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Archiv für die Kategorie „Gehen Pilgern“

Es ist noch finster. Für 7 Uhr ist der Abgang in Bad Goisern im Hand.Werk.Haus eingetaktet. Geschlafen habe ich wunderbar. Motivation ist da. Das ab 6 Uhr vorbereitete Frühstück ist nicht in Scheinwerferlicht gestellt und daher nur mit offenen Augen in seiner vollen Pracht zu sehen. 160 Frauen und Männer, jung und älter, trudeln mit der Zeit im Hof ein. Alle werden wir aufbrechen, um dann 24 Stunden lang ausschließlich zu Fuß über die Berge unterwegs zu sein. Brot, Marmelade, Käse und etwas Joghurt. Das Frühstück ist getan, der Rucksack bereit, die Stöcke auf Länge. Das „Bleibe-Gewand“ lege ich in einen Beutel, um im „Geh-Gewand“ die Strecke zu bewältigen. Die Sonne wird uns nicht einheizen, eher der Regen nässen. Die Regenhose bleibt von Beginn bis zum Schluss angezogen. Sie ist angenehm zu tragen und schützt vor Nässe von oben genauso wie vor dem Nass der Gräser am Wegrand. Immer ein trockenes T-Shirt und einen trockenen Pulli für die Pausen dabei. Das habe ich beim Weitgehen gelernt: Nie nass sitzen. Ansonsten ist meine Philosophie, dass ich nass gehe. Das heiß, wenn ich von innen (Schweiß) und/oder außen (Regen) nass werde, dann ziehe ich nach den Pausen die nassen Sachen wieder an. Eh klar, werden die einen sagen. Igitigit, sagen die anderen. Wer das annehmen kann, für den wird der Rucksack wirklich leicht. Und er ist heute leicht. In den Pausen werden wir versorgt. Die Route ist mit 66 km und 2.900 Höhenmeter vorgegeben. Die Guides haben sie schon mehrmals unter die Füsse genommen. Da bin ich mir sicher und darauf ist Verlass. Gerlinde Kaltenbrunner nimmt das Mikro in die Hand, begrüßt uns alle mit ihrer angenehmen, fast leisen Stimme und ermutigt uns. Da Gespräch mit ihr in Windischgarsten zu „Viel mehr Glück“ schwingt bei mir mit. Die Sponsoren und die Organisatorinnen bekommen auch noch kurz das Wort. Der Betrag von 14.000.- EUR (unser aller Startgeld) wird im Herbst nach Nepal überbracht, um Schulen weiter auszubauen und die Erdbebenfolgen „aufzuarbeiten“. Da habe ich gerne dazugelegt. Für Nepal. Und Nepal geht mit, mit jedem Schritt, die Menschen, die Projekte. Es sind für mich 24 Stunden „meditatives Gehen“ zusammen mit den Menschen in Nepal.

Die Gespräche und das Schweigen

Die Route ist schnell erklärt: Bad Goisern, hinauf zur Goiserer Hütte, hinunter nach Gosau, hinauf zur Rossalm, hinüber nach Hallstatt, den Soleweg hinaus nach Steeg, hinüber nach St. Agatha, hinauf bis fast auf den Gipfel des Predigstuhl bei Nacht und wieder hinunter über die Ewige Wand nach Bad Goisern. Um 7 Uhr früh starten wir und kommen um 6.45 Uhr früh wieder zurück. Ich habe nicht gezählt, aber es waren über 19 Stunden reine Gehzeit. Die Hälfte bei Tageslicht und die andere Hälfte mit Stirnlampe. Das Wetter war „verhangen“. „Nebelreißen“ war am Vormittag und Nachmittag unser „Anfeuchter“. Dann wurde es trockener. Der erwartete nächtliche Regen hat uns verschont. Herausfordernd war es aber allemal. Ich selber habe die Gespräche mit den verschiedenen zum Teil mir bisher unbekannten Menschen genossen. So viel Lebenserfahrung, so viele Weltreisende neben mir, Suchende und Sehnsüchtige, tolle Menschen mit Engagement in jeder Hinsicht. Oft hat sich schon bestätigt: In die Berge gehen Menschen, die hell, wach und open minded sind. Selten was Dumpfes dort angetroffen. Gerade auch das lange Gespräch mit Gerlinde Kaltenbrunner hat mir wieder gezeigt, wie „spirituell sehnsüchtig“ die Menschen heute sind. Auch sie erlebt das bei ihren Vorträgen, ihren Seminaren, am Weg. Ich erzähle ihr, dass gerade auch Orden „spirituelle Sehnsuchtsorte“ sind oder zumindest sein könnten. „Die Menschen suchen Tiefe und Weite und finden oft Oberflächlichkeit.“ Solche Gespräche nähren, ermutigen, stärken.  Genauso wie das Gespräch mit dem „Geldüberbringer“ nach Nepal von den Naturfreunden St. Pölten. Jahrelang engagiert und immer wieder „drüben“, um aufrichten zu helfen. Mit der Finsternis kurz vor dem Salzbergwerk Hallstatt wurden die Gespräche am Weg weniger. Gegen Mitternacht hat sich ein Schweigen eingestellt, das gegen 3 Uhr morgens durchgängig wurde. Die Schritte, die aufschlagenden Stöcke liegen im Ohr und der Lichtkegel der Stirnlampe vor Augen. Das ist jetzt meine Welt in Bewegung.Bei mir stellt sich eine Blase ein, am linken Fuß. Aus meiner Sicht ein Zeichen für eine „Schwachstelle“. Aber es geht. Die Schritte zurück in den Ort Bad Goisern auf dem alten Kirchensteig „passieren“. Die Füsse gehen mit mir, leichte Schmerzen von der Fußsohle flüstern mir ins Ohr. Gut angekommen fallen wir uns um den Hals, gratulieren einander und ich bin dankbar. Für die Schritte, die Gemeinschaft und die Hilfe, die jetzt nach Nepal geht. Der Zug bringt mich heimwärts. Ich stelle den Wecker, weil ich weiß, dass ich einschlafen werde. Ein Erlebnis der besonderen Art.

