Die Geißel der Radikalisierung

wig_haidingerAbt Christian Haidinger ist Vorsitzender der Männerorden in Österreich. „Was ich glaube?“ wurde er von ORF Religion als erster gefragt zum Fokus „Radikalisierung“. Er schildert darin seine Sichtweise und seinen Zugang zur heutigen von Gewalt aufgeladenen Welt. „2000 Jahre hat die Katholische Kirche gebraucht, um positiv auf die anderen Religionen zu schauen“, führt Haidinger den Fokus zuerst „auf uns selber“. Er bezieht sich auf Nostrae Aetate, wo es heißt: „Zuerst füreinander interessieren, dann mehr voneinander wissen und in einen ehrlichen Dialog eintreten, damit wir uns gemeinsam für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen können.“ Religionen haben eine Aufgabe in dieser Welt und sind nicht überflüssig: Friedensstifter und Gerechtigkeitsstifter.

Gewalt nicht mit Gegengewalt beantworten

Wer wie ich 1975 bei der Zivildienstkommission auf Gewaltbereitschaft abgeklopft wurde, kann ich Abt Christian verstehen, dass die Gewaltbereitschaft und die Ablehnung von Gewalt in jeder Situation sehr persönlich ist. Das braucht eine starke Persönlichkeit und Mut. Das ist das genaue Gegenteil von Feigheit oder Passivität. Aktive Gewaltfreiheit ist auch für mich die höchste Form des Dialoges, um aus der Gewaltspirale herauszukommen. In jedem Menschen die Würde sehen und dass er ein Geschöpf Gottes ist, in ihm Gott wohnt. Deshalb darf ich nicht morden, einfach zurückschlagen. Für mich als Christen heißt das, auf Gewalt mit Ehrfurcht, Güte und Barmherzigkeit zu antworten. Abt Christian sagt: „Bewusst andere Akzente setzen.“

17 Kamele

Mehr als 70 Schulverantwortliche lauschen dem Schweizer Pädagogen Andreas Müller. Ich sitze auch darunter. Müller hat eine involvierende Art und nimmt die ZuhörerInnen immer wieder mit „Denkübungen“ herein. Am meisten beeindruckt hat mich folgende:

„Ein Vater hat in seinem Testament bestimmt, dass sein Besitztum – 17 Kamele – wie folgt aufgeteilt werden: Der älteste Sohn erhält die Hälfte, der zweitälteste ein Drittel und dritte Sohn ein Neuntel. Nach dem Tod des Vaters möchten die Söhne das Erbe aufteilen. Aber sie finden keine Lösung, da sie die 17 Kamele nicht töten wollen. Ein Mullah kommt auf einem Kamel vorbeigeritten. Sie bitten ihn um Rat.“ Müller schaut in die Gesichter: Welchen Rat hat er ihnen gegeben? Stille. Nachdenken. Flüstern. Schwätzen. Was kann die Lösung sein? Probieren sie es, ohne hier gleich weiterzulesen. Stopp.

 

kamelPlatz zum Denken!

 

Ungeduld kommt auf. Hier die Lösung, die ein Denken außerhalb der „linearen Denkbewegung “verlangt. Also: Out oft the Box. Und wie geht die Lösung jetzt wirklich? Der Mullah borgt den drei Söhnen sein Kamel. Damit sind es 18 Kamele. Die Hälfte sind 9. Ein Drittel sind 6. Ein Neuntel sind 2. Also: 9 + 6 + 2 = 17 Kamele. Alle gehen zufrieden ihre Wege. Ich muss lächeln. Wo sind meine Kamele, die ich zur Lösung von Konfliktsituationen für andere zur Verfügung stellen kann?

Eine berühmt gewordene Gewissenserforschung

Pfarrer Wöckinger

Pfarrer Wöckinger

Franz Wöckinger hat gleich nach dem 22. Dezember die „Gewissenserforschung von Papst Franziskus mit der Kurie“ übersetzt und zusammengefasst. Danke dem Pfarrer von St. Georgen an der Gusen für die Prägnanz. Hier die Liste der „15 Krankheiten der Kurie“ vom 22. Dezember 2014.

