Fragmentarische Diagonale durch eine Woche

1_IMG_6601Montag und Freitag sind zwei Tage, die in gewisser Weise Anfang und Ende markieren. Für viele Menschen schwingt der Mensch ohne Arbeit in das Wochenende hinein. Arbeit, Aufgabe und Tätigkeit sind für mich auch dem lokalen Schwingen zwischen Wien und OÖ „ausgesetzt“. Im Zug merke ich immer, dass ich nicht der einzige bin, der mit einer Jahreskarte der ÖBB auf der Strecke zwischen Osten und Westen unterwegs ist. Ein Rundgang in der Mühlviertler Luft lässt mich Abstand gewinnen zum „Wiener Arbeitsalltag“. Drüber schauen geht auch auf 900 m und braucht keinen ausgesprochenen Gipfel. Aber ganz ehrlich: Die Tourenschier jammern zurecht über ihre Nichtverwendung. Meine Seele versteht das und wird sich beim nächsten Schneefall direttisima mit den Schiern solidarisieren. „Auf geht’s“, heißt es dann.

Übersicht und Einblick

2_IMG_6589„Auf geht’s“ – hat es auch gleich am Montag geheißen.  Noch besser: Damit es am Montag gleich losgehen konnte, habe ich am Sonntag nach Wien gewechselt. Im Rückblick auf diese vergangene Woche stelle ich fest, dass es wunderbare Aufgaben und gleichzeitig verschiedenste Themen waren, die mich beschäftigt, beflügelt, getrieben oder mir entgegengekommen sind. Die Diagonale durch die Woche macht mir alles das wieder bewusst. Neugierig? Dann gehe ich der Diagonale entlang. Das Quo Vadis hat einen neuen Leiter und mit Peter habe ich die Zukunft in den Blick genommen. DIE_9 ist die Bezeichnung, die mir eingefallen ist für unseren Büro-Joure-Fixe. Das professionelle CRM-Datenbankprojekt braucht nach dem OE-Prozess Konkretisierung. Ein interner Workshop bringt uns strukturiert weiter. Mein neuer Kollege Robert findet sich ein und gestaltet diese Woche die Website. Die SUMMA 2013 wird gerade inhaltlich finalisiert. Es zwingt mich, das Jahr 2013 im großen Bogen zu betrachten. Alle dürfen  sich freuen, vor allem alle ReligionslehrerInnen in Österreich werden diese erstmaligen „Übersichten und Einblicke“ bekommen. Im finanziell bedrohten Otto Mauer Zentrum höre und begegne Helmut Schüller zu den „erwachenenden Pfarren“. Der Begriff „Ungehorsam“ ist nie gefallen. Finde ich interessant. Dafür war viel die Rede von „aufstehenden und als Subjekt in die Zukunft gehende Pfarrgemeinschaften“. Ich spüre ein Stück OÖ in Wien.

