Auschecken – einchecken – abchecken

Heute heißt es: Alles einpacken. Auschecken aus dem Hostel und für zwei Tage in einem Hotel einchecken. An diesem Wochenende ist New Orleans komplett ausgebucht. Es heißt etwas investieren und in Folge: Gut gehen lassen. Die Zeit zum Verarbeiten nehmen, die Gedanken wieder ordnen und die verbleibenden Tage abchecken. Meine Grundstimmung ist: Das tun, was geht.

Lange vor dem Hamburger

In aller Ruhe gehe ich heute vom zentral gelegenen Hotel aus in das gestrige Cafe, um Cajun-Spezialitäten zu erkunden. Wikipedia sagt: „Die Cajun-Küche ist die Küche der französischstämmigen Einwanderer im US-Bundesstaat Louisiana, den Cajuns. Es handelt sich hierbei um eine eher einfache und rustikale Küche aus lokal verfügbaren Zutaten. Eng verwandt mit der Cajun-Küche ist die kreolische Küche Louisianas, die einem etwas gehobeneren Kochstil entspricht, der sich in den Städten mit Schwerpunkt in New Orleans entwickelte.“ Ich bestelle „Muffaletta“ und bekomme den weit aus besseren Vorgänger des über „Einfallslos- und Gleichmacher und Gleichschmecker-Ketten“ bekannten „Hamburger“ – nur 1000x besser eben lokaler. Die Wirtin fragt mich trotz ihrer vielen Arbeit und gibt mir noch Tipps für die verbleibende Zeit. „LA music factory“ in der Decatur Street sollte ich nicht versäumen.  Sie schreibt mir auf die Visitenkarte einer Buchhandlung das Buch „9 Lies“ auf. Anhand vor 9 Biografien wird Katrina „aufgearbeitet“.  An Ende des Gespräches streut sie noch Balsam auf meine Seele: „Your English sounds wonderful.“ Das tut einem lernenden Herzen wirklich gut.

Ein Haus kaufen
Am Weg zurück in das Hotel schaue ich den Zigarrenmachern zu, stelle fest, dass im French-Quarter viel „renoviert und gestrichen“ wird. In der Hotel-Lounge komme ich mit einem Mann ins Gespräch, der nach einem Haus Ausschau hält. Er ist Künstler und sieht sein Zukunft in New Orleans. Es sollte in einer Gegend sein, die nicht geflutet war. 20 % von New Orleans stehen ihm zur Verfügung. Ich frage ihn direkt, wie viel so ein Haus kostet. Er hat schon Angebote um 6 Millionen $ bekommen. Grazzy. Heute schaut er sich noch zwei Häuser an, die mit 200.000 $ angeboten werden. Er ist das Wochenende im Haus und werde ihm auf den Fersen bleiben. Das interessiert mich.  Und er ist sympatisch.

I am the leader of charity here: We need no goverment – we help ourselves

Das wird ein langer Tag. Und es wird ein mit allen Facetten bestückter Tag. Auf die „Viet Village“ weit im Osten hat mich schon am zweiten Tag ein Mann aufmerksam gemacht: Es lohnt sich, dort hinzufahren. So starte ich mit dem Bus 94 in Richtung „East“ und rechne mit etwa einer Stunde Fahrzeit. Es ist unglaublich, wie ausgedehnt New Orleans mit der Einfamilienhaus-Siedlungsweise ist. Immer wieder sehe ich das Wasser stehen und ich habe den Eindruck, wir fahren durch die „Swamps“ (Sümpfe). Es geht vorbei an der NASA. Vom Bus aus sehe ich ein Raketentriebwerk und denke: ganz schon groß.

Nicht mehr als 1 ½ Meter über dem Wasserspiegel

Wir biegen von der Hauptstraße ab und ich übersehe die Haltestelle bei der Kirche. So urgiere ich meinen Ausstieg bei der nächsten Möglichkeit. Eigentlich suche ich die „Viet Village Farm“. Ich habe schon schematische Darstellungen in einem Schaukasten der Tulane-University gesehen. Eine Schule bietet sich an nachzufragen. Es ist die Einstein-Public-School. Ich mache drinnen Fotos und werde gleich aufmerksam gemacht: No pictures. Sie können mir  nicht helfen. Sie kennen keine Farm. So schlendere ich an den schönen, flachen, sauberen Häusern vorbei. Große Autos zeugen von Wohlstand. Ich komme zur Kirche. Ein Mann klärt mich auf, dass sich  in dieser Gegend vorwiegend Vietnamesen angesiedelt hätten, ebenso Mexikaner und „ein paar Schwarze“. Insgesamt sind es um die 5.000. Es ist alles unglaublich sauber. Kein einziges vernageltes Haus. „Alle sind wieder gekommen“, meint er und macht bei der Rasenarbeit weiter. Die Kirche, der Hof und die Gebäude sind der Mittelpunkt dieser Gegend. In der Kirche bin ich alleine, aber im Hof kommen mir Leute entgegen. Einer scheint der Chief zu sein und ich spreche ihn an.

