Wenn Raften auf der Salza zum Bild für die Kirche wird

Zwölf Frauen und Männer. SeelsorgerInnen in Linz. Zwei Boote. Eines davon etwas kleiner und ohne Guide. Die Fahrt durch die Schlucht an der Salza ist das Ziel. Fast alle tun dies zum ersten Mal. Ungewohnte Erfahrungen und Erlebnisse stehen an. Neuland bzw. Neuwasser wird betreten. Ein gutes Bild für die Kirche heute.

Einkleidung und Trockentraining

Es beginnt mit der Entkleidung und dem Anziehen eines Neoprenanzuges. Die Schwimmweste muss gut sitzen. Ungewohnt für Neulinge, bekannt für den Taucher unter uns. Einschulung bei den Booten. Trockentraining und Erzählungen davon, was alles passieren kann und wie wir uns einander am besten helfen können. Der Guide ist Sportstudent und macht uns Mut. Er braucht uns aber alle zusammen bei der Fahrt auf dem unruhigen Wasser auf der Salza und durch die Schlucht. Jede und jeder wird gefordert sein. Wer sitzt vorne, wer in der Mitte, wer wagt sich in das kleine Boot? Verdutzte und doch vertrauensvolle Blicke. Jede und jeder lässt sich im 5° kalten Wasser treiben, damit wir das neue Lebenselexier Wildwasser kennenlernen. Es wird schon gut gehen. Die Boote kommen ins eiskalte Wasser. Sofort treibt die Strömung die Boote los. Es geht sofort zur Sache.

Gefahrenstellen, Ruhigwasser, Sprungstellen und wunderbare Umgebung

Ohne Erfahrung treibt das kleine Boot voll in die erste Gefahrenstelle und einer „geht ins Wasser“. Eine absolut gefährliche Situation und alle sind sich der Herausforderung, der Eigendynamik des Wildwassers bewusst. Ermutigung vom Guide und Sensibilität der Rafter. Gemeinsam lernen, mit der Strömung umzugehen, ja sogar die Wellen zu genießen. Es heißt, ein Gefühl, Erfahrung und Wissen zu bekommen vom „Lauf und der Kraft des Wassers“. Die Zeichen der Zeit erkennen im Fluss des Lebens und der Welt ist die einzige Chance der Kirche auf dem Weg durch die Zeit. Wenn die Kirche heute auf diesem Wildwasser mitfahren möchte, dann braucht sie das Verlassen der „Trockentrainingsstellen“. Der Guide meint: Wenn das Wetter schön ist, dann ist die Salza ganz bunt mit den Booten der Menschen, die durch die Schluchten fahren. Wir können nicht am Ufer stehen bleiben und gute Tipps zurufen, ohne selbst am Wasser zu fahren. Wie wollen wir mit unserem Schatz von Lebenswissen bei den Menschen ankommen, wenn wir nur für einem Moment am Ufer auftauchen und dort wieder verschwinden? Nicht verstanden und nicht wahrgenommen. Wie können wir rettend eingreifen, wenn wir uns nicht nass machen wollen? Selbst das ans Ufer gehen ist gekennzeichnet mit der besonderen Begegnung mit dem fließenden Wasser. Hineinspringen vom Felsen oder sich in der Sonne wieder aufwärmen. Aber es geht am Wasser weiter.

Es macht Spaß, gemeinsam durch die Wellen des Lebens zu fahren

Die Erfahrung des Raftens ist ein gutes und brauchbares Bild für „Kirche als Volk Gottes gemeinsam am Wasser der Zeit unterwegs“. Es macht noch dazu Spaß. Außerdem sehen wir, wie wir als Team im Boot agieren und unsere Rollen finden je nachdem, was uns liegt. Mich wundert heute oft, wie missmutig und mit erhobenem Zeigefinger viele kirchliche Würdenträger am Ufer stehen und alles besser wissen wollen. Sie warnen vor dem Wasser, das uns so wunderbar und erfrischend dahinträgt. Das Leben findet am Wasser statt. Das heißt aber auch, dass Sakramente als Zeichen der Liebe und Nähe Gottes auf das Boot mitgenommen werden und sich nicht  Ufer vollziehen. Wer heute Gott ans Ufer verbannt, der hat ihn oder sie schon verloren. Ich bin mir sicher oder glaube zumindest: Gott fährt mit.

