Rückzug aus der Zukunft oder Aufbruch dorthin

Blog_3Der Saal in St. Klara in Vöcklabruck ist dicht gefüllt. Annähernd 100 Höhere Oberinnen der Frauenorden in Österreich haben sich zu ihrer Jahrestagung 2014 versammelt. Ich darf als „Mitbruder“ diese 2 1/2 Tage dabei sein. Ich spüre Wohlwollen und großes Vertrauen. Innerlich kommt große Dankbarkeit auf, dass ich miterleben darf, wie Gemeinschaften ihren Weg im Heute suchen, gestalten, anpassen und sich querlegen wollen zum Mainstream der Gesellschaft. Die Gesprächsbasis erlebe ich als offen, engagiert, hinhörend und empathisch. Ich weiß ja nicht, welche Bilder in den Köpfen der meisten Menschen auftauchen, wenn sie „Schwestern“ oder „Ordensfrauen“ hören. Ich sehe: Es ist ein ganz offenes Wort, auf Augenhöhe miteinander, es wird gesungen, gelacht und es tritt Stille ein. Ein tiefes verbindendes spirituelles Band sehe ich immer wieder vor meinem Auge. Ich weiß und spüre es: ich bin privilegiert, dass ich da sein darf.

Altersgemäß leben in Gemeinschaft

Blog_1Ich erinnere mich an einen Benediktiner, der gemeint hat, dass der Vergleich mit „Früher“ nicht zielführend ist. Diese vergleichende Schauen zieht hinunter, weil wir zu wenig weit zurückschauen. Es gab einen „Peak“ an Ordenseintritten in den 50er und 60er Jahren und dem „trauern“ wir nach. Außerdem: Wann wird es wieder so, wie es nie war. Die Folge sind auch heute viele ältere Ordensfrauen und -männer in den Gemeinschaften. Wie in der Gesellschaft allgemein spielt das Alter eine dominierende Rolle. Hier spüre ich, dass diese alten Mitschwestern nicht abgeschoben werden sollen und doch eine Balance gefunden werden muss zusammen mit den wenigen Jungen. Die Jungen sind wenige und deshalb in der Minderheit. Wie in der Gesellschaft allgemein. Ich erinnere mich als Nikolaus an eine Familie, wo ein Kind und 11 Erwachsene im Raum waren. Ich wollte als Nikolaus dem Kind beistehen, damit es nicht von den „erwachsenen Erwartungen und Projektionen“ erdrückt wird. Hier stellt man sich der Herausforderung. Altersgemäß leben und in Gemeinschaft bleiben. Freiräume für die Jungen schaffen. Individualität positiv sehen und Beziehungen und Lebensumfeld der Jungen nicht einfach abschneiden. Die Offenheit und Bereitschaft für Neues ist da, spürbar.

Ein Zukunftsbild prägt das konkrete Heute

Blog_2Sr. Ruth Pucher hat auf wunderbare Weise die heutigen Jungen charakterisiert. Fünf Novizinnen, Postulantinnen, Kandidatinnen hat sich lebensgroß an die Wand gemalt. Ihre Lebenssichten und Wünsche hat sie anschaulich dargestellt. Aus meiner Sicht und Erfahrung: wirklich treffend und lebendig. Bei den allermeisten ist eine große Neugierde geweckt worden und spürbar. Ja, wir wollen uns diesen heutigen Jungen stellen, Räume aufmachen, wo sie Platz zur Entfaltung finden. Ich selber denke oft an meine „Zukunftsarbeit“ und die drei Arten, wie wir in die Zukunft kommen. 1. Linear von der Vergangenheit durch das Jetzt ohne Veränderung in die Zukunft. Durchhalten. 2. Das Jetzt analysieren im Blick aus der Vergangenheit und „optimiert“ ohne große Veränderungen in die Zukunft gehen. Angepasst durchhalten.  3. Ein Zukunftsbild entwickeln und von dort her für das Jetzt  Blog_4und Heute die Handlungsanleitungen entwickeln. Neu aufbrechen. Es war mir ein Anliegen, diesen Gedanken von der Zukunft und dem Zukunftsbild einzubringen. Aus den Rückmeldungen spüre ich, dass das die tiefe Sehnsucht vieler hier ist. Kein Rückzug aus der Zukunft, sondern der Aufbruch dorthin. Irgendwie denke ich mir heute Abend, „wo überall der Opernball läuft“, ob es sonst irgendwo in unserer Gesellschaft so viel Freiraum gibt als in den Ordensgemeinschaften, „das Eigene“ als Berufung zu leben und das in einer Community, gemeinschaftlich, sozusagen als Co-Housing-Projekt, mit spiritueller Verankerung. Ich spüre es in der kleinen Zehe, dass es Gemeinschaften gibt, die sich die Freiheit nehmen und geben und sagen: Kommt und lebt einen neuen Prototypen von Ordensleben, von der Zukunft her im Heute. Irgendwie denke ich mir, dass alle Ordensgründerinnen und Ordensgründer genauso „gedacht und gehandelt haben“, in ihrer Zeit. Sie haben zB Häuser gesehen, wo gebildet, gepflegt, gebetet, gehört, „gesundet“, geheilt wird.
Auch wenn es „da draußen“ niemand glaubt, aber „da drinnen“ ist Raum dafür.

