Ganz Ohr geht auf Ostern zu und spürt ein Erwachen

_Franzikkus_AssisiEs ist schon dunkel. Der Zug fährt in Linz ein. Der Bus ins Mühlviertel lässt etwas auf sich warten. Er kommt. Ich steige ein. Der Busfahrer hat sein Radio laufen und ich höre, während ich die Fahrkarte löse, die Leidensgeschichte im Hintergrund. Karfreitag. Es sind nicht viele, die heute mit dem Bus fahren. Müdigkeit hat sich bei mir breit gemacht. Es waren so viele Eindrücke, tiefe Begegnungen und wunderbare Orte. Gerade die Fragen auf den Videos, die ich jetzt direkt in die Blogbeiträge eingebettet habe, zeigen einerseits ein hoffendes andererseits ein bangendes Suchen in die Zukunft. Die Bereitschaft, dass es anders wird, ist in den letzten Jahren in vielen Gemeinschaften gewachsen. Die Bereitschaft unter jungen Menschen, diese Veränderung in und rund um die Ordensgemeinschaften konkret und engagiert zu leben, ist noch recht gering. Sowohl WOMAN als auch das PROFIL haben jetzt zu Ostern Ordensfrauen porträtiert. Auch hier war im Vorfeld die Spannung zwischen Klischee und Realität klar spürbar. Beide haben die Vielfalt dargestellt, wie ich sie im Großen und Ganzen auch erlebe. Die Redakteurinnen waren offen und neugierig. Das wünschte ich mir von mehr Menschen. Neugierde gegenüber jungen Ordensfrauen im Jetzt, im Hier daheim und tief verwurzelt in der Spiritualität, in Gott, in Jesus Christus. Eine Mitte, die den Rand nicht scheut. Rand, der zur Mitte wird.

Im JAHR DER ORDEN wenig und breit

_pfannerVieles von dem, was Ordensfrauen und -männer heute tun, bleibt der medialen Öffentlichkeit „verborgen“. Es sind die stillen Dienste an den Menschen in Grenzsituationen (zB in Eggenburg das Begräbnis einer 18-Jährigen), in Überforderung (zB wenn Manager in Kirchental wieder ihre Mitte finden) oder dort, wo Menschen an den Rändern ihre Würde genommen wird (zB Schubhaft, Roma, einsame Alte). Unsere Gesellschaft ist eine Siegergesellschaft und die Medien spielen hier mit. Fast täglich werden die „Besten“ gekürt. Die Bestverdiener werden vorgeführt, um auf der einen Seite die Aufregung zu steigern und anderseits subtil den Götzen „Mehr“ und die die Unzufriedenheit zu schüren. Unsere Gesellschaft ist auch ein digitale Gesellschaft geworden. Ich habe wieder so wohltuend erlebt, wie in den Orden das gemeinsame Essen, das Gespräch, die Stille, die Rituale des Betens, die reale Begegnung gelebt werden. Oft denke ich mir bei meiner Arbeit: Die Medien sind so schnell, dass ein Mensch, der sich Zeit nimmt für das Gespräch, das Hinhören, das Zeit nehmen, das Gebet, gar nicht mithalten kann. In diesem Moment denke ich natürlich auch an diesen Blog. Menschen, die immer wieder in den Medien sind, erleben auch eine ganz große Distanz zu den Lebenswelten der konkreten Menschen.  Die Politik ist hier am weitesten im Abseits. Und die Medien spielen in diesem Abseits voll mit in dem Glauben, dass sie ganz bei den Menschen sind. Ganz Ohr hat meine innere Haltung wieder geschult. Das Jahr der Orden, so meine Wahrnehmung auf der Tour, soll wenig breit in die Öffentlichkeit stellen. Nicht viel, sondern das Wesentliche.

Die vier Fragen helfen Vielfalt ausloten

Meine vier Fragen für die Videos haben – so immer wieder die Rückmeldung – die Dimensionen der vielfältigen Ordenswelt ausgelotet. Übrigens: Diese Videos sind nicht geschnitten. Eingeschaltet – ausgeschaltet – online gestellt. Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi. Danke für die Bereitschaften dazu, das Vertrauen. In den Antworten: Mitte und Rand sind die Diagonale des Evangeliums, sind die beiden Brennpunkte der Ellipse aus den evangelischen Räten. Die Inspirationsquelle (Gründung, Charisma) und die Frage nach dem Zukunftsbild ist das zweite Brennpunkt-Paar. Bewährtes und Neues, Zentrum und Peripherie. Sammlung und Sendung. In den Spannungsfeldern neu erwachen, mutig unkonventionelle Schritte gehen. Die Sehnsucht ist da. Das Erwachen ebenso. Oder: Wie kommt das Neue in die Organisation? Immer wieder fällt mir Franziskus ein: Das Evangelium ist nicht schwer, sondern macht das Leben leicht, erfüllt es mit Freude und Zuversicht. Das Evangelium ist keine Bürde, sondern offenbart die Würde jedes Menschen. Ostern ist aufwachen, auferweckt werden, aufstehen und gehen.

Gesegnete Ostern.

