„Als Vagabund in New Orleans“ – am 30. Dezember 2011 in Kirchschlag

Viele Menschen sind neugierig, wie ich meinem vierwöchigen Aufenthalt im Oktober und November 2011 in New Orleans erlebt habe. Was habe ich mitgenommen von diesen vier Wochen? Meine Aufenthalt war geprägt von drei Wahrnehmungsfeldern:
1. Rebuilding after Katrina 2005 (Wie weit ist der Wiederaufbau?)
2.  What’s about the music an musicians in this city (Welche Rolle spielt die Musik?)
3. The power of Resilience after individual and collektive desasters (Woher kommt die Widerstandsfähigkeit bei Schicksalsschlägen?)

Aus den Erlebnissen und Begegnungen leite ich viele Anregungen für uns hier in Oberösterreich und das Leben in den Dörfern und Städten ab. „Prüft alles und behaltet das Gute“, so steht es in der Bibel. In vielen Bereichen sind wir „sozialer und gemeinschaftlicher aufgestellt“. In anderen Bereichen habe ich Anregungen eingepackt.

Mein erstes Erzählen wird in Kirchschlag so angekündigt:

Ferdinand Kaineder erzählt anhand von Bildern von seinem vierwöchigen Aufenthalt in New Orleans, der Weltstadt des Jazz und Blues, sechs Jahre nach der Katastrophe durch Hurrikan Katrina, der 80% der Stadt unter Wasser gesetzt hat. Wie leben die Menschen in der Stadt am Mississippi? Wie schaffen sie den Wiederaufbau? Lebensfreude und Fröhlichkeit kennzeichnet die Stadt des „Big Easy“. Welche Rolle spielen dabei die vielen Musikerinnen und Musiker? Neue Formen des Gemeinschaftslebens sind im Entstehen. Durch die vielen Begegnungen mit Menschen „von unten“ entsteht ein anregendes Bild dieser Stadt am Mississippi. Kaineder hat nicht nur Erinnerungen in den Rucksack gepackt, sondern auch Anregungen für ein neues Leben hier in Europa, in Oberösterreich.

FR 30. Dezember 2011

um 19.30 Uhr

St. Anna Pfarrzentrum Kirchschlag

Serviert wird an diesem Abend auch ein typisch kreolisches Gericht („Jambalaya“)

Eintritt: „Freiwillige Gifts“

Alle sind herzlich eingeladen – von Nah und Fern!

Schlusspunkt zu New Orleans 2011: „You’r wellcome!“

Bei jeder Gelegenheit, wo wir  in Österreich „Danke“, „Gerne“ oder „Bitte“ sagen, höre ich hier „You’r wellcome“. Das wird mir fehlen. Es ist ein Ausspruch, der so viel Gehalt hat und die tiefe Haltung der Menschen hier charakterisiert: Jeder und jede ist herzlich willkommen. Diese positive Zugehen aufeinander, ist „unique“, wie eine Mitbewohnerin aus New York gerade neben mir betont. Dort erlebt sie die Schwarzen im Ghetto, hier sind alle durchmischt „and so friendly“.  Ich kann ihr an meinem letzten Tag hier in New Orleans nur rechtgeben. So habe ich diese Stadt erlebt. Die Musik macht mit den Menschen so viel Positives, „vibrations with energy“. Alles ist langsamer, nicht so ernst, nicht so tragisch. In mein Tagebuch habe ich vor Tagen im Blick auf Europa und die technisierte Welt geschrieben: Der Mensch hat die Chance, am eigenen Egoismus  zugrunde zu gehen. Gestern abends überreichen mir zwei Frauen einfach so ein „Thanksgiving“.

Nochmals die Plätze der „Eintagestouristen“ aufsuchen

Am vorletzten Tag  meines Aufenthaltes habe ich einen Versuch  unternommen. Ich habe mir vorgestellt, dass ich einen ganzen vollen Tag zur Verfügung habe und die touristischen Highlights besuche: Street Car Canal Street, Street Car St. Charles Ave mit Garden District, Jackson Square, einen Kaffee im Du Monde, Kathedrale, mit der Fähre ans andere Ufer des Mississippi  Algiers Point und retour, Royal Street Galerien, Coop’s Place Abendessen, Frenchman Street (Music Cafes) und durch die Bourbon Street („Ballermann mit einzelnen Ausnahmen“) zurück zur Canal Street. Viele verlassen so die Stadt und nehmen ganz sicher positive Eindrücke mit und haben die Stimmung aufgenommen. Sie haben viel Musik gehört, weil auch auf den Straßen viel hochqualitative Musik gemacht wird. Am Abend in der Straßenbahn ins Hostel bin ich mir ganz sicher: Gut, dass ich länger Zeit hatte, in diese Stadt einzutauchen.