„Einstimmungen“ auf den PGR-Kongress in Mariazell von 13. bis 15. Mai 2010

Mehr als 500 Pfarrgemeinderäte aus ganz Österreich treffen sich zusammen mit den Bischöfen und Verantwortlichen der römisch-katholischen Kirche in Mariazell von 13. bis 15. Mai – zum Kongress und zur Wallfahrt. Im Vorfeld gibt es bereits „Anmerkungen“ und konkrete Überlegungen zur Weiterentwicklung der Pfarren. Ich selber werde am 12. Mai um 9 Uhr zu Fuss von Ybbsitz nach Mariazell zum Kongress aufbrechen. Gehen heißt: Beten mit den Füssen.  Auf meinem Blog möchte ich Dokumente, Erfahrungen und Überlegungen zur Verfügung stellen und ins „Gespräch“ bringen. Es geht um viel.

Gabriel Feiner, Vorsitzender PGR Mürzzuschlag: Kirche braucht Neuausrichtung

„Die katholische Kirche braucht dringend Umkehr und Neuausrichtung – Neuausrichtung in Richtung Jesus Christus. Die Kirche „funktioniert“ in ihren kleinen Einheiten, den Pfarren oft noch recht gut. Heute haben aber immer mehr Menschen Glauben – Hoffnung und Liebe zur römisch katholischen Kirche verloren.
Glaube: Der Kirche kann man nix glauben. Jesus ist für Vergebung, die Kirche vergibt den Wiederverheirateten nicht. Jesus sagt, es sollen ALLE zu ihm kommen, die Kirche stellt Bedingungen. Jesus nimmt in einer patriarchalischen Gesellschaft die Frauen ernst und wichtig. Die Kirche wagt es heute noch Frauen aus dem gesamten Klerus auszuschließen, Frauen das Recht der Berufung abzusprechen, und verstößt gegen das Menschenrecht der Gleichbehandlung der Geschlechter. Die Kirche spricht sich Gegen Sex und Lust aus. Beinahe alle Katholiken sehen aber Sexualität und Lust vor und in der Ehe als göttliches Geschenk. Der katholischen Kirche können wir nicht mehr so einfach Glauben, dazu fehlen Authentizität, das Vertrauen und die Ehrlichkeit.
Hoffnung: Es gibt fast keine Hoffnung auf Besserung. Die Kirche verweigert oft den Dialog, und wo sie Dialog zulässt, ist es meist kein echter Dialog, denn echter Dialog setzt eine eigene Veränderbarkeit, eigene Beeinflussbarkeit voraus. Dass es mit dem Zweiten Vatikanum große Veränderungen gegeben hat, weiß heute fast keiner mehr. Die Kirche tritt als eckiger Stein in Erscheinung, der sich auch beim größten Erdbeben keinen Millimeter bewegen will. Alle Hoffnung scheint verloren.
Liebe: Jesus stellt mit seinem wichtigsten Gebot der Gottes- und Nächstenliebe die Prioritäten eindeutig und klar. Die kath. Kirche stellt pharisäerhaft widersinnige Gesetze auf und verursacht mit dem Verhütungsmittelverbot tausendfachen Tod. Wenn Sie als Bischöfe gegen Abtreibung sind, müssen Sie sich öffentlich für Kondom und Pille aussprechen. Liebe und schnackseln gehören zu einer festen, guten Partnerschaft auch außerhalb der Ehe, die katholische Kirche darf diese Tatsache nicht „verteufeln“, denn wenn die Kirche diesen großen Teil der Liebe unseres Menschseins nicht ernst nimmt, können wir auch die Kirche nicht ernst nehmen. Kirche hat hier jeden moralischen Anspruch verloren.
Was ist zu tun?
Sie als Bischöfe sind nicht demokratisch gewählt, umso mehr sind Sie verpflichtet Ihr Kirchenvolk ernst zu nehmen und zu vertreten. Meist haben Sie ja keinen realistischen Blick mehr für das Kirchenvolk, meist sagt man Ihnen das, was man meint, dass Sie hören wollen, meist werden Sie von selbsternannten Glaubenshütern mit Briefen und Telefonaten sehr beeinflusst, während normale Katholiken ihre Hoffnungen und Wünsche nicht bis zu Ihnen tragen.Liebe Bischöfe, vertreten Sie uns, wir wollen, dass die Priesterberufung nicht mehr an das Zölibat gebunden ist. Wir wollen Gleichbehandlung und gleiche Rechte der Frauen in der Kirche. Wir wollen eine Neuorientierung der Kirche zum Thema Sexualität. Wir wollen, dass Homosexualität in der Kirche als sexuelle Orientierung und nicht als Krankheit anerkannt wird. Wir wollen wieder unserer Kirche glauben können, wir wollen wieder auf Verbesserungen hoffen können, wir wollen wieder die Liebe leben und verkünden können. Dazu ist es notwendig, dass es zu einem neuen Konzil kommt. Liebe österreichischen Bischöfe in Ihrer Verantwortung Ihrem Kirchenvolk gegenüber setzen Sie Ihre Kraft für ein „Erstes Konzil von Assisi“ mit Beteiligung der sogenannten Laien ein, und verändern Sie unsere Kirche, machen Sie unsere Kirche wieder zu einer Kirche im Sinne Jesu! Gabriel Feiner, Schmiedemeister“

