Wie das Neue in die Organisation kommt

Ende September 2011 war ich bei einer internationalen Konferenz, wo das Neue den Weg in die bestehenden Organisationen gesucht hat. „Dieser Tag war ein Glück – nicht nur für mich!“, schrieb ich damals am Ende des Beitrages. Es war tatsächlich ein Glück. Seit der Zeit bin ich mit Michael Shamiyeh persönlich verbunden. Viel zu selten sehen oder treffen wir einander. Sein Büro mit Blick auf den Hauptplatz in Linz ist für mich immer eine Inspiration, ein Gedankenaustausch, der nicht nur von Kopf zu Kopf geht. Mein letzter Besuch hat das Thema von der Konferenz wieder aufgegriffen: Wie kommt das Neue in die Organisation? Im aktuellen ON haben unsere gemeinsamen Überlegungen Eingang gefunden. Ich hoffe, nicht nur für Ordensgemeinschaften, ihre Werke und Einrichtungen interessant. Hier der ganze Artikel.

Vorgegebene Denkmuster und Grenzen ausloten

Michael Shamiyeh hilft Organisationen beim gemeinsamen Aufspüren, Entwickeln und Implementieren von Neuem. Er fördert sie, aus eigener Kraft innovativer zu werden. Er hat in Harvard und St. Gallen studiert und ist leitender Universitätsprofessor am Design-Organisation-Media (DOM) an der Kunstuniversität in Linz. Er kennt die „Ordenswelt“ aus eigener Erfahrung. Als Ursprung für schöpferische Ideen sieht er konkrete Menschen: „Innovation beginnt bei der Person. Bei einem Menschen, der sowohl die Fähigkeit besitzt, als auch den Willen aufbringt, Wissen aufzunehmen und in ungewohnter Weise neu zu kombinieren, bis sich die einzelnen Teile plötzlich zu neuen Ideen fügen.“ Seine Kernfrage in allem lautet: „Wie werden Ideen für die Zukunft Wirklichkeit?“ Es gilt, vorgegebene Denkmuster und deren Grenzen auszuloten. „Es braucht Freiraum für Experimente.“ Das sieht er auch bei den Ordensgemeinschaften und in ihren Werken und Einrichtungen.

Das Neue muss sich plausibel machen

Shamiyeh arbeitet mit internationalen Konzernen wie Kodak. „Die ersten digitalen Ideen wurden nicht aufgenommen, weil sie sich zu wenig plausibel und alltagstauglich im Vorstand dargestellt haben. Selbst nach massiven Geschäftseinbrüchen wollten die Verantwortlichen die Entwicklung nicht wahrhaben.“ Deshalb pocht Shamiyeh darauf, „dass sich das Neue als notwendig und Sinn machend sehr plausibel und konkret darstellt. Das Neue muss die Frage beantworten: Warum soll ich das Neue wagen?“ Das Neue muss für alle zukunftsfähig sein. Das Neue muss eine Notwendigkeit sein. Auslöser ist häufig eine massive Bedrohung. Aber: „Wer sich bedroht erlebt, reagiert meist nicht mit Weite, sondern mit Enge und Festhalten am Gewohnten. Bedrohung erzeugt sehr oft eine intensive Rückwärtsgewandtheit.“ Ganz entscheidend in solchen Situationen ist der externe Input. Beispiel: Zeitungen erleben heute massiv die Bedrohung durch das Internet. Deshalb rät der in Strategischem Management ausgebildete Shamiyeh: „Es braucht jemanden, der aus der Bedrohung selbst kommt, damit ihr adäquat begegnet werden kann. Ich ermutige: Öffnen Sie sich für Leute, die nicht aus dem „Betrieb“ kommen, die keine Ordensleute sind. Sie können Weitblick und Offenheit stiften. Oder gehen Sie selber ungeschützt hinaus an Orte, die nicht die Ihren sind, und hören sie gut zu. So entstehen Inspirationsquellen.“

Ein klares Bild von der Zukunft

Wie in die Zukunft gelangen? Shamiyeh: „Von der Zukunft her denken. Es gibt drei Methoden, in die Zukunft zu gehen: 1. Die Vergangenheit unverändert ‚verlängern’. 2. Das Jetzt analysieren und ‚zukunftsfit’ machen. 3. Das Jetzt von einem gemeinsam erstellten Zukunftsbild her denken und heute das tun, was dem Bild entspricht. 1 und 2 sind die gängigsten Varianten. Die den Orden am entsprechendsten ist die 3. Jeder Gründer und jede Gründerin hat mit einem klaren, konkreten Zukunftsbild gearbeitet.“ Aber: Wie begeistert man Menschen von einem neuen Zukunftsbild? „Ganz einfach, man lässt sie die Idee wortwörtlich begreifen: mit Prototypen, mit realen Bausteinen, Grundelementen des Neuen, der Zukunft. Visionen werden dadurch anschaulicher, die Idee selbst kann schneller entwickelt, verfeinert und anschlussfähig gemacht werden. So wird die Zukunft nicht nur gedacht, sondern getan. Und das ist das Entscheidendste, das Tun.“ Der Organisations-Designer sieht für jede Gemeinschaft und Organisation die entscheidende Frage darin: „Was ist unser Auftrag, unsere Mission heute? Wer diese Frage nicht mit einem klaren und konkreten (gemeinsamen) Zukunftsbild beantworten kann, wird den Weg in die Zukunft schwer gehen können.“

