What’s going on in your life? Besuch bei zwei Freikirchen

In aller Frühe huscht an mir ein junger Mann im Garten vorbei. Der Spruch am Rücken spricht mich an: small farmer – big chance! Ich wollte noch ein Foto machen. Er war schneller. In jedem Fall bin ich auch überzeugt, dass gerade in der Landwirtschaft ein anderes Paradigma kommen wird. Nicht je gößer, sondern klein kann viel. Urban Gardening werde ich auch hier aufsuchen. Es gibt sie, die Hinterhöfe, „die für die Selbstversorgung genutzt werden.“

Eine Stunde Predigt

Ich nehme mir für den heutigen Kirchenbesuch zwei „Freikirchen“ vor. Ich beginne bei den „Vicotry Fellower“ und wechsle dann in die „First Pentecostal Church“. Soweit vorweg: Die Plätze sind zu 20 % „besetzt“.  So kann man das nicht sagen, weil die GottesdienstzteilnehmerInnen die meiste Zeit stehen, klatschen, die Hände heben zum Lobpreis.  Es ist ungewohnt, dass mehr als eine halbe Stunde eine Band und ein Chor mit religiösen Popsongs die Menschen „aufwärmt“. Zeugnis aus den Gottesdienstbesuchern und das Hereinnehmen von Gemeindemitgliedern und ihrer Sorgen brühren mich. Jesus, touch the body of…! Dann eine Predigt von mehr als einer Stunde, die mich eher an Propaganda als Frohbotschaft erinnert.  Wir sind alle Sünder, die Feinde Gottes müssen bekämpft werden, lauter Räuber und Verbrecher gestalten die Welt, die Protestierenden bekommen Zuspruch, so viele Menschen sind in der Welt „for nothing“,  so viel Arbeit „is for nothing“, unser Konsum ist Zerstrung. Die Lösung: Jesus had died for us, for you and me! Gott hat aus der Gefangenschaft geführt und dazwischen immer wieder: We praise you, Lord!

Mein Resümee

Ohne irgendwie den Eindruck zu erwecken, dass das eine theologische Reflexion ist:
Die Leute lassen sich mitreißen vom anstachelnden Singen und Beten.
Das Absammeln für die „homeless“ und für die Gemeinde ist zentraler Ritus und jede/r geht dabei nach vorne.
Im Raum liegt Freiheit, einige gehen einfach herum, stehen, sitzen, klatschen und reden laut dazwischen (zustimmend).
Es gibt keine sakramentalen Zeichen außer die goldene Schale für die Spenden.
Videowand ist das zentrale Instrument mit professioneller Handhabung (Texte, Filmsequenzen).
Das Schema gut-schlecht, Sünder-Geretteter spielt eine entscheidende Rolle. Mir fällt der Film „Wie im Himmel ein“: Ihr habt die Sünde erfunden, damit ihr sie uns vergeben könnt.
In beiden Kirchen werde ich mehrmals mit Handschlag begrüßt. Sie gehen auf Neue besonders zu.
Mir fehlen die meditativen Momente und der Glaube: Gott ist schon unter uns – bevor wir ihn herunter oder herbeisingen müssen.

Das Rundherum

Das Wetter ist „chilly“, aber sonnig. Im India House ist eine unkomplizierte und kommunizierende Atmosphäre. Scharfes Essen („dirty rice“) hat meine Haut „zum Ausschlagen“ gebracht. New Orleans ist teuer – sagen die anderen und ich denke das auch manchmal. Sprachlich werde ich immer fitter.  Gut, dass das Skypen mit Gerlinde wieder funktioniert. Ab morgen geht es in die Projekte.

Häuser werden einfach verschoben

Eigentlich wollte ich zu einer Hochzeit in die St. Joseph-Church gehen. Gestern kam ich vorbei und es war gerade „Probe“. Fünfzehn  Zubrautpaare waren im Altarraum und standen um das Brautpaar herum. Das wollte ich live miterleben. Aber: The Church is closed. I want to pray – war nicht ausreichend und so habe ich mich auf den Weg zu Superdome gemacht.

