Ganz Ohr atmet tief durch in der Balance von Ora et Labora

_klosterzelleIch komme später als gedacht. Die wunderbare Gegend am Weg ins Stift Altenburg hat mich trödeln lassen. Zwischen den abendlichen Gebetszeiten von Abtpräses Christian Haidinger ist nicht so viel Zeit. Ich stehe bei der Klosterpforte und rufe ihn an. Keine drei Minuten vergehen. Er zeigt mit die helle und geräumige „Klosterzelle“. Einfach – schön. Das Leben hat im Rucksack Platz. Die passende Unterkunft dazu ist Bett, Kasten, Tisch, Sitzgelegenheiten und Sanitärzelle. Direkt üppig. Dusche ist Himmel. Diese genieße ich nach 5 Stunden Gehzeit. Es ist still. Die Vögel singen beim offenen Fenster herein. Die Sonne verabschiedet sich bis morgen. Ich schlafe ausgezeichnet.

Den Rhythmus und die Balance finden

_weihwasserDie Laudes ist um 6 Uhr. Das „schaffe“ ich nicht. Um 7.15 Uhr ist Eucharistie. Einfach. Die wunderschöne Klosterkirche ist von Osten her mit gelbem Licht durchflutet und die Orgel und unsere Gesänge erfüllen den Gottesraum. Mit den anderen Gästen sitze ich beim Frühstück. Wir unterhalten uns über das Auftanken, die Orientierung und „wie es einfach gut tut, hier“. Vormittags führe ich Gespräche. Darüber weiter unten. Um 12 Uhr gehe ich zum Mittagsgebet. Dann darf ich im Refektorium in der Klausur mit den Patres das Mittagessen genießen. Eine alte bewährte Ordnung gibt dem Essen eine besondere Bedeutung. McDonalds ist Lichtjahre weg. Am Beginn trägt ein Mitbruder aus der Bibel, aus der Regel des hl. Benedikt und aus einem neuen Buch über den neuen Papst in Südamerika vor. Tischlesung während der Suppe. Dann ist Konversation mit den Tischnachbarn. Wir beenden das Mittagessen wieder mit einem Gebet. Ich gehe in meine Zelle und tue das, wozu sonst nie Zeit ist. Powernapping nennen das die Coaches von heute. Mittagsrasterl sagen die Mönche anderswo. Gespräche und ein Erkunden der Umgebung lässt den Nachmittag vergehen. Tiefes durchatmen und aufatmen macht sich breit. Ich sitze in der Sonne und die Gedanken haben freien Lauf. Um 17.30 gehe ich zur Vesper. Dann Abendessen im Refektorium wieder mit dem neuen Abt und dem Konvent. Ganz ähnlich wie zu mittag. Das Essen hat und bekommt seine Zeit._angel Seine Aufmerksamkeit. Das Gebet beendet die Tischgemeinschaft und heute Samstag ist um 20.30 Uhr Vigil. Innehalten und gesungen beten in der Kirche. Das Gebet unterbricht die Arbeit und gibt dem Alltag einen Rhythmus. Wer so etwas erleben möchte, ist genau hier in Altenburg und sicher in jeder anderen Ordensgemeinschaft gut aufgehoben. Sich einlassen, einschwingen in die Einfachheit trotz Barock und der Seele Raum geben. Beim Durchblättern des Foto-Albums von Abtpräses Christian, das er zum 70er bekommen hat, ist mir ein Spruch aufgefallen: „Der Raum des Geistes, dort wo er seine Flügel ausbreiten kann, das ist die Stille.“