unkonventionell – humorvoll – lebensnah

3_IMG_6614Im Presseclub Concordia wird die Unterstützung für den grundlos abgesetzten Erzbischof Bezak in der Slowakei organisiert. Er ist Redemptoristen-Bischof und deshalb höre ich beim Frühstück mit den „Mitbrüdern“ von Maria am Gestaade, wo ich wohne, immer den aktuellsten Stand. Die Absetzung trifft mich natürlich irgendwie persönlich. Deshalb schätze ich das Buch von Sr. Melanie Wolfers „Die Kraft der Vergebung“ besonders und gehe zum Gespräch im „Zeit-Raum“ von Johannes Kaup in das Funkhaus. Mit Rotraud Perner spreche ich nachher über unseren kommenden thematischen Schwerpunkt. In fast „unbekannter Runde“ sitze ich nachher in einem typischen Wiener Beisl im 3. und stelle fest: Wunderbare Menschen sind da unterwegs. Davor bespreche ich noch mit der Provinzoberin Brigitte Thalhammer den Medienempfang am 19. Feber in Wien, wo Medienschaffende auch Novizinnen treffen werden können. 900 Jahre Stift Klosterneuburg lassen mich zur U4 und die S-Bahn aufbrechen. Großes Medienecho bei der Pressekonferenz und das Podiumsgespräch über die Bedeutung der Orden und Stifte habe ich gerade fertig gestellt. Das Büro verlasse ich, nachdem ich mit dem Generalsekretär P. Erhard Rauch „Gott, die Welt und Kirche“ in einer wunderbar offenen Atmosphäre durchgekaut habe. Mitten drinnen kommt der 4_IMG_6595Anruf, dass David Boshart Zeit hat zum Ordenstag 2014 zu kommen. Die Diagonale in Wien neigt sich und um 15.37 Uhr steige ich verspätet  in den RJ, der eigentlich um 15.30 abfahren sollte. Ich denke mir: Glückskind. Und es geht nach OÖ. Hier neigt sich die Diagonale weiter und mir ist bewusst: Es ist weit nicht alles, was die Woche „gebracht hat“. Auf Facebook taucht gerade auf, dass die Don Bosco Schwestern Österreich und Deutschland in einer Provinz vereinen. Neue Leiterin und neue Provinzstruktur. Eine Meldung, weil Personalia alle interessieren.
Was ich an meinen Wochen, Themen und Personen so schätze: Freiraum, Mut, Atmen, Neugierde, Wollen. Alfred Komarek hat heute die Ordensleute der Zukunft so charakterisiert: unkonventionell – humorvoll – lebensnah.
Stimmt.
Danke.

1914 – 2014 und der Karnische Höhenweg als Bedenkpfad

GrabenWir sind um vier Jahre zu früh aufgebrochen. 2010 haben wir bei unserem alljährlichen Berggehen den Karnischen Höhenweg begangen. Wir hätten 2014 gehen sollen. Die Wahrnehmung wäre nochmals intensiver gewesen als sie ohnehin war. Mein damaliger Blog-Eintrag zum Weg hat einen Kommentar-Eintrag zur Folge gehabt, der mich heute mehr als damals zum Denken und Erinnern anregt. „Ihr Bericht hat mir sehr gefallen. Erinnerte er mich doch an Erzählungen meines Vaters, der im 1WK als KuK Gebirgsjäger in diesem Bereich jahrelang bei Eis, Schnee und Hitze mit dem Überleben zu kämpfen hatte. Wenn es die Zeit und Gesundheit erlaubt, werde ich auch mal ein wenig diese Erinnerungen erleben. Machen sie weiter so. In Dankbarkeit Richter

Die Natur und die Schützengräben

Graben_GruppeFast ein wenig „unvorbereitet“ sind uns damals die Reste der Kämpfe im 1. Weltkrieg am Weg entgegengekommen. Als wir dann erstmals einem langen noch gut erhalten Schützengraben entlang gingen, war die Aufmerksamkeit der damaligen Zeit und der Ereignisse an der Grenze von Italien und Österreich ständiger Begleiter. Auch wenn uns die Natur mit ihrer unglaublichen Schönheit immer wieder abgelenkt hat, so sind uns die stummen und doch recht klar sprechenden Zeugen der Menschen verachtenden Auseinandersetzungen  „angesprungen“. Da ein kleiner Tunnel, dort eine Abwehrplattform, hier ein ganz alter verteidigter Grenzstein, ein breiter Weg für Pferde, der geschwärzte Felsen oder eingemeißelte Zeichen. Wir sind fröhlich unterwegs gewesen an diesem geschichtsträchtigen Höhenweg. Manchmal eine Anmerkung, ein Innehalten oder ein stummes verwundertes Staunen. Hie und hat einer gemeint: „Unglaublich.“