Ein ganzes Schulgebäude wird verschoben

Mein Weg führt mich vorbei an einer ganz großen Baulandfläche. Ich betrete sie verbotenerweise und nähere mich dem großen Gebäude in der Mitte. Der Bauleiter „geht mir schon entgegen“.  „I am form Austria“, war die Begrüßung und  er erklärt mir, was hier vor sich geht. Dieses Gebäude wird jetzt auf Räder gestellt und dann etwa 2 km transportiert . Im Hingehen ist mir schon ein relativ altes Einfamilienhaus aufgefallen, das nach einem Transport einfach abgestellt wurde.

Superdome stand im Wasser

Ich erinnere mich noch ganz genau an die Bilder mit den vielen Menschen im Superdome und das Wasser rundherum. Es ist ein riesiges Stadion, in den 70-er-Jahren erbaut. Heute ist es außen saniert und hat eine „goldene“ Hülle. Ich gehe rundherum und es ist ein weiter Weg. Immer schaue ich auf die Hochhäuser rundherum. Ich möchte auf dieses Bauwerk von ober herabschauen. Eines der Hochhäuser ist ein Hotel. Eine tschechische Portierin erklärt mir ausnahmsweise den Weg in das Fitness-Studio im 32. Stockwerk. Ein phantastischer Überblick. Lange meditiere ich diesen Blick auf die weit und flach ausgewalkte Stadt. Wo sind die Berge? Nirgends. Der Mississippi schlängelt sich in seinem über Jahrtausende angelegten Delta dahin. Seit 1717 hat sich hier der Mensch in der „urbanen Lebensform“ dazugesellt. Ich sehe jetzt: Wer so nahe am Wasser ist, „muss“ mit nassen Füssen rechnen.

50.000 Häuser unbewohnt
Von verschiedenen Seiten habe ich diese Zahl nun gehört. New Orleans hat 340.000 Einwohner, etwa um 160.000 weniger als vor Katrina. 50.000 Häuser sind noch unbewohnt bzw. warten auf einen Käufer bzw. werden vermietet. Bei meinem Durchgehen durch Mid-City bilde ich mir selbst ein Urteil und denke: Diese Häuser sind einfach kaputt. Sie können meiner Ansicht nach nur abgerissen werden. Nachdem aber bei Katrina auch die Aufzeichnungen der Stadt verloren gingen, ist bei vielen Parzellen und Häusern noch immer nicht klar, wem sie tatsächlich gehören. In jedem Fall sind solche Stadtteile nicht gerade attraktiv. Abreißen und freie Flächen wären ansprechender als die Ruinen. Beklemmend.

Ein Buch, das „VERÄNDERT!“

Es ist windig und „chilly“ geworden. So verziehe ich mich in ein altes Kaffeehaus mit dem Buch von Christoph Chorherr „VERÄNDERT!“.  Zwei Kapitel habe ich schon im Herfliegen gelesen. Jetzt vollende ich es. Er beschreibt eine neue nachhaltige Gesellschaft, die er selbst schon in vielen kleineren Projekten in Wien initiiert und wesentlich mitgestaltet hat. Das ist das Wertvolle an diesem Buch, das die Veränderungen schon gelebt und gestaltet sind und nicht erst propagiert werden. Es geht um den Menschen und um alle Menschen auf dieser Welt, die ein Anrecht haben, „gut zu leben“. Es ist nicht der Umweltschutz, sondern die Gerechtigkeit.  Anregend und konkret geschrieben. Vor allem seine Gedanken zur Bildung sprechen mir aus der Seele und die Demaskierung des Götzen Auto. Lesenswert.

Facebook hat mir dieses Mittagessen eingefädelt und die Kontakte zu Margit Hauft

Schon beim Voodoo-Festival habe ich festgestellt: Die Jugend hält sich am Smartphone an.  Das zieht sich überall durch. Alles wird gleich auf Facebook „ge- und beplaudert“. Ehrlich: Ich genieße diese „Plaudereien im digitalen Gasthaus“. So bekomme ich von daheim doch sehr viel mit. Auch der heutige Kontakt kam über FB zustande. Eine FB-Freundin hat eine tatsächliche Freundin in New Orleans und diese hat sie „angestachelt“, dass wir uns einmal treffen. Heute war es soweit – im Bon Ton. Ich bin zum Mittagessen eingeladen.

