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Archiv für die Kategorie „Gehen Pilgern“

Vier Empfindungen wirken sich positiv auf die Erholung von Spannungszuständen aus.

1) Faszination und Bezauberung: eine unfreiwillige Form der Hinwendung, des selbstvergessenen Interesses oder der unwillkürlichen Neugierde.

2) Auszeit, Pause: das Gefühl, aus dem Gewohnten herauszutreten.

3) Eins zu sein mit einem größeren Ganzen im spirituellen Sinn.

4) Übereinstimmung mit den eigenen Neigungen, Vorlieben, aufgehen im Tun.

Wenn diese vier Empfindungen zusammenfallen, entsteht so ein angenehmes schwebendes Gefühl, das dem Geist und Körper wohltut. Manche nennen es „Flow-Erlebnis“. Und wo fällt das zusammen? Wo sind die Orte, wo das am ehesten möglich ist?

Eigentlich sollte ich hier aufhören. Wo heben Sie ab? Tauchen ein? Fühlen sich getragen? Flow-Erlebnisse braucht der Mensch, damit er nicht erdrückt wird von der Last des Alltages. Und Schweben ist einfach schön. Faszination, Bezauberung, Pause, eingebunden in ein größeres Ganzes und Übereinstimmung. Anerkennung und Wertschätzung umfließen alles.

Ich verrate es. Ich gestehe, dass mir das auch immer wieder passiert. Gehen sie in den Garten – zum Arbeiten, Staunen, Ernten, Gestalten, Ruhen. Das löst angeblich – andere sagen: ganz sicher – „Spannungszustände“. Der Garten „ent-spannt“, weil er andere Koordinaten öffnet. Das lässt locker werden. Der Garten in allen seinen Dimensionen ist ein Ort, um ins Schweben zu kommen.

Gestern hat mich in Linz vor der Uraufführung der Passion von Peter Androsch auf der Straße ein Mann angesprochen, „wo es im Sommer wieder hin-geht.“ Er sieht mich immer gehend, pilgernd, unterwegs – hat er gemeint. Gut, ich habe es verraten, was ohnehin bei Weltanschauen oder in Welt der Frau unter dem Titel „Einfach Pilgern in der Natur Siebenbürgens“ nachzulesen ist. Es geht nach Rumänien. DO 24. August bis SA 2. September. Er hat auch gleich begeistert davon erzählt, dass er weiß und schätzt, dass die Reisen ökologisch ablaufen. „Also fahren sie mit dem Zug.“ „Ja“. Ich empfinde es immer als besondere Wertschätzung, dass ich mit dem Thema Gehen und Pilgern in Verbindung gebracht werde. Er war aber weiter neugierig: „Und wie weit geht ihr da so am Tag?“. Ich: „23, 25, 26, 22 oder auch einmal 27 km am Tag.“ „Ist das nicht viel?“ „Nein, das ist nicht weit. Wir haben ja einen ganzen Tag Zeit. Und wer gehend unterwegs ist, dem genügt das Gehen, das Schauen, Staunen, die Selbstwahrnehmung, das Atmen, die Last spüren und vor allem: das Gemeinsame, die Gespräche. Diese tragende, ziehende und schiebende Wirkung der Gemeinschaft unterschätzen viele.“

