Jesus would be here. No: Jesus is here

Eigentlich wollte ich beim „Verrücken“ des gr0ßen Hauses zuschauen. Morgen ist es soweit. Ich gehe in die St. Joseph Church und lese über die Baugeschichte und die Aktivitäten. Ganz am Ende steht, dass jeden Tag „homeless people“ versorgt werden. Ich gehe um die Kirche herum und sehe die Baracken. Eine Tafel zeigt mir „Rebuilding Center at St. Joseph Church“. Ich gehe hinein. Drinnen sitzen etwa 100 Perssonen. Die Frau am Eingang weißt mich auf Sr. Vera hin, die gerade mit ein paar Leuten spricht.

Der Erzbischof zu Besuch: Nicht „would“, sondern „is“

Sr. Vera nimmt sich Zeit für mich und meine Fragen. Mitten im Gespräch erzählt sie, dass der Erzbischof kurz nach der Eröffnung 2007 da war und gemeint hat. „If Jesus were around here today, he would be here.“  Sr. Vera hat ihn ganz ruhig korrigiert und zu ihm gesagt: „No, Jesus IS HERE.“ Das hat mich sehr getroffen. Sr. Vera erzählt recht offen, dass die Konservativen hier die Überhand bekonmen, dass sie die Kirche „kleiner und frommer“ wollen. Sie schüttelt dazu immer den Kopf und wechselt mit verbeikommenden homeless, die hier ihre Zuflucht am Tag finden, ein paar aufmunternde Worte. Ich spüre so viel Wärme und Empathie von ihr ausgehen. Der Ort macht einen sehr friedvollen Eindruck. „Schauen sie die Menschen an, wie sie da sind, müde, abgeschlagen, ohne Perspektive. Hier erleben, dass sie einfach sein dürfen. Das hat Jesus gemeint, wenn er von den Geringsten sprach und ganz konkret unsere helfende Hand anspricht.“ Ich gehe in die Mittagsmesse in die Kirche hinüber. Etwa 30 Leute feiern mit. Nachher gehe ich wieder in das Center und nehme eine blaue Essensmarke. Als Letzter stelle mich in die Reihe. Beim Verabschieden gehe ich nochmals zu Sr. Vera hinein und bedanke mich: „Danke für das Essen, das Gespräch, diesen Ort und ihr Zeugnis. In der Kirche habe ich die Messe mitgefeiert, hier die Eucharistie. Jesus is here.“ Wir umarmen einander und ehrlich: Ich habe Tränen in den Augen.

Wie funktioniert dieses „Center“?

Getragen wird es von fünf Schwestern der „Presentation Sisters“ und den Vincentinern (Vincenz von Paul), die alle an dieser Kirche tätig sind. Viele Freiwillige helfen mit. Das Geld kommt von der Kongregation, den Churches (Pfarren) und Donations (private Spenden).  „Nothing from goverment“, betont Sr. Vera. Schlafen können die Leute hier nicht. Sie bekommen zu essen, können duschen, telefonieren und „einfach dasitzen“. „Wir helfen auch bei Behördengängen“, weiß eine Ehrenamtliche, die gerade einen Schwarzen berät. Warum sind die Leute auf dieses Center angewiesen? „Job verloren, Krankheit, jemand ist gestorben, der eine Unterstützung bekommen hat, von der man leben konnte, die Miete konnte nicht bezahlt werden oder Überforderung in einer komplexen Welt“, weiß Sr. Vera. Ich stehe heute in der Reihe mit 225 Menschen, die vor mir ein warmes Essen bekommen. Ich sitze demütig und beschämt neben einem Schwarzen, der nach dem Essen die Augen schließt und betet. „Danke Gott und denen, die gekocht haben.“

The Oconomy goes down

Wir sprechen auch über den größeren Rahmen. Werden die Leute hier mehr oder weniger? „Die Wirtschaft geht nieder und so werden es immer mehr“, konstatiert Sr. Vera. Sie schaut einer Mutter mit einem Baby ins Gesicht und lächelt sie an. Dann zu mir: „Die Leute sind geprägt von einem großen Glauben (great faith), religiös gemeint und  „it’s ok“. Sie haben eine große Sensibilität entwickelt, dass  es einmal gut ist so wie es jetzt  ist. Sie sorgen für sich selber und auch sehr viel füreinander. Jobmöglichkeiten oder Wohnmöglichkeiten werden untereinander weitergegeben.“ Ich bin überzeugt, dass genau diese Stimmung von den Schwestern und den Freiwilligen eingebracht wird. Das strahlen sie aus. Sie haben so viel Achtung und Respekt vor diesen Menschen. Meinen Fotoapparat möchte ich am liebsten drinnen lassen.

Slowly – es geht alles sehr langsam

Wir reden über die allgemeine Situation nach Katrina. Viele der „Ureinwohner“ von New Orleans sind nicht mehr zurückgekommen, weil sie zB. in Salt Lake City schon Fuß gefasst haben. Es war aber schwer, das Haus zu verkaufen. Wieder dorthin zu kommen, wo New Orleans vor Katrina war, wird lange dauern. Ein Mitschwester von Vera meint, dass New Orleans eine einzige große Familie ist, eine wunderbare Nachbarschaft pflegt. Durch das Wegbleiben von so vielen „Ureinwohnern“ ist das auch brüchig geworden. „Homeless haben wir auch vor Katrina neben der Kirche versorgt“, betont sie: „Jjetzt haben wir das Center. Es wurde von einem Architekten gestaltet, mit ganz viel Grün. Das ist wichtig. “ Auch bei den 140 katholischen Pfarren gab es „Einschnitte“. Es können nicht mehr alle Kirchen und Pfarren betrieben werden. Es fehlen zum Teil auch die Leute in den Pfarrgebieten. Auch der Priestermangel ist spürbar. 10% der Priester sind in Kongregationen, alle anderen Diözesanpriester.