Lawinen gegen Menschen

BunkerIm Lesachtal haben wir noch einige Tage „angehängt“. Wenn wir Leute auf unsere Beobachtungen „am Weg oben“ angesprochen haben, dann war in den Gesichtern eine „Betroffenheit“ zu sehen und zu spüren. Eine ältere Frau erklärte uns damals: „Die in Wien haben unsere jungen Männer einfach als Kanonen- und Lawinenfutter auf den Berg befohlen. Das ist gar nicht anders als heute, wo so viele Menschen nicht als Menschen behandelt werden.“ Ihre Familie wurde aufgrund der Ereignisse und Kämpfe „da oben“ fast ausgerottet. Die ortskundige Bergbevölkerung wurde als „Sklaven-Material“ eingesetzt oder „befohlen“. Ein anderer meinte: „Die da oben (in Wien) waren nie da oben (am Berg). Es ist aber heute noch genauso auf der Welt. Menschen werden wie Material und Sklaven behandelt.“ Mir fallen heute alle Initiativen und Bemühungen ein, den Menschenhandel einzudämmen. Sr. Beatrix Mayrhofer und viel Ordensfrauen stehen an dieser „Front“ mitten in Wien. Auf einer Hütte fanden wir ein Buch mit Bildern aus dem Krieg. Bis ins Detail wurde beschrieben und gezeigt, wie eine „Lawine als Waffe“ eingesetzt wurde und über 100 junge Männer in den Tod gerissen hat.

Zeit des Wandels

HöhleDas Gedenkjahr 1914 – 2014 wird in vielen Medien begangen. Es ist eine Rückschau, die den Krieg in seiner grauslichen Dimension zeigt und Menschen, „die damals nicht gegen den Krieg aufgestanden sind.“ Es war eine Zeit des Wandels. Ich bin kein Historiker, aber der Eindruck ist ganz offensichtlich: Der Wandel wurde nicht aufgenommen, sondern das Alte mit den alten (kriegerischen) Methoden verteidigt. So geht es mir heute mit Lampedusa. Der Papst hat den Wandel gespürt und als erste Reise wollte er sagen: Europa, stellt euch bitte menschenfreundlich dieser Herausforderung. Gemeinsam. Bisher sind die Mauern hoch. Die Lawinen sind heute das Meer. Heute hat der Papst den Ordensleuten, allen ChristInnen und im Grunde allen Menschen ganz klar gesagt: „Große Veränderungen haben sich in der Geschichte immer verwirklicht, wenn die Realität nicht vom Zentrum, sondern von Peripherie aus betrachtet wurde.“ Der Karnische Höhenweg mit seiner Geschichte und den Menschen damals wie heute ist Peripherie. Mögen sich 2014 nicht die Zentren der Macht in Erinnerung beweihräuchern, sondern wirklich die Perspektive der Peripherie einnehmen. Nicht nur die von 1914, sondern vor allem die aktuellen: 2014. Der Wandel vollzieht sich heute wie damals immer öfter auf Kosten der Menschen an der Peripherie.

Dann stirbt er und hat nie wirklich gelebt

Jahreswechsel. Innehalten. Sich dem Leben öffnen und ihm entgegengehen, dem Leben. Tief hineinhören. Dem Eigenen Platz geben. Sich selbst als den anderen lieben und annehmen. Das Einfache suchen und schätzen. Die Neugierde pflegen. Die Gottsuche als Ausdruck des persönlichen Glaubens entdecken. Das Leben in Bildern der Bewegung entwerfen. Stille und laute Sehnsüchte zur Quelle der Dankbarkeit führen. Wesentlich statt mehr und weniger statt viel. Mehr zuhören und die Hand leihen. Gott im Fremden vermuten. Jetzt.

Der Dalai Lama soll auf die Frage, was ihn bei genauerer Betrachtung des „entwickelten Teils der Erde“  am meisten überrascht, gemeinst haben:

SchifahrerDer Mensch,
denn er opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen.
Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wiederzuerlangen.
Und dann ist er so ängstlich wegen der Zukunft, dass er die Gegenwart nicht genießt.
Das Resultat ist, dass er nicht in der Gegenwart lebt.
Er lebt, als würde er nie sterben,
und dann stirbt er und hat nie wirklich gelebt.

Ein gesegnetes, gelassenes, sinnerfülltes, heiteres 2014.
Seid behütet !