„My English ist small“

So habe ich Kontakt aufgenommen und über mich informiert. Vicki hat daher ihre Arbeitskollegin und Freundin mitgenommen, die in Deutschland geboren wurde und sehr gut deutsch spricht. Ich bleibe aber dabei, dass ich mit meinem „Small English“ durchkomme. Und wir haben uns prächtig unterhalten und verstanden. Crawfish, eine hiesige Spezialität, wurde aufgetischt im vollen Restaurant. Ich genieße das Essen und das Gespräch.

Die gemeinsame Freundin, Energiefragen und Katrina

Wir reden lange über unsere gemeinsame FB-Freundin, die  in den 90-er-Jahren in New Orleans gearbeitet hat. Vicki und Leila arbeiten im größten Energieunternehmen in Lousiana, Headquater in New Orleans. Atomstrom ist für sie ok. Sie wissen vom Ausstieg Deutschlands und ich erzähle von Zwentendorf. Wir lassen das im Angesichte Fukushima*s so stehen. Ihre Firma ist in unmittelbarer Nähe zum Superdome und musste bei Katrina absiedeln. Zehn Monate waren sie im Norden Luisianas und dort haben die beiden sich kennengelernt. „Die ganze company hat shoulder on shoulder diese Zeit überstanden“, meinten sie. Es hat sie zusammengeschweißt als Firma. Es war eine unglaubliche Zeit. Leila hat damals ihr Haus verlassen wegen des Sturmes und hat nie daran gedacht, dass später ihr Haus 2 Meter unter Wasser steht. „Die Möbel und alles ist wie durch einen Mixer im ganzen Haus verstreut als ich nach drei Wochen zurückkomme.“  Sie haben das Haus und das Grundstück verkauft.

Die Förderungen waren für Ärmere unerreichbar

Sie erzählt, dass die Förderungszahlungen sehr schwer zu bekommen waren. Man musste auf der Hut sein, weil die Regeln immer wieder verändert wurden. Sobald man eine Frist übersehen hatte, wurde es schwierig. Man brauchte unbedingt ein Fax, sonst hat man gar keine Anträge weitergebracht. Die Ärmsten hatten nicht die Kenntnis und die Ausdauer, hier immer wieder dran zu bleiben. Und so sind sie aus bürokratischen Gründen oft aus den Förderprogrammen herausgefallen.  Außerdem hatten wie oft keine Papiere und Grundstücksurkunden und konnten so ihren Anspruch nicht geltend machen.  Die Ärmsten, die die Förderungen am dringendensten gebraucht hätten, sind nicht dazu gekommen.  Außerdem ist alles viel teurer geworden und Überbrückungskredite haben nicht ausgereicht. So sind viele Schwarze nicht mehr zu ihren Häusern gekommen.

Dank an Margit Hauft

Lange höre ich zwei Musikerinnen in der Royal Street zu. Hervorragend. Immer wieder muss ich an die Abschieds- und Dankfeier für Margit Hauft denken. Sie war 13 Jahre KA-Präsidentin in Oberösterreich und in den verschiedensten Bereichen der Diözese tätig, weltoffen,  gläubig, sozial und „gstanden“.  Ihre bilderreiche Sprache hat mich immer angesprochen und ich durfte dann und wann auf einen Kaffee mit ihr gehen. Sie hat auch den österreichischen Bischöfen ihre Achtung abgerungen. Aufrechtes christliches Leben führt ein offenes Wort. Sprechverbote hat sie nicht akzeptiert. Dafür danke ich ihr ganz besonders. Andrea hat eine Gruppe 4. 11. auf FB begründet und dort habe ich mich gleich von Anfang an beteiligt und „mitgelebt“.  Margit: Sei behütet!