Der letzte Tag gehört den Plätzen meiner emotionalsten Begegnungen

Ich habe Vicki und ihre Freundin Leila kennengelernt. Mit Vicki  treffe ich mich um 8am zum Frühstück. Sie ist eine herzenswarme Frau und arbeitet bei „Entergy“. Sie erzählt, dass sie gerade einem 10-jährigen Buben Heimat gibt und ihm anbietet, ganz bei ihr zu wohnen und Familienmitglied zu werden. Die Adoptiveltern haben ihn im Stich gelassen.  Gastfreundschaft, konkret helfen, so viel Freundlichkeit und Vertrauen in das Leben. Danke für solche Menschen.  Dann gehe ich durch den French Quarter (Royal Street) zum Royal Postoffice (gebe die letzten Karten auf) und hinauf zum Amstrong Park. Dort verweile ich lasse mein so zahlreichen musikalischen Emotionen freien Raum. Der „Homeless shelter“ ist meine nächste Station. Ich möchte einfach dort sitzen und mit den Leuten auf das Leben warten. Ich führe das eine oder andere Gespräch und bin wieder erfüllt von dieser „respektvollen helfenden Atmosphäre“. Here is Jesus. Um 12.15 besuche ich die Mittagsmesse in St. Joseph am Tag der heiligen Cäcilia. Die Messe ich nicht in der großen Kirche, sondern in der kleinen Kapelle und vorne hängt das Franziskuskreuz mit der Botschaft in Assisi: „Bau meine Kirche auf.“ Ich spreche nachher lange mit dem Priester. Er hat in seiner kurzen Predigt zum Evangelium, dass keine Stein auf dem anderen bleiben wird, das dauernde „Beben rund um die Kirche wegen der Baustellen“ und die Flut erwähnt und uns mitgeben: „All wie need is a little faith.“ Dann brauchen wir nicht verzweifeln.  Wie recht er doch hat! Dann telefoniere ich ein letztes Mal mit Gerlinde über Skype, setze mich mit den gewonnen Freunden hier Hostel zusammen.

Was nehme ich mit? – „Gratefullness – tiefe Dankbarkeit“


Natürlich steigt mit Blick auf die Heimreise die „Spannung“, ob alles wieder gut geht. Reisen ist immer davon geprägt, „den Anschluss zu finden“. Flughäfen sind besondere Orte für Anschluss-Suchende. Das werde ich sein. Ich freue mich schon sehr darauf. Ich war auch in dieser Stadt ein „Anschluss-Suchender“ und wurde sehr reich beschenkt.  Einen kleinen Einblick habe ich mit dem Blog versucht zu geben. Geteilte Erfahrung ist doppelte Freude. Wenn ich zurückblicke, dann kann ich meine innere Stimmung nicht anders beschreiben als damit, dass ich von großer „gratefullness“ erfüllt bin. So viele Menschen auf Augenhöhe kennengelernt zu haben, das hat auch bei mir Spuren hinterlassen. Ich bin gekommen, um sechs Jahre nach Katrina den Wiederaufbau zu sehen, die Musik zu hören und zu „studieren“, was sie mit den Menschen „macht“ und die „Resilienzfähigkeit“ einzuordnen.  In allen drei Punkten bin ich für mich „fündig“ geworden. Diese Erfahrungen nehme ich auch neue Kompetenz mit.  Dass vieles als einem besonderen „Commons-Geist“ erwächst (neighborhood, music, gardening, rebuilding,…) führt mich dazu, mich mehr im „Commons-Empowerment“ zu engagieren.

Weil viele Ideen, Energie und Resilienz  (Widerstandskraft) aus dem  „empathischen, aktivierenden Dialog mit den lokalen Menschen und Gegebenheiten“ kommt, überlege ich, mich als „local detective“  zu verstehen. Beides erfüllt mich mit tiefen Emotionen und eben mit großer Dankbarkeit.  You’r wellcome!