1) Die Krankheit, sich unsterblich, immun oder unersetzbar zu fühlen:

„Eine Kurie, die sich nicht selbst kritisiert, die sich nicht selbst erneuert, die nicht versucht, sich selbst zu verbessern, ist ein kranker Körper“. Der Papst erinnert: „Ein Friedhofsbesuch könnte uns helfen, die Namen der vielen Menschen zu sehen, die vielleicht meinten, unsterblich, immun oder unersetzbar zu sein“. Es ist die Krankheit jener, die „sich in Herrschaften verwandeln und die sich erhaben über alle fühlen anstatt zu Diensten aller. Sie kommt oft von der Pathologie der Macht, vom Erwählt-Sein-Komplex, vom Narzissmus.“

2) Die Krankheit des übertriebenen Arbeitens:

Die Krankheit derjenigen, die sich, wie Marta im Evangelium, „in die Arbeit stürzen und dabei unausweichlich das Bessere vernachlässigen: das zu Füßen Jesu sitzen.“ Der Papst erinnert, dass Jesus „seine Jünger eingeladen hat, ein wenig auszuruhen, denn ein Vernachlässigen des nötigen Rastens führt zu Stress und Unruhe.“

3) Geistige und spirituelle Versteinerung:

Das ist die Krankheit jener, die „ihre innere Klarheit, ihre Lebendigkeit und ihren Wagemut verlieren, und die sich unter den Akten verstecken und so zu ausführenden Apparaten werden anstatt zu Männern Gottes – unfähig mit den Weinenden zu weinen und sich mit den Fröhlichen zu freuen.“

4) Die Krankheit des übertriebenen Planens:

„Wenn der Apostel alles minuziös plant“ und wenn er „meint, dass so die Dinge effektiv voranschreiten, wird er ein Buchhalter oder ein Handelsfachmann. Es ist nötig, gute Pläne zu machen. Aber erliegt nicht der Versuchung, die Freiheit des Heiligen Geistes einzusperren oder zu dirigieren, denn er ist größer und großzügiger als jeder menschliche Plan“.

5) Die Krankheit der schlechten Koordination:

Ohne Koordination werden die Mitglieder einer Gemeinschaft wie ein bloß Lärm erzeugendes Orchester, in dem Gemeinschaftssinn und Mannschaftsgeist fehlen: „Wenn der Fuß der Hand sagt: ‚Ich brauche dich nicht‘ oder die Hand dem Kopf sagt: ‚Ich habe das Sagen'“.

6) „Spiritueller Alzheimer“:

Das ist ein „fortschreitendes Abnehmen der spirituellen Fähigkeiten, das … dazu führt, dass ein Mensch in völliger Abhängigkeit von seinen oft eingebildeten Einsichten lebt. Wir sehen das in den Leuten, die den Kontakt mit dem Herrn verloren haben … in jenen, die völlig auf ihr Hier und Jetzt, ihre Leidenschaften, Launen und Manien angewiesen sind; in jenen, die Mauern um sich bauen und sich von selbst erschaffenen Götzen versklaven lassen“.

7) Die Krankheit der Rivalität und Eitelkeit

„Wenn das eigene Aussehen, die Farbe der Gewänder oder die Ehrentitel zu den wichtigsten Zielen im Leben werden“.

8) Existenzielle Schizophrenie:

„Es ist die Krankheit jener, die ein Doppelleben führen. Ein Resultat der Scheinheiligkeit, die typisch ist für mittelmäßige und fortgeschrittene spirituelle Leere, die auch akademische Titel nicht füllen können. An ihr leiden, die den pastoralen Dienst verlassen haben und sich auf bürokratische Aufgaben beschränken und so den Kontakt mit konkreten Menschen verlieren“.

9) Terror des Tratsches und Klatsches:

Die von dieser Krankheit befallenen Menschen werden „Sämänner, die (wie der Teufel) Unkraut säen“ – und oft „kaltblütige Mörder, die mit Gerüchten über die eigenen Kollegen und Mitbrüder agieren. Das ist die Krankheit von Feiglingen, die nicht den Mut haben, Menschen direkt anzusprechen, sondern nur hinter deren Rücken reden. … Hüten wir uns vor dem Terror des Tratsches!“

10) Die Krankheit, die Vorgesetzten zu vergöttern:

„Das ist die Krankheit jener, die ihre Vorgesetzten hofieren und dafür auf deren Wohlwollen hoffen. Sie sind Opfer des Karrierismus und des Opportunismus. Sie verehren Menschen, die nicht Gott sind.“ „Sie kann aber auch Vorgesetzte befallen, wenn sie einige ihrer Mitarbeiter hofieren, um deren Unterwürfigkeit und psychologische Abhängigkeit zu erreichen – aber das führt zu einer bloßen Komplizenschaft.“

11) Die Krankheit der Gleichgültigkeit gegenüber anderen:

„Wenn der Erfahrenere sein Wissen den weniger Erfahrenen nicht zur Verfügung stellt. Wenn man aus Neid oder Heimtücke Freude daran findet, andere fallen zu sehen, statt ihnen aufzuhelfen und sie zu ermutigen“.

