Katrina hat mir meine Frau, mein Haus und mein Business genommen

Commons sind Gemeingüter, die – ganz vereinfacht gesagt – nach bestimmten Regeln gemeinsam genutzt werden (zB Almen). Luft in einem Schlafraum für mehrere Personen wie auf einer Berghütte oder hier im Dorm 2 ist so ein Gut. Um möglichst „frische Luft“ zu haben, hat ein Kollege, der schon über 4 Monate hier wohnt, dem „air-conditioner“ ordentlich eingeheizt. Stufe drei. Es wird immer kälter und wir schalten immer wieder aus. Er steht ebenfalls immer wieder auf und schaltet ein. So wird es eine sehr kühle Nacht, wo es im Freien um die 26° hat. Ich fröstle dahin und am Morgen werde ich befreit. Werden wir den „Luftraum“ als Commons begreifen oder wird er weiterhin die Regeln in diesem „space“ ohne uns festlegen. Wir werden sehen.

Er ist da!

Gespannt gehe ich die dreißig Minuten hinein in die Stadt. Es ist sehr warm.  Ob er kommen wird? Gestern haben wir uns zufällig getroffen und heute möchte mir Wayland W. (er zeigt mir seine „Drivers License“) jenen Stadtteil zeigen, wo sein Haus stand und wo er nach drei Wochen sein Frau tot gefunden hat. Er ist da und er ist sehr kundig in der Stadt. New Orleans ist „predominated“ katholisch und er überlegt als Baptist, auch katholisch zu werden. Wir gehen gemeinsam zum Jackson-Square, wo die Kathedrale steht. Vor 14 Tagen wurde der Alt-Erzbischof begraben und wirklich 1.000e Menschen haben von ihm Abschied genommen: „Er war weit über die Grenzen der Kirche hinaus ein bekannter Mann.“ Das finde ich später auch in der „Kirchenzeitung“ bestätigt, die ich in der  Jesuitenkirche mitnehme. Er zeigt mir noch mir Stolz die Sehenswürdigkeiten im „French-Quarter“.

Verlasse bitte sofort die Stadt

Dann steigen wir in den Bus und fahren hinaus Richtung mehr und Lake.  Es reihen sich Einfamilienhäuser an Einfamilienhäuser. Je weiter wir fahren, umso mehr werden jene Häuser, die nicht mehr gerichtet wurden bzw. freie Plätz, die durch den Abriss entstanden sind. Beim Umsteigen auf einen anderen Bus sehen wir, dass der Wasserstand bis zum Dach war. Viele haben am Dach gehaust. Es dauerte 1 ½ Monate, bis das Wasser wieder verschwunden war. Ich werde ganz andächtig. An einer Tür sehen wir noch jene Botschaften gesprüht, die das Ergebnis der Suche nach 14 Tagen gezeigt hat. In diesem Haus wurde niemand gefunden. Wir fahren über eine hohe Brücke und sehen jene Gegend, so Wayland`s Haus stand. Genau in ihrer Gegend ist der Teich des Kanals gebrochen und das Wasser hat mit großer Wucht fast alle Häuser weggespült. Heute sind wieder neue Hauser errichtet, aber nur etwa zu 20 %. Viele sind nachher weggegangen. „Wie ist deine Frau umgekommen?“, frage ich sehr zögerlich. „Ich war in Housten bei der Arbeit und habe sie dringend gebeten, das Haus zu verlassen. Aber sie ist geblieben, weil sie seit Kindheit da war. Sie hat nicht damit gerechnet, dass es so arg wird. Das Wasser stand 5-6 Meter hoch. Nach drei Wochen haben wir sie im Haus tot gefunden.  Dann bin ich weggegangen nach Oklahoma. Hierher will ich nicht mehr“, meint er mit einem Blick auf die neuen Häuser. Die Stadt hat seinen Grund gekauft.

Seither bin ich auf einer spirituellen Reise

Bei einer Ölfirma hat er Arbeit gefunden. Viele sind weggegangen und so wie er nicht mehr zurückgekommen. „Jetzt hat es mich wieder hierher gezogen und ab nächster Woche bekomme ich hier als „Constructer“ eine Arbeit, mein „altes Business“.  Wir reden im Bus zurück über Gott und die Welt, warum das Gott so zugelassen hat, wie er sich seine Zukunft vorstellt. Er hat keine Kinder. In der Stadt sehe ich, dass er viele kennt. Einstweilen ist er noch provisorisch untergebracht. Es hat ihn ein Stück weit von hier vertrieben und andererseits fühlt er sich hierher gezogen.  Er ist müde und ich habe den Eindruck, dass er am liebsten nach der Begegnung mit dieser Gegend schlafen möchte.  Wir trennen uns und wissen, „dass wir uns zufällig wieder begegnen werden.“ Ich gehe vorbei an der an der City Hall und dem Zeltlager der „Occupys“ in die nächste Kirche und sitze da – stumm und nach innen gekehrt.  Mein Wunsch, den ich immer und überall anfüge, hat heute eine besondere Bedeutung bekommen: Gott geht alle Wege mit.