Danke allen, die mitgelesen, mitgelebt, mitgetragen und mitgebetet haben. Ich fühlte mich immer getragen von einer tiefen gemeinsamen Kraft. Seid alle behütet. Und – ich freue mich auf daheim.

Gehört die Stadt den Autos, wird sie gesichtslos wie Baton Rouge

Schon der Ausspruch eines Freundes „Geh nicht nach Amerika – geh nach New Orleans“ hat mich heute früh veranlasst,  die Stadt zu verlassen, um einen „Vergleich“ zu haben. Darüber werden jetzt natürlich alle Amerikabegeisterten und Amerikarundreisenden herzhaft lachen.  Da fährt er einen Tag in die Bundeshauptstadt von Lousiana, Baton Rouge, und glaubt, etwas über Amerika sagen zu können. Wir werden sehen.

Die Sümpfe charakterisieren diesen Bundesstaat

Die Fahrt mit dem „Swift-Bus“ in die ca. 130 km (80 Meilen) entfernte Hauptstadt des Bundesstaates Baton Rouge ist beeindruckend. Gehört habe ich, dass der Amerikaner alles dem Auto „darbringt“, vor allem breite Straßen. Wir fahren allerding sicher 1/3 der Strecke auf Brücken über die Sümpfe des Mississippi. Der Mensch hat sich hier den Sumpf konkret etwa 6 Meter untertan gemacht, damit er mit seinem Auto „frei“ ist. Die Sümpfe sind wirklich beeindruckend. Darum ist „Seafood“ das wirklich lokale – und schmeckt auch ausgezeichnet. Der Bus ist halbvoll und die Hin- und Rückfahrt kostet 10 $ – eigentlich ein Geschenk. Genutzt wird er eher von Schwarzen, von Älteren und Ärmeren. Auch der Greyhound-Bus (so erzählen Mitbewohner) ist vorwiegend von „Vagabundierenden und Ärmeren“ benutzt. Die Identität einer amerikanischen Seele wird definitiv durch eine Auto und ein Flugticket bestimmt – entweder im Haben oder in der Sehnsucht danach.

Die gesichtslose Stadt Baton Rouge

Wer einen Tag Zeit hat, kann natürlich nicht durch die ganze Stadt wandern. Es geht schnurstracks ins Zentrum. Dort stehen riesige Gebäude. Dazwischen sind breite Straßen und unglaublich viel Parkplatz. Die unteren Etagen sind für das Auto bestimmt. Nirgends finde ich kleine Geschäfte und erst im Shaw-Center hat ein Restaurant offen. In New Oleans undenkbar. Dort gehört das Erdgeschoss den kleinen unzähligen Cafes und Geschäften.  Christoph Chorherr hat in seinem Buch „Verändert!“ das auch beschrieben. Wo das Erdgeschoss dem Auto gehört (Garagen etc.),  dort wird eine Stadt oder ein Stadtviertel „gesichtslos“. Und genauso erlebe ich heute die Hauptstadt im Zentrum: ausgestorben und autofrei. Ich bin ganz fest überzeugt, dass wir dem Auto wieder Platz und Rang ablaufen müssen. Das Fahrrad ist eigentlich „das“ Verkehrsmittel des urbanen Menschen und die Füße sollten wir auch nicht unterschätzen, wie weit und gesund sie uns tragen. Den Besucht gerettet hat die Aussicht  (trotz Nebel) vom Regierungsgebäude, der Park und der Besuch des Gottesdienstes in der St. Joseph Church. Diese Kirche ist sein 50 Jahren Bischofssitz. Alles erinnert mich an die Zeit in der Dompfarre Linz, auch das Pfarrcafe. Die Kirche ist halbvoll und der Chor singt in liturgischen Gewändern. Es sind verhältnismäßig viele junge Paare, die „verliebt“ in den Bänken sitzen und sehr aufmerksam mitfeiern. Die Diözese Baton Rouge hat nach Katrina die Erzdiözese New Orleans mit Infrastruktur und Personal tatkräftig unterstützt.

