Ganz Ohr hört vom Auf und Ab mit Zuversicht

_21speisesaalDas Refektorium ist wirklich groß. Um 7 Uhr bin ich zum Frühstück geladen. Ich bin noch nicht so wach wie die Zwettler Mönche, die vom Morgengebet kommen. Auch hier in aller Frühe schon Gesichter, die hellwach in den Tag schauen. Das eine oder andere wird noch für den Tag besprochen, bevor jeder aufsteht und sich auf die Konventmesse um 8 Uhr einstimmt. Mit dem Abt bleibe ich noch sitzen und wir reden über DAS JAHR DER ORDEN. Er meint: „Wir selber stehen noch mitten in unserem 875-Jahr-Feiern drinnen. Aber die Äbte in der Diözese St. Pölten haben schon begonnen, Überlegungen anzustellen.“ Wir vereinbaren, dass wir gleich nach dem Gottesdienst das Video mit den vier Fragen aufzeichnen. „Die Karwoche braucht noch einiges an Vorbereitung.“

Lateinische Meditation und die Eucharistie als Zentrum

_22kapitelsaal_25kreuzgangUm 8 Uhr versammeln wir uns zum Gebet und zur Messe. Einige haben schon ins Gespräch gebracht, „wieder in die Kirche zu übersiedeln, wo es schon so angenehme 11 Grad hat.“ Alle haben nicht genickt. Vor der Messe war das lateinische Gebet. Ich habe Latein gelernt und doch bin ich so aus der Übung, dass mir dieser Gesang als tiefe Meditation erschienen ist. Die Rollen bei der Eucharistie sind fließend aktiv. Schön, wie alles „zusammenspielt und das Wesentliche spürbar ist“. Die Mönche gehen nachher gleich ans Werk. „Labora“ liegt in der Luft. Ich mache im „Wohnzimmer“ das Video mit Abt Wolfgang. Wir finden noch etwas Zeit über die Entwicklung des Stiftes, das Auf und Ab, die Zuversicht auf Zukunft hin und das gute Zusammenspiel der Waldviertler Stifte zu reden. Dann geht Pater Tobias mit mir einige wichtige Stationen ab. Die alte ganz neu renovierte gotische Stiftskirche. Ich staune nur. Der älteste Kapitelsaal in Österreich mit einer einzigen alles tragenden Säule. Ich denke bei mir: das ist Zeichen für Jesus, der trägt und zusammenhält. Der Kreuzgang wird dann jener Ort, wo ich P. Tobias die vier Fragen stelle. Es ist kalt geworden und der Wind macht es noch kälter. Alle werden irgendwo gebraucht und verschiedene Leute wollen etwas von P. Tobias. Ich bedanke mich für die Zeit, die Gastfreundschaft, das Mit-Sein dürfen in ihrem „Wohnzimmer“ und in der Klausur.

Sprachwelten und Lesestoff

_23evangelii_gaudiumZu Fuß lasse ich das alles nachklingen hinaus in die Stadt Zwettl. St. Pölten und die Schwammelgasse 7 ist mein nächstes Ziel. Bus und Zug bringen mich dorthin. Im Zug von Krems nach Paudorf höre ich 12 Mal „saugeil“ von den Jugendlichen. Sprachwelten erlebe ich. Können jemals Brücken entstehen zwischen der spirituellen feinfühligen öffnenden Sprache und der am Außen und der „Sensation“ orientierten Jugendsprache. Diese kleine 10-minütige Ministudie twittere ich. In St. Pölten will ich die Kleinen Brüder treffen. Ich finde zwar das Haus, „aber das gehört einer Bank und da wohnt nur eine Familie drinnen“, sagt mir die Nachbarin. So betrete ich den Bahnhof und in dieser Minute regnet es in Strömen. Der Zug bringt mich Richtung Westen. Ich hole meinen Lesestoff wieder heraus und komme bis Seite 42. Papst Franziskus schreibt unter 24: „Wagen wir ein wenig mehr, die Initiative zu ergreifen.“ Ich lehne mich zurück, atme durch, sehe den Regen am Fenster ablaufen und denke: Ja, es liegt an uns. Mit Ganz Ohr habe ich den Süden und Osten einmal „erkundet“. Ich freue mich auf den Westen und den zweiten Süden.