Über einen kurzen Umweg „nach Hause“

Bevor ich nach Hause gehe, biege ich noch in den French-Quarter ein, höre einer Jazz-Gruppe zu, wundere mich über die viele Dirnen schon tagsüber, bewundere die Kunstläden und steige dann in den Bus 11. In der Unterkunft reden wir noch über den „common space“ (Luftraum) und vereinbaren: Der Air-Conditioner bläst – aber kühlt nicht. Ist doch was, oder?

Whould Jesus occupy Wall Street? – CNN asks today

Mein erstes Frühstück in den USA. In guter amerikanischer Manier läuft der Fernseher. Fast alles Plastik. Es stimmt: In der Fremde darf das Fremde ruhig etwas fremd sein. Darauf habe ich mich eingestellt. Schon seit etwa 15 Minuten wird aus den verschiedenen „Occupy Stations“ auf CNN berichtet – auch aus Europa. Gegen Ende stellt der Reporter die Frage des Tages: „Hätte Jesus auch die Wallstreet besetzt?“ Dahinter läuft das Bild vom Papst, der die Antwort geben soll. Erstaunlich, dass Occupy so viel Platz hat und dass die Antwort von Jesus vom Papst gegeben werden soll. Irgendwie befremdlich – für mich.

Engel auf meinem Weg

Erstmals betrete ich amerikanischen Boden. Der amerikanische Way of Life war nie wirklich anziehend für mich. Zu viel läuft aus meiner Einschätzung „schief“. Jetzt aber ist es New Orleans – etwas ganz Besonderes. Das ist meine Erwartung für die nächsten vier Wochen. Der Flug über den Atlantik nach Charlotte dauerte über 9 Stunden. Ein junger Inder war mein Sitznachbar und er war schon 8 Stunden von Bombay nach München unterwegs. Er ist Programmierer und wird in den USA arbeiten. Er schläft die meiste Zeit und ich vertreibe mir die Zeit mit dem Buch von David Bosshart „Age of Less“. Es war spannend und so verging die Zeit wie im Flug. Zum Umsteigen in Charlotte habe ich 1 Stunde 25 Minuten. Das ist knapp, sagen alle, die Erfahrung haben. Wir stehen Schlange vor der Einreise. Nach 45 Minuten bin ich dran. Fingerabdrücke, Foto, konkrete Fragen zu meinem Aufenthalt, Durchwinken, Koffer holen, Zoll, Koffer wieder aufgeben, Laufen, neu einchecken auf der Überholspur „first class“, Laptop nicht ausgepackt, kurze Nachkontrolle, Gate C12, Sprint, hinein in den Flieger, alle sitzen, Platz suchen, setzen, durchatmen, der Flieger bewegt sich. Zwei Stunden Flug, die ich einfach genieße, weil ich mit an Board bin. Den Namen des Vorarlbergers, der für die Firma Blum-Beschläge in der Schlange neben mir stand, habe ich nicht mehr erfragt. Wir haben einander viel erzählt und nun weiß ich nicht einmal, wie er heißt. Ich wurde Gott sei Dank schnell durchgelassen. Am Flughafen in New Orleans fragte mich ein älterer Herr mit Rucksack, ob ich Hilfe brauche. Yes. Er hat mir den Bus in die Stadt hinein (ca. 14 km) bezahlt und mir allerhand erzählt. Mein Englisch hat doch im letzten Jahr zugelegt. Er war in den Rocky Mountains wandern. Ein ältere Frau habe ich – es ist schon finster – auf der Strasse gefragt und sie hat mir nach 21 Stunden (inkl. 7 Stunden Zeitverschiebung) geholfen, ein Hotel zu finden. Ich bin dankbar, weil so viele Engel am Weg sind.

