Ganz Ohr beim Einsiedler Br. Raimund

Br. Raimund von der Thannen ist Einsiedler hoch über Saalfelden. Ich habe ihn vom Bahnhof aus kommend zu Fuß besucht und ihm auch die vier Fragen gestellt. Wo begegnet dir Rand? „Bewegung ist am Rand. Am Rand ist viel Bewegung, nicht im Zentrum von der Institution. An Rand, Randfiguren, Randdenker. Das ist schön.“ Das ist schön.

 

Der Augenblick ist mein

christof_1„Da, Ferdinand, darf ich dir mein neues Buch da lassen.“ Christof Wolf ist Pater Christof Wolf von den Jesuiten. Auf seinem T-Shirt steht „Loyola Productions“. Er ist die treibende Kraft hinter DOK TV und ist selber am Set mit der Kamera unterwegs. Ich durfte ihn bei einer Ordenstagung in Deutschland kennenlernen. Er hat Ideen, ist einsatzbereit und gibt den Dreharbeiten zu unserem Thema „viel mehr wesentlich weniger“ mit Heini Staudinger, Alfred Komarek, Sr. Beatrix Mayrhofer und Abt Christian Haidinger einen spürbaren, hinhörenden „Touch“. Aber: Ich will nicht vom Dreh erzählen, sondern vom Buch, das ich heute am Weg zum und vom Einsiedler Br. Raimund von der Thannen in Saalfelden gelesen habe.  Zum ersten Mal „gelesen“ habe. Es ist kein Roman, sondern eine Einführung, Hinführung, Hindurchführung aus dem Geist und der Praxis der ignatianischen Exerzitien. Also: Ein großer und langer Erfahrungsschatz.

Sich in fremden Zielen verlieren

christof_2„Für Ignatius ist Dankbarkeit immer der Ausgangspunkt beim Beten. Wer missmutig ist, kreist nur um sich selber, will keine Veränderung. Er legt die Welt nach seinem Willen fest. Nicht dass die Welt so wäre, aber weil sein Pessimismus weiß, dass sich nichts ändert, ändert sich auch nichts.“  Christof sprüht vor Optimismus und Tun. Da ändert sich dauernd etwas. Es heißt auf Seite 29, die die erste Betrachtung der ersten von vier Wochen einleitet: „Oft geht der Missmut mit dem Neid Hand in Hand. Wer neidisch ist, sieht nur das grüne Gras auf der anderen Seite.“ Solche Menschen finden nie das Ihre. „Neider sind keine kreativen Menschen. Neid ist ein guter Indikator dafür, dass ich mich in fremden Zielen verliere und dabei nicht sehe, wozu ich eigentlich berufen bin.“ Die erste Woche ist den Schattenseiten meines Lebens gewidmet.

Mut und Stärke und Ehrlichkeit

christof_3„Das erfordert Mut und Stärke und vor allem Ehrlichkeit.“ Ignatius schlägt am Ende der ersten Woche eine Generalbeichte vor. „Vielleicht können wir uns das nicht vorstellen. Aber ein radikaler Neuanfang beginnt mit Versöhnung mit mir selber, meinen Mitmenschen und mit Gott. Die Tür ist einladend offen, aber den Weg zur neuen inneren Freiheit kann nur jeder und jede Einzelne selber gehen.“
Dass mir genau heute dieses Buch auf die Reise zum und vom Einsiedler Br. Raimund mitgegeben wurde, ist kein Zufall. Es ist mir zugefallen.

Das Buch:
Christof Wolf SJ, Der Augenblick ist mein. Eine ignatianische Anleitung zum Beten. Bonifatius

Die Fotos kommen von Kathi Bruder.