12) Die Krankheit der aufgesetzten Trauermine:

Die Krankheit jener, die meinen, wer ernst genommen werden will, müsse ein finsteres Gesicht machen und „die anderen – vor allem die als niedriger eingeschätzten – mit Strenge, Härte und Arroganz behandeln. Tatsächlich sind theatralischer Ernst und steriler Pessimismus oft Symptome von Angst und Unsicherheit. Der Jünger muss höflich, enthusiastisch und glücklich sein und Freude weitergeben, wo auch immer er hingeht“. Der Papst ermutigt zu „Humor und Selbstironie“.

13) Die Krankheit des Anhäufens:

„Wenn ein Jünger versucht, eine existenzielle Leere in seinem Herz mit der Ansammlung materieller Güter zu füllen, nicht weil er sie braucht, sondern weil er sich dadurch sicherer fühlt“.

14) Die Krankheit „geschlossener Kreise“:

Wenn die „Zugehörigkeit zum Grüppchen stärker wird als jene zum Körper“ – oder gar zu Christus selbst. „Diese Krankheit beginnt immer mit guten Absichten, aber mit der Zeit versklavt sie ihre Mitglieder, indem sie zu einem Krebsgeschwür wird, das die Harmonie des Körpers bedroht und so viel Schaden verursacht – Skandale – besonders gegenüber unseren jüngeren Brüdern“.

15) Das Streben nach weltlichen Profiten und die Prahlerei:

„Das ist die Krankheit jener, die unersättlich sind in ihren Versuchen, ihre Macht zu vervielfachen, und dabei des Rufmords, der Diffamierung und der Diskreditierung anderer fähig sind – auch in Zeitungen und Magazinen – , natürlich um sich selbst als kompetenter als andere darzustellen“. 

(Quelle: Franz Wöckinger, St. Georgen Gusen)

Zum Hinaus gehört zwingend das Gehen

991_IMG_5707Fast drei Tage bin ich nun bei der Österreichischen Pastoraltagung in Salzburg gesessen. „Christlich leben in der Welt von heute“ war das weite, fast uferlose Thema. Annähernd 300 Frauen und Männer, darunter auch Bischöfe und Pfarrer. Ich selber war vor mehr als 20 Jahren zum letzten Mal bei diesem jährlichen „Netzwerktreffen aufgeschlossener KatholikInnen“.  Es trifft sich der fortschrittliche Teil der österreichischen Kirche. Laptop und iPad zum Twittern waren nicht zu sehen. Sinus-Milieus haben im ersten Referat eine Rolle gespielt. Also: Doch nicht ganz ins „Jetzt“ hineingestiegen. Ganz wenig digital. Der „Mensch und das Gerät“ ist heute Faktum. David Bosshart hat das reichlich ausgeführt. Im letzten ON auf Seite 6 und 7 habe ich darüber geschrieben.