Unglaubliche Vielfalt

Nach dem „kontinentalen Frühstück in Plastik“ (siehe oben) mache ich mich auf den Weg, die Stadt zu erleben, wahrzunehmen mit Achtsamkeit und eine einfache und billigere Unterkunft zu finden. Halloween, Allerheiligen und die Woodoo-Tage ziehen enorm viele Leute an. Das wird nicht einfach. Zuerst schlendere ich durch die Stadt und treffe „zufällig“ den Bus 55 zur UNO (University of New Orleans). Ich steige ein und suche dort das Austria Center. Eine Tür mit A-Pickerl zeigt mir: hier bin ich richtig. Frau Griessner und ihre Kollegin empfangen mich freundlich. Am Tisch liegt das Buch „Resilience and Opportunity“. Das ist mein Thema. Sie gibt mir den Kontakt zu einem Studenten, der dazu die Diplomarbeit schreibt. Meine gesuchten „Commons“ sieht sie nicht wirklich, höchstens im „Housing Project“. Das ist doch etwas. Sie weist mich auf das „department for urban studies“ hin und weiß von einem Ausbildungstool auf der Uni im „Desaster Mangement“.  Mit diesen „Links“ fahre ich mit dem Bus wieder zurück in die City. Die UNO liegt nämlich auf der anderen Seite der Stadt am „Lake“, über den eine unendlich lange Brücke führt, die ich vom Flieger aus gesehen habe. Mir wird bei der Fahrt mit dem Bus klar: Die Stadt ist geprägt von Einfamilienhäusern – zum Großteil billig gebaut. Es steht noch viele Häuser leer, andere wurden abgerissen. Davon zeugen die leeren Parzellen. Mir wird wieder bewusst: Ich habe noch keine Unterkunft. Zurück in der City in der Canal-Street komme ich mit einer jungen Frau in einem Geschäft zu sprechen. Sie klemmt sich sofort hinter das Telefon und sucht für mich. Es gelingt nicht sofort. Während sie schaut, gehe ich zum Missisippi. Ich sehe mit Achtung diesen breiten Fluss, der seinen Wasserspiegel höher als die Stadt führt.

Das Haus weggespült – nach 3 Wochen Frau tot gefunden

In einem Cafe beginne ich mit einem Mann ein Gespräch. In dieser Stadt ist das nicht schwierig, wie ich sehr bald sehe. Ich erzähle ihm, was ich vor habe. Er erzählt mir, dass er auch erst seit ein paar Tagen wieder zurück ist in New Orleans ist. Er hat bei Katrina 2005 seine Frau und die Eltern der Frau verloren. Sein Haus wurde weggespült und nach 3 Wochen hat er seine Frau tot gefunden. Am kommenden Dienstag beginnt er wieder eine Arbeit als „Constructor“. Er hat nasse Augen – ich auch. „If you want, I can show you the place“, meint er. Wir treffen uns morgen um 10 Uhr. Sprachlos und etwas betroffen kehre ich zu jener Frau zurück, die für mich auf Zimmersuche ist. „Es ist sehr schwer in diesen Tagen“, meint sie: „aber ich habe etwas für sie gefunden.“ Ich fahre mit dem Bus zum St. Vincent Guesthouse und dort beziehe ich im Dorm 2 ein Bett. Das Haus wurde 1861 als Waisenhaus errichtet. Hier werde ich für eine Woche meine Schlafstätte haben – und das WLAN nutzen. Schon der erste Tag hat gezeigt: diese Stadt ist von einer unglaublichen Vielfalt geprägt. Dem nachzuspüren wird mein Hier-Sein prägen. Neugierige Empathie kommt auf. Und eines bin ich mir sicher: Jesus würde gegen die säkularisierten Pharisäer und Mächtigen auf die Straße gehen. Da bin ich mir sicher.

Ein Haus voller Lebendigkeit: New Orleans in Kirchschlag?

Es war ein „zufälliger Abschiedsabend“ (er ist mir so zugefallen) vor meiner Abreise nach New Orleans. Unser St. Anna Pfarrzentrum in Kirchschlag sehe ich als besonderes „Gemeingut“ (Commons, Allmende). Oft erzähle ich, dass über 80 Personen einen Schlüssel und somit Zugang haben. Sie sorgen mit und entwickeln damit das Gefühl: Das ist „unser Haus“. Ich werde sicherlich immer wieder darauf kommen, wie wir dieses Haus vor mehr als drei Jahren als gemeinsames Werk errichtet haben. Es war eine unglaubliche Zeit: Intensiv – anstrengend – wunderschön.