 

 

 

Impro-Theater, eine Predigt und die Tunnel-Bühne der Politik

Die Kammerspiele in Linz sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Gemischtes und gesprächiges Pulikum. Am Programm: „Impro-Landesmeisterschaft 2014“. Wir sehen das Finale der drei letzten Gruppen.

Kreativität auf der Bühne

1_ImproUnser Sohn Mathias ist mit der „Humorvorsorge“ dabei. Die beiden Moderatorinnen sind top fit und wärmen das Publikum auf. Der Theaterraum verschmilzt in diesem Fall mit dem Bühnenraum. Stichworte kommen aus dem Publikum und auf der Bühne geht es innerhalb von Sekunden los. Alles improvisiert. Ein einziger kreativer Akt, mit der spontanen Themenstellung und dem hineingerufenen Ort der Handlung umzugehen. 4 Minuten lang. Innerhalb kurzer Zeit Lacher und ernste Miene. Jury und Publikum geben eine „Bewertung“ ab. Applausometer und farbige Karten. Innerhalb kürzester Zeit erfasst den gesamten Raum eine pulsierende Atmosphäre. Handlungs- und Lösungsorientierung pur.  Es macht unglaublich Spass, hier dabei zu sein. Nach 2 ½ Stunden steht die Siegergruppe fest, die „Humorvorsoger“. Ganz knapp. Es ist keine Goldmedaille, sondern einfach der Ansporn, die theatralischen Gaben in improvisierter Kreativität weiter zu entfalten.

Kreativität in die Politik

2_ImproPolitikerInnen habe ich keine gesehen.  Entweder ist die Politik ohnehin ein einziges Impro-Theater, was mir beim Wort #Hypo plausibel erscheint. Und wenn es so ist, dann gibt es einen gewaltigen Unterschied. In den Kammerspielen ist das Publikum uneingeschränkt „dabei“, Impulse gehen von dort aus. In der Politik ist der unendlich weite Medien-Graben zwischen den Akteuren auf der politischen Tunnel-Bühne und dem Volk. Kein Wort, keine Idee, keine Emotion kommen vom Volk nach dort. Ich komme mir hier eher vor, als ob ich in einen finsteren Tunnel hineinrufe und kein Funke einer Reaktion. Katastrophen-Regie, Medien-Kanäle und Politik-Tunnels entbehren jeder Kreativität und einer echten Inspiration aus dem Volk. Echte, spontane Begegnung findet nicht statt. Irgendwie fände ich es nicht nur lustig, das Problem #Hypo als Impro-Theater in das Parlament zu bringen.

Kreativität auf dem Jesusweg

3_christianChristian Freisleben-Teutscher hat mit seiner Predigt am folgenden Sonntag Vormittag für mich den Bogen fertig gespannt. „Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, halte auch die linke hin.“ So haben wir es an diesem Sonntag  im Evangelium gehört. „Soll ich in der Straßenbahn einem, der mir die Handtasche wegnimmt, auch noch nachlaufen und ihm das Geldtascherl nachreichen, weil ich es in der Manteltasche hatte?“ Zwei Jugendliche vor mir schmunzeln. Sie fühlen sich angesprochen. Aktive Gewaltfreiheit ist für Christian das Thema. Das trifft mich ganz persönlich. Er erzählt von der 84-jährigen Ordensfrau  Megan Rice, die zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil sie in ihrem Protest gegen Atomsprengköpfe in den Hochsicherheitstrakt eingedrungen ist. Drei praktische Thesen stellt Christian in den sehr gut gefüllten Kirchenraum: 1. Abrüstung der Worte und viel Fantasie, um aus demütigenden und verfahrenen Situationen herauszukommen. 2. Gegen jede Vernunft vergeben, Muster mutig durchbrechen. 3. Gegenseitige Achtsamkeit, Neugier und die Lust, an gemeinsamen Ideen und Projekten zu arbeiten. Improvisation, Kreativität und Offenheit für ganz Neues hat den Weg Jesu gesäumt. Danke Humorvorsorge. Danke Christian.

Vom Leben und Klischee der Ordensfrauen

Es war die Präsidentin der Frauenorden in Österreich Sr. Beatrix Mayrhofer, die mir in einem morgendlichen Email ihre Beobachtung mitgeteilt hat. Dazu später. Gestern haben beim Medienempfang nicht nur sie und der Vorsitzenden Abtpräses Christian Haidinger das Wort ergriffen. Auch junge Ordensfrauen kamen zu Wort.