Überall derselbe „Spalt“

Wir reden auch über Theologie und den Einsatz von „Laien“ (ich sage immer beauftragte Getaufte) in der Diözese. „Es ist nicht leicht, heute ein Theologe oder Theologin zu sein“, meint Sr. Vera mit Blick auf die Loyola Universität, wo auch LaientheoologInnen studieren. Wie viele, weiß sich nicht. Die Kirche steht nicht gut da. Sie weiß auch hier in den USA von einem „Spalt zwischen der Hierarchie und dem Volk“ zu erzählen.  Es wird alles konservativer und geschlossener, frömmelnder. Kirche ist nicht Selbstzweck, sie muss dem Menschen, vor allem den Geringsten ganz konkret dienen. Für  mich ist im Heimgehen wieder dieser Spalt aufgegangen zwischen römisch und katholisch. Hätte nicht die Messe, die ich in der Kirche mitgefeiert habe, auf ganz andere Weise im Center gefeiert werden sollen, die Jesusgeschichte von heute (Blindenheilung) wäre die Ermutigung gewesen, das Essen die Kommunion und die Menschen gewandelt zu Frieden und Nächstenhilfe? Sr. Vera hat vor der Essensausgabe ein längeres Gebet gesprochen. Alle 220 Personen waren still, andächtig, innerlich – „erfüllt“. Ich glaube, das war die Eucharistiefeier.
Wann werden das bei uns die Bischöfe begreifen, dass Jesus in der Baracke neben der großen Kirche lebt.

Sie leben den Sonntag mit und in der Familie

Der Bus hält vor der Kirche im Viet Village. Habe ich mich letztens über die großen Asphaltflächen gewundert, verstehe ich heute: Der Parkplatz ist übervoll. Ich gehe ich die Kirche hinein und staune nicht schlecht: Die Kirche ist auch bis auf den letzten Platz gefüllt. Es ist schon die dritte Messe heute. Ich selber gehe dann in die vierte um 11 Uhr.

Gemeinsame Zeichen helfen

Ich sehe einen ganzen Block voller Kinder und Kids, die weiße Hemden und Halstücher wie bei uns die Pfadfinder tragen. Ich spreche einen älteren Jugendlichen an und frage, was das bedeutet. Er erklärt mir kurz, worum es geht: „Wir sind gut organisiert. We train the children and the kids to get  better people.“ Wie das geht? „Wir machen Camps, haben wöchentliche Treffen mit Singen, Spielen, Basteln. Das Wichtigste aber ist, dass sie von Jesus lernen“, steigt in sein Auto und bringt ein paar Kids heim. Ich selber denke mir, wie wichtig für junge Menschen diese Gemeinschaft ist, auch die äußeren Zeichen, die sie aus meiner Sicht mit einem gewissen Stolz tragen. Überhaupt: So viele Junge und Familien mit kleinen Kindern. Genau diese Strukturen halten sie zusammen. Auch Frauen gehen in langen bunten Gewändern. Alle sind „sonntäglich festlich“ gekleidet.  Der 40-köpfige Chor singt jeden Sonntag und hauptsächlich schwungvolle Lieder. Es gibt keine Orgel, sondern Klavier und Keybord.

They are very generously

Ich gehe auf eine junge Ordensschwester zu, die Karten verkauft. Was ist der Grund für diesen Zusammenhalt hier in dieser Gegend? „They are very generously. Everybody helps each other. A good neighbourhod ist he first.“ Da müssen die Bewohner um 1957 aus Nordvietnam auswandern wegen ihres Glaubens und sie gründen hier das Viet Village. Sie habe Bedrohung erlebt und sind als Glaubenszeugen ausgewandert. Das hält Generationen, hoffen sie. Diese Großzügigkeit und Freigiebigkeit hat interessanter Weise zu großem Wohlstand geführt. Mein Buch, Vom Ich zum Wir, wurde hier längst schon geschrieben. Hier gibt es Wir-Werte und Wir-Normen. Hier schaut jeder auf jeden und so kommen sie gemeinsam weiter als jeder einzeln. Diese gemeinsame Identität ist die Quelle der Gemeinsamkeit. Sie haben binnen kurzer Zeit ihre gefluteten Häuser und Gegend ohne Hilfe von der Regierung wieder bewohnbar gemacht. Wir hören das Evangelium von den Talenten. Hier wurden sie nicht vergraben und auch nicht einfach nur zum individuellen Eigennutzen vermehrt. Ein Commons im klassischen Sinne. „Ein Geschenk“, wie eine Frau meint.
Nach der Messe sind alle relativ schnell wieder weg. Es staut auf die Straße hinaus.