Das Haus lebt

Weil ich die Premiere von „Ein Blick von der Brücke“ am 25. Okt. 2011 nicht miterleben kann, schaue ich am Sonntag abends die Generalprobe an. Ich bin zutiefst bewegt, was SchauspielerInnen und alle Beteiligten hier auf die Bühne gebracht haben. Die amerikanische Flagge auf der Bühne zeigt mir die Welt, in die ich in New Orleans eintauchen werde. Gleich anschließend um 19 Uhr haben wir die Eröffnung der Fotoausstellung „Markierungen“ vereinbart. Ich bin noch erfüllt vom Theaterstück und doch führen die Fotos weiter zum Wesentlichen. Christian Taglieber stellt seine intensiven Bilder aus und führt uns in einer Multi-Media- Schau zur „Andacht“. Alle schauen und hören gebannt, welche kleine und große Welt der Fotokünstler uns eröffnet, die Seele „hinter den Dingen andeutet“. Während wir die Eröffnung halten, geht Mario durch und holt sich die Liederbücher, um mit der Jugendgruppe einen Stock tiefer zu singen. Er tut es schüchtern und doch mit Selbstbewusstsein. Das ist gut so, wenn junge Leute zum Singen zusammenkommen. Und meine Brücke nach New Orleans sehe ich vor mir: Kunst, Theater, Musik sind „Glücksfaktoren“. Irgendwie erfüllt es mich mit unglauchlicher Dankbarkeit, dass genau das in unserem „Pfarr-Commons“ heute abends stattfindet. Nach einer etwas „intensiveren Nachbesprechung“ mit der Theatergruppe „vermute“ ich am Heimweg durch die finstere Nacht:

Ist das nicht New Orleans in Kirchschlag.

Ich gehe nach New Orleans – einen Monat lang

Schön wäre es. Zu Fuß bis Finisterre und weiter mit dem Schiff in Richtung Mississippi. Traum aus: Es wird das Flugzeug sein. Mein ökologische Fußabdruck vergrößert sich enorm. Gut, dass ich schon länger nicht in einem Flugzeut gesessen bin. Und doch: Ich freue mich auf die Zeit in dieser wunderbaren Stadt in Louisiana. Den 24. Oktober 2011 werde ich vorwiegend auf Straßen, Bahnhöfen und Flughäfen (München, Charlotte/Douglas  und Luis Amstrong in NO) verbringen. Genau einen Monat später (24. November) möchte ich wieder in Europa angekommen sein. Der Rückflug ist gebucht.

Was machst du dort?:  „aufmerksam hinschauen und hinhören“

Menschen, denen ich in den letzten Tagen und Wochen von meinem Vorhaben erzählt habe, waren immer mit dergleichen Frage parat: Was machst du dort? Es ist nicht ganz einfach zu erklären: Es ist Urlaub, aber kein Urlaub. Es ist eine freie Zeit, aber keine Freizeit im üblichen Sinn. Mit jedem Gespräch habe ich meine Vorstellung und mein Vorhaben geschärft bekommen. Die Nachfragen waren immer hilfreich. Drei „Aufmerksamkeitsfelder“ haben sich so herauskristallisiert. In den Emails der vergangenen Tage habe ich es schließlich so beschrieben: Ich werde in einer Art „Feldforschung“ bzw. in vielen „aktivierenden Gesprächen“ drei Wahrnehmungsfelder ansteuern.

1. „Commons“ und Gemeingüter als DIE Zukunftschance

Wie entwickeln dort Menschen nach der Katastrophe Katrina in neuer Weise „Commons“ und „Gemeingüter“. Dort werden Stadtteile nach der großen Katastrophe gemeinschaftlich, genossenschaftlich und jenseits von „Finanzialisierung und Investment“ wieder aufgebaut. Welche Voraussetzungen sind dafür notwendig und woher kommt dieses „gemeinschaftliche Engagement“. Nach welchen Regeln arbeiten diese Commons. Welche Grundhaltung prägt diese Menschen? Was können wir lernen und was dürfen wir hier in Oberösterreich daon nicht verlieren.

2. Musizieren macht glücklich

Was hat Musik und Kunst mit der Lebensstandard-Erwartung zu tun. These ist, dass Menschen, die persönlich und gemeinschaftlich „ursprünglich“ (also nicht aus Folklore-Erfordernissen) musizieren, weniger „äußere“ Lebensstandard-Artikel brauchen. Die Seele wird durch „anders genährt und gesättigt“. Woher kommt „Lebenszufriedenheit und Sinn“. Reiche sind deshalb weniger glücklich, weil sie die wirkliche Musik aus dem Herzen und in Gemeinschaft nicht kennen. Deshalb brauchen sie „Ersatzgüter“, die keine „Gemeingüter“ sind. Das ist das „operative Vorurteil“.

