Profil zeigen im öffentlichen Raum

ProfilBei der Jahrestagung der Katholischen Privatschulen in Oberösterreich (Ordensschulen und Diözesanschulen) habe ich den Vortrag „Profil zeigen im öffentlichen Raum“ vor DirektorInnen, SchulerhalterInnen und Lehrenden und ElternvertreterInnen gehalten. Diese Power Point (PPT) habe ich als „Faden“ durch die Ausführungen, Erzählungen und Aktionen verwendet.

Meine Kernanliegen ganz kurz zusammengefasst

Profil ist Sache aller handelnden Personen.
Die Körpersprache ist ganz mächtig und Papst Franziskus ein gutes „Anschauungsbeispiel“.
Transparenz, Offenheit und Augenhöhe sind zentrale Aspekte.
„Entlastung“, weil Leben nicht nur in den Medien stattfindet.
Unser Denken schafft unsere Realitäten. Glaube ist denken und handeln in Offenheit auf Gott hin.
JournalistInnen sind PartnerInnen und nicht Gegner.

Außerdem: Warum muss immer alles gelingen?
Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke.

Profil zeigen im Öffentlichen Raum (PPT)

Das zahlt dir doch keiner

Es ist schon finster. Am Heimweg liegt ein Mexikaner, der wunderbares Jambalaya kocht. Das schmeckt nicht nur gut, sondern lässt Erinnerungen an meinen New Orleans Aufenthalt im November 2011 aufkommen. Diese Erinnerungen sind immer noch nährend und lebendig vor mir. Noch dazu gibt es den ganz aktuellen Link auf die Philippinen und wie dort mit dem Desaster umgegangen wird. Ich sitze alleine und deshalb sind meine Ohren geöffnet. Ich habe es mir auferlegt, dass ich beim Essen esse. Das hält alle Sinne offen. Das Lokal war gut gefüllt und neben mir sitzen drei Damen, die mit selbstbewusster Stimme sprechen. Ich bin nicht mehr ganz bei mir, als eine der drei Frauen den Satz „Das zahlt dir doch keiner“ ausruft.

Die Ökonomie hat die Bildung im Griff

wingsDas Gespräch ging neben mir weiter und es viel immer schwerer, beim Essen zu bleiben. Es ging um Vermietungen und Wohnungsadaptierungen. Die Kosten dafür sollen voll auf den Mieter übergewälzt werden. Es war die Mutter, die die Tochter warnte, „nur ja nichts zu tun, was dir keiner mehr bezahlt“. Die Tochter hörte und war hörig. Die „beliefs“ für das harte Leben wurden gerade geschärft: Ganz gleich welche Kosten anfallen, immer den anderen zahlen lassen. Ich klinkte mich so gut es ging wieder aus. Nach der Bezahlung bekomme ich mit, dass sie beraten, wer die Rechnung nimmt „für die Finanzministerin“. Meine Gedanken waren aber schon weiter gegangen. „Das zahlt dir doch keiner“ hat ganz andere Kontexte gesucht. In der Pfarre habe ich das nie gehört. Beim Sportverein war das nie Thema. Und ich denke an die Lehrerinnen und Lehrer, die zum weitaus größten Teil (Wer ist 100%-ig?) diese Frage bisher auch nicht kannten. Da wird vorbereitet, das Wohnzimmer ausgelegt, die Familie zum Sammeln von Unterrichtsmaterial eingesetzt, mit dem privaten Handy telefoniert und das Auto wird selbstverständlich als Transportmittel verwendet. Der Sonntagsausflug geht dorthin, wo der Schulausflug hingehen wird. „Das zahlt dir doch keiner“ höre ich es wieder in der Auseinandersetzung der drei Frauen, die sich als Oma, Mutter und Tochter entpuppen und das Lokal verlassen. Das Lehrerdienstrecht steigt auf. Ich kenne es nicht im Detail, sondern aus der Sicht von Betroffenen. Bildung ist die Zukunft, höre ich es immer wieder. Ich bekomme im Büro mit, wie viele LehrerInnen in Ordensschulen jenseits von Bezahlung arbeiten. In den Medien höre ich nur monetäre Aspekte. Die Regierung, die Gewerkschaft und die Stundenanzahl sind die „Power-Wörter“, die vielen schon auf die Nerven gehen. Es geht ums Geld. Das ist die Körpersprache dieser Diskussion. Es geht ums Geld. Ich bin mir sicher, LehrerInnen werden das lernen: „Das zahlt dir doch keiner.“ Die SchülerInnen werden es spüren und die Eltern werden es ausbaden, dass die hohe Ökonomie die Ober-Bildungsministerin geworden ist. Ich muss es ein siebzehntes Mal betonen: „Die Flucht aus der Excel-Zelle muss gelingen„. Die Furche schreibt heute: „Das neue Lehrerdienstrecht setzt nahtlos die seit Jahrzehnten betriebene Demontage des Schulsystems fort und fügt sich bestens in ein gesamtgesellschaftliches Bild.“ (Seite 1). Im Standard von heute sitzt die Bildungssprecherin der Grünen twitternd im Parlament und erklärt im Interview ein paar Seiten weiter. „dass die Freiheit der Forschung längst verloren ist.“ An die Stelle Gottes ist getreten: „Das muss sich rechnen.“ Lenzing entlässt hunderte MitarbeiterInnen, weil der Gewinn geringer ist. Der Gewinn, wohlgemerkt. „Verzichten wir doch auf Kontrolle“ hängt im Büro hinter mir und es ist die Seite 14 aus dem Falter  45/13. Der Philosoph Martin Hartmann sagt auf die Frage: Macht Qualitätsmanagement stets besser?: „Nein“. Aber: Studien und Excel-Listen werden bezahlt. „Das zahlt dir doch keiner“ gilt hier nicht.