Vernetzte Familien

Vor den Häusern stehen eine Menge Autos.  Die Dominikanerin hat mir angedeutet: „Diese Menschen hier leben den Sonntag in der Familie, sprich auch Großfamilie und dazu gehört die Messe wie das Amen im Gebet. Das machen auch die Jungen mit.“  Sie werden auch in der Gottesdienstgestaltung gebraucht, als KommunionspenderInnen oder zum Absammeln. ES waren Jugendliche, die als Kommunionspender einbezogen wurden. Ein schönes Bild. Ein Mitglied des „Pfarrrates“ betont noch, „dass die Familien keine Inseln sind, sondern sehr gut vernetzt und in Verbindung leben.“ Ich denke: Diese Leute habe verstanden, dass die Familie die kleinste Zelle ist und doch nicht ausreicht für ein geglücktes Leben.“ Ich denke an das Frühstück BEI UNS in Kirchschlag und wie dort auch die jungen Familien und die Älteren „ihr Leben teilen“. Es braucht mehr Orte, wo der Mensch, die Familie, die Alleinerzieherin spürt: Ich bin nicht alleine! Das ist der Dienst einer „Pfarrgemeinschaft“. Hier kann ich Hilfe in Anspruch nehmen, wenn ich sie brauche und hier helfe ich, wenn ich gebraucht werden. Das entsteht am ehesten durch klare, schlichte, eindeutige Rollen und Dramaturgien als Anregung und viel Freiraum, damit sich jeder und jede so einbringen kann,  wie er oder sie ist. Der jesuanische Impuls bedeutet eigentlich immer: Du bist wie du bist und das ist gut so. Leben wir gemeinsam.

Warten auf den Bus

Am Sonntag mit dem Bus unterwegs sein bedeutet Geduld üben. Beim Umsteigen muss ich wieder warten. In mir taucht ein wenig Ärgerlichkeit auf. Da kommt ein etwa 60-jähriger Schwarzer auf mich zu.  Wir beginnen ein Gespräch. Er wohnt in dieser Gegend. Das Wasser stand ca. 2 Meter. Er kam nach 4 Monaten wieder zurück. Viele sind nicht mehr gekommen. Die Häuser wurden mit Hilfe der Stadt wieder hergerichtet. Andere wurden abgerissen. „Es fehlen die Jungen und die Arbeitsplätze“, meint er und erklärt mir, dass er von einer kleinen Pension lebt. Er kommt hierher zur Busstation und „trinkt seine Flasche“ (Schnaps). Daheim wartet seine Frau. Er kann nirgends hingehen, weil er kein Geld hat. Er schaut gepflegt aus. Innerlich ist er leer – ohne Perspektive. Wir reden noch über die Tauben, die Saints (Football), die Musik im French Quarter, dass normalerweise hier kein Tourist vorbeikommt,… und da kommt der Bus. Ich steige in. Er trinkt aus seiner Flasche. Und ich denke an das Kind im Bus heute früh.

Die Gesellschaft muss eine tragende Wir-Norm erarbeiten

Algiers Point liegt am Mississippi gegenüber dem French Quarter und wurde von Afrikanern und Franzosen um 1800 besiedelt. Der Stadtteil war nicht geflutet, dafür vom Wind schwer beschädigt. Der Bus bringt mich über die wirklich hohe Autobahnbrücke und zurück komme ich mit der Fähre.

Die Dämme haben gehalten – aber derWind

Auf meinem Weg durch diesen Stadtteil komme ich an der Methodistenkirche vorbei. Reges Treiben vor der Kirche veranlasst mich, hineinzuschauen. Ein Mann begrüßt mich sehr freundlich. Er erzählt mir: „Wir haben kein Wasser gehabt, dafür hat uns der Wind sehr viel zerstört. Unsere Kirchenfenster waren vorher aus 86 Farben. Jetzt sich es noch 54.“ Voller Stolz posiert der Finanz- und Gebäudeverantwortliche der Kirche vor „seinen Fenster“. Den Zusammenhalt in der Gegend findet er sehr gut. Es ist immer etwas los. „Es gibt auch viele Junge hier“, meint er zufrieden. Hier wird alles getauscht. Den Stadtteil erlebe ich als belebt, aber doch auch entvölkert. Geschäfte sind leer. Vor jedem dritten Haus ein Schild, wer dieses Haus „bewacht“. Security-Firmen sind einer der Hauptarbeitgeber ist mein Eindruck. Luftballone tauchen auf und ich mache mich kundig. Auf einem Parkstück wird nachmittags eine Geburtstagsfeier stattfinden.

Nicht gerade bescheiden
Mitten unter den einfachen Häusern die katholische Kirche, gegründet 1793. Backsteinziegel und riesengroß. Heute wirken diese katholischen Gebäude überdimensioniert. Ich verweile längere Zeit in diesem für mich schönen und ansprechenden Raum. Die vielen Bänke passen für mich nicht zur afrikanischen Beweglichkeit. Über jedem Predigststuhl ist hier eine Muschel mit der Taube. Ich probiere aus, wie hier „das Predigen“ ginge. Ein Community-Garden-Projekt finde ich auch hier in diesem Stadt. Aber ehrlich: Nicht wirklich gepflegt und die Aktivsten sind wahrscheinlich die Hühner. Mich wundert wirklich, dass das Auto so viele Quadratmeter bekommt und ein Gemüsegarten eine echte Rarität ist. Die Idee mit den Gärten zur Selbstversorgung finde ich in so einer Stadt genial. Es ist nur die Frage, ob die Menschen das wollen und angehen. Ihre tiefste Ursprungshandlung ist: Mach nichts selber, was du nicht kaufen kannst. Kein Weg ist zu kurz, um nicht mit dem Auto dorthin zu kommen. Genau diese Haltung darf nicht länger nach Österreich importiert werden. Vielleicht ist es schon zu spät. Das führt mich wieder zum Buch, das ich in Raten lese.