3. Kraft entwickeln und mit Schicksalsschlägen umgehen

Was steigert bzw. stiftet „Resilienz-Fähigkeit“? Schon vor mehr als drei Jahren habe ich mit Prof. Clemens Sedmak in einem Interview für die MitarbeiterInnen-Zeitung „informiert“ dieses Thema besprochen und das Interview damals auf Youtube hochgeladen. Heute taucht diese Grundfrage aus der tiefen Versenkung des „common sense“ allmählich auf. Worum geht es? Ein Mensch erleidet einen ganz bitteren Schicksalsschlag (Arbeit verloren oder Bein ambutiert). Warum bleiben 2 Menschen liegen und einer steht auf, erhebt sich und „lässt sich nicht unterkriegen“. Warum ist das so? New Orleans wurde auch durch den Wirbelsturm Katrina „heimgesucht“. Warum erheben sich die einen individuell und gemeinschaftlich? Warum finden andere nicht mehr zu ihrer Lebenskraft zurück?

Anhand dieser Koordinaten erzählen

Diese drei „Felder“ sind meine Koordinaten. Alles andere ist ungeplant.  Ab dem Zeitpunkt der Landung „überlasse ich mich der Stadt“. Das ist jenen Menschen ein Gräuel, die alles geplant haben wollen und müssen. „Loslassen“ ist das schwierigste Kapitel des Lebensbuches. Perfektes Planen verhindert viele Erfahrungen und Begegnungen, verhindert diese positiven Überraschungen, von denen wir lange zehren oder die uns wirklich weiterbringen, Neues eröffnen. Das war meine Erfahrung auf meinem Weg nach Assisi. Das erinnert mich ebenso an die überraschenden Erfahrung beim Stadtpilgern im Jänner 2010.  Den Grundgedanken der „Surprise Factors“ von AS nehme ich ebenso auf ganz konsequente Weise auf: „In die Zukunft geht am ehesten, wer gut mit Überraschungen umgehen kann.“ Dieses innere Prinzip möchte ich ein Monat lang ganz konkret leben – nicht nur nach außen propagieren. Es sind nicht die „Lauten“, die den Weg in die Zukunft kennen. Leise öffnen sich die lange verborgenen Spalten in den Mauern hinüber in eine neue Zukunft voller Gerechtigkeit und Menschenwürde. Ich möchte jenseits der „geplanten Überraschungen leben“. Und genau davon möchte ich in den kommenden Tagen erzählen, „bloggen“. Sooft es eben geht. Lassen wir uns überraschen.

Diese Politik rechnet nicht mit den konkreten Menschen

Immer wieder taucht in mir eine Bemerkung von Bruno Frey beim Dialog am 27. Sept. 2011 im Linzer Schloss zum Thema „Macht.Geld.glücklich?“ auf. Es war nicht einfach eine Nebenbemerkung, sondern eine konkrete Antwort auf eine konkrete Frage: „Was treibt Politiker?“.  Die Antwort von Bruno Frey kam ohne Zögern: „Völlig klar. Es gibt nur eine Antwort: Wiederwahl. Wenn jemand die Vorstellung hat, dass Politiker ernsthaft am Wohlergehen der Bevölkerung interessiert sind, …(Nein-Kopfschütteln und Applaus im Publikum)…“. Frey vermutet, dass das Politiker glücklich macht – „wahrscheinlich“. Entscheidend sieht er, „dass Politiker Macht ausüben wollen“. Die Sequenz kann hier „nachgehört“ werden ab der Minute 2.30!