Welt anschauen ist immer das Ziel, wenn wir mit Weltanschauen unterwegs sind. Schon vor einigen Tagen sind wir alle 27 TeilnehmerInnen wieder vollständig und gut von unserer ökologisch fundierten Reise „Einfach Pilgern in Siebenbürgen“ mit dem Zug zurückgekehrt. Ein Teilnehmer hat geschrieben: „Nochmals herzlichen Dank für Organisation und Führung, aber so ganz weiß ich noch nicht, wie ich das alles in meinem Inneren einsortieren werde.“ Das zeugt von tiefgreifenden Erfahrungen auf den 150 Kilometern am Marienweg von Tg Mures nach Schomlenberg (Csiksomlyo), das „Mariazell der Ungarn in Rumänien“. Über 200.000 Ungarinnen und Ungarn finden sich dort am Pfingstsamstag zur großen Feier ein.  Sind dann doch etwas mehr als in Mariazell, wie wir festgestellt haben. Der „Marienweg“ verbindet beide Pilgerziele. Ein Teilstück sind wir gegangen, gepilgert, gewandert.

Die Kraft der Gruppe

Am letzten Tag sind fünf Leute vom Team des Marienweges mitgepilgert. Sie wollten einfach sehen, wie die größte internationale Pilgergruppe unterwegs ist, die noch dazu ihre Rucksäcke selber tragen. Für mich selbstverständlich. Wie geht sonst das Weniger, wenn ich meinen Rucksack ohnehin dem Shuttle-Dienst übergeben könnte. Ihre erste Frage nachher in kleiner Runde mir gegenüber war: „Wann habt ihr die Lieder geprobt?“ „Gar nicht, sie waren einfach da.“ Ich betone, dass ich es als besonderes Geschenk betrachte, wenn in einer aus ganz Österreich frei zusammengewürfelten Gruppe gleich mehrstimmige Lieder „da“ sind. So wie das Singen, so hat uns das Gehen (übrigens 4,5 km/h durchschnittlich ohne Pausen), haben uns die Gespräche, das Zusammenstehen und die Impulse zusammengeführt und zusammengehalten. „Ich habe gehofft, dass ich es schaffe. Und jetzt stehe ich da.“ Das Essen schmeckt besser in der Gruppe und das Gehen wird „leichter“.

Die Einfachheit

 

Ich selbst habe mir in der Einsiedelei den Luxus gegönnt und bin mit der Zahnbürste in aller Frühe zum 200 Meter entfernten Brunnen gegangen. Das einzige Wasser. Da spüre ich, wie wesentlich diese Einfachheit wird. Und vieles wurde uns am Weg „wertvoll“, weil es so einfach und doch – wie beim Essen – so gut war. Einfache Matratzen, der Kübel als Dusche, das „Stadtcafe“ im Dorf ein kleiner Mini-Mix-Laden. Da lernst du den Kaffee besonders schätzen, weil er auf einmal unvermutet da ist. Ein Mann kommt mit seinem Pferdefuhrwerk vorbei, sein Sohn mit dabei, geht ins Geschäft, kauft sich fünf Eis und ein Bier, gibt alles in ein Sackerl und sie fahren weg. Es war Sonntag. Das war der Sonntag in der Familie. Und da gäbe es noch viele Beispiele, die wir gesehen, erlebt, bewundert, bestaunt haben.