Die Gesellschaft muss eine tragende Wir-Norm erarbeiten

Es wird in Zukunft darum gehen, dass auf narrative Art eine neue Wir-Norm etabliert wird. „Freiheit kann nicht länger Freifahrt sein, Abschöpfung bis zur Raserei zu betreiben, um sich dann, nach Gefährdung aller anderen Verkehrsteilnehmer, inmitten einer Massenkarambolage in zerknäulten Leitblanken wiederzufinden“, lese ich auf Seite 103. Es wird eine neue Rückbindung an Werte, an sinnvolle Tätigkeiten und an eine tragende Gemeinschaft brauchen. Diese Rückbindung muss nicht zu Religion und Gottesglaubenführen: Es heißt wechselseitige  Teilnahme am Prozess einer gemeinsamen Statik. Wie wir uns verhalten, wird weniger Bedeutung bekommen, sondern DASS wir uns zueinander verhalten, in Beziehung bringen und halten. Dazu wird gehören, dass wir konsequente und enkeltaugliche persönliche Verantwortung übernehmen. Mit meinen Namen und Leben übernehme ich die Verantwortung. Das gilt auch für Politiker und Bischöfe wie für Konzernbosse und Supermarktkassierin. Ich persönlich glaube: Das Bewusstsein der persönlichen Verantwortung muss uns heilig sein. Ich erinnere mich noch an das Gespräch mit Prof. Taschner im Cafe in Wien, wo er sinngemäß meinte, dass die Kirche nichts anderes tun soll, als den Menschen immer an diese risikoreiche persönliche Verantwortung zu erinnern und in darin durch Gemeinschaft zu stärken. Ich denke dabei an das Projekt „Netzwerk Bildung Feldkirchen“, das ich begleiten darf, wo es im Endeffekt auch im persönliche Begegnung und um eine „Wir-Norm“ gehen wird. Diese Wir-Norm ist nicht auf Papier geschrieben, sondern drückt sich viel mehr in Soft-Facts aus wie auf der Bühne (siehe Kirchschlag) oder durch Musik. Da bin ich wieder hier, in New Orleans.

Auschecken – einchecken – abchecken

Heute heißt es: Alles einpacken. Auschecken aus dem Hostel und für zwei Tage in einem Hotel einchecken. An diesem Wochenende ist New Orleans komplett ausgebucht. Es heißt etwas investieren und in Folge: Gut gehen lassen. Die Zeit zum Verarbeiten nehmen, die Gedanken wieder ordnen und die verbleibenden Tage abchecken. Meine Grundstimmung ist: Das tun, was geht.

Lange vor dem Hamburger

In aller Ruhe gehe ich heute vom zentral gelegenen Hotel aus in das gestrige Cafe, um Cajun-Spezialitäten zu erkunden. Wikipedia sagt: „Die Cajun-Küche ist die Küche der französischstämmigen Einwanderer im US-Bundesstaat Louisiana, den Cajuns. Es handelt sich hierbei um eine eher einfache und rustikale Küche aus lokal verfügbaren Zutaten. Eng verwandt mit der Cajun-Küche ist die kreolische Küche Louisianas, die einem etwas gehobeneren Kochstil entspricht, der sich in den Städten mit Schwerpunkt in New Orleans entwickelte.“ Ich bestelle „Muffaletta“ und bekomme den weit aus besseren Vorgänger des über „Einfallslos- und Gleichmacher und Gleichschmecker-Ketten“ bekannten „Hamburger“ – nur 1000x besser eben lokaler. Die Wirtin fragt mich trotz ihrer vielen Arbeit und gibt mir noch Tipps für die verbleibende Zeit. „LA music factory“ in der Decatur Street sollte ich nicht versäumen.  Sie schreibt mir auf die Visitenkarte einer Buchhandlung das Buch „9 Lies“ auf. Anhand vor 9 Biografien wird Katrina „aufgearbeitet“.  An Ende des Gespräches streut sie noch Balsam auf meine Seele: „Your English sounds wonderful.“ Das tut einem lernenden Herzen wirklich gut.

Ein Haus kaufen
Am Weg zurück in das Hotel schaue ich den Zigarrenmachern zu, stelle fest, dass im French-Quarter viel „renoviert und gestrichen“ wird. In der Hotel-Lounge komme ich mit einem Mann ins Gespräch, der nach einem Haus Ausschau hält. Er ist Künstler und sieht sein Zukunft in New Orleans. Es sollte in einer Gegend sein, die nicht geflutet war. 20 % von New Orleans stehen ihm zur Verfügung. Ich frage ihn direkt, wie viel so ein Haus kostet. Er hat schon Angebote um 6 Millionen $ bekommen. Grazzy. Heute schaut er sich noch zwei Häuser an, die mit 200.000 $ angeboten werden. Er ist das Wochenende im Haus und werde ihm auf den Fersen bleiben. Das interessiert mich.  Und er ist sympatisch.