Abt Wolfgang Wiedermann, Stift Zwettl

P. Tobias Lichtenschopf, Stift Zwettl

 

Ganz Ohr trägt Eindrücke durch das Kamptal und nächtigt in der Klausur

_1kamptalSehen auf besondere Weise. Beim Frühstück mit der blinden Klavierlehrerin unserer älteren Tochter Frau Kofler, die „zufällig“ auch im Stift Altenburg ist, wird mir wieder einmal klar, auf welch besondere Weise diese Menschen „sehen“. Sie erzählt von einem begnadeten jungen Orgelspieler, der in einem Stift gearde das Chorgebet wunderbar begleiten könnte. Sie erzählt von den technischen Errungenschaften, die ihr das Musizieren und Orgelspiel auf hohem Niveau ermöglichen. „Ich genieße die schönen Gesänge hier.“ Mir geht es ebenso.

Zwischen Abtwahl und Benediktion

_1AbtThomasDer neue Abt von Altenburg Thomas Renner feiert in der vollen Stiftskirche Palmweihe und Eucharistie. Davor nehmen wir im langen Gang das Video mit den vier Fragen auf. Ich stelle in diesem Fall am Schluss noch eine Frage dazu, wie es ist als Abt zwischen Wahl und kommender Benediktion: „Es fehlt mir noch irgendwie die Mitte. So viel Organisatorisches. Ich habe noch gar nicht alles ausgepackt. Diese Ostertage geben mir aber Gewissheit, worum es wirklich geht.“ Der Chor hat bei der Leidensgeschichte die Stimmen des Volkes in besonderer Weise musikalisch gestaltet. Eindrucksvoll. Der Regen hat aufgehört. Einen Palmzweig stecke ich auf meinen Rucksack. Kurz vor 12 Uhr mache ich mich zu Fuß auf den Weg ins Stift Zwettl. Ich suche den Weg ins Kamptal, das ich bis Krumau durchwandere. Wunderschön und ohne Regen. Ich genieße die mehr als vier Stunden Gehen. In Krumau kehre ich kurz ein, um dann per Autostopp in die Nähe des Stiftes zu kommen. P. Norbert vom Stift Lilienfeld fährt „zufällig“ Richtung Gföhl und nimmt mich mit zur Schnellstraße. Er erinnert sich an ein Ordenstreffen vor etwa 35 Jahren in der Stadthalle Wien. Zwei Tage. Zum kommenden JAHR DER ORDEN hat er keine Wünsche. Wie stoppt man auf der Schnellstraße? Ich suche eine Abfahrt und will mich dort positionieren. Der Daumen war gerade erhoben und schon hat ein junger Mann angehalten. Er studiert Medientechnik in Krems. Die Strecke bis zur Abzweigung ins Stift Zwettl ist fast zu kurz.

Annäherungen mit Geduld und empathische Gastfreundschaft

_2stiftzwettlEtwa drei Kilometer gehe ich zu Fuß von der Schnellstraße auf idyllischem Weg ins Stift. Die Glocken um 18 Uhr höre ich von Ferne. Die frisch renovierte Kirche ist mein erstes Ziel. Dann die Suche nach einer Bleibe. Ich bin unangemeldet. Gar nicht so einfach um 18.30 Uhr, wo die Patres beim Gebet und Abendessen sind. Ein Organist gibt mir seine Handynummer, „damit nichts schief geht“. Ich studiere die unglaublich vielen Schwalbennester rundherum an den Gesimsen im Hof. P. Prior kommt um 19.20 Uhr durch die Pforte. Es ist schon kalt geworden. Ich stelle mich vor. Er geht wieder und bringt Gastpater Leo. Wir gehen durch den wunderschönen Kreuzgang in das Winterrefektorium. Dort klingt unter Mitbrüdern der Sonntag aus. P. Leo richtet in der Klausur ein Zimmer für mich, während zwei Mitbrüder mich flüssig und fest versorgen. Eine gute und offene Atmosphäre im „Wohnzimmer“ der Mönche._3prior Das Warten im Hof hat sich ausgezahlt. Es ist immer noch gut geworden. Wertschätzende Gastfreundschaft lässt mich müde ins Bett fallen. Morgen bleibt Zeit, dass wir näher auf mein Anliegen eingehen. Ein guter Palmsonntag in und zwischen zwei Stiften im Waldviertel.

Abt Thomas Renner, Stift Altenburg

Ganz Ohr atmet tief durch in der Balance von Ora et Labora

_klosterzelleIch komme später als gedacht. Die wunderbare Gegend am Weg ins Stift Altenburg hat mich trödeln lassen. Zwischen den abendlichen Gebetszeiten von Abtpräses Christian Haidinger ist nicht so viel Zeit. Ich stehe bei der Klosterpforte und rufe ihn an. Keine drei Minuten vergehen. Er zeigt mit die helle und geräumige „Klosterzelle“. Einfach – schön. Das Leben hat im Rucksack Platz. Die passende Unterkunft dazu ist Bett, Kasten, Tisch, Sitzgelegenheiten und Sanitärzelle. Direkt üppig. Dusche ist Himmel. Diese genieße ich nach 5 Stunden Gehzeit. Es ist still. Die Vögel singen beim offenen Fenster herein. Die Sonne verabschiedet sich bis morgen. Ich schlafe ausgezeichnet.

