ist die Krankheit von Feiglingen, die nicht den Mut haben, Menschen direkt anzusprechen, sondern nur hinter deren Rücken reden. … Hüten wir uns vor dem Terror des Tratsches!“

10) Die Krankheit, die Vorgesetzten zu vergöttern:

„Das ist die Krankheit jener, die ihre Vorgesetzten hofieren und dafür auf deren Wohlwollen hoffen. Sie sind Opfer des Karrierismus und des Opportunismus. Sie verehren Menschen, die nicht Gott sind.“ „Sie kann aber auch Vorgesetzte befallen, wenn sie einige ihrer Mitarbeiter hofieren, um deren Unterwürfigkeit und psychologische Abhängigkeit zu erreichen – aber das führt zu einer bloßen Komplizenschaft.“

11) Die Krankheit der Gleichgültigkeit gegenüber anderen:

„Wenn der Erfahrenere sein Wissen den weniger Erfahrenen nicht zur Verfügung stellt. Wenn man aus Neid oder Heimtücke Freude daran findet, andere fallen zu sehen, statt ihnen aufzuhelfen und sie zu ermutigen“.

12) Die Krankheit der aufgesetzten Trauermine:

Die Krankheit jener, die meinen, wer ernst genommen werden will, müsse ein finsteres Gesicht machen und „die anderen – vor allem die als niedriger eingeschätzten – mit Strenge, Härte und Arroganz behandeln. Tatsächlich sind theatralischer Ernst und steriler Pessimismus oft Symptome von Angst und Unsicherheit. Der Jünger muss höflich, enthusiastisch und glücklich sein und Freude weitergeben, wo auch immer er hingeht“. Der Papst ermutigt zu „Humor und Selbstironie“.

13) Die Krankheit des Anhäufens:

„Wenn ein Jünger versucht, eine existenzielle Leere in seinem Herz mit der Ansammlung materieller Güter zu füllen, nicht weil er sie braucht, sondern weil er sich dadurch sicherer fühlt“.

14) Die Krankheit „geschlossener Kreise“:

Wenn die „Zugehörigkeit zum Grüppchen stärker wird als jene zum Körper“ – oder gar zu Christus selbst. „Diese Krankheit beginnt immer mit guten Absichten, aber mit der Zeit versklavt sie ihre Mitglieder, indem sie zu einem Krebsgeschwür wird, das die Harmonie des Körpers bedroht und so viel Schaden verursacht – Skandale – besonders gegenüber unseren jüngeren Brüdern“.

15) Das Streben nach weltlichen Profiten und die Prahlerei:

„Das ist die Krankheit jener, die unersättlich sind in ihren Versuchen, ihre Macht zu vervielfachen, und dabei des Rufmords, der Diffamierung und der Diskreditierung anderer fähig sind – auch in Zeitungen und Magazinen – , natürlich um sich selbst als kompetenter als andere darzustellen“. 

(Quelle: Franz Wöckinger, St. Georgen Gusen)

Zum Hinaus gehört zwingend das Gehen

991_IMG_5707Fast drei Tage bin ich nun bei der Österreichischen Pastoraltagung in Salzburg gesessen. „Christlich leben in der Welt von heute“ war das weite, fast uferlose Thema. Annähernd 300 Frauen und Männer, darunter auch Bischöfe und Pfarrer. Ich selber war vor mehr als 20 Jahren zum letzten Mal bei diesem jährlichen „Netzwerktreffen aufgeschlossener KatholikInnen“.  Es trifft sich der fortschrittliche Teil der österreichischen Kirche. Laptop und iPad zum Twittern waren nicht zu sehen. Sinus-Milieus haben im ersten Referat eine Rolle gespielt. Also: Doch nicht ganz ins „Jetzt“ hineingestiegen. Ganz wenig digital. Der „Mensch und das Gerät“ ist heute Faktum. David Bosshart hat das reichlich ausgeführt. Im letzten ON auf Seite 6 und 7 habe ich darüber geschrieben.