Lasst junge Ordensfrauen und -männer zu Wort kommen

_clemens_selfieNormalerweise ist Fr. Clemens Hainzl in Salzburg im Haus St. Benedikt. Der „Zufall“ will es, dass er heute in „seinem“ Stift ist. Er hat mir vor Tagen ein Email geschrieben zum JAHR DER ORDEN. Wir nehmen uns ausführlich Zeit, um die Situation und seine Ideen anzusprechen. Ich bin ganz Ohr. „Wofür stehen wir? Was ist unser Grundauftrag?“ Das wird Frater Clemens öfter gefragt oder er diskutiert das mit Kollegen: „Als unser Grundcharisma sehe ich Gottsuche und die Menschen in unserer jeweiligen Region. Also Gott und Mensch.“ Für das Jahr der Orden wünscht er sich, dass junge Ordensleute zu Wort kommen, „gezeigt“ werden, Impulse setzen. Er hat ein Symposium oder so etwas Ähnliches vor Augen, wo nur Junge sich versammeln, die Vorträge und Impulse von Jungen gemacht werden und aus Sicht der Jungen die Gelübde als Lebensweg ganz praktisch sichtbar werden. Was er sich auch noch wünscht: „Ein Jammerverbot in diesem Jahr“. Er meint, dass bei den Menschen und in der Gesellschaft die Freude und das Engagement der jungen Ordensleute nicht einmal ansatzweise „hinübergekommen“ ist._firmgruppe Ich denke an den Medienempfang, wo die Novizinnen eine wirkliche Überraschung für einige Medienschaffende waren. Wörtlich sagt ein Journalist beim Hinausgehen: „Ich habe nicht gewusst, dass es solche junge Ordensfrauen gibt.“ Klingt gut. Diesen Vorschlag packe ich in meinen Rucksack, wenn ich morgen nach der Palmweihe ins Stift Zwettl aufbreche. Das Video nehmen wir auf, bevor die Firmlinge kommen und Fr. Clemens das Haus und das Leben der Benediktiner vorstellt. „Da, wo Begeisterung ist, ist Berufung.“

Fr. Clemens Hainzl, Benediktiner im Stift Altenburg

Abtpräses der Benediktiner Österreichs Christian Haidinger, Stift Altenburg und Vorsitzender der Ordensgemeinschaften Österreich Superiorenkonferenz

Ganz Ohr geht weit und sieht in der Natur ein Entwicklungsbild

IMG_9496Die U4 bringt mich vom Schwedenplatz in die Heiligenstadt zum Zug nach Eggenburg. Ein Johannesbruder von Marchegg steigt mit mir in die U-Bahn. Ich spreche ihn an und er kennt mich dann von der Herbsttagung. Er staunt ein wenig wegen meines wandernden Outfits. Ich erzähle ihm von meiner Tour, von meinen vier Fragen. Er steigt drei Stationen weiter aus. Wenig Zeit. Wir sind aber gleich am Wesentlichen. Bevor er aussteigt. „Es kommt eine Zeit der Fruchtbarkeit auf uns zu. Jetzt ist die Zeit, den Samen auszulegen. Das wird sich in 25 Jahren weisen. Evangelii Gaudium ist sehr entscheidend.“ Er „flüchtet“ bei seiner Station hinaus. Evangelii Gaudium habe ich dabei, weil ich es Satz für Satz lesen werde. Die Zeit der Fruchtbarkeit hängt mir nach. Im Zug beginne ich zu lesen: „Die Freude den Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. Diejenigen, die sich von ihm retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von Vereinsamung. Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – Freude.“

Auf Augenhöhe und in empathischer Nähe

_P.Sepp_EggenburgIn Eggenburg ist das Redemptoristen-Kloster mein Ziel. Jugendliche beleben das Haus. „Lehrlingsstiftung“ und „Jugendhaus“ steht auf Schildern vor der Tür. Die Klausur ist im ersten Stock. Es ist niemand da. Ich schaue und plaudere etwas mit den Jugendlichen. Da kommt ein bekanntes Gesicht daher. P. Sepp Schachinger hat es irgendwie eilig. Ich halte ihn auf. Er hat jetzt schwer Zeit, weil er nachmittag ein Begräbnis einer 18-Jährigen hat. Der Kopf ist nicht frei für DAS JAHR DER ORDEN. Das verstehe ich. Ich Frage ihn, ob ich ihm die vier Fragen für das Video stellen darf. Ja, das macht er. Gespräche auf Augenhöhe sind seine Mitte. Rand mag er nicht, weil er diese Jugendlichen hier vom gesellschaftlichen Rand als seine und ihre Mitte sieht. Das Begräbnis geht ihm nahe, wie ich ihn danach frage. Ein Mensch steht vor mir mit einer unglaublichen Kraft zur empathischen Nähe. Wer an ihm vorbeigeht, lächelt ihn an und umgekehrt. Irgendwie bin ich sprachlos über diesen Ort für und mit Jugendlichen mitten im Kloster. Ich sitze noch lange in der Kirche, die einen alten Kreuzweg hat, der mit Bildern von Jugendlichen „aktualisiert“ wurde. Viele Menschen wissen nicht, was so ein Pater den ganzen langen Tag macht. P. Sepp lebt Evangelii Gaudium hier in Eggenburg für und mit den Jugendlichen.