Das Neue muss Sinn machen

„Parallele Autonomie“ nennt der international anerkannte Organisationsfachman das Schlüsselverständnis: „Das Neue entwickelt sich am ehesten in einem eigenen Kontext parallel zur laufenden Organisation mit hoher Autonomie.“ Shamiyeh weiß von Firmen, die dem Neuen eigene Produktionsrhythmen zugestanden haben, die später den Normalbetrieb geprägt haben, weil sie sich bewährt haben. Er fragt: „Wie ist das heute bei Ordensfrauen oder -männern mit den wichtigen Gebets- oder Mahlzeiten, wenn sie ganz normal in Arbeitsprozesse eingebunden sind? Das verlangt aus meiner Sicht den Raum für Varianz. Ordensleute erproben, wie der arbeitende Mensch in heutigen Kontexten spirituell geöffnet bleiben kann, ausgerichtet auf Gott.“ In jedem Fall muss das Neue „Sinn machen“. Neu um des Neuen willen braucht es nicht. Entscheidend ist die Sinnfrage, die immer neu gestellt und immer neu beantwortet wird. Individuell und gemeinschaftlich.

Schrittweise oder grundlegend neu denken

Viele etablierte Unternehmen machen den Fehler, eine gute Idee schrittweise zu erneuern, um sie für neue Herausforderungen bestmöglich anzupassen. Das aber birgt die Gefahr, in einer Innovations-Sackgasse zu enden. „Die erfolgversprechendere Methode ist es, jede Herausforderung von Grund auf neu zu denken. Wenn man den Zukunftszustand für ein Produkt, eine Dienstleistung, eine Aufgabe anstrebt, wird der Boden für radikale Neuerungen bereitet. So folgen Gemeinschaften am direktesten dem Gründer, der Gründerin mit gelebter Innovationskultur, in der Arbeitsweise, den Überzeugungen und Werten.“ In jedem Fall braucht es Mut und ein Stück „Out of the Box“-Denken, will man den Anschluss an Heute und Morgen nicht verpassen. Seneca hat schon gewusst: „Nicht, weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“ Einem Unbekannten wird das Graffiti zugeschrieben: „Das geht nicht, haben alle gesagt. Da kam einer, der wusste das nicht und hat es gemacht.“

Die Seele geht

sg„Wer weit geht oder sich auf eine Pilgerwanderung begibt, fordert nicht nur seinen Körper. Das Gehen hat auch eine mentale und spirituelle Dimension.“ Das ist meine Erfahrung, die ich in der aktuellen Ausgabe der Stadt Gottes beschreibe. Diese wirklich gut gemachte Zeitschrift geht an etwa 70.000 Leserinnen und Leser. Sie wird von den Steyler Missionaren herausgegeben. Ein engagiertes Redaktionsteam hat immer einen coolen Themenfokus. In dieser Ausgabe: Gehen und Pilgern. Also ganz Meines.

Das ist keine Leistung, das ist ein Geschenk

Wenn ich mein Weitgehen 2004 von Bregenz nach Rust über 28 Tage, 2009 von Kirchschlag bei Linz nach Assisi über 52 Tage und 2012 von Kirchschlag aus nach Norden in das Kloster Volkenroda in Thüringen über 24 Tage Revue passieren lasse und in einem Satz zusammenfassen müsste, dann würde ich sagen: Das Leben kommt mir entgegen. Als ich 2009 in Assisi angekommen bin, habe ich viele SMS an Freunde und Bekannte verschickt: „In Assisi angekommen. Ich bin da.“ Drei haben zurückgeschrieben: „Gratuliere zu deiner Leistung.“ Diesen drei Personen habe ich sofort geantwortet: „Das ist keine Leistung, das ist ein Geschenk.“ Die tiefe Haltung der Dankbarkeit ist eine Folge des Weitgehens.

Drei Dimensionen

Gehen und Pilgern hat aus meiner Erfahrung drei Dimensionen: körperlich, mental und spirituell. Das Gehen ist die Bestimmung des Körpers. Rucksack und mich selber habe ich nie gewogen. Ich zähle auch keine Kilometer oder Höhenmeter. Ich habe aber jedes Mal gespürt, dass der Körper im Gehen in seinen Rhythmus und in die Kraft hineinwächst. „Wie lange hast du hintrainiert?“, war eine häufige Frage. Meine Erfahrung: Wer nicht ganz bewegungsunfähig ist, wird die körperlichen Herausforderungen bestehen. Das Essen wird weniger, Müdigkeit wandelt sich nach etwa zehn Tagen in Lust an der Bewegung, kleinere körperliche Gebrechen werden „verschmerzt“. Früher oder später kommt die Phase, wo der Körper mit dir geht. Von dort kommt der Ausspruch: Pilgern ist Beten mit den Füßen. Die Füße waren sehr brave Beterinnen. Ich habe abgenommen.