Den Rhythmus und die Balance finden

_weihwasserDie Laudes ist um 6 Uhr. Das „schaffe“ ich nicht. Um 7.15 Uhr ist Eucharistie. Einfach. Die wunderschöne Klosterkirche ist von Osten her mit gelbem Licht durchflutet und die Orgel und unsere Gesänge erfüllen den Gottesraum. Mit den anderen Gästen sitze ich beim Frühstück. Wir unterhalten uns über das Auftanken, die Orientierung und „wie es einfach gut tut, hier“. Vormittags führe ich Gespräche. Darüber weiter unten. Um 12 Uhr gehe ich zum Mittagsgebet. Dann darf ich im Refektorium in der Klausur mit den Patres das Mittagessen genießen. Eine alte bewährte Ordnung gibt dem Essen eine besondere Bedeutung. McDonalds ist Lichtjahre weg. Am Beginn trägt ein Mitbruder aus der Bibel, aus der Regel des hl. Benedikt und aus einem neuen Buch über den neuen Papst in Südamerika vor. Tischlesung während der Suppe. Dann ist Konversation mit den Tischnachbarn. Wir beenden das Mittagessen wieder mit einem Gebet. Ich gehe in meine Zelle und tue das, wozu sonst nie Zeit ist. Powernapping nennen das die Coaches von heute. Mittagsrasterl sagen die Mönche anderswo. Gespräche und ein Erkunden der Umgebung lässt den Nachmittag vergehen. Tiefes durchatmen und aufatmen macht sich breit. Ich sitze in der Sonne und die Gedanken haben freien Lauf. Um 17.30 gehe ich zur Vesper. Dann Abendessen im Refektorium wieder mit dem neuen Abt und dem Konvent. Ganz ähnlich wie zu mittag. Das Essen hat und bekommt seine Zeit._angel Seine Aufmerksamkeit. Das Gebet beendet die Tischgemeinschaft und heute Samstag ist um 20.30 Uhr Vigil. Innehalten und gesungen beten in der Kirche. Das Gebet unterbricht die Arbeit und gibt dem Alltag einen Rhythmus. Wer so etwas erleben möchte, ist genau hier in Altenburg und sicher in jeder anderen Ordensgemeinschaft gut aufgehoben. Sich einlassen, einschwingen in die Einfachheit trotz Barock und der Seele Raum geben. Beim Durchblättern des Foto-Albums von Abtpräses Christian, das er zum 70er bekommen hat, ist mir ein Spruch aufgefallen: „Der Raum des Geistes, dort wo er seine Flügel ausbreiten kann, das ist die Stille.“

Lasst junge Ordensfrauen und -männer zu Wort kommen

_clemens_selfieNormalerweise ist Fr. Clemens Hainzl in Salzburg im Haus St. Benedikt. Der „Zufall“ will es, dass er heute in „seinem“ Stift ist. Er hat mir vor Tagen ein Email geschrieben zum JAHR DER ORDEN. Wir nehmen uns ausführlich Zeit, um die Situation und seine Ideen anzusprechen. Ich bin ganz Ohr. „Wofür stehen wir? Was ist unser Grundauftrag?“ Das wird Frater Clemens öfter gefragt oder er diskutiert das mit Kollegen: „Als unser Grundcharisma sehe ich Gottsuche und die Menschen in unserer jeweiligen Region. Also Gott und Mensch.“ Für das Jahr der Orden wünscht er sich, dass junge Ordensleute zu Wort kommen, „gezeigt“ werden, Impulse setzen. Er hat ein Symposium oder so etwas Ähnliches vor Augen, wo nur Junge sich versammeln, die Vorträge und Impulse von Jungen gemacht werden und aus Sicht der Jungen die Gelübde als Lebensweg ganz praktisch sichtbar werden. Was er sich auch noch wünscht: „Ein Jammerverbot in diesem Jahr“. Er meint, dass bei den Menschen und in der Gesellschaft die Freude und das Engagement der jungen Ordensleute nicht einmal ansatzweise „hinübergekommen“ ist._firmgruppe Ich denke an den Medienempfang, wo die Novizinnen eine wirkliche Überraschung für einige Medienschaffende waren. Wörtlich sagt ein Journalist beim Hinausgehen: „Ich habe nicht gewusst, dass es solche junge Ordensfrauen gibt.“ Klingt gut. Diesen Vorschlag packe ich in meinen Rucksack, wenn ich morgen nach der Palmweihe ins Stift Zwettl aufbreche. Das Video nehmen wir auf, bevor die Firmlinge kommen und Fr. Clemens das Haus und das Leben der Benediktiner vorstellt. „Da, wo Begeisterung ist, ist Berufung.“