I am the leader of charity here: We need no goverment – we help ourselves

Das wird ein langer Tag. Und es wird ein mit allen Facetten bestückter Tag. Auf die „Viet Village“ weit im Osten hat mich schon am zweiten Tag ein Mann aufmerksam gemacht: Es lohnt sich, dort hinzufahren. So starte ich mit dem Bus 94 in Richtung „East“ und rechne mit etwa einer Stunde Fahrzeit. Es ist unglaublich, wie ausgedehnt New Orleans mit der Einfamilienhaus-Siedlungsweise ist. Immer wieder sehe ich das Wasser stehen und ich habe den Eindruck, wir fahren durch die „Swamps“ (Sümpfe). Es geht vorbei an der NASA. Vom Bus aus sehe ich ein Raketentriebwerk und denke: ganz schon groß.

Nicht mehr als 1 ½ Meter über dem Wasserspiegel

Wir biegen von der Hauptstraße ab und ich übersehe die Haltestelle bei der Kirche. So urgiere ich meinen Ausstieg bei der nächsten Möglichkeit. Eigentlich suche ich die „Viet Village Farm“. Ich habe schon schematische Darstellungen in einem Schaukasten der Tulane-University gesehen. Eine Schule bietet sich an nachzufragen. Es ist die Einstein-Public-School. Ich mache drinnen Fotos und werde gleich aufmerksam gemacht: No pictures. Sie können mir  nicht helfen. Sie kennen keine Farm. So schlendere ich an den schönen, flachen, sauberen Häusern vorbei. Große Autos zeugen von Wohlstand. Ich komme zur Kirche. Ein Mann klärt mich auf, dass sich  in dieser Gegend vorwiegend Vietnamesen angesiedelt hätten, ebenso Mexikaner und „ein paar Schwarze“. Insgesamt sind es um die 5.000. Es ist alles unglaublich sauber. Kein einziges vernageltes Haus. „Alle sind wieder gekommen“, meint er und macht bei der Rasenarbeit weiter. Die Kirche, der Hof und die Gebäude sind der Mittelpunkt dieser Gegend. In der Kirche bin ich alleine, aber im Hof kommen mir Leute entgegen. Einer scheint der Chief zu sein und ich spreche ihn an.

Sie warteten nicht auf die Hilfe der Regierung

Ich frage ihn, ob das alles unter Wasser stand. Ja. Seine Hand zeigte auf Hüfthöhe. Wenn ich ringsum schaue, dann waren alle Häuser und Gebäude einen Meter unter Wasser. Auch die Kirche? Ja. Und er sprach recht offen: „I am the leader of charity here in the parish. After Katrina we came back as soon as possible – about three weeks. We need no goverment. We help ourself  and all together“,  meinte er in einem vom Vietnamesisch geprägten English. Er hat es eilig, weil er zwei ältere Menschen mit dem Auto transportieren soll. Die „Pfarrsenioren“ haben sich getroffen. Er schildert noch kurz , wie alle zusammengeholfen haben. Ich frage, wann am Sonntag die Messe ist. „Um 11 Uhr – in English“, meint er und ich werde wieder kommen. Soweit ich sehe bin ich hier auf das stärkste Gemeinwesen (Commons) gestoßen mit unglaublicher Resilienzfähigkeit. Ich möchte noch mehr sehen und nachfragen: am Sonntag.

Das „Diözesanhaus“ hat unten eine massive Barriere

Mein nächstes Ziel heute ist das Diözesanhaus der Erzdiözese New Orleans. Einige haben mir schon vom legendären und im September mit 98 Jahren verstorbenen Erzbischof Hannan (1913-2011) erzählt. Das Begräbnis muss berührend und ein unglaublicher Massenauflauf gewesen sein. Er war Konzilsteilnehmer und Intimus von Präsident Kennedy. Er hat bewusst in den 60-er-Jahren einen schwarzen Weihbischof genommen als positives Zeichen zur Überwindung der Rassenprobleme. Er war sehr sozial eingestellt und hat praktisch geholfen, wo es nur ging. Ich bin überzeugt, dieser Mann hat die Stadt über Jahrzehnte geprägt wie Kardinal König die Kirche Österreichs und Bischof Zauner und Aichern die Diözese Linz. Kurz gesagt: Im Haus der Erzdiözese komme ich nicht über die Hürde der Portierin, „die niemand erreichen kann, der mir etwas zur Erzdiözese sagen kann“. Es ist 11.30 Uhr. Ich solle morgen um 13 Uhr kommen, meint sie und ich verlasse das Haus. Im Dahinschländern auf der Straße denke ich: Dort in der Pfarre diese lebendige Zelle der Kirche und da der „verwaltende Haufen“.

Street-Car auf der St. Charles Ave

Die Fahrt mit der Street-Car auf der St. Charles muss man gemacht haben, heißt es. Deswegen war sie übervoll. Sie fährt durch den „garden district“ vorbei an wunderschönen Häusern und Gärten. Als Baumwolle und Zucker um 1840 zu boomen begannen, sind hier „in den Feldern hinter dem  Hafen  die Herrschaftshäuser“ entstanden. Ich steige bei der Loyola-University aus und „erkunde die Möglichkeiten dort“. Musik und Spiel sind hier zentral. Ein wunderbarer Palmenhof würde das Inskribieren nahelegen. Zwei Professoren unterhalten sich angeregt über Finanzplanung und das Musical, das von den MusikstudentInnen aufgeführt wird, ist ausverkauft. Ich warte auf die Rückfahrt. Die Trasse der Straßenbahn benutzen viele als Laufstrecke. Dazu hätte ich jetzt direkt Lust. Ich steige wieder ein und fahre 25 Minuten zurück in die Canal Street, „Ausgangspunkt für alles“.