Das Ziel imaginieren

„Wie hält man so weit gehen aus?“, fragten auch viele. Die Jerusalempilger sind ein halbes Jahr gegangen. Ich ja nur „relativ kurz“. Mental hat mir sehr geholfen, dass ich mir das Ziel immer wieder vor Augen geführt habe. In Bregenz habe ich die Zehe in den See gehalten und mir immer wieder vorgestellt, dass ich dieselbe Zehe in den Neusiedlersee halte. Auf der Stolzalpe habe ich mich so hingesetzt, dass ich nach Assisi „geschaut“ habe. Wer ein Haus gebaut hat, weiß den Unterschied, ob ich den Schotterhaufen als solchen sehe oder mir bei der Arbeit vorstelle, wie ich mit der Familie beim Essen sitze. Der Haufen wird gleich leichter. So ist es mit den vielen Schritten, die auf ein Ziel hin leichter gehen. Viel mentale Stärke schöpfe ich immer aus der unmittelbaren Begegnung mit den Menschen am Weg. Ich empfinde es als nährend, von den Lebensumständen der Menschen am Weg zu erfahren, „sich nähren zu lassen“. Zehrende Situationen und Begegnungen meide ich. Aber: So wie du denkst, bist du. So wie du bist, strahlst du aus. Und was du ausstrahlst, bekommst du zurück. In meinem Tagebuch nach Assisi ist vorne ein kleiner Zettel eingeklebt gewesen, der mir sehr wichtig war. Darauf stand: „Folgende Tageskoordinaten nehme ich mit: Jeden Tag gehe ich ca. sieben Stunden. Jesus lehrt uns beten – Vater unser. Einen Brief pro Tag schreiben. Kein Alkohol bis Assisi. Das Johannesevangelium ist mein Begleiter. Das Tagebuch führen.“ Es geht im Endeffekt darum, leer werden zu können, offen für Menschen und für Gott. Wer angefüllt in die Fremde geht, wird keine Fremde entdecken. Und Gottes hervorragendster Ort, unter die Menschen zu gehen, ist „in der Fremde und als Fremder“. Deshalb sind Gastfreundschaft und Offenheit das spirituelle Fundament. Es braucht nicht viel, sondern Wesentliches. Das Vaterunser an den verschiedenen Orten zu beten, hat mich spirituell unglaublich bereichert. So ging es mir auch mit den anderen Koordinaten. Briefe haben mir konkrete Menschen nahe gebracht. Keinen Alkohol zu trinken, hat mich klar in die Wahrnehmung geführt.

Drei Wochen sieben Stunden

Meine über 80-jährige Mutter hat zu mir 2004 sorgenvoll gemeint: „Du wirst dich noch umbringen mit deinem Gehen.“ Als ich sie nach 30 Tagen in die Arme schloss, hat sie mich angesehen und gemeint: „Du schaust ja jünger aus.“ Weitgehen nährt, ist heilsam. So rate ich Menschen oft, zumindest drei Wochen lang sieben Stunden am Tag in einem Stück zu gehen. Eine Kur dauert auch drei Wochen und früher hat man drei Wochen Urlaub gemacht. Das war aus meiner Erfahrung sehr klug. In diesen drei Wochen wirst du ein neuer Mensch, körperlich, mental und spirituell. Meine Erfahrung: Die Seele geht.

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Ganz Ohr geht auf Ostern zu und spürt ein Erwachen

_Franzikkus_AssisiEs ist schon dunkel. Der Zug fährt in Linz ein. Der Bus ins Mühlviertel lässt etwas auf sich warten. Er kommt. Ich steige ein. Der Busfahrer hat sein Radio laufen und ich höre, während ich die Fahrkarte löse, die Leidensgeschichte im Hintergrund. Karfreitag. Es sind nicht viele, die heute mit dem Bus fahren. Müdigkeit hat sich bei mir breit gemacht. Es waren so viele Eindrücke, tiefe Begegnungen und wunderbare Orte. Gerade die Fragen auf den Videos, die ich jetzt direkt in die Blogbeiträge eingebettet habe, zeigen einerseits ein hoffendes andererseits ein bangendes Suchen in die Zukunft. Die Bereitschaft, dass es anders wird, ist in den letzten Jahren in vielen Gemeinschaften gewachsen. Die Bereitschaft unter jungen Menschen, diese Veränderung in und rund um die Ordensgemeinschaften konkret und engagiert zu leben, ist noch recht gering. Sowohl WOMAN als auch das PROFIL haben jetzt zu Ostern Ordensfrauen porträtiert. Auch hier war im Vorfeld die Spannung zwischen Klischee und Realität klar spürbar. Beide haben die Vielfalt dargestellt, wie ich sie im Großen und Ganzen auch erlebe. Die Redakteurinnen waren offen und neugierig. Das wünschte ich mir von mehr Menschen. Neugierde gegenüber jungen Ordensfrauen im Jetzt, im Hier daheim und tief verwurzelt in der Spiritualität, in Gott, in Jesus Christus. Eine Mitte, die den Rand nicht scheut. Rand, der zur Mitte wird.

Im JAHR DER ORDEN wenig und breit

_pfannerVieles von dem, was Ordensfrauen und -männer heute tun, bleibt der medialen Öffentlichkeit „verborgen“. Es sind die stillen Dienste an den Menschen in Grenzsituationen (zB in Eggenburg das Begräbnis einer 18-Jährigen), in Überforderung (zB wenn Manager in Kirchental wieder ihre Mitte finden) oder dort, wo Menschen an den Rändern ihre Würde genommen wird (zB Schubhaft, Roma, einsame Alte). Unsere Gesellschaft ist eine Siegergesellschaft und die Medien spielen hier mit. Fast täglich werden die „Besten“ gekürt. Die Bestverdiener werden vorgeführt, um auf der einen Seite die Aufregung zu steigern und anderseits subtil den Götzen „Mehr“ und die die Unzufriedenheit zu schüren. Unsere Gesellschaft ist auch ein digitale Gesellschaft geworden. Ich habe wieder so wohltuend erlebt, wie in den Orden das gemeinsame Essen, das Gespräch, die Stille, die Rituale des Betens, die reale Begegnung gelebt werden. Oft denke ich mir bei meiner Arbeit: Die Medien sind so schnell, dass ein Mensch, der sich Zeit nimmt für das Gespräch, das Hinhören, das Zeit nehmen, das Gebet, gar nicht mithalten kann. In diesem Moment denke ich natürlich auch an diesen Blog. Menschen, die immer wieder in den Medien sind, erleben auch eine ganz große Distanz zu den Lebenswelten der konkreten Menschen.  Die Politik ist hier am weitesten im Abseits. Und die Medien spielen in diesem Abseits voll mit in dem Glauben, dass sie ganz bei den Menschen sind. Ganz Ohr hat meine innere Haltung wieder geschult. Das Jahr der Orden, so meine Wahrnehmung auf der Tour, soll wenig breit in die Öffentlichkeit stellen. Nicht viel, sondern das Wesentliche.