Die Selbstversorgung

Durch die Dörfer gehend haben wir die Selbstversorgung „studiert“. Praktisch hatte jedes Haus alles im und rund um das Haus. Gärten, Wiesen, Felder und die entsprechenden Tiere. Alles da. Wenn nicht die korrupte Regierung alles an den Westen verkauft, sehen wir hier das ökologische Wirtschaften der Zukunft. #LaudatoSi Hier können alle überleben, auch wenn der Supermarkt geschlossen hat. Tagelang Subsistenzwirtschaft. Und so nebenbei erwähne ich, dass wir uns in keiner Sekunde irgendwie „bedroht“ gefühlt haben. Eher das Gegenteil: Unglaublich freundliche Menschen.

Die Ungleichheit

Einmal haben wir nach einem Dorf (es war vorwiegend ein Roma-Dorf) das Gefühl gehabt, durch das Dorf der massiven Ungleichheit gegangen zu sein. Am Ortseingang richtige Schlösser, die sich Roma-Anführer hier errichtet haben. Am Ortsende Elend, das wir gesehen haben und von den BettlerInnen bei uns kennen. Hütten, Verdecke, Planen und Plastikverschläge und alle aus demselben Roma-Stamm. Die Reichsten in unmittelbarster Nachbarschaft zum Elend. Da stimmte nachdenklich. Gibt es aber genauso im Westen.

Das Gehen in der Natur

Meine Erfahrung ist, dass die Natur die beste Therapeutin ist. Auf diesem Weg ist uns besonders schöne und ansprechende Natur begegnet. Die Seele nimmt diese Bilder nährend auf und ich trage diese Erinnerung immer durch den Winter. Dass wir Bärenspuren und Bärenlosungen gesehen haben, hat uns nicht überrascht. Dass uns Hunde eingekreist haben und mit uns Mittagsrast gehalten haben, gehört zur „Natur der Sache“. Ich habe nie Angst gespürt, weil wir Teil dieses Naturganzen inklusive der Schafherden waren, uns so gesehen und benommen haben. Der Pfarrer der Einsiedelei ist über zwei Stunden mit uns weitergegangen und immer wieder habe ich von ihm so leise dahinseufzend gehört: „Es ist fertig. Auch hier ist es fertig.“ Gemeint hat er zwei Dinge: 1. Die Familien sind abgesiedelt und die Häuser verfallen. 2. Durch den Klimawandel trocknen die Bäche und Quellen aus. Er war mit wenig Hoffnung gesegnet. Wir haben ihn durch mehrstimmige Lieder „ermutigt“, sein einfaches „Beispiel“ weiterzuleben. Mit ihm haben wir eine einfache Messe gefeiert. Ein glaubwürdiger Hirte.

Das Schweigen und Reden

Die Tagesimpulse dieses Jahres habe ich aus den „Quellen der Kraft“ genommen. #Atmen, #Mehr und Weniger, #Dankbarkeit, #Liebe, #Gebet und #Vertrauen sind die Zugänge zu einer „geöffneten Spiritualität“. Sechs Tage Gehen und sechs #Themen. Immer wieder haben wir erlebt, dass es nicht einfach ist, „die Komfortzone“ ehrlich zu verlassen, auf Gewohntes verzichten zu müssen und dort und da wortlos zu werden. Die Themen wurden immer „einfacher“, das Reden wandelte sich immer mehr in staunendes Schweigen. Am Ziel angekommen, sassen wir zuerst schweigend in der Kirche bis sich der mehrstimmige Chor in uns erhob. Wir waren happy, dass wir es geschafft haben. Alle.

Dass wir Schässburg, Birthälm, Brasov gesehen haben, erwähne ich nur so nebenbei. Das zusammentreffen mit der Caritas Alba Julia war wirklich erhellend und Bernadett ist mit uns den ganzen Weg gegangen, übersetzend und erzählend. #Danke

Und nächstes Jahr geht es nach Assisi (27. 9. – 7. 10. 2018).
#Vorfreude

Meine Schwägerin war Kindergartenleiterin. Das hat sie aufgegeben. Jetzt widmet sie sich beruflich ganz dem Thema „Kinder im Wald“. Sie führt Kindergruppen meist eine Woche lang einfach in den Wald. Viele Klein- und Vorschulkinder kennen den Wald als Lebensraum nicht. Es gibt sogar Kinder, die auf dem weichen Waldboden am Anfang Schwierigkeiten beim Gehen haben. Mit der Wald-Erfahrung verändern sich Kinder. Laute werden leise, anstrengende Kinder strengen sich selber an, schüchterne kooperieren, mit jedem Stück Holz heben sie auch Mut auf und das „Mir ist fad“ geht in Staunen über. Da ist kein „Programm“, sondern einfach der Wald, Resonanzraum für so einen Tag, eine Woche. Ähnliches erzählt sie von ihren Kursen mit Erwachsenen – meist Pädagoginnen und Pädagogen.