Mein 2013 gehört nicht ins Klo

haderer_kloHaderer zaubert mit seinen Satire-Seiten in den OÖNachrichten immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht oder tiefe Falten auf die Stirn. Falten, die vom Ärger oder tiefen Nachdenken kommen. Heute bin ich mir nicht sicher, ob es ein Schmunzeln wird oder ob Falten angesagt sind. Beides. Die Falten auf der Stirn rühren vom Nachdenken, nicht vom Ärger.

Ein Jahr vergeht

Es mutet schon etwas eigenartig an, wenn ein Mensch sein 2013 einfach durch das Klo hinunterspülen muss. Was sieht dieser Mensch im Rückspiegel auf das Jahr 2013, dass er es über die Kanalisation entsorgen möchte? Ist es der globale Blick auf die Vorgänge in unserer Gesellschaft und Politik, dann fänden wir wahrscheinlich viele Gründe, die einem dieses Jahr vergessen lassen wollen. Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi. Auch das Jahr 2013 lässt sich nicht ausradieren, wegspülen ins Nirwana der unterirdischen Rohre. Es kommt immer wieder zurück wie uns auch die neue Regierung wieder aufstoßen wird. Selbst in der Kirche glaubte man, Franziskus habe endlich die starre Kurie mit ihrem globalen Herrschaftsanspruch über das Gewissen und die Entscheidung des einzelnen Katholiken überwunden, hinuntergespült. Die Kurie klebt fest und lässt sich nicht bewegen. Gerhard Müller heißt der Glaubenspräfekt und er klebt wöchentlich die alte Kirche fest an der Klomuschel an. Da kann noch so viel frisches Wasser daherkommen. Macht pickt. Seine gestern getätigten Einschätzungen zu wichtigen Themen der römischen Kirche wie Regionalisierung oder Geschiedene lässt vermuten, dass eher der Neue hinuntergespült wird.

Movement lässt vergehen

KlammDas Jahr vergeht. Es geht zu Ende. Mein Stichwort ist das Gehen. Das Bild vom WC als Jahresrückblick taugt (mir) nicht. Ich schlage daher das Bild vom Gehen vor. Bewegung lässt ganz andere Freiheit im Umgang mit Vergangenheit, Jetzt und Zukunft aufkommen. Wer sich bewegt, lebt sicherlich nicht eindimensional im Gegensatz zu dem, der sitzt. Wer sitzt, bekommt sicher das Gefühl, er muss einmal etwas „hinunterspülen“. Wer geht, für den „vergehen“ Dinge und Erfahrungen. Es tun sich neue Gegenden auf. Oft ungeahnt wunderbar. Was bleibt, bleibt hinten. Wer – so wie ich – Lust hat, Neues und Unbekanntes zu entdecken, der ist sicherlich auch schon einmal verletzt aus widerlichem Gestrüpp aufgetaucht. Auch wenn die Kratzwunden ab jetzt mitgehen, so bleibt das Gestrüpp hinten. Es darf weiter sein, ohne dass ich im Gestrüpp hängen bleibe. Schon gar nicht sitzen und zu jammern beginne. Ich muss gehen (nicht rennen oder laufen) und mich bewegen. So kann 2013 auch stehen bleiben. Gab es unwirtliche Abschnitte und Gegenden, dann liegen sie hinten. Ich muss nichts wegspülen, verdrängen oder gar zerschlagen. Der Regierung können wir Mut machen, endlich diese unwirtlichen Gegenden der reinen Macht zu verlassen.