Ein weiter Weg und die parallele Autonomie

_Baum4_Baum3_Baum2_Baum1Am frühen Nachmittag geht es ans Gehen. Die Dame im Informationsbüro hat mir eine Karte geschenkt. Da sind auch größer Feldwege eingezeichnet. Mein Ziel ist möglichst wenig auf Strassen von Eggenburg nach Maria Dreieichen (2 1/2 Stunden) und weiter ins Stift Altenburg (2 1/2 Stunden) zu gelangen. Es gelang und es war wunderschön. Die Sonne, der kühlende Wind und diese blühende karge und ausgetrocknete Landschaft. Zwei Bäume führen mit anschaulich vor Augen, was ich im nächsten ON unter dem Titel „Wie kommt das Neue in die Organisation“ beschreibe. Ein alter und ein junger Baum schauen zuerst wie einer aus, dann werden beide sichtbar und schließlich steht der Neue vor dem Alten. Im Vorbeigehen hat sich das Bild total gewandelt, obwohl die zwei Bäume stehen geblieben sind. Dieses Erlebnis im Schauen werde ich morgen Abtpräses Christian Haidinger als Bild für die Ordensgemeinschaften erzählen. Das Junge ist zuerst nur als Teil des Alten sichtbar. Bringst du dich in Bewegung, wird auf einmal das Junge als eigenständig sichtbar. Entfernst du dich, entschwindet das Alte und es steht der blühende Baum in der Landschaft. Da werde ich nochmals nachdenken und einen eigenen Beitrag verfassen. Klarer und mit den Bildern einzeln belegt. Ein spannender Aspekt der Entwicklung von Ordensgemeinschaften lag am Weg. Gut müde führt mich Abtpräses Christian in meine Klosterzelle. Claus Sendlinger von den Designer-Hotels hat ja einmal gesagt: Wenn du heute jemanden etwas ganz Besonderes schenken möchtest, dann Natur, Retreat oder Klosterzelle. Da bin ich.

P. Sepp Schachinger, Redemptorist in Eggenburg

Ganz Ohr hört Südafrika und den Wunsch nach Agilität

_speisesaal_aussen_1000Es „treibt“ mich zu Fuß hier in Graz hinaus nach Eggenberg. Die Grazer Schulschwestern waren gestern bei der PGR-Begegnung mit Sr. Ruth Lackner präsent. Sie spricht die Einladung aus und meine Neugierde steigt. Nach 30 Minuten bin ich dort. Bei der Pforte steht neben mir Sr. Emilie. Es stellt sich heraus: Sie reist gerade wieder ab nach Südafrika. Wir verwickeln einander ins Gespräch. Und schon ist es mir gelungen, sie vor dem berühmten Speisesaal im Schulhof vor die iPhone-Video-Linse für das Video zu bekommen. Meine vier Fragen und in diesem Fall eine fünfte dazu: Wie geht es ihnen, wenn sie in Österreich sind?

Wir suchen agile Macherinnen, die etwas Neues verwirklichen wollen

_speisesaal_innen_1000Sr. Ruth hat sich hinter mich gestellt und beobachtet. Sr. Emilie hat es eilig und wir wünschen ihr alles Gute für Südafrika. Jetzt bin ich ganz da. Den Speisesaal habe ich schon fotografiert. Da waren die Schwestern 1972 mutig. Ein Höhle. „Schaut geil aus, oder?“, sagt ein Schüler im Vorbeigehen. Er sieht mich staunend. Wir gehen ins Besucherzimmer. DAS JAHR DER ORDEN liegt von gestern am Tisch. „Wir suchen agile Macherinnen, die etwas Neues verwirklichen wollen. Ordensfrauen sind keine Hilfskräfte, sondern vorausschauende Gestalterinnen. Innovatorinnen, die vielleicht eine ganz neue Pädagogik ausprobieren wollen. Vielleicht sollten wir Mathematik in Bezug zur Schöpfung entwickeln und Naturwissenschaften auf Transzendenz hin in Bezug setzen. Wir suchen Frauen, die zum Beispiel für neue Zugehensweisen brennen.“ Ich scheibe das in meinen Schreibblock und frage nach, „ob ich das auch so schreiben soll“. Sr. Ruth zögert ein wenig und sagt: „Ja.“ Was wäre, wenn fünf junge Frauen kommen würden? „Es wäre im ersten Hindenken nicht einfach, aber es wäre toll.“ Die Künstlerin und Pädagogin bekommt leuchtende Augen und in der Stimme schwingt doch eine gewisse Bange mit: „Sehen und formulieren wir die wirklichen Herausforderungen und suchen wir Leute, die in einem weiten Rahmen diese angehen.“ Wir kommen noch einmal auf die fünf jungen Frauen zu sprechen. _sr_ruth_1000„Ich würde sagen: Kommt und macht. Unter dem Dach einer Ordensgemeinschaft lässt sich viel verwirklichen. Es ist Platz für wirklich Neues. Wir werden lernen, damit zu leben.“ Über 60 Ordensfrauen sind im Grazer Konvent und ich sitze mit ihnen als einziger Mann im Speiseraum. Dort spinnt sich beim Essen das Gespräch weiter. Am Weg zurück zum Bahnhof denke ich mir: Jetzt wäre ich gerne eine junge agile Frau. An diesem Platz ließe sich einiges verwirklichen.

Kurze Biografien von Ordensleuten

Bevor mich der Zug über den Semmering transportiert, treffe ich Günther. Er ist der Kommunikationschef des Krankenhauses der „Lisln“ in Graz. _liebminger_1000Wir sitzen am Platz vor dem Bahnhof, wo um diese Zeit viele Menschen unterwegs sind. Mein Frage zielt gleich mitten ins Jahr der Orden: „Hast du schon Ideen mit?“ Er lächelt und erzählt von Sr. Bernadette, die mit ihren 90 Jahren ein unglaublich frisches und humorvolles Gemüt hat. Mit ihr einen Film machen, wäre eine Idee, „die wir wahrscheinlich auch verwirklichen werden“. Vielleicht sind es viele kleine Biografien von Ordensleuten und MitarbeiterInnen in den Orden, „die Einblick geben und verstehen lassen“. Der Zug nach Wien wartet nicht. Ein letztes Video in Graz mit einem Menschen, der fest und gut in der Ordenswelt steht. Und danke für das Soda Zitro, Günther.

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Sr. Emilie, Grazer Schulschwester in Südafrika

Sr. Ruth, Grazer Schulschwester vor dem Kreuzweg, den sie geschaffen hat

Günther Liebminger, Krankenhaus der Elisabethinen in Graz

Ganz Ohr sieht den Matrazen tragenden Pfarrer und hört die Zukunft der Pfarre

_Pucher_1000Zu Fuß gehe ich in die VinziPfarre in Eggenberg in Graz. Der Weg ist weiter als ich eingeschätzt habe und deshalb fragt die PGR-Vorsitzende Gabi am Handy nach, „wo ich bin“. BeimVinziShop bin ich gerade und komme gleich. Mit Pfarrer Wolfgang Pucher bin ich verabredet. Ich gehe in die Kirche „Grüß Gott“ sagen. Durch den Garten geht es ins Pfarrhaus. Pfarrer Pucher kommt gerade mit einer Roma-Familie mit Matrazen daher. „Einen Moment noch“, bittet er um meine Geduld. Ich nehme den Rucksack ab und genieße den Garten. Das Pfarrhaus ist voll belegt mit Roma und Menschen, die kein Obdach haben.

Ihr habt zu wenig zu tun

_pgr_gabi_1000Wir nehmen im Sitzungszimmer Platz. Pfarrer Pucher ist Lazarist. „Wir haben in dieser Pfarre drei Sozialkreise. Vinzi betreut mit 400 Ehrenamtlichen in 34 Einrichtungen etwa 400 Menschen intensiv.“ Ich habe vieles über die Medien gewusst, aber konkret hier den Menschen erleben, der hinter all dem steht, ist „beeindruckend“. Seit 56 Jahren ist er Lazarist und dieser Tage hat er den 75sten Geburtstag gefeiert. Über Facebook habe ich das mitbekommen und gratuliert. Ich stelle wieder DAS JAHR DER ORDEN in die Mitte. Kurze Nachdenklichkeit kommt auf. Dann meint Pucher: „Es heißt, wir haben keine Leute. Ich sage: Ihr habt zu wenig zu tun. Es gilt, Arbeit zu finden und deutlich zu definieren. Es ist die Arbeit, die MitarbeiterInnen findet. So auch beim Ordensnachwuchs. Die Jungen müssen sogar Arbeit haben, die ihnen über die Ohren wächst.“ Wir sprechen von sinnvoller Arbeit, von wirklich helfenden Tätigkeiten. Pucher: „Die Orden sollten ihre Aufgabe ganz klar sichtbar und vermittelbar neu definieren. Vieles hat sich etabliert und es gibt fast nur mehr einbetonierte Räume. Es bewegt sich gar nichts.“ Pucher spricht auch von seinem eigenen Orden und erinnert an den heiligen Vinzenz, der immer wieder nach neuer Armut gesucht hat. Pucher wird etwas emotional, wenn er pointiert meint: „Wir sollten alles lassen und neu anfangen. Diese Idee ist nicht einfach. Die Geschichte zeigt aber, dass Abspaltungen genau das getan haben.

Radikal neu anfangen

_gruppe_pgr_1000Pucher nimmt die Finger zu Hand. „Erstens: Radikal neu anfangen. Zweitens: Ziele und Aufgaben unbedingt und radikal hinterfragen. Drittens: Die Lebensform so wählen, dass sie sich an den unteren Schichten orientiert. Unser Platz ist unten. Viertens: Der Pomp muss aufhören. Der Pomp ist tödlich.“ Die erste Frage muss immer lauten: „Wo ist der Durst der Menschen?“ Da gehören wir hin. Er erinnert an den Film: Götter und Menschen. Trappisten haben in Marokko mit den Menschen im Volk gelebt und waren einfach da. Wir gehen das Video machen. Gabi, die PGR-Vorsitzende lebt im Pfarrhaus wie so viele andere, lädt mich zum Abendessen. Sie fühlt sich sehr wohl in diesem „sozialen Haus“. Am Abend halte ich vor dem PGR und Gästen einen Vortrag zur „Lebendigen Pfarre“ und meinem Grundanliegen, dass Pfarre ein Ort der gemeinsamen Verantwortung ist und Kirche den Getauften gehört. Es war ein wirklich inspirierender Abend. Dankbar geht es zu Fuß zum Übernachten. Ich gehe noch 20 Minuten und lasse diese vielen Begegnungen nachklingen. Es gibt so gute Menschen.

VinziPfarrer Wolfgang Pucher

Ganz Ohr hört „mystisch-liebend“ und „Ich habe Zeit“

_ferdl_1000Die Mur in Graz führt hohes Wasser. Der kalte Wind kommt von den schneebedeckten Bergen. Zu Fuß gehe ich vom Bahnhof in die Grazer Innenstadt. Die Franziskanerkirche kommt mir entgegen. Ein Kellner weist mir den Weg. Mein Ohr führt mich an die Pforte und dort treffe ich den Guardian P. Willibald. Er ist überrascht. Ich komme unangemeldet. Wir haben einander noch nicht kennengelernt. Das ändert sich innerhalb von zehn Minuten. Ich nehme Platz und falle mit der Tür ins Haus. DAS JAHR DER ORDEN.

Ein Fremdkörper in der Kirche durch die mystisch-liebende Dimension

_P.Willibald_1000„Wenn so ein Jahr ausgerufen wird, dann zeigt das immer auch ein Manko. Die Ordensgemeinschaften haben in der primär hierarchischen Kirche keinen Platz, sind irgendwie ein Fremdkörper in der Kirche. In Lumen Gentium wird betont, dass die Orden Zeichen für die göttliche Wirklichkeit sind, für die Dimension der bräutlichen Liebe. Das hohe Lieder der Liebe beschreibt die Liebe der Braut und des Bräutigams.“ P. Willibald sieht im Jahr der Orden die Chance, „die mystisch-liebende Sicht als Braut Christi hervorzukehren“. Das Bild vom Volk Gottes hat viele strukturelle Aspekte. Den Orden muss es aber um das „Braut-Bild“ gehen mit der mystisch-liebenden Dimension. Dieses Bild ist eigentlich das „abschließende Bild für Kirche aus der Offenbarung“. Wie kann das zum Ausdruck gebracht werden? Eine Frage, die ihn länger nachdenken lässt: „Nicht organisatorisch, sondern anders.“ P. Willibald stellt ohne Bitternis und doch sehr klar fest: „Das höchst verlorene Gebot in der Kirche ist das Gebot der Gottesliebe. Gott lieben ist uns entschwunden.“ Er sieht die evangelischen Räte und Gelübde als „Lebenskonzept der bräutlichen Liebe.“ Das ist nie geschlechterspezifisch und daher spielen Ämter keine Rolle. Wir nehmen ein Video auf mit den vier Fragen. Ich verabschiede mich und sehe diesen besonderen Aspekt des Ordenslebens in einem neuen Licht – hier in Graz bei den Franziskanern.

Ich habe im Prinzip immer Zeit

_fr.paulusDie Kirche der Barmherzigen Brüder liegt am Weg und so halte ich inne. Das Krankenhaus und vielfältige Wirken der „Brüder“ in Graz ist bekannt. Über die Apotheke bekomme ich Zugang zur Pforte und ich frage nach einem der Brüder. Der Portier wählt eine Nummer und gibt mit den Hörer: „Frater Paulus, bitte.“ Ich bin überrascht. Mein Ohr hört: Kommen sie herauf in den 4. Stock. Ich sitze bei zwei Patientinnen im Cafe. Das mache ich und treffe Pater Prior selbst im Gespräch. Wir gehen auf die windige Terrasse. DAS JAHR DER ORDEN lege ich gleich auf den Tisch neben den Kaffee, den mir Frater Paulus herstellt. „Aufmerksam machen auf die Orden in ihrer verschiedensten Ausprägung und Tätigkeiten in ihrer Sorge um den Nächsten wie bei uns für die Kranken, Alten, Behinderten und Armen. Das ist aber nicht nur ein Jahr, sondern eine Lebensaufgabe: _4gelübde_1000Da sein für den Nächsten im eigenen Charisma.“ Wie kann das geschehe? „Da habe ich noch keine konkrete Vorstellung, wo doch das Ordensleben heute nicht gerade in ist. In jedem Fall medial breit gefächert hinweisen und darstellen. Eine österreichweite Sternwallfahrt würde sich auch anbieten.“ Frater Paulus ist realistisch und er weiß: „Die meisten können heute nichts mit Ordensleben anfangen, kennen es nicht von innen und sollen es kennen lernen können. Unkompliziert.“ Ich merke an, dass es sehr wohltuend für mich war, so unmittelbar und barrierefrei zu ihm zu kommen: „Im Prinzip habe ich immer Zeit.“ Das hört man heute selten. Die beiden Patientinnen kommen noch auf uns zu und wir gehen das Video machen. Es ist auch auf der anderen Seite des Hauses windig. Im Besprechungssaal sammeln sich schon die Verantwortlichen. Es geht um die nächsten Jahre hier in Graz. _Mur_1000Ich schultere den Rucksack und bedanke mich für die Zeit. Die VinziPfarre von Pfarrer Pucher ist mein nächstes Ziel. Es ist ausgemacht und ich werde erwartet.

P. Willibald, Franziskaner Graz

Fr. Paulus, Barmherzige Brüder Graz

Ganz Ohr mit Rucksack, auf Füssen und in Öffis

videoDer Himmel verzieht sich etwas. Die Wetterprognose scheint durchwachsen. Und trotzdem verspüre ich eine große innere Neugierde. Für 10 Tage  breche ich auf, um von Graz, Wien, Eggenburg, Altenburg, Zwettl, St. Pölten, Salzburg, Lofer, Wernberg und Wilhering bei Ordensgemeinschaften anzuklopfen. Im Selfie-Video beschreibe ich mein Vorhaben. Der Local Detective in mir ist erwacht und will mit ganz offenem Ohr hinhören, hineinhören und herumhören.

Begegnungen mit geerdeter Vielfalt

Das Medienbüro ist Teil des Büro Freyung, das sich als Service- und Dienstleistungsplattform für die 200 unterschiedlichen Ordensgemeinschaften versteht. Seit gut 1 ½ Jahren bin ich dabei, in einem wirklich guten und produktiven Miteinander  die Kommunikaitionsarbeit zu gestalten und das gemeinsam erarbeitete Kommunikationskonzept schrittweise umzusetzen. Da ist einemal „Online first“ als Basis für alles. Die Netzmarke „Ordensgemeinschaften Östereich“ als der verbindende Faden nach innen und außen ist umgesetzt. ON sind die neuen Ordensnachrichten und mit SUMMA 2013 haben wir erstmals einen Art „Personen-, Themen- und Leistungsbericht“ erstellt. Die Rückmeldungen waren Balsam. Die Medien nehmen Ordensleute heute mehr wahr als früher. „Die Ordenswelt ist eine spannende Geschichte“, meinte dieser Tage ein Chefredakteur. Vielfalt ist ein wunderbarer Schatz und Begegnungen in dieser vielfältigen Welt sind nicht so fad wie die monolitischen Blöcke der Konzerne und Parteien. Ich breche auf in diese geerdete Vielfalt. Ich kenne die Rahmendaten der Öffis und die ungefähren Wegstrecken, die ich zu Fuß zurücklegen werde. Die Begegnungen sind nicht terminisiert, nicht eingefädelt. Einige wissen gar nicht, dass ich komme(n möchte). Es entsteht ein situatives und temporäres Bild. Es ist mir aber klar aus den verschiedensten „Gehungen“ bisher: Das Fragment zeigt das Ganze. Das Rundherum erzählt von der Mitte.

Mitte, Rand, Gründung und Zukunft

Fotoxy2015 wird auf Initiative von Papst Franziskus als DAS JAHR DER ORDEN begangen. Das „geweihte Leben“ soll als Lebenskonzept in den gesellschaftlichen Kontext gestellt werden. Einen Masterplan haben wir dazu schon erarbeitet, der offen ist für neue Ideen und Umsetzungsmaßnahmen. Das trage ich als „Wahrnehmungsraster“ mit mir. Auf Video werde ich Kurzstatements zu folgenden vier Fragen einholen: 1. Wo begegnet dir Mitte? 2. Wo begegnet dir  Rand? 3. Wo spürst, erlebst du das Charisma der Gründerin, des Gründers heute? 4. Wo siehst du deine Gemeinschaft in 25 Jahren? Ich bin gespannt auf die Zugänge und Antworten. Hier und auf Youtube werde ich täglich mein Ohr zugänglich machen. Nicht das „Ganze Ohr“. Ich höre sicher mehr, als eine Tastatur oder Bilder einfangen können. Auch wenn sich der Himmel verzieht: zum Zuhören ist das Wetter immer richtig.

Ferdinand Kaineder zur Ganz Ohr Tour #ganzohr

Humor zieht in Passau ein

Surprise. Überraschung. Eine wunderbare Voraussetzung für ein spannendes Leben. Die Überraschung dürfte gelungen sein. Der neue Passauer Bischof Stefan Oster ist nicht nur Salesianer Don Boscos und Dogmatikprofessor, sondern auch Jongleur. Auf Youtube wird der Beitrag über ihn sicher in den nächsten Tagen tausende Male geklickt werden. Oster kommt in Minute 2 ins Bild. Nicht mit Mitra und Stab.

Dabei und doch so fern

osterEin Freund aus der Gegend rund um Passau schreibt mir in einem Email auf die Frage, „wie er den neuen Bischof sieht“. „Schauen wir mal. Jonglieren allein hilft nix. Die Kernaufgabe ist heilen, was verwundet ist. Da ist in 12 Jahren viel kaputt gegangen. 12 Jahre harter Klerikalismus geprägt von einer emotionalen Ideologie. Ich bin gespannt, was seine pastoralen Visionen sind, welche Theologie er vertritt und welchen Stil er einbringen wird. Ich hoffe für die Menschen, dass er es ernst meint und das Amt auch so ausübt. Am 24 Mai tritt er sein Amt mit der Weihe an. Ich bin dabei und doch so fern. Ganz herzliche Grüße!“  Der Beitrag endet mit einem Wunsch Osters an das Publikum: „Lasst der Phantasie viel Platz in eurer Glaubenswelt.“ Ja, das wir die Diözese Passau jetzt ganz dringend brauchen und wir wünschen dem Bischof beim „Freiraum schaffen“ viel Phantasie und Mut. Humor hat er ja. Das könnte dann auch auf die Diözese Linz überschwappen, wenn im kommenden Jahr auch ein neuer Bischof angesagt ist. Und für Graz dürfte der immer wieder genannte Favorit in dieser Logik auch gut im Rennen liegen.

Sie sind gnadenlos

neuwirthDie äußerste engagierte und bestens vernetzte Präsidentin des Verbandes katholischer Publizistinnen und Publizisten Österreichs Gabriele Neuwirth hält ihre Eindrücke von den Österreichischen Journalismustagen im Museumsquartier für die Mitglieder fest. Sie schreibt das in pointierter und kurzer Form und so kann ich mir, obwohl ich nicht dabei sein kann, ein Bild machen. Ihre Anmerkungen nach der Keynote von Armin Wolf zum Thema „Machen die Medien die Politik kaputt?“ gingen mir irgendwie unter die Haut. Ich habe den Eindruck, dass hier sehr fundamental das „höllische Karussell Medien und Politik“ einmal von Betroffenen hinterfragt und angeschaut wird. Jede tiefe Veränderung, Revolution beginnt mit dem ungeschminkten Blick auf die Realität. Armin Wolf sagt, „dass Politik irgendwie kaputt ist.“ 5 % haben noch Vertrauen dorthin. Es ist eine tiefe Reflexion notwendig.

Der Handlungsspielraum wird kleiner

Gabriele Neuwirth schreibt in ihrer Zusammenfassung für die Mitglieder folgende Zeilen, wenn sie Armin Wolf zuhört: „Wir müssen Erbarmen mit den Politikern haben. Fürs Geld lohnt sich Politik nicht. Der Handlungsspielraum wird kleiner, Wähler verlangen dennoch weiter eichende Entscheidungen. Wir sollten mehr Respekt mit Menschen haben, die sich das antun.“ Wolf zitiert David Zane Mairowitz, 1992: Große Führungsfiguren brauchen Charisma und Aura, das entsteht nur durch Mystifikation, das ist in einer modernen Mediengesellschaft nicht mehr möglich. „Wir wissen zu viel über Politiker, sie werden auf das Niveau eines Durchschnittsmenschen herabgezogen. Die neuen Medien verlangen nach einem professionellen Auftritt und entlarven das gleichzeitig als Schmierenkomödie.“ Medien wünschen Authentizität und machen sie gleichzeitig lächerlich. „Sie sind gnadenlos. Wir Journalisten und wir Wähler.“

Grausam wird in Social Media mit Politikern umgegangen

Armin Wolf, dem auf Twitter 107.000 Follower nachfolgen, sieht in den Social Media nicht gerade die Ausgeburt von Respekt und Niveau. Neuiwrth hat das so gehört: „Grausame ist der Umgang mit Politikern in Sozialen Medien. Digitaler Pranger, digitale Lynchnotiz. Aber: Politiker beschädigen durch ihren Umgang mit Worten selbst die Politik. Strukturelles Nulldefizit. Oder bei der Hypo: Einmaleffekt. Politiker meinen: Böse Fragen von Journalisten beschädigen Politik und böse Fragen seien nicht verantwortungsvoll. In TV-Sendungen, wo die Möglichkeit der Autorisierung nicht besteht, antworten Politiker gar nicht mehr. Motto: Was ich nicht sage, kann nicht gegen mich verwendet werden. Oder sie lassen sich nicht befragen. Niemand ist gnadenloser, hämischer oder primitiver gegen Politiker als Politiker selbst.

Ein immens ehrenwerter und schwieriger Beruf

Armin Wolf: „Politiker zu sein ist ein immens ehrenwerter und schwieriger Beruf. Wir Medienleute machen es den Politikern nicht einfacher, unser Job ist es, sie zu beobachten und zu kommentieren. Wer damit ein Problem hat, hat ein Problem mit demokratischer Politik.“ Der Fehler der JournalistInnen liegt wahrscheinlich darin, oft nicht das Wichtigste zu behandeln und es fehlt auch oft die Sachkenntnis. „Wir lassen Politikern oft zu wenig Zeit. Es ist auch nicht jede Debatte ein Streit, nicht jeder Ausrutscher eine Affäre, wir sind oft zu hysterisch. Medien sind nicht fehlerlos. Wir arbeiten durch Social Media unter permanenter Beobachtung, das ist gut, macht aber auch Druck. Fehler passieren auch in Qualitätsmedien, weil wir auch gedrängt werden, unter Zeitdruck arbeiten.“ Jetzt verstehe ich viel besser, dass ein Pressefotograf wieder die analoge Fotografie herausholt. Warum? „Es wird alles viel langsamer und der Moment, der Augenblick des Bildes bekommt eine eigene Qualität.“ Er hat recht: Wir drohen in der digitalen Flut zu ertrinken. Herr Wolf, bitte helfen sie hier auch in der ZIB2 mit. Setzen sie neue Standards. Um der Medien und der Politik willen. Es geht um uns alle.