Nimm dem Kind nicht den Erfolg

Eine Freundin von Sr. Agnes von den Helferinnen in Csobanka nimmt mich zum Bahnhof Budapest mit. Sie arbeitet bei einem Verein, der Eltern dabei unterstützt, ihre Kinder nicht zu „erziehen“, sondern in ihrer eigenen Entwicklung zu fördern. Sie schulen Eltern darin, dass sie nicht dauernd „eingreifen“, sondern beobachten lernen, wie Kinder sich aus sich selber heraus „entwickeln“, Fortschritte machen. Fällt ein Kind hin, laufen sofort Erwachsene und stellen das Kind auf die Beine. Sie rauben dem Kind damit eine Erfahrung: Ich kann selber aufstehen!

Morgen geht es los. Nein: Wir gehen los. Nochmals nein: Zuerst fahren wir mit dem Zug nach Budapest, dann mit dem Nachtzug nach Rumänien. Wir bleiben gut ökologisch am Boden, nehmen uns die Zeit, die unserer Seele zusteht. Von Targu Mures brechen wir zu Fuß  am Marienweg Richtung Osten auf. Eine Reise bewegt schon vor dem Start. Jeder Aufbruch hat eine Bewegung in sich. Ich spüre keine Nervosität, sondern ein feines achtsames Aufgeregt-Sein. Wer sind die 25 Frauen und Männer, die mitgehen? Wie wird uns das Land, die Menschen begegnen? Es waren diese Wochen des Gehens und Pilgerns bisher für mich immer nährende Zeiten. Dieses Gehen ist immer geprägt von einem wertschätzenden Umgang, einem Hineinspüren ins tiefe Leben, Gespräche und Rituale aus dem Weg und Unterwegs-Sein heraus und eine fein wachsende Zusammengehörigkeit. Immer achte ich darauf, dass dieses Band der im Gehen wachsenden Energie nicht auseinander reißt. Ziehen und gezogen werden im Auf und Ab des Weges finden eine Balance, die es vielen, allen leichter macht, loszulassen. Das Ich geht langsam, behutsam in das Wir hinein und wird, ist „befreit“. „Du schaffst es“ wird ergänzt durch „Wir schaffen es“.

Herausgerissen

In diese Atmosphäre des Aufbruchs hat sich gestern ein ganz anderer „Aufbruch“ gemischt. Derzeit reißt das Innenministerium nach vielen Jahren des Hier-Seins Flüchtlingsfamilien heraus. In Walding wurde eine armenische Mutter mit zwei Kindern „abgeholt“, zum Aufbruch gezwungen, deren Mann und Vater hier begraben ist. Gott sei Dank ging diese „Geschichte“ durch alle Medien, eine Welle der Solidarität und des Protestes erfüllte das Land. Gestern abends sind sie wieder nach Walding zurückgekehrt. Immer mehr solche „Fälle“ (es sind doch Menschen) werden in diesen Tagen bekannt. Es ist so schändlich, wenn jemand in so einer Situation, wo sie sich „eingewurzelt“ haben, zum Loslassen gezwungen wird. Dass derzeit die VP mit christlichen Wurzeln dieses „Treiben“ von der FP übernommen hat, ist aus meiner Sicht einfach schändlich. Machtgewinn auf Spaltung und Ausgrenzung aufbauen, ist für einen gerechten und solidarischen Staat hochgradiges Gift. Das sollten alle Österreicherinnen und Österreicher bei ihrem Aufbruch in die Wahlzelle überlegen: Mauern oder Brücken. Bei der Pfarrkirche in Ottensheim habe ich dieser Tage diesen Stein (siehe Foto) entdeckt. Zwei Daseinsweisen sind hier dargestellt: Eine Kugel ist eingesperrt und die andere zum Fliegen bereit. Jeder Aufbruch bewegt und durch das Loslassen setzen wir zum Fliegen an, sind wir befreit. Gerade wenn wir diese geflüchteten und gut integrierten Menschen von ihrem „Kerker daheim“ befreien, ihnen hier bei uns weiterhin Sicherheit geben, können sie mit uns Flügel ansetzen.