Pfarrer Gidi Außerhofer: Sehr geehrter Herr Bischof Kapellari!

„Ich stimme Ihnen gerne zu, dass die Erneuerung der Kirche nicht die „Gefahr einer Spaltung“ mit sich bringen dürfe. Aber in Wahrheit spaltet die Ängstlichkeit und das Nichtstun unserer Kirchenleitung bereits unsere Glaubensgemeinschaft – siehe Austrittszahlen! Deshalb ist Ihrem „Widerstand“ gegen vorgeschlagene Wege der Erneuerung auch Widerstand entgegen zu setzen. Ihre Aussagen konterkarieren übrigens das Kirchenrecht, in dem es heißt, dass „die Gläubigen das Recht und bisweilen die Pflicht haben, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, kundzutun“ (Can. 212 § 3) Als Seelsorger erfahren wir es übrigens als sehr leidvoll, wenn durch die Pfarrverbände in einseitiger Weise die Lösung der Personalprobleme das Heil der Zukunft gesehen wird und damit die – auch von Ihnen angesprochene – Ausdünnung „der missionarischen und sakramentalen Dimension“ der Kirche voranschreitet. Da Sie – laut Sonntagsblatt – „allen KatholikInnen und Katholiken, die sich jetzt verantwortungsvoll Sorgen um unsere Kirche machen, dankbar sind“, erstaunt es umso mehr, dass Sie Vorstellungen solcher engagierter Christinnen und Christen in den verschiedenen Reformbewegungen sehr brüsk ablehnen. Wer sich in den Pfarrgemeinden umhört, der erfährt, dass es „einige Sekunden (nicht Minuten!!!) vor 12“ ist, um Reformen zumindest einmal offiziell auch anzudenken. Nur das wird uns auch helfen Schritte aus der Vergangenheit in die Zukunft auch glaubhaft gehen zu können. Nur wenn die Kirchenleitung (Papst und Bischöfe) glaubwürdig neue Wege in der Verkündigung (lebensbejahende Ehepastoral in allen zusammenhängenden Lebensfeldern) und in den Strukturen (Frauenfrage, Freistellung der priesterlichen Lebensform…) angeht, wird es „noch einmal“ möglich sein, „dass möglichst alle engagierten Katholiken im Boot bleiben“, wie Sie im Sonntagsblatt hoffen. Sie als Bischöfe tragen diese Verantwortung und es liegt an Ihnen, ob Sie endlich auch die aus ihrem Gewissen heraus handeln wollenden Frauen und Männer des Ihnen anvertrauten Kirchenvolkes ernstnehmen und in Rom auch vertreten. Sie befürchten, dass im Boot „gegeneinander gerudert“ wird. Leider erlebt vielmehr ein größerer Teil des Kirchenvolkes, dass die Bischöfe immer weiter „zurückrudern“, sodass die Zielrichtung des gemeinsamen Ruderns nicht mehr klar ist und Spannungen erzeugt. Leider zeigt sich dies auch im Nichtanrühren der sogenannten „Heißen Eisen“ durch die Bischöfe: deswegen bleiben sie auch ständig „auf dem Tisch“. Dies führt zu vielfacher Enttäuschung und Resignation und die Kirche wird so im „Sprung nicht nur gehemmt“, sondern sogar gelähmt.Ich danke den Bischöfen für das couragierte Eintreten für die Missbrauchsopfer. Bei diesem Engagement allein aber darf es nicht bleiben, damit die Qualität der Seelsorge nicht noch mehr leidet und unsere Pfarrgemeinden auch weiterhin Orte der Hoffnung und der Glaubensfreude sein – oder vielmehr noch werden – können. Dazu bedarf es aber sichtbarer und spürbarer Reformen in der Kirche, damit die Schuhe des Kircheseins nicht weiterhin drücken!
In drängender Sorge, dass die befreiende Botschaft des Evangeliums durch die Kirche in geisterfüllter Weise weitergegeben wird, verbleibt mit freundlichen Grüßen, Gidi Außerhofer, Pfarrer in Oberalm und Puch (Erzdiözese Salzburg)“