Es geht dahin

Ich kann mich noch gut erinnern an unser Pilgern und Gehen auf der Via Porta. Es hat geregnet, die Tagesstrecke war annähernd 25 km. Am späten Nachmittag kurz vor dem Ziel hat eine Frau zu mir gemeint: „Unglaublich, es geht einfach dahin.“ Die Sonne ist wieder herausgekommen. Alle haben es geschafft, waren ein wenig geschafft aber irgendwie glücklich. Das Abendessen hat geschmeckt und nächsten Tag hat wer beim Frühstück gemeint: „Seit langem habe ich wieder einmal geschlafen wir ein Murmeltier.“ Das sind aus meiner Sicht jene Momente, wo sich anstrengen lohnt. Aber das Dahingehen ist ja nicht wirklich anstrengend, weil es ja einfach dahingeht. Aber wie ist das konkret? Auch ganz einfach. Wenn der Weg länger ist, dann starten wir mit dem Frühstück um 7 Uhr, 8 Uhr Abgang. Das sind vier Stunden am Vormittag. Mittagspause. Herunterkommen. In die Wiese legen. Nicht viel essen, weil es sonst nicht so leicht weitergeht. Und nachmittags wieder vier Stunden. So legen wir ca. 25 km zurück und sind gegen 17 Uhr spätestens am Ziel. Gut duschen, gut essen, Begegnungen und – auch das geht fast von alleine – bald schlafen gehen. Bis jetzt habe ich es immer so erlebt, dass genau dieser Rhythmus mit dieser „Anstrengung“ über 7 Tage wirklich heilsam ist. Für Rumänien bin ich mir wieder sicher: Es geht einfach dahin.

Anmeldung bei Weltanschauen

 

Weitwandern auf dem Marienweg in Rumänien von DO 24. August bis SA 2. September 2017″ steht in der Ausschreibung von Weltanschauen. War es vor zwei Jahren der Barbaraweg in der Slowakei, so wird es heuer der Marienweg in Rumänien sein, den wir als „Weltanschauen-Gruppe“ begehen.

Zum Weg heißt es: „Der Weg führt durch die wunderschöne siebenbürgische Mittelgebirgslandschaft, durch kleine Dörfer, in denen die Zeit stehen geblieben scheint und die Feldarbeit großteils noch ohne Traktor erledigt wird, durch einsame Wälder und über Hochalmen, wo man stundenlang auf keine menschlichen Behausungen trifft. Wahrscheinlicher ist da schon die Begegnung mit einer Schafherde und den dazugehörigen Hunden oder mit viel Glück auch die Begegnung mit einem Braunbären, von denen es in den Karpaten noch sehr viele gibt. Die beiden letztgenannten Tatsachen sind auch der Grund, warum die Pilgerwanderung in diesem Jahr erstmals zusätzlich mit einheimischen Begleitern gemacht wird. Und die Sprache: denn viele Menschen in diese abgelegenen Region sprechen einfach nur ungarisch und rumänisch. Mit unseren Begleitern können wir auch ins Gespräch kommen über die aktuelle Lebenssituation im Land und erfahren mehr über Land und Leute.“

Weltanschauen heißt für mich: hinschauen, hinhören, hineinfühlen in die Gegend und die Menschen, die dort wohnen. So lernt sich jede und jeder selber besser kennen, so entdecken, stärken, ermutigen und erfreuen wir einander auch in der Gruppe. Ich lade einfach wieder ein zum Mitgehen auf diesem Weg, der uns sicherlich viel Neues eröffnen wird, dort und da, hier und jetzt. Die Rucksäcke tragen wir selber. Der Weg kommt uns wie das Leben entgegen. Ich freue mich schon darauf.

Anmeldung hier

Drei Tage geht nun 2017 schon mit mir. Wir haben schon allerhand erlebt. Das wollen wir hier nicht ausbreiten. Die ersten Stunden, die wir miteinander gegangen sind, hatten mehr mit Virus zu tun und weniger mit Knallerei. Aber das war vorgestern. Alles durch. Jetzt gehen wir frohen Mutes. Dabei brauchen wir nicht hasten. Die Welt ist in den Ferien und die Arbeit fühlt sich langsamer und irgendwie neben den Schienen an. Das ermöglicht, den auf die Seite gelegten Bücherturm abzubauen. Und der Turm hat ein paar Schmankerl in sich. Ziemlich weit unten, aus der späten November-Zeit, kommt mir ein Büchlein (meint die äußere Größe) entgegen: „wahrnehmen – verweilen – begegnen“. Drinnen steckt der handgeschriebene Brief vom Autor Franz Schmidsberger. Er arbeitet als Theologe in Linz und Steyr und macht da wie dort gute, tiefschürfende, spirituell nährende Arbeit.

