Bei Katastrophenalarm gehe in den Wald oder in die Kirche

winterhoffMichael Winterhoff ist Psychiater und Autor von „SOS Kinderseele“. Bei der Ordenstagung 2013 in Wien hat er den Vortrag zum Thema „Was die emotionale und soziale Entwicklung unserer Kinder gefährdet und was wir dagegen tun können“ gehalten. Ganz kurz gesagt: Er geht von der Beobachtung aus, dass heute Eltern und Kinder in einer „Symbiose“ leben. Die Eltern verhalten sich zum Kind so, als wäre es ihr Arm. Und die Kinder umgekehrt. Diese enge Symbiose verhindert Entwicklung und damit in Folge Bildung. Hier ist der ganze Vortrag zum Nachhören.

Im Katastrophenalarm stabilisiert

Die meisten Menschen ruhen heute nicht in sich. Sie machen verschiedene Dinge gleichzeitig und überfordern so die eigene Psyche. So kommt es zum „Katastrophenalarm“, der aber als solcher gar nicht erkannt wird, weil die Psyche immer stabilisiert und damit diese ungesunde Situation nicht durchschaut. Die Psyche stabilisiert die Katastrophe. Störungen, negative Gefühle und überbordende Problemlagen sind die Folge. Der Mensch sieht nichts mehr, eben auch keine Lösungen. Hier macht Winterhoff zwei entscheidende Vorschläge. Sind sie im Katastrophenalarm, dann gehen sie 4-5 Stunden in den Wald. Ohne Hund, nicht joggen, kein Handy, nur gehen. Nach 2-3 Stunden sind sie in einem anderen Zustand. Sie nehmen sich wieder wahr, sie sehen den Wald, positive Gefühle kommen auf, ja bisweilen Glücksgefühle. Die vorherigen Probleme gehen auf Distanz. Sie lassen sich lösen. Das ist das Waldexperiment. Winterhoff schlägt aber auch das „Kirchenexperiment“ vor. Setzen sie sich 45 Minuten in eine Kirche. Nicht beten sondern einfach nur da sein. Am Anfang ist es fast nicht zum Aushalten. Tun sie das aber mehrmals, tritt dieselbe Wirkung wie im Wald ein. Winterhoff merkt etwas kritisch an, dass der Wald im Gegensatz zu den Kirchen immer offen ist. Er sieht aber in dieser heilsamen Wirkung der Kirchen die Chance – und meint die tiefe Stille dieser Räume.

Neugierig?

Hier ist der Vortrag zum Nachhören und die beschriebenen Passagen. Das Waldexperiment  ist ab Minute 1:17:00 und das Kirchenexperiment ab Minute 1:22:00 zu finden.  Ziel ist immer, aus der „entwicklungsbehindernden Symbiose“ herauszukommen. Ich meine: Spannend und anregend.
Übrigens: Winterhoff ist am 22. Jänner 2014 im Bildungshaus Schloss Puchberg.

 

Gesund und schmutzig im Advent

Advent 2013Als 24-köpfige Pilgergruppe sind wir auf der Via Porta in Thüringen unterwegs. Es ist kalt und abends kommen wir in der damaligen „Todeszone“ in ein Gasthaus. Spechtsbrunn steht am Ortseingang. Dort erwarten uns herzliche Wirtsleute „Am Rennsteig“. Das Schild nebenan hängt über der Theke. „Dieses Haus ist ausreichend sauber, um gesund zu sein und schmutzig genug, um glücklich zu sein.“

Schmutz und Glück? 

Der Wirt hat in seiner Situation nach der Wende das Beste aus dem Haus gemacht. Es war sauber, nicht modern. Es war vor allem persönlich gefüllt, mit Interesse, Offenheit und ganz tiefer Gastfreundschaft. Früher waren 10 Mal so viele Gäste da. Es war die Todeszone. Das „ganze Leben“ traf sich hier, wie der Wirt meinte. Der Spruch spricht Dinge an, die uns alle betreffen. Das „Haus“ steht für das Daheim, Geborgenheit, eine Höhle, in der ich sein darf. Das „Sauber“ steht für Ordnung, damit die Seele nicht verwahrlost, sondern aufgerichtet wird auf eine besondere Zukunft hin. Das „Gesund“ steht für Stabilität und Gestaltungsmöglichkeit im Leben. Das „Schmutzig“ ist in diesem Falle der Aufschrei gegen diese klinische Sauberkeit, die heute oft das Leben selbst tötet. Das „Glücklich“ ist die tiefste Sehnsucht eines jeden Menschen. Das „gelungene Leben mit dieser übergroßen Portion Zufriedenheit“ haben die meisten ins Navi des Lebens als Zielort eingegeben. Wir gehen auf Weihnachten zu.