 

Wie wir bei Lamento gehalten werden

„Leben statt Lamento“ war ein Buch, das ich vor etwa 15 Jahren mit großem Gewinn gelesen habe. Da steht man um die 40 vor der allseits ausgerufenen und notwendigen „midlife crisis“ und das heißt landläufig: jammern, sudern, sich bedauern, in der Opfer-Kiste wühlen. Der Titel des Buches geht weiter: „Männer auf der Suche nach sich selbst“. Wolfgang Müller-Commichau ist der Autor. X-mal habe ich das Buch hergeborgt und das bringt es mit sich, dass es heute nicht mehr auffindbar ist. Entweder es tut irgendwo gute Dienste, was ich hoffe, oder es macht in einer Privatbibliothek 2 Zentimeter.

Lamento als Lebensgefühl

lamentoSo kann ich nicht mehr nachschlagen, sondern nur mehr in der Erinnerung an das Buch wühlen. Mitgenommen habe ich, dass Männer um die 40 sich ganz massiv hinterfragen. Das finde ich persönlich schon einen Gewinn. Andere wieder finden es zum Jammern, wenn wichtige Fragen auftauchen wie: War das alles? Was mache ich wirklich? Ist das das Leben? Geht das jetzt noch einmal so lange weiter wie bisher? Bin ich in der Beziehung eigentlich glücklich? Wo sind die Kinder hingekommen? Wo kommt dieses Wehwehchen her? Verdienen die anderen nicht viel mehr? Warum verliere ich neuerdings bei Tennis dauernd? Jetzt redet der Augenarzt von Gleitsichtbrille? Eben: Lamento ist angesagt. Das Leben ist mit den Jahren schwer geworden. Das wird angeblich dem 40-Jährigen so richtig bewusst. Es passt einfach nichts mehr so recht zusammen. Auch die Hose passt nicht mehr und der Atem ist nicht mehr als jugendlich einzustufen. Arm bin ich geworden, sagen viele. Eben: Lamento.

Leben und gestalten

Wenn ich heute in die Politik, in viele Institutionen und in die Kirche schaue, dann kommt mir vor, wie wenn sie gerade den 40-er feiern würden. Ich muss jetzt vorsichtig sein, denn die beschriebene Wirklichkeit ist der Ausdruck der Sichtweise des Betrachters. Ich bin keine 40 mehr und Lamento . Ich werde aber den Eindruck nicht los, dass wir in vielen Bereichen bei Lamento gehalten werden. Es darf keine Zufriedenheit aufkommen. Lamento statt leben ist die Devise. Der Mensch soll in seiner Unzufriedenheit als Konsument  brav weiterhecheln und nur ja nicht sagen: Leben statt Lamento. Die Werbung sagt mir täglich: Du hast noch weit nicht alles. Du brauchst aber alles. Ich gehe hier in Wien an den Geschäften vorbei, wo eine Handtasche 2.300.- EUR kostet und das Kleid im Schaufenster mit 3.100.- EUR angeschrieben steht. Wenn ich nicht wüsste, wozu Schaufenster gut sind, dann würde ich ins Lamento verfallen. So weiß ich. Leben statt Lamento. Im Schaukasten sehe ich das, was ich zum Leben nicht brauche. Zusammensitzen mit der ganzen Familie, die Urlaubsbilder anschauen, beim Heurigen einfach gemütlich und essen und trinken und dem einfachen Leben auf der Spur sein. Ich bin schon gespannt, was unser thematischer Schwerpunkt bei den Ordensgemeinschaften mit mir selber machen wird: viel. mehr. wesentlich. weniger. Das ergibt Kombinationsmöglichkeiten, die Lamento bewirken und andere, die Leben lassen. Vom Lamento zum Leben. Einfach so.
Übrigens: Das Buch kann ich auch heute noch weiterempfehlen an die 40-Jährigen.