 

Conchita Wurst: Vom Design zum Sein

cwurstDerzeit wird Österreich, Europa und vielleicht die ganze Welt hin und her geworfen. Da ist eine Conchita Wurst gewinnt einen Song Contest. Die Stimme ist hervorragend und doch nur nebensächliche Basis im Ranking. Der Bart einer Frau bewegt die Gemüter, rührt sie an bzw auf. Heute sind die Skeptiker, Zyniker und Zweifler still. Sieg ist angesagt und Österreich ist tolerant, liberal und weit. Morgen – an den Stammtischen – kann es schon wieder anders werden. In jedem Fall wurde an diesem Wochenende in aller Welt das fast unmögliche Neue aus Österreich zelebriert. Ich selber empfinde eine tiefe Freude über dieses Ereignis, das mehr Respekt und Toleranz den verschiedenen Lebensformen gegenüber bringen möge. Dauerhaft.

Außen und Innen begegnen in aller Offenheit

Meine Wahrnehmung in den letzten Jahren war, dass unsere Gesellschaft den Dreischritt vom Haben zum Sein und weiter zum Design geht oder gegangen ist. Das Sein ist der tiefste Wunsch jedes Mensch. Da-Sein ohne am Äußeren hängen zu bleiben. Den tiefsten Kern in mir selber leben dürfen ohne den dauernden Stress, ihn kompatibel nach außen darstellen zu müssen. Wer in der Medienwelt agiert, kennt diese unglaubliche Spannung. Es geht (fast) immer um das Äußere, das Design, das Produkt, das Hergestellte. Conchita Wurst ist für mich insofern ein „Wunder“, weil es ihr gelungen ist, den Kipp-Punkt nach innen nicht nur anzudeuten, sondern zu überschreiten. Es geht um ihre Identität, um ihr tiefes inneres Wesen, das nach einem adäquaten und respektierten Ort draußen in der festgelegten Geschlechter-Hierarchie und Moral sucht. Und da ist einiges „zerbröselt“ an diesem Abend. Kein äußerer Jubel bei Conchita selbst, sondern so etwas wie „Aufgelöstheit durch innere Freude“. Bisher habe ich noch keine namhafte kirchliche Stimme gehört. In der Geschlechterfrage und den dazugehörigen Rollen gehört „die Kirche“ auch zu den „Betonwerken“. Da ist nicht viel fluid sondern hart kristallin. Nach wie vor, wenn man den Glaubenspräfekten Müller hört. Auf Facebook macht in diesen Stunden die „Hl. Wilgefortis“ (hl. Kümmernis) die Runde: eine Frau mit Bart. Der Name bedeutet „von starkem Willen“.

Eine Geschichte aus dem Heiligenlexikon

wilgefortis„Wilgefortis ist eine legendäre Volksheilige, deren Wurzeln in der Frühzeit der Christianisierung Deutschlands liegen. Nach der erstmals im 15. Jahrhundert in den Niederlanden bezeugten Legende war sie die Tochter eines heidnischen Königs von Portugal, die Christin wurde und – um der Vermählung mit einem heidnischen Prinzen zu entgehen – Gott bat, ihr Aussehen zu entstellen. Als ihr daraufhin ein Bart wuchs, ließ der erzürnte Vater die Widerspenstige mit Lumpen bekleidet ans Kreuz schlagen, damit sie ihrem himmlischen Bräutigam gleiche. Die Sterbende predigte drei Tage lang vom Kreuz herab und bekehrte viele Menschen, darunter auch ihren Vater. Er ließ sie nun in kostbare Stoffe hüllen und errichtete nach ihrem Tod eine Kirche zur Buße.“ So steht es im Heiligenlexikon.  Es war immer das Anliegen Gottes, die christliche Welt katholisch, weiter, „weitend“ auf die bestehenden und herrschenden „Systeme“ zu halten. Die Enge war in dieser Welt oft die Siegerin. So musste ein „Wunder“ stattfinden, um die Enge der Menschen zu weiten. Möge der auf Design und Äußerlichkeit aufgebaute Song Contest ein großer Hinweis auf das Sein jedes einzelnen und jeder einzelnen bleiben. Toleranz und Weltoffenheit sind die erhoffte Folge. Insofern ist Conchita Wurst auch ein Anstoß hinein in die Kirche, hinein ins Wesentliche, ins Tolerante und Weltoffene.