Nebel und Nachdenklichkeit in New Orleans

Ich steige aus dem Bus am Abend wieder aus und ein schwüler Dunst schlägt mir entgegen. Die Thanksgiving-Beleuchtung ist seit gestern schon überall angebracht. Der feiner Nebel legt eine ganz bestimmte, nachdenkliche Stimmung über die Stadt. Wie ich mit der Straßenbahn zurückfahre, muss ich an Canny denken. Es war damals im November noch kein Strom da und alles war finster. Das muss wirklich „enterisch“ gewesen sein.  Ich selber bin ob meines bevorstehenden Abschieds auch ein wenig wehmütig, aber zugleich auch freudig auf Daheim. Dieses aufmerksame Vagabundendasein auf der unteren Stufe einer Stadt hat mich sehr verlangsamt, dem Wesentlichen angenähert und dankbar gemacht. Wer sich mit großer Offenheit auf die Menschen und diese Stadt zubewegt, der wird gefunden – von der Stadt. Es ist etwas ganz anderes, einem Homeless ins Gesicht zu schauen, mit ihm zu reden und zu essen, als Studien, Statistiken und Berichte über ihn zu machen. Jede Begegnung hat mich genährt, ganz gleich mit wem. Ich bin heute schon dankbar für diese Zeit hier, weil sie mich sehr ehrlich und ungeschminkt in und hinter das hiesige Leben geführt hat. Auch für die Ideen und Anregungen, die ich nun mit nach Hause nehme und noch „ordnen und strukturieren“ werde, bin ich dankbar. Diese Stadt hat ein „Gesicht, hat viele Gesichter“, die stolz sind auf ihre Stadt. Die Musik, die Kunst begründen eine gewisse „Ausgelassenheit“. Diese Menschen denken das Leben trotz des harten Schicksalschlages „leicht“ (easy), das strahlen sie aus und das bekommen sie wieder zurück. Diese „Leichtigkeit“ ist in einem tiefen Vertrauten und oft auch Glauben begründet und wird in den verschiedensten „Communities“ gepflegt. Sie nehmen nicht alles so ernst, legen nicht alles auf die Waagschale, rechnen auch damit, dass etwas schief gehen kann. Selbst die Rauferei (die erste, die ich erlebt habe) gestern in der Street Car war sofort bereinigt und ein Schwarzer hat schon wieder seinen Spaß gemacht. Hier werden die Probleme nicht vertieft oder gepflegt, sondern das gute, leichte Leben in den Mittelpunkt gestellt. Take it easy – das nehme ich in jedem Fall mit. Und gibt es da nicht ohnehin eine Weisheit, das Unveränderbare vom Veränderbaren zu unterscheiden? In den Lebensweisheiten wachsen.

Gute Beziehungen zur Universität Innsbruck und eine wichtige Ergänzung inpuncto Kirche

Die UNO (öffentliche Universität New Orleans) hatte vor Katrina etwa 18.000 Studierende, jetzt 12.000“, meint der Direktor des Center Austria hier am Uni-Campus. Dr. Günter Bischof ist ein gebürtiger Vorarlberger, hat zeitgleich mit mir in Innsbruck zu studieren begonnen und ist Historiker mit Abschluss in Innsbruck und New Orleans. Er ist Absolvent der Haward-University. Er ist mit einer „Cajun“ (französisch-sprechende Auswanderer von Canada, weil sie dort nicht „protestantisiert“ werden wollten). Wir gehen in die Uni Mensa und ich danke für das gemeinsame Essen, mehr noch für den zweistündigen angeregten Meinungsaustausch. Das Center Austria bietet österreichischen Studierenden Unterstützung, hier im Süden der USA eine Studienaufenthalt zu riskieren. Es stehen auch drei spezielle Stipendien zu Verfügung. Aus der Broschüre lese ich, dass diese Partnerschaft sehr erfolgreich gestaltet wird. Die in Salzburg gebürtige Gertraud Griessner  wird darin auch als „office manager and the heart and soul from the beginning 1997“ bezeichnet. Das habe ich auch jedes Mal gespürt, als ich dort war. Danke.