 

Ganz Ohr trifft auf ein gastfreundliches Gesamtkunstwerk

_71HinkommenKirchental hat einen wunderbaren Schlaf geschenkt, dazu ein Community-Frühstück in der Küche des Hauses der Besinnung. Der Rucksack ist geschultert. Der Blick geht immer wieder zurück. Der Wallfahrerpfad bringt mich direkt ins Tal zum Bus, zum Zug nach Villach. Mehr als 2 1/2 Stunden tragen mich meine Füße dort der Drau entlang hinaus ins Kloster Wernberg. Zu meiner Schande gestehe ich, dass ich noch nie dort war.

Das finden wir cool

_72JugendlicheAm Drauufer treffe ich zwei „Jungs“. Ich frage sie nach dem Weg. Wir kommen ins Gespräch. Sie fragen, was ich mache und wie lange ich schon unterwegs bin. Ich erzähle ihnen und verabschiede mich wieder. Nach einer Zeit kommen sie mit dem Fahrrad hinter mir her und möchten mit mir ein Foto machen. Warum, frage ich. „Wir finden das cool und mit so einem Mann wollen wir ein Foto haben.“ Äußerlich ragiere ich überrascht und innerlich freue ich mich über das Interesse der „Jungs“. Dem Kloster nähere ich mich über die Direttissima durch den steilen Wald hinauf. Das Klostergut, der Klosterladen, die Buchstaben „Kindergarten“ an der Hausfront und die Klosterpforte haben eine einladende Aura. An der Klosterpforte werde ich offen empfangen. Es ist so, als ob ich irgendwie erwartet würde. „Sie waren heute schon Thema. Sie müssten irgendwann kommen.“ Da bin ich, bekomme ein schönes Zimmer mit toller Aussicht.  Nach der „körperlichen Sanierung“ bin ich zum Käsebuffet am Gründonnerstag geladen. Alles selbst gemacht  vom Klostergut oder aus der Region. „Das ist uns ganz wichtig“, meint Sr. Johanna, die Hausoberin und Provinzleiterin am nächsten Tag im Hof zu mir. Ich erlebe: Da wird Nachhaltigkeit nicht plakatiert, sondern seit Jahrzehnten gelebt. Das sind gesegnete „Lebensmittel“.

Vom Brennnesselschloss zum gastfreundlichen Gesamtkunstwerk

_73Klosterladen_77SrMonika_76SrLuciaBis Mitte der 1930-er Jahre war das Schloss verkommen, nachdem Josef II die Benediktinerabtei 1783 aufgehoben hat. „Die Leute aus der Gegend haben Brennnesselschloss dazu gesagt“, weiß Sr. Lucia. „Die Schwestern haben es dann übernommen und seitdem mit viel Arbeit und gemeinsamen Engagement aufgebaut“, weiß man an der Pforte. Die Schwestern haben selber immer auch Hand angelegt. So wurde aus dem verfallen Schloss ein wunderbarer Ort für Gäste. Bei mir denke ich: Diese absichtslose Gastfreundschaft ist das, was der digitalisierte Mensch heute wirklich braucht. Irgendwie habe ich bei meinem Blick rundum und beim Hinhören das Gefühl, dass hier ein Gesamtkunstwerk der Gastfreundschaft gelebt wird. Offen auf Gott und den Menschen hin. Eine Schwester pflegt mit ihren 85 Jahren den Garten, den wir als Gäste nutzen können. „Diese Aufgabe macht mir immer noch großen Spass“, betont sie angesichts der Rosen, die in der aktuellen Kälte etwas leiden. _75SchwesterRosen75 Jahre sind die 65 Ordensfrauen hier im Durchschnitt. Ich selber denke mir, wenn ich im Garten, drüben beim Klosterladen, in der Kirche, im Hof die Schwestern bei ihrer Aufgabe sehe, dass es schön sein muss, eine sinnstiftende Tätigkeit für das Ganze, das Gemeinsame bis ins hohe Alter erfüllen zu können. So lange es geht. „Das ist sicher nicht immer einfach, aber es ist  uns wichtig“,  meint Gastschwester Monika, während ich ihr helfe, einen Tisch hinüberzustellen. Ich werde gebraucht. Sr. Lucia an der Pforte ist ein hellwaches Gegenüber. Der Pfortenbereich wurde großzügig und offen umgestaltet. „Das ist einladend geworden“, meint ein Gast, der die Enge von Früher kennt und nach dem Termin der „Fleischweihe“ fragt. Sr. Lucia wie auch die Ökonomin Sr. Ruth sind „wie so viele andere auch hier“ aus Oberösterreich. Ich nehme mit Sr. Lucia das Video direkt an der Pforte auf und bin froh, dass wir durch keinen Anruf gestört wurden. Es ist ein Kommen und Gehen.