Einmal den Mississippi überqueren

Um den heutigen Kreis von Osten in den Westen noch zu vervollständigen, fahre ich mit der Fähre hinüber in das Stadtviertel „Algier“. Im 19. Jahrhundert von ankommenden Afrikanern besiedelt, hat sich auch dort ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl und Nachbarschaft entwickelt. So haben sie – sagt man – Katrina sehr bald überwunden gehabt und wichtige Gebäude wieder in Gang gebracht. Es ist die Abendstimmung, die ich genieße und die Skyline von New Orleans. Auf der Fähre bitte ich einen Mitfahrenden ein Foto von mir zu machen. Wir reden weiter und er erzählt, dass er von Honduras kommt und in einem Hotel arbeitet. Was er verdient will er  mir nicht sagen. Schade, aber ich bin überzeugt, dass es noch immer „Sklavenarbeit zu einem Hungerlohn mit Ausländern gibt“. Er bekommt übrigens nur Geld, wenn sie Arbeit haben. Jetzt überlegt er, wieder nach Hause zu fahren. Aber womit? Mir kommen die vielen Obdachlosen auf manchen Straßen in den Sinn und denke noch viel  mehr an jene Schicksale, die sich nicht auf die Straße trauen. Unter dieser Skyline spielt sich wirklich das „ganze Leben“ ab. Und ich erlebe vieles aus der Sicht von unten und aus der Sicht der Musik.

Apropos Musik

Auch wenn der Tag schon lange ist, so möchte ich ihn heute intensiv mit Musik ausklingen lassen. Auf dem Weg in die Frenchman Street entdecke ich das tolle „Cafe Maspero“ in der Decatur Street (teurer French Quarter). Mein Hunger will mit „Jambalya“ (Reisfleisch mit Meeresfrüchten, Fleich und Wurst und Salat) gestillt werden. Dazu trinke ich drei Glaserl weißen Hauswein. Die Atmosphäre ist alt, urig und ehrlich. Der Preis für alles 12$. Das Maspero wird mich öfter sehen. Es ist unglaublich, wie viel Live-Musik auch während der Woche geboten wird. An diesem Abend genieße ich fünf Gruppen und einen Klavierspieler, der alle begeistert hat. Die Musiker bilden ebenfalls Commons. Sie spielen in verschiedensten Zusammensetzungen. Einzelne tauchen immer wieder mal bei einem anderen Ensemble auf.  Am Gehsteig unterhalten sich zwei Musiker ganz intensiv darüber, wie der eine „in dieser Szene hineinkommen kann“. Nachdem sie fertig waren, frage ich den Bassisten, mit dem ich mich dieser Tage schon unterhalten habe, wie er das sieht: Man hilft sich gegenseitig und wenn einer oder eine gut ist, „dann brauchen wir sie ohnehin“. Wohlgemerkt: Alle diese Leute leben von der Musik, von den Geldern der BesucherInnen und dem CD-Verkauf. Ich habe auch schon drei Stück im Rucksack. Um 0.30 Uhr komme ich „heim“. Dort eröffnet mir man, dass ich die beiden kommenden Nächte nicht bleiben kann. Na dann, gute Nacht.

Time and space for the book: „Vom Ich zum Wir“ – Christian Schüle

Regen in der Nacht. Angenehm kühl am Morgen. Der Tag verspricht ein Innehalten. Das Buch „Vom Ich zu Wir“ von Christian Schüle ist im Koffer. Dort soll es nicht länger warten. Nach einem ausführlichen Frühstück zusammen mit einem Schweden, Kanadier, einer Dänin, einem Niederländer und zwei Australiern nehme ich meinen Rucksack und suche mein ruhiges Cafe „Pontalba“ am Jackson Square.

Einige „Thesen“ aus dem Buch aus dem ersten Kapitel „Aufstieg und Fall des zeitgenössischen Individuums“

  • Nie zuvor war der Einzelne freier als heute und nie zugleich in seiner Freiheit versklavter.
  • Auch wenn er ständig in Bewegung ist, lässt der Mensch sich von nichts mehr bewegen.
  • Der Mensch von heute ist erschöpft
  • Das Ich hat sein Wir verloren
  • Das freie Individuum ist nicht mehr über seine Freiheit im Bilde.
  • Das Leben, das der Mensch von heute wählt, ist ein Leben in der Beschleunigung.
  • Freiheit gerät nicht durch ihre Verhinderung in die Krise, sondern durch ihr unbewältigtes Übermaß.
  • Der totale Boulevard untergräbt die Kultur. (Wenn der Geist auf den Bloulevard kommt wie die Sprache auf den Hund, ist der Boulevard unversehens öffentlicher Geist. Die permanente Unterforderung des Bürgers durch Unterhaltung kommt seiner Entmündigung gleich. Entmündigte Menschen sind gleichgültig,…)
  • Der zeitgenössicher Mensch ist so gut wie allen Kontexten enthoben, sogar seiner selbst.
  • usw.

Das Buch ist noch nicht ausgelesen. In meiner konkreten Situation finde ich darin vieles auf den Punkt gebracht, was mich gesellschaftspolitisch (und im Umfeld der Parteipolitik) derzeit beschäftigt und in Zukunft in modifizierter Weise beschäftigen wird. Im India Haus angekommen, nehme ich kurz die  Tasten und dann wieder das Buch zur Hand.