Abgeschlossen sitzen

993_IMG_5824Im Zug gegen die Fahrtrichtung nach Linz sitzend sehe ich auf diese drei Tage nach Salzburg zurück. Angerührt haben mich die Vorträge von Gotthard Fuchs zu „Segnen und Vergeben“ und von Andreas Batlogg SJ  zur Grundidee der Handlungsmuster  und Handlungsanleitungen von Papst Franziskus. Er hat mir aus der Seele gesprochen. Ein „Zeugnis“ von der wirklichen Medienwelt hat Eva Maria Kaiser vom ORF-Report gegeben. Das war erdig, humorvoll und hat die Dinge in der ganz banalen Medienlogik geschildert. Es geht um Geschichten und Einschaltquoten. So einfach sollen sich das die Leute auch vorstellen. Ich nehme mit: Relevanzverlust der Kirche und ihrer Repräsentanten in den Medien. Nicht mehr aufregend. Ich sehe mich mit meinen Smartphone sitzen, twittere den einen oder anderen Sager, dieser wird retweetet in Deutschland, Brüssel, Österreich. #öpt15 habe ich gewählt. Was ist der Hashtag der Tagung? – fragte ich bei der Anmeldung. Antwort: Was ist ein Hashtag? Alles klar. Wir sitzen abgeschlossen. Der Blick geht durch die Fenster hinaus. Die Botschaften bleiben herinnen. Erwartet hätte ich, dass zumindest 50 Personen via Twitter oder anderer Social Media Kanäle die Mauern überspringen, Follower teilhaben lassen. Ich weiß schon, dass die digitalen Medien überbewertet werden. Aber was habe ich bei Batlogg getwittert? „Jeder kirchliche Kanal soll mehr der Evangelisierung der heutigen Welt dienen als der Selbstbewahrung. Ermutigung zum Experiment. #öpt15“ Wir hätten nicht abgeschlossen sitzen müssen, wenn mehr im heute mit dem heutigen Werkzeug des Vatikanum II (das sind für mich die Social Media Kanäle) sich ihre Notizen gemacht hätten. „Geht hinaus“, hören wir in den drei Tagen mehrmals. Mit einer guten digitalen Vernetzung wären wir schon ein Stück draußen gewesen.

Geht hinaus

Salzburg am Morgen

Salzburg am Morgen

Heute Abend werde ich beim PilgerbegleiterInnen-Lehrgang meine Erfahrungen vom Gehen, vom Pilgern, vom Weitgehen zur Verfügung stellen. „Geht hinaus“ ist der franziskanische Duktus. Br. Tobias treffe ich heute früh bei der Bushaltestelle. Gestern war ich noch #ganzOhr. „Ich gehe, ich habe noch Zeit“, meint er und geht den Weg zu Füss vom Zentrum nach St. Virgil. Ich bin früher verabredet, sonst wäre das der Mogengang geworden. Wo kann ich gehen? Je öfter umso mehr besteht die Chance, dass mir das Leben entgegen kommt. Bei der Tagung ist sicherlich das „Hinaus“ hängen geblieben. Ich betone hier das Gehen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie mir der Generalvikar im Herbst 2009 als Aufgabe angeboten hat, die Konfliktfälle in der Diözese „zu bearbeiten“. Ich empfand das als Scherz und habe ihm geantwortet: „Gut, wenn ich zu jedem Konflikt hingehen darf. Gehen.“ Da wäre mancher Konflikt von selber gelöst worden, wenn ich 5 Tage zu Fuß unterwegs gewesen wäre. Heute meine ich es ernst: Das Bild vom Gehen, von der Bewegung wird die Kirche, die Pfarren, die Gemeinschaften, die Orden ins Heute zu den Menschen führen. Geht hinaus. Vielleicht gehört zum „Hinaus“ fast zwingend das „Gehen“.

Die Lust am Öffi-Fahren

Haustür

Haustür

Der Bus biegt ein. Vier „Guten Morgen“ haben wir schon an der Haltestelle gewechselt. Es ist 6.10 Uhr. Bergdorf im Mühlviertel. Sagen wir es direkt: Kirchschlag. Wir kennen einander. Die Lust am „Plauscherl“ ist heute noch etwas eingefroren. Minus 10 Grad. Der Busfahrer öffnet und warme Luft strömt heraus. Schnell hinein, Ticket und etwas hinten Platz nehmen. Um diese Zeit ist Platz. Abfahrt. Einfach hinausschauen. Die Gegend zieht vorbei. Da unten liegt Linz. Ganz hinten die Alpenkette. Die Sonne deutet sich an. Die Seele erwacht mit.