Transformationen am Weg

Die anwesenden JournalistInnen waren sehr aufmerksam. Das Feedback auf den Abend wurde sehr häufig mit „sehr interessant“ zusammengefasst. Sr. Brigitte Thalhammer ist Provinzleiterin der Salvatorianerinnen in Österreich. Sie hat sehr anschaulich die Veränderungen in der Entwicklung ihrer Ordensgemeinschaft geschildert. Ist 1980 eine Novizin eingetreten, so musste sie das Ordensgewand ausfassen. Tritt heute eine Novizin ein (sie haben 3), so muss sie das Ordensgewand extra beantragen. Es ist mehr Individualität eingekehrt und die Hierarchien sind flach. Augenhöhe ist ein zentraler Begriff. Dann haben drei junge Ordensfrauen das Wort ergriffen. Die ZuhörerInnen waren noch aufmerksamer. Neugierde und Surprise hat sich im Raum ausgebreitet. Dann hört mein Ohr: „Jede Novizin ist heute soetwas wie eine Gründerin.“ Das ICH bringt etwas mit in diese Welt und will diese Berufung, diesen Beitrag, den Dienst an den Menschenheute in einem WIR zur Entfaltung bringen. Die Novizin Sr. Ingrid Dullnig ist Betriebswirtin, Theologin und ehemalige Radrennsportlerin. Ein Fernsehstation hat heute schon angerufen. Sie wollen diese Novizin vorstellen als „Gegenüber“ zum Film „Die Nonne“. Leben gegen Klischee.

Mediale Wahrnehmung und Darstellung

nonne_klischee_newsZurück zur Beobachtung von Sr. Beatrix Mayrhofer. „Die Nonne die in eine Atomanlage einbrach.“ So lautet der Titel im Standard. Unglaublich mutige Tat. Jetzt wird diese Ordensfrau verurteilt. Die Sache selber kann man gut nachlesen, gestern in fast allen Medien. Ich selber habe 2011 in New Orleans bei den Homeless People genau solche unerschrockene und engagierte Ordensfrauen kennengelernt. Auch im News Magazin (kein Link) war die Story zu lesen. Das Foto war allerdings entlarvend. Stellte der Standard die lebensfrohe Nonne selbst ins Bild, so bediente News genau das Klischees. Nonne_USAEin Foto aus der Kiste „Hollywood“ oder „Bulle von Tölz“ musste herhalten. Imagefoto. Wir spüren auf Anhieb: Das Klischee stimmt überhaupt nicht mir der Sachlage zusammen. Ein Befund und doch zwei Welten. Die eine Welt ist in den USA, wo Nonnen einen unglaublich hohen Stellenwert bei den Menschen haben. Das muss auch der Vatikan neidlos anerkennen. Sie stehen dort auf der Seite der Schwachen, der Entrechteten und gegen Ungerechtigkeit. Hier in Österreich gibt es Medien, die lieber Klischees bedienen. Aber: Wer möchte von den Jungen schon in einem Klischee leben? Da fällt mir eine Bitte an die Medien ein: Schaut bitte genau hin. Macht euch selbst ein Bild. Da ist dort und da ganz neues Leben. Stellt diese Leben der Ordensfrauen neben die Klischees. Um der Menschen willen. Es bleibt die Frage: Welches Bild ist echt?

Wir verlassen uns auf die Experten

Im Ö1-Gespräch hat heute 13. Feber 2014 der Staatssekretär für Finanzen einen wachrüttelnden Satz gesagt. „Wir verlassen uns ganz auf die Experten“. Das Gespräch ging um die 13-19 Hypo-Milliarden. Er konnte eigentlich nichts sagen außer: Wir verlassen uns. Natürlich beunruhigt das. Persönlich habe ich „gelernt“, dass Experten (es sind meist nur Männer) eigentlich Interessenträger sind. Es gibt nur ganz wenige, die einen „ungeschminkten Blick“ vorweisen können. Das fängt damit an, dass die Expertisen teuer vom Auftraggeber bezahlt werden. Und wer will sich den Geldfluss schon abschneiden durch den Satz: „Wir glauben.“ Expertise ist keine Wissens- sondern zur Glaubensfrage geworden. Das werden natürlich Experten vehement ablehnen, weil sie ja „wissen, was Sache ist“.  Zwei Berichte zeigen, dass die Hohenpriester der Ökonomie vielleicht demütiger und in ihren Aussagen relativer werden sollten.

1934

ORF Religion bringt eine Arbeit von Rupert Klieber zu den Ereignissen von 1934 und der damaligen Rolle und Einschätzung des Vatikan zu den Vorgängen und Ereignissen. Der Papst Pius XI hat auf die „Experten der Nuntiatur“ gehört und heute wissen wir, dass es auch damals Interessenträger warem mit dem Ergebnis: „Damit habe der Vatikan „aktiv eine Politik gefördert“, die politisch, moralisch und pastoral „ein schwerer Fehler“ gewesen sei, so der Kirchenhistoriker. Hintergrund für die fatale Fehleinschätzung seitens des Heiligen Stuhls sei ein „sehr reduzierter Blick auf das Geschehen in Österreich“ gewesen. So zeugten die Nuntiaturberichte und Expertisen einzig von der Beschreibung eines angeblichen „Kulturkampfes um Wien“ und einem Niedergang traditioneller – katholischer – Werte und Überzeugungen.“

