Archiv für die Kategorie „Gehen Pilgern“

Ich stehe unten im tiefen Felsenspalt von La Verna. Dort ist Franziskus auf seinem „Rückzugsberg“ am liebsten gewesen. In der Höhle hat er geschlafen, hineingehorcht in die Natur und hindurchgeahnt entlang des ober ihm sich auftuenden Lichtspaltes auf Gott hin. Die Erde ist im Vater, Mutter geworden, der Ausdruck der Liebe Gottes zu uns Menschen. Er hat gesucht. Er hat gefunden, was er gesucht hat. Hier kam ihm das Leben in seiner totalen Einfachheit entgegen. Karriere, Geld, Prunk, Besitz, Kämpfen – es war nicht mehr sein Leben. Erst in der Stille draußen hat er Gott gehört: Baue auf. Immer wieder ist er ausgestiegen und hat sich der Stille und der Finsternis hingegeben.

Aufbruch zum Felsenspalt

Mit 26 Frauen und Männer bin ich von Premilcure über den Apennin nach Assisi gegangen. Weltanschauen hat die Menschen aus ganz Österreich  „eingesammelt“. Der Nachtzug hat uns nach Bologna gebracht, wo wir uns erstmals alle auf einem Haufen gefunden haben. Der Zug brachte uns nach Forli, der Bus nach Premilcure.  Startpunkt und Ausgangspunkt für den Aufstieg hinüber nach Corniolo. Es geht bergauf, ordentlich bergauf. Manche werden langsam, andere springen los. Das „mentale Gummi-Ringerl“ hält uns in der Unterschiedlichkeit zusammen. Alpine Wege im Apennin. Gar nicht so ungefährlich, wie manche nachher meinten. Ein italienisches Abendessen nach AAA+ lässt den Tag und die Anstrengung ausschwingen. Der nächste Tag hat es ebenso in sich. Insgesamt etwa 1.200 Höhenmeter hinauf und hinüber zum höchsten Punkt des Cammino Assisi, dem Poggio Scali (1.520 m). Camaldoli sieht uns etwas verspätet. Die Gastfreundschaft war wieder hervorragend, das Haus bemerkenswert altehrwürdig. Der dritte Schönwettertag führt uns ins kleine Dorf Biforco und die dortige Pilgerherberge. Das provisorische Abendessen wird zum ultimativen Gemeinschaftserlebnis unter uns und mit den Dorfbewohnern in dem kleinen Geschäft, das uns als Refektorium diente. MitpilgerInnen staunten über unsere Sangesfreude und das diesbezügliche Können. Unsere Herzen sind weit geöffnet, sodass uns der nächste Regentag hinauf nach La Verna nichts anhaben kann. Feuchtigkeit ist ein Element des Lebens, gelegen oder ungelegen. Der erste tiefe Höhepunkt oben am Felsen ist erreicht. Wir atmen durch, Nebelschwaden ziehen herum und die Stigmata-Prozession ist beeindruckend. Wir werden still, hörend, horchend und gehen abends in die nächtliche Finsternis. Stille, Ruhe und Finsternis umgeben uns in diesem steinernen Kloster.