Mit Chauffeur

Ich genieße das Fahren mit Chauffeur. Das habe ich mit den „hohen Herren“ (manchmal Damen) gemeinsam. Sie sind aber alleine. Das ist bei mir anders. Bei jeder Station kommt jemand dazu. Guten Morgen. Ich bin im öffentlichen Raum. „Wer mit dem Auto fährt, bleibt daheim.“ An manchen Tagen entwickelt sich ein Gespräch, an anderen wieder nicht. Aber: Wir fahren gemeinsam. Wer mit Öffis fährt, ist nicht alleine. Ein, zwei, drei, vier Autos fahren vorbei. Ich schaue heute genau. Vier Autos und vier Köpfe. Schön getrennt voneinander belegen sie mit geschätzten 4.000 Kilogramm den Asphalt. Sie reihen sich vor uns ein in die zäh dahinfließende Lichterkette. Sie bewegt sich. Noch. Seit 2 1/2 Jahren bin ich ein recht konsequenter Öffi-Fahrer. Habe eine ÖBB-Österreichcard. In Wien eine Jahresnetzkarte. In OÖ vermisse ich das für die Busfahrten. In diesen Tagen werde ich mir ein Bus-Jahreskarte leisten. „Zu teuer“, höre ich in vielen Gesprächen immer wieder, wenn ich von meiner Lust am Öffi-Fahren erzähle. Ich darauf: „Ja, wenn du das Auto auch noch finanzieren musst mit monatlich mindestens 400.- EUR. Dann sind das 5.000.- EUR im Jahr. Ich habe das Auto weggegeben.“ Staunen. Abwehr: Das Auto ist nicht so teuer. Dann rechnen sie und gestehen: „Da komme ich gar nicht aus im Jahr.“ Ungeschminkt hinschauen. Mit offenen Augen. „Aber der Bus fährt ja so selten“, klingt es an mein Ohr. Ich darauf: „Jedes Stunde und das bis 22.50 Uhr ab Linz.“ „Gibt es nicht“, erklingt es ungläubig. Die meisten Menschen wissen überhaupt nicht, „was Öffis können“. Außerdem: „Mit dem Öffi fahren ist ein neues, anderes Lebensgefühl verbunden.“ Das meine ich ernst. Es hat viel mit dem Gehen zu tun.

Stau, Anschluss und Übergänge

Im Zug

Im Zug

Wir im Bus – das sind heute kurz vor Linz etwa 20 Personen – kommen zum Stillstand. Stau. Wir stauen mit. Aber ich denke: Ich muss mich nicht kümmern. Ich fahre mit Chauffeur und er schaut, dass wir vorwärts kommen. Die Autofahrer müssen „sich selber fahren“. Anspannung. Wir sind gleich schnell. Wenn ich genau bedenke, sitzen im Bus etwa 15 Autos. Da sollten wir Vorfahrt bekommen in einer Busspur. Am Bahnhof angekommen, ist der Fußweg 5 Minuten. Der RJ (für NichtbahnfahrerInnen: der RailJet) kommt aus Salzburg. Am Bahnsteig fallen auch ein paar „Guten Morgen“. Man kennt sich schon, ohne den Zwang zur Kommunikation. Einfahrt. Zu 95 % pünktlich. Platz nehmen. Laptop auf. Zeitung heraus. Das Buch weiterlesen. Oder einfach die Gegend vorbeiziehen lassen. Nach 1 Stunde 15 Minuten Wien Westbahnhof. Der Weg in die U-Bahn geht mit der Zeit von selbst. Alle 4 Minuten kommt eine U-Bahn. Es ist etwa 8.35 Uhr und um diese Zeit haben mehrere Menschen den Gedanken, in die Arbeit zu fahren. Der Platz ist eng bemessen. 4 Stationen. Ein Fußweg von etwa 5 Minuten hinüber in die Freyung. Wenn ich nicht getrödelt habe, dann sitze ich um 8.50 Uhr „auf meinem Platz“. Keine Parkplatzsorgen. Keine Müdigkeit vom Autobahn-Fahren. Konzentriert und meist schon alle Emails abgearbeitet. Ich genieße es, mit Chauffeur zu fahren.

Haltung der Gelassenheit

RJ

RJ

„Ich halte das  nicht aus, auf den Bus zu warten“, hat dieser Tage ein passionierter Autofahrer gemeint, der sich damit „abstresst“, in der Nähe seines Arbeitsplatzes (Bahnhofsnähe Linz) einen Parkplatz zu finde. Ich habe ihn ermutigt, die Such-Energie in Warte-Energie umzuwandeln. Außerdem lerne ich, das Leben „einzutackten“ nach dem Bus. Die ÖBB-Scotty-App ist da eine wunderbare Hilfe. Alle Öffis werden darin angezeigt. Auch die Busse. Das wissen viele nicht. Es ist gut, wenn man viel im Kopf hat, aber bei meinen unterschiedlichsten Fahrbedürfnissen aus verschiedenen Richtungen und zu verschiedenen Zeiten ist mein Fahrplan-Navi am Smartphone. Ganz einfach. Überhaupt ist die grundsätzliche Sichtweise zum Leben – „Das Leben kommt mir entgegen“ – unglaublich hilfreich. Ich laufe keiner U-Bahn nach. In 5 Minuten kommt die nächste. Das „Öffi“ kommt dir entgegen. Das hat meine Haltung gegenüber dem Leben mitgeprägt wie das Gehen. Außerdem: Ich bin viel gelassener geworden. Jene, die das auch schon über längere Zeit tun, bestätigen mich.
Nochmals: Danke meinen Chauffeuren und manchmal Chauffeurinnen.
Manchmal nehme ich „Ohrstöpsel“. Ganz selten eigentlich. Dann höre sehr gerne die Nummer von Ich+Ich, Gute Reise, Danke.