Diese Person will keine Banken retten

Heute kommt auf Facebook ein „Aufkleber“ oder eine „Karte“ daher, die einen nicht gehörten Aufruf von der Basis in Richtung Politik formuliert: Diese Person möchte keine Banken retten (siehe Foto). Politiker ganz oben werden von den Banken und „großen Geschäftemachern“  in Geiselhaft genommen. Wie kann es sonst sein, dass der deutsche Bankenchef Ackermann zum Feiern seines runden Geburtstags das Bundeskanzleramt gleichsam als „Fetenhütte“ nehmen kann. Ich bin mir sicher, dass in den Kommissionen und Arbeitsgruppen auf europäischer und nationaler Ebene die Frage der konkreten Menschen keine Rolle spielt. Politiker nehmen sogenannte „Studien“ als Basisbezug. Diese Tendenz ist auch auf regionaler und lokaler Ebene spürbar. Politiker (Ausnahmen bestätigen die Regel) halten sich am Geld und an den Wohlhabenden an, „damit sie oben mitschwimmen können“. Sie bauen nicht auf die „Macht, die vom Volke ausgeht“. Vielmehr nehmen sie sich die Macht aus der Wahl und sie kommt dann 5 oder 6 Jahre nicht mehr zurück zum Volk. Selbst die politischen Instrumente der „Finanzialisierung“ werden ungefragt in alle Bereiche getragen: Krankenhaus, Pflege, Bildung, Kunst, Religion. Überall muss man sich die Frage „gefallen lassen“: Was kostet es und wo können wir einsparen? Politker haben das Wohl des Volkes in die Hände von Banken und Investoren (durch unnötige Privatisierung) gelegt. Und wer rettet jetzt den konkreten Menschen vor dieser allmächtigen finanzialisierten Politik? Wenn es diesen Ausspruch als Aufkleber gibt, dann ziert er mein Auto. Und wenn es „oben“ nur um „Wiederwahl und Macht“ geht, dann ist die Zeit bis zur nächsten Wahl gut zu nützen.

Und warum tut keiner was?

Natürlich frage ich mich, warum nicht mehr Menschen das Spiel „durchschauen“. Warum sind die Medien hier „gleichgeschaltet“? Warum gibt es diese Ignoranz, unbequeme Abläufe ehrlich wahrzunehmen und zu sehen? Es gibt doch diesen Satz im Umfeld der ganzen Protestbewegungen: Reden ist silber, Schweigen ist Schuld! Florian Hauschild beschreibt die wesentlichen Faktoren in einem Artikel mit dem Titel „Homo ignorans“.  Auf der Meta-Ebene gilt heute der Satz (ähnlich wie im NLP die „beliefs“): „Entscheidend für die Gesellschaft ist nicht was du, lieber Bürger. liebe Bürgerin, denkst und machst, auch nicht was die Mehrheit von euch denkt oder macht, entscheidend ist was die Amts- und Würdenträger der Gesellschaft machen, denken und sagen.“ Habermas spricht von „zivilgesellschaftlicher Maulwurfsarbeit“. Als einer, der auf einem Bauernhof aufgewachsen ist, weiß ich, welchen „Ärger“ Maulwürfe auf Wiesen und Gärten anrichten können. Da wird es für die jetzt „erntenden Eliten“ nicht mehr so einfach sein, mit den Erntewägen „drüberzufahren“.

Wie kommt das Neue?

Es war ein spannender Tag, bei der DOM-Konferenz im Lentos am 29. September 2011. Über 100 Personen, Frauen und Männer, Jüngere und Ältere, an Tischen zu 10 Personen versammelt, internationale Expertinnen und -experten, eine neugierige Stimmung, deutsche und englische Sprache in einem ausgeglichenen Verhältnis, Unkompliziertheit, eine Stimmung des Hinhörens, kräftige Inputs, offene engagierte Diskussionen – das waren die „Zutaten“ der Konferenz mit dem Thema: Wie kommt das Neue in die Organisation? Bei mir selber laufen im Hinterkopf die großen gesellschaftlichen Bereiche Wissenschaft, Politik und Kirche mit – meine Erfahrungsfelder. Mein zukünftiges Interesse gilt den „Commons“. Das „Gemeinwesenohr  und -auge“ sind hellwach. Einige WeggefährtInnen aus verschiedensten Bereichen sind auch da. Eine Stimmung des Wohlfühlens und der Erwartung, in einen regen Austausch zu kommen, liegt in der Luft. Die Erwartungen wurden bis spät in die Nacht hinein mehr als erfüllt.

Das Neue neugierig suchen

Es geht mir hier nicht darum, eine Zusammenfassung zu machen. Das kann auf der Website und schließlich im schriftlichen Bericht nachgelesen werden. Ich denke heute zurück und halte fest, was mich „berührt“ oder „aufgerüttelt“ hat. Gleich zu Beginn berührt mich die Feststellung: „Das Neue neugierig suchen“ – als Voraussetzung für das Gelingen des Tages. Mein Ohr hört dann: „Die Zukunft nicht vorbereiten, sondern heute schon in der Zukunft leben. Die beste Vorbereitung ist mit Überraschungen zu leben“ – und ich denke an das AS-Prinzip von den „Surprise Factors“ und noch mehr an meinen Weg nach Assisi, der voller Überraschungen war. Das weite GEHEN als Schule für diese Lebenshaltung, mit Überraschungen positiv umzugehen.