Nichts zusätzlich sondern das Wesentliche ins Gespräch bringen

_74AltarDas JAHR DER ORDEN ist in den vielen Gesprächen, die ich mit verschiedenen Schwestern führe, „noch nicht präsent“. Das ist nicht nur hier so. Deshalb bin ich auch unterwegs und ganz Ohr. Oberin Sr. Johanna erzählt, dass sie selber 2015 zwei wichtige Jubiläen feiern. „Die Kongregation ist seit der Gründung  130 Jahren weltweit tätig  und seit 80 Jahren sind wir in Wernberg. Nicht einmal da sind wir bisher dazugekommen, uns etwas zu überlegen.“ Wir sind uns aber darin einig, „dass nichts Zusätzliches gemacht werden soll, sondern eher eine Reduktion auf das Wesentliche stattfinden und das gut zum Ausdruck gebracht werden soll.“ Das erinnert mich an das gestrige Abendmahl zum Gründonnerstag. Einfach, geradelinig, meditativ und mehrstimmiger Gesang der Ordensfrauen mit uns allen. Der neue Altar aus Glas hat etwas von der Transparenz in Richtung Transzendenz für mich ausgestrahlt. _78gottestalIch denke: Das Nomale, das Alltägliche kann zum Besonderen werden. Brot und Wein werden Liebes- und Lebenszeichen. Die Videos mit Sr. Monika und Sr. Johanna nehme ich im Hof und auf der Terrasse auf. Dann packe ich meinen Rucksack, gehe noch in die Kirche, die durch die Schmucklosigkeit des Karfreitags strahlt und nehme einige Produkte aus dem gut besuchten Klosterladen mit.  Rund herum das Bemühen um eine “faire Welt“. Mein Weg führt zum Bahnhof Föderlach. Ich gehe durch „Gottestal“ und frage eine Frau, woher der Name des Dorfes kommt. Sie weiß es nicht. Der Name und Ort veranlasst mich zu einem Tweet mit Foto: „Gott selbst ist heute ins Tal gegangen. Gottestal.“ Der Karfreitag wird im Zug über und durch die Alpen begangen. Beim Abschied wusste ich schon: Wir kommen wieder.

Sr. Johanna, Provinzleiterin der Wernberger Missionsschwestern

Sr. Maria Lucia, Pfortenschwester im Kloster Wernberg

Sr. Monika, Gastschwester im Kloster Wernberg

Ganz Ohr trifft eine Perle und Perlen, die der Perle die Seele geben

_51KirchentalIch wollte mich, auch wenn oben Schnee liegt, über den „Wechsel“  her annähern. Ich steige von Lofer etwa 450 Höhenmeter hinauf in die Scharte, die mir den Blick ins andere Tal ermöglicht. Ich war der erste und sicher auch der einzige auf diesem Pfad hinüber nach Maria Kirchental heute. Zwischen den verschneiten Bäumen und Ästen taucht dieser besondere Platz, diese Perle auf. Die Kirche, das Haus der Besinnung, das Mesnerhaus. Beseelt wird diese Perle von vier Missionarinnen Christi. So viel weiß ich.

Gleich die Einladung hier zu bleiben

_53HausBesinnungIch betrete das Haus der Besinnung. Eine Gruppe Frauen steht hinter der Tür. Eine herzliche und warme Atmosphäre atme ich gleich ein. Obwohl ich nass, verschwitzt und nicht salon- oder besinnungsfähig bin, werde ich begrüßt, offen empfangen und nach ein paar Erklärungen zum Bleiben eingeladen. „Ja, das Zimmer Nr. 6 im Mesnerhaus müsste noch frei sein“, meint Sr. Karolina. Sr. Franziska nickt daneben. Ich kultiviere mich. Es ist ein besonderer Ort und da möchte ich auch gepflegt „da sein“. Handyempfang geht gegen Null. Nein, ist Null. Ich schalte aus. Digital vernetzt geht es morgen weiter. Hier ist Natur pur. Sr. Bärbel Thomä und Sr. Karolina Schweihofer nehmen sich dann Zeit für ein Gespräch mit mir. Die Videos nehmen wir nachher draußen vor dem Haus der Besinnung und vor der Wallfahrtskirche auf.

Mit der Natur in der Natur

_52Karolina_BärbelFür beide Ordensfrauen ist dieser Platz etwas Besonderes: die Stille, die Natur, die Wärme, die Gebäude, der Wald. Menschen kommen von überall. Der bayrische Raum gehört genauso zum Einzugsgebiet wie Berlin. 23 Leute beginnen heute Mittwoch bis Ostersonntag die „Kar- und Ostertage in Kirchental“. Sr. Bärbel ist Atemtherapeutin und Religionspädagogin und Sr. Karonlina  ist Exerzitienleiterin, Bewegungstherapeutin und geistliche Begleiterin. „Kirchental“ ist für viele ein „Code-Wort“ für „gutes Leben“ geworden. „Da ist es wieder gut geworden.“ Das kann ich gut nachvollziehen. Die Perlen machen diese Perle in den Alpen zur tiefen Perle für viele Menschen. Und die Menschen, die das suchen und brauchen, werden mehr.  „Durch die Natur mit der Natur leben. Es ist ein Stück Paradies und wir können beide das auch so sehen und genießen.“