Beitrag auf ORF Religion:  http://bit.ly/a8IZ6G

Christsein ist ein Auswärtsspiel oder Kirche in der City braucht extrovertierte PR

Nicht dort, wo wir ChristInnen selber den Ort oder das Format bestimmen, sondern dort, wo wir im Fremden angenagelt werden, bewährt sich das jesuanische Christentum. Die heutige Marktsituation ist Realität und als Handlungsrahmen bestimmend. Das ist als Ausgangspunkt zu aktzeptieren.  Aufmerksamkeit muss man sich verdienen und das mit einem professionellen Vorgehen. Es braucht eine neue Inszenierung der Mitte und Markierungen aus dem Evangelium für die Zeit heute. Citypastoral ist daher in Zukunft extrovertierte PR-Arbeit. Diese Logik ist mir absolut nicht fremd und bei der Tagung in Köln fühlte ich mich sehr verstanden und bestärkt, Seelsorge in der Stadt poinitierter, profilierter und mit dem Heute kompatibler zu sehen.

Die Stadt zeigt dir, was zu tun ist

Matthias Sellmann, Pastoraltheologe zu Bochum, hat mit den mehr als 140 TeilnehmerInnen an der Tagung die Erfahrungen pastoraltheologisch „eingeordnet“. Er wurde damit zum Stachel für die zukunftige Arbeit. Nicht wir bringen etwas in die Stadt, sondern die Stadt lehrt uns, was heute aus dem Evangelium heraus zu tun ist. Die Stadt ist nicht oberflächlich oder gottlos (wie von Bischöfen und anderen immer wieder zu hören ist), sondern artikuliert jene Sehnsucht der Menschen, die wir in der Citypastoral aufgreifen und ansprechen können. Nur mit den Menschen der Stadt zusammen können wir glaubhaft erlebbar machen, was Glaube, Hoffnung, Liebe, Auferstehung, Gemeinschaft, Leid usw. bedeuten. Radikal im Erfahrungshorizont und in der Sprache der städtischen Menschen. Das heißt vor allem, hinauszugehen aus den kirchlichen Räumen und Einrichtungen an jene Plätze, wo sich Menschen aufhalten und ihr Leben gestalten. Aus dem Coaching kann ich immer nur daran erinnern, dass zwei Drittel der Lösungen unserer Probleme außerhalb der eigenen Abteilung oder Organisation liegen und dass 80 % der Akquisitionen im Büro, als daheim vorloren gehen.

Kirche in der City hat Verkündigung und Kommunikation als Hauptaufgabe

Ohne die vier Hauptaufgaben von Kirche zu schmälern (Diakonie, Liturgie, Verkündigung, Koinonia), muss in der Stadt das Augenmerk auf der Verkündigung liegen. Die Botschaft von einem liebende Gott in einer Sprache und Körpersprache des heutigen Menschen zu inszenieren, ist die Herausforderung. Gefragt sind Menschen, die „hinaus wollen“.  Gefragt sind Menschen, die sprachlich und thematisch „provozieren“, also stark extrovertierte Frauen und Männer. Es kommt nicht darauf an, noch mehr „Wohlfühloasen“ anzubieten. Das Denken und Fühlen der Menschen soll auf sympatische und originelle Art gekreuzt werden mit den Ideen und Verhaltensweisen Jesu. Es braucht deshalb eine starke „extrovertierte Public Relation Arbeit“.

Jedes Jahr zwei „Skandale“

Charakteristisch für diese Arbeit ist die volle Nutzung des Web 2.0. Liturgien sind kurz, stark und berührend. Stadtkirchen werden zu performtiven Orten. Die Straße wird der Ort der Verkündigung und des anrührenden Moments.  Es braucht Skandale. „Eigentlich müßte jeder Bischof bei seinen Citypastoralleuten jedes Jahr zwei öffentliche Skandale bestellen“, behauptete Sellmann und meinte aber nicht die Missbrauchsskandale, sonder originelle Ideen, wie die Botschaft herausragend dargestellt wird. Persönlich bin ich überzeugt und fühle mich bestätigt, dass wir viel mehr „vagabundierende Kirche“ werden müssen. Eine wunderbare Zukunftsperspektive – zumindest für mich.  Wie gesagt: Auswärtsspiele sind nicht einfach aber mit viel neuem Publikum.