Griechenland

Der junge Valentin Schwarz schreibt im Blog „Arbeit und Wirtschaft“ am 13. Feber 2014 den Beitrag „Als Österreich Griechenland war“ und listet die Parallelitäten von damals und heute beeindruckend klar auf. Auch damals waren „Schlagworte“ wie Nulldefizit (meint: der Staat fährt zurück) oder „Demokratieabbau“ (meint: Entscheidungen fällt nicht Regierung und Parlament). Im Blog lese ich: „Zu beiden Zeiten gilt: Während die breite Bevölkerung leidet, werden die Interessen der Eliten geschützt.“ Das damalige Leid war sicher augenscheinlicher, aber Prekarisierung findet heute ebenfalls überall statt. Die „Glaubenssätze“ der Experten waren damals nicht zutreffend und sind heute sogar als falsch entlarvt.  „Eine ähnlich fatale Rolle spielen ExpertInnen in der heutigen Krisenpolitik: Austeritäts-BefürworterInnen berufen sich gerne auf eine Studie der Harvard-ÖkonomInnen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff, der zufolge das Wachstum ab einer Staatsverschuldung von 90 Prozent des BIP einbreche. So argumentiert etwa der für die Troika-Programme zuständige EU-Kommissar Olli Rehn, dass der Schuldenabbau auch dann oberste Priorität haben müsse, wenn das katastrophale soziale und ökonomische Folgen habe. KritikerInnen, die eine solche Formel für Unsinn halten, werden im April 2013 bestätigt: Eine Überprüfung der Reinhart/Rogoff-Studie ergibt, dass ihre Rechnung auf unvollständigen Daten basiert und die 90-Prozent-Regel falsch ist.“ Was soll ich als Steuerzahler und Gemeinwesen-Mitglied von Österreich nun glauben?

Intuition

Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit Anton Zeilinger in Gmunden im Jahre 2011. Es ging darum, wie Politik im Sinne einer tiefen Demokratisierung gestaltet und verbessert werden kann. Zeilinger hat damals zwei Vorschläge gemacht, „die überhaupt nichts kosten“. Konkret meinte er: „Ghostwriter abschaffen und im Parlament nur dann aufzeigen, wenn du die Sachlage verstanden hast.“ Bei den Umstehenden war Unbehagen spürbar. Einer artikulierte dann den Widerspruch. „Wir müssen viele Reden halten und außerdem können wir die Unmenge an Gesetzen oft gar nicht einmal lesen geschweige verstehen.“ Zeilinger ließ nicht locker und ergänzte: „Wenn die Oberen selber aus sich nichts zu sagen haben, dann sollen sie zuhören. Und im Parlament würden vielleicht intelligentere Leute sitzen, die leichter verstehen.“ Das Thema wurde gewechselt. Bei mir ist diese kurze Episode heute noch lebendig, „weil sie etwas hat“. Es wird für politisch Verantwortliche notwendig sein, sich nicht einfach den rational agierenden ExpertInnen sprich InteressenträgerInnen (es sind aber vor allem Männer!) auszuliefern, sondern mehr in sich hineinzuhören, der eigenen Intuition Platz und Raum zu geben und vor allem auf das Volk, die einfachen Menschen und hier die am Rande zu hören. „Ganz Ohr sein und Intuitionen zusammenlegen“ wäre mein Ansage. Das klingt in der rationalen Zahlenwelt der Banken wie eine „Glaubensstunde“. Vom Gehen weiß ich: Zuerst spürst du, dass du falsch bist und dann siehst du es. Die Frage ist: Wann kehrst du um.

 

Weltanschauen in den Karpaten in Rumänien

WassertragenIch höre noch immer die monotonen nächtlichen Zuggeräusche, obwohl ich seit Stunden nicht mehr im Schlafwagen liege. Immer wieder taucht der Wasser tragende Bauer auf. Neun Tage „Weltanschauen“ in Siebenbürgen in Rumänien, in den Karpaten und in Kronstadt (Brasov) liegen hinter mir. Meine sechszehn Mitreisenden haben von Wien-Meidling angefangen bis Linz unser gemeinsames Reisemittel Zug verlassen. Alle Gesichter haben beim Abschied einen zufriedenen, mit Eindrücken, Begegnungen und Erfahrungen genährten Eindruck gemacht. Die Zugfahrt hat der Seele Platz und Zeit gegeben, das „Erfahrene“ schon etwas zu ordnen. Zumindest mir ist es so ergangen. Nachhaltig reisen war und ist unser Ziel. Unser vorgenommenes Programm und unsere Winterwanderungen haben wir alle gemacht, „ohne dabei ein Programm erfüllen zu müssen“. Es kam uns irgendwie entgegen. Schauen,  hinhören, bewegen, gut essen und ausruhen haben eine gute Balance gefunden. Lachen und Spaß war immer dabei.