Die Welt braucht die Glaubensdimension

_56KichentalUntenAn diesem Ort wird der Mensch offen für die befreiende Glaubensdimension.  Das JAHR DER ORDEN sehen sie positiv. Sr. Karolina: „Das Jahr ist für uns selber wichtig. Wir sind wer. Wir sind eine prophetische Kraft, die wir entwickeln und veröffentlichen sollten. Wir sind nicht einfach die ‚braven‘ Ordensfrauen.“ Für mich schwingt hier ein gesundes und selbstbewusstes Lebenskonzept mit. Es gibt aber weit verbreitete Klischees, die vor allem junge Menschen mit sich tragen. „Ordensfrau ist eine sehr lebenswerte Form. Der Mensch und die Welt braucht die Glaubensdiemension und da gibt es Menschen, die dafür stehen.“ Sr. Bärbel spricht von alten Formen und neuen Wahrnehmungen. „Auch bei den Schwestern gibt es diese Veränderungen vom Hauswirtschaftlichen hin zum Begleiten und Therapeutischen. Es wird darum gehen, neue Identifikationen zu stiften.“ _55FrühstückstischZum Abendessen werde ich in die Küche geladen, wo ich mit dem Herz Jesu Missionar und Rektor P. Karl Unger  und Sr. Anneliese Brunnlechner über diesen besonderen Ort rede. Sr. Anneliese ist recht zuversichtlich, dass trotz vieler Veränderungen die jungen Menschen ein tiefes Leben aus der Taufe und einem Christusbezug heraus finden.
Sr. Franziska war 30 Jahre in Afrika und lebt jetzt hier. Unterschiedlichste Welterfahrung bringen alle vier Ordensfrauen mit in das abgeschiedene Tal. Der Ort hier lässt jede und jeden ganz tief in sich hinenschauen, in seinen und ihren Lebensgrund. Das Handy geht nicht und lenkt nicht ab. Es ist gut hier bei den Perlen der Perle.

_57Willkommen_Kirchental
Sr. Bärbel Thomä, Missionarin Christi in Kirchental

Sr. Karolina Schweihofer, Missionarin Christi in Kirchental

Sr. Anneliese Brunnhofer, Missionarin Christi in Kirchental

Ganz Ohr hört in Salzburg viel vom Rand

_35woman_35woman_33Helferinnen_35woman1Ich lese von den sieben Ordensfrauen, die in der aktuellen Nummer von WOMAN vorgestellt werden. Finkenstraße 20a. Das ist mein Ziel in Salzburg. Mit Neugierde fahre ich mit dem Bus hinaus. Ein Wohnhaus in zweiter Reihe verbirgt sich hinter der Adresse. Fahrräder sind angelehnt. Ich bin bei den „Helferinnen“ angelangt. Die Kongregation der Helferinnen – um genau zu sein. Von außen deutet nichts auf die Ordensgemeinschaft hin. Ich läute an. Sr. Ute öffnet mir und ist überrascht. Sie bittet mich durch die kleine Küche in das Esszimmer, wo im Wohnzimmer daneben Sr. Éva das Bügeleisen schwingt. Beide nehmen sich Zeit für mich. Die Wohnung wie in einer Familie. Das Kreuz im Herrgottswinkel. Ich bekomme Kaffee. Die beiden Ordensfrauen reden über ihre Mitschwestern, die gerade „unterwegs“ sind in der Arbeit: als Beratungslehrerin für „schwierige Kinder, Eltern und Lehrer“, als Personalverantwortliche, als Notschlafstellenbetreuerin. Sie selber arbeiten in Pfarren mit, sind in der Krankenhausseelsorge, gehen Schubhäftlinge besuchen und „schauen auf das Haus“. Geprägt sind sie von ignazanischer Spiritualität.

Wir haben keine Einrichtungen und Werke

_35woman_33Helferinnen1„Wir haben keine Einrichtungen, sondern gehen dorthin, wo wir gebraucht werden. Wir sind dadurch sehr flexibel.“ 1856 hat die Gründerin Eugénie Smet die Menschen gesehen, die unter seelischer Not litten. „Heute widmen wir uns durch verschiedenste Begleitung vor allem jenen Menschen, die in schwierigen Situationen und in einem Läuterungszustand sind.“ Wir leben deshalb ganz einfach und nach außen nicht als Ordensfrauen „gleich erkennbar“. In der Küche raschelt es. Claudia, seit einer Woche Gast aus Deutschland, ist gekommen und fängt an zu kochen. Sie setzt sich zu uns. Sie hat ihre Lehrerinnen-Ausbildung fertig, schätzt die ignazansiche Spiritualität und hat eine Helferin in Erfurt persönlich kennen und schätzen gelernt. Sie will das gemeinschaftliche Leben hier kennenlernen. Sie ist davon angetan, dass die Helferinnen „am Lebensstil und daran, was sie wie tun“ erkennbar sind. „Die Menschen sehen nicht im ersten Moment die Nonne oder geben ihr einen Stempel.“ Wir nehmen die beiden Videos auf, eines mit Sr. Ute im Esszimmer und eines mit Claudia vor dem Haus. Für das JAHR DER ORDEN nehme ich das unglaublich konsequente Einstehen für die Menschen am gesellschaftlichen Rand mit. Für mich war das heute der „Diagonal-Sprung“ ins andere Eck der vielfältigen Ordenswelt, vom Stift in die einfache Wohnung mitten in der „Vogelsiedlung“ in Salzburg._32DonBoscoHaus

Selbstvergewisserung, mehr öffentliche Wahrnehmung und Übertragung von Verantwortung