Sie warteten nicht auf die Hilfe der Regierung

Ich frage ihn, ob das alles unter Wasser stand. Ja. Seine Hand zeigte auf Hüfthöhe. Wenn ich ringsum schaue, dann waren alle Häuser und Gebäude einen Meter unter Wasser. Auch die Kirche? Ja. Und er sprach recht offen: „I am the leader of charity here in the parish. After Katrina we came back as soon as possible – about three weeks. We need no goverment. We help ourself  and all together“,  meinte er in einem vom Vietnamesisch geprägten English. Er hat es eilig, weil er zwei ältere Menschen mit dem Auto transportieren soll. Die „Pfarrsenioren“ haben sich getroffen. Er schildert noch kurz , wie alle zusammengeholfen haben. Ich frage, wann am Sonntag die Messe ist. „Um 11 Uhr – in English“, meint er und ich werde wieder kommen. Soweit ich sehe bin ich hier auf das stärkste Gemeinwesen (Commons) gestoßen mit unglaublicher Resilienzfähigkeit. Ich möchte noch mehr sehen und nachfragen: am Sonntag.

Das „Diözesanhaus“ hat unten eine massive Barriere

Mein nächstes Ziel heute ist das Diözesanhaus der Erzdiözese New Orleans. Einige haben mir schon vom legendären und im September mit 98 Jahren verstorbenen Erzbischof Hannan (1913-2011) erzählt. Das Begräbnis muss berührend und ein unglaublicher Massenauflauf gewesen sein. Er war Konzilsteilnehmer und Intimus von Präsident Kennedy. Er hat bewusst in den 60-er-Jahren einen schwarzen Weihbischof genommen als positives Zeichen zur Überwindung der Rassenprobleme. Er war sehr sozial eingestellt und hat praktisch geholfen, wo es nur ging. Ich bin überzeugt, dieser Mann hat die Stadt über Jahrzehnte geprägt wie Kardinal König die Kirche Österreichs und Bischof Zauner und Aichern die Diözese Linz. Kurz gesagt: Im Haus der Erzdiözese komme ich nicht über die Hürde der Portierin, „die niemand erreichen kann, der mir etwas zur Erzdiözese sagen kann“. Es ist 11.30 Uhr. Ich solle morgen um 13 Uhr kommen, meint sie und ich verlasse das Haus. Im Dahinschländern auf der Straße denke ich: Dort in der Pfarre diese lebendige Zelle der Kirche und da der „verwaltende Haufen“.

Street-Car auf der St. Charles Ave

Die Fahrt mit der Street-Car auf der St. Charles muss man gemacht haben, heißt es. Deswegen war sie übervoll. Sie fährt durch den „garden district“ vorbei an wunderschönen Häusern und Gärten. Als Baumwolle und Zucker um 1840 zu boomen begannen, sind hier „in den Feldern hinter dem  Hafen  die Herrschaftshäuser“ entstanden. Ich steige bei der Loyola-University aus und „erkunde die Möglichkeiten dort“. Musik und Spiel sind hier zentral. Ein wunderbarer Palmenhof würde das Inskribieren nahelegen. Zwei Professoren unterhalten sich angeregt über Finanzplanung und das Musical, das von den MusikstudentInnen aufgeführt wird, ist ausverkauft. Ich warte auf die Rückfahrt. Die Trasse der Straßenbahn benutzen viele als Laufstrecke. Dazu hätte ich jetzt direkt Lust. Ich steige wieder ein und fahre 25 Minuten zurück in die Canal Street, „Ausgangspunkt für alles“.