Sich freuen über das Glück zu leben

warum lernst du nicht
von den möwen
die immer zur gleichen stunde
artistisch-knapp über dem wasser
flussaufwärts fliegen
dann elegant aufsetzen
und sich wieder hinabtreiben lassen
so als wäre das leben ein spiel
eine einzige freude

warum lernst du nicht
vom alten ordensmann
der in der krypta
seiner arbeit nachgeht
singend die welken blumen
gegen neue tauscht
und seine augen glänzen
beim nachsinnen
über die zeit

warum lernst du nicht
von den kindern
und ihrer neugier
den geheimnissen
auf die spur zu kommen
von ihrer art
sich wirklich und ungetrübt
freuen zu können
über das glück zu leben

[Seite 97]

Ich kann zwar nicht fliegen wie eine Möwe, aber ich habe eine gute Vorstellung von den glänzenden Augen des alten Ordensmannes durch meine Arbeit bei den Ordensgemeinschaften. Durch meine zwei Enkerl ist der dritte Absatz pure Realität. Es ist mir eine unglaublich Freude, ein Glück, diese Neugier und diese ungetrübte Freude dieser Kinder so direkt zu erleben. Gerade sie lernen auch dem Opa oft ganz hautnah (nicht nur beim Einschlafen) , dass er sich freuen kann, soll, darf über das Glück zu leben. Merci.

_646_alleAlle Welt gratuliert heute Papst Franziskus zu seinem 80. Geburtstag. Ich schließe mich an. Er ist ein begnadeter Mensch, der vielleicht für die Kirche zu spät in diese Aufgabe gewählt wurde. Aber es ist nie zu spät. Es ist immer jetzt und hier, um das zu tun, wozu jede und jeder von uns berufen, gerufen ist und wurde. Ich durfte dem Papst heuer im Feber persönlich begegnen und ihm die Hand schütteln. Es bleibt mir unvergesslich, mit welcher Empathie er auf uns zukommen ist. Hellwache Augen und ein ganz tiefes Lächeln im Gesicht. Zweieinhalb Stunden lang war er da am Petersplatz und ist den Menschen begegnet, wirklich begegnet, auf Augenhöhe, ganz Ohr. Ich habe es für mich zumindest so gefühlt, erlebt. Er agiert als Mensch, als Person. Kaum ein Amt. Das macht ihn so stark und gleichzeitig für das vatikanisch Establishment so unberechenbar.

Tut mutig

_650_erkommtDer Jesuit Klaus Mertes schreibt in der aktuellen ZEIT vom 15. Dez 2016 auf Seite 58: „Wer Franziskus würdigen will, darf nicht nur auf ihn schauen, sondern muss darauf vertrauen, dass die Veränderung der Kirche und die Erneuerung der Christenheit ihren Gang gehen. Das Ergebnis steht nicht schon in dem Moment fest, wo das Neue beginnt. Dieser Papst öffnet die Kirche für Erneuerungsprozesse. Er vertraut darauf, dass der Geist Gottes lebendig in der Geschichte mitgeht. Franziskus ist eben nicht nur ein Taktiker, sondern ein gläubiger Mensch. Der Glaube macht ihn mutig und klug.“ Dieser Papst lebt, was er sagt. Und er wünscht sich das auch von uns ChristInnen, gerade auch von den Bischöfen. Tun, was wir sagen. Er lehnt es sichtlich ab, verehrt zu werden. Viele jubeln ihm zu. Doch wir spüren den fiktiven Ausspruch: „Was jubelt ihr über mich. Geht hin und tut, was ihr vom Evangelium verstanden habt.“ Da tun sich natürlich jene Kräfte schwer, die alles vorschreiben und in Kontrolle halten wollen. Ihnen ist das Neue erst dann geheuer, wenn es „eingefangen“ ist. Franziskus will den Prozess offen halten. Er sieht Basis und Richtung. Dort gehen wir hin, auch wenn wir den Weg noch nicht kennen. Als Pilger und Geher weiß ich, dass der Aufbruch wichtig ist und das Ziel. Wird Franziskus eine Frage oder ein Problem vorgetragen, sagt er oft: „Und was denken sie? Machen sie gleich einen Vorschlag, wie wir das lösen können.“ Es liegt an uns, die Kirche im Dienste der Menschen aufzurichten, selbst verantwortet weiterzubringen. Danke Franziskus, weil du mutig und mit tiefem Gottvertrauen vorangehst. Und wir hören dich: Kommt und geht auch ihr mutig hinaus zu den Menschen, an die Ränder, hinein ins Neue.