Ganz wenig geht

Zurück zum Rucksack, zum Aufbruch morgen. Jeder Aufbruch ist auch eine Bewegung in Richtung Weniger. Wer schon einmal vor seinem Rucksack gestanden ist, versteht die Frage besser: Wie geht Reduktion? Jedes Zuviel ist Ballast. Auch diese Bewegung in Richtung Weniger ist der tiefe Prozess des Loslassens. Im Endeffekt geht es darum, Gewohnheiten zu hinterfragen auf „Bewegungstauglichkeit“. Gerne erinnere ich mich noch daran, dass ein Jugendlicher vor „Jahrzehnten“ beim Aufstieg auf den Lasörling am Lasörling-Höhenweg in Osttirol auf dem Schneefeld gestürzt ist. Nichts passiert. Aber: Nach dem Sturz hat es aus dem Rucksack getropft. Wir mussten nachschauen, was da drinnen kaputt gegangen ist. Dem 14-jährigen Jugendlichen war es peinlich. Wir öffnen: 10 Jogurellabecher drinnen und einer ist geplatzt. Weiters ein Fön, alle möglichen Tuben. „Ich habe mir das eh gedacht, das  ich das alles nicht brauche“, stöhnte der Jugendliche. Es war einfach zu viel. Auch heute nicht einfach, wenn die ganze Gesellschaft schreit: mehr, größer, neuer. Der Rucksack lehrt mich immer wieder, dass es auch mit ganz wenig geht. Ballast abwerfen, zu Fuß in Bewegung kommen und gemeinsam „aufdanken„. Das machen wir. Von hier bis Rumänien und wieder zurück.

Um 8.15 Uhr kommt uns die Hüttenwirtin Silvia beim Aufstieg zum Großen Priel (2.515m) entgegen . Sie hat die Morgensonne schon am Gipfel genossen und geht wieder ans Werk. In der Welser-Hütte. Tags zuvor haben wir den Aufstieg vom Almtaler Haus (714m) in gut 3 Stunden geschafft. Dann die Hütte, die Einfachheit, das gute Essen, die wunderbare Aussicht und die Hüttenruhe genossen auf 1.740m Seehöhe. Der Traunstein „drüben“ ist heute niedriger. Die Kulisse des Großen Priel hinter uns mächtig. „Es ist ein wunderbares Platzerl“, meint die Wirtin im kurzen Gespräch. Und sie hat vollkommen recht. Nächsten Tag steigen wir zweieinhalb Stunden zum Gipfel auf und nach fünf Stunden sind wir wieder zurück auf der Hütte. Der Gipfel hat uns lange gehalten, weil es wunderbares, warmes Wetter gab und die Aussicht, der Blick uns gehalten haben. Wir genießen noch eine Stunde vor der Hütte und entdecken gegenüber einen „Kopf“. Nein, nicht die schlafende Griechin (Erla-Kogel).  Sie schläft weiter weg. Es ist ein Gesicht, das heute auf der Welt fast jede und jeder kennt.

Die Locke hat ihn verraten

Wir haben unseren Spaß bei dieser Beobachtung. Das menschliche Vorstellungsvermögen kann sich ja allerhand „zusammenknüpfen“. Und „Trump“ geistert fast täglich durch die Medien, oft kombiniert mit Schreckensmeldungen, hyperaktiv und unberechenbar. Hier liegt er. Er scheint zu schlafen, sich zu erholen im Toten Gebirge. Das verleitet fast zum Schmunzeln. Wir verraten anderen Gästen unseren „Blick“ und unsere Konnotation in unserer Beobachtung. Und sie geben uns recht. Ja, das könnte er sein, der Donald Trump. Die Hüttenwirtin bleibt ohnehin cool. Sie ist aufmerksam, hält nicht viel von denHotels in den Bergen. Sie setzt auf Einfachheit, Wertigkeit und Begegnung mit der Bergwelt. Die Rechnung ist handgeschrieben. Ich selber bin ebenfalls überzeugt, dass nicht der Berg in dieser Höhe von uns lernen muss, was eine Dusche ist. Wir lernen von der Bergwelt, wie wir gut leben können, wenn es ganz wenig Wasser wie im  Toten Gebirge gibt. Da ist eine „Luftdusche“ angesagt. Hinausstellen vor die Hütte und der Wind trägt alle vom Schweiß getriebenen Gerüche fort. Nach dem Abstieg ins Tal von insgesamt über 1.800 Höhenmeter sind wir uns trotz weicher Knie aber einig: Diese Welser-Hütte ist in jeder Hinsicht ein Geheimtipp. Und zeigt uns den angeblich mächtigsten Mann der Welt – beim Schlafen.