Die Sehnsucht kommt an

Zuerst umgibt uns Sonnenlicht. Je mehr Schritte wir hinüber nach Caprese Michelangeli setzen, umso mehr Regentropfen mischen sich ein. Wasser von oben und von unten. Die Stimmung ist trotzdem sehr gut. In einer Eremo-Kapelle genießen wir die Mittagsrast. So soll Kirche sein: Unterschlupf und Schutz geben. Das Hotel liegt auf einer Anhöhe, hinter ihr die Taufkirche des berühmten Künstlers. Gut vorstellbar, dass diese Gegend diesen genialen Geist geweitet und inspiriert hat. Immer wieder ist von uns mehrstimmiger Gesang zu hören, lässt andere aufhorchen, bisweilen staunen. Der Bus bringt uns am nächsten Tag über Citta di Castello und Gubbio nach Valfabbrica. Im Ostello bleiben wir, werden wir gestärkt und schlafen uns in den letzten Gehtag nach Assisi. Die Sonne hat sich wieder eingefunden, um uns am letzten Tag zu begleiten. Auf halber Strecke ein Aufschauen: Dort ganz weit hinten die Basilika San Francesco erstmals zu sehen. Unser Ziel. Im Olivenhain lassen wir uns nieder, eine Schafherde überholt uns und der letzte Aufstieg zum Stadttor hinauf gebiert noch ein paar Schweißperlen. Angekommen. Wir schauen auf die Basilika, ein Blick, den ich von vor neun Jahren noch genau in mir habe. Da tauchen nicht nur Bilder auf, sondern auch Emotionen. Wir haben es alle geschafft. So und so. Aber wir sind alle da. Wir gehen hinein, hinunter und liegen dann auf der Wiese. Für manche von uns unglaublich, die etwa 110 km mit über 4.000 Höhenmeter geschafft zu haben. Meine Seele gibt der Dankbarkeit Raum. Ich spüre, nicht nur meine. Der hl Franziskus und die hl Klara mit Gefährtinnen und Gefährten treffen auf uns, in den Kirchen Francesco, Chiara, S. Damiano, Portiunkula und den Carceri. Wir gehen in zwei Tagen alle Orte ab, lassen sie uns erklären und auf uns wirken. Viel in Stille. Und immer wieder berührt uns die Stille, die Einfachheit und die Liebe zu den ausgegrenzten Menschen.

In einfacher Wachheit dem gemeinsamen Leben auf der Spur

Der Regionalzug hat uns von Assisi nach Arezzo gebracht. Dort war Abschied angesagt, weil wir uns im NightJet der ÖBB in Österreich bei Nacht, in der Finsternis wieder „verloren“ haben. Unser gemeinsames siebentägiges Gehen hat uns eine Grundhaltung näher gebracht: Das Leben kommt uns entgegen. Weit aufmachen und das Herz freilegen mit der tiefen Bitte, die in der Basilika S. Chiara vor dem Kreuz verortet ist: „Gib mir, Herr, das Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen Auftrag erfülle, den du mir in Wahrheit gegeben.“ Und ich denke an unsere Weltkugel, die von unserer aufwändigen Menschengier, dem immer Mehr, dem Achtlosen und Getriebenen gerade malträtiert wird. Wir lesen in den heutigen Tageszeitungen von der unmittelbaren Bedrohung durch den Klimawandel und zwei Seiten weiter vom Wirtschaftswachstum und neuen Technologien, die wir in ihren Nebenwirkungen (Elektroauto) nicht abschätzen wollen. La Verna und Assisi sind gute Orte, wenn man sie zu Fuß angeht, die eine neue Lebenshaltung hervorbringen können: Viel mehr Weniger. Viel mehr Wesentliches. Einfacher. Mit viel Lebensqualität. Stille und Finsternis stupsen uns dorthin, wenn wir uns keine Angst einreden lassen. Die Welt aus einer anderen Perspektive anschauen, aus dem Felsenspalt von La Verna und der kleinen Portiunkula in Assisi. Dort entstand damals neues Leben und von dort nehmen wir eine neuen Ahnung für heute und in die Zukunft mit. Das verbindet uns.

#EinfachGemeinsamWach

Von 1. Sept bis 4. Okt begehen die christlichen Kirchen eine bewusste „Schöpfungszeit“ und laden damit alle Menschen auf dieser Weltkugel ein,  ihre Lebensgrundlage als „Mitwelt bewusst wahrzunehmen und zu respektieren in ihrer biotischen Grunddynamik, nach der wir Menschen auch leben sollten“. Es ist von uns Menschen eine Entscheidung gefordert, Tag für Tag und Stunde für Stunde. Leben und verstehen wir uns als Teil dieser Natur (Schöpfung) oder benutzen wir sie im Sinne einer „irreversiblen Ausbeutung“. Ich kürze ab. Die erste Frage jedes Menschen ist: Wie kommt mehr Liebe, Compassion, Empathie und Achtsamkeit in die Welt? Und dann kommt in unseren Breiten gleich: Wie geht das Weniger hin zum Wesentlichen? Das wird mit Verzicht konnotiert und der wird in unserer Konsumgesellschaft als gestrig dargestellt und mit Verlust von Lebensqualität angepatzt. Das genaue Gegenteil dürfen wir entdecken, wenn wir den Ballast der Konsumwelt von uns schaufeln, ablegen, nicht mehr anstreben, hinten lassen. Eine ganz neue Lebensqualität zieht ein. Wenn es draußen regnet und kühle Luft gut atmen lässt, dann ist eine gute Zeit, diesen Fragen nachzusinnen. Wir haben dafür auch eine Broschüre entwickelt: „Quellen der Kraft“. Es ist die Einladung und wir wollen Hilfestellungen gegeben, dem geöffneten Leben Raum und Platz zu geben. In einem Video darf ich diese Quellen der Kraft erläutern. Jeder und jede kann kostenlos diese Broschüre bestellen. Nur Mut. Da geht es um die tiefe und weite Spiritualität, die Papst Franziskus in #LaudatoSi angesprochen hat. Es braucht, um eine gute Zukunft für alle zu ermöglichen, den Wechsel vom technokratischen Weltbild hinein in das sozial-ökologisch-spirituelle Welt- und Menschenbild.