 

1_img_2988Es ist noch sehr früh. Erster Adventsonntag. Mangels Bus aus dem Bergdorf bin ich mit dem Auto nach Ungenach zum Männertag der KMB unterwegs. Es fährt sich einfach, weil noch ganz wenige Leute unterwegs sind. In Vöcklabruck komme ich am Bahnhof vorbei und sehe das große Stahlgebilde, das ich schon öfters vom Bahnhof kommend „auf der anderen Seite“ ohne große Wahrnehmung gesehen habe. Heute taucht es rechts im Blickfeld auf, Bremse und Blinker sind sofort aktiviert. Die beiden ineinander liegenden Pfeile haben mich „angesprungen“. Wahrscheinlich auch gesteuert durch die Gedankengänge zum kommenden Vortrag bei den Männern in Ungenach. „Schwächelt das Christentum?  Steht das Ende der christlichen Kultur bevor?“ Auf Facebook haben Freunde schon Hilfreiches dazu gepostet und damit der Themenstellung die „bedrohliche Apokalyptik“ genommen. In dieser Stahlskulptur ist mir früh am Morgen die „Lösung“ entgegengekommen. Es ist wie beim Gehen. Das Leben und die Lösungen kommen dir entgegen. Ich habe Fotos gemacht, habe die Skulptur angeschaut, von allen Seiten. Und immer wieder ist in mir die Aussage aufgestiegen: „Radikale Veränderung aus dem Inneren“. Aus dem Innersten des Stahlstückes wird ein Pfeil herausgenommen und wieder eingesetzt, in die ganz andere Richtung weisend. Das spüre ich in dieser Gesellschaft immer wieder, dass aus dem Innersten, dem Kern ein großes Stück herausgenommen werden sollte und in die andere Richtung eingesetzt werden müsste, damit wir eine gute Zukunft für alle Menschen haben, nicht nur für wenige.

Christen müssen Atheisten sein

2_img_2990Inspiriert von dieser Skulptur bin ich im Vortrag ein paar Gedanken nachgegangen, die ich mit den etwa 50 Männern geteilt habe. Ich wollte „Basics für den Rucksack in Richtung Zukunft zusammenrichten“, damit  für jeden einzelnen und zusammen als Community ein gutes Gehen möglich ist. Vorausgeschickt habe ich einige „Betrachtungsweisen“: Ist das Christentum jetzt mehr Thermostat oder Thermometer? Dann: Die wirklich bestimmende und dominierende Religion heute ist die Geld-Religion, die den Mammon als allseits verehrten „Gott“ führt. Also: Es wird auch von uns Christen ein großes Stück „Atheismus“ verlangt gegenüber diesen Mammon-Religionen. Gemeinsam haben wir beobachtet, dass heute die Rituale zum Großteil von der Gesundheits-, Wellness- und Medienwelt kreiert und praktiziert werden. Individuelle Gesundheit wird als das höchste Gut gesehen und zum Beispiel weniger das gemeinsame Wohlergehen im Gemeinwesen. Und Christentum triftet da zumindest zeitweise ab in diese „Wellness-Schiene“. Dann schwächelt es.