Gehen wir

papstfranziskusDie Kirche und da vor allem die Kurie und die Bischöfe könnten sich doch endlich mit (Papst) Franziskus auf den Weg machen. Ich ermutige sie: Tauscht die Muffigkeit der „Betonbunker der Macht“ mit dem schweren Atem der Rechtlosen, der Ärmsten, der Flüchtlinge, der modernen Wirtschaftssklaven. Ihr werdet den solidarischen Atem spüren im Gegensatz um egoistischen Macht-Hächeln. Jesus hat sich täglich auf den Weg gemacht dorthin, wohin niemand gegangen ist, wo ausgegrenzt, wo der Mensch zum Gebrauchsgegenstand degradiert wurde oder als Tragesel für „schwere Frömmigkeitskonstrukte“ herhalten sollte. Er hat aufgerichtet und befreit. Jede Liturgie sollte aufrichten. Deshalb ist das gehende Beten, das Pilgern so anziehend. Die Sitzbänke sind oft leer.  Der Bischof von Rom Franziskus redet praktisch täglich vom Aufbruch und er lebt ihn persönlich. Schade ist nur, dass sich rund um ihn und auf der Bischofsebene niemand erhebt und ermutigend sagt: Kommt, gehen wir mit ihm. Lassen wir die alten Jahre hinter uns. Was hinter uns liegt, wissen wir. Was vor uns liegt, erahnen und erhoffen wir. Gehen wir an. Angst? Sie vergeht im Gehen. Gehen wir.

Pilgern kann die Seele heilen

vo_1In der Weihnachtspost war heuer ein Brief, der die „Geda(e)nken“ enthielt. Das ist der Rundbrief für trauernde Eltern. Darin fand ich auf Seite 7 den Erfahrungsbericht von Uli, die mit uns 23 im Oktober von Waldsassen bis ins Kloster Volkenroda mit gepilgert ist. Sie hat 2009 ihren 20-jährigen Sohn durch einen Bergunfall verloren. Sie ist immer noch tief erschüttert, wenn sie an ihren Sohn denkt. Ihre Erfahrungen mit uns auf der Via Porta hat sie anderen trauernden Eltern und Geschwistern im Nachhinein so geschildert.

Meine Pilgerwanderung

„Ich bin bereits über eine Woche wieder daheim und habe ganz schon mit der Umstellung vom Wandern auf meinen Alltag gekämpft. Wir waren 23 Teilnehmerinnen, davon zwei Ehepaare. Ich habe bezüglich Teilnehmer und Gemeinschaft keinerlei Erwartungen gehabt, habe mir immer gedacht, schlimmer als die Erfahrungen nach dem Tod meines Sohnes kann es nicht werden. Dass die Gemeinschaft dann aber so schön werden würde, habe ich nicht zu hoffen gewagt.  Es war eine gegenseitige Fürsorge und Anteilnahme vorhanden, die ich so nicht nie erlebt habe.

vo_2vo_2vo_21vo_7Wahrscheinlich pilgern nur Menschen mit bestimmten Einstellungen und irgendwie wurde mir dann währender der Woche auch bewusst, dass jede und jeder von uns einen mehr oder weniger großen „Rucksack“ zu tragen hat. Schön war für mich auch, dass unser verstorbener Sohn von  Anfang an mitgehen durfte. Ich habe mich sozusagen gleich „geoutet“, dass ich meinen Sohn verloren habe und dies der Grund ist, warum ich an diesem Weitwandern teilnehme. Und er war die ganze Woche „da“, indem ich von ihm erzählte, wo sie andere Mütter von ihren noch lebenden Kindern erzählen. Das war ein Geschenk für mich und hat mich tief bewegt, immer wieder.

Ja, und das Gehen war genau so wie ich es mir in diesem Fall wirklich erhofft hatte!!! Ich war  seit Jahren nicht mehr so unbeschwert und einfach nur da!! Oft sind mir unserm Gehen die Tränen gekommen, einfach aus Freude und Dankbarkeit, dass ich es erleben darf. 

vo_4Meine Beziehung zu Gott hatte durch den Tod von Hansi sehr gelitten. Ich war zutiefst verletzt. Beim Gehen sind mit die Glaubenslieder eingefallen. Ein Stück weit hatte ich das Gefühl, Gott ist mir bei diesem Wandern entgegengekommen, um sich mit mir zu versöhnen…..

Am letzten Tag dann im Kloster Volkenroda gab es einen evangelischen Gottesdienst, begleitet von einem Gospelchor, der sehr schön gesungen hat. Ich saß wieder einmal unter Tränen in der Kirche und dachte mir: Die Zeit der Trauer ist vorbei, es beginnt Neues, ich weiß zwar nicht was, ich weiß aber, es kommt etwas. Diese leidvolle Erfahrung war nicht umsonst.