Fr. Clemens Hainzl, Benediktiner im Stift Altenburg

Abtpräses der Benediktiner Österreichs Christian Haidinger, Stift Altenburg und Vorsitzender der Ordensgemeinschaften Österreich Superiorenkonferenz

Ganz Ohr geht weit und sieht in der Natur ein Entwicklungsbild

IMG_9496Die U4 bringt mich vom Schwedenplatz in die Heiligenstadt zum Zug nach Eggenburg. Ein Johannesbruder von Marchegg steigt mit mir in die U-Bahn. Ich spreche ihn an und er kennt mich dann von der Herbsttagung. Er staunt ein wenig wegen meines wandernden Outfits. Ich erzähle ihm von meiner Tour, von meinen vier Fragen. Er steigt drei Stationen weiter aus. Wenig Zeit. Wir sind aber gleich am Wesentlichen. Bevor er aussteigt. „Es kommt eine Zeit der Fruchtbarkeit auf uns zu. Jetzt ist die Zeit, den Samen auszulegen. Das wird sich in 25 Jahren weisen. Evangelii Gaudium ist sehr entscheidend.“ Er „flüchtet“ bei seiner Station hinaus. Evangelii Gaudium habe ich dabei, weil ich es Satz für Satz lesen werde. Die Zeit der Fruchtbarkeit hängt mir nach. Im Zug beginne ich zu lesen: „Die Freude den Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. Diejenigen, die sich von ihm retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von Vereinsamung. Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – Freude.“

Auf Augenhöhe und in empathischer Nähe

_P.Sepp_EggenburgIn Eggenburg ist das Redemptoristen-Kloster mein Ziel. Jugendliche beleben das Haus. „Lehrlingsstiftung“ und „Jugendhaus“ steht auf Schildern vor der Tür. Die Klausur ist im ersten Stock. Es ist niemand da. Ich schaue und plaudere etwas mit den Jugendlichen. Da kommt ein bekanntes Gesicht daher. P. Sepp Schachinger hat es irgendwie eilig. Ich halte ihn auf. Er hat jetzt schwer Zeit, weil er nachmittag ein Begräbnis einer 18-Jährigen hat. Der Kopf ist nicht frei für DAS JAHR DER ORDEN. Das verstehe ich. Ich Frage ihn, ob ich ihm die vier Fragen für das Video stellen darf. Ja, das macht er. Gespräche auf Augenhöhe sind seine Mitte. Rand mag er nicht, weil er diese Jugendlichen hier vom gesellschaftlichen Rand als seine und ihre Mitte sieht. Das Begräbnis geht ihm nahe, wie ich ihn danach frage. Ein Mensch steht vor mir mit einer unglaublichen Kraft zur empathischen Nähe. Wer an ihm vorbeigeht, lächelt ihn an und umgekehrt. Irgendwie bin ich sprachlos über diesen Ort für und mit Jugendlichen mitten im Kloster. Ich sitze noch lange in der Kirche, die einen alten Kreuzweg hat, der mit Bildern von Jugendlichen „aktualisiert“ wurde. Viele Menschen wissen nicht, was so ein Pater den ganzen langen Tag macht. P. Sepp lebt Evangelii Gaudium hier in Eggenburg für und mit den Jugendlichen.