NOLA GREEN ROOTS: Durch Gärten nachhaltige Communities bilden

Genau davon habe ich im Vorfeld einiges gehört. Communities werden um einen Garten gebildet. So entstehen „Nachbarschaftsstrukturen“. Heute will ich dem nachgehen und treffe den Executive Director Josep Brock von NOLA GREEN ROOTS im Office in der Tulane Street. Es ist ein Zufall, dass gerade er da ist.

Das ist ein „data-based buisiness“

Joseph Brock arbeitet in der „Küche“ an jungen Pflanzen. Ich dränge mich unangemeldet in seine Tagesarbeit. Er ist gleich bereit, mir einige Dinge zu erklären. Wir gehen in den Schulungsraum und er nutzt die Tafel, mir alles aufzuzeichnen. „Normalerweise sitzen hier viele“, meint er lächelnd. Aus Österreich war noch nie jemand da. In jedem Fall lässt er keinen Zweifel, dass diese Arbeit ein ganz gewöhnliches Geschäft ist. Auf seinem Smartphone zeigt er mir das datengestützte System. Derzeit gibt es acht dieser Gärten in New Oleans.  Sie arbeiten alle nach demselben Prinzip und die Dachorganisation gibt die Ziele vor und entscheidet, ob ein Garten „successfull“ ist oder nicht. Es gibt genau Kennzahlen, nach denen die Gartengemeinschaften arbeiten.

Die Zusammenarbeit in der Gartengemeinschaft

Jede Gartengemeinschaft arbeitet selbständig, bekommt Unterstützung und wird über NOLA organisatorisch betreut. Normale Mitglieder arbeiten wöchentlich, andere bezahlen einen höheren Mitgliedsbeitrag, weil sie nicht die Zeit haben und doch von NOLA profitieren möchten. Da  gibt es klare Regelungen. Auch die Körbe mit Gemüse und Obst werden über NOLA – über das Internet – abgerechnet. Professionell. Einige Restaurants gehören auch zu den Abnehmern. Immer öfter liefern Restaurants ihren organischen Abfall und bezahlen dafür, dass er im Garten kompostiert wird. Er zeichnet einen Früchte-Kreislauf und einen Kompost-Kreislauf an die Tafel. Was hier entdeckt wird, ist für uns in Österreich Standard. Was neu ist, dass Gärten „communities“ bilden. Der Garten „Mid City“ auf der Straße gegenüber ist sauber und geordnet. Er dient dem Office auch als Lern- und „Zeigegarten“.  Wöchentliche Treffen stärken die Community. Knowhow wird ganz offen an die Mitglieder und vor allem die Kids und Junge weitergegeben.

Dem Auto Fläche wegnehmen

Wenn ich durch die Vorstädte wandere, wird mir immer klarer: Vor jedem Menschen kommt das Auto. Die Straßen sind breit bis hin zum kleinen Haus. Unglaublich viel Fläche wäre da für Gärten, Spielplätze (habe ich noch keine gesehen) und Natur. Sie müsste dem Auto abgenommen werden. NOLA GREEN ROOTS ist aus der Erfahrung von Katrina entstanden. Es gab keine Früchte und Gemüse. Aufgrund der vielen  frei gewordenen Parzellen finde ich diese Idee hervorragend. Mit etwas Stolz blicke ich nach Österreich und hoffe, „dass der grüne und nachhaltige Weg wieder mehr beschritten und gefördert wird, gerade in der Stadt.“ Und irgendwie verfestigt sich der Gedanke, auch in Kirchschlag so ein „communiy gardening“ zu beginnen – wegen der Früchte und der neuen Zusammengehörigkeit.

Nicht einmal ein Tropfen auf dem jetzt wieder trockenen Lower 9th Ward

Leute sagen: Dort sollte man sich nicht zu viel herumtreiben, besonders nachts. Gemeint ist der Lower 9th Ward, östlich des „industrial canals“ zwischen Mississippi und dem Industrieviertel, das großteils unter dem Normalwasserspiegel liegt. Dort standen 4.000 Häuser – bis Katrina. Aus dieser Gegend stammt Louis Armstrong (1901-1971) und einige weitere berühmte Musiker. Vor allem in den 1940er-Jahren wurde dieses „lower area“ besiedelt. Vor allem Schwarze und Arme könnten sich diese Gegend „leisten“. Die Kriminalität war hoch. Die Nachbarschaftshilfe und das gemeinsame Leben allerdings ebenso.  Und jetzt? Ich fahre mit einer gewissen Anspannung mit dem Bus 84.

Fast wie ausgestorben

Der Busplan sieht eine „Rundfahrt“ vor. Ich fahre diese Runde mit. Die Gegend ist wie ausgestorben. Nach meiner Schätzung fehlen 70% der Häuser. Von den übrigen sind die Hälfte unbewohnt und die anderen so recht und schlecht. Es waren einmal 4.00o Häuser. Vor allem vorne am „levee“ (Damm: Es gibt T-Shirts zu kaufen mit der Aufschrift – Make levees not war!) fehlen 90% der Häuser. Das Holz und der Schutt sind weggeräumt. Beklemmende Gefühle kommen hoch, wenn noch die Aufgangstufen da sind und das Haus fehlt. Dort, wo ich jetzt zu Fuss unterwegs bin, ist der Damm gebrochen und das Wasser wie ein Riesenschwall über die Häuser hereingebrochen. Ich bleibe eine lange Zeit stehen und stelle mir das vor. Es ist unvorstellbar. Verständlich, dass diese Gegend zwar wieder besiedelt werden soll, aber der Zuzug sich in Grenzen hält. Das hat verschiedene Gründe: Die dauernde Erinnerung an das Desaster. Die arme Bevölkerung kann sich die Rückkehr nicht leisten. Die Formalitäten sind extrem kompliziert, um zu Förderungen zu kommen. Die Stadt bietet nicht genug Arbeitsmöglichkeiten.