Man sagt: Die Armen hat es aus der Stadt geschwemmt

Es ist in der Früh noch schwül und „heiß“, als ich den Bus hinaus zur UNO (University of New Orleans) auf der anderen Seite der Stadt besteige.  Diesmal nehme ich Streetcar und den 60er. Es geht vorbei an einem riesigen Friedhof. Später dann vorwiegend an schönen, großen Häusern. Da sind die Wohlhabenderen daheim, in unmittelbarer Nähe zum „Neusiedler-See von New Orleans“ (Pontschartrain,  ca. 4 Meter tief).

Weißer und älter ist NO geworden

Christian Scheiner wartet auf mich im Center Austria. Wir setzen uns in den Hof. Der Wind kommt auf und es beginnt zu regnen. Gut, dass ich den Pullover mitgenommen habe.  Christian erzählt mir gleich: „Ich muss mich für meine Masterarbeit auch erst in das Thema einarbeiten. Aber Katrina hat vor allem die Armen getroffen.  Es hat sie sozusagen aus der Stadt hinausgeschwemmt. Heute gibt es ca. 10% weniger Schwarze in der Stadt. Früher waren es 70% und jetzt sind es 60%. Die Bevölkerung ist weißer und älter geworden. Auch die Jungen sind nicht mehr so zahlreich zurückgekommen.“ Das alles will er im nächsten halben Jahr mit seiner Masterarbeit mit Zahlen belegen.

Nachbarschaftshilfe in den armen Gegenden

Bekannt ist, dass Brat Pitt durch seinen Bezug zu New Orleans mit einem Projekt Make it Right zur Tat geschritten ist. Christian zeigt mir eine Liste, wo mindestens 10 solcher Initiativen aufgelistet sind. Mit zwei oder drei davon werde ich Kontakt aufnehmen. Am ärgsten hat es Lower 9th Ward erwischt. Durch den gebrochenen Industriekanal hat es die am tiefsten liegende und ärmste Gegend der Stadt schwer erwischt. Dazu kam, dass viele rechtlichen Belange nicht geklärt waren, weil Menschen dort „aus Gewohnheit seit Generationen gelebt und nichts geregelt hatten“. Das hat beim Wiederaufbau große Probleme gemacht, weil auch die Aufzeichnungen der Stadt im Wasser verschwunden sind. Diesen Stadtteil werde ich nicht aus den Augen verlieren. Dort gab es auch die meiste Nachbarschaftshilfe.  Christian weiß: Es sind heute noch mehr als 50.000 Häuser unbewohnt und zugenagelt. Diese trostlosen Häuser machen mich auch immer wieder betroffen.

Das Meer frisst das Mississippi-Delta

Wer auf der Landkartegenauer schaut, wird feststellen, dass  New Orleans eigentlich überhaupt nicht erbaut hätte werden sollen. Begonnen hat die Stadt mit dem French-Quarter, der höchsten Stelle im Delta. Dieser stand auch nicht unter Wasser. Der ganze Sumpf wurde trocken gelegt und das hat jetzt zur Folge, dass der Mississippi „nichts mehr aufschüttet“. Es ist umgekehrt: Das Meer holt sich wieder Land zurück.  Christian empfiehlt mir daher auch, ein „Swamp-Tour“ mitzumachen.

Frühstück um 2 p.m. im „Cafe Du Monde“

Mit dem Bus und einer Portion Nachdenklichkeit geht es zurück an den Mississippi. Der Hunger überkommt mich und ich stelle fest, dass ich noch nichts gegessen habe. Der Bus hält neben dem Cafe Du Monde. „Dort muss man in jedem Fall Kaffee und Beignet (Mäuse mit viel Staubzucker) gegesssen haben“, sagt „jeder“. Heute ich der Tag dafür. Das Cafe ist immer übervoll. Es ist das älteste Markcafe und abends ist der Boden weiß und klebrig vom Zucker. So geht Mundpropaganda: Du musst dort gewesen sein, sonst kann du nicht sagen, dass du in New Orleans warst. Kaffee und Mäuse haben geschmeckt.