Ein weiter Weg und die parallele Autonomie

_Baum4_Baum3_Baum2_Baum1Am frühen Nachmittag geht es ans Gehen. Die Dame im Informationsbüro hat mir eine Karte geschenkt. Da sind auch größer Feldwege eingezeichnet. Mein Ziel ist möglichst wenig auf Strassen von Eggenburg nach Maria Dreieichen (2 1/2 Stunden) und weiter ins Stift Altenburg (2 1/2 Stunden) zu gelangen. Es gelang und es war wunderschön. Die Sonne, der kühlende Wind und diese blühende karge und ausgetrocknete Landschaft. Zwei Bäume führen mit anschaulich vor Augen, was ich im nächsten ON unter dem Titel „Wie kommt das Neue in die Organisation“ beschreibe. Ein alter und ein junger Baum schauen zuerst wie einer aus, dann werden beide sichtbar und schließlich steht der Neue vor dem Alten. Im Vorbeigehen hat sich das Bild total gewandelt, obwohl die zwei Bäume stehen geblieben sind. Dieses Erlebnis im Schauen werde ich morgen Abtpräses Christian Haidinger als Bild für die Ordensgemeinschaften erzählen. Das Junge ist zuerst nur als Teil des Alten sichtbar. Bringst du dich in Bewegung, wird auf einmal das Junge als eigenständig sichtbar. Entfernst du dich, entschwindet das Alte und es steht der blühende Baum in der Landschaft. Da werde ich nochmals nachdenken und einen eigenen Beitrag verfassen. Klarer und mit den Bildern einzeln belegt. Ein spannender Aspekt der Entwicklung von Ordensgemeinschaften lag am Weg. Gut müde führt mich Abtpräses Christian in meine Klosterzelle. Claus Sendlinger von den Designer-Hotels hat ja einmal gesagt: Wenn du heute jemanden etwas ganz Besonderes schenken möchtest, dann Natur, Retreat oder Klosterzelle. Da bin ich.

P. Sepp Schachinger, Redemptorist in Eggenburg

Ganz Ohr hört Südafrika und den Wunsch nach Agilität

_speisesaal_aussen_1000Es „treibt“ mich zu Fuß hier in Graz hinaus nach Eggenberg. Die Grazer Schulschwestern waren gestern bei der PGR-Begegnung mit Sr. Ruth Lackner präsent. Sie spricht die Einladung aus und meine Neugierde steigt. Nach 30 Minuten bin ich dort. Bei der Pforte steht neben mir Sr. Emilie. Es stellt sich heraus: Sie reist gerade wieder ab nach Südafrika. Wir verwickeln einander ins Gespräch. Und schon ist es mir gelungen, sie vor dem berühmten Speisesaal im Schulhof vor die iPhone-Video-Linse für das Video zu bekommen. Meine vier Fragen und in diesem Fall eine fünfte dazu: Wie geht es ihnen, wenn sie in Österreich sind?

Wir suchen agile Macherinnen, die etwas Neues verwirklichen wollen

_speisesaal_innen_1000Sr. Ruth hat sich hinter mich gestellt und beobachtet. Sr. Emilie hat es eilig und wir wünschen ihr alles Gute für Südafrika. Jetzt bin ich ganz da. Den Speisesaal habe ich schon fotografiert. Da waren die Schwestern 1972 mutig. Ein Höhle. „Schaut geil aus, oder?“, sagt ein Schüler im Vorbeigehen. Er sieht mich staunend. Wir gehen ins Besucherzimmer. DAS JAHR DER ORDEN liegt von gestern am Tisch. „Wir suchen agile Macherinnen, die etwas Neues verwirklichen wollen. Ordensfrauen sind keine Hilfskräfte, sondern vorausschauende Gestalterinnen. Innovatorinnen, die vielleicht eine ganz neue Pädagogik ausprobieren wollen. Vielleicht sollten wir Mathematik in Bezug zur Schöpfung entwickeln und Naturwissenschaften auf Transzendenz hin in Bezug setzen. Wir suchen Frauen, die zum Beispiel für neue Zugehensweisen brennen.“ Ich scheibe das in meinen Schreibblock und frage nach, „ob ich das auch so schreiben soll“. Sr. Ruth zögert ein wenig und sagt: „Ja.“ Was wäre, wenn fünf junge Frauen kommen würden? „Es wäre im ersten Hindenken nicht einfach, aber es wäre toll.“ Die Künstlerin und Pädagogin bekommt leuchtende Augen und in der Stimme schwingt doch eine gewisse Bange mit: „Sehen und formulieren wir die wirklichen Herausforderungen und suchen wir Leute, die in einem weiten Rahmen diese angehen.“ Wir kommen noch einmal auf die fünf jungen Frauen zu sprechen. _sr_ruth_1000„Ich würde sagen: Kommt und macht. Unter dem Dach einer Ordensgemeinschaft lässt sich viel verwirklichen. Es ist Platz für wirklich Neues. Wir werden lernen, damit zu leben.“ Über 60 Ordensfrauen sind im Grazer Konvent und ich sitze mit ihnen als einziger Mann im Speiseraum. Dort spinnt sich beim Essen das Gespräch weiter. Am Weg zurück zum Bahnhof denke ich mir: Jetzt wäre ich gerne eine junge agile Frau. An diesem Platz ließe sich einiges verwirklichen.