 

Das Pilgern hat es auch zum Tag geschafft. Der 25. Juli ist dem „Gehen im Angesichte Gottes“ zugewiesen. Wir denken heute an den älteren Jakobus und damit automatisch an den Jakobsweg. Wie oft wurde ich gefragt: „Du bist doch auch den Jakobsweg gegangen?“ Immer musste ich verneinen. Teils vehement. Nein, es war der Franziskusweg nach Assisi. „Ah, ist das nicht dasselbe?“, war sicher die Nachfrage. Für solche Leute habe ich es dabei belassen. Sie haben ohnehin eher das weite Gehen vor Augen gehabt, das mich persönlich bisher geprägt hat. 28 Tage von Bregenz nach Rust. Alleine. Weitgehen ist heilsam war die Erfahrung 2004. 54 Tage von der Haustür im Mühlviertel nach Assisi. Davon 40 Tage alleine. 14 Tage zusammen mit meiner Frau. „Ist pilgern alleine oder mit anderen zusammen besser?“, war bei meinen Vorträgen die meist gestellte Frage. „Besser, schlechter verlierst du beim Gehen. Es ist einfach anders“, war meine Antwort. Eine schwere seelische Kränkung habe ich 2009 „ausgegangen“. Dafür bin ich heute noch dankbar. Dann: 26 Tage von der Haustüre nach Thüringen ins Kloster Volkenroda. Alleine. Im März und April teilweise im Schnee. 2011 war ich beruflich falsch abgebogen. Am Weg 2012 wurde ich in meine heutige Aufgabe bei den Orden nach Wien gerufen. Wien war zwar nie mein Ziel, aber ich bin dort angekommen. Ich wollte auch beim Pilgern nach Wittenberg und angekommen bin ich in Volkenroda. Die Via Porta hat mich „verführt“. Das Gehen hat viel gelöst – bei mir. Und dass ich dann im November 2015 als Klimapilger 22 Tage von Wien bis Salzburg gegangen war, war sicher im „gemeinsamen Gehen, Pilgern mit einer starken Intention“ (Weltklimagipfel in Paris) verknüpft. Eine eigene Erfahrung, jeden Tag mit anderen Leuten unterwegs zu sein. Es hat mich fast überfordert.

Pilgerpfade

Unsere Pilgerungen „hinüber auf den Pöstlingberg“ seit unserer Kindheit kommen hoch. Einige Pilgereien nach Mariazell und die vielen Bergwochen haben mir erahnen lassen, wie es wäre, „wenn es einmal weit ginge“. Andere Pilgerziele wie Maria Taferl, der Benediktweg oder der Marienweg im Pinzgau fallen mir noch ein. Es waren spontane Erfahrungen. Dass ich bei einigen Pilgerpfaden mitwirken durfte, macht mich heute noch glücklich: Pilgerpfad entlang der Sakramente in Unterweißenbach, Johannesweg oder Barbaraweg in der Slowakei. Natürlich waren prägend auch die Begegnungen mit den Jerusalempilgern und anderen Menschen, „die die gehenden Seelenschwingungen mittragen“. Und wenn ich diese Zeilen schreibe, denke ich immer wieder an Stefan Ernst, der gerade jetzt etwa 5 Monate von der Haustüre hier im Bergdorf 5.500 km zum Nordkap unterwegs ist. Im September ist er dort. Wenn ich seine Emails an Freunde (da darf ich auch dabei sein) lese, bricht meine Seele innerlich auf und sagt: „Es wird im Gehen gelöst“, „Das Leben kommt mir entgegen“ und „Im Gehen ist Jetzt“. Der Welt-Pilgertag möge viele Menschen daran erinnern, beitragen, dass Menschen sehen, erleben, spüren und sich darauf einlassen: Das Gehen ist die Geschwindigkeit der Seele.

Das Wetter ist heute wunderbar. Es regnet. Oft recht heftig. Was tut man da? Einen lang ins Auge gefassten Ausflug ins Green Belt Center nach Windhaag bei Freistadt machen und die Welt an einem Samstag einmal nicht von einem Berggipfel anschauen. Das grüne Band. 2012 war ich etwa 20 Tage lang zu Fuß unterwegs entlang dieses besonderen Naturbandes, dem ehemaligen eisernen Vorhanges. Der Mensch durfte Jahrzehnte dort nicht hin und deshalb hat die Natur sich dort „entfaltet“ in einer unglaublichen Vielfalt. Einzigartig und einfach beeindruckend.