 

 

Das ist alles recht fragil

Der Franziskaner Franz Lackner wurde vom Domkapitel zum Erzbischof von Salzburg gewählt. Das weiß Österreich seit gestern Abend von der Kronenzeitung. Woher die Kronenzeitung das weiß, weiß niemand außer die Kronenzeitung. Was sicher ist: Nuntius Zurbriggen hat dem Domkapitel in der Vorwoche bei der Bischofskonferenz das Kuvert übergeben. Erzbischof Kothgasser hat von der Annahme seines Rücktrittsgesuches absolut niemanden erzählt. Ob das Domkapitel am Sonntag gewählt hat, „bestätigt“ niemand. Ein befreundeter Journalist einer namhaften österreichischen Tageszeitung erzählt mir am Telefon, „dass absolut niemand abhebt“. Schweigen. Das findet statt, wenn ein „partizipativen Prozess“ (Wahl aus einer Dreierliste) auf einen „autokratischen Vorgang“ trifft. Das „Geheimnissvolle“ steht bei Medien ganz oben bis hin zur „Skurilität“.

Transparenz auf Augenhöhe

Christian Jungwirth, www.bigshot.at

Christian Jungwirth, www.bigshot.at

Der SN-Artikel „Analyse: Üble vatikanische Bürokratie“ ruft schon Widerspruch hervor. Die Medien, die nach dem Prinzip „News“ ticken, werden jetzt wieder die „Schuldigen“. Sobald etwas geheim gehalten werden muss, hat es den größten Drang in die Öffentlichkeit. „Sag es aber niemanden weiter“ ist quasi die Garantie, dass etwas weitergesagt wird. Nehmen wir hier auch kurz die Regierungsverhandlungen herein. Schweigen und seitenweise Berichte. Ich frage mich: Warum können die drei Kandidaten am Tag der Wahl nicht nach Salzburg kommen, damit sie befragt werden können, ob sie annehmen oder nicht. Dann wäre es ganz einfach, weil nach der Wahl das Ergebnis und der Kandidat sofort bekannt gegeben werden könnte. Vorher wird mit dem Nuntius telefoniert. So könnte die Transparenz auf Augenhöhe wirkliche Partizipation bei den KatholikInnenn auslösen. Aber: Eine ganze Diözese ist ohnmächtig, etwas versüßt durch die Möglichkeit der Wahl durch das Domkapitel. Aber was war das für eine Wahl? Krenn, Laun und Eder. Wir kennen das. Ich wünschte den Diözesen mehr von dem, was ich bei den Ordensgemeinschaften erlebe, wenn dort Leitungsverantwortung  gesucht und weitergegeben wird: Gewählt und gilt. Der jeweilige Bischof und Rom wird davon informiert. Ausnahmen bestätigen die Regel: die Jesuiten. Es ist zu wünschen, dass die „Geheimniskrämerei“ bald ein Ende hat, damit das Bischofsamt selber nicht zu viel darunter leidet. Bischof wird man für die Menschen und nicht für den Vatikan.

40 Milliarden gegen 70 Cent

1_IMG_6039Ganz ehrlich. Es ödet mich an. Nein, ich bin machtlos wütend. Der „gepröllte und fekterisierte Staat“ entdeckt ein Loch, ein unglaublich großes Loch. Obwohl: Wie groß ist das 40 Milliarden Euro Loch wirklich? Ich gehe heim. Die berührende Feier zur Pogromnacht vor 75 Jahren ist tief in mich eingedrungen. Sowohl Bischof Bünker als auch Präsidentin Mayrhofer haben klar gemacht: Hinschauen und Mund öffnen. Experten und es sind nur Experten treffen zusammen und stellen ein Loch fest. Da wurde mit mehr Geld in der Geldtasche gerechnet. Ich kenne das nicht, das ich Geld ausgebe, das ich nicht habe. Ich bin rückständig.