Sakrament an der Brücke

Das Programm der Tagung

Besichtigt wurden im Rahmen des zweitägigen Netzwerktreffens evangelische und katholische Citykirchenprojekte in Bonn, Köln, Düsseldorf und Wuppertal. Mit dem neuen EKD-Vorsitzenden Schneider und dem Kölner Kardinal Meißner kam es zu Begegnungen am Abend des zweiten Tages im Domforum Köln.

Mehr zum Citykirchennetzwerk auf: http://www.citykirchenprojekte.de/

Selig, die Trauernden oder Selig, die Vergesslichen

Es ist bis heute für mich, der ich 1981 die Diplomarbeit  zur Theologie von J. B. Metz geschrieben habe, immer wieder eine tiefe Herausforderung, wenn Metz sich zu Wort meldet. Ich verdanke ihm seit damals den erzählenden Charakter der Theologie und bis heute ist er für mich der Mahner, dass wir nicht die Sünde als erstes sehen, sondern das Leid und die Leiden der Menschen wahrnehmen, erzählen und in die heilende Gemeinschaft mit Gott bringen. Das heißt für uns persönlich die Fähigkeit zur Compassion, zum leidenschaftlichen Mitleid wachsen zu lassen.

Die Spur der Leidenden in der Menschheit nicht verlieren

In der „Zeit“ ( http://bit.ly/ak61Lh ) hat sich Metz nun wieder zu Wort gemeldet und benannt, worum es in der Nachfolge Jesu geht. Er stellt damit die entscheidenden Fragen an das derzeitige römisch-klerikale Konstrukt von Kirche, wie es uns in diesen letzten Jahren begegnet: „Gott ist Liebe, betonte das erste große Rundschreiben Benedikts XVI. Doch es gibt einen zweiten biblischen Gottesnamen, der auch in der neutestamentlichen Gottesbotschaft Widerhall und Bestätigung findet: Gott ist Gerechtigkeit. »Dies wird sein Name sein… Der Herr unsere Gerechtigkeit« (Jeremias 23,6). Dieser Gottesname mag für die Rede von einem platonischen Ideengott vernachlässigbar erscheinen, unverzichtbar ist er aber für den biblisch bezeugten Geschichtsgott. Er setzt die biblisch fundierte Gottesrede den geschichtlichen Erfahrungen der Menschen aus. Deshalb muss diese Gottesrede eine zeitempfindliche Rede sein, die nicht nur erklärt und belehrt, sondern auch selber lernt. An der Wurzel dieses biblischen Gottesnamens schlummert immer auch eine unabgegoltene Gerechtigkeitsfrage, die Frage nach der Gerechtigkeit für die unschuldig und ungerecht leidenden Opfer unseres geschichtlichen Lebens.

 Gegen die Neigung zur Verschleierung

Diese apokalyptischen Texte der Bibel sind nämlich in ihrem Kern keineswegs Dokumente leichtsinniger oder zelotisch angeschärfter Untergangsfantasien, sondern literarische Zeugnisse einer Weltwahrnehmung, die die Antlitze der Opfer »aufdecken« will, Zeugnisse einer Weltsicht, die das »enthüllt«, was wirklich »der Fall ist« gegen die in allen Weltanschauungen immer wieder auftauchende Neigung zur mythischen oder metaphysischen Verschleierung des himmelschreienden Unglücks in der Welt und gegen jene kulturelle Amnesie, die heute auch die vergangenen Leidenden unsichtbar und ihre Schreie unhörbar macht.

Die Spur der Leidenden enthüllen

Die biblische Apokalyptik »enthüllt« die Spur der Leidenden in der Geschichte der Menschheit. Sie kann dazu anregen, jenes einzige große Narrativ, jene einzige »Großerzählung« zu formulieren, die uns heute – nach der Religions- und Ideologiekritik der Aufklärung, nach Marxismus und nach Nietzsche und nach den postmodernen Fragmentierungen der Geschichte – überhaupt noch geblieben ist: die Lesbarkeit der Welt als Passionsgeschichte der Menschen. »Selig, die Trauernden«, sagt Jesus in der Bergpredigt. »Selig, die Vergesslichen«, verkündet Nietzsche als Prophet der Postmoderne. Was aber wäre, wenn sich die Menschen eines Tages nur noch mit der Waffe des Vergessens gegen das Unglück und die Leidenden in der Welt wehren könnten? Wenn sie ihr eigenes Glück nur auf das mitleidlose Vergessen der Opfer bauen könnten, also auf eine kulturelle Amnesie, in der eine als fristlos imaginierte Zeit alle Wunden heilen soll? Woraus könnte dann der Aufstand gegen unschuldig und ungerecht Leidende noch seine Kraft ziehen? Was würde dann überhaupt noch zu einer größeren Gerechtigkeit, zum Ringen um eine »gemeinsame Augenhöhe« der Menschen in der Einen Welt inspirieren? Und was wäre, wenn in unserer säkularen Welt die Vision von einer letzten Gerechtigkeit endgültig verlöschen würde?