Naja, jetzt bin ich wieder daheim, der erste Tag war wie ein Schock, alles war wieder da, der Schmerz, die Einsamkeit, die Depression. Ja, ich habe mich wieder umgestellt und ich doch trage ich in meinem Herzen diese Erkenntnis oder „Vision“:

„Es wird Neues beginnen….“

vo_8vo_8In Volkenroda steht eine 1000-jährige Eiche, der bei einem Sturm ein großer Ast abgebrochen ist. An dieser Stelle hat sie neu ausgetrieben, sodass die Krone neu gebildet wurde – ein Sinnbild für unseren Schmerz. Auch uns ist ein großer Teil unseres Herzens herausgerissen worden. Darf so etwas Neues wachsen, was so gar nicht gewachsen wäre??? Uli“

Menschen gehen nicht hinauf zu den Palästen, sondern hinaus in den Stall. In der Krippe wächst uns von Gott her Neues entgegen, in Jesus. Pilgern wir gemeinsam dorthin, mit unserem Leben, den Rucksäcken und Luftballonen. Gesegnete Weihnachten 2013 allen!

 

 

Die katholische Waage

1IMG_6541Für das nächste ON habe ich ein „wachgerüttelt“ geschrieben, das mir am Weg nach Weihnachten immer wieder nachgeht. Papst Franziskus wird in diesen Tagen von allen Medien in seinem Bemühen, der Kirche ein leichteres und aufrichtiges Gesicht zu geben, gewürdigt. Es gibt so viele klare Aussagen, Gesten und Handlungen von ihm, die von einer großen Warmherzigkeit geprägt sind. Das wärmt auch mein Herz. Aufbrechen, heraus aus der Enge und Schwere kirchlicher Normen. Es geht um das Aufrichten von Menschen hin zu einem Leben in Fülle. Aufrichtigkeit, Aufgerichtetheit macht die Seele frei, offen für Gottes Ankommen bei uns.

Was spüren wir?

„Ich habe die katholische Waage erfunden“, scherzt der Markenspezialist Franz Hirschmugl recht ernsthaft bei unserem abendlichen Gespräch, das wir im Zuge des Markenprozesses der Ordensspitäler bis spät abends geführt haben. Marke ist ein Bauchgefühl. Das ist bei mir hängen geblieben. Und Bauchgefühl hat sehr viel mit Emotionen, Erfahrungen und Sinnen zu tun. Da ist der Kopf und das Rationale, das rein Argumentative chancenlos. Dann fragt er mich ganz direkt: „Wie fühlt sich katholisch für dich an? Ist es schwer oder leicht?“ Die Antwort ist gar nicht so eindeutig. Da ist manches, das schwer wiegt, und anderes, das leicht, freudig und erhebend ist. Ich erzähle ihm vom Fresko in der Basilika von Assisi, wo der Gehorsam dargestellt ist. Franziskus steht aufrecht da bekommt das „Joch“ auf die Schultern gelegt. „Mein Joch ist leicht.“ Stimmt. „Und warum sind dann in den kirchlichen Einrichtungen so viele Dinge so schwer?“, fragt der Markenspezialist weiter. Für ihn ist klar: Wollen die Orden die Menschen positiv ansprechen, dann muss die Waage auf „leicht“ ausschlagen, erhebend sein. Mir kommt Prof. Joachim Sander im Stift St. Florian in den Sinn: „Reden wir von Religion, dann spüren die Menschen die Machtfrage. Reden wir von Glaube, dann besetzt die Wahrheitsfrage das Bauchgefühl. Reden wir von Spiritualität, spüren die Menschen heute Freiheit.“ „Freiraum für Gott und die Welt“ – was sagt die Waage?