 

 

 

 

Hoffentlich montiert man ihn nicht ab

franziskus1„hoffentlich montiert man ihn nicht ab bevor seine botschaften und sein wirken früchte trägt…“, schreibt eine Freundin auf Facebook unter mein Posting über Papst Franziskus. Papst Franziskus hat das weltweite Wirtschaftssystem als „unerträglich“ bezeichnet. „Wir schließen eine ganze Generation junger Leute aus“, sagte Franziskus angesichts der hohen Jugendarbeitslosigkeit in vielen Ländern der Welt. Unerträglich. „Das Wirtschaftssystem sollte im Dienst des Menschen stehen. Aber wir haben das Geld in den Mittelpunkt gerückt, das Geld als Gott.“ Und ich spüre, dass ich heute wieder einmal das richtige T-Shirt trage: „Ich bin Atheist. Gott Mammon“.

Festhalten

Unerträglich war für viel in der Kurie auch die päpstliche vorweihnachtliche Gewissenserforschung. 15 Krankheiten nimmt er als „Besinnungs-Seil zu Anhalten“. Er will damit nicht die Kranken stigmatisieren, sondern die „Gesunden“ warnen, ermuntern, aufrütteln. Da haben sich in den letzten beiden Pontifikaten infektiöse Zustände eingeschlichen. Oder mit einem Bild aus der IT-Welt: Trojaner haben sich eingeschlichen und Macht, Karriere und Geld installiert. Der Papst selber hat sie erkannt und der Viren-Scanner erkennt täglich. Aber: Es ändert sich nicht wirklich etwas. Sowohl im Vatikan als auch bei den Bischöfen draußen. Sie fassen nicht den Mut, den ihnen Franziskus installieren möchte. Das System bleibt im Warte-Modus. Festhalten am Gewohnten ist in bewegten Zeiten die erste Reaktion. Die alten „Machtinstrumente der Abhängigkeiten“ haben ihre langfristige Wirkung entfaltet. Kein Ohr, kein Dialog, keine Wahrnehmung der Lebenswelten der Menschen. Bischöfe wurden degradiert zu Statthaltern. Das Gesetz stand über dem Evangelium. Barmherzigkeit wurde und wird der Selbstherrlichkeit geopfert.

Isoliert

Franziskus läuft gegen eine Gummiwand. Persönlich glaube ich, dass er nicht beseitigt wird, sondern in der Isolation landen könnte. Er ist stark, mutig, offen, kommunikationsstark, begnadet mit einer bilderreichen Sprache. So wird ihn die Kurie hinaufheben und verehren, damit sie selber an sich nichts ändern muss. Das hat man durch die Kirchengeschichte auch mit Jesus gemacht: Ihn erhöht und zur Verehrung in die Mitte gerückt. Verehrung statt Nachfolge. Dem Papst wird es nicht viel anders gehen. Bewunderung aus den Kardinals- und Bischofs-Mündern. Das macht ihn ungeduldig. Verständlich: Wo steht von den Bischöfen jemand auf und wagt das Neue? Mutig. Ganz Ohr bei den Menschen. Jetzt wäre es möglich. Jetzt ist es notwendig.