Ich lade sie ein: Stellen sie sich dieses Schild über der Krippe von Bethlehem vor. Ich glaube, die Gastwirtin hat es von dort geholt.

Profil zeigen im öffentlichen Raum

ProfilBei der Jahrestagung der Katholischen Privatschulen in Oberösterreich (Ordensschulen und Diözesanschulen) habe ich den Vortrag „Profil zeigen im öffentlichen Raum“ vor DirektorInnen, SchulerhalterInnen und Lehrenden und ElternvertreterInnen gehalten. Diese Power Point (PPT) habe ich als „Faden“ durch die Ausführungen, Erzählungen und Aktionen verwendet.

Meine Kernanliegen ganz kurz zusammengefasst

Profil ist Sache aller handelnden Personen.
Die Körpersprache ist ganz mächtig und Papst Franziskus ein gutes „Anschauungsbeispiel“.
Transparenz, Offenheit und Augenhöhe sind zentrale Aspekte.
„Entlastung“, weil Leben nicht nur in den Medien stattfindet.
Unser Denken schafft unsere Realitäten. Glaube ist denken und handeln in Offenheit auf Gott hin.
JournalistInnen sind PartnerInnen und nicht Gegner.

Außerdem: Warum muss immer alles gelingen?
Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke.

Profil zeigen im Öffentlichen Raum (PPT)

Das zahlt dir doch keiner

Es ist schon finster. Am Heimweg liegt ein Mexikaner, der wunderbares Jambalaya kocht. Das schmeckt nicht nur gut, sondern lässt Erinnerungen an meinen New Orleans Aufenthalt im November 2011 aufkommen. Diese Erinnerungen sind immer noch nährend und lebendig vor mir. Noch dazu gibt es den ganz aktuellen Link auf die Philippinen und wie dort mit dem Desaster umgegangen wird. Ich sitze alleine und deshalb sind meine Ohren geöffnet. Ich habe es mir auferlegt, dass ich beim Essen esse. Das hält alle Sinne offen. Das Lokal war gut gefüllt und neben mir sitzen drei Damen, die mit selbstbewusster Stimme sprechen. Ich bin nicht mehr ganz bei mir, als eine der drei Frauen den Satz „Das zahlt dir doch keiner“ ausruft.