Für eine Kultur der Genügsamkeit

_IMG_0190Ich bin thematisch fokussiert. In meiner Aufmerksamkeit, meiner Wahrnehmung und in den Beziehungen. Heute begegnet mit P. Alois Riedlsperger im Kardinal König Haus in Wien am Rande meiner Workshops „Medien und Berufung“. Wir kennen einander seit 1978 und ich verdanke ihm viel, wenn es um Sozialethik, Wirtschaft und Politik geht. Der damalige Drei-Monats-Kurs der KSÖ hat mich zutiefst und nachhaltig geprägt. Methodisch, thematisch und ganz lebenspraktisch. P. Riedlsperger gehört zu denen, die ihre Antenne tief in die Gesellschaft hineingerichtet haben. Dadurch hören, sehen solche Leute auch die Themen der Zukunft. Und sie sprechen darüber, sei es gelegen oder ungelegen. Gestern hat er als Jesuit bei den Jesuiten das Thema „Genügsamkeit“ in den Raum gestellt. Sein „Punkte-Manuskript“ hat er mir gegeben. Manche Dinge will ich einfach nicht für mich behalten. Sharing ist das neue Tun. Die Headlines, die Zugänge zur Genügsamkeit möchte und darf ich hier zugänglich machen.

Die Problemlage

Riedlsperger_01„Die tägliche Erfahrung von immer mehr, immer schneller, immer raffinierter trägt nicht mehr.“ Das spielt sich auf zwei Ebenen ab: „Gesellschaftlich: Die Fortsetzung der herrschenden Dynamik in Wirtschaft und Gesellschaft zeigt sich als ruinös. Persönlich: Die dramatisch hohe Zahl von Burnout-Fällen zeigt, dass es vielen einfach zu viel wird.“
Ich merke an: Die Gesellschaft selber, als Ganze ist „erschöpft, im Burnout“.

Eine grundlegende Umorientierung

„Da Einzelmaßnahmen keinen Ausweg aus der herrschenden Wirtschafts- und Lebensweise schaffen werden, geht es um eine grundlegende Umorientierung. Das Programmwort einer solchen Umorientierung ist: Genügsamkeit.“ Das braucht „ein Gespür für Genug: entgegen einem immer mehr, immer schneller und immer raffinierter gilt es, ein Gespür zu entwickeln, was wann und für wen genug ist.“ Wer kann diese Sehnsucht nach dem „Immer-Mehr“ stillen? Riedlsperger sieht ein Kriterium für Genug: „Kriterium ist, was den einzelnen, was einer Gemeinschaft wichtig ist für ein gutes Leben – im Sinne von Qualität des Lebens. Es geht um die Fähigkeit, Grenzen wahrzunehmen oder zu setzen, damit das Leben wieder zu sich findet.“
Es stimmt: Das Leben sucht sich gerade. Irgendwie macht es dabei einen etwas hilflosen Einsatz.

Genügsamkeit – eine Frage der Kultur

_IMG_0196„Es geht um die Frage einer Kultur, um die Entwicklung von sinnvollen und gemeinschaftlich geteilten Lebensweisen. Entscheidend ist dafür die Reflexion von Erfahrungen und ihr Austausch mit anderen: Was macht Freude, was ist köstlich, fein, herausfordernd, erfüllend? So können neue Lebensweisen entstehen, Ausdrucksformen für ein gutes Leben.“ Das ist nicht nur „schön“ gesagt, sondern lässt die feinen Schwingungen eines neuen Lebens erahnen, erspüren. Das ist nach Riedlsperger aber nicht ohne ein „statt“ zu haben: „Souveränität statt Fernsteuerung: Weniger ist oft ein Mehr bei der Menge konsumierter Güter, genutzter Medien, wahrgenommener Termine.“ Und: „Solidarität statt Eigennutzendominanz: Genügsamkeit schafft Freiheit zum Teilen und das Interesse für gemeinsame Lösungsansätze.“