 

Der 25.Dezember ist ein normaler Schultag

Es ist immer ein bewegender Moment, wenn Sr. Kunigunde Fürst ein paar Zeilen aus der Steppe Kasachstans Richtung Österreich richtet. Heute hat sie via Email mit uns Kontakt aufgenommen. Ich denke: Die Welt darf es wissen, was sie geschrieben hat:

„Liebe alle aus dem/im Ordensbüro in Wien,

Kunigunde_Hofstätteraus der winterlichen Steppe einen herzlichen Weihnachtsgruß: dass Gottes Erniedrigung oder vielmehr Vermenschlichung in den Orden Spuren zieht und Euch selbst ermutigt zu immer wieder neuen Aufbrüchen.
Es ist ja wahrhaftig vieles in Bewegung. Die Gesichter wechseln, die Notwendigkeiten des Alltags bekommen neue Bearbeiter/innen und damit andere Umgangsweisen. Das ist nicht immer leicht, aber meist fruchtbar. Ordensleben will ja in seiner Grundgestalt Bewegung sein, wie dies an Weihnachten erlebbar ist. Unter diesem Aspekt bekommen die Geschichten einen eigenen Reiz!

Wir sind hier in eine Winterlandschaft eingebettet, nicht eingeschneit. Dazu ist zu wenig Schnee, aber viel Wind und damit auch viele Verwehungen. Mond und Sonne geben einander die Hand, wenn der Morgen um 9 Uhr anbricht. Es gibt keine Flitterwerk noch weihnachtliche Musik, wenn es gut geht eine Netz- Verbindung nach außen- —

Die Schule endet mit dem 2.Quartal am 27.12., vorher Kontrollarbeiten verpflichtend. Der 25.12. ist ein normaler Schultag, der nur uns zwei Schwestern als freier Tag geschenkt wird. Wir feiern den Festgottesdienst am Abend um 18 Uhr mit einem Weihnachtsspiel der Kinder in der Kirche. Heuer sind erstmals keine Kasachenkinder dabei. Anfang einer neuen Ära? Wir wissen es nicht.

DER Feiertag hier ist NEUJAHR (nowi god) mit einer Art Weihnachtsmann/Väterchen Frost und einer Art Christkind/Schneemädchen.
Für das NEUE JAHR wünsche ich Euch mit allem, was es bringen mag, den Segen Gottes: dass wir als missionarische Kirche leben.
Mit großer Dankbarkeit für alles durch Euch Erfahrene,
Eure Sr.Kunigunde“

Danke für dieses Zeugnis. Wo andere sich in diesem Alter längst zur Ruhe gesetzt haben, ist Sr. Kunigunde in die unwirtliche Fremde aufgebrochen. Sie war die Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden in Österreich und hat hier viel in Bewegung gebracht. Als Generaloberin der Franziskanerinnen in Vöcklabruck war sie eine umtriebige Spurensucherin und Schienenlegerin für die Zukunft. Gott wird Mensch, in und mit uns. Danke, Sr. Kunigunde!

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Wohin fällt das Christkind ?

Drei Kerzen brennen. Gaudete. Morgen wir die alte Koalition neu angelobt. Einige neue Gesichter tummeln sich ab Dienstag auf der Regierungsbank. Beliebte Gesichter wie das von Minister Töchterle und bekannte wie das von Minister Fekter sind im Plenum zu finden. Eine Familien- und Jugendministerin wird stündlich auf Knopfdruck sagen können, was die Familien und die Jugend denken. Das ist neu, das Ministerium. Dafür ist die Wissenschaft endgültig unter das Kathedral-Dach der Wirtschaft gezogen (worden). Ein Freud’scher Versprecher: Die Wirtschaft ist frei.  Das Hochamt der elitären Ökonomie kann weiter zelebriert werden. Der Kardinal selbst hat den Segen gegeben und die Bevölkerung aufgerufen, das Hauptzelebranten-Bashing zu beenden. Die Medien bis hin zum Boulevard werden bald wieder als Chor einstimmen, wenn aus der Politik-Sakristei wieder die nötigen „Unterlagen“ kommen. Drei Kerzen brennen. Wohin fällt das Christkind?