Einmal den Mississippi überqueren

Um den heutigen Kreis von Osten in den Westen noch zu vervollständigen, fahre ich mit der Fähre hinüber in das Stadtviertel „Algier“. Im 19. Jahrhundert von ankommenden Afrikanern besiedelt, hat sich auch dort ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl und Nachbarschaft entwickelt. So haben sie – sagt man – Katrina sehr bald überwunden gehabt und wichtige Gebäude wieder in Gang gebracht. Es ist die Abendstimmung, die ich genieße und die Skyline von New Orleans. Auf der Fähre bitte ich einen Mitfahrenden ein Foto von mir zu machen. Wir reden weiter und er erzählt, dass er von Honduras kommt und in einem Hotel arbeitet. Was er verdient will er  mir nicht sagen. Schade, aber ich bin überzeugt, dass es noch immer „Sklavenarbeit zu einem Hungerlohn mit Ausländern gibt“. Er bekommt übrigens nur Geld, wenn sie Arbeit haben. Jetzt überlegt er, wieder nach Hause zu fahren. Aber womit? Mir kommen die vielen Obdachlosen auf manchen Straßen in den Sinn und denke noch viel  mehr an jene Schicksale, die sich nicht auf die Straße trauen. Unter dieser Skyline spielt sich wirklich das „ganze Leben“ ab. Und ich erlebe vieles aus der Sicht von unten und aus der Sicht der Musik.

Apropos Musik

Auch wenn der Tag schon lange ist, so möchte ich ihn heute intensiv mit Musik ausklingen lassen. Auf dem Weg in die Frenchman Street entdecke ich das tolle „Cafe Maspero“ in der Decatur Street (teurer French Quarter). Mein Hunger will mit „Jambalya“ (Reisfleisch mit Meeresfrüchten, Fleich und Wurst und Salat) gestillt werden. Dazu trinke ich drei Glaserl weißen Hauswein. Die Atmosphäre ist alt, urig und ehrlich. Der Preis für alles 12$. Das Maspero wird mich öfter sehen. Es ist unglaublich, wie viel Live-Musik auch während der Woche geboten wird. An diesem Abend genieße ich fünf Gruppen und einen Klavierspieler, der alle begeistert hat. Die Musiker bilden ebenfalls Commons. Sie spielen in verschiedensten Zusammensetzungen. Einzelne tauchen immer wieder mal bei einem anderen Ensemble auf.  Am Gehsteig unterhalten sich zwei Musiker ganz intensiv darüber, wie der eine „in dieser Szene hineinkommen kann“. Nachdem sie fertig waren, frage ich den Bassisten, mit dem ich mich dieser Tage schon unterhalten habe, wie er das sieht: Man hilft sich gegenseitig und wenn einer oder eine gut ist, „dann brauchen wir sie ohnehin“. Wohlgemerkt: Alle diese Leute leben von der Musik, von den Geldern der BesucherInnen und dem CD-Verkauf. Ich habe auch schon drei Stück im Rucksack. Um 0.30 Uhr komme ich „heim“. Dort eröffnet mir man, dass ich die beiden kommenden Nächte nicht bleiben kann. Na dann, gute Nacht.

Time and space for the book: „Vom Ich zum Wir“ – Christian Schüle

Regen in der Nacht. Angenehm kühl am Morgen. Der Tag verspricht ein Innehalten. Das Buch „Vom Ich zu Wir“ von Christian Schüle ist im Koffer. Dort soll es nicht länger warten. Nach einem ausführlichen Frühstück zusammen mit einem Schweden, Kanadier, einer Dänin, einem Niederländer und zwei Australiern nehme ich meinen Rucksack und suche mein ruhiges Cafe „Pontalba“ am Jackson Square.

Einige „Thesen“ aus dem Buch aus dem ersten Kapitel „Aufstieg und Fall des zeitgenössischen Individuums“

  • Nie zuvor war der Einzelne freier als heute und nie zugleich in seiner Freiheit versklavter.
  • Auch wenn er ständig in Bewegung ist, lässt der Mensch sich von nichts mehr bewegen.
  • Der Mensch von heute ist erschöpft
  • Das Ich hat sein Wir verloren
  • Das freie Individuum ist nicht mehr über seine Freiheit im Bilde.
  • Das Leben, das der Mensch von heute wählt, ist ein Leben in der Beschleunigung.
  • Freiheit gerät nicht durch ihre Verhinderung in die Krise, sondern durch ihr unbewältigtes Übermaß.
  • Der totale Boulevard untergräbt die Kultur. (Wenn der Geist auf den Bloulevard kommt wie die Sprache auf den Hund, ist der Boulevard unversehens öffentlicher Geist. Die permanente Unterforderung des Bürgers durch Unterhaltung kommt seiner Entmündigung gleich. Entmündigte Menschen sind gleichgültig,…)
  • Der zeitgenössicher Mensch ist so gut wie allen Kontexten enthoben, sogar seiner selbst.
  • usw.

Das Buch ist noch nicht ausgelesen. In meiner konkreten Situation finde ich darin vieles auf den Punkt gebracht, was mich gesellschaftspolitisch (und im Umfeld der Parteipolitik) derzeit beschäftigt und in Zukunft in modifizierter Weise beschäftigen wird. Im India Haus angekommen, nehme ich kurz die  Tasten und dann wieder das Buch zur Hand.