Genügsamkeit – eine Frage der Rationalität

„Angesichts der herrschenden Rationalität des „Nie genug“ des Gewinn orientierten Sektors der Ökonomie bedarf eine große Transformation eine Änderung der vorherrschenden Rationalität, die die ökologischen wie sozialen Grenzen permanent missachtet.“ Ist nicht „grenzenlos“ ein Schlüsselwort heute? Eliten kennen keine Grenzen und daher auch keine Missachtung. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Eliten nicht Grenzen und Regelungen missachten, sondern dass sie das Bewusstsein haben, für sie gibt es keine Grenzen und Regelungen. Es fehlt jegliches Bewusstsein für Missachtung. Zurück zur Genügsamkeit von Riedlsperger, der eine „Orientierung am „Haushaltssektor“einfordert: Hier gilt eine Rationalität des „Genug“: Genug gekocht! Genug gepflegt! Genug gereinigt! Was jemand erhält, hängt nicht von Einkommen und Kaufkraft ab, im Blick steht, was für ein gutes Leben benötigt wird.“ Dann folgt daraus die „Orientierung an einer „solidarischen Ökonomie“: In der Bewegung der Solidarischen Ökonomie werden Wirtschaftsweisen neu erprobt, die die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen – im Sinne eines „Genug für alle“.“

Genügsamkeit – eine Überlebensfrage

„Angesichts der Übernutzung des Planeten durch eine Minderheit der Weltbevölkerung und der bedrohlichen Folgen des Klimawandels wird bereits jetzt die Frage der Genügsamkeit zur Schicksalsfrage für Menschheit und Schöpfung.“ Wir brauchen „Prozesse der Verständigung: Die Entwicklung einer weltweiten Kultur bedarf Prozesse der Verständigung über entsprechende Lösungsansätze.“ Und: „Initiativen für den Wandel: Die Entwicklung zukunftsfähiger Lebensweisen braucht konkrete praktische Versuche.“
Prototypen sind gefragt, Gründermentalität für das neue solidarische Leben. Ordensgemeinschaften alt und neu sind gefragt.

Das Modell „Sonntag“ als Nagelprobe

„Eine Kultur der Genügsamkeit, eine Ökonomie des „Genug für alle“ lässt sich für ChristInnen vom Sonntag her denken. Woche für Woche erfolgt eine gesellschaftliche Unterbrechung, die anzeigt: Genug gearbeitet! Genug gewirtschaftet! Eine solche Genügsamkeit schafft eine neue Freiheit. Als innere Freiheit macht sie frei von Angst, unnötigem Besitz und „haben wollen“ und als äußere Freiheit eröffnet sie einen Gestaltungsraum in sozialer Gerechtigkeit.“

 

Ohne Eitelkeit, ohne Lust auf Macht und ohne Lust auf Geld

900_IMG_0153Ich folge P. Bernd Hagenkord von Radio Vatikan auf Twitter. Er hat immer gute Hinweise auf Aussagen von Papst Franziskus. Oft erfrischend, immer direkt, am Wort Jesu orientiert. Heute übernehme ich einen Text von der Website von Radio Vatikan, der durch nichts zu ergänzen ist. Wer hätte gedacht, dass der Bischof von Rom jemals so reden wird. Ob sich das je „inkarniert hinein in die Kurie“? Wer den Papst so reden hört, versteht besser die große Stille und Ratlosigkeit der Bischöfe. Noch mehr wird klar, dass Politik und Wirtschaft sich auf einem anderen Planeten bewegen. Durchatmen und ruhig lesen:

Die Eitelkeit

In der Kirche gibt es Menschen, die Jesus „aus Eitelkeit” folgen oder aus Hunger nach Macht und Geld. Das sind drei falsche Motivationen, führte Papst Franziskus an diesem Montag in seiner Predigt in der Morgenmesse in Santa Marta aus. Das Tagesevangelium spricht von den Menschen, die Jesus nur deshalb suchten, weil sie zuvor bei der wunderbaren Vermehrung der Brote und der Fische satt geworden waren. „Wir alle sind Sünder“, führte der Papst aus. Es gebe immer irgendein Eigeninteresse, von dem die Suche nach Jesus gereinigt werden müsse. Franziskus nannte drei davon. Erstens: die Eitelkeit. „Da gab es diese Religionsführer, die sich gerne zeigten und wie Pfauen herumstolzierten. Wie echte Pfauen benahmen sie sich! Und Jesus sagt: Nein, so nicht. Eitelkeit tut nicht gut. Eitelkeit ist gefährlich, weil sie uns geradewegs in den Stolz schlittern lässt, in den Hochmut, und dort hört alles auf. Und ich frage mich: wie folge ich selbst Jesus? Die guten Dinge, die ich tue, tue ich die versteckt oder macht es mir Freude, mich dabei zu zeigen?“ Er denke dabei auch an „uns Hirten“, sagte der Papst.
Eitle Priester und Bischöfe „tun dem Volk Gottes nicht gut“.

Macht

Zweiter Punkt: Macht. Jesus werfe jenen, die ihm aus Eigennutz folgten, Machtstreben vor. „Das deutlichste Beispiel sind Johannes und Jakobus, die Söhne des Zebedäus, die Jesus darum baten, Regierungschef und Vize-Regierungschef im Himmelreich zu werden. In der Kirche gibt es Kletterathleten! Es gibt so viele, die die Kirche benutzen, um… Wenn du willst, geh Klettern in die Berge: das ist gesünder! Aber komm nicht in die Kirche, um zu klettern! Jesus schimpft mit jenen Klettersportlern, die Macht suchen.“

Geradlinigkeit und Geld

Der dritte Punkt, der uns von der „Geradlinigkeit der Absichten“ abbringe, sei das Geld. Franziskus: „Da gibt es jene, die Jesus für Geld folgen und versuchen, wirtschaftlich von der Pfarrei zu profitieren, vom Bistum, vom Krankenhaus, vom Kolleg. Denken wir an die erste Gemeinschaft der Christen. Diese Versuchung bestand von Anfang an. Und wir haben so viele gute Katholiken kennen gelernt, gute Christen, Freunde, Wohltäter der Kirche, mit allerlei Auszeichnungen. Viele! Von denen man später entdeckt hat, dass sie eher dunkle Geschäfte machten: echte Geschäftsleute, und sie haben viel Geld gemacht! Sie traten als Wohltäter der Kirche auf, aber nahmen so viel Geld, und nicht immer sauberes Geld.“
Bitten wir den Herrn um den Heiligen Geist, damit wir ihm mit Rechtschaffenheit folgen, so der Papst abschließend: „Ohne Eitelkeit, ohne Lust auf Macht und ohne Lust auf Geld.“

Herausfordernd – wie dieser Papst in der Spur Jesu redet. Das trifft uns alle persönlich. Und wir sind wieder bei „viel mehr wesentlich weniger“.
Aus welchen Motiven tun wir das, was wir tun?