Kurze Biografien von Ordensleuten

Bevor mich der Zug über den Semmering transportiert, treffe ich Günther. Er ist der Kommunikationschef des Krankenhauses der „Lisln“ in Graz. _liebminger_1000Wir sitzen am Platz vor dem Bahnhof, wo um diese Zeit viele Menschen unterwegs sind. Mein Frage zielt gleich mitten ins Jahr der Orden: „Hast du schon Ideen mit?“ Er lächelt und erzählt von Sr. Bernadette, die mit ihren 90 Jahren ein unglaublich frisches und humorvolles Gemüt hat. Mit ihr einen Film machen, wäre eine Idee, „die wir wahrscheinlich auch verwirklichen werden“. Vielleicht sind es viele kleine Biografien von Ordensleuten und MitarbeiterInnen in den Orden, „die Einblick geben und verstehen lassen“. Der Zug nach Wien wartet nicht. Ein letztes Video in Graz mit einem Menschen, der fest und gut in der Ordenswelt steht. Und danke für das Soda Zitro, Günther.

_bahnhof_graz_1000

Sr. Emilie, Grazer Schulschwester in Südafrika

Sr. Ruth, Grazer Schulschwester vor dem Kreuzweg, den sie geschaffen hat

Günther Liebminger, Krankenhaus der Elisabethinen in Graz

Ganz Ohr sieht den Matrazen tragenden Pfarrer und hört die Zukunft der Pfarre

_Pucher_1000Zu Fuß gehe ich in die VinziPfarre in Eggenberg in Graz. Der Weg ist weiter als ich eingeschätzt habe und deshalb fragt die PGR-Vorsitzende Gabi am Handy nach, „wo ich bin“. BeimVinziShop bin ich gerade und komme gleich. Mit Pfarrer Wolfgang Pucher bin ich verabredet. Ich gehe in die Kirche „Grüß Gott“ sagen. Durch den Garten geht es ins Pfarrhaus. Pfarrer Pucher kommt gerade mit einer Roma-Familie mit Matrazen daher. „Einen Moment noch“, bittet er um meine Geduld. Ich nehme den Rucksack ab und genieße den Garten. Das Pfarrhaus ist voll belegt mit Roma und Menschen, die kein Obdach haben.

Ihr habt zu wenig zu tun

_pgr_gabi_1000Wir nehmen im Sitzungszimmer Platz. Pfarrer Pucher ist Lazarist. „Wir haben in dieser Pfarre drei Sozialkreise. Vinzi betreut mit 400 Ehrenamtlichen in 34 Einrichtungen etwa 400 Menschen intensiv.“ Ich habe vieles über die Medien gewusst, aber konkret hier den Menschen erleben, der hinter all dem steht, ist „beeindruckend“. Seit 56 Jahren ist er Lazarist und dieser Tage hat er den 75sten Geburtstag gefeiert. Über Facebook habe ich das mitbekommen und gratuliert. Ich stelle wieder DAS JAHR DER ORDEN in die Mitte. Kurze Nachdenklichkeit kommt auf. Dann meint Pucher: „Es heißt, wir haben keine Leute. Ich sage: Ihr habt zu wenig zu tun. Es gilt, Arbeit zu finden und deutlich zu definieren. Es ist die Arbeit, die MitarbeiterInnen findet. So auch beim Ordensnachwuchs. Die Jungen müssen sogar Arbeit haben, die ihnen über die Ohren wächst.“ Wir sprechen von sinnvoller Arbeit, von wirklich helfenden Tätigkeiten. Pucher: „Die Orden sollten ihre Aufgabe ganz klar sichtbar und vermittelbar neu definieren. Vieles hat sich etabliert und es gibt fast nur mehr einbetonierte Räume. Es bewegt sich gar nichts.“ Pucher spricht auch von seinem eigenen Orden und erinnert an den heiligen Vinzenz, der immer wieder nach neuer Armut gesucht hat. Pucher wird etwas emotional, wenn er pointiert meint: „Wir sollten alles lassen und neu anfangen. Diese Idee ist nicht einfach. Die Geschichte zeigt aber, dass Abspaltungen genau das getan haben.

Radikal neu anfangen

_gruppe_pgr_1000Pucher nimmt die Finger zu Hand. „Erstens: Radikal neu anfangen. Zweitens: Ziele und Aufgaben unbedingt und radikal hinterfragen. Drittens: Die Lebensform so wählen, dass sie sich an den unteren Schichten orientiert. Unser Platz ist unten. Viertens: Der Pomp muss aufhören. Der Pomp ist tödlich.“ Die erste Frage muss immer lauten: „Wo ist der Durst der Menschen?“ Da gehören wir hin. Er erinnert an den Film: Götter und Menschen. Trappisten haben in Marokko mit den Menschen im Volk gelebt und waren einfach da. Wir gehen das Video machen. Gabi, die PGR-Vorsitzende lebt im Pfarrhaus wie so viele andere, lädt mich zum Abendessen. Sie fühlt sich sehr wohl in diesem „sozialen Haus“. Am Abend halte ich vor dem PGR und Gästen einen Vortrag zur „Lebendigen Pfarre“ und meinem Grundanliegen, dass Pfarre ein Ort der gemeinsamen Verantwortung ist und Kirche den Getauften gehört. Es war ein wirklich inspirierender Abend. Dankbar geht es zu Fuß zum Übernachten. Ich gehe noch 20 Minuten und lasse diese vielen Begegnungen nachklingen. Es gibt so gute Menschen.