Mein nächstes Ziel sind die Don Bosco Schwestern in Salzburg. Es ist eine Diagonale durch die Stadt. Auch das Haus der Don Bosco Schwestern ist einfach und sticht aus der Umgebung in keinster Weise hervor. Einzig Don Bosco auf der Hauswand gibt mir Sicherheit. Ich bin richtig hier. Aber wird jemand öffnen. Ja. Sr. Maria Wallner macht mir auf, ist schwer überrascht und bittet mich trotzdem gleich hinein. Ihre Mitschwester ist bei der Blumenarbeit. Für das JAHR DER ORDEM schlägt sie eine „Selbstbesinnung“ vor: „Wie schaut unsere Sendung, unser Auftrag heute aus?“ Ihre Sendung ist die zu den Kindern, Jugendlichen und Jungfamilien ganz aus dem Geiste Don Boscos heraus. _31SrMariaHier geht es vor allem um die am Rande, um Straßenkinder oder Prostituierte weltweit. Das andere ist, die Ordensgemeinschaften noch „öffentlicher und bekannter zu machen“. Die Öffentlichkeitsarbeit muss allgemein einen höheren Stellenwert bekommen. „Wir machen hier schon sehr viel, aber es kann nie genug sein. Die öffentliche Wahrnehmung könnte besser sein.“ Sr. Maria erzählt auch mit Blick in die Zukunft, wie es ihnen gut gelingt, „Laien in verantwortungsvolle Aufgaben einzubinden“. Sie verweist dabei auf einen Brief der Generaloberin in Rom, die sich ausdrücklich bedankt, „das Laien gefördert und ihnen Verantwortung gegeben wird“. Es gibt eigene Schulungen, um den Geist und die Haltungen Don Boscos wach zu halten, zu stärken. Und Sr. Maria meint: „In den Schulen und anderen Aufgaben übernehmen Laien gerne Verantwortung und machen es sehr gut.“ Wir schauen in die Kapelle und fast ein wenig unwillig nehmen wir dort das Video mit den vier Fragen auf. Es beginnt zu regnen und gegen Abend möchte ich eine Schlafstelle am Mönchsberg finden. Heute: Einfache Ordensfrauen, die den Menschen am Rand in die Mitte stellen. Ob das genug Menschen wissen? „Es ist noch viel zu tun.“

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Sr. Ute Effenberger, Kongregation der Helferinnen

Claudia, Gast bei den Helferinnen

Sr. Maria, Don Bosco Schwester Salzburg

 

Ganz Ohr hört vom Auf und Ab mit Zuversicht

_21speisesaalDas Refektorium ist wirklich groß. Um 7 Uhr bin ich zum Frühstück geladen. Ich bin noch nicht so wach wie die Zwettler Mönche, die vom Morgengebet kommen. Auch hier in aller Frühe schon Gesichter, die hellwach in den Tag schauen. Das eine oder andere wird noch für den Tag besprochen, bevor jeder aufsteht und sich auf die Konventmesse um 8 Uhr einstimmt. Mit dem Abt bleibe ich noch sitzen und wir reden über DAS JAHR DER ORDEN. Er meint: „Wir selber stehen noch mitten in unserem 875-Jahr-Feiern drinnen. Aber die Äbte in der Diözese St. Pölten haben schon begonnen, Überlegungen anzustellen.“ Wir vereinbaren, dass wir gleich nach dem Gottesdienst das Video mit den vier Fragen aufzeichnen. „Die Karwoche braucht noch einiges an Vorbereitung.“

Lateinische Meditation und die Eucharistie als Zentrum

_22kapitelsaal_25kreuzgangUm 8 Uhr versammeln wir uns zum Gebet und zur Messe. Einige haben schon ins Gespräch gebracht, „wieder in die Kirche zu übersiedeln, wo es schon so angenehme 11 Grad hat.“ Alle haben nicht genickt. Vor der Messe war das lateinische Gebet. Ich habe Latein gelernt und doch bin ich so aus der Übung, dass mir dieser Gesang als tiefe Meditation erschienen ist. Die Rollen bei der Eucharistie sind fließend aktiv. Schön, wie alles „zusammenspielt und das Wesentliche spürbar ist“. Die Mönche gehen nachher gleich ans Werk. „Labora“ liegt in der Luft. Ich mache im „Wohnzimmer“ das Video mit Abt Wolfgang. Wir finden noch etwas Zeit über die Entwicklung des Stiftes, das Auf und Ab, die Zuversicht auf Zukunft hin und das gute Zusammenspiel der Waldviertler Stifte zu reden. Dann geht Pater Tobias mit mir einige wichtige Stationen ab. Die alte ganz neu renovierte gotische Stiftskirche. Ich staune nur. Der älteste Kapitelsaal in Österreich mit einer einzigen alles tragenden Säule. Ich denke bei mir: das ist Zeichen für Jesus, der trägt und zusammenhält. Der Kreuzgang wird dann jener Ort, wo ich P. Tobias die vier Fragen stelle. Es ist kalt geworden und der Wind macht es noch kälter. Alle werden irgendwo gebraucht und verschiedene Leute wollen etwas von P. Tobias. Ich bedanke mich für die Zeit, die Gastfreundschaft, das Mit-Sein dürfen in ihrem „Wohnzimmer“ und in der Klausur.

Sprachwelten und Lesestoff

_23evangelii_gaudiumZu Fuß lasse ich das alles nachklingen hinaus in die Stadt Zwettl. St. Pölten und die Schwammelgasse 7 ist mein nächstes Ziel. Bus und Zug bringen mich dorthin. Im Zug von Krems nach Paudorf höre ich 12 Mal „saugeil“ von den Jugendlichen. Sprachwelten erlebe ich. Können jemals Brücken entstehen zwischen der spirituellen feinfühligen öffnenden Sprache und der am Außen und der „Sensation“ orientierten Jugendsprache. Diese kleine 10-minütige Ministudie twittere ich. In St. Pölten will ich die Kleinen Brüder treffen. Ich finde zwar das Haus, „aber das gehört einer Bank und da wohnt nur eine Familie drinnen“, sagt mir die Nachbarin. So betrete ich den Bahnhof und in dieser Minute regnet es in Strömen. Der Zug bringt mich Richtung Westen. Ich hole meinen Lesestoff wieder heraus und komme bis Seite 42. Papst Franziskus schreibt unter 24: „Wagen wir ein wenig mehr, die Initiative zu ergreifen.“ Ich lehne mich zurück, atme durch, sehe den Regen am Fenster ablaufen und denke: Ja, es liegt an uns. Mit Ganz Ohr habe ich den Süden und Osten einmal „erkundet“. Ich freue mich auf den Westen und den zweiten Süden.