NOLA GREEN ROOTS: Durch Gärten nachhaltige Communities bilden

Genau davon habe ich im Vorfeld einiges gehört. Communities werden um einen Garten gebildet. So entstehen „Nachbarschaftsstrukturen“. Heute will ich dem nachgehen und treffe den Executive Director Josep Brock von NOLA GREEN ROOTS im Office in der Tulane Street. Es ist ein Zufall, dass gerade er da ist.

Das ist ein „data-based buisiness“

Joseph Brock arbeitet in der „Küche“ an jungen Pflanzen. Ich dränge mich unangemeldet in seine Tagesarbeit. Er ist gleich bereit, mir einige Dinge zu erklären. Wir gehen in den Schulungsraum und er nutzt die Tafel, mir alles aufzuzeichnen. „Normalerweise sitzen hier viele“, meint er lächelnd. Aus Österreich war noch nie jemand da. In jedem Fall lässt er keinen Zweifel, dass diese Arbeit ein ganz gewöhnliches Geschäft ist. Auf seinem Smartphone zeigt er mir das datengestützte System. Derzeit gibt es acht dieser Gärten in New Oleans.  Sie arbeiten alle nach demselben Prinzip und die Dachorganisation gibt die Ziele vor und entscheidet, ob ein Garten „successfull“ ist oder nicht. Es gibt genau Kennzahlen, nach denen die Gartengemeinschaften arbeiten.

Die Zusammenarbeit in der Gartengemeinschaft

Jede Gartengemeinschaft arbeitet selbständig, bekommt Unterstützung und wird über NOLA organisatorisch betreut. Normale Mitglieder arbeiten wöchentlich, andere bezahlen einen höheren Mitgliedsbeitrag, weil sie nicht die Zeit haben und doch von NOLA profitieren möchten. Da  gibt es klare Regelungen. Auch die Körbe mit Gemüse und Obst werden über NOLA – über das Internet – abgerechnet. Professionell. Einige Restaurants gehören auch zu den Abnehmern. Immer öfter liefern Restaurants ihren organischen Abfall und bezahlen dafür, dass er im Garten kompostiert wird. Er zeichnet einen Früchte-Kreislauf und einen Kompost-Kreislauf an die Tafel. Was hier entdeckt wird, ist für uns in Österreich Standard. Was neu ist, dass Gärten „communities“ bilden. Der Garten „Mid City“ auf der Straße gegenüber ist sauber und geordnet. Er dient dem Office auch als Lern- und „Zeigegarten“.  Wöchentliche Treffen stärken die Community. Knowhow wird ganz offen an die Mitglieder und vor allem die Kids und Junge weitergegeben.

Dem Auto Fläche wegnehmen

Wenn ich durch die Vorstädte wandere, wird mir immer klarer: Vor jedem Menschen kommt das Auto. Die Straßen sind breit bis hin zum kleinen Haus. Unglaublich viel Fläche wäre da für Gärten, Spielplätze (habe ich noch keine gesehen) und Natur. Sie müsste dem Auto abgenommen werden. NOLA GREEN ROOTS ist aus der Erfahrung von Katrina entstanden. Es gab keine Früchte und Gemüse. Aufgrund der vielen  frei gewordenen Parzellen finde ich diese Idee hervorragend. Mit etwas Stolz blicke ich nach Österreich und hoffe, „dass der grüne und nachhaltige Weg wieder mehr beschritten und gefördert wird, gerade in der Stadt.“ Und irgendwie verfestigt sich der Gedanke, auch in Kirchschlag so ein „communiy gardening“ zu beginnen – wegen der Früchte und der neuen Zusammengehörigkeit.

Nicht einmal ein Tropfen auf dem jetzt wieder trockenen Lower 9th Ward

Leute sagen: Dort sollte man sich nicht zu viel herumtreiben, besonders nachts. Gemeint ist der Lower 9th Ward, östlich des „industrial canals“ zwischen Mississippi und dem Industrieviertel, das großteils unter dem Normalwasserspiegel liegt. Dort standen 4.000 Häuser – bis Katrina. Aus dieser Gegend stammt Louis Armstrong (1901-1971) und einige weitere berühmte Musiker. Vor allem in den 1940er-Jahren wurde dieses „lower area“ besiedelt. Vor allem Schwarze und Arme könnten sich diese Gegend „leisten“. Die Kriminalität war hoch. Die Nachbarschaftshilfe und das gemeinsame Leben allerdings ebenso.  Und jetzt? Ich fahre mit einer gewissen Anspannung mit dem Bus 84.