Jesu erster Blick gilt nicht der Sünde sondern dem Leid

In den wuchernden Angeboten von »Spiritualitäten« müssten sich gerade Christen an den messianischen Grundzug ihres Christentums und seiner Spiritualität erinnern lassen. Jesu erster Blick ist ein messianischer Blick. Er gilt zunächst nicht der Sünde der anderen, sondern ihrem Leid. Diese messianische Leidempfindlichkeit hat nichts zu tun mit Wehleidigkeit, mit einem unfrohen Leidenskult. Sie hat aber alles zu tun mit einer biblischen Mystik der Gerechtigkeit: Gottesleidenschaft als Mitleidenschaft, als praktische Mystik der Compassion. Ein Christentum, das sich an seiner biblischen Wurzel fasst, bekommt es immer wieder damit zu tun.

Sündenempfindlich oder leidempfindlich?

Haben sich die Christen von der urbiblischen Gerechtigkeitsfrage vielleicht zu schnell und zu früh verabschiedet? Hat sich das Christentum im Lauf der Zeit  zu ausschließlich als eine sündenempfindliche und zu wenig als eine leidempfindliche Religion interpretiert? Warum zum Beispiel tut sich die Kirche mit unschuldigen Opfern immer schwerer als mit schuldigen Tätern? Solche Fragen sind nicht rein spekulativ auszuräumen, auch nicht mit rein moralischen Appellen. Aber vielleicht mit einekirchlichen Rechtsverständnis, das unter dem Primat einer rettenden Gerechtigkeit für die unschuldig leidenden Opfer steht.“

(Quelle: Zeit-Online http://www.zeit.de ).

BERGpredigt 2010 am Alberfeldkogel

 
 
 

 

Pfingstliche Begegnungen im Lichte einer neuen Kirche am Pfingstmontag, 24. Mai 2010 auf 1700m.

Ziel ist, dass wir um 12 Uhr beim Gipfelkreuz auf 1.707m gemeinsam innehalten. Hinaus in die Luft, hinauf auf den Berg, Bewegung und sich einander und von einigen erzählen lassen, was heute Pfingsten mit der uns vor hat. Aufeinander hören, was in der Luft liegt und uns in dieser Situation der Kirche der Geist Gottes mit auf den Weg geben will. Brot, Wein und allerlei selbst Mitgebrachtes wollen wir teilen und das soll uns stärken. Gemeinsame Musik erklingen lassen. Ermutigt sein und wieder absteigen in den Alltag -gestärkt, verwandelt durch das gemeinsame Erleben. Keine Bergmesse sondern ein andächtiges Hinhören aufeinander und offene geschwisterliche Gemeinschaft erleben. Brot, Wein und allerlei Mitgebrachtes miteinander teilen. Pfingsten 2010.

Keine Anmeldung erforderlich. Einfach kommen. Bei Schlechtwetter in der Christophorus-Kirche am Feuerkogel (bei der Seilbahn Bergstation). Individuelle Anreise. Für den Aufstieg zu Fuss etwa 4 Stunden Gehzeit einplanen. Wer den Aufstieg mit der Seilbahn nimmt, braucht zum Gipfelkreuz noch etwa 45 Minuten. Bitte alles selber für das Wohlbefinden an diesem Tag selber mitbringen. Die Strecke von der Bergstation der Seilbahn ist für Kinder, Familien und ältere Menschen leicht zu begehen.

Ich bitte, diese Einladung auf unkomplizierte Weise an Interessierte weiterzugeben.

 

 

Der Zweifel als kleiner Bruder, kleine Schwester des Glaubens

„Der ungläubige Thomas“, so wird er bezeichnet, der Zweifler an der Auferstehung Jesu. Das Evangelium wird staatstragend vorgelesen und am Schluß bekommt der den Tipp vom Auferstandenen selber: „Sei nicht ungläubig, sondern gläubig.“ Weil er gesehen, gefühlt und mit den Händen begriffen hat, fand er zum Glauben.