Wenn der junge Bundeskanzler Kurz bei Google, im Silikon Valley oder gerade in Singapur auf „Lerntour“ bei den Besten ist, dann ist er in der technokratischen und Mammon orientierten „erfolgreichen“ Welt unterwegs. Das sollten wir wissen. Deshalb sind Laptops in den Schulklassen das Wichtigste. Dabei geht es um Beziehungen, die heilen, um Erfahrungen, die bilden, um Gemeinschaft, die hält, um Fremdes, das bereichert, und Gerechtigkeit, die geht. Also. Geht und nicht verschwindet. Diese Themen sind die Bausteine der Ordenswelt und Ordenskirche, wie wir sie in den letzten 1 1/2 Jahren „bewusst gemacht“ haben. In einem Video-Summary hat meine Kollegin Magdalena Schauer die Grundintentionen festgehalten. Ich darf für mich selber sagen: Diese „Aspekte“ meiner Arbeit haben mich geweitet, vertieft und bewusster gemacht. Dafür bin ich dankbar.

„Bewusste Schöpfungszeit“ heißt nichts anderes, als bewusst in dieser Welt zu stehen, zu gehen, zu leben. Auf Facebook und Twitter melde ich mich in diese Richtung immer wieder zu Wort, weil es wichtig ist, den „Main- und Fake-Stream“ zumindest zu ergänzen durch andere Sichtweisen und Beispiele. Es gibt so viele Menschen – und vor allem junge -, die dieses neue Miteinander auf Basis der biotischen Prinzipien realisieren, leben. Und da gehören auch die Enkelkinder dazu, die uns sicher einmal fragen werden: Was war das damals 2018?

Wenn ich heute aus dem Zugfenster hier in Kärnten hinaus in die Steiermark und weiter nach Oberösterreich schaue, dann habe ich drei Wochen lang in ein und demselben Bett geschlafen. Seit zwei Jahren war das nicht mehr so. Damals war ich auf Kur in Bad Gastein. Jetzt werde ich die Frage – Wo warst du so lange? – ganz ähnlich beantworten: auf Kur in Kärnten. War es vor zwei Jahren die totale „Offline-Kur“, so habe ich diesmal die „Balance“ in den Mittelpunkt gestellt. Mein Ziel war, alle Lebensbereiche wieder genauer auszuloten, dem Körper und Geist, der Seele wieder Platz und Raum zu verschaffen. Als „Vagabund an der Westbahnstrecke“ bin ich viel unterwegs, sitze ich vorwiegend. Als Mensch im sechsten Lebensjahrzehnt hat sich am Rücken schon einiges angesammelt. Ihn wieder ein Stück zu befreien, von innen her in der Feinmuskulatur bewusst zu stärken und durch Bewegung in freier Natur aufzurichten, ist gelungen. Ich weiß: ein Privileg. Deshalb bin ich auch zutiefst dankbar für diese Möglichkeit. Prävention heißt das medizinische Schlagwort. Ich sage allein einfach: Es ist und es tut gut. Für Körper, Geist und Seele. Wichtig ist, die Verantwortung selber zu übernehmen. Alle unterstützen mich, aber ich bleibe verantwortlich, ich bin mit mir der Akteur. Es gibt allerdings hier einige, „die sich selbst einfach zum Service abgegeben haben“. Einer hat sogar wörtlich gemeint: Bin gespannt, ob denen meine Abnehmen gelingt.