Einen Hotspot  geschaffen

Die Windhaagerinnen und Windhaager bei Freistadt, bekannt für die Themenfelder Zukunft und Ökologie, gebündelt im Zukunftsforum Windhaag, haben diesem grünen Band ein eigenes Haus und damit verschiedene Zugänge geschaffen. Ganz oben auf der Aussichtsplattform bekomme ich einen Überblick über die Landschaft, den Ort und die Anmutung des Mühlviertels. Im zweiten Stock begegnet mir eine Geschichte, die mit 1945 zu tun hat. Grenze war Jahrzehnte eine bestimmende Erfahrung. Es wurde Rache geübt und an der Grenze haben sich grauenvolle Ereignisse abgespielt. Menschen wurden massakriert und ermordet. Ein Junge verliert so seine Eltern und seine Geschichte hängt an den Wänden. Auf derselben Ebene das „Werden des Mühlviertels“ ab dem Mittelalter. Die Stifte Schlägl, Wilhering, St. Florian, Baumgartenberg und Waldhausen spielen einen wesentliche Rolle bei der „Rodung und Besiedelung“. Orden waren zur damaligen Zeit so etwas wie Google und Apple heute. Die Zisterzienser haben 1.000 Klöster über Europa errichtet und so „Europa ganzheitlich neu formatiert“, einer neuen Nutzung zugeführt mit neuem Knowhow. So wie die Digitalisierung heute alles neu formatiert. Das ist den innovativen Kräften so inne. „Neu aufsetzen, neue Zusammenhänge schaffen und einen neuen Nutzen generieren“.  Einen Stock tiefer finden sich die Informationen zum mehr als 12.000 km langen „Grünen Band“. Beeindruckend auch hier. Und dieses Band geht durch Windhaag. Darunter im Erdgeschoss der „Zukunftsraum“. Klar ist: So wie wir heute Leben, geht sich das im Verbrauch nicht aus. Das wissen und daran arbeiten die Windhaager seit mehr als 20 Jahren. Es ist nur schade, dass dieses Zentrum keinen Besucheransturm erlebt. Wir fahren hinaus im Regen durch die Mühlviertler Landschaft und erleben: Weite und Vielfalt. Nahrung für die Seele.

Stuhlfelden

„Mogst mitfoan?“ „Na, i geh eh gern.“ Gleich nach dem Start in Stuhlfelden bleibt beim langen stetigen Anstieg über etwa 1.000 Höhenmeter auf die Bürglhütte (1.700m) ein voller Jeep mit vielen Faire Milch Pickerl drauf stehen. Es ist eine Versuchung, weil die Nachmittagssonne „brennt“ und der Weg weit ist. Aber Pilgern heißt für mich gehen. Und außerdem bin ich ohnehin 4 1/2 Stunden im Zug vom Bergdorf und Linz her gesessen. Ich erlebe es immer als besondere Lebensqualität mit Chauffeur zu fahren. Da gehe ich dann wirklich gerne. Auch wenn es schon später ist. Mein Tagesziel ist Lengau im Hinterglemmtal. In 2 1/2  Stunden bin ich auf der Hütte im Tal „hinten“, wie mir ein Bauer den Standort charakterisierte. Ich bleibe eine halbe Stunde sitzen, trinke etwas und schaue dem Treiben der Kinder und Familien zu, die mit dem Auto hierher gekommen sind.

Bürglhütte

Und Wanderer kommen an, um hier zu übernachten. Ich breche wieder auf, um hinüber zu kommen. Es geht nochmals mehr als zweihundert Höhenmeter hinauf auf die Murnauer-Scharte (1.959m). Dort zeigten zwar die Schilder in alle möglichen Richtungen, aber ich war mir sicher: Da unten liegt mein Tal, auch wenn mir das Schild etwas anderes sagen will. Der Abstieg ist zuerst etwas steil, aber nie gefährlich. Dann gehe ich hinaus durch den Vogelalmgraben. Zwei Ehepaare haben mich auf ihrer Hütte auf der Grundlalm noch auf ein Getränk eingeladen. Es war so eine Begegnung aus heiterem Himmel. Solche mag ich sehr gerne. Es ist bald 21.00 Uhr und ich finde im Jugendgästehaus Vorderlengau sofort Aufnahme. Unangemeldet. Sehr zuvorkommend. Kurz vor 22 Uhr beginnt es zu regnen. Gut angekommen. Etwa 1.300 Höhenmeter hinauf und 800 hinunter. Es war ein guter Tag.

Hinüber und wieder hinüber

Vorderlengau

Der Blick aus dem Fenster heißt heute nichts Erfreuliches. Pilgern ist das ganze Leben, auch das mit den Schattenseiten. Und so wird es heute. Der Regen – bislang in starker Form – begleiten mich zumindest hinaus durch Hinterglemm nach Saalbach. Die Gedanken sind mehr bei mir selber als in der Umgebung. Der Regen weicht auf, er macht liquid, er lässt fließen. Das spürst du dann an manchen Stellen bis tief hinein. Es begegnet dir das „angeregnete Leben“. Und der Regen gehört auf einmal zu dir. Das erleichtert das Gehen ungemein, wenn der Regen einfach dazugehören darf, heute. Um die Mittagszeit klart es etwas auf, aber richtig trocken wird es erst hinein nach Hochfilzen. „Musst halt schauen, dass du hinüber und drüben auch hinüber kommst“, meinte ein gut aufgelegter Passant, der in der Bushaltestelle wartet. Der Aufstieg zum

Magnesitbahn

Spielberghaus (1.319m) geht leicht und vor dort geht es hinunter Richtung Fieberbrunn vorbei am „Magnesitberg“, wo noch die Fördergondeln über einem schweben. Heute stehen sie still. In einem leichten Bogen geht es in der Talsohle (860m) hinüber nach Hochfilzen (972m), dem Biathlon-Hotspot in Österreich. Die Kirche hat eine besondere Weihnachtskrippe auf Lager. Die Erfahrung des „fairHotel“ habe ich mir nicht entgehen lassen. Es ist das erste „Passivhaushotel“ in Tirol, aus Holz gebaut. Heute  bin ich einmal herüben. In Tirol. Etwa sechs Gehstunden.