Die Katholische Kirche spielt eine wichtige Rolle

Nicht nur aus dem obigen Gespräch, sondern aus zwei weiteren ausführlichen Erzählungen und einem Buch über Katrina möchte ich mein bisheriges Bild von der Erzdiözese NOLA ergänzen. Gerade bei und nach Katrina waren die Pfarren und Einrichtungen der Diözese federführend im Wiederaufbau. Es wurde die Katastrophe zwar dazu benutzt (wie übrigens auch im Schulwesen), etwa 20 Pfarren zu schließen (bei zwei mit öffentlichen Protesten), aber die Freiwilligenarbeit und die Nachbarschaftshilfe wurde bestens organisiert. „There was so much crime“, erzählte mir eine Frau im Cafe. Gauner nutzen wie fast überall (siehe derzeitige Wirtschafts- und Finanzkrise) solche „Desaster-Situationen“, um sich daran zu bereichern, im Großen wie im Kleinen. Es ist schwer, bei Katastropen, die Hilfe wirklich zu den Menschen zu bringen. Die Katholische Kirche war da ein Garant dafür. Sie war aber mit den vielen Kirchen und Schulen selbst auch eine Hauptbetroffene. Ich sehe in dem Buch, das im Dom aufliegt, wie eine Feldmesse dort gelesen wird, wo einst das Pfarrzentrum stand. Der Pfarrer ist ebenfalls umgekommen und seinen Leichnam hat man wie andere auch nicht gefunden. Manche Entscheidungen der Diözese kamen „von oben“ und fanden keine Zustimmung. Fakt ist aber auch, dass manche Pfarren keine Mitglieder mehr hatten, weil dort wenige Leute geblieben sind. Auf unserer Straße gegenüber steht auch so eine große imposante Kirche, die zwar von den Mitgliedern noch gerichtet wurde, dann aber geschlossen wurde. Die Kirche verliert zwar an Bedeutung, ist aber nach wie vor eine gestaltende Kraft.  Die Probleme zwischen „Oben“ und „Unten“ an der Basis sind allerdings auch hier „Tagesgeschäft“.

Großes Schulgebäude geht auf Wanderschaft

Große Investitionen stehen bevor. Eine neue Universitätsklink und ein riesiges Veteran‘s Hospitel werden entlang der Canal Street vom Bundesstaat Lousiana errichtet. Baumaschinen und LKW transportieren schwarze Schlammerde weg und bringen Sand. Das Gelände wird um etwa 2 Meter aufgeschüttet und mit einer speziellen Methode „trockengelegt“. Die Erde bebt und ich spüre, das wird auf Sand und Sumpf gebaut. Alles ungefähr 2 Meter unter dem Meeresspiegel. Das Vertrauen in die Levees (Dämme) ist wieder da.

Eine Schule muss weich, darf aber nicht abgerissen werden

Schon vergangene Woche habe ich mit Leuten darüber gesprochen, was mit dem großen Haus in der Mitte der Baufläche ist. Eine historisch wertvolle alte Schule, die nicht abgerissen werden darf. So arbeiten ca. 25 Leute an der „Übersiedlung“ des riesigen Gebäudes. 16.000 Tonnen werden auf Räder gestellt und bewegt. Seid drei Tagen wandert das Gebäude – kaum wahrnehmbar. Drei TV-Stationen waren da und haben gefilmt. Ich bin daneben gestanden, wie sie ihre Enttäuschung zum Ausdruck gebracht haben, weil sie das so langsam und nicht fernsehtauglich bewegt. „Action“ wäre gefragt. Nein, in diesem Fall Geduld und Bedachtsamkeit. Das zeigt wieder, dass viele Prozesse in unserer Gesellschaft durch die Medien „angeheizt, beschleunigt“ werden und so der ständige „Turbo“ eingeschaltet ist. Wer Großes und Schweres bewegen will, bracht viele Räder, aufmerksamste Mitarbeiter, eine funktionierende Technik und Geduld. Auch bei der Kirche sieht man kaum, dass sie sich bewegt. In der Bildung wäre diese Bewegung notwendig. Die Politik und Ökonomie bekommt gerade durch die neuen Social Media Techniken Räder untergelegt. Die Gesellschaft als Ganzes ist unterwegs, ob wir das als drinnen Wohnende oder als „Außenbeobachter“ dabei sind, ist einerlei: Es bewegt sich! Das „Lustige“ hier allerdings ist, dass noch niemand weiß, wohin die Schule tatsächlich kommt. In jedem Fall kostet der Transport schon so viel wie eine Neue.

Ein wunderbares Naturschauspiel in den Swamps von Louisiana

Der Besuch der Sümpfe ist ein „must“. Es werden in der ganzen Stadt „Swamp Tours“ angeboten. Ich investiere 49 $ inklusive Busfahrt zu den Sümpfen und einer zweistündigen Bootsfahrt in den Sümpfen. Es hat sich wirklich ausgezahlt.