Time and space

Damit das Neue ankommen kann, brauchen Menschen Zeit und Raum: „People need time an space“ – so die Expertin aus Italien. Auch Widerstand gegen Neues kommt daher, weil es zu wenig Zeit und Raum gibt, „Neues aufzunehmen“. Menschen können einzelne „Neuerungen“ leichter annehmen als einen großen „Change“ – und ich bleibe bei Obama hängen. „Nicely and by the hand“. Kleine Schritte und „not to far“.  Außerdem: Jede Veränderung ist vom Affekt her negativ – und ich denke an unser Bergdorf, wo es auch die schiefe Ebene dorthin gibt, dass alles so bleibt, wie es (nie) war.

Die Gruppe kann Neues leichter schaffen

Wer Neues bringt, sollte sich in einer Gruppe verknüpfen. Sehr wichtig ist allerdings, „dass diese von einem positiven Drive geprägt ist“. Was fördert diesen Drive? Gute Entscheidungsvorgänge, Transparenz, eine starke Vision, sinnstiftende Tätigkeiten für jeden und schließlich Lasten gerecht verteilt. Da steht plötzlich im Raum: Wir nutzen die vorhandenen Freiräume zu wenig!! Schließlich landen wir bei der Weltanschauung (Welt Anschauung) und bei der Sprache – spätestens jetzt denkt und fühlt der Theologe in mir. „Ideen kommen von einzelnen, Innovationen von Gruppen.“

Komplexität als Vielfalt sehen lernen

Als besonderes Hindernis für Innovationen wird die Komplexität identifiziert. Diese Komplexität anders denken kann schon einen Ausweg bedeuten. Wissen sollten wir: „Vielfalt ist förderlich!“ Geschäftsdenken prägt unser Denken und muss Schritt für Schritt durch alternatives Denken ersetzt werden. Balsam auf meine Commons-Seele, wenn das von Wirtschaftsleuten kommt. Dann beginnt ein Experte vom „Geschichten erzählen“ zu schwärmen: „Der Raum der Konversation sollte durch Bilder und Erfahrungen geprägt sein.“ Jesus als Experte für Neues? Seine Methode ist heute „in“.  Gerade mit Geschichten, Bilder, Filmen, Theater und Bewegung können „Schlüsselwerte“ sichtbar und erlebbar werden. Damit wird auch Komplexität verändert und als Vielfalt erlebbar. Positiv Denken – höre ich immer wieder und denke an meine Handübung (15 cm, 7 cm). Ich selber bringe meine Ideen von der „Flucht aus der Excel-Zelle“ und die Erfahrung von der „lähmenden Magie der Zahlen“ als große Hindernisse in die Diskussion ein. „Stören sie ihre Organisation“, sagt dann ein Nachbar und erzählt von Firmenerfahrungen, „wo die heutigen Hauptgeschäftsfelder in den Hinterhofgaragen entwickelt wurden“.

Fragen stellen

„Es braucht in einer Organisation Klarheit“ – und mir kommt die unklare Haltung des Linzer Bischofs in den Sinn: Einmal so und einmal so. „Stellen sie mehr Fragen und geben sie weniger Antworten und antworten sie nur, wenn sie gefragt werden: aber dann klar und transparent.“ Die Klarheit betrifft: Inhalt – Rollen – Entscheidungen – Transparenz – Leidenschaft, Begeisterung, Compassion (füge ich hinzu). Eine Idee hat nicht gleich Füsse. Dieser Prozess muss gelernt und gesteuert werden. 1. Die Idee. 2. Die Idee zum Thema machen. 3. Koalitionen für die Idee suchen. 4. Die Idee ausprobieren. 5. Die Idee ratifizieren (Füsse geben). Und in allem gilt: Fragen stören nie und haben eine ganz große Macht. Dann erläutert der Erfinder der DigiCam anhand der 18-jährigen Entwicklung: Es braucht Geduld, Überzeugungskraft, Hartnäckigkeit und „Glück“.

Dieser Tag war ein Glück – (nicht nur) für mich!

[Die Bilder zeigen die Cartoons, die während des Tages im „Hintergrund“ entstanden sind.]

Wo liegt das Versäumnis und wer ist da ewig gestrig?

Wer P. Theobald aus Ottensheim kennt, seine frohe und humorvolle Art, mit dem Fahrrad unterwegs bei den Menschen, der wird die Dichte des Leserbriefes in den OÖNachrichten umso eindringlicher finden. Ich pflichte ihm bei, wenn er zwischen römischer und jesuanisch-geprägter Kirche unterscheidet.