Jazz-Konzert in der Presservation Hall

Nach einer Plauderei mit John (89) und Andy aus Australien im India-Hostel habe ich Lust auf das zweite „must“: Jazz in der Presservation Hall. Ich stelle mich am Gehsteig mit Duzenden anderen an, weil diese „Hall“ höchstens 70 Leute fasst. In der Schlange stehe ich unter Amerikanern: Wird Europa in die Pleite gehen? – war ihre besorge Frage. Meine Antwort war kühn und hat zur Diskussion unter ihnen beigetragen: So wenig oder so viel wie die USA. Das Konzert war super. Es waren „Jazz-Schlager“ und die Leute haben mitgesungen. Als Höhepunkt dann „The Saints“ mit wunderbaren Improvisationen. Absolutes Aufnahmeverbot. Auch keine Fotos mit Flash. Und doch habe ich „mitgeschnitten“ und einige Fotos gemacht. Gerade diese Location zeigt die „angedeutete Morbidität“ in den Gebäuden. Bei uns müsste man „sofort etwas tun“.

Gegen Mitternacht bringt mich die Streetcar nach einem Tag voller Eindrücke zurück in die Unterkunft. Ich genieße diese Kontakte und das lebendige Leben hier.

Durchatmen, loslassen und neu einchecken

Allerseelen ist der richtige Tag zum Durchatmen. Ich verbringe noch den ganzen Tag im bisherigen Quartier und übersiedle ins India Haus in Mid City. Es heißt Abschied nehmen von ein paar lieb gewonnenen Menschen aus Chile, die USA und Mexiko. Es hat gut getan, aufzubrechen und eine neue Umgebung zu suchen.

Werden die Jungen weitermachen?

Es ist nochmals ruhiger geworden in der Stadt. Und trotzdem höre ich im French Quarter überall Live-Musik. Das ist der große Unterschied zu uns. Da kommt die Musik in den Bars und Gasthäusern vorwiegend aus irgend einem „Player“. In der Nähe des Domes komme ich an einem Haus vorbei, in dem eifrigst geprobt wird. Die Jungen sollen die Musik spielen lernen. Das hört man. Es ist beinhartes Üben wie ich höre. Hoffentlich werden die Jungen weitermachen und der „digital music“ Parole bieten. Live-Musik in der Qualität und Quantität zeichnet New Orleans aus.  Ballermann und Ramsch gegen KünstlerInnen ist das Match.

Ein Toter, All Saints, HANO, Bratt and Eddy

Im Fernsehen bekomme ich mit, dass bei einer Schießerei in der Bourbon-Street ein Toter und 15 Verletzte zu beklagen sind. Etwa eine Stunde vorher bin ich genau dort durchgegangen. Irgendwie spürte ich schon die angespannte Stimmung. Es war kein guter Platz für mich und ich habe ihn möglichst schnell verlassen. Das war gut so.

All Saints

Nach Holloween kommt „All Saints“. Der Gottesdienst ist um 12.10 Uhr. Die Kirche ist dichter besetzt als am Sonntag. Geschäftsleute nutzen die Mittagszeit, um in die Kirche zu gehen. Ohne viel Musik wird Allerheiligen gefeiert, die Seligpreisungen in Erinnerung gerufen. Ich bleibe emotional „unangerührt“. Es fehlt mir die Musik mit Herz, die ich sonst hier höre und genieße. Sie hat hier leider keinen Platz. Musik, die aus dem Leben der Menschen kommt, hat auch daheim in Oberösterreich nicht wirklich Platz genommen in den Kirchen. Ein Faktor, warum Menschen in den Kirchen „nichts finden“. Ich gehe weiter zu einen der Friedhöfe. Am Weg dorthin versuche ich, auf das höchste Gebäude in New Orleans zu kommen – das Shell-Building. „Strikt untersagt seit 9/11“, meint die Portierdame.