Den Weg zum Glauben nicht unterschlagen

Mir geht das immer zu schnell. Vorgelesen und schon kann er glauben, der Zweifler. Ich lobe mir diesen gesunden Zweifel. Nicht auf alles hereinfallen, was jemand behauptet. Eine gesunde Distanz zu den Dingen, die ich nicht sehe. Hätte Thomas nicht so fest gezweifelt, wäre er nicht zum Glauben, zu dieser Begegnung und Einsicht gekommen. Zu oft werden meiner Wahrnehmung nach die Zweifler aus der Kirche „getrieben“. Frag nicht lange nach, glaube. Dabei ist der Weg zum Glauben, zum tiefen Glauben an den Gott der Liebe und Auferstehung sehr oft gepaart mit tiefen Zweifel, ja manchmal Verzweiflung. Außerdem wir ein Glaube, der den Zweifel nicht kennt, oft fanatisch und fundamentalistisch. Da lobe ich mir den kleinen Bruder, die kleine Schwester, den Zweifel. Wer sein Leben elliptisch denkt, wird sehen, dass sich die Ellipse des Lebens immer aus dem Brennpunkt des Zweifels und des Glaubens konstruiert. Wer einen Brennpunkt ausklammert, wird keine ganze Ellipse schaffen.

Zwillinge im Mutterleib: Glaube und Zweifel

http://www.youtube.com/fkaineder#p/a

Begegnungen in verwobenen Zeiten. Ausstellung im Urbi

 

 

Das Urbi ist eine Begegnungsplattform. Barbara Hammerl vom Urbi-Team konnte am 7. April 2010 zahlreiche Gäste zur Ausstellungseröffnung im Urbi begrüßen. Pfarrer Christian Öhler von der Pfarre Auwiesen in der Tuchfabrik, mit der der Künstler Berhard Schinko sehr verbunden ist, eröffnete die Ausstellung. Die lyrischen Klangbilder von Bettina Schipp umrahmten die Eröffnung.

 

 

 

Ein Lebensfreund spinnt Fäden als Zeichen für das Leben

Bernhard Schinko, geboren 1957, hat die Webereifachschule in Haslach und die HTL für Textiltechnik in Wien besucht. Seit 1980 ist der Künstler bei der Linz Textil beschäftigt (Qualitätssicherung, Labor). Pfarrer Christian Öhler von Linz-Auwiesen hob bei der Eröffnung besonders den Einsatz Schinkos für seine Kolleginnen und Kollegen hervor: „Du bist immer engagiert in der Gewerkschaftsarbeit, an der Seite der MitarbeiterInnen in einer Branche, die es nicht leicht hat. 16 Jahre kümmerst du dich zusammen mit anderen um die Interessen der Menschen und ihrer Arbeit, damit sie nicht vom Kapital an die Wand gespielt werden. Dein Einsatz gilt der Menschenwürde in diesem Bereich.“ Schinko hat ein kleines Museum aufgebaut, das leider dem Brand bei der Linz Textil zum Opfer gefallen ist. Unverdrossen nimmt der Künstler den Faden wieder auf. „Da spüre ich Kraft und Ausdauer“, konstatiert Öhler im Rahmen der Ausstellungseröffnung.

Schinko arbeitet so wie die längste Zeit über in der Menschheitsgeschichte Textilien verarbeitet wurden. Alle Gewebe bestehen aus Garnen und diese wiederum aus festverbundenen, zusammengedrehten, pflanzlichen Fasern oder tierischen Haaren. Die Fäden werden nicht mit Schützen eingeschossen, sondern alles wird per Hand gearbeitet. Das bringt einen größeren Freiraum und Schinko arbeitet mit natürlichen Materialien wie Baumwolle und Viscose, die er teilweise selbst färbt.

Das Urbi als Begegnunsstätte in flüchtigen Zeiten

Öhler fasste die Ausstellung im Urbi so zusammen: „Immer geht es darum, Fäden miteinander zu kreuzen und auf diese Weise immer neue, ansprechende Formen zu kreieren. Dabei bedienst du dich der Spezialitäten in der Texzilerzeugung, die dir vertraut sind, etwa der Frottiertechnik. Der Ausstellung, die ich heute zu eröffnen die Ehre habe, hast du den Titel „Begegnungen“ gegeben. Menschen gehen aufeinander zu, gehen wieder auseinander, kehren einander den Rücken zu, um wenig später wieder zusammen zu schauen. Das zeigt jenes Bild am Eingang in das Urbi. Begegnung ermöglichen. Darum geht es auch im urbi. Es sind oft nur flüchtige Begegnungen wie es für eine Einkaufspassage charakteristisch ist, Begegnungen im Vorübergehen. Deine Bilder laden zu diesen Begegnungen und Gesprächen ein.“ Die Ausstelung ist bis 22. Mai von 10-18 Uhr frei zugänglich.