Busfahrt auf der Autobahn über den Potchertrain Lake

Der Bus sammelt in der Stadt 28 Leute ein. Ich bin der Erste. Über die Autobahn geht es Richtung Osten und dann Norden. Wir fahren durch die Stadt hinaus. Der Fahrer erklärt uns die einzelnen Viertel und was bei Katrina war. Er weiß sehr gut bescheid. Einzelne Gegenden sind bis heute echt leer und andere werden gerade aufgebaut. Es wird teilweise eine neue Siedlungsweise probiert: Mehrparteienhäuser. Seine Stimme klingt etwas skeptisch. Über die neue Brücke über den zweitgrößten See der USA führt uns näher ans Festland. Dort folgen wir einer „Bundesstraße“ und kommen zum Cajun Camp. Wir checken ein und in einem Boot mit jeweils 20 Personen geht es aufs Wasser. Unser Captain ist echt funny und die 2 Stunden vergehen wie im Flug.

Hast du einen Aligator gesehen?

Nach der Rückkehr war die erste Frage der Hausbewohner: Hast du einen Aligator gesehen? Ja. Das war aber nicht mein Ziel. Ich wollte  einfach sehen und erleben, wie das Wasser die Lebensgrundlage der Menschen hier ist. Alles ist aus dem Wasser. So entstand die herovrragende Cajun-Küche. Bei Katrina war der Wasserspiegel in dieser Gegend 8 m höher. Es wurden fast alle Fischerhäuser zerstört und heute stehen sie auf noch höheren Piloten. Fisch-Firmen wurden ebenso zerstört und sind jetzt mehr in die Industriegegenden gezogen. Heute sind dafür die Fischerboote besser ausgerüstet und können weiter transportieren. Es war ein Erlebnis. Einige Fotos sollen davon erzählen.

Zwischen dem „musician’s village“ und der zeitgenössischen Kunst liegt die St Ferdinand Street

Schon mehrmals hingewiesen wurde ich auf der „Dorf der Musiker“, das von Habitat for Humanity mit Hilfe vieler Freiwilliger nach Katrina errichtet wurde, damit die Musiker in New Orleans bleiben können, die dort gewohnt haben. Es befindet sich in der N Roman Street und ich erreiche die Gegend des 8th Ward mit dem Bus 84. Laut Fremdenführer sollte man mit dem eigenen Auto oder Taxi hinfahren. Wieso?

Das ist die Gegend, die du meiden sollst

Der 8th Ward ist jene Gegend, die man alleine und in der Nacht als Ortsfremder nicht aufsuchen soll. Darauf wurde ich schon öfter hingewiesen. Bei Tag macht alles einen sehr friedlichen Eindruck. Einer der Musiker erklärt mir das Dorf und die Gegend: „Jetzt sieht man niemanden, weil die Kinder in der Schule und die Musiker abends spielen.“ Diese etwa  60 Häuser sind bunt, schön und ansprechend. Ein eigenes „Musiker-Zentrum“ und ein Spielplatz wurden angelegt. Von der Architektur und Gestaltung ist alles an die Musik angeglichen. Ich gehe über Klaviertasten und die Kinder können durch Tuben rutschen. Ansprechend. Familiär. Ich gehe im Viertel Richtung Zentrum weiter. Die Häuser werden immer desolater und langsam kann ich die Warnung verstehen. Ich fühle mich aber nie bedroht. Bisher überhaupt nie. Die Brücke führt mich über den Frachtenbahnhof und gleich in die St Ferdinand Street. Erstmals in meinem Leben begegnet mir dieser Straßenname. Aber ehrlich: Keine Prunkstraße sondern das Gegenteil. Da wäre viel zu tun am Rande des Industriegebietes.

Die Sehnsucht nach einem Platz

Mit dem Bus schlage ich mich auf die andere Seite der Stadt, in die Camp Street. Dort besuche ich das Museum für zeitgenössische Kunst und gegenüber das Ogdyn Museum der  Tulane University mit einer umfassenden Ausstellung zur „Kunst des Südens“. Besonders angesprochen fühle ich mich von einem Kunstwerk von imposanter Große und Einfachheit, in der ich eine tiefe Sehnsucht „sehe“. Ein Mann zeigt mit seiner ganzen Gestalt auf einen einfachen Sessel. Ich spüre das in diesem Augenblick so, dass sich jeder Mensch nach einem „Setzen-Dürfen und –Können“ sehnt. Dieser weite Raum um dieses Kunstwerk herum lässt mich lange verweilen (und das verbotene Foto machen). Am Weg nach Hause und beim Sitzen auf einem Balkon bei einem Gläschen Wein kommen mir recht  konkrete Gedanken und Ideen, die ich mit nach Hause nehmen werde. Aber darüber ein andern Mal.