Die Ökonomie hat die Bildung im Griff

wingsDas Gespräch ging neben mir weiter und es viel immer schwerer, beim Essen zu bleiben. Es ging um Vermietungen und Wohnungsadaptierungen. Die Kosten dafür sollen voll auf den Mieter übergewälzt werden. Es war die Mutter, die die Tochter warnte, „nur ja nichts zu tun, was dir keiner mehr bezahlt“. Die Tochter hörte und war hörig. Die „beliefs“ für das harte Leben wurden gerade geschärft: Ganz gleich welche Kosten anfallen, immer den anderen zahlen lassen. Ich klinkte mich so gut es ging wieder aus. Nach der Bezahlung bekomme ich mit, dass sie beraten, wer die Rechnung nimmt „für die Finanzministerin“. Meine Gedanken waren aber schon weiter gegangen. „Das zahlt dir doch keiner“ hat ganz andere Kontexte gesucht. In der Pfarre habe ich das nie gehört. Beim Sportverein war das nie Thema. Und ich denke an die Lehrerinnen und Lehrer, die zum weitaus größten Teil (Wer ist 100%-ig?) diese Frage bisher auch nicht kannten. Da wird vorbereitet, das Wohnzimmer ausgelegt, die Familie zum Sammeln von Unterrichtsmaterial eingesetzt, mit dem privaten Handy telefoniert und das Auto wird selbstverständlich als Transportmittel verwendet. Der Sonntagsausflug geht dorthin, wo der Schulausflug hingehen wird. „Das zahlt dir doch keiner“ höre ich es wieder in der Auseinandersetzung der drei Frauen, die sich als Oma, Mutter und Tochter entpuppen und das Lokal verlassen. Das Lehrerdienstrecht steigt auf. Ich kenne es nicht im Detail, sondern aus der Sicht von Betroffenen. Bildung ist die Zukunft, höre ich es immer wieder. Ich bekomme im Büro mit, wie viele LehrerInnen in Ordensschulen jenseits von Bezahlung arbeiten. In den Medien höre ich nur monetäre Aspekte. Die Regierung, die Gewerkschaft und die Stundenanzahl sind die „Power-Wörter“, die vielen schon auf die Nerven gehen. Es geht ums Geld. Das ist die Körpersprache dieser Diskussion. Es geht ums Geld. Ich bin mir sicher, LehrerInnen werden das lernen: „Das zahlt dir doch keiner.“ Die SchülerInnen werden es spüren und die Eltern werden es ausbaden, dass die hohe Ökonomie die Ober-Bildungsministerin geworden ist. Ich muss es ein siebzehntes Mal betonen: „Die Flucht aus der Excel-Zelle muss gelingen„. Die Furche schreibt heute: „Das neue Lehrerdienstrecht setzt nahtlos die seit Jahrzehnten betriebene Demontage des Schulsystems fort und fügt sich bestens in ein gesamtgesellschaftliches Bild.“ (Seite 1). Im Standard von heute sitzt die Bildungssprecherin der Grünen twitternd im Parlament und erklärt im Interview ein paar Seiten weiter. „dass die Freiheit der Forschung längst verloren ist.“ An die Stelle Gottes ist getreten: „Das muss sich rechnen.“ Lenzing entlässt hunderte MitarbeiterInnen, weil der Gewinn geringer ist. Der Gewinn, wohlgemerkt. „Verzichten wir doch auf Kontrolle“ hängt im Büro hinter mir und es ist die Seite 14 aus dem Falter  45/13. Der Philosoph Martin Hartmann sagt auf die Frage: Macht Qualitätsmanagement stets besser?: „Nein“. Aber: Studien und Excel-Listen werden bezahlt. „Das zahlt dir doch keiner“ gilt hier nicht.

 

Wie wir bei Lamento gehalten werden

„Leben statt Lamento“ war ein Buch, das ich vor etwa 15 Jahren mit großem Gewinn gelesen habe. Da steht man um die 40 vor der allseits ausgerufenen und notwendigen „midlife crisis“ und das heißt landläufig: jammern, sudern, sich bedauern, in der Opfer-Kiste wühlen. Der Titel des Buches geht weiter: „Männer auf der Suche nach sich selbst“. Wolfgang Müller-Commichau ist der Autor. X-mal habe ich das Buch hergeborgt und das bringt es mit sich, dass es heute nicht mehr auffindbar ist. Entweder es tut irgendwo gute Dienste, was ich hoffe, oder es macht in einer Privatbibliothek 2 Zentimeter.

Lamento als Lebensgefühl

lamentoSo kann ich nicht mehr nachschlagen, sondern nur mehr in der Erinnerung an das Buch wühlen. Mitgenommen habe ich, dass Männer um die 40 sich ganz massiv hinterfragen. Das finde ich persönlich schon einen Gewinn. Andere wieder finden es zum Jammern, wenn wichtige Fragen auftauchen wie: War das alles? Was mache ich wirklich? Ist das das Leben? Geht das jetzt noch einmal so lange weiter wie bisher? Bin ich in der Beziehung eigentlich glücklich? Wo sind die Kinder hingekommen? Wo kommt dieses Wehwehchen her? Verdienen die anderen nicht viel mehr? Warum verliere ich neuerdings bei Tennis dauernd? Jetzt redet der Augenarzt von Gleitsichtbrille? Eben: Lamento ist angesagt. Das Leben ist mit den Jahren schwer geworden. Das wird angeblich dem 40-Jährigen so richtig bewusst. Es passt einfach nichts mehr so recht zusammen. Auch die Hose passt nicht mehr und der Atem ist nicht mehr als jugendlich einzustufen. Arm bin ich geworden, sagen viele. Eben: Lamento.