Die feinen Übungen

Gerade die verschiedenen Gymnastik-Übungen habe ich geliebt. Diese feinen und unspektakulären Übungen, „die richtig reingehen“. Einen Spannungszustand eine Minute lang halten. Da dauert eine Minute wirklich lang. Nach drei Wochen sehe ich, wie viel Körpergefühl und körperliche Wachheit in mich eingezogen ist. Mir ist natürlich bekannt, dass wir Muskel haben, wo wir sie nie vermutet hätten. Die werden im Alltag sträflich vernachlässigt. Und es tut einfach gut, wieder den „ganzen Körper“ zu beleben. Die Übungen, das Wasser, der Strom, das Moor, der Schall und die „Knetungen“  sind eine Wohltat. Das stundenlange Gehen in den Wäldern und auf Bergkämmen lässt Körper, Geist und Seele zusammenschwingen. Der Alltag wird wieder ganz andere Rahmenbedingungen bringen. Und doch kenne ich jetzt „Erinnerungen“, was wie und wozu förderlich ist.

Im größeren Zusammenhang

Vermutet habe ich, dass mir die Fußball-WM näher kommt. War nicht der Fall. Befürchtet habe ich, dass mich die Politik beschäftigen wird. Ja, sie hat mich wirklich erreicht. Es liegen tiefschwarze Wolken über Österreich. Ich neige nicht zur Aufgeregtheit, aber diese Situation macht mir in Hinblick auf unsere Enkelkinder wirklich Sorgen, die ich auf Twitter auch geteilt habe und teile. Wir stehen in einer Zeit, wo wir uns später – in vielleicht 5, 10, 20 Jahren – die Frage gefallen lassen müssen: Habt ihr das nicht gesehen? Was habt ihr dagegen getan? Deshalb war es für mich als Orientierung nochmals ein besonderer Gewinn, dass ich Laudato si ganz inhaliert, aufgesogen, gegessen habe. Diese Jahrhundertenzyklika von Papst Franziskus und seinen ExpertInnen stellt alles nochmals in einen größeren Zusammenhang. Wenn ich den Film „Papst Franziskus“ dazu nehme, ist die Landkarte am Tisch und der Weg in die Zukunft klar eingezeichnet Richtung „weniger“, „tiefer“, „bewusster“ und „wesentlich“. Es braucht eine neue Wachheit, Einfachheit und Gemeinsamkeit. Es geht um die „tiefen feinen Dimensionen des Lebens, der Gesellschaft, des Leibes“. Die derzeitige Politik ist ein Bizeps-Politik mit polternden Bewegungen. Angst macht sich breit. Das Feine wird gestrichen. Und die tiefe Überzeugung, dass jeder, wirklich jeder Mensch die gleiche Würde hat,  wird heute de facto täglich durch ihr Tun in Frage gestellt. Als Christen wissen wir, dass gerade Im Fremden, im Hilfesuchenden, an den Rändern uns Gott entgegen kommt. Und dann stellt sich in der saturierten Gesellschaft der Leistungsträger die Frage: Will überhaupt jemand „Gott treffen“? Otmar Stütz hat um die Jahrtausendwende in der Diözese Linz einen ganz besonderen Begriff und die dazugehörige Haltung geprägt: „geöffnet“. Genau das wurde ich jetzt in diesen drei Wochen: geöffnet. Und so wie die Feinmuskulatur mit einer Spannung eine Minute lang gestärkt wird, so braucht auch das „geöffnet“ seine Haltephasen. Aber da ist eine Minute zu kurz. Und die Brachialpolitik ist da wirklich zer-störend.

Zwölf Frauen und Männer brechen auf. Elf mit dem Zug von Linz. Eine wartet in Spital am Pyhrn, wo wir um 10.30 Uhr am Bahnhof angekommen starten. Keine große Vorstellungsrunde, obwohl wir einander nicht kennen, sondern nur der Hinweis, dass wir mit einem „mentalen Gummiband“ im Gehen verbunden bleiben, also nicht auseinanderfallen. Niemand hat ein Handy oder Smartphone dabei. Das war ausgemacht