Viel mehr und wesentlich weniger in Balance bringen helfen

Wesentlich_Logo_250Ein Thema, das sich in den letzten Jahren verdichtet hat, ist die Frage nach dem Mehr oder Weniger. Ein Freund schildert dieser Tage, dass bei ihnen in der Firma wieder Veränderungen anstehen. Sie am Bau „ganz draußen und herunten“ – wie er sagt – werden von der Firma gebeten, die „Einsparungspotentiale zu benennen“. Sein Ton zu dieser Erzählung hat einen wütenden Unterton: „Oben werden es immer mehr und wir unten bekommen immer weniger. Die Arbeit wird mehr und die Hände dafür sind weniger.“ Kopfschütteln, weil aus der Zitrone nichts mehr herauszupressen ist. Es geht nicht mehr weniger. Ich mache ihm den Vorschlag, er soll die Consulter eine Frage mitgeben, die für ihn eine echte Hilfe wäre. Sage ihnen, du möchtest beim nächsten Zusammentreffen gefragt werden: „Wen von uns hier oben könnt ihr hier draußen, unten brauchen?“ Diese Tatsache wäre mehr gutes Leben am Bau und würde die überfüllten Büros etwas lichten. Oben weniger und unten mehr – Hände und Menschen.

Orden suchen seit Jahrhunderten die Balance von Mehr und Weniger

Diese Tatsachen ziehen sich durch viele, vielleicht alle Bereiche der Gesellschaft. Immer mehr für oben und immer weniger für unten. Die Eliten treiben die Menschen mit Versprechen und der Weckung von Sehnsüchten zum allgegenwärtigen Mehr. Die drei evangelischen Räte – Ehelosigkeit, Gehorsam und Armut – sind für Ordensfrauen und -männer konstitutiv. Individuell leben sie ohne Besitz und Güter. Was einer Gemeinschaft zur Verfügung steht, nutzen sie gemeinsam. Nicht alle bekommen dasselbe, sondern jede und jeder bekommt das, was er oder sie braucht. Das verlangt ein gutes Hinhören, einen Gehorsam aufeinander. Das Zurückgeworfen-Sein auf sich selber, weil die ehelose Lebensform einen radikalen Weg der Nachfolge Jesu eröffnet, wird für Ordensleute in der Gemeinschaft „aufgefangen“. Die Sehnsucht nach mehr Gemeinsam heute ist dort seit Jahrhunderten auf dem Weg. Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine bleibt. Deshalb ist er oder sie in der Gemeinschaft „eingebunden“. Das Ich ist im Wir eingebettet und heute würde man von einem „Cohousing mit spiritueller Ausrichtung“ reden. Strukturell sind die Orden ganz nahe an den Sehnsüchten der jungen Leute heute. Sie sagen zum Großteil: Weniger Einfamilienhaus und mehr gemeinschaftliche Wohnformen. Karriere und Konsum werden zum Teil radikal hinterfragt. Das verbindet Ordensleute und hellwache ZeitgenossInnen. Wir sind in einer Zeit, wo „Viel“ mit dem „Weniger“, das „Wesentliche“ mit dem „Mehr“ die Balance sucht. Das Maß finden ist eine besondere Herausforderung. Auch wenn alle Politiker es in alle Mikrofone sagen, dass Wachstum Arbeitsplätze schafft. Die wahre Herausforderung besteht heute darin, wie wir Reduktion leben können. Das Ziel ist mehr Ausgleich, mehr Gerechtigkeit. Es gibt nämlich Menschen, die Reduktion als zynischen Ansatz sehen, weil sie ganz arm oder ganz reich sind. Die Ordensgemeinschaften wollen ausbalancieren helfen.

 

Der Sonnstein kann so viel

1544513_10201072666217645_3387770283686723786_nDer Tag wird ganz anders als geplant. Die beteiligten Personen für die große Geburtstagsfeier zum 85-er in Wien sind erkrankt. Telefonleitungen übermitteln die Wünsche. Der Geburtstag ist, die Feier dazu wird verspätet kommen. Ein Tag tut sich ganz neu auf.