Neue bunte Häuser  mit „green technology“

„Make it right“ nennt sich jene Organisation, die medienwirksam über die ganze Welt bekannt wurde durch das Aufstellen der pinken Häuser und das Engagement von Brad Pitt. Ziel ist, etwa 150 Häuser mit „green technology“ zu errichten. Aus meiner Sicht stehen bis heute 50-70 in dieser Gegend. Genau gezählt habe ich nicht. Es ist aber überschaubar. Es sind sehr schöne Häuser. Stararchitekten haben ihnen eine Form gegeben. Ein Mann erzählt mir, dass er glücklich ist, hier zu wohnen. Er betont aber, dass zu wenige Leute da sind und ist stolz, weil auf der Nachbarparzelle der Bagger angerückt ist. Bei mir selber denke ich: Diese große Aktion in Ehren – aber das ist in Anbetracht des Ausmaßes nicht einmal der berühmte Tropfen. Es ist aber wie bei so vielen anderen Dingen in der Welt: Eine gute PR-Arbeit lässt die Leute darüber reden und das ist zum Teil schon Hilfe genug.  Ich bin überzeugt, dass dieser Stadtteil (so wie andere auch) erst wieder wachsen und belebt werden kann – von Menschen, die hier ihren Lebensinhalt sehen – Brad-Pitt-Aktion hin oder her.

Ein Fleckerl „Urban Farming“

In einer Zeitung in einem Kaffeehaus lese ich, dass Frau Jenga Mwendo (33) die Gründerin des Backyard Gardener’s Network ist. Natürlich halte ich Ausschau – und werde fündig. Eine kleine Tafel kündet von der Eröffnung dieser „urban farm“. Ich muss an meine Schwiegermutter denken, die mir ihren 88 Jahren einen eigenen Garten in der Siedlung betreibt. Eine klassische Urban-Farmerin. Sie weiß noch alle Ätzes, wie etwas wächst und wie man eine Familie selbst ernähren kann. Hier in  der Deslonde Street ist es der Versuch, mit community-gardening sich selbst zu versorgen. Ich habe den Eindruck: Hier muss wieder viel Knowhow zurückgewonnen werden. Wenn in einer amerikanischen Stadt überhaupt Gemüse wächst, dann höchstens im Supermarkt. Der Mensch hat viel verlernt und viel an Abhängigkeit gewonnen. Ich wandere den Damm entlang und steige in eine andere Buslinie ein. Dort sind wir 10 Leute, vor allem junge. 80% davon haben Stöpsel im Ohr oder spielen am Handy. Ein älterer Herr und ich unterhalten uns recht und schlecht über das Leben in New Orleans.  Er schaut in die Bus-Runde und meint sinngemäß: Wo soll das noch hinführen? Ich nicke nachdenklich und denke an die verkümmerte urban farm.

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Heute wage ich das erste Powernapping am späten Nachmittag. Das tat gut. Dann suche ich das Kaffehaus „envie“ auf. Ich nehme Platz und und Zeit nachzusinnen. Die hübsch Kellnerin schaukelt den Betrieb alleine. Das Haus atmet Vergangenheit und keine andere Zukunft als die vergangene. Nur die Laptops weisen auf das Heute hin. Ich sitze mit meinem analogen Tagebuch da. Ein guter Platz, um nachzudenken. Beim Herfahren hat mir eine ältere Frau ihr T-Shirt mit einem Spruch so hergehalten, dass ich ein Foto machen musste. Was ist der Mensch? Was sind die Weltgestalter wie Obama? Heute denke ich: Viele Dinge lassen sich nicht gestalten, sondern entstehen um Werden. Weil so viele Menschen IHREN Teil tun, entsteht der Fluss des Ganzen. Das envie ist gleich in der Nähe des Mississippi. Glauben wir nicht immer noch zu oft, etwas gestalten, machen zu müssen? Heute denke ich: Es wird – oder eben nicht. Wichtig ist mir: Leiste DEINEN Beitrag zum Ganzen – und das ganz. Alles andere wird. Lächerlich, was die Weltgestalter alles zur Rettung der Welt „aufführen“. Paul Lendvai schreibt heute in einem Kommentar im Standard: „Die Politiker müssten Risiken eingehen und in der ersten Person sprechen.“ Mein Beitrag in der Ich-Form ist gefragt.

Die Kellnerin bedient einen jungen Mann. Er hat die Ohrstöpsel drinnen. Sie will etwas nachfragen. Er hört nicht, weil er hört. Sie stellt ihm den Kaffee hin und er schaut sie an. Sprachlos. Sie dreht sich um. Er auch. Ein Stück individuelle „Bedürfnisabgleichung“ hat nicht stattgefunden. Er weiß es nicht und sie macht einen verwunderten Eindruck. Die Macht der „smart divices“. Distanz ist angesagt, oder? Irgendwie habe ich Lust, in die Frenchman Street zu gehen, Musik zu hören. Nein, heute geht es „heim“.