Leben und gestalten

Wenn ich heute in die Politik, in viele Institutionen und in die Kirche schaue, dann kommt mir vor, wie wenn sie gerade den 40-er feiern würden. Ich muss jetzt vorsichtig sein, denn die beschriebene Wirklichkeit ist der Ausdruck der Sichtweise des Betrachters. Ich bin keine 40 mehr und Lamento . Ich werde aber den Eindruck nicht los, dass wir in vielen Bereichen bei Lamento gehalten werden. Es darf keine Zufriedenheit aufkommen. Lamento statt leben ist die Devise. Der Mensch soll in seiner Unzufriedenheit als Konsument  brav weiterhecheln und nur ja nicht sagen: Leben statt Lamento. Die Werbung sagt mir täglich: Du hast noch weit nicht alles. Du brauchst aber alles. Ich gehe hier in Wien an den Geschäften vorbei, wo eine Handtasche 2.300.- EUR kostet und das Kleid im Schaufenster mit 3.100.- EUR angeschrieben steht. Wenn ich nicht wüsste, wozu Schaufenster gut sind, dann würde ich ins Lamento verfallen. So weiß ich. Leben statt Lamento. Im Schaukasten sehe ich das, was ich zum Leben nicht brauche. Zusammensitzen mit der ganzen Familie, die Urlaubsbilder anschauen, beim Heurigen einfach gemütlich und essen und trinken und dem einfachen Leben auf der Spur sein. Ich bin schon gespannt, was unser thematischer Schwerpunkt bei den Ordensgemeinschaften mit mir selber machen wird: viel. mehr. wesentlich. weniger. Das ergibt Kombinationsmöglichkeiten, die Lamento bewirken und andere, die Leben lassen. Vom Lamento zum Leben. Einfach so.
Übrigens: Das Buch kann ich auch heute noch weiterempfehlen an die 40-Jährigen.

 

 

Das ist alles recht fragil

Der Franziskaner Franz Lackner wurde vom Domkapitel zum Erzbischof von Salzburg gewählt. Das weiß Österreich seit gestern Abend von der Kronenzeitung. Woher die Kronenzeitung das weiß, weiß niemand außer die Kronenzeitung. Was sicher ist: Nuntius Zurbriggen hat dem Domkapitel in der Vorwoche bei der Bischofskonferenz das Kuvert übergeben. Erzbischof Kothgasser hat von der Annahme seines Rücktrittsgesuches absolut niemanden erzählt. Ob das Domkapitel am Sonntag gewählt hat, „bestätigt“ niemand. Ein befreundeter Journalist einer namhaften österreichischen Tageszeitung erzählt mir am Telefon, „dass absolut niemand abhebt“. Schweigen. Das findet statt, wenn ein „partizipativen Prozess“ (Wahl aus einer Dreierliste) auf einen „autokratischen Vorgang“ trifft. Das „Geheimnissvolle“ steht bei Medien ganz oben bis hin zur „Skurilität“.