Die einen gehen und andere kommen

Beatrice UngerIm Wissen, dass keine Tastatur eine solche Woche einfangen kann, möchte ich ein paar Themen- und Erfahrungsfelder hier festhalten – nein: andeuten. Es sind behutsame Hinweise für uns, die wir gemeinsam dort waren, und jene, die sich diesem weiten Land Rumänien, den Karpaten und Siebenbürgen stellen wollen. Heute. 2014. In den Begegnungen und Gesprächen haben sich uns Erfahrungen und Einstellungen gezeigt, wurden für mich zugänglich, die ich nicht so schnell „ad acta“ legen kann und möchte. Ob wir bei der Stadtführung in Hermannstadt mit Beatrice Ungar, einer wirklich kompetenten Journalistin der „Hermannstädter Zeitung„, oder mit Frau Renate im „ehemaligen“ Landlerdorf Neppendorf oder mit unseren Gastgebern Katharina und Hermann Kurmes in Magura ins Gespräch kamen, war für mich das tiefste Thema immer wieder „gehen und / oder bleiben“. Ein Landlerdorf hat sich von 4.000 Menschen auf weniger als 60 reduziert. Ein Museum bleibt der Zeuge für den immerwährenden „Aufbruch“.Udo Krauss Udo KraussTeppichkaufOder wenn Udo, unser lokaler Guide und als „Sachse“ ein Rückkehrer aus Deutschland nach Rumänien, immer wieder fallen lässt, dass ein Viertel aller Rumänen (4-5 Millionen) in den letzten Jahren das Land verlassen hat, dann versteht man diesen „vagabundieren Charakter der Städte und Dörfer“ in diesem landschaftlich so wunderbar schönen Land. Die einen wurden vertrieben und die anderen angesiedelt. So habe ich nicht nur die neuere Geschichte dieser siebenbürgischen Gegend erlebt.

Produkte und Arbeit aus dem Ort

SchnapsbrennenWir sehen am Abend einen ARTE-Film über Bären, Wölfe, Hirten, Schafe und aus meiner Sicht – Commons. Die unglaublichen Weiten der Wälder und Bergwiesen werden von den Hirten genutzt für ihre Schafe. Ihnen gehört das Land nicht, aber sie nutzen es zusammen mit den Wildtieren mit ihren Schafen. Angriff und Verteidigung treffen hier täglich bzw nächtlich aufeinander. Katharina und Hermann Kurmes von der Villa Hermani im Bergdorf Magura, wo wir untergebracht waren und bestens versorgt wurden, kamen über Schutzprogramme für Bären und Wildtiere in dieses Gegend des Nationalparks rund um den Königsstein. Sie haben sich entschieden, hier zu bleiben und im Bereich „Öko-Tourismus und lokale Gastronomie“ sich zu engagieren. Ihre Geschichte zu hören ist eine „Mut-Injektion für alle, die überlegen, Neues anzugehen“. Alle ihre zehn Angestellten und Partner kommen aus dem Dorf, wo am frühen Morgen weit vor 6 Uhr etwa 40-50 Personen zu Fuß über 2 1/2 Stunden in die Arbeit ins Tal hinunter gehen. Mit der Villa Hermani haben Menschen und hier vor allem Frauen einen Arbeitsplatz in unmittelbarer Nähe. Nicht nur das: Alle Produkte wie Käse, Butter, Fleisch, Gemüse usw stammen aus den einfachen Bauernhäusern aus dem Dorf. Bei unserem 5-stündigen Rundgang durch diese Gegend kommen wir zu einem Haus, wo gerade ein Schwein geschlachtet wird. Ein anderer Bauer brennt Schnaps auf einfachste Weise im Freien. In mir werden alle Kindheitserinnerungen vor 40-50 Jahren „von uns daheim“ wachgerufen. Am letzten Abend danke ich unseren Gastgebern im Namen aller für diesen „prophetischen Dienst“ hier in dieser Gegend in Zusammenarbeit mit den Menschen. Es gilt auch für sie: „Sie säen, pflegen und andere werden ernten.“ Sie sind unglaublich engagiert, initiativ und strahlen Zukunft aus. Echte Profis.

Annäherungen im Gehen

Hinüber nach BranGehen war 4 Tage unsere Annäherungsform. Ob es die steile Gegend von Magura und Pestera (Nachbardorf) war, der Übergang hinüber nach Bran zum „Dracula-Schloss“, der Gang durch die Schlucht hinauf zur Hirtenhütte und zur Berghütte am Fusse des Königsteins oder schließlich das Hinübergehen nach Wolkendorf, es waren immer um die 6 Stunden Gehen. Es war natürlich eine für mich als „Geher und Pilger“ die wunderbarste Annäherung. Herbert aus unserer Gruppe mit seinen 80 Jahren hat es genauso genossen wie alle anderen. Gehen verbindet und zieht einen mit. Der Zusammenhalt war wie ein „inneres Band“ in der Gruppe spürbar. Genau das habe ich in den Begegnungen vermisst. So unglaublich stark und strukturiert die „Nachbarschaften“ bei den Sachsen in Siebenbürgen war, so wenig scheint mir der Zusammenhalt unter den Rumänen heute zu sein. Es sind Individualisten und die Verantwortung für das Gemeinsame wurde im Kommunismus ordentlich zerstört. Hermann erzählt, wie sie selbst immer wieder mit den Angestellten den allgemeinen Weg für alle freiwillig gerichtet haben. Jene, die mitgeholfen haben, wurden im Dorf ausgelacht. Bis heute ist Korruption und Unfähigkeit das Markenzeichen der Verantwortlichen. So stark das Commons- und Gemeingüter-Bewusstsein vor dem Kommunismus über Jahrhunderte war, so eindringlich wurde es durch das Ceaușescu-Regime ausgelöscht. Hier wurde aus meiner Sicht ein Stück Urvertrauen zueinander und zum Gemeinsamen fundamental vernichtet. Die Freiheit heute ist noch keine Freiheit zur Verantwortung. Wir stehen an einer Fahrweggabelung. Ein Pferdefuhrwerk „rast“ durch unsere Gruppe und wir sind erstaunt ob dieser Rücksichtslosigkeit. „Auch typisch“, meint unser Guide. Das erleben wir allerdings nur einmal. Jeder schaut, dass er sich selber durchbringt.