Ein Berg als Lebensreflexion

Die Wettervorhersage sagt wechselhaft. Der mitschwingende Unterton der „Vorhersager“ klingt sonnig. Aufbruch in Richtung Salzkammergut. Der kleine Sonnstein (923m) verträgt jedes Wetter. Die Wolken hängen am gegenüberliegenden Traunstein. Der Sonnstein selber ist frei. Das Hinaufschauen ist möglich. Das Ziel steht vor Augen. Auch wenn ich schon mehrmals oben war, so ist die Sicht auf das Ziel eine der besten Motivationen. Es braucht den inneren oder äußeren Blick darauf, wo es hingeht. Wo siehst du dich in 25 Jahren ist eine Frage, die ich Studierenden bei einem Kommunikationsseminar dieser Tage gestellt habe. Davor habe ich Ordensfrauen und -männer gefragt. Interessante Antworten. Beide Male. Zuerst war aber Überraschung dabei. Es ist immer gut – bei aller Offenheit für Surprises – zu wissen, wo ich mich in Zukunft sehe. Heute sehen wir uns am Sonnstein. Der Aufstieg kann beginnen. Wir treffen einige BergkameradInnen mit demselben Ziel. Es geht aufwärts. Der Körper hat nach etwa 15 Minuten Betriebstemperatur angenommen. Schweißperlen auf der Stirn zeugen davon. Nach  5/4 Stunden stehen wir am Gipfel. Oben. Das Innehalten hat hier zwei Plätze: den Gipfel und die Hütte im Schatten des Gipfels. Der Blick hinunter und rundherum nährt den mentalen und spirituellen Speicher, der sich in der Stadt doch recht schnell leert. Gipfel und Hütten sind für mich „Orte des Überblicks und der Himmelsnähe“. Ich brauche das. So gerne ich „unten“ unterwegs und tätig bin, so wichtig ist für mich der Aufstieg und das Innehalten oben beim „Über- und Ausblick“. Ich erlebe den Himmel unten auch mit derselben Intensität und doch ist er oben irgendwie „näher“. Immer habe ich im Kopf und Herzen auch Menschen von unten mit nach oben. Berge öffnen auf besondere Weise. Ich denke an die Po-Ebene auf meinem Weg nach Assisi und an meine damalige Sehnsucht: Wann geht es wieder in die Berge. Der Appenin hat die Sehnsucht gestillt.

Oben und unten

10173570_10201072677937938_8597574137059529006_nDas Innehalten oben kann lange aber nicht ewig dauern. Aufbruch nach unten. Der Weg zurück in das Tal braucht wieder alle Aufmerksamkeit. Der Sonnstein kann das so wunderbar. Er lässt sich von unten sehen und er lässt von oben das Unten sehen. Die Perle Traunkirchen liegt von oben im See. Das Ziel unten. Das ist die Ebene nach den vorsichtigen Schritten hinunter an den Menschen vorbei, die etwas später den Weg hinauf nehmen. Das Ankommen unten ist nicht zu überhören. Die Autos fahren einem direkt in den Weg. So heißt es schnell einsteigen und diese Einstiegsstelle ein wenig fluchtartig zu verlassen. Am See suchen wir dann am Fusse des Johanneshügels ein Platzerl und schauen lange hinauf. Hinauf, wo wir waren. Tatsächlich. Die Sonne gibt auch den Traunstein und den Erla-Kogel frei. Zurückschauen auf das Ziel gibt dem Tag ein Bild, für mich ein Bild des Lebens: Hinaufschauen – aufsteigen – innehalten – absteigen – zurückschauen. Das erste Hinaufschauen ist nicht das Zurückschauen. Es kommt darauf an, dass wir hinaufgehen, nicht nur schauen. Und ich denke an die Politik, die Kirche, die Bildung – auch die Orden. Wie viele gehen den Berg? Im Jahr der Orden 2015 habe ich ein „Gipfelessen“ vorgeschlagen. Heute weiß ich, wo dieser Gipfel liegt, wohin wir das Essen und Trinken tragen. Hinauf auf den Sonnstein.