Transparenz auf Augenhöhe

Christian Jungwirth, www.bigshot.at

Christian Jungwirth, www.bigshot.at

Der SN-Artikel „Analyse: Üble vatikanische Bürokratie“ ruft schon Widerspruch hervor. Die Medien, die nach dem Prinzip „News“ ticken, werden jetzt wieder die „Schuldigen“. Sobald etwas geheim gehalten werden muss, hat es den größten Drang in die Öffentlichkeit. „Sag es aber niemanden weiter“ ist quasi die Garantie, dass etwas weitergesagt wird. Nehmen wir hier auch kurz die Regierungsverhandlungen herein. Schweigen und seitenweise Berichte. Ich frage mich: Warum können die drei Kandidaten am Tag der Wahl nicht nach Salzburg kommen, damit sie befragt werden können, ob sie annehmen oder nicht. Dann wäre es ganz einfach, weil nach der Wahl das Ergebnis und der Kandidat sofort bekannt gegeben werden könnte. Vorher wird mit dem Nuntius telefoniert. So könnte die Transparenz auf Augenhöhe wirkliche Partizipation bei den KatholikInnenn auslösen. Aber: Eine ganze Diözese ist ohnmächtig, etwas versüßt durch die Möglichkeit der Wahl durch das Domkapitel. Aber was war das für eine Wahl? Krenn, Laun und Eder. Wir kennen das. Ich wünschte den Diözesen mehr von dem, was ich bei den Ordensgemeinschaften erlebe, wenn dort Leitungsverantwortung  gesucht und weitergegeben wird: Gewählt und gilt. Der jeweilige Bischof und Rom wird davon informiert. Ausnahmen bestätigen die Regel: die Jesuiten. Es ist zu wünschen, dass die „Geheimniskrämerei“ bald ein Ende hat, damit das Bischofsamt selber nicht zu viel darunter leidet. Bischof wird man für die Menschen und nicht für den Vatikan.

40 Milliarden gegen 70 Cent

1_IMG_6039Ganz ehrlich. Es ödet mich an. Nein, ich bin machtlos wütend. Der „gepröllte und fekterisierte Staat“ entdeckt ein Loch, ein unglaublich großes Loch. Obwohl: Wie groß ist das 40 Milliarden Euro Loch wirklich? Ich gehe heim. Die berührende Feier zur Pogromnacht vor 75 Jahren ist tief in mich eingedrungen. Sowohl Bischof Bünker als auch Präsidentin Mayrhofer haben klar gemacht: Hinschauen und Mund öffnen. Experten und es sind nur Experten treffen zusammen und stellen ein Loch fest. Da wurde mit mehr Geld in der Geldtasche gerechnet. Ich kenne das nicht, das ich Geld ausgebe, das ich nicht habe. Ich bin rückständig.

Ich brauche noch 70 Cent

IMG_60391_IMG_60391_IMG_6039Von der Ruprechtskirche herüber komme ich am Hohen Markt bei einem Würstelstand vorbei. Ein junger Mann fragt, ob ich ihm Geld gebe. Es fehlen ihm 70 Cent. Ich greife in meine Tasche und gebe ihm 1 Euro. Er ist zufrieden und geht festen Schrittes auf den Würstelstand zu. Er hat das Geld beisammen. Es fehlten 70 Cent und mit meinem Euro zeigt er sich sogar großzügig. Ich bleibe noch etwas stehen bei ihm. Die Arbeit ist ihm abhanden gekommen. Die Wohnung im 20.sten will er behalten. Hier im ersten Bezirk fällt beim „Schnorren“ mehr ab als sonstwo. Deshalb ist er hier. Das ist seine Erfahrung. Auf dem Weg hierher zu den Redemptoristen, wo ich ein Zimmer mit Klosteranschluß habe, denke ich: Er hat es verstanden. Es fehlt ihm Geld. Er geht in jene Gegend, wo Geld zu vermuten ist und er schlägt sich tapfer durch. Regierung aufgepasst. Lernt von diesem Menschen. Er ist ein echter und erfahrender Ökonom. Er hat zu wenig und er holt es dort, wo etwas zu holen ist. Beschämt bin ich, weil ich im ersten Bezirk wohne und eigentlich meine Geldtasche gar nicht hierher passt. Selbst Didi Mateschitz meint heute im Interview in jeder Regionalzeitung, dass die Besteuerung der Wohlhabenden gerechtfertigt ist. Ich habe zwar bisher in meinem Leben erst einmal bei einem Red Bull gekostet (ehrlich!), aber in zwei Punkten ist mir heute Didi Mateschitz sympatisch: Die, die haben, sollen geben. Und wer in den Wald geht und dort „werkt“, wird den Hausverstand nicht so schnell verlieren. Hausverstand? Der hat heute keinen Platz mehr. Wenn ich heute Milliarden höre, dann weiß ich, dass sie mich verarschen. Nicht nur mich. Ich schenke der Regierung ein neues Satzzeichen. Ich habe es auf dem Weg von Würzburg nach Wien in der Beilage der Süddeutschen entdeckt. Es ist das Satzzeichen der Ratlosigkeit. Wenn du nicht mehr weiter weißt, dann setze es.