Fast wie ausgestorben

Der Busplan sieht eine „Rundfahrt“ vor. Ich fahre diese Runde mit. Die Gegend ist wie ausgestorben. Nach meiner Schätzung fehlen 70% der Häuser. Von den übrigen sind die Hälfte unbewohnt und die anderen so recht und schlecht. Es waren einmal 4.00o Häuser. Vor allem vorne am „levee“ (Damm: Es gibt T-Shirts zu kaufen mit der Aufschrift – Make levees not war!) fehlen 90% der Häuser. Das Holz und der Schutt sind weggeräumt. Beklemmende Gefühle kommen hoch, wenn noch die Aufgangstufen da sind und das Haus fehlt. Dort, wo ich jetzt zu Fuss unterwegs bin, ist der Damm gebrochen und das Wasser wie ein Riesenschwall über die Häuser hereingebrochen. Ich bleibe eine lange Zeit stehen und stelle mir das vor. Es ist unvorstellbar. Verständlich, dass diese Gegend zwar wieder besiedelt werden soll, aber der Zuzug sich in Grenzen hält. Das hat verschiedene Gründe: Die dauernde Erinnerung an das Desaster. Die arme Bevölkerung kann sich die Rückkehr nicht leisten. Die Formalitäten sind extrem kompliziert, um zu Förderungen zu kommen. Die Stadt bietet nicht genug Arbeitsmöglichkeiten.

Neue bunte Häuser  mit „green technology“

„Make it right“ nennt sich jene Organisation, die medienwirksam über die ganze Welt bekannt wurde durch das Aufstellen der pinken Häuser und das Engagement von Brad Pitt. Ziel ist, etwa 150 Häuser mit „green technology“ zu errichten. Aus meiner Sicht stehen bis heute 50-70 in dieser Gegend. Genau gezählt habe ich nicht. Es ist aber überschaubar. Es sind sehr schöne Häuser. Stararchitekten haben ihnen eine Form gegeben. Ein Mann erzählt mir, dass er glücklich ist, hier zu wohnen. Er betont aber, dass zu wenige Leute da sind und ist stolz, weil auf der Nachbarparzelle der Bagger angerückt ist. Bei mir selber denke ich: Diese große Aktion in Ehren – aber das ist in Anbetracht des Ausmaßes nicht einmal der berühmte Tropfen. Es ist aber wie bei so vielen anderen Dingen in der Welt: Eine gute PR-Arbeit lässt die Leute darüber reden und das ist zum Teil schon Hilfe genug.  Ich bin überzeugt, dass dieser Stadtteil (so wie andere auch) erst wieder wachsen und belebt werden kann – von Menschen, die hier ihren Lebensinhalt sehen – Brad-Pitt-Aktion hin oder her.

Ein Fleckerl „Urban Farming“

In einer Zeitung in einem Kaffeehaus lese ich, dass Frau Jenga Mwendo (33) die Gründerin des Backyard Gardener’s Network ist. Natürlich halte ich Ausschau – und werde fündig. Eine kleine Tafel kündet von der Eröffnung dieser „urban farm“. Ich muss an meine Schwiegermutter denken, die mir ihren 88 Jahren einen eigenen Garten in der Siedlung betreibt. Eine klassische Urban-Farmerin. Sie weiß noch alle Ätzes, wie etwas wächst und wie man eine Familie selbst ernähren kann. Hier in  der Deslonde Street ist es der Versuch, mit community-gardening sich selbst zu versorgen. Ich habe den Eindruck: Hier muss wieder viel Knowhow zurückgewonnen werden. Wenn in einer amerikanischen Stadt überhaupt Gemüse wächst, dann höchstens im Supermarkt. Der Mensch hat viel verlernt und viel an Abhängigkeit gewonnen. Ich wandere den Damm entlang und steige in eine andere Buslinie ein. Dort sind wir 10 Leute, vor allem junge. 80% davon haben Stöpsel im Ohr oder spielen am Handy. Ein älterer Herr und ich unterhalten uns recht und schlecht über das Leben in New Orleans.  Er schaut in die Bus-Runde und meint sinngemäß: Wo soll das noch hinführen? Ich nicke nachdenklich und denke an die verkümmerte urban farm.