Advent in diese Richtung

3_img_2995Dem Buch von Ilia Trojanov „Der überflüssige Mensch“ haben wir dann weiten Raum gegeben. Auch von Bischof Kräutler habe ich erzählt, dass in Brasilien in offiziellen Dokumenten des Staates die indigenen Völker im Tropenwald dem Tierreich zugeordnet werden. Nochmals, weil so unglaublich: dem Tierreich zugeordnet. Menschen werden nicht als Menschen gesehen, die Würde abgesprochen und als „überflüssig erklärt“. Wenn sich heute Caritas als Anwalt für diese Menschen sieht und agiert, wenn Papst Franziskus sich, sein Amt und die Kirche an diese Ränder führt, dann ist Christentum „stark“. Und so haben wir an diesem Vormittag unsere Gedanken, Erfahrungen und Einschätzungen unter uns Männern „geteilt“ mit dem Finale, „dass christlich inspiriertes Leben immer anschlussfähig ist, geradezu neugierig dem Fremden gegenüber und in dieser Synapsenfähigkeit prophetisch in der Gesellschaft, in jedem Gemeinwesen wirkt“. Gesellschaft braucht uns jesuanisch geprägte Christen. Warum? Mehr denn je braucht es Menschen, die das einfache, vom Wohlstands-Schrott befreite Leben als gutes Leben wagen. Wirklich tiefes gemeinschaftliches Leben hat uns die Geld-Religion „ausgetrieben“. Der Mensch wird gerade zum User und  Konsumenten degradiert und das braucht ein tiefes, hellwaches Bewusstsein dafür, dass wir Bürger, Menschen sind. Außerdem: Es braucht unseren Einsatz am Rand entlang und wieder einige Mutige, die den Weg zum Thermostat suchen und wieder hinaufdrehen, damit die soziale Kälte nicht weiter Platz greift.
Außerdem: Es ist erster Adventsonntag und es brennt die erste Kerze „in diese Richtung“.
Und: Danke den Männern von Ungenach für diesen inspirierenden Vormittag.
Eine besondere Freude war es, dass ich Pfarrer Josef Friedl daheim bei ihm begegnet bin. Wie geht es? „Den Umständen entsprechend. Bin zufrieden.“

 

unnamedMeine 24-tägige Offline-Zeit ist zu Ende. Das Smartphone lag abgeschaltet daheim zusammen mit dem Laptop. Das TV-Gerät im großzügigen Zimmer meines Kurhotels Bärenhof in Bad Gastein war der Bademantelhalter. Radio gab es keines. Wollte ich auch nicht. Über drei Wochen Null Internet. Ich habe es genossen. Es hat mich vertieft, wacher und wirklicher gemacht. Ich wurde reduziert in jeder Hinsicht. Und wesentlicher, ruhiger. „Ich würde das keine drei Tage aushalten. Schon nach einem Tag im Urlaub juckt es und ich muss nachschauen.“ So ein befreundeter Journalist am Telefon, nachdem ich die Rückrufe auf die Anrufe in Abwesenheit gestartet hatte. „Es war ein ganz großes Geschenk und genau zur richtigen Zeit“, meinte ich. Erzählt habe ich ihm, dass die SN und DIE ZEIT in der Druckausgabe meine einzigen „Medienpartner“ waren. Und natürlich einige Bücher und gezielte Zeitschriften, denen ich mich schon lange widmen wollte. In der dritten Woche hat DIE ZEIT in einer Beilage ganz groß über eine Doppelseite die Frage gestellt, meine Frage gefragt: „Wer bist du, wenn du mit dir allein bist?“. Und genau diese Frage hat ihre Antworten bekommen, weil ich meine „digitalen Kochlöffel“ alle konsequent 100%ig weggelegt habe. Ich durfte mir „unabgelenkt“ begegnen. Tag für Tag.

Was ist entstanden?