Ich brauche noch 70 Cent

IMG_60391_IMG_60391_IMG_6039Von der Ruprechtskirche herüber komme ich am Hohen Markt bei einem Würstelstand vorbei. Ein junger Mann fragt, ob ich ihm Geld gebe. Es fehlen ihm 70 Cent. Ich greife in meine Tasche und gebe ihm 1 Euro. Er ist zufrieden und geht festen Schrittes auf den Würstelstand zu. Er hat das Geld beisammen. Es fehlten 70 Cent und mit meinem Euro zeigt er sich sogar großzügig. Ich bleibe noch etwas stehen bei ihm. Die Arbeit ist ihm abhanden gekommen. Die Wohnung im 20.sten will er behalten. Hier im ersten Bezirk fällt beim „Schnorren“ mehr ab als sonstwo. Deshalb ist er hier. Das ist seine Erfahrung. Auf dem Weg hierher zu den Redemptoristen, wo ich ein Zimmer mit Klosteranschluß habe, denke ich: Er hat es verstanden. Es fehlt ihm Geld. Er geht in jene Gegend, wo Geld zu vermuten ist und er schlägt sich tapfer durch. Regierung aufgepasst. Lernt von diesem Menschen. Er ist ein echter und erfahrender Ökonom. Er hat zu wenig und er holt es dort, wo etwas zu holen ist. Beschämt bin ich, weil ich im ersten Bezirk wohne und eigentlich meine Geldtasche gar nicht hierher passt. Selbst Didi Mateschitz meint heute im Interview in jeder Regionalzeitung, dass die Besteuerung der Wohlhabenden gerechtfertigt ist. Ich habe zwar bisher in meinem Leben erst einmal bei einem Red Bull gekostet (ehrlich!), aber in zwei Punkten ist mir heute Didi Mateschitz sympatisch: Die, die haben, sollen geben. Und wer in den Wald geht und dort „werkt“, wird den Hausverstand nicht so schnell verlieren. Hausverstand? Der hat heute keinen Platz mehr. Wenn ich heute Milliarden höre, dann weiß ich, dass sie mich verarschen. Nicht nur mich. Ich schenke der Regierung ein neues Satzzeichen. Ich habe es auf dem Weg von Würzburg nach Wien in der Beilage der Süddeutschen entdeckt. Es ist das Satzzeichen der Ratlosigkeit. Wenn du nicht mehr weiter weißt, dann setze es.

 

Wiener Manifest als Basis eines Jetzt-Zugangs Richtung Zukunft

Schon über zwei Jahre gehe ich immer wieder über die Brücke hin zu den Ideen der „Kultur-Kreativen“, beschäftige mich mir „Commons“ und „Gemeingüter“, entdecke in meiner Arbeit mit und für die Ordensgemeinschaften eine gemeinsame Fließrichtung, woher sich alle diese „neuen Ideen“ für ein „neues Leben“ speisen. Ich weiß von immer mehr jungen Menschen von 20-35 Jahren, dass sie es satt haben, „den reinen ichbezogenen Individualismus noch weiter auf die Spitze zu treiben“. Das Ich sucht ein Wir. Sharing statt besitzen. Leben statt Karriere. Freiheit statt Excel-Zelle. Live-Musik statt Konserve. Slow Food statt irgendwas. Da-Sein statt im Ranking hängen. Das ließe sich ohne viel Einschränkung weiterführen.

Brückengespräche sind Synapsen

_kl_12Melk war ein wichtiges Ereignis. Da gibt es „Ordensgemeinschaften“ und dort die „Klöster der Zukunft“. Gemeinsam leben ist das Verbindende. Da ist die „Regel“ seit Jahrhunderten das tragende Element für Community-Building. Dort wird die Regel gemeinsam erfunden, gefunden, oft lange gesucht. Da ist Wissen da, das auf die Brücke gehört. Einander erzählen, was sich bewährt und woran man (fast) verzweifelt. So werden aus diesen Gesprächen Synapsen für „Zukunftswissen“.