Die vier Fragen helfen Vielfalt ausloten

Meine vier Fragen für die Videos haben – so immer wieder die Rückmeldung – die Dimensionen der vielfältigen Ordenswelt ausgelotet. Übrigens: Diese Videos sind nicht geschnitten. Eingeschaltet – ausgeschaltet – online gestellt. Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi. Danke für die Bereitschaften dazu, das Vertrauen. In den Antworten: Mitte und Rand sind die Diagonale des Evangeliums, sind die beiden Brennpunkte der Ellipse aus den evangelischen Räten. Die Inspirationsquelle (Gründung, Charisma) und die Frage nach dem Zukunftsbild ist das zweite Brennpunkt-Paar. Bewährtes und Neues, Zentrum und Peripherie. Sammlung und Sendung. In den Spannungsfeldern neu erwachen, mutig unkonventionelle Schritte gehen. Die Sehnsucht ist da. Das Erwachen ebenso. Oder: Wie kommt das Neue in die Organisation? Immer wieder fällt mir Franziskus ein: Das Evangelium ist nicht schwer, sondern macht das Leben leicht, erfüllt es mit Freude und Zuversicht. Das Evangelium ist keine Bürde, sondern offenbart die Würde jedes Menschen. Ostern ist aufwachen, auferweckt werden, aufstehen und gehen.

Gesegnete Ostern.

 

Ganz Ohr trifft auf ein gastfreundliches Gesamtkunstwerk

_71HinkommenKirchental hat einen wunderbaren Schlaf geschenkt, dazu ein Community-Frühstück in der Küche des Hauses der Besinnung. Der Rucksack ist geschultert. Der Blick geht immer wieder zurück. Der Wallfahrerpfad bringt mich direkt ins Tal zum Bus, zum Zug nach Villach. Mehr als 2 1/2 Stunden tragen mich meine Füße dort der Drau entlang hinaus ins Kloster Wernberg. Zu meiner Schande gestehe ich, dass ich noch nie dort war.

Das finden wir cool

_72JugendlicheAm Drauufer treffe ich zwei „Jungs“. Ich frage sie nach dem Weg. Wir kommen ins Gespräch. Sie fragen, was ich mache und wie lange ich schon unterwegs bin. Ich erzähle ihnen und verabschiede mich wieder. Nach einer Zeit kommen sie mit dem Fahrrad hinter mir her und möchten mit mir ein Foto machen. Warum, frage ich. „Wir finden das cool und mit so einem Mann wollen wir ein Foto haben.“ Äußerlich ragiere ich überrascht und innerlich freue ich mich über das Interesse der „Jungs“. Dem Kloster nähere ich mich über die Direttissima durch den steilen Wald hinauf. Das Klostergut, der Klosterladen, die Buchstaben „Kindergarten“ an der Hausfront und die Klosterpforte haben eine einladende Aura. An der Klosterpforte werde ich offen empfangen. Es ist so, als ob ich irgendwie erwartet würde. „Sie waren heute schon Thema. Sie müssten irgendwann kommen.“ Da bin ich, bekomme ein schönes Zimmer mit toller Aussicht.  Nach der „körperlichen Sanierung“ bin ich zum Käsebuffet am Gründonnerstag geladen. Alles selbst gemacht  vom Klostergut oder aus der Region. „Das ist uns ganz wichtig“, meint Sr. Johanna, die Hausoberin und Provinzleiterin am nächsten Tag im Hof zu mir. Ich erlebe: Da wird Nachhaltigkeit nicht plakatiert, sondern seit Jahrzehnten gelebt. Das sind gesegnete „Lebensmittel“.

Vom Brennnesselschloss zum gastfreundlichen Gesamtkunstwerk

_73Klosterladen_77SrMonika_76SrLuciaBis Mitte der 1930-er Jahre war das Schloss verkommen, nachdem Josef II die Benediktinerabtei 1783 aufgehoben hat. „Die Leute aus der Gegend haben Brennnesselschloss dazu gesagt“, weiß Sr. Lucia. „Die Schwestern haben es dann übernommen und seitdem mit viel Arbeit und gemeinsamen Engagement aufgebaut“, weiß man an der Pforte. Die Schwestern haben selber immer auch Hand angelegt. So wurde aus dem verfallen Schloss ein wunderbarer Ort für Gäste. Bei mir denke ich: Diese absichtslose Gastfreundschaft ist das, was der digitalisierte Mensch heute wirklich braucht. Irgendwie habe ich bei meinem Blick rundum und beim Hinhören das Gefühl, dass hier ein Gesamtkunstwerk der Gastfreundschaft gelebt wird. Offen auf Gott und den Menschen hin. Eine Schwester pflegt mit ihren 85 Jahren den Garten, den wir als Gäste nutzen können. „Diese Aufgabe macht mir immer noch großen Spass“, betont sie angesichts der Rosen, die in der aktuellen Kälte etwas leiden. _75SchwesterRosen75 Jahre sind die 65 Ordensfrauen hier im Durchschnitt. Ich selber denke mir, wenn ich im Garten, drüben beim Klosterladen, in der Kirche, im Hof die Schwestern bei ihrer Aufgabe sehe, dass es schön sein muss, eine sinnstiftende Tätigkeit für das Ganze, das Gemeinsame bis ins hohe Alter erfüllen zu können. So lange es geht. „Das ist sicher nicht immer einfach, aber es ist  uns wichtig“,  meint Gastschwester Monika, während ich ihr helfe, einen Tisch hinüberzustellen. Ich werde gebraucht. Sr. Lucia an der Pforte ist ein hellwaches Gegenüber. Der Pfortenbereich wurde großzügig und offen umgestaltet. „Das ist einladend geworden“, meint ein Gast, der die Enge von Früher kennt und nach dem Termin der „Fleischweihe“ fragt. Sr. Lucia wie auch die Ökonomin Sr. Ruth sind „wie so viele andere auch hier“ aus Oberösterreich. Ich nehme mit Sr. Lucia das Video direkt an der Pforte auf und bin froh, dass wir durch keinen Anruf gestört wurden. Es ist ein Kommen und Gehen.