Vergänglichkeit braucht hier Häuschen

Mit der Vergänglichkeit des Menschen kann schon aus geologischen Gründen nicht überall gleich umgegangen werden. Da sind es Gräber, dort werden die Körper verbrannt und hier werden sie in kleinen und großen Häuschen beigesetzt. Sie können nicht in Gräber gelegt werden, weil sie aufgrund des hohen Grundwasserspiegels nicht verwesen würden. Auch auf diesem Friedhof wird sichtbar, dass das Totengedenken unterschiedlich intensiv ist. Auch auf unserem Friedhof daheim sind Gräber schön gerichtet und einige andere vernachlässigt. Ein Grab-Haus ist mit lauter xxx bezeichnet. Es ist die Grabstätte einer Woodoo-Heilerin, die man auf diese Weise verehren wollte. Die Friedhofsführerin, bei der ich im Vorbeigehen mithöre, meint, dass das „Anhalten am Grab“ die intensivste Verehrung darstellt. Am zweiten Friedhof, den ich besuche, geht gerade ganz alleine ein Diakon durch und segnet die Gräber. Eine Journalistin macht Fotos.  Es gibt keinen gemeinsamen Friedhofbesuch mit Gräbersegnung wie bei uns. USA ist individuell. Zumindest hier.

Sozialwohnungen als Commons-Ghetto?

Ich wandere weiter in eine Gegend hinaus, die Touristen nicht sehen. Ein großes Schild sagt mir, dass ich die Wohnanlage nicht betreten darf, weil ich nicht dazu berechtigt bin. Schon beim Ankommen haben mich Leute „gewarnt“, dass ich einzelne Gegenden zu bestimmten Zeiten nicht aufsuchen soll. Diese Gegend ist gemeint. Es ist Tag und hell. Ich gehe durch und suche das Gespräch mit den herumsitzenden Menschen. Die Stadt hat hier Sozialwohnungen errichtet („Housing projects“) und diese wurden schließlich zu Ghettos mit hoher Kriminalität. Es werden angeblich neue Arten von Commons-Buildings errichtet. Das wird die Recherche übermorgen ergeben. Hier sind sie nicht. Ein Mann bestätigt mir, dass sie Miete zahlen und jeder individuell lebt. Katrina hat die Gegend geflutet und er war in der Zeit in St. Antonio. Er ist froh, dass er ein Dach über dem Kopf hat. Ich empfinde, die Gegend ist mit einem großen „Verdacht jeder gegen jeden ausgestattet“.  Die Menschen sind reserviert – auch mir gegenüber. Es ist kein Wunder: Das Schild will es so.

Untergegangen

Unter der Autobahn gehe ich durch und komme in eine Gegend, die schwer von Katrina getroffen wurde. In mir kommt das Gefühl auf: Hier möchte ich nicht leben. Die Gegend ist leer, seelenlos. Ob hier wieder viele Menschen wohnen werden? So wie es jetzt aussieht, sind auch schöne Häuser zugenagelt. Ein Mann erzählt mir, viele sind weggezogen und nicht mehr zurückgekommen, haben aber ihre Häuser oder „Wasser-Ruinen“ nicht verkauft. An wen ach? Freie Grundstück zeigen Stellen, wo Häuser gestanden sind. Mein Schritt wird schneller, weil ich diese Gegend verlassen möchte. Schließlich lande ich wieder auf der Canal-Street, auf der mich eine Streetcar zurück in die City bringt.

Zurück zur Musik

Mit dieser etwas gedrückten Stimmung komme ich an den Mississippi. Dort verzehre ich mein zwei Tage altes Brot. Es zieht mich in die Frenchman Street. Halloween ist vorüber und die Bars sind um diese Zeit noch relativ leer.  Klaviermusik kommt aus dem „The Spotted Cat“ – Musikcafe.  Das sucht meine Seele. Ich gehe hinein und höre den beiden Musikern Bratt und Eddy zu, andächtig und ein wenig wehmütig.  Sie legen so viel Herzblut hinein in ihre Musik. Sie machen gegen 19 Uhr der nächsten Gruppe Platz.  Ich suche das Gespräch. Bratt kam vor drei Jahren von Chicago hierher und ist ausgebildeter klassischer Klavierspieler. Eddy spielt auf seiner „Bass-Teufelsgeige“ (Kombination Schlaginstrument mit Basssaite) seit 10 Tagen mit ihm.  Virtuos. Eine Gruppe von Touristen ist ebenfalls bis zum Schluss geblieben. Ich bin sicher, ich habe sie nicht zum letzten Mal gehört. Voller Eindrücke, hundemüde und mit Sehnsucht nach dem Bett betrete ich den Bus. Dankbar für die vielen Eindrücke und Begegnungen gehe ich schlafen und weiß: „Speicherplatz voll“.