VinziPfarrer Wolfgang Pucher

Ganz Ohr hört „mystisch-liebend“ und „Ich habe Zeit“

_ferdl_1000Die Mur in Graz führt hohes Wasser. Der kalte Wind kommt von den schneebedeckten Bergen. Zu Fuß gehe ich vom Bahnhof in die Grazer Innenstadt. Die Franziskanerkirche kommt mir entgegen. Ein Kellner weist mir den Weg. Mein Ohr führt mich an die Pforte und dort treffe ich den Guardian P. Willibald. Er ist überrascht. Ich komme unangemeldet. Wir haben einander noch nicht kennengelernt. Das ändert sich innerhalb von zehn Minuten. Ich nehme Platz und falle mit der Tür ins Haus. DAS JAHR DER ORDEN.

Ein Fremdkörper in der Kirche durch die mystisch-liebende Dimension

_P.Willibald_1000„Wenn so ein Jahr ausgerufen wird, dann zeigt das immer auch ein Manko. Die Ordensgemeinschaften haben in der primär hierarchischen Kirche keinen Platz, sind irgendwie ein Fremdkörper in der Kirche. In Lumen Gentium wird betont, dass die Orden Zeichen für die göttliche Wirklichkeit sind, für die Dimension der bräutlichen Liebe. Das hohe Lieder der Liebe beschreibt die Liebe der Braut und des Bräutigams.“ P. Willibald sieht im Jahr der Orden die Chance, „die mystisch-liebende Sicht als Braut Christi hervorzukehren“. Das Bild vom Volk Gottes hat viele strukturelle Aspekte. Den Orden muss es aber um das „Braut-Bild“ gehen mit der mystisch-liebenden Dimension. Dieses Bild ist eigentlich das „abschließende Bild für Kirche aus der Offenbarung“. Wie kann das zum Ausdruck gebracht werden? Eine Frage, die ihn länger nachdenken lässt: „Nicht organisatorisch, sondern anders.“ P. Willibald stellt ohne Bitternis und doch sehr klar fest: „Das höchst verlorene Gebot in der Kirche ist das Gebot der Gottesliebe. Gott lieben ist uns entschwunden.“ Er sieht die evangelischen Räte und Gelübde als „Lebenskonzept der bräutlichen Liebe.“ Das ist nie geschlechterspezifisch und daher spielen Ämter keine Rolle. Wir nehmen ein Video auf mit den vier Fragen. Ich verabschiede mich und sehe diesen besonderen Aspekt des Ordenslebens in einem neuen Licht – hier in Graz bei den Franziskanern.

Ich habe im Prinzip immer Zeit

_fr.paulusDie Kirche der Barmherzigen Brüder liegt am Weg und so halte ich inne. Das Krankenhaus und vielfältige Wirken der „Brüder“ in Graz ist bekannt. Über die Apotheke bekomme ich Zugang zur Pforte und ich frage nach einem der Brüder. Der Portier wählt eine Nummer und gibt mit den Hörer: „Frater Paulus, bitte.“ Ich bin überrascht. Mein Ohr hört: Kommen sie herauf in den 4. Stock. Ich sitze bei zwei Patientinnen im Cafe. Das mache ich und treffe Pater Prior selbst im Gespräch. Wir gehen auf die windige Terrasse. DAS JAHR DER ORDEN lege ich gleich auf den Tisch neben den Kaffee, den mir Frater Paulus herstellt. „Aufmerksam machen auf die Orden in ihrer verschiedensten Ausprägung und Tätigkeiten in ihrer Sorge um den Nächsten wie bei uns für die Kranken, Alten, Behinderten und Armen. Das ist aber nicht nur ein Jahr, sondern eine Lebensaufgabe: _4gelübde_1000Da sein für den Nächsten im eigenen Charisma.“ Wie kann das geschehe? „Da habe ich noch keine konkrete Vorstellung, wo doch das Ordensleben heute nicht gerade in ist. In jedem Fall medial breit gefächert hinweisen und darstellen. Eine österreichweite Sternwallfahrt würde sich auch anbieten.“ Frater Paulus ist realistisch und er weiß: „Die meisten können heute nichts mit Ordensleben anfangen, kennen es nicht von innen und sollen es kennen lernen können. Unkompliziert.“ Ich merke an, dass es sehr wohltuend für mich war, so unmittelbar und barrierefrei zu ihm zu kommen: „Im Prinzip habe ich immer Zeit.“ Das hört man heute selten. Die beiden Patientinnen kommen noch auf uns zu und wir gehen das Video machen. Es ist auch auf der anderen Seite des Hauses windig. Im Besprechungssaal sammeln sich schon die Verantwortlichen. Es geht um die nächsten Jahre hier in Graz. _Mur_1000Ich schultere den Rucksack und bedanke mich für die Zeit. Die VinziPfarre von Pfarrer Pucher ist mein nächstes Ziel. Es ist ausgemacht und ich werde erwartet.