Das war die radikalste Reflexion meines Lebens

Schon in aller Frühe sitze ich mit dem Besitzer des Hostels Canny unter einem Baum im Garten und er erzählt von der Zeit rund um Katrina. Er ist in dieser Gegend aufgewachsen: „Während Katrina war ich bei meiner Schwester in Baton Rouge. Nach zwei Wochen sind wir mit einem einfachen Boot zum Hostel gekommen. Das Wasser stand zwei Meter hoch. Im Wasser war alles drinnen, vom Öl bis zu den Kühlflüssigkeiten bis hin zu den toten Tieren. Wir nannten diese Brühe „doxische Suppe“. Unvorstellbar. Nach drei Wochen hat sich der Wasserspiegel langsam zu senken begonnen, ganz langsam. Zwei Tage für 10 cm. Nach drei Wochen war das Haus „wasserfrei“. Wir haben sofort begonnen alles zu richten und zu reparieren. Es  gab aber keinen Strom und jede Infrastruktur fehlte. Trotzdem. Wir  haben zusammengeholfen. Es war unbeschreiblich: keine Vögel, keine Tiere, keine Autos, unglaubliche Stille, kein Licht in der Nacht, monatelang keine Kinder – Totenstille. Es war die radikalste Reflexion meines Lebens.“ Mitte Dezember (Katrina: 29. Aug) kam der Strom. Eröffnet wurde auf einfachster Basis zu Weihnachten 2005.

Wir haben einen Plan. No, it’s our city

Canny spricht darüber, dass in New Orleans keine Amerikaner leben. Es ist die Mischung aus den verschiedensten Völkern der ganzen Welt, “die immer wieder hier gelandet sind.“ Nach Katrina wären die Amerikaner gekommen und hätten die Stadt gekauft. Sie haben gemeint: Wir haben einen Plan und bauen die Stadt neu auf. Es kam ein großes Nein. Diese Hilfe und Einmischung wurde so weit wie möglich draußen gehalten. New Orleans ist anders und muss anders bleiben. Ich denke dass hier wenig bis kein Zentralismus ist. Hier wird nicht übereinander geherrscht. Die Leute gestalten seit Jahrhinderten in diesem Delta sehr beweglich und angepasst auf Augenhöhe ihr Leben. Die Hochhäuser passen gar nicht in dieses Delta, weil sie den Eindruck erwecken, in einem Delta der dauernden Bewegung, Veränderung, Bedrohung, Überschwemmung etwas fix für Jahrhunderte errichten könnten. Der Mississippi hat im Laufe der Jahrtausenden 7 Ausflüsse (und damit Deltas) ins Meer gesucht und gefunden. Was wird in 2000 Jahren sein? Ist er endgültig gezähmt? Nein. Den Menschen ist das „kein Problem“, weil sie von ihrer grundsätzlichen Einstellung auf Bewegung und gegenseitige Hilfe (neighborhood) „programmiert“ sind. Jedes Dogma kann da lebensbedrohlich werden. Es ist unglaublich und berührend, die Geschichte dieser Stadt zu studieren und zu sehen, wie das heute noch funktioniert. Diese Stimmung ist schwer zu beschreiben.