Leiste einfach deinen Beitrag

Heute wage ich das erste Powernapping am späten Nachmittag. Das tat gut. Dann suche ich das Kaffehaus „envie“ auf. Ich nehme Platz und und Zeit nachzusinnen. Die hübsch Kellnerin schaukelt den Betrieb alleine. Das Haus atmet Vergangenheit und keine andere Zukunft als die vergangene. Nur die Laptops weisen auf das Heute hin. Ich sitze mit meinem analogen Tagebuch da. Ein guter Platz, um nachzudenken. Beim Herfahren hat mir eine ältere Frau ihr T-Shirt mit einem Spruch so hergehalten, dass ich ein Foto machen musste. Was ist der Mensch? Was sind die Weltgestalter wie Obama? Heute denke ich: Viele Dinge lassen sich nicht gestalten, sondern entstehen um Werden. Weil so viele Menschen IHREN Teil tun, entsteht der Fluss des Ganzen. Das envie ist gleich in der Nähe des Mississippi. Glauben wir nicht immer noch zu oft, etwas gestalten, machen zu müssen? Heute denke ich: Es wird – oder eben nicht. Wichtig ist mir: Leiste DEINEN Beitrag zum Ganzen – und das ganz. Alles andere wird. Lächerlich, was die Weltgestalter alles zur Rettung der Welt „aufführen“. Paul Lendvai schreibt heute in einem Kommentar im Standard: „Die Politiker müssten Risiken eingehen und in der ersten Person sprechen.“ Mein Beitrag in der Ich-Form ist gefragt.

Die Kellnerin bedient einen jungen Mann. Er hat die Ohrstöpsel drinnen. Sie will etwas nachfragen. Er hört nicht, weil er hört. Sie stellt ihm den Kaffee hin und er schaut sie an. Sprachlos. Sie dreht sich um. Er auch. Ein Stück individuelle „Bedürfnisabgleichung“ hat nicht stattgefunden. Er weiß es nicht und sie macht einen verwunderten Eindruck. Die Macht der „smart divices“. Distanz ist angesagt, oder? Irgendwie habe ich Lust, in die Frenchman Street zu gehen, Musik zu hören. Nein, heute geht es „heim“.

What’s going on in your life? Besuch bei zwei Freikirchen

In aller Frühe huscht an mir ein junger Mann im Garten vorbei. Der Spruch am Rücken spricht mich an: small farmer – big chance! Ich wollte noch ein Foto machen. Er war schneller. In jedem Fall bin ich auch überzeugt, dass gerade in der Landwirtschaft ein anderes Paradigma kommen wird. Nicht je gößer, sondern klein kann viel. Urban Gardening werde ich auch hier aufsuchen. Es gibt sie, die Hinterhöfe, „die für die Selbstversorgung genutzt werden.“

Eine Stunde Predigt

Ich nehme mir für den heutigen Kirchenbesuch zwei „Freikirchen“ vor. Ich beginne bei den „Vicotry Fellower“ und wechsle dann in die „First Pentecostal Church“. Soweit vorweg: Die Plätze sind zu 20 % „besetzt“.  So kann man das nicht sagen, weil die GottesdienstzteilnehmerInnen die meiste Zeit stehen, klatschen, die Hände heben zum Lobpreis.  Es ist ungewohnt, dass mehr als eine halbe Stunde eine Band und ein Chor mit religiösen Popsongs die Menschen „aufwärmt“. Zeugnis aus den Gottesdienstbesuchern und das Hereinnehmen von Gemeindemitgliedern und ihrer Sorgen brühren mich. Jesus, touch the body of…! Dann eine Predigt von mehr als einer Stunde, die mich eher an Propaganda als Frohbotschaft erinnert.  Wir sind alle Sünder, die Feinde Gottes müssen bekämpft werden, lauter Räuber und Verbrecher gestalten die Welt, die Protestierenden bekommen Zuspruch, so viele Menschen sind in der Welt „for nothing“,  so viel Arbeit „is for nothing“, unser Konsum ist Zerstrung. Die Lösung: Jesus had died for us, for you and me! Gott hat aus der Gefangenschaft geführt und dazwischen immer wieder: We praise you, Lord!

Mein Resümee

Ohne irgendwie den Eindruck zu erwecken, dass das eine theologische Reflexion ist:
Die Leute lassen sich mitreißen vom anstachelnden Singen und Beten.
Das Absammeln für die „homeless“ und für die Gemeinde ist zentraler Ritus und jede/r geht dabei nach vorne.
Im Raum liegt Freiheit, einige gehen einfach herum, stehen, sitzen, klatschen und reden laut dazwischen (zustimmend).
Es gibt keine sakramentalen Zeichen außer die goldene Schale für die Spenden.
Videowand ist das zentrale Instrument mit professioneller Handhabung (Texte, Filmsequenzen).
Das Schema gut-schlecht, Sünder-Geretteter spielt eine entscheidende Rolle. Mir fällt der Film „Wie im Himmel ein“: Ihr habt die Sünde erfunden, damit ihr sie uns vergeben könnt.
In beiden Kirchen werde ich mehrmals mit Handschlag begrüßt. Sie gehen auf Neue besonders zu.
Mir fehlen die meditativen Momente und der Glaube: Gott ist schon unter uns – bevor wir ihn herunter oder herbeisingen müssen.