Nichts zusätzlich sondern das Wesentliche ins Gespräch bringen

_74AltarDas JAHR DER ORDEN ist in den vielen Gesprächen, die ich mit verschiedenen Schwestern führe, „noch nicht präsent“. Das ist nicht nur hier so. Deshalb bin ich auch unterwegs und ganz Ohr. Oberin Sr. Johanna erzählt, dass sie selber 2015 zwei wichtige Jubiläen feiern. „Die Kongregation ist seit der Gründung  130 Jahren weltweit tätig  und seit 80 Jahren sind wir in Wernberg. Nicht einmal da sind wir bisher dazugekommen, uns etwas zu überlegen.“ Wir sind uns aber darin einig, „dass nichts Zusätzliches gemacht werden soll, sondern eher eine Reduktion auf das Wesentliche stattfinden und das gut zum Ausdruck gebracht werden soll.“ Das erinnert mich an das gestrige Abendmahl zum Gründonnerstag. Einfach, geradelinig, meditativ und mehrstimmiger Gesang der Ordensfrauen mit uns allen. Der neue Altar aus Glas hat etwas von der Transparenz in Richtung Transzendenz für mich ausgestrahlt. _78gottestalIch denke: Das Nomale, das Alltägliche kann zum Besonderen werden. Brot und Wein werden Liebes- und Lebenszeichen. Die Videos mit Sr. Monika und Sr. Johanna nehme ich im Hof und auf der Terrasse auf. Dann packe ich meinen Rucksack, gehe noch in die Kirche, die durch die Schmucklosigkeit des Karfreitags strahlt und nehme einige Produkte aus dem gut besuchten Klosterladen mit.  Rund herum das Bemühen um eine “faire Welt“. Mein Weg führt zum Bahnhof Föderlach. Ich gehe durch „Gottestal“ und frage eine Frau, woher der Name des Dorfes kommt. Sie weiß es nicht. Der Name und Ort veranlasst mich zu einem Tweet mit Foto: „Gott selbst ist heute ins Tal gegangen. Gottestal.“ Der Karfreitag wird im Zug über und durch die Alpen begangen. Beim Abschied wusste ich schon: Wir kommen wieder.

Sr. Johanna, Provinzleiterin der Wernberger Missionsschwestern

Sr. Maria Lucia, Pfortenschwester im Kloster Wernberg

Sr. Monika, Gastschwester im Kloster Wernberg

Ganz Ohr trifft eine Perle und Perlen, die der Perle die Seele geben

_51KirchentalIch wollte mich, auch wenn oben Schnee liegt, über den „Wechsel“  her annähern. Ich steige von Lofer etwa 450 Höhenmeter hinauf in die Scharte, die mir den Blick ins andere Tal ermöglicht. Ich war der erste und sicher auch der einzige auf diesem Pfad hinüber nach Maria Kirchental heute. Zwischen den verschneiten Bäumen und Ästen taucht dieser besondere Platz, diese Perle auf. Die Kirche, das Haus der Besinnung, das Mesnerhaus. Beseelt wird diese Perle von vier Missionarinnen Christi. So viel weiß ich.

Gleich die Einladung hier zu bleiben

_53HausBesinnungIch betrete das Haus der Besinnung. Eine Gruppe Frauen steht hinter der Tür. Eine herzliche und warme Atmosphäre atme ich gleich ein. Obwohl ich nass, verschwitzt und nicht salon- oder besinnungsfähig bin, werde ich begrüßt, offen empfangen und nach ein paar Erklärungen zum Bleiben eingeladen. „Ja, das Zimmer Nr. 6 im Mesnerhaus müsste noch frei sein“, meint Sr. Karolina. Sr. Franziska nickt daneben. Ich kultiviere mich. Es ist ein besonderer Ort und da möchte ich auch gepflegt „da sein“. Handyempfang geht gegen Null. Nein, ist Null. Ich schalte aus. Digital vernetzt geht es morgen weiter. Hier ist Natur pur. Sr. Bärbel Thomä und Sr. Karolina Schweihofer nehmen sich dann Zeit für ein Gespräch mit mir. Die Videos nehmen wir nachher draußen vor dem Haus der Besinnung und vor der Wallfahrtskirche auf.