Im Rückblick und nicht erst jetzt merke ich, dass ich mit einer neuen Wahrnehmung da bin. Ich wusste immer, dass Digital emotional kalt ist. Das kann die Seele nicht wärmen. Sie macht sie hungriger. Die tiefe Achtsamkeit und Empathie geht verloren, ist auch mir zum Teil verloren gegangen. Und doch verfallen so viele Menschen unkritisch diesem „Zug der Zeit“ und hängen an ihren Geräten. „Aufmerksamkeitszertäubung“ nennen das gute Beobachter. Und ein Geschäftsführer hat zu meinem Offline-Dasein gemeint: „Recht hast du. Wir halten das alle miteinander ohnehin nicht mehr lange aus.“  Und bei mir selber habe ich gespürt, wie Langsamkeit in mein Leben eingekehrt ist. Das hat mir ermöglicht, viel tiefer hinzuhören in Gesprächen, auch auf die Stille. Ich spürte auf einmal keine Getriebenheit mehr, sondern konnte selbst die zeitweise Langeweile in meinem Zimmer genießen. Langeweile ist ja ein Fremdwort geworden, ein Unwort der „Bespassungsgesellschaft“. Gerade in diesen Zeiten haben meine Gedanken-Gänge unglaublich viel Freiraum vorgefunden und neue Facetten aufgemacht. Und beim Gehen in den Gasteiner Bergen nahmen die Augen die Natur, das wunderschöne Panorama auf, weil ich keine Kamera zücken konnte, die im Smartphone daheim integriert lag. Einfach da sein, schauen, wahrnehmen, hinhören auf die Stille der Natur, den Berggipfel jetzt genießen und nicht erst später am Foto. Ich bin da. Jetzt. Genau auf diesem Quadratmeter Erde, eingespannt und getragen zwischen Welt und Himmel.

Und wie weiter?

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich den Beitrag von Richard David Precht in der ZEIT vom 22. September 2016 gelesen: „Unsere gereizten Seelen“. Precht schreibt dort, dass Europa keine User und Konsumenten braucht, sonder StaatsbürgerInnen. Gerade die digitale Welt deformiert uns Menschen dazu, „nur mehr über Geld nachzudenken, Preise zu vergleichen und auf Kosten anderer zu profitieren“. Nicht der zufriedene Mensch ist das Ziel, sondern der immer wieder neu unzufriedene. Ein kurzfristiger „Hyperkonsumismus“ wird in den Mittelpunkt des Seins gestellt auf Kosten langfristigen Denkens. Eine „zittrige Seele“, wie wir sie heute so oft vorfinden, findet keine Ruhe in sich selber, findet auch das Du nicht mehr. Die Seelen, so sie nicht ohnehin verschüttet sind, werden durch Werbung, digitale Medien und das ständige Mehr immer neu „gereizt“. Dieser ständige Reiz von außen macht sie selber wieder zittrig. Und genau diese kollektive Nervosität erleben wir unter dem Anschein von „digitalen Freundschaften und Followern“. Bisher hat meine Offline-Zeit noch niemand in Frage gestellt, sondern auf verschiedenen Ebenen haben mir Menschen dazu gratuliert, sind neugierig geworden. Was gibt es Schöneres, als auf das Wesentliche reduziert Beziehungen, Familie und Freundschaften img_2479analog zu leben. Auch wenn sich der Mainstream beschleunigt, so werde ich langsamer leben. Meine Arbeitskollegin hat mir auf mein erstes Email zurückgeschrieben: „WELCOME BACK! (in reality – ehm – virtuality)“. Das ist der Punkt. Reality nicht mit Virtuality verwechseln. Smartphone weglegen und einfach offline gehen. Einmal am Tag ins digitale Gasthaus „Facebook“ schauen. Whatsapp ausschließlich für Familie verwenden. Sonntag ausschließlich haptisch gestalten und das Festnetz wieder mehr betätigen. Außerdem: Die Abende gehören dem Gespräch und der tatsächlichen Begegnung – ohne „Geräte“. Außerdem sind alle meine handschriftlichen Briefe bisher als „Sensation, Seltenes“ empfunden. Und diese Rückmeldungen kamen auch handschriftlich. Als Karte oder Brief. Die digitale Welt hat viele Menschen „übernommen“, dabei sind diese Erfindungen nur Hilfsmittel. Deshalb raus aus dem Mittelpunkt damit. Das heißt: Sich nicht dauernd stören lassen und die digitalen Kochlöffel gezielt weglegen, hinausgehen aus der digitalen Küche und Mensch und Natur direkt begegnen.