Das Rundherum

Das Wetter ist „chilly“, aber sonnig. Im India House ist eine unkomplizierte und kommunizierende Atmosphäre. Scharfes Essen („dirty rice“) hat meine Haut „zum Ausschlagen“ gebracht. New Orleans ist teuer – sagen die anderen und ich denke das auch manchmal. Sprachlich werde ich immer fitter.  Gut, dass das Skypen mit Gerlinde wieder funktioniert. Ab morgen geht es in die Projekte.

Häuser werden einfach verschoben

Eigentlich wollte ich zu einer Hochzeit in die St. Joseph-Church gehen. Gestern kam ich vorbei und es war gerade „Probe“. Fünfzehn  Zubrautpaare waren im Altarraum und standen um das Brautpaar herum. Das wollte ich live miterleben. Aber: The Church is closed. I want to pray – war nicht ausreichend und so habe ich mich auf den Weg zu Superdome gemacht.

Ein ganzes Schulgebäude wird verschoben

Mein Weg führt mich vorbei an einer ganz großen Baulandfläche. Ich betrete sie verbotenerweise und nähere mich dem großen Gebäude in der Mitte. Der Bauleiter „geht mir schon entgegen“.  „I am form Austria“, war die Begrüßung und  er erklärt mir, was hier vor sich geht. Dieses Gebäude wird jetzt auf Räder gestellt und dann etwa 2 km transportiert . Im Hingehen ist mir schon ein relativ altes Einfamilienhaus aufgefallen, das nach einem Transport einfach abgestellt wurde.

Superdome stand im Wasser

Ich erinnere mich noch ganz genau an die Bilder mit den vielen Menschen im Superdome und das Wasser rundherum. Es ist ein riesiges Stadion, in den 70-er-Jahren erbaut. Heute ist es außen saniert und hat eine „goldene“ Hülle. Ich gehe rundherum und es ist ein weiter Weg. Immer schaue ich auf die Hochhäuser rundherum. Ich möchte auf dieses Bauwerk von ober herabschauen. Eines der Hochhäuser ist ein Hotel. Eine tschechische Portierin erklärt mir ausnahmsweise den Weg in das Fitness-Studio im 32. Stockwerk. Ein phantastischer Überblick. Lange meditiere ich diesen Blick auf die weit und flach ausgewalkte Stadt. Wo sind die Berge? Nirgends. Der Mississippi schlängelt sich in seinem über Jahrtausende angelegten Delta dahin. Seit 1717 hat sich hier der Mensch in der „urbanen Lebensform“ dazugesellt. Ich sehe jetzt: Wer so nahe am Wasser ist, „muss“ mit nassen Füssen rechnen.

50.000 Häuser unbewohnt
Von verschiedenen Seiten habe ich diese Zahl nun gehört. New Orleans hat 340.000 Einwohner, etwa um 160.000 weniger als vor Katrina. 50.000 Häuser sind noch unbewohnt bzw. warten auf einen Käufer bzw. werden vermietet. Bei meinem Durchgehen durch Mid-City bilde ich mir selbst ein Urteil und denke: Diese Häuser sind einfach kaputt. Sie können meiner Ansicht nach nur abgerissen werden. Nachdem aber bei Katrina auch die Aufzeichnungen der Stadt verloren gingen, ist bei vielen Parzellen und Häusern noch immer nicht klar, wem sie tatsächlich gehören. In jedem Fall sind solche Stadtteile nicht gerade attraktiv. Abreißen und freie Flächen wären ansprechender als die Ruinen. Beklemmend.

Ein Buch, das „VERÄNDERT!“

Es ist windig und „chilly“ geworden. So verziehe ich mich in ein altes Kaffeehaus mit dem Buch von Christoph Chorherr „VERÄNDERT!“.  Zwei Kapitel habe ich schon im Herfliegen gelesen. Jetzt vollende ich es. Er beschreibt eine neue nachhaltige Gesellschaft, die er selbst schon in vielen kleineren Projekten in Wien initiiert und wesentlich mitgestaltet hat. Das ist das Wertvolle an diesem Buch, das die Veränderungen schon gelebt und gestaltet sind und nicht erst propagiert werden. Es geht um den Menschen und um alle Menschen auf dieser Welt, die ein Anrecht haben, „gut zu leben“. Es ist nicht der Umweltschutz, sondern die Gerechtigkeit.  Anregend und konkret geschrieben. Vor allem seine Gedanken zur Bildung sprechen mir aus der Seele und die Demaskierung des Götzen Auto. Lesenswert.