Die Arbeit und die Umgebung

3_IleanaAm Weg „hinüber“ nach Bran treffen wir auf über 1.200 m einen kleinen Bauernhof mit 9 Kühen. Die 83-jährige Bäuerin Ileana bittet uns gleich hinein in ihre kleine Stube. Alle 17 haben wir nicht Platz und so rasten einige in der Sonne vor dem Stall. Die Tür ist mit Kuhmist abgedichtet. Es ist windig und kalt hier heroben. Die Frau macht eine lebensfrohen Eindruck. Ich frage sie, was sie heute „den Jungen“ als Lebensweisheit mitgeben möchte. Sie hebt die Schultern und schüttelt den Kopf. Sie kann und will dazu nichts sagen. Das Wasser holt sie 15 Gehminuten unter dem Haus bei einem Brunnen. Im Winter schmilzt sie Schnee. Da erspart sie sich das mühsame Tragen. Die Kübel stehen beim Ofen. Der etwas jüngere Mann ist heute ins Dorf hinuntergegangen. Ich lasse nicht locker mit meinen Fragen. Schließlich meine ich, dass hier ein Mensch vor mir sitzt, der resilient allen Widerungen des Lebens getrotzt hat und nicht mürrisch wurde. Ich probiere es nochmals: „Was hat sich bewährt in ihrem Leben? Was ist wichtig?“ Sie wieder ganz kurz: „Die Arbeit und die Umgebung.“ Und sich lächelt. In mir höre ich: Eine als sinnvoll erlebte Arbeit, die nie leicht war und die Umgebung hier in der Natur. Das ist es für diese Frau. Wir gehen den Weg hinunter ins Tal. Mehr als 700 Höhenmeter. Eine Bäuerin kommt uns mit zwei Taschen herauf entgegen. Hier kann nur der Mensch, das Pferd und Vieh unterwegs sein, auf diesem Pfad. Beeindruckend einfach und beschämend, welche Pfade Menschen sich anderswo zum Leben schaffen. Mit dem „Budget-Pfad“ hat das absolut nichts zu tun, außer dass diese Pfade so steil bleiben, weil sich woanders Menschen mit dem gemeinsam Geschaffenen „Bequemlichkeits-Pfade“ bauen. Hier ist ein Pfad, aber kein Budget. In Gedanken bin ich nicht nur in Rumänien.

Dorf von obenSibiuBaumkuchenNach WolkendorfWeltanschauen
Villa Herrmani 

Der Frosch im Wasserglas

Ein Frosch sitzt im Wasserglas. Er ist frisch und munter. Das Wasser kühl  und anregend.  Stellt jemand das Wasserglas auf eine wärmenden Fläche, so wird sich das Wasser erwärmen. Der Frosch selber merkt das anfangs gar nicht. Er wird nur müde und kann sich schließlich nicht mehr aus dem heißen Wasser befreien. Er hat nicht bemerkt, dass seine Sprungkraft durch die Erwärmung geschwunden ist. Wirft man einen Frosch hingegen ins heiße Wasser hinein, so kann er sich spielend leicht mit einem kräften Sprung selber befreien. Was sagt uns das Experiment? Es gibt „schleichende Prozesse“ in unserer Lebensumgebung, die wir durch das „satte Drinnen-Stehen“ gar nicht merken., obwohl sie uns urteils- und handlungsunfähig machen. Im empfehlenswerten Film „Das radikal Böse“ zeigt Stefan Ruzowitzky das „Konformitätsexperiment“. Eine vorbereitete Gruppe zeigt ganz bewusst auf die falsche Lösung eines Vergleichsbildes. Der Probant schließt sich dieser falschen Meinung an, obwohl  sie „offensichtlich“ falsch ist. Was sagt uns dieses Experiment? Eine Lösung, Meinung oder Einschätzung muss noch lange nicht richtig sein, auch wenn alle „hinzeigen“. Eine gewisse Distanz ist hilfreich. Aussteigen, ungeschminkt anschauen, neu und anders einsteigen. Und dann und wann den Weg verlassen, um wieder neu zurückzukehren.

Dieses „wachgerüttelt“ erscheint im neuen ON Ende Feber. Auch wenn diese Erfahrung mit dem Frosch schon allgemein bekannt ist, so eignen sich die Semesterferien, aus dem angewärmten Glas herauszuhüpfen und eine einmal wohltuende Distanz zu leben.