Das „Delta-Denken  und Handeln“ könnte viel lösen

Das Gespräch mit Canny, der Besuch des Nationalparkcenters und das lange Sitzen am Mississippi verleiten mich zu einer weiteren Reflexion über die römische und katholische Kirche, aber genauso über die Politik. Auslöser war Canny. Er ist katholisch aufgewachsen und hat sich von dieser Kirche verabschiedet. Die r.k. ist die „predominated church“ (vorherrschende) hier in New Orleans. „Es darf keine Maus einen Furz machen, den nicht der Erzbischof wissen muss“, schmunzelt Canny und sagt, dass sich dieses predominated zum Negativen gewandelt hat. War früher das Katholische im Sinne von verbindender Faden über alle Kulturen und Spiritualitäten hinweg im Vordergrund. Heute wird abgeschottet und die Vorherrschaft „gezeigt“.  Viele Würdenträger treten überheblich auf, weil sie noch alte „Machtinstrumente“ glauben zu haben. Die Leute finden das lächerlich. Gegenüber der Straße ist eine große Kirche nicht mehr in Betrieb genommen worden, nicht mehr das Kloster und nicht mehr die Schule. „It’s a shame“, sagt mir ein Passant, den ich frage, warum die Kirche geschlossen ist. „Es geht ihnen das Geld aus, weil die Leute reserviert sind“, meint Canny. Ich spüre bei meinen Kirchenbesuchen auch: Das Leben ist hier ausgezogen und von Rom und den Konservativen wird der Druck noch erhöht, der die Verantwortlichen ins Ghetto treibt. Ich denke: Wenn der Vatikan glaubt, dass die Probleme nur in Mitteleuropa sind, dann wagen sie keinen Blick in die Realität, die sich in diesem bewegten und bewegenden Mississippi-Delta abspielt. Die Amtskirche ist auch hier dabei, die Menschen aus dem Auge zu verlieren.

Das Delta heißt immer“ Aggiornamento“ oder untergehen

Das Mississippi-Delta ist das Gebiet zwischen dem Meer und dem Festland – immer noch in Bewegung. Die sich hier ansiedelnden Menschen haben das über die Jahrhunderte beachtet und einen unglaublichen Lebenswillen, Zusammenhalt, Kultur, Musik gelebt – und alles in großer und respektvoller „Diversität“. Vielfalt war der Schlüssel zum Überleben und nicht die Bedrohung. Monokultur geht nicht. Siedlungen haben sich immer verschoben. Hier konnte man nicht wirklich ein „sesshaftes Leben“ führen. „The big easy“ (so wird das Gefühl der Stadt beschrieben) können wir uns aus dieser Beweglichkeit der Bedrohungen gegenüber vorstellen. Es ist ein ständiges Ringen mit dem Wasser und dem gewonnen Land. Jede Kultur bereichert die andere und bringt neue Ideen, auch Feste, die gefeiert werden. Die Kirche hat damals selbst mit dem Voodoo-Ritualen Frieden geschlossen. Das nenne ich katholisch, wie es auch das Vatikanum II ausfaltet mit den Aggiornamento. Jesus hat ja kein neues System errichtet, sondern das Aggiornamento zum Heil, zum ganzen würdevollen Leben angestiftet. Wir sind befreit von Herrschaft. So kann der Jesus-Glaube, der befreit und zur Gemeinschaft führt, der innere Faden sein für diese Gegend. Heute merke ich an: könnte! Der Mensch wird heute so viel und oft verzweckt, vor allem von der Wirtschaft und den Medien. Hier sollte die Kirche nicht Moralapostel sein, sondern die Menschen zu einem eigenständigen, selbstbewussten und solidarischen Leben in Verantwortung ermutigen, anregen. Vom Ich zum Wir. Ich lade die kirchlich Verantwortlichen wieder einmal ein (so wie in der Po-Ebene), 3 Wochen „inkognito“ hier zu leben.  Sie könnten so viel Lebensfreude, Gemeinschaft und Glauben lernen. Vielfalt, Musik und die vielen Künste weisen uns hier schon ein Stück Himmel. Es ist unglaublich.

Ein noch radikalerer Gedanke: Der Vatikan sollte hierher ins Mississippi-Delta übersiedeln. Dann würde, ja müsste vieles beweglicher werden und es wäre wahrscheinlich auch vieles „lustiger“. Todernste Menschen habe ich hier noch keine getroffen – wohl aber in Rom.

Man spricht hier vom „Delta-Cooking“.  Es bräuchte mehr von der Sorte: Delta-Glauben, Delta-Pilitik, Delta-Wirtschaft.

Außerdem verstehe ich von hier aus nicht (weil ich es im Internet lese), wie man die Schuldenbremse in der Verfassung aufnehmen will. Politiker und -innen sollten doch in der Delta-Welt  entscheiden, was zu tun ist. Ja glaubt denn gar einer von denen, dass der Mississippi jetzt von der Verfassung gezähmt ist oder gar die Hurricans. Es ist zu tun, was zu tun ist, damit die Menschen zwischen Meer und Festland leben können. Und da sollte endlich die Finanzwelt auch in Bewegung kommen und alle Transaktionen für das Leben des Gemeinwohls im Delta besteuern. Gestern wäre besser als morgen.