Abt Wolfgang Wiedermann, Stift Zwettl

P. Tobias Lichtenschopf, Stift Zwettl

 

Ganz Ohr trägt Eindrücke durch das Kamptal und nächtigt in der Klausur

_1kamptalSehen auf besondere Weise. Beim Frühstück mit der blinden Klavierlehrerin unserer älteren Tochter Frau Kofler, die „zufällig“ auch im Stift Altenburg ist, wird mir wieder einmal klar, auf welch besondere Weise diese Menschen „sehen“. Sie erzählt von einem begnadeten jungen Orgelspieler, der in einem Stift gearde das Chorgebet wunderbar begleiten könnte. Sie erzählt von den technischen Errungenschaften, die ihr das Musizieren und Orgelspiel auf hohem Niveau ermöglichen. „Ich genieße die schönen Gesänge hier.“ Mir geht es ebenso.

Zwischen Abtwahl und Benediktion

_1AbtThomasDer neue Abt von Altenburg Thomas Renner feiert in der vollen Stiftskirche Palmweihe und Eucharistie. Davor nehmen wir im langen Gang das Video mit den vier Fragen auf. Ich stelle in diesem Fall am Schluss noch eine Frage dazu, wie es ist als Abt zwischen Wahl und kommender Benediktion: „Es fehlt mir noch irgendwie die Mitte. So viel Organisatorisches. Ich habe noch gar nicht alles ausgepackt. Diese Ostertage geben mir aber Gewissheit, worum es wirklich geht.“ Der Chor hat bei der Leidensgeschichte die Stimmen des Volkes in besonderer Weise musikalisch gestaltet. Eindrucksvoll. Der Regen hat aufgehört. Einen Palmzweig stecke ich auf meinen Rucksack. Kurz vor 12 Uhr mache ich mich zu Fuß auf den Weg ins Stift Zwettl. Ich suche den Weg ins Kamptal, das ich bis Krumau durchwandere. Wunderschön und ohne Regen. Ich genieße die mehr als vier Stunden Gehen. In Krumau kehre ich kurz ein, um dann per Autostopp in die Nähe des Stiftes zu kommen. P. Norbert vom Stift Lilienfeld fährt „zufällig“ Richtung Gföhl und nimmt mich mit zur Schnellstraße. Er erinnert sich an ein Ordenstreffen vor etwa 35 Jahren in der Stadthalle Wien. Zwei Tage. Zum kommenden JAHR DER ORDEN hat er keine Wünsche. Wie stoppt man auf der Schnellstraße? Ich suche eine Abfahrt und will mich dort positionieren. Der Daumen war gerade erhoben und schon hat ein junger Mann angehalten. Er studiert Medientechnik in Krems. Die Strecke bis zur Abzweigung ins Stift Zwettl ist fast zu kurz.

Annäherungen mit Geduld und empathische Gastfreundschaft

_2stiftzwettlEtwa drei Kilometer gehe ich zu Fuß von der Schnellstraße auf idyllischem Weg ins Stift. Die Glocken um 18 Uhr höre ich von Ferne. Die frisch renovierte Kirche ist mein erstes Ziel. Dann die Suche nach einer Bleibe. Ich bin unangemeldet. Gar nicht so einfach um 18.30 Uhr, wo die Patres beim Gebet und Abendessen sind. Ein Organist gibt mir seine Handynummer, „damit nichts schief geht“. Ich studiere die unglaublich vielen Schwalbennester rundherum an den Gesimsen im Hof. P. Prior kommt um 19.20 Uhr durch die Pforte. Es ist schon kalt geworden. Ich stelle mich vor. Er geht wieder und bringt Gastpater Leo. Wir gehen durch den wunderschönen Kreuzgang in das Winterrefektorium. Dort klingt unter Mitbrüdern der Sonntag aus. P. Leo richtet in der Klausur ein Zimmer für mich, während zwei Mitbrüder mich flüssig und fest versorgen. Eine gute und offene Atmosphäre im „Wohnzimmer“ der Mönche._3prior Das Warten im Hof hat sich ausgezahlt. Es ist immer noch gut geworden. Wertschätzende Gastfreundschaft lässt mich müde ins Bett fallen. Morgen bleibt Zeit, dass wir näher auf mein Anliegen eingehen. Ein guter Palmsonntag in und zwischen zwei Stiften im Waldviertel.