Die Menschen warten

2Wer in Wien am Hohen Markt seine Schritte etwas einbremst, zufällig zur vollen Stunde unterwegs ist, wird eine Menschentraube warten sehen. Ihr Blick ist gebannt auf die Ankeruhr gerichtet. Heute um 17 Uhr war es so. 12 Figuren werden heute bei adventlicher und weihnachtlicher Musik „herumgereicht“. Die Touristen sind begeistert. Die Fotoapparate tun in der eingebrochenen Dunkelheit ihr bestes. Minuten später löst sich die Traube auf. Das Spektakel ist wieder für eine Stunde vorbei. Ich denke, während ich andächtig nach oben schaue, an die neue Regierung, die seit gestern bis übermorgen auch fast stündlich herumgereicht wird. Man sieht sie und schaut wieder weg. Jede und jeder geht seine und ihre Wege. Ich frage ein jüngeres Paar, mit dem ich ins Gespräch komme: „Und, gehen sie diese Woche demonstrieren?“. Beide: „Wieso?“ Ich sage einfach ein paar Stichworte: Wissenschaftsministerium, Lehrerdienstrecht, Gehaltsabschlüsse. Er: „Bringt eh  nichts, die tun eh was sie wollen.“ Sie: „Höre ich zum ersten Mal.“ Drei Kerzen brennen. Wohin fällt das Christkind?

Haben und nicht geben ist Diebstahl

11Es überfällt mich Nachdenklichkeit. Diese trage ich auf einen kleinen Espresso. Den stört ein Augustin-Verkäufer, den Espresso. Ich kaufe  die Lektüre. Es ist Zeit zum Blättern und Lesen.  Die Themen und Sichtweisen der Obdachlosen begleiten mich seit meinem Zivildienst 1982. Seit ich in meiner „Klosterzelle“ im ersten Bezirk in Wien lebe, begegnet mir täglich das unglauchliche „Haben“ einer reichen Elite, wenn ich durch den Bezirk gehe. Am „Golden Quarter“ gehe ich jeden Tag am Weg ins Büro vorbei und ich frage mich: Wer kauft dieses Täschchen um 4.400.- EUR. Auf der anderen Seite ist eine riesige Baustelle, am Hof. In Schlange stehen die Arbeiter vor allem am Montag früh. Security überall. Ich wage niemand zu fragen, welcher Stundenlohn bezahlt wird. Im Augustin ist ein Zitat von Ebner-Eschenbach, das mir ins Auge sticht: „Haben und nicht geben ist in manchen Fällen ähnlich schlimm wie stehlen.“ Drei Kerzen brennen. Wohin fällt das Christkind?

Der Papst ist ein Marxist

1532Die sehr klare und fundierte Kapitalismus-Kritik (Dieses System tötet Menschen) des Papstes ging durch die Welt. Natürlich auch durch die amerikanische. Dort hat sich der Papst in der Tea Party Bewegung damit echte Feinde gemacht. Sie beschimpfen ihn als Marxisten. In seinem heutigen Interview in La Stampa legt er weiter nach und schämt sich dessen nicht. Unglaublich. Die Theologie der Befreiung in Südamerika wurde von den Päpsten davor (Woytila, Ratzinger) mit dem „Marxismus-Verdacht“ besiegelt und „ausgelöscht“. Heute erkennt ein Papst die strukturelle Sünde und will sie in Gesellschaft und Kirche überwinden helfen. In dem lesenswerten Buch von Magdalena Holztrattner „Innovation Armut“ beschreibt Bernd Hagenkord von Radio Vatikan seine Erfahrungen mit Franziskus, dem Bischof von Rom und findet zwei Worte, Haltungen, Perspektiven, um ihn zu verstehen, zugänglich zu machen: Einfachheit und Zeugnis geben. Dieser Papst „ist“ das. Er tut das nicht in Funktion, sondern als Mensch in dieser Funktion. Er wirft seine ganze Autorität in die „Schlacht“. Ja, manche sagen Krieg. Es geht um die Zukunft aller Menschen auf diesem Planeten. Die Krippe soll nicht draußen stehen, sondern jeder Mensch soll menschenwürdig leben können, heute. Drei Kerzen brennen. Wohin fällt das Christkind?