Wider den Gehorsam

999_IMG_5430Der Winter ist so richtig eingezogen. 12° Minus stärkt das Selbstbewusstsein des Kachelofens. Bücher, die schon längst gelesen werden wollen, bekommen ihre Chance. Da liegt Dorothee Sölle und dort Martin Werlen. Daneben das Büchlein, das wieder einmal eine Relektüre verdient. Beim letzten Mal war die Aufmerksamkeit ohnehin schmal. Heute, nach einem weiten Winter-Gehen ist die „aufmerksame Muse“ da. Die grüne Füllfeder soll heute auch „markieren und unterstreichen“. Gehorsam ist doch im kirchlichen Kontext ein „rotes Wort“. Da stecken viele Emotionen drinnen. Eines der Gelübde der Ordensleute steht „am Spiel“. Umso aufmerksamer lese ich, entstehen beim Lesen „Kontexte, Konnotationen und Erfahrungen“. Konkrete Personen und ihr „Habitus“ im Umgang mit Medien oder öffentlichen Auftritten ziehen wie im Film vorbei.

Wörtlich zitiert

IMG_5433Eine Passage Seite 21f finde ich immer wieder lesenswert: „Der Literaturnobelpreisträger John M. Coetzee fragt in seinem Roman Warten auf die Barbaren: ‚Wieso ist es für uns unmöglich geworden, in der Zeit zu leben wie die Fische im Wasser, die Vögel in der Luft, wie die Kinder?‘ Damit deutet er an, dass authentisches Erleben in einer Kultur wie der unsrigen nicht möglich ist, denn sie verherrlicht den Verstand und macht ihn zum Problem, indem sie von Geburt an unser Gefühlsleben verkümmern lässt.“ Innehalten. In die eigene Kindheit hineinspüren. Dann zustimmen. Ja, das „Gefühlsleben ausleben“ war nicht unbedingt oberstes „Erziehungsprinzip“. Jahrgang 1957.

Ich lese weiter

„Wir verdammen uns dazu, in unserer Geschichte zu leben, schmieden jedoch ein Komplott gegen diese Geschichte, indem wir durch die subtile Art des Gehorsams dazu gebracht werden, von Gedanken beherrscht zu werden, um im Wettbewerb nicht unterzugehen. Wir befinden uns deshalb in einem ständigen Überlebenskampf, dessen Ziel es ist, nicht abgewertet zu werden und vor allem nicht zu versagen. Was authentisches Erleben sein sollte, wird so irrational, weil die Angst unterzugehen oder zu versagen, Menschen die Möglichkeit raubt, mit den ursprünglichen Lebenskräften ganz unmittelbar in Kontakt zu treten und diesen Kontakt auch aufrechtzuerhalten. Alles wird zum Ausdruck eines Überlebenskampfes, dessen Ziel es ist, nicht abgewertet zu werden und vor allem nicht zu versagen. Leben als Ausdruck von Liebe, von empathischen Wahrnehmungen und menschlichem Mitgefühl, geht verloren. An seine Stelle tritt die stets lauernde Angst vor der Ohnmacht.“

Wege aus dem Gehorsam

Ab Seite 65 weist Arno Gruen Wege aus dem Gehorsam. Alle „Hochkulturen“ haben diese „psychologischen Mechanismen“, um das Verhalten des Menschen zu bestimmen. Seine jahrelangen Arbeiten führen ihn zu dieser Überzeugung: „Die Basis unserer ‚Hochkultur‘ ist das Bestreben, die Welt im Griff zu haben, sie zu besitzen, zu beherrschen und gleichzeitig für Mechanismen zu sorgen, die eine Verleugnung und Verschleierung dieser Motivation bewirken. Und diese Verschleierung basiert auf dem Motto: Wir verfügen über dich, weil es zu deinem Besten ist.“ Und Seite 72 bringt Gruen „unser Dilemma“ heute auf den Punkt: „Die Ohnmacht, die aus dem Verlust der eigenen Wurzeln entsteht, weil man dem Gehorsam unterworfen wurde, weckt im Menschen einen inneren Zwang, Macht und Besitz über alles zu stellen. Das aber führt dazu, dass sich der Mensch von sich selbst entfremdet.“

Die innere Stimme finden

lala_1Bischof Bünker hat einmal in der Herder Bücherei zu mir gemeint: „Es ist eine ganz besondere Ehre, im Feierabend des ORF vorzukommen.“ Heute habe ich mir gedacht, dass dieses Feierabend-Team wirklich wunderbare Facetten des Lebens einfängt. Heute am Christtag 2014 mit dem LALA-Vocalensemble: Die innere Stimme finden. Eine wunderbare Arbeit von Medienleuten, dem Geheimnis von Weihnachten auf die Spur zu kommen.