Das Ziel erst am Ziel vor Augen

Vorderkaserklamm

Das Frühstück war wie das Haus aus der Region. Wunderbar gestärkt geht es Richtung Römersattel (1.202m). Es ist und bleibt trocken. Über eine Stunde führt der Weg durch den Truppenübungsplatz, vorbei am Biathlon-Stadion. „Tragtiergehege“ stand auf einem Schild und ich hatte dazu noch kein Bild. Erst als ich eine ganze Menge Haflinger und dazu noch Esel vor die Augen bekomme, leuchtete es mir ein. Pferde und Esel im militärischen Einsatz. Morgen werden etwa 20 Haflinger genau den Weg nach Maria Kirchental zur Perdewallfahrt gehen, den ich heute gehe. Das erzählt mir der Standler am Ziel. Vorher geht es nach dem unspektakulären Aufstieg zum Römersattel allerdings 550 Höhenmeter die  Vorderkaserklamm hinunter zur Naturbadeanlage Vorderkaser. Ich habe aus Neugierde das rechte Ufer genommen und musste die Schuhe ausziehen,

Überquerung

Maria Kirchental

um durch das erfrischende Wasser wieder auf die „richtige“ Seite zu kommen. Es tut einfach gut, einmal vom Weg abzukommen und die damit verbundenen Erfahrungen zu machen. Auf dem Radweg geht es etwa eine Stunde hinunter nach St. Martin und von dort hinauf nach Maria Kirchental, mein Ziel. Ich war schon mehrmals da, auch zu Fuß von der anderen Seite, dem Wechsel. Du siehst die Kirche und das Ensemble erst im allerletzten Moment. Aber dann bin ich wieder einmal überwältigt. Die Bergkulisse und mitten drinnen dieses Juwel der Kirche und des Hauses der Besinnung. In der Kirche spielt eine Harfe. Danke. Angekommen nach drei Tagen. Heute etwa sechs Stunden gehen. „Eine Schale möchte ich sein“ war diese drei Tage am Pinzgauer Marienweg mein innerer Gedanke. Dankbar für das, was bisher war und dankbar offen für das, was in meinem Leben kommen wird. Und heute ist nach dem Abstieg zum Bus und Zug noch etwas ganz Besonderes gekommen.

Extra umgedreht

St. Martin bei Lofer

Die Heimfahrt mit Bus und Zug war im ÖBB-Scotty so ausgewiesen: 17.48 St. Martin bei Lofer, 19.15 Zell am See, 21.08 Salzburg und Ankunft im Bergdorf mit dem Bus um 23.25 Uhr. Ich warte bei der Haltestelle,  aber der Bus um 17.48 in St. Martin ist nicht gekommen. Was tun? Der Daumen für das Autostoppen funktioniert noch. Nur: Dort fahren die Autos schnell vorbei. Nach zehn Minuten wendet allerdings von der Gegenfahrbahn ein Auto auf meine Seite und lässt mich einsteigen. „Ich konnte nicht so schnell bremsen und habe deshalb umgekehrt.“ Rucksack rein und ab geht es Richtung Saalfelden, weil Paul Lang unterwegs ist nach Leogang mit seinem Mountainbike im Auto. Wir plaudern über unser Leben, unsere Aktivitäten und Hobbys und unsere Berufe. Er hat einen Meisterbetrieb für Radsport in Ebersberg in Bayern und fährt ins Mekka der Mountainbiker nach Leogang-Saalbach. Ich bestätige ihm, dass ich viele Radfahrer und auch Radfahrerinnen gesehen habe. Wieder eine Bremsung. Am Autorand steht ein Wanderer. Junger Mann, der etwa fünf Kilometer zurück zu seinem Auto muss. Paul nimmt auch ihn mit. Ich schaue am Scotty, ob mein Zug in Saalfelden ist. Ja. Paul bringt mich zum Bahnhof, wünscht mir eine gute Heimreise und ich ihm einen wunderbaren Sporttag mit seinen Freunden, die schon in Leogang sind. Wir tauschen noch schnell unsere Visitenkarten aus (deshalb die Links). Solche unkomplizierte und mitnehmende Menschen kann ich einfach nicht vergessen. War es vor drei Tagen noch anders, so war ich um die Frage heute froh: „Mogst mitfoan?“ „Ja bitte.“ #Danke.

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