Mit der Natur in der Natur

_52Karolina_BärbelFür beide Ordensfrauen ist dieser Platz etwas Besonderes: die Stille, die Natur, die Wärme, die Gebäude, der Wald. Menschen kommen von überall. Der bayrische Raum gehört genauso zum Einzugsgebiet wie Berlin. 23 Leute beginnen heute Mittwoch bis Ostersonntag die „Kar- und Ostertage in Kirchental“. Sr. Bärbel ist Atemtherapeutin und Religionspädagogin und Sr. Karonlina  ist Exerzitienleiterin, Bewegungstherapeutin und geistliche Begleiterin. „Kirchental“ ist für viele ein „Code-Wort“ für „gutes Leben“ geworden. „Da ist es wieder gut geworden.“ Das kann ich gut nachvollziehen. Die Perlen machen diese Perle in den Alpen zur tiefen Perle für viele Menschen. Und die Menschen, die das suchen und brauchen, werden mehr.  „Durch die Natur mit der Natur leben. Es ist ein Stück Paradies und wir können beide das auch so sehen und genießen.“

Die Welt braucht die Glaubensdimension

_56KichentalUntenAn diesem Ort wird der Mensch offen für die befreiende Glaubensdimension.  Das JAHR DER ORDEN sehen sie positiv. Sr. Karolina: „Das Jahr ist für uns selber wichtig. Wir sind wer. Wir sind eine prophetische Kraft, die wir entwickeln und veröffentlichen sollten. Wir sind nicht einfach die ‚braven‘ Ordensfrauen.“ Für mich schwingt hier ein gesundes und selbstbewusstes Lebenskonzept mit. Es gibt aber weit verbreitete Klischees, die vor allem junge Menschen mit sich tragen. „Ordensfrau ist eine sehr lebenswerte Form. Der Mensch und die Welt braucht die Glaubensdiemension und da gibt es Menschen, die dafür stehen.“ Sr. Bärbel spricht von alten Formen und neuen Wahrnehmungen. „Auch bei den Schwestern gibt es diese Veränderungen vom Hauswirtschaftlichen hin zum Begleiten und Therapeutischen. Es wird darum gehen, neue Identifikationen zu stiften.“ _55FrühstückstischZum Abendessen werde ich in die Küche geladen, wo ich mit dem Herz Jesu Missionar und Rektor P. Karl Unger  und Sr. Anneliese Brunnlechner über diesen besonderen Ort rede. Sr. Anneliese ist recht zuversichtlich, dass trotz vieler Veränderungen die jungen Menschen ein tiefes Leben aus der Taufe und einem Christusbezug heraus finden.
Sr. Franziska war 30 Jahre in Afrika und lebt jetzt hier. Unterschiedlichste Welterfahrung bringen alle vier Ordensfrauen mit in das abgeschiedene Tal. Der Ort hier lässt jede und jeden ganz tief in sich hinenschauen, in seinen und ihren Lebensgrund. Das Handy geht nicht und lenkt nicht ab. Es ist gut hier bei den Perlen der Perle.

_57Willkommen_Kirchental
Sr. Bärbel Thomä, Missionarin Christi in Kirchental

Sr. Karolina Schweihofer, Missionarin Christi in Kirchental

Sr. Anneliese Brunnhofer, Missionarin Christi in Kirchental

Ganz Ohr hört in Salzburg viel vom Rand

_35woman_35woman_33Helferinnen_35woman1Ich lese von den sieben Ordensfrauen, die in der aktuellen Nummer von WOMAN vorgestellt werden. Finkenstraße 20a. Das ist mein Ziel in Salzburg. Mit Neugierde fahre ich mit dem Bus hinaus. Ein Wohnhaus in zweiter Reihe verbirgt sich hinter der Adresse. Fahrräder sind angelehnt. Ich bin bei den „Helferinnen“ angelangt. Die Kongregation der Helferinnen – um genau zu sein. Von außen deutet nichts auf die Ordensgemeinschaft hin. Ich läute an. Sr. Ute öffnet mir und ist überrascht. Sie bittet mich durch die kleine Küche in das Esszimmer, wo im Wohnzimmer daneben Sr. Éva das Bügeleisen schwingt. Beide nehmen sich Zeit für mich. Die Wohnung wie in einer Familie. Das Kreuz im Herrgottswinkel. Ich bekomme Kaffee. Die beiden Ordensfrauen reden über ihre Mitschwestern, die gerade „unterwegs“ sind in der Arbeit: als Beratungslehrerin für „schwierige Kinder, Eltern und Lehrer“, als Personalverantwortliche, als Notschlafstellenbetreuerin. Sie selber arbeiten in Pfarren mit, sind in der Krankenhausseelsorge, gehen Schubhäftlinge besuchen und „schauen auf das Haus“. Geprägt sind sie von ignazanischer Spiritualität.

Wir haben keine Einrichtungen und Werke

_35woman_33Helferinnen1„Wir haben keine Einrichtungen, sondern gehen dorthin, wo wir gebraucht werden. Wir sind dadurch sehr flexibel.“ 1856 hat die Gründerin Eugénie Smet die Menschen gesehen, die unter seelischer Not litten. „Heute widmen wir uns durch verschiedenste Begleitung vor allem jenen Menschen, die in schwierigen Situationen und in einem Läuterungszustand sind.“ Wir leben deshalb ganz einfach und nach außen nicht als Ordensfrauen „gleich erkennbar“. In der Küche raschelt es. Claudia, seit einer Woche Gast aus Deutschland, ist gekommen und fängt an zu kochen. Sie setzt sich zu uns. Sie hat ihre Lehrerinnen-Ausbildung fertig, schätzt die ignazansiche Spiritualität und hat eine Helferin in Erfurt persönlich kennen und schätzen gelernt. Sie will das gemeinschaftliche Leben hier kennenlernen. Sie ist davon angetan, dass die Helferinnen „am Lebensstil und daran, was sie wie tun“ erkennbar sind. „Die Menschen sehen nicht im ersten Moment die Nonne oder geben ihr einen Stempel.“ Wir nehmen die beiden Videos auf, eines mit Sr. Ute im Esszimmer und eines mit Claudia vor dem Haus. Für das JAHR DER ORDEN nehme ich das unglaublich konsequente Einstehen für die Menschen am gesellschaftlichen Rand mit. Für mich war das heute der „Diagonal-Sprung“ ins andere Eck der vielfältigen Ordenswelt, vom Stift in die einfache Wohnung mitten in der „Vogelsiedlung“ in Salzburg._32DonBoscoHaus