Wiener Manifest als Erfahrungsperspektive und Handlungsoption

„Wir fühlen, dass von der Politik keine entscheidenden Impulse der Erneuerung mehr erwartet werden können. Von Lenin über Gandhi bis Mandela und Obama reichen die Versuche, charismatischer Hoffnungsträger eines Wandels zu sein, die stets im Pragmatismus des Machterhalts, der Sachzwänge und des Partikularen endeten. In immer größerem Umfang macht sich mittlerweile Politikmüdigkeit und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den politischen Eliten, ihren Absichten und Methoden breit.“ Das lesen wir gleich zu Beginn des 8-seitigen Manifestes in Punkt 3. Sichtweise und Erfahrungswelt. Dann setzen die Autoren, mit denen ich auch immer wieder in Kontakt bin, in Punkt 5 ihre Hoffnung gegenüber dem Glauben so in Szene: „Ein Glaube, der sich an den feierlich-sakralen Machtsymbolen vollkommener Unfehlbarkeit und Überlegenheit orientierte, soll sich wieder in eine praktische Haltung der Welt gegenüber verwandeln und darin wachsen, die Kirche wieder praktizierte Gemeinschaft mit den sozial Benachteiligten sein. Gerade im Streben nach dem scheinbar Unmöglichen, der Lösung sozialer Menschheitsfragen, soll die Kraft des Glaubens zur Geltung kommen.“ „Der Trias von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, die in einer ungeheuren selbstbezüglichen Spirale von Wachstumsnot und Problemverschiebung gefangen sind“, stellen sie eine neu Welt gegenüber. Der Punkt 25 nennt die Merkmale der neuen Kultur: „Merkmale dieser Kultur sind die positive Betonung von Diversität, von Heterogenität, die Bindung an Kulturräume, die absolute Respektierung der Freiheit des einzelnen Menschen, zwischen diesen Kulturräumen zu wechseln, die wechselseitige Inspiration und die immer wiederkehrende Reflexion zwischen eigener Kultur und den anderen Kulturen der Welt, in der das Eigene gerade nicht verloren geht, sondern sich weiter entwickelt.“

Es lohnt, das Manifest in aller Ruhe zu lesen und mit der eigenen Welt-Wahrnehmung und dem eigenen persönlichen Handlungs-Bild zu konfrontieren.
Ich empfinde diesen Brückenort wirklich spannend, ja zukunftsorientiert. Eine andere Welt ist möglich.

Wiener Manifest

 

Ein Friedhof ohne Einzelgräber in St. Gerold in Vorarlberg

Der Tag Allerseelen ist mir eigentlich lieber als Allerheiligen. Er ist frei von „Feierlichkeit“.  Die Seligpreisungen sind natürlich in Anbetracht der Heiligen, die in der Spur Jesu gelebt haben, eine der wesentlichsten Impulse für unsere Gesellschaft, wo alles auf Sieger, auf Goldmedaillen, auf Gewinn und Mehr ausgerichtet ist. Da gibt und gab es Menschen, die diese alternative und anders wertschätzende und wahrnehmende Spur Jesu voll aufgenommen haben. Die Heiligsprechungen sind mir dann aber doch wieder etwas aus der Spur gekommen, wenn sie wie in den letzten Jahren inflationär geworden sind. Allerseelen nimmt genau diesen „Stress“ heraus. Da wird unterschiedslos aller Menschen gedacht. Da ist selbst das Heiligen- und Seligen-Ranking ausgeschaltet. Der himmlische Hierarchie-Druck ist heraus. Es geht um die Vollendung aller Seelen, aller Lebensentwürfe und Lebensgeschichten. Dort in der Vollendung ist nicht Zeit, Raum und Hierarchie, wie wir sie uns vielleicht in der „Verlängerungsachse Welt Himmel“ vorstellen.

St. Gerold in Vorarlberg

Wäre Wien und Oberösterreich nicht so weit von Vorarlberg entfernt, hätte ich mich nochmals auf den Weg gemacht. Es ist etwa 20 Jahre her, dass ich mit meinen damaligen AusbildungskollegInnen im Rahmen unserer Österreichkonferenz in der Propstei St. Gerold im großen Walsertal war. Heute liest man auf der Website „Ort der Begegnung und Sinnfindung“. Pferdetherapie war damals schon etabliert und Künstler waren dort zu Hause. Die Patres von Einsiedeln sind 1947 wieder zurückgekehrt, nachdem sie in der NS-Zeit als unerwünschte Ausländer „abgeschoben“ wurden. 1958 kam Pater Nathanael Wirth nach St. Gerold und ihn haben wir eben vor etwa 20 Jahren getroffen. Er hat die Propstei „geöffnet“ und ins heute geführt.