 

Wer nie Luft holt, wird unverständlich

Pilgerpfad_6Abt em. Martin Werlen von Einsiedeln in der Schweiz hat als Abt seine #Bahngleichnisse auf #Twitter verbreitet. Eine recht jesuanische Art, Ideen, Einschätzungen und Erfahrungen in Bildern und kurzen Sätzen zu teilen. Daraus ist ein Buch geworden. Ungewohnt und aus meiner Einschätzung sehr gelungen. Es begleitet mich seit meiner #ganzohr Tour vom Stift Altenburg weg. Abtpräses Christian Haidinger hat es mir mit auf den Weg gegeben. Heute öffne ich das Buch auf Seite 55 und dort steht dieser Satz: „Wer nie Luft holt, wird unverständlich.“

Luft holen am Pilgerpfad

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Der heutige Sonntag ist in der medialen Realität von der Heiligsprechung zweier Päpste gekennzeichnet. Alle Sender sind drauf, berichten, bringen Einschätzungen, interviewen und verbreiten „Begeisterung“. Am Nachmittag wird der neue Abt vom Stift Altenburg P. Thomas geweiht. In der Presse am Sonntag lese ich unter dem Titel „Massenmord unter den Augen des Klerus“ von den Greuel in Ruanda und die Rolle der Kirche bzw. des damaligen Papstes Johannes Paul II. Mir kommt die Ernennung Groers zum Wiener Erzbischof in den Sinn. Der erste Papstbesuch in Österreich hat 350.000 Menschen bei Regen auf die Beine gebracht. Beim dritten waren es 50.000 am Heldenplatz. Da ist etwas fundamental schief gelaufen. Heute weiß man es noch besser. Die Ächtung der Befreiungstheologie hat den südamerikanischen Kontinent weit zurückgeworfen. Wer nie Luft holt, wird unverständlich. Bei all den Gedanken zieht uns der blaue Himmel hinaus in die Luft, auf den pilger_PFAD, den ich vor Jahren zu den sieben Sakramenten zwischen Unterweißenbach und Königswiesen auf der Hirschalm konzipieren und gestalten durfte. Die Grundidee des 2 1/2 – 3 Stunden langen Weges entlang der sieben gestalteten „Punkte“ lautet: In die Nähe Gottes gehen.

Distanzgehen und das Leben wächst im klaren JA

Pilgerpfad_3Pilgerpfad_2Genau genommen ist sechs Jahre her, dass ich den Pilgerpfad zusammen mit dem dortigen Tourismusverein konzipiert und gestaltet habe. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich mit den Bauern und Anwohnern die acht Kilometer abgegangen bin. Josef Aglas von der Hirschalm war die „treibende Kraft“, dass diese wunderbare Gegend einen spirituellen Pfad bekommt. Heute geht auch der Johannesweg einen Teil am Pilgerpfad. Die Luft und die Gegend ist heute wie geschaffen zum Gehen. Blumenwiesen, die unglaubliche Vielfalt an Grüntönen, die Frühlingsbrise um die Nase und die wärmenden Sonnenstrahlen begleiten uns, kommen uns immer entgegen. In die Nähe Gottes gehen. Zwei Stationen der sieben Sakramente sprechen uns heute besonders an. Die Ehe mit der Übung des „Distanzgehens“ und das geweihte Leben mit der Himmelsleiter. Distanzgehen meint, dass wir ein Stück des Weges getrennt gehen und schließlich wieder „zusammenfinden“. Eine Übung, die uns „alltäglich“ geworden ist, seit ich in Wien und Österreich arbeite. Mit besonderer innerer Neugierde habe ich die Station des „geweihten Lebens“ erwartet. Jetzt, wo ich im Dienste des geweihten Lebens in den Ordensgemeinschaften stehe und gehe, wollte ich wissen, ob ich 2008 auch „richtig und treffend formuliert“ habe. Ich holte tief Luft und sagte nach dem Lesen: Ja, es stimmt. Wir beschließen unseren Weg am Pilgerpfad, einer sonntäglichen Meditation der sieben Sakramente entlang. Abt Werlen schreibt auf Seite 72 ein #Bahngleichnis: „Nur wer sich bewegt kann bewegen.“ Stimmt. Ein bewegender Sonntag.