Halloween ist Fasching, nicht süß oder sauer


„Happy  Halloween“ tönt es von vielen strahlenden Mündern. So auch bei uns auf der Veranda. Ich spüre keine Lust mich zu verkleiden, dafür die anderen umso mehr. Selbst der Hund eines Rollstuhlfahrers trägt heute ein besonderes Halsband und ist „happy“. Schon der dritte Tag, an dem New Orleans „außer Rand und Band“ ist. Vergnügt und fröhlich, nicht „gezwungen happy“. Unser importiertes Halloween hat damit nichts zu tun. Ja, die Äußerlichkeiten sind nach Europa gewandert, nicht die innere Ausgelassenheit und die viele sehr gute Live-Musik in allen Bars und Pubs. Ebensee und Gmunden deuten darauf hin und die Stimmung beim Abschluss des Kirchschlager Faschingsumzuges, „wenn die Musiker gut drauf sind“.  Die „Süß-Sauer-Kinder bei uns tun mir da fast leid. Warum? -weil sie den wahren Kern nie kennengelernt haben. Mein Vorschlag: Lassen wir Halloween in Europa bleiben und feiern wir dafür ganz Fasching – nicht nur in Gmunden und Ebensee. Aber eines sollten wir wissen: Mardi Gras wird hier auch gefeiert – über eine Woche lang.

Age of Less: Ein Buch über die Umkehr zum Weniger aus wirtschaftlicher Sicht

Dieses Buch hat meinen Flug echt verkürzt. Jetzt halte ich an diesem „Zwickeltag“ ein paar Eindrücke fest, nicht als Rezension, sondern als „Richtungsweisung“. Kevin sitzt mit mir auf der Veranda. Er hat seinen Job als Biologe in Florida verloren und will nun in New Orleans Fuß fassen. Es ist zwar kühl, aber ein gutes „Arbeitsklima“ mit schönen „Nebenbeigesprächen“.

Weiterso gegen Andersweiter

Schon im Vorwort weist Bosshart auf die folgenreichste Veränderung hin. Wir gehen vom „alt, weiß, männlich, satt“ hinüber zum „jung, asiatisch, weiblich, hungrig“.  „Es wird für uns kein „Weiterso“ geben, sondern nur ein „Andersweiter“. Dafür werden wir lernen müssen, zu verstehen, zu teilen, zu umsorgen“, ist Bosshart überzeugt. Er beschreibt mit einer für mich prophetisch-moralischen Dringlichkeit unsere Situation. Ich höre auch einen beschwörenden, einen „einschwörenden“ Ton mit in den gemeinsamen Anstrengungen auf Zukunft hin. „Auf fette Jahre warten wir vergeblich – aber gute Jahre können wir erreichen.“