Die Bischöfe kommen zurück

lascDer Ad-limina-Besuch 2014 der österreichischen Bischöfe geht zu Ende. Fest steht heute schon, dass der Bischof von Rom einen anderen Stil hat, mit der Ortskirche umzugehen. Er lebt, was er sagt. Er hört tatsächlich zu und ermutigt. Das ist der Unterschied zu den Vorgängern. In der ZIB haben sie gerade kurz und bündig gemeint: „Nähe und Barmherzigkeit hat Franziskus den Bischöfen mitgegeben.“ Und Der Standard fast es so in Worte: „Franziskus habe die Bischöfe zur Nähe zu den Menschen und zur Barmherzigkeit aufgerufen“, sagte Lackner. Franziskus sei „ein großer Zuhörer, er gibt den Weg vor, aber es ist keine Einbahnstraße“. Kardinal Christoph Schönborn dankte dem Papst im Rahmen der gemeinsamen Audienz während des Ad-limina-Besuchs „für sein Zeugnis, das so viele Menschen – unter ihnen viele, die mit der Kirche wenig zu tun haben – berührt“. „Vergesst nicht das Gebet“, hat er den Bischöfen gesagt. Leider erfahren wir ja nicht direkt, was Franziskus gesagt hat, sondern was die Bischöfe gehört haben.

Er fordert die Bischöfe zum aufrechten Gang heraus

Dietmar Neuwirth von der Presse spürt und denkt sich in diese Begegnung des Bischofs von Rom mit seinen österreichischen Kollegen hinein. Er will die ganze Situation und das jahrelange Umfeld inklusive der Großwetterlagen „einfangen“. Aus meiner Sicht gelingt es ihm ganz hervorragend, die Prozesse, Bilder, Gefühlslagen und Herausforderungen klar auf den Punkt zu bringen. Franziskus fordert die unter einem anderen Vorzeichen ernannten Bischöfe. Kein Gehorsam ohne Gewissen. Heute habe ich den Eindruck, dass der Selige Franz Jägerstätter  wirklich mitgeholfen hat: „Franziskus fordert die Bischöfe zum aufrechten Gang heraus.“ Das devote Statthalter-Dasein sollte ein Ende finden. Auch der Kardinal wird einzelne Bischöfe nicht mehr dirigieren können und können wollen. Die Bischöfe und Weihbischöfe der letzten Jahre waren auch auf ihn zugeschnitten. Ein Professor Schambeck muss auch nicht mehr bei Bischof Kapellari ein und ausgehen, weil dieser meint, über diese Schiene „seinen gewünschten Nachfolgerbischof“ zu bekommen.

Mut machen und aufrichten

„Zuhören statt abkanzeln“ lauten die Schlüsselworte. Was haben Bischöfe geschwiegen, wenn von ultrakonservativer Seite engagierte Leute der Kirche, die zusammen mit den Menschen Pfarrgemeinschaften in die Zukunft hinein gestaltet haben, in Verruf gebracht und denunziert. Schweigen und Ängstlichkeit war da. Zum Teil menschenverachtender Dogmatismus wurde verteidigt. Der von einer kleinen Minderheit und den Medien geschätzte „Wahrheitsverteidiger“ Krenn – RIP – wird heute auch schon einen größeren Horizont sehen. Zu konkreten Lebenssituationen von Menschen wie Geschiedene, Priester in Beziehungen oder homosexuellen Beziehungsformen wurde „dogmatisiert“ oder geschwiegen. Von Lebenshilfe, Zuwendung oder offenem Respekt war nicht viel zu spüren. Der Bischof von Rom Franziskus gibt vor: Seid den Menschen nahe und übt Barmherzigkeit. Gerade den Menschen, die in Not oder in brenzeligen Situationen leben (müssen), soll warm ums Herz werden, wenn sie uns Katholiken in der Nachfolge Jesu begegnen. „Richten wir auf und gehen wir aufrecht in der Spur Jesu,“ könnte Franziskus gesagt haben. Ich weiß nicht warum, aber jetzt fällt mir Heini Staudinger ein. Die Bischöfe kommen zurück. Es liegt an uns, den aufrechten Gang zu gehen.

Der ganze unbedingt lesenswerte Kommentar von Dietmar Neuwirth in der Presse vom 31. Jänner 2014.

 

 

 

Vorgetragene Resignation und gesprochene Erneuerung

BischöfeDer Ad-limina-Besuch hat begonnen. Kardinal Schönborn hat in Rom dem Radio Vatikan ein Interview gegeben, das von der Kathpress zusammengefasst wurde. Wer das Interview aufmerksam liest und nicht in den Details hängen bleibt, wird einen resignativen Unterton merken. Alles ist anders und kleiner geworden. Das liest sich dann so. „Diese Kirche wandle „sich ganz deutlich von einer Volkskirche zu einer Entscheidungskirche“, so der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz: „Es hat sich insgesamt die Struktur der Kirche, aber vor allem das Leben der Kirche in den letzten sechzig Jahren radikal verändert, die Pfarrgemeinde ist eine kleine Schar geworden.“ Hätte sie nicht werden müssen, wenn die Bischöfe Wandlungsprozesse gefördert und nicht verhindert hätten.