 

Wiener Manifest als Basis eines Jetzt-Zugangs Richtung Zukunft

Schon über zwei Jahre gehe ich immer wieder über die Brücke hin zu den Ideen der „Kultur-Kreativen“, beschäftige mich mir „Commons“ und „Gemeingüter“, entdecke in meiner Arbeit mit und für die Ordensgemeinschaften eine gemeinsame Fließrichtung, woher sich alle diese „neuen Ideen“ für ein „neues Leben“ speisen. Ich weiß von immer mehr jungen Menschen von 20-35 Jahren, dass sie es satt haben, „den reinen ichbezogenen Individualismus noch weiter auf die Spitze zu treiben“. Das Ich sucht ein Wir. Sharing statt besitzen. Leben statt Karriere. Freiheit statt Excel-Zelle. Live-Musik statt Konserve. Slow Food statt irgendwas. Da-Sein statt im Ranking hängen. Das ließe sich ohne viel Einschränkung weiterführen.

Brückengespräche sind Synapsen

_kl_12Melk war ein wichtiges Ereignis. Da gibt es „Ordensgemeinschaften“ und dort die „Klöster der Zukunft“. Gemeinsam leben ist das Verbindende. Da ist die „Regel“ seit Jahrhunderten das tragende Element für Community-Building. Dort wird die Regel gemeinsam erfunden, gefunden, oft lange gesucht. Da ist Wissen da, das auf die Brücke gehört. Einander erzählen, was sich bewährt und woran man (fast) verzweifelt. So werden aus diesen Gesprächen Synapsen für „Zukunftswissen“.

Wiener Manifest als Erfahrungsperspektive und Handlungsoption

„Wir fühlen, dass von der Politik keine entscheidenden Impulse der Erneuerung mehr erwartet werden können. Von Lenin über Gandhi bis Mandela und Obama reichen die Versuche, charismatischer Hoffnungsträger eines Wandels zu sein, die stets im Pragmatismus des Machterhalts, der Sachzwänge und des Partikularen endeten. In immer größerem Umfang macht sich mittlerweile Politikmüdigkeit und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber den politischen Eliten, ihren Absichten und Methoden breit.“ Das lesen wir gleich zu Beginn des 8-seitigen Manifestes in Punkt 3. Sichtweise und Erfahrungswelt. Dann setzen die Autoren, mit denen ich auch immer wieder in Kontakt bin, in Punkt 5 ihre Hoffnung gegenüber dem Glauben so in Szene: „Ein Glaube, der sich an den feierlich-sakralen Machtsymbolen vollkommener Unfehlbarkeit und Überlegenheit orientierte, soll sich wieder in eine praktische Haltung der Welt gegenüber verwandeln und darin wachsen, die Kirche wieder praktizierte Gemeinschaft mit den sozial Benachteiligten sein. Gerade im Streben nach dem scheinbar Unmöglichen, der Lösung sozialer Menschheitsfragen, soll die Kraft des Glaubens zur Geltung kommen.“ „Der Trias von Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, die in einer ungeheuren selbstbezüglichen Spirale von Wachstumsnot und Problemverschiebung gefangen sind“, stellen sie eine neu Welt gegenüber. Der Punkt 25 nennt die Merkmale der neuen Kultur: „Merkmale dieser Kultur sind die positive Betonung von Diversität, von Heterogenität, die Bindung an Kulturräume, die absolute Respektierung der Freiheit des einzelnen Menschen, zwischen diesen Kulturräumen zu wechseln, die wechselseitige Inspiration und die immer wiederkehrende Reflexion zwischen eigener Kultur und den anderen Kulturen der Welt, in der das Eigene gerade nicht verloren geht, sondern sich weiter entwickelt.“

Es lohnt, das Manifest in aller Ruhe zu lesen und mit der eigenen Welt-Wahrnehmung und dem eigenen persönlichen Handlungs-Bild zu konfrontieren.
Ich empfinde diesen Brückenort wirklich spannend, ja zukunftsorientiert. Eine andere Welt ist möglich.

Wiener Manifest