Selbstvergewisserung, mehr öffentliche Wahrnehmung und Übertragung von Verantwortung

Mein nächstes Ziel sind die Don Bosco Schwestern in Salzburg. Es ist eine Diagonale durch die Stadt. Auch das Haus der Don Bosco Schwestern ist einfach und sticht aus der Umgebung in keinster Weise hervor. Einzig Don Bosco auf der Hauswand gibt mir Sicherheit. Ich bin richtig hier. Aber wird jemand öffnen. Ja. Sr. Maria Wallner macht mir auf, ist schwer überrascht und bittet mich trotzdem gleich hinein. Ihre Mitschwester ist bei der Blumenarbeit. Für das JAHR DER ORDEM schlägt sie eine „Selbstbesinnung“ vor: „Wie schaut unsere Sendung, unser Auftrag heute aus?“ Ihre Sendung ist die zu den Kindern, Jugendlichen und Jungfamilien ganz aus dem Geiste Don Boscos heraus. _31SrMariaHier geht es vor allem um die am Rande, um Straßenkinder oder Prostituierte weltweit. Das andere ist, die Ordensgemeinschaften noch „öffentlicher und bekannter zu machen“. Die Öffentlichkeitsarbeit muss allgemein einen höheren Stellenwert bekommen. „Wir machen hier schon sehr viel, aber es kann nie genug sein. Die öffentliche Wahrnehmung könnte besser sein.“ Sr. Maria erzählt auch mit Blick in die Zukunft, wie es ihnen gut gelingt, „Laien in verantwortungsvolle Aufgaben einzubinden“. Sie verweist dabei auf einen Brief der Generaloberin in Rom, die sich ausdrücklich bedankt, „das Laien gefördert und ihnen Verantwortung gegeben wird“. Es gibt eigene Schulungen, um den Geist und die Haltungen Don Boscos wach zu halten, zu stärken. Und Sr. Maria meint: „In den Schulen und anderen Aufgaben übernehmen Laien gerne Verantwortung und machen es sehr gut.“ Wir schauen in die Kapelle und fast ein wenig unwillig nehmen wir dort das Video mit den vier Fragen auf. Es beginnt zu regnen und gegen Abend möchte ich eine Schlafstelle am Mönchsberg finden. Heute: Einfache Ordensfrauen, die den Menschen am Rand in die Mitte stellen. Ob das genug Menschen wissen? „Es ist noch viel zu tun.“

_37claudia

Sr. Ute Effenberger, Kongregation der Helferinnen

Claudia, Gast bei den Helferinnen

Sr. Maria, Don Bosco Schwester Salzburg

 

Ganz Ohr hört vom Auf und Ab mit Zuversicht

_21speisesaalDas Refektorium ist wirklich groß. Um 7 Uhr bin ich zum Frühstück geladen. Ich bin noch nicht so wach wie die Zwettler Mönche, die vom Morgengebet kommen. Auch hier in aller Frühe schon Gesichter, die hellwach in den Tag schauen. Das eine oder andere wird noch für den Tag besprochen, bevor jeder aufsteht und sich auf die Konventmesse um 8 Uhr einstimmt. Mit dem Abt bleibe ich noch sitzen und wir reden über DAS JAHR DER ORDEN. Er meint: „Wir selber stehen noch mitten in unserem 875-Jahr-Feiern drinnen. Aber die Äbte in der Diözese St. Pölten haben schon begonnen, Überlegungen anzustellen.“ Wir vereinbaren, dass wir gleich nach dem Gottesdienst das Video mit den vier Fragen aufzeichnen. „Die Karwoche braucht noch einiges an Vorbereitung.“

Lateinische Meditation und die Eucharistie als Zentrum

_22kapitelsaal_25kreuzgangUm 8 Uhr versammeln wir uns zum Gebet und zur Messe. Einige haben schon ins Gespräch gebracht, „wieder in die Kirche zu übersiedeln, wo es schon so angenehme 11 Grad hat.“ Alle haben nicht genickt. Vor der Messe war das lateinische Gebet. Ich habe Latein gelernt und doch bin ich so aus der Übung, dass mir dieser Gesang als tiefe Meditation erschienen ist. Die Rollen bei der Eucharistie sind fließend aktiv. Schön, wie alles „zusammenspielt und das Wesentliche spürbar ist“. Die Mönche gehen nachher gleich ans Werk. „Labora“ liegt in der Luft. Ich mache im „Wohnzimmer“ das Video mit Abt Wolfgang. Wir finden noch etwas Zeit über die Entwicklung des Stiftes, das Auf und Ab, die Zuversicht auf Zukunft hin und das gute Zusammenspiel der Waldviertler Stifte zu reden. Dann geht Pater Tobias mit mir einige wichtige Stationen ab. Die alte ganz neu renovierte gotische Stiftskirche. Ich staune nur. Der älteste Kapitelsaal in Österreich mit einer einzigen alles tragenden Säule. Ich denke bei mir: das ist Zeichen für Jesus, der trägt und zusammenhält. Der Kreuzgang wird dann jener Ort, wo ich P. Tobias die vier Fragen stelle. Es ist kalt geworden und der Wind macht es noch kälter. Alle werden irgendwo gebraucht und verschiedene Leute wollen etwas von P. Tobias. Ich bedanke mich für die Zeit, die Gastfreundschaft, das Mit-Sein dürfen in ihrem „Wohnzimmer“ und in der Klausur.