Facebook hat mir dieses Mittagessen eingefädelt und die Kontakte zu Margit Hauft

Schon beim Voodoo-Festival habe ich festgestellt: Die Jugend hält sich am Smartphone an.  Das zieht sich überall durch. Alles wird gleich auf Facebook „ge- und beplaudert“. Ehrlich: Ich genieße diese „Plaudereien im digitalen Gasthaus“. So bekomme ich von daheim doch sehr viel mit. Auch der heutige Kontakt kam über FB zustande. Eine FB-Freundin hat eine tatsächliche Freundin in New Orleans und diese hat sie „angestachelt“, dass wir uns einmal treffen. Heute war es soweit – im Bon Ton. Ich bin zum Mittagessen eingeladen.

„My English ist small“

So habe ich Kontakt aufgenommen und über mich informiert. Vicki hat daher ihre Arbeitskollegin und Freundin mitgenommen, die in Deutschland geboren wurde und sehr gut deutsch spricht. Ich bleibe aber dabei, dass ich mit meinem „Small English“ durchkomme. Und wir haben uns prächtig unterhalten und verstanden. Crawfish, eine hiesige Spezialität, wurde aufgetischt im vollen Restaurant. Ich genieße das Essen und das Gespräch.

Die gemeinsame Freundin, Energiefragen und Katrina

Wir reden lange über unsere gemeinsame FB-Freundin, die  in den 90-er-Jahren in New Orleans gearbeitet hat. Vicki und Leila arbeiten im größten Energieunternehmen in Lousiana, Headquater in New Orleans. Atomstrom ist für sie ok. Sie wissen vom Ausstieg Deutschlands und ich erzähle von Zwentendorf. Wir lassen das im Angesichte Fukushima*s so stehen. Ihre Firma ist in unmittelbarer Nähe zum Superdome und musste bei Katrina absiedeln. Zehn Monate waren sie im Norden Luisianas und dort haben die beiden sich kennengelernt. „Die ganze company hat shoulder on shoulder diese Zeit überstanden“, meinten sie. Es hat sie zusammengeschweißt als Firma. Es war eine unglaubliche Zeit. Leila hat damals ihr Haus verlassen wegen des Sturmes und hat nie daran gedacht, dass später ihr Haus 2 Meter unter Wasser steht. „Die Möbel und alles ist wie durch einen Mixer im ganzen Haus verstreut als ich nach drei Wochen zurückkomme.“  Sie haben das Haus und das Grundstück verkauft.

Die Förderungen waren für Ärmere unerreichbar

Sie erzählt, dass die Förderungszahlungen sehr schwer zu bekommen waren. Man musste auf der Hut sein, weil die Regeln immer wieder verändert wurden. Sobald man eine Frist übersehen hatte, wurde es schwierig. Man brauchte unbedingt ein Fax, sonst hat man gar keine Anträge weitergebracht. Die Ärmsten hatten nicht die Kenntnis und die Ausdauer, hier immer wieder dran zu bleiben. Und so sind sie aus bürokratischen Gründen oft aus den Förderprogrammen herausgefallen.  Außerdem hatten wie oft keine Papiere und Grundstücksurkunden und konnten so ihren Anspruch nicht geltend machen.  Die Ärmsten, die die Förderungen am dringendensten gebraucht hätten, sind nicht dazu gekommen.  Außerdem ist alles viel teurer geworden und Überbrückungskredite haben nicht ausgereicht. So sind viele Schwarze nicht mehr zu ihren Häusern gekommen.

Dank an Margit Hauft

Lange höre ich zwei Musikerinnen in der Royal Street zu. Hervorragend. Immer wieder muss ich an die Abschieds- und Dankfeier für Margit Hauft denken. Sie war 13 Jahre KA-Präsidentin in Oberösterreich und in den verschiedensten Bereichen der Diözese tätig, weltoffen,  gläubig, sozial und „gstanden“.  Ihre bilderreiche Sprache hat mich immer angesprochen und ich durfte dann und wann auf einen Kaffee mit ihr gehen. Sie hat auch den österreichischen Bischöfen ihre Achtung abgerungen. Aufrechtes christliches Leben führt ein offenes Wort. Sprechverbote hat sie nicht akzeptiert. Dafür danke ich ihr ganz besonders. Andrea hat eine Gruppe 4. 11. auf FB begründet und dort habe ich mich gleich von Anfang an beteiligt und „mitgelebt“.  Margit: Sei behütet!