„Werter Pfarrerkollege aus Windischgarsten! Einiges von Deinem Bild der Kirche, das die OÖN am 8. 9. ziemlich überdimensional wiedergegeben haben, ist ergänzungsbedürftig und darf nicht unwidersprochen bleiben. Das ist nicht die Kirche Jesu, sondern die römische Kirche, die hier von Dir gezeichnet wird.

Dass die Themen der sog. „Pfarrer-Initiative“ ewiggestrige sind, ist der eigentliche Skandal. Dass die Leitung der römisch-katholischen Kirche seit dem hoffnungsvollen 2. Vatikanischen Konzil immer mehr Rückschritte und Einbunkerung verordnet, erinnert an das jüdische Establishment, das den Tod Jesu unbedingt betrieben hat. Dass Kirche geschiedene Wiederverheiratete bis in Ewigkeit nicht mehr zur Kommunion einlädt, auch nicht nach einer Zeit persönlicher Läuterung nach einer menschlichen Katastrophe = Scheidung, halte ich im Sinne Jesu für ewiggestrig, borniert und kontraproduktiv.

Dass wir zwar Religionslehrerinnen u. a. an die tägliche Front der Glaubensverkündigung schicken, aber es versäumen, sie auch im sonntäglichen Gottesdienst zur Predigt aufzufordern, um Leben und Glauben auf eine breitere Basis zu stellen, ist beschämend. Würde die Leitung der römischen Kirche den Frauen dieselbe Aufwertung zuteil werden lassen wie Jesus in seiner kurzen Zeit als Wanderprediger, bräuchte sie nicht nachzudenken über die Zulassung zur Weihe zur Diakonin oder Priesterin. Ein jammervolles Versäumnis der Kirche. Es stimmt mich so oft sehr traurig, dass wir als Kirche nicht einladend und „charmant“ hinausgehen, sondern freudlos und prinzipientreu die Asche der Feuerstelle hüten. Ist es der Auftrag Jesu, weniger zu werden, dafür aber lebensfremd und unnahbar?

P. Theobald Grüner, Pfarrer in Ottensheim“



						
						
						
		

Ein „reines Herz“ statt „sauberer Hände“

Der Bundespräsident fordert:  „Wir brauchen eine Politik und Wirtschaft mit sauberen Händen.“ Das gefällt beim ersten Hinsehen. Wenn ich ich allerdings dieses Bild weiterknete, dann kommt mir in den Sinn, dass das zu wenig bzw. sogar falsch ist.

Meine Hände sind rein

Es gibt da eine Geschichte, wie einer an der Himmelspforte steht und den Eintritt verlangt mit dem Hinweis, dass seine Hände immer sauber gewesen sind. „Das ist zu wenig“, meinte darauf die himmlische Stimme. Wer reine Hände hat, hat entweder nichts getan oder sich ordentlich gewaschen. Beides kann doch nicht das Ziel sein, nichts zu tun oder die schmutzigen Reste vorher abzuwaschen. Wir brauchen Leute, die sich die Hände schmutzig machen. Ja. Die Frage ist doch nur, womit wir sie uns schmutzig gemacht haben. Auf den Punkt gebracht: Wer anderen aus der Scheiße hilft, wird nicht sauber bleiben. Menschen, die zugreifen, sind in den oberen Etagen ohnehin rar geworden. Die Drecksarbeit wird gerne anderen überlassen. Die Lorbeeren werden unter Anwesenheit der Jounalisten dann gerne entgegengenommen. Im Dienst an den Schwächsten, den Armen, den Gebrochenen, den Pflegebedürftigen sollen sich diese Leute die Hände schmutzig machen müssen, Herr Bundespräsident. Worauf es ankommt, ist ein reines Herz, das diese „Bedürftigkeiten“ sieht und die Hände und Füsse in Gang setzt.

Das Herz reinigen

Ich schlage vor: Nicht reine Hände fordern, sondern ein reines, von Empathie, Gerechtigkeit und Nächstenhilfe geprägtes Herz. Dieses „Herz“ zu säubern und neu auszurichten liegt in unser aller Verantwortung. Wer in der Politik tätig ist, sollte seine oder ihre Hände ruhig schmutzig machen im obigen Sinn, aber dabei auf sein reines Herz achte. Das ist anspruchsvoller als die „sauberen Hände“. Das können die Betroffenen durch großzügigste Wiedergutmachung bekunden.

An uns allen liegt es, Menschen in die Politik zu wählen, die im Herzen rein, absichtslos und uneigennützig sind.