 

_img_2415„Das schaffst du nie“, meinte im Spätsommer ein befreundeter Pressefotograf in Kärnten. Wir sind uns bei PfinXten begegnet. „Wetten: Eine Flasche Rioja“, schlug er vor. Ich habe eingeschlagen. Und ich werde es machen. Seit 1997 bin ich defacto online. Mein Arbeitskollege und Freund Stefan Greifeneder hat mir damals die „aufkeimende digitale Welt“ zugänglich gemacht. Die Aufgabe als diözesaner Internetverantwortlicher hat mich direkt hinein gestossen. Als „early adapter“ wurde ich manchmal bezeichnet. Die Neugierde auf Neues hat mich schon oft in „Gegenden“ gebracht, die für viele neu und unbekannt waren. Meine jetzige Neugierde gilt mir selber. Wer und was bin ich, wenn ich gänzlich offline bin? Was stellt sich innerhalb der drei Wochen in meinem Leben neu ein, wenn ein wichtiger Teil des Lebensvollzuges abgeschnitten ist. Ich bin selber neugierig gespannt und freudig gelassen. Ich weiß: Es wird mir gut tun.

Auszeit für haptische und analoge „Selbstbegegnung“

_img_2417Meine dreiwöchige Auszeit werde ich dazu nutzen, auf jegliche „algorithmus-basierte Kommunikation“ zu verzichten. Das bedeutet: kein Smartphone, kein Laptop, kein Email, kein Fernsehen, kein Fotoapparat. Nichts dergleichen. Selber zeichnen. Sich erzählen lassen. Nachfragen. Gespräche ohne „lauernde Geräte“. Diese Sehnsucht liegt schon länger in der Luft, in meiner Umgebung. Mein Freund und Follower auf Twitter Thomas schreibt gestern auf mein Posting dort auf Twitter: „Ich bin einer, der immer wieder knapp vorm Abwenden ist.“ Worauf hat er reagiert? Ich habe die Diskussion „zum Netz“ auf ServusTV nur kurz mitbekommen. Aus meiner Sicht kam dabei die zentrale Aussage von Sybille Hamann. Ich habe mein Smartphone (in diesem Fall als Second Screen) genommen und sie auf Twitter so zugänglich gemacht, geteilt: „Viele wenden sich ab. ist nicht das Volk.“  Es ging um Scheinwelten, um Hasspostings, um Lügen und Verunklimpfungen, „die sich rasend verbreiten“. Es ist die Schnelligkeit und es sind die Dummheiten, die uns zusetzen. Es ist das „angebunden sein“, weil wir festgelegt haben, dass die Reaktionszeit nur mehr Minuten dauern darf. Die Medienwelt hat das Nachdenken und Verweilen eliminiert. Emotionen werden aus dem Netz geholt, geschürt, aufgebauscht und wieder zurückgerülpst. Jahrelang ist für SocialMedia das „digitale Gasthaus“ mein Bild. Ich gestehe: Das Gasthaus hat sich ausgedehnt ins Arbeitszimmer und Wohnzimmer. Mein Esstisch kennt seit geraumer Zeit kein digitales Gerät mehr und die Nacht ist auf Flugmodus. Jetzt könnte ich länger ausholen. Braucht es aber nicht. Seit etwa zwei Jahren spüre ich in mir den Wunsch, ganz konsequent über drei Wochen „offline zu gehen“. Immer wieder kam in den letzten Tagen von Menschen ein erstaunter und genauso bewundernder Blick: „Was? Dann kann ich dir praktisch nur einen Brief schreiben?“ „Stimmt!“ „Klar: Und posten und bloggen geht dann auch nicht.“ „Stimmt.“ Die meisten: „Ich bin gespannt, was du erzählen wirst.“ „Ich auch.“ Und die Flasche Rioja steht in jedem Fall – nach dem Fest des hl. Franziskus im Oktober. Bis dorthin geht total offline.  Ich mit mir.

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