Abt Thomas Renner, Stift Altenburg

Ganz Ohr atmet tief durch in der Balance von Ora et Labora

_klosterzelleIch komme später als gedacht. Die wunderbare Gegend am Weg ins Stift Altenburg hat mich trödeln lassen. Zwischen den abendlichen Gebetszeiten von Abtpräses Christian Haidinger ist nicht so viel Zeit. Ich stehe bei der Klosterpforte und rufe ihn an. Keine drei Minuten vergehen. Er zeigt mit die helle und geräumige „Klosterzelle“. Einfach – schön. Das Leben hat im Rucksack Platz. Die passende Unterkunft dazu ist Bett, Kasten, Tisch, Sitzgelegenheiten und Sanitärzelle. Direkt üppig. Dusche ist Himmel. Diese genieße ich nach 5 Stunden Gehzeit. Es ist still. Die Vögel singen beim offenen Fenster herein. Die Sonne verabschiedet sich bis morgen. Ich schlafe ausgezeichnet.

Den Rhythmus und die Balance finden

_weihwasserDie Laudes ist um 6 Uhr. Das „schaffe“ ich nicht. Um 7.15 Uhr ist Eucharistie. Einfach. Die wunderschöne Klosterkirche ist von Osten her mit gelbem Licht durchflutet und die Orgel und unsere Gesänge erfüllen den Gottesraum. Mit den anderen Gästen sitze ich beim Frühstück. Wir unterhalten uns über das Auftanken, die Orientierung und „wie es einfach gut tut, hier“. Vormittags führe ich Gespräche. Darüber weiter unten. Um 12 Uhr gehe ich zum Mittagsgebet. Dann darf ich im Refektorium in der Klausur mit den Patres das Mittagessen genießen. Eine alte bewährte Ordnung gibt dem Essen eine besondere Bedeutung. McDonalds ist Lichtjahre weg. Am Beginn trägt ein Mitbruder aus der Bibel, aus der Regel des hl. Benedikt und aus einem neuen Buch über den neuen Papst in Südamerika vor. Tischlesung während der Suppe. Dann ist Konversation mit den Tischnachbarn. Wir beenden das Mittagessen wieder mit einem Gebet. Ich gehe in meine Zelle und tue das, wozu sonst nie Zeit ist. Powernapping nennen das die Coaches von heute. Mittagsrasterl sagen die Mönche anderswo. Gespräche und ein Erkunden der Umgebung lässt den Nachmittag vergehen. Tiefes durchatmen und aufatmen macht sich breit. Ich sitze in der Sonne und die Gedanken haben freien Lauf. Um 17.30 gehe ich zur Vesper. Dann Abendessen im Refektorium wieder mit dem neuen Abt und dem Konvent. Ganz ähnlich wie zu mittag. Das Essen hat und bekommt seine Zeit._angel Seine Aufmerksamkeit. Das Gebet beendet die Tischgemeinschaft und heute Samstag ist um 20.30 Uhr Vigil. Innehalten und gesungen beten in der Kirche. Das Gebet unterbricht die Arbeit und gibt dem Alltag einen Rhythmus. Wer so etwas erleben möchte, ist genau hier in Altenburg und sicher in jeder anderen Ordensgemeinschaft gut aufgehoben. Sich einlassen, einschwingen in die Einfachheit trotz Barock und der Seele Raum geben. Beim Durchblättern des Foto-Albums von Abtpräses Christian, das er zum 70er bekommen hat, ist mir ein Spruch aufgefallen: „Der Raum des Geistes, dort wo er seine Flügel ausbreiten kann, das ist die Stille.“

Lasst junge Ordensfrauen und -männer zu Wort kommen

_clemens_selfieNormalerweise ist Fr. Clemens Hainzl in Salzburg im Haus St. Benedikt. Der „Zufall“ will es, dass er heute in „seinem“ Stift ist. Er hat mir vor Tagen ein Email geschrieben zum JAHR DER ORDEN. Wir nehmen uns ausführlich Zeit, um die Situation und seine Ideen anzusprechen. Ich bin ganz Ohr. „Wofür stehen wir? Was ist unser Grundauftrag?“ Das wird Frater Clemens öfter gefragt oder er diskutiert das mit Kollegen: „Als unser Grundcharisma sehe ich Gottsuche und die Menschen in unserer jeweiligen Region. Also Gott und Mensch.“ Für das Jahr der Orden wünscht er sich, dass junge Ordensleute zu Wort kommen, „gezeigt“ werden, Impulse setzen. Er hat ein Symposium oder so etwas Ähnliches vor Augen, wo nur Junge sich versammeln, die Vorträge und Impulse von Jungen gemacht werden und aus Sicht der Jungen die Gelübde als Lebensweg ganz praktisch sichtbar werden. Was er sich auch noch wünscht: „Ein Jammerverbot in diesem Jahr“. Er meint, dass bei den Menschen und in der Gesellschaft die Freude und das Engagement der jungen Ordensleute nicht einmal ansatzweise „hinübergekommen“ ist._firmgruppe Ich denke an den Medienempfang, wo die Novizinnen eine wirkliche Überraschung für einige Medienschaffende waren. Wörtlich sagt ein Journalist beim Hinausgehen: „Ich habe nicht gewusst, dass es solche junge Ordensfrauen gibt.“ Klingt gut. Diesen Vorschlag packe ich in meinen Rucksack, wenn ich morgen nach der Palmweihe ins Stift Zwettl aufbreche. Das Video nehmen wir auf, bevor die Firmlinge kommen und Fr. Clemens das Haus und das Leben der Benediktiner vorstellt. „Da, wo Begeisterung ist, ist Berufung.“