Der beeindruckende Friedhof

Waldstimmung_11_2013Am meisten ist bei allen Schilderungen bis heute der Friedhof in Erinnerung geblieben. P. Nathanael hat einen radikalen theologischen Gedanken mit und zum Teil gegen die Menschen „durchgezogen“: Im Himmel sind wir alle gleich. Wir wissen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat. Es bleibt uns nur jene Liebe, die wir verschenkt haben. Mit der Geburt und der Taufe hat uns Gott „beim Namen gerufen“. Einzig der Name ist das Bleibende. Das hat P. Nathanael auch  am Friedhof „durchgezogen“. Es wurden alle Einzelgräber eingeebnet und jede und jeder bekommt an der Friedhofmauer ein Schild mit den Vornamen und dem Familiennamen. Das ist es. Der Anblick des Friedhofs ist mir bis heute als „starkes Bild“ eingeprägt. Die Friedhofmauer mit den Namensschildern, die schöne grüne Wiese und die Blumen in der Mitte der Wiese ohne individuelle Zuordnung. Das letzte Grab, das damals in den 60-er Jahren eingeebnet wurde, war das einer Priestermutter, weil der Sohn sich lange geweigert hat. Wir in Kirchschlag haben am Friedhof die Vorschrift, dass es nur Metallkreuze und keinen Stein geben darf. Das ist nicht einfach zu erklären, wo mir der Steinmetz vor längerer Zeit lange erklärt hat, „dass man mit Stein besser trauern kann“. St. Gerold ist hier ganz radikal: Es genügt der Name. Ein Namensschild unter allen. Du bist bei deinem Namen gerufen.  Allerseelen. Ein unglaublich starkes Zeichen, worauf es im Himmel und auf der Erde ankommt. Loslassen auf die Vollendung hin.

Wagenhofers Alphabet ein großes Plädoyer für mehr Freiraum und absichtlose Beziehung

alphabet_3alphabet_3alphabet_1alphabet_1alphabet_1alphabet_3In letzter Minute erreiche ich das Kino. Keiner mehr im Vorraum. Schon mehrmals wollte ich den Kinofilm von Erwin Wagenhofer „Alphabet“ anschauen. Im Innersten habe ich gespürt, dass das ein „Pflichtfilm“ ist. Die Auswahl der Plätze ist noch groß. Der kleine Kinosaal ist fast leer. Es erfasst mich eine gewisse Enttäuschung. Warum wollen so wenge diese befreienden Bilder und Botschaften sehen und hören. Da wird durch alle politischen Ebenen „die Bildung“ diskutiert und dieser Film wird ignoriert. Typisch Österreich, typisch Wien. Typisch. Ich nehme Platz und werde diese Geschichten, wie Bildung geht, entsteht, wächst und gedeiht in mich aufnehmen.

Freiheit und Beziehung

alphabet_2Alle Details kann und will ich hier nicht nacherzählen. Den Film „muss“ jede und jeder selber gesehen haben. Es hat mich jede Minute angesprochen. Die Grunderkenntnisse des Filmes haben mich gestärkt und ermutigt. Das kranke „Konkurrenzsystem“ im Bildungsbereich wird anschaulich dargestellt. Alternativen zum durch „Total-Ökonomisierung durchsetzen Bildungssystem“ werden ganz deutlich angesprochen und anhand von guten Beispielen erläutert. Die Quintessenz des Filmes lautet: Gebt den Kindern Freiraum und lasst sie in absichtsloser Beziehung in eurer Nähe aufwachsen. Lasst Vergleiche nicht aufkommen (Pisa), den jede und jeder ist in seinen Fähigkeiten einzigartig. Hört auf mit dem Vollstopfen mit Wissen und dem paramilitärischen Drill. Prof. Hüther kommt genauso zu Wort wie andere namhafte Menschen als „liebende ExpertInnen“. Ich gehe genährt aus dem Kino und am Heimweg springt mich in der unmittelbaren Nachbarschaft wieder ein Spruch auf einen T-Shirt an: „Ich möchte durchbrennen in meine Welt.“ Es trifft den Film: Lasst die Kinder und Jugend durchbrennen in ihre Welt. Hindert sie nicht daran. Das Kind will und wird blühen.

Film Alphabet

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