 

 

Das Urbi ist eine große Chance. In diesen Tagen haben die 20 ehrenamtlichen MitarbeiterInnen im Urbi bei einem Treffen geäußert, dass es Zeichen braucht, Zeichen für das Leben und die das Leben nähren. Diese Bilder sind Zeichen dafür. Soweit ich von den dort Engagierten höre, werden wir noch mehr Zeichen der Lebendigkeit erleben. Man darf sich freuen.

 

 

 

Worte schaffen Wirklichkeiten. Vom Hören in den Religionen

Am Ostermontag war der Kepler Salon im Akustikon  zu Gast. Ferry Öllinger begrüßte nicht nur die zahlreichen Gäste, sondern umso mehr die Gesprächspartner Peter Androsch und Christoph Freilinger. Das Thema war am Tag des Emmausganges „Hören und Religion. Klang in seiner anthropologischen Dimension“.

Die Stille als wesentlicher Impuls der Kirchenräume

Christoph Freilinger hat gleich zu Beginn eine recht einfache und für unsere Zeit treffende Definition von Religion ins Gespräch gebracht: „Religion ist Unterbrechung“. Das war auch der Grund, warum der Atheist und Musiker Peter Androsch im Rahmen von Linz 09 auf die Kirche zugegangen ist, weil diese Kirchenräume den sonst üblichen und für die menschliche Entwicklung schädlichen Beschallungsteppich unterbrechen. Es wurde über die Architektur gesprochen, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts die akustische Dimension komplett verloren hat. Man denke nur an die Kirche von St. Theresia, die architektonisch wunderbar und aktustisch katastrophal ist. Ich selber erinnere mich an den Neubau unseres Pfarrzentrums in Kirchschlag, wo durch meinen Bruder, der in der Umweltabteilung arbeitet, von Beginn an der Akustik eine zentrale Rolle gegeben wurde. Das war für die Architekten irgendwie neu. „Heute lernt jeder zuerst den Umgang mit dem Mikrofon und man glaubt, dass auch ein akustisch schlechter Raum damit bespielt werden kann“, meint der Musikexperte Androsch.  Alle technischen Wunderwerke können einen aktustisch kaputten Raum nicht reparieren. Was kann der wesentliche Impuls heute von den Religionen sein? – war meine Frage. „Es geht heute um die Stille“, ist Androsch überzeugt. Diese Stille aushalten ist für die meisten Menschen fast unmöglich. „Gehen sie nach einem Kaufhausbesuch in eine Kirche“, lädt Freilinger ein. Das ist eine echte Herausforderung. Diese Unterbrechung ist heute der Dienst, der Impuls der Kirchenräume.

Worte schaffen Wirklichkeit – nur welche?

Schon der Johannesprolog im Evangelium setzt beim Wort an, das Fleisch werden kann. Freilinger gibt dazu ein Bild vom Dom in Würzburg in die Runde. Am Bild ist oben Gott Vater zu sehen, der von seinem Mund aus mit einem Rohr mit dem Ohr von Maria unten verbunden ist. Durch dieses Rohr ist das göttliche Wort, der Same zu Maria gekommen. Dieses Wort hat Wirklichkeit geschaffen. In Anlehnung daran wird von der Erfahrung gesprochen, dass eben Worte aufbauen oder zerstören können. Das Wort ist für die christliche Religion ganz wesentlich. Dieser Bedeutungsraum wird in einem akustischen Ereignis grundgelegt. Der Mensch hört die Worte, die gesprochen werden und konstruiert dazu seine Wirklichkeit. Ich selber denke immer wieder daran, wie viele Worte in der Liturgie gemacht werden, die aber keinerlei begeisternden Unterton haben. Einfach heruntergelesen. Da bekommt alles eine so große Schwere, dass selbst das Halleluja keine befreite und erlöste Wirklichkeit vermittelt. Das ist meiner Meinung nach das große Manko der Kirche, dass Religion einen Klangkörper der Schwere und Ent-Mündigung ausstrahlt. Noch schwerer wiegt die Tatsache, dass in vielen Familien der „religiöse Klangkörper“ überhaupt verloren gegangen ist….

Es war ein Abend voller Anregungen und zum Weiterdenken.