Abgeschlossen sitzen

993_IMG_5824Im Zug gegen die Fahrtrichtung nach Linz sitzend sehe ich auf diese drei Tage nach Salzburg zurück. Angerührt haben mich die Vorträge von Gotthard Fuchs zu „Segnen und Vergeben“ und von Andreas Batlogg SJ  zur Grundidee der Handlungsmuster  und Handlungsanleitungen von Papst Franziskus. Er hat mir aus der Seele gesprochen. Ein „Zeugnis“ von der wirklichen Medienwelt hat Eva Maria Kaiser vom ORF-Report gegeben. Das war erdig, humorvoll und hat die Dinge in der ganz banalen Medienlogik geschildert. Es geht um Geschichten und Einschaltquoten. So einfach sollen sich das die Leute auch vorstellen. Ich nehme mit: Relevanzverlust der Kirche und ihrer Repräsentanten in den Medien. Nicht mehr aufregend. Ich sehe mich mit meinen Smartphone sitzen, twittere den einen oder anderen Sager, dieser wird retweetet in Deutschland, Brüssel, Österreich. #öpt15 habe ich gewählt. Was ist der Hashtag der Tagung? – fragte ich bei der Anmeldung. Antwort: Was ist ein Hashtag? Alles klar. Wir sitzen abgeschlossen. Der Blick geht durch die Fenster hinaus. Die Botschaften bleiben herinnen. Erwartet hätte ich, dass zumindest 50 Personen via Twitter oder anderer Social Media Kanäle die Mauern überspringen, Follower teilhaben lassen. Ich weiß schon, dass die digitalen Medien überbewertet werden. Aber was habe ich bei Batlogg getwittert? „Jeder kirchliche Kanal soll mehr der Evangelisierung der heutigen Welt dienen als der Selbstbewahrung. Ermutigung zum Experiment. #öpt15“ Wir hätten nicht abgeschlossen sitzen müssen, wenn mehr im heute mit dem heutigen Werkzeug des Vatikanum II (das sind für mich die Social Media Kanäle) sich ihre Notizen gemacht hätten. „Geht hinaus“, hören wir in den drei Tagen mehrmals. Mit einer guten digitalen Vernetzung wären wir schon ein Stück draußen gewesen.

Geht hinaus

Salzburg am Morgen

Salzburg am Morgen

Heute Abend werde ich beim PilgerbegleiterInnen-Lehrgang meine Erfahrungen vom Gehen, vom Pilgern, vom Weitgehen zur Verfügung stellen. „Geht hinaus“ ist der franziskanische Duktus. Br. Tobias treffe ich heute früh bei der Bushaltestelle. Gestern war ich noch #ganzOhr. „Ich gehe, ich habe noch Zeit“, meint er und geht den Weg zu Füss vom Zentrum nach St. Virgil. Ich bin früher verabredet, sonst wäre das der Mogengang geworden. Wo kann ich gehen? Je öfter umso mehr besteht die Chance, dass mir das Leben entgegen kommt. Bei der Tagung ist sicherlich das „Hinaus“ hängen geblieben. Ich betone hier das Gehen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mir der Generalvikar im Herbst 2009 als Aufgabe angeboten hat, die Konfliktfälle in der Diözese „zu bearbeiten“. Ich empfand das als Scherz und habe ihm geantwortet: „Gut, wenn ich zu jedem Konflikt hingehen darf. Gehen.“ Da wäre mancher Konflikt von selber gelöst worden, wenn ich 5 Tage zu Fuß unterwegs gewesen wäre. Heute meine ich es ernst: Das Bild vom Gehen, von der Bewegung wird die Kirche, die Pfarren, die Gemeinschaften, die Orden ins Heute zu den Menschen führen. Geht hinaus. Vielleicht gehört zum „Hinaus“ fast zwingend das „Gehen“.