Fr. Clemens Hainzl, Benediktiner im Stift Altenburg

Abtpräses der Benediktiner Österreichs Christian Haidinger, Stift Altenburg und Vorsitzender der Ordensgemeinschaften Österreich Superiorenkonferenz

Ganz Ohr geht weit und sieht in der Natur ein Entwicklungsbild

IMG_9496Die U4 bringt mich vom Schwedenplatz in die Heiligenstadt zum Zug nach Eggenburg. Ein Johannesbruder von Marchegg steigt mit mir in die U-Bahn. Ich spreche ihn an und er kennt mich dann von der Herbsttagung. Er staunt ein wenig wegen meines wandernden Outfits. Ich erzähle ihm von meiner Tour, von meinen vier Fragen. Er steigt drei Stationen weiter aus. Wenig Zeit. Wir sind aber gleich am Wesentlichen. Bevor er aussteigt. „Es kommt eine Zeit der Fruchtbarkeit auf uns zu. Jetzt ist die Zeit, den Samen auszulegen. Das wird sich in 25 Jahren weisen. Evangelii Gaudium ist sehr entscheidend.“ Er „flüchtet“ bei seiner Station hinaus. Evangelii Gaudium habe ich dabei, weil ich es Satz für Satz lesen werde. Die Zeit der Fruchtbarkeit hängt mir nach. Im Zug beginne ich zu lesen: „Die Freude den Evangeliums erfüllt das Herz und das gesamte Leben derer, die Jesus begegnen. Diejenigen, die sich von ihm retten lassen, sind befreit von der Sünde, von der Traurigkeit, von der inneren Leere und von Vereinsamung. Mit Jesus Christus kommt immer – und immer wieder – Freude.“

Auf Augenhöhe und in empathischer Nähe

_P.Sepp_EggenburgIn Eggenburg ist das Redemptoristen-Kloster mein Ziel. Jugendliche beleben das Haus. „Lehrlingsstiftung“ und „Jugendhaus“ steht auf Schildern vor der Tür. Die Klausur ist im ersten Stock. Es ist niemand da. Ich schaue und plaudere etwas mit den Jugendlichen. Da kommt ein bekanntes Gesicht daher. P. Sepp Schachinger hat es irgendwie eilig. Ich halte ihn auf. Er hat jetzt schwer Zeit, weil er nachmittag ein Begräbnis einer 18-Jährigen hat. Der Kopf ist nicht frei für DAS JAHR DER ORDEN. Das verstehe ich. Ich Frage ihn, ob ich ihm die vier Fragen für das Video stellen darf. Ja, das macht er. Gespräche auf Augenhöhe sind seine Mitte. Rand mag er nicht, weil er diese Jugendlichen hier vom gesellschaftlichen Rand als seine und ihre Mitte sieht. Das Begräbnis geht ihm nahe, wie ich ihn danach frage. Ein Mensch steht vor mir mit einer unglaublichen Kraft zur empathischen Nähe. Wer an ihm vorbeigeht, lächelt ihn an und umgekehrt. Irgendwie bin ich sprachlos über diesen Ort für und mit Jugendlichen mitten im Kloster. Ich sitze noch lange in der Kirche, die einen alten Kreuzweg hat, der mit Bildern von Jugendlichen „aktualisiert“ wurde. Viele Menschen wissen nicht, was so ein Pater den ganzen langen Tag macht. P. Sepp lebt Evangelii Gaudium hier in Eggenburg für und mit den Jugendlichen.

Ein weiter Weg und die parallele Autonomie

_Baum4_Baum3_Baum2_Baum1Am frühen Nachmittag geht es ans Gehen. Die Dame im Informationsbüro hat mir eine Karte geschenkt. Da sind auch größer Feldwege eingezeichnet. Mein Ziel ist möglichst wenig auf Strassen von Eggenburg nach Maria Dreieichen (2 1/2 Stunden) und weiter ins Stift Altenburg (2 1/2 Stunden) zu gelangen. Es gelang und es war wunderschön. Die Sonne, der kühlende Wind und diese blühende karge und ausgetrocknete Landschaft. Zwei Bäume führen mit anschaulich vor Augen, was ich im nächsten ON unter dem Titel „Wie kommt das Neue in die Organisation“ beschreibe. Ein alter und ein junger Baum schauen zuerst wie einer aus, dann werden beide sichtbar und schließlich steht der Neue vor dem Alten. Im Vorbeigehen hat sich das Bild total gewandelt, obwohl die zwei Bäume stehen geblieben sind. Dieses Erlebnis im Schauen werde ich morgen Abtpräses Christian Haidinger als Bild für die Ordensgemeinschaften erzählen. Das Junge ist zuerst nur als Teil des Alten sichtbar. Bringst du dich in Bewegung, wird auf einmal das Junge als eigenständig sichtbar. Entfernst du dich, entschwindet das Alte und es steht der blühende Baum in der Landschaft. Da werde ich nochmals nachdenken und einen eigenen Beitrag verfassen. Klarer und mit den Bildern einzeln belegt. Ein spannender Aspekt der Entwicklung von Ordensgemeinschaften lag am Weg. Gut müde führt mich Abtpräses Christian in meine Klosterzelle. Claus Sendlinger von den Designer-Hotels hat ja einmal gesagt: Wenn du heute jemanden etwas ganz Besonderes schenken möchtest, dann Natur, Retreat oder Klosterzelle. Da bin ich.

P. Sepp Schachinger, Redemptorist in Eggenburg