Zehn Thesen

In zehn Thesen verschafft der Autor dem Leser, der Leserin den Zugang zum Less, zum Weniger.  Es geht um eine vernünftige Erwartungshalten jedes einzelnen.  Die Wirtschaft beschreibt er als angstgetrieben:  Angst vor  Versagen, Jobverlust, Kontrollverlust, Überschuldung, Image- und Reputationsverlust,  Angst vor dem Abstieg.  Die zentrale Haltung, gegen die Bosshart anschreibt, ist das „immer noch Mehr vom selben“. Ich-AG-Systeme werden transformiert in gegenseitige Support-Systeme.  Die Sinnfrage ist nur gemeinsam zu lösen und nicht einfach individuell. Urchristlich. Nicht noch mehr Druck, sondern  neue Gleichgewichte statt Gefälle schaffen. „Groß, abstrakt und komplex“ sind nicht die Erkennungszeichen der Zukunft.  Masterpläne von ober werden nichtmehr funktionieren.  Macht, Geld und Überlebenschancen müssen immer örtlich rückgebunden sein. Vor dort entsteht Sinn und Übersicht. Das bestärkt mich in meinem Thema: Gebt dem Volk, was dem Volk gehört. Lokal. In die Nachbarschaften und Commons.  In die echten einander supportenden „Beziehungsgeflechte“. Sie zeichnen sich durch Musik und Feiern aus. Ich bin in New Orleans. Die Einstiegsbarrieren für neue Kooperationen liegen tief. Die Möglichkeit der neuen Medien sollten hier mutig und innovativ genutzt werden. Intrinsisch motivierte Jobs ersetzen  die extrinsischen Sicht-  und Handlungsweisen.

Resilienz-Robustheit

Und dann schreibt er. „Von der Effizienz zur Resilienz-Robustheit als Basis-Strategie für die Zukunft.“  Aber: Nicht, um das Eigene zu retten, sondern gemeinsam den Weg in die Zukunft zu finden. Partizipation und Involvierung. Das ehrliche Bemühen fehlt mir bei Academia.  Lineare Entwicklungen sind mehr zu erwarten und nicht sinnvoll. „Noch mehr geht nicht mehr.“  Bei allem hat die Nachhaltigkeit (Enkeltauglichkeit) Vorrang. Wohin führt das? Wohin gehen wir? – sollten tägliche Standardfragen sein. Ganz ehrlich: Die Natur braucht uns nicht – wir sie. Das einzugestehen ist von enormer Bedeutung. Nicht die Natur leidet, sondern in Folge wir. Das kränkt uns und dagegen wehren wir uns. Wir sind wieder beim Angstfaktor. „No fear“ hat einer an mir hier „gesehen“.  Es gibt keine geschlossenen Kathedralen mehr. Wir leben iin offenen Bazars. Dort geht es nicht ums Geschäft, sondern um Beziehung. Der Ausgang ist offen – alles in Schwebe. Schwer zu ertragen. Persönlich Anmerkung: Wer glaubt, ist gehalten. Das macht frei.

Schnelle Anpassung

Die schnelle Anpassung an Veränderung  ist der Schlüssel. Kath. Kirche ist weit entfernt.  Selbstreferentiell auf den oberen Etagen und deshalb für konkrete Lebenssituationen  „irrelevant“. That‘s it. Und: „Verantwortung beginnt bei Ihnen und bei mir“, meint Bosshart immer wieder und spricht vor allem an, „dass wir keine Wachstumssklaven sein müssen und den Konflikt Mensch-Maschine  aufnehmen müssen, weil dieser weit raffinierter angelegt ist als der Mensch-Mensch.“  Wir brauchen uns auch nicht als hedonistische Tiere gebärden und diese „freiwillige Selbsterniedrigung und Banalisierung mitmachen“. Beschwörend meint Bosshart am Ende  zum Age of Less: „Es braucht alle Ressourcen, Kreativität und Imaginationskraft.“ Ja, das wird es brauchen.

Doppeltes Unbehagen

Bei mir selber spüre ich ein doppeltes Unbehagen.  1. Diese derzeitige Politik kann mit dem „Weniger“ absolut nichts anfangen.  Alle Energien und Inszenierungsmuster gehen immer auf das „Mehr“. Dem will ich nicht dienen.  2. Diese heutige „Elitenkirche“ hat alle moralische Autorität in Nebengeleise wie Sexualität verspielt und kennt und kennt „ganz oben“ auch nur eine Frage: Wie werde ich Kardinal. Dort schließt sich der Kreis zur Politik. Beide – Politik und Kirche – haben keine gestaltende, orientierende Kraft bei den Menschen. Aber wie heißt es oben:  Verantwortung beginnt bei Ihnen und bei mir.