Die Pfarrgemeinschaften wollen leben

CreativePersönlich macht mich eine solche Betrachtungsweise traurig, wo die Bischöfe selber durch Reformverweigerung die alte Form der Pfarre aufrecht erhalten wollten. Es wurde nicht berücksichtigt, dass Pfarren einen Dienst am Gemeinwesen erfüllen und nicht einfach ein klerikal geführtes Ritualgebilde ist. Ganz ehrlich: Dort, wo sich die Pfarrgemeinschaft die Grundfrage – Wollen alle miteinander, dass in 50 Jahren hier bei uns im Dorf oder Stadtteil der christliche Glaube eine Rolle spielt? –  gestellt hat und postiv beantwortet hat,  dort sind lebendige Pfarrgemeinschaften gewachsen. Die Haltung der Menschen in diesem Dörfern und Stadtteilen ist nicht, ob uns die Diözese einen Priester schickt oder nicht oder welchen, sondern sie nehmen das Pfarrgemeinschaft selber in die Hand. Das Modell Pfarrleitung durch Seelsorgeteams in Oberösterreich ist ein gut geeigneter Weg dabei. Auch der Pfarrgemeinderat kann zum Träger des Pfarrlebens werden. Dafür habe ich in meiner Heimatpfarre im Mühlviertel gerne meine Zeit, mein Wissen und meine Energie ehrenamtlich mit vielen anderen eingebracht. Die klerikale Sichtweise der Bischöfe (Erste Frage immer: Was dürfen die Laien und was nicht?) und die alleinige Verwaltungsperspektive (Pfarrzusammenlegung, Pfarrverbände) hat den betroffenen ehrenamtlich motivierten Engagierten den Nerv gezogen. Motivation verliert sich im Unübersichtlichen. Heutige Engagierte sind keine Helfer des Pfarrers. Oft möchte ich ganz laut hinausrufen: „Lasst den Glauben und die Pfarrgemeinschaften in und rund um die Dorf- oder Stadtpfarrkirche ungehindert wachsen .“ Weil man den konkreten Menschen im Endeffekt nicht traut, verbreitet man „Klein-Denken“ und Rückzug in die „Entscheidungskirche“. Klingt gut. Aber: Wie hat es im Vatikanum II geheißen: „Wanderndes Volk Gottes“. In Rom wird leider die resignative Form vorgetragen: „Überschaubare Entschiedenen-Gruppe“.

Die Kraft und Motivation ist da, wo Gemeinschaft um den Kirchturm gebildet wird

Sehnsucht_1Gestern habe ich bei meinem Vortrag in Seggau in mehrheitlich zuversichtliche und engagierte Gesichter geschaut. Auf der Zugfahrt nach Linz ist mir öfter durch den Kopf und Herz gegangen: Lasst euch nicht bremsen. Denkt groß und handelt. Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke. Habt Mut. Engagiert euch in eurer konkreten Pfarrgemeinschaft und lasst euch nicht verheizen und ermüden durch diözesan gefinkelt eingefädelte „Verwaltungsgebilde“. Worum geht es? Es geht um das Soziale im Ort, um Erzählungen von unserem Glauben, um Gottesdienst und um Community, Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit. Die Feuerwehr, der Musikverein, der Sportverein oder die Kulturinitiative wartet auch nicht, ob ihnen von oben jemand geschickt wird. Sie tun und gestalten ihrem Dienst im Gemeinwesen. Eine Pfarre muss sich im 21. Jahrhundert auch so begreifen – als wertvoller Beitrag zum Gemeinwesen. Politiker erkennen das oft mehr als die Bischöfe. Eine Teilnehmerin des Vortrages schreibt mir heute ein Email und meint: „Wir sind ein bisschen festgefahren in den bekannten Strukturen einer Pfarre, viele von uns müssen erst lernen, sich beim Gehen andere Schuhe anzuziehen…“. Sie möchte, dass ich in ihre (sie ist PGR-Obfrau) Pfarre komme und „diesen unverzagten und auf Zukunft orientierten Geist bringe“. Ich habe es versprochen und werde kommen.

Nicht im Wort, sondern in der Tat

Friedenstauben_RomDieser Tage war ich im Stephansdom bei einem Festgottesdienst und hörte in der Predigt und bei Ansprachen von den „neuen Wegen“, von den „Aufbrüchen heute“ und den „Chancen, neue Wege zu beschreiten“. Ganz ehrlich: Das Presbyterium war ausschließlich mit Männern besetzt und der Gottesdienst in der Form „wirklich alt-ehrwürdig“. Ich erlebte dort die „gesprochene Erneuerung“ und nicht Erneuerung. Wie hat Johann B. Metzt gesagt: „Sie glauben an den Glauben. Sie glauben an die Hoffnung. Sie glauben an die Liebe. Sie glauben an Christus. Worum geht es aber: Ich glaube, hoffe, liebe und folge Jesus nach.“ Sie glauben an die Erneuerung. Es geht aber um Erneuerung selbst. Wenn der Ad-limina-Besuch zu Ende ist, dann hoffe ich, dass die Bischöfe vom Papst die „tatsächliche Erneuerung“ mitbringen. In der Tat. Und weniger im Wort. Denn: Wenn du predigen gehst, dann ist das Gehen die Predigt. Und: Die Körpersprache ist viel lauter als dein Mund. Eigentlich möchte ich kein Wort mehr von „Erneuerung“ hören, sondern sie erleben, spüren und frohen Herzens mitmachen.

(Leicht verändert ist der Beitrag als Gastkommentar im Kurier erschienen)