P. Willibald, Franziskaner Graz

Fr. Paulus, Barmherzige Brüder Graz

Ganz Ohr mit Rucksack, auf Füssen und in Öffis

videoDer Himmel verzieht sich etwas. Die Wetterprognose scheint durchwachsen. Und trotzdem verspüre ich eine große innere Neugierde. Für 10 Tage  breche ich auf, um von Graz, Wien, Eggenburg, Altenburg, Zwettl, St. Pölten, Salzburg, Lofer, Wernberg und Wilhering bei Ordensgemeinschaften anzuklopfen. Im Selfie-Video beschreibe ich mein Vorhaben. Der Local Detective in mir ist erwacht und will mit ganz offenem Ohr hinhören, hineinhören und herumhören.

Begegnungen mit geerdeter Vielfalt

Das Medienbüro ist Teil des Büro Freyung, das sich als Service- und Dienstleistungsplattform für die 200 unterschiedlichen Ordensgemeinschaften versteht. Seit gut 1 ½ Jahren bin ich dabei, in einem wirklich guten und produktiven Miteinander  die Kommunikaitionsarbeit zu gestalten und das gemeinsam erarbeitete Kommunikationskonzept schrittweise umzusetzen. Da ist einemal „Online first“ als Basis für alles. Die Netzmarke „Ordensgemeinschaften Östereich“ als der verbindende Faden nach innen und außen ist umgesetzt. ON sind die neuen Ordensnachrichten und mit SUMMA 2013 haben wir erstmals einen Art „Personen-, Themen- und Leistungsbericht“ erstellt. Die Rückmeldungen waren Balsam. Die Medien nehmen Ordensleute heute mehr wahr als früher. „Die Ordenswelt ist eine spannende Geschichte“, meinte dieser Tage ein Chefredakteur. Vielfalt ist ein wunderbarer Schatz und Begegnungen in dieser vielfältigen Welt sind nicht so fad wie die monolitischen Blöcke der Konzerne und Parteien. Ich breche auf in diese geerdete Vielfalt. Ich kenne die Rahmendaten der Öffis und die ungefähren Wegstrecken, die ich zu Fuß zurücklegen werde. Die Begegnungen sind nicht terminisiert, nicht eingefädelt. Einige wissen gar nicht, dass ich komme(n möchte). Es entsteht ein situatives und temporäres Bild. Es ist mir aber klar aus den verschiedensten „Gehungen“ bisher: Das Fragment zeigt das Ganze. Das Rundherum erzählt von der Mitte.

Mitte, Rand, Gründung und Zukunft

Fotoxy2015 wird auf Initiative von Papst Franziskus als DAS JAHR DER ORDEN begangen. Das „geweihte Leben“ soll als Lebenskonzept in den gesellschaftlichen Kontext gestellt werden. Einen Masterplan haben wir dazu schon erarbeitet, der offen ist für neue Ideen und Umsetzungsmaßnahmen. Das trage ich als „Wahrnehmungsraster“ mit mir. Auf Video werde ich Kurzstatements zu folgenden vier Fragen einholen: 1. Wo begegnet dir Mitte? 2. Wo begegnet dir  Rand? 3. Wo spürst, erlebst du das Charisma der Gründerin, des Gründers heute? 4. Wo siehst du deine Gemeinschaft in 25 Jahren? Ich bin gespannt auf die Zugänge und Antworten. Hier und auf Youtube werde ich täglich mein Ohr zugänglich machen. Nicht das „Ganze Ohr“. Ich höre sicher mehr, als eine Tastatur oder Bilder einfangen können. Auch wenn sich der Himmel verzieht: zum Zuhören ist das Wetter immer richtig.

Ferdinand Kaineder zur Ganz Ohr Tour #ganzohr