Sprachwelten und Lesestoff

_23evangelii_gaudiumZu Fuß lasse ich das alles nachklingen hinaus in die Stadt Zwettl. St. Pölten und die Schwammelgasse 7 ist mein nächstes Ziel. Bus und Zug bringen mich dorthin. Im Zug von Krems nach Paudorf höre ich 12 Mal „saugeil“ von den Jugendlichen. Sprachwelten erlebe ich. Können jemals Brücken entstehen zwischen der spirituellen feinfühligen öffnenden Sprache und der am Außen und der „Sensation“ orientierten Jugendsprache. Diese kleine 10-minütige Ministudie twittere ich. In St. Pölten will ich die Kleinen Brüder treffen. Ich finde zwar das Haus, „aber das gehört einer Bank und da wohnt nur eine Familie drinnen“, sagt mir die Nachbarin. So betrete ich den Bahnhof und in dieser Minute regnet es in Strömen. Der Zug bringt mich Richtung Westen. Ich hole meinen Lesestoff wieder heraus und komme bis Seite 42. Papst Franziskus schreibt unter 24: „Wagen wir ein wenig mehr, die Initiative zu ergreifen.“ Ich lehne mich zurück, atme durch, sehe den Regen am Fenster ablaufen und denke: Ja, es liegt an uns. Mit Ganz Ohr habe ich den Süden und Osten einmal „erkundet“. Ich freue mich auf den Westen und den zweiten Süden.

Abt Wolfgang Wiedermann, Stift Zwettl

P. Tobias Lichtenschopf, Stift Zwettl

 

Ganz Ohr trägt Eindrücke durch das Kamptal und nächtigt in der Klausur

_1kamptalSehen auf besondere Weise. Beim Frühstück mit der blinden Klavierlehrerin unserer älteren Tochter Frau Kofler, die „zufällig“ auch im Stift Altenburg ist, wird mir wieder einmal klar, auf welch besondere Weise diese Menschen „sehen“. Sie erzählt von einem begnadeten jungen Orgelspieler, der in einem Stift gearde das Chorgebet wunderbar begleiten könnte. Sie erzählt von den technischen Errungenschaften, die ihr das Musizieren und Orgelspiel auf hohem Niveau ermöglichen. „Ich genieße die schönen Gesänge hier.“ Mir geht es ebenso.

Zwischen Abtwahl und Benediktion

_1AbtThomasDer neue Abt von Altenburg Thomas Renner feiert in der vollen Stiftskirche Palmweihe und Eucharistie. Davor nehmen wir im langen Gang das Video mit den vier Fragen auf. Ich stelle in diesem Fall am Schluss noch eine Frage dazu, wie es ist als Abt zwischen Wahl und kommender Benediktion: „Es fehlt mir noch irgendwie die Mitte. So viel Organisatorisches. Ich habe noch gar nicht alles ausgepackt. Diese Ostertage geben mir aber Gewissheit, worum es wirklich geht.“ Der Chor hat bei der Leidensgeschichte die Stimmen des Volkes in besonderer Weise musikalisch gestaltet. Eindrucksvoll. Der Regen hat aufgehört. Einen Palmzweig stecke ich auf meinen Rucksack. Kurz vor 12 Uhr mache ich mich zu Fuß auf den Weg ins Stift Zwettl. Ich suche den Weg ins Kamptal, das ich bis Krumau durchwandere. Wunderschön und ohne Regen. Ich genieße die mehr als vier Stunden Gehen. In Krumau kehre ich kurz ein, um dann per Autostopp in die Nähe des Stiftes zu kommen. P. Norbert vom Stift Lilienfeld fährt „zufällig“ Richtung Gföhl und nimmt mich mit zur Schnellstraße. Er erinnert sich an ein Ordenstreffen vor etwa 35 Jahren in der Stadthalle Wien. Zwei Tage. Zum kommenden JAHR DER ORDEN hat er keine Wünsche. Wie stoppt man auf der Schnellstraße? Ich suche eine Abfahrt und will mich dort positionieren. Der Daumen war gerade erhoben und schon hat ein junger Mann angehalten. Er studiert Medientechnik in Krems. Die Strecke bis zur Abzweigung ins Stift Zwettl ist fast zu kurz.

Annäherungen mit Geduld und empathische Gastfreundschaft

_2stiftzwettlEtwa drei Kilometer gehe ich zu Fuß von der Schnellstraße auf idyllischem Weg ins Stift. Die Glocken um 18 Uhr höre ich von Ferne. Die frisch renovierte Kirche ist mein erstes Ziel. Dann die Suche nach einer Bleibe. Ich bin unangemeldet. Gar nicht so einfach um 18.30 Uhr, wo die Patres beim Gebet und Abendessen sind. Ein Organist gibt mir seine Handynummer, „damit nichts schief geht“. Ich studiere die unglaublich vielen Schwalbennester rundherum an den Gesimsen im Hof. P. Prior kommt um 19.20 Uhr durch die Pforte. Es ist schon kalt geworden. Ich stelle mich vor. Er geht wieder und bringt Gastpater Leo. Wir gehen durch den wunderschönen Kreuzgang in das Winterrefektorium. Dort klingt unter Mitbrüdern der Sonntag aus. P. Leo richtet in der Klausur ein Zimmer für mich, während zwei Mitbrüder mich flüssig und fest versorgen. Eine gute und offene Atmosphäre im „Wohnzimmer“ der Mönche._3prior Das Warten im Hof hat sich ausgezahlt. Es ist immer noch gut geworden. Wertschätzende Gastfreundschaft lässt mich müde ins Bett fallen. Morgen bleibt Zeit, dass wir näher auf mein Anliegen eingehen. Ein guter Palmsonntag in und zwischen zwei Stiften im Waldviertel.

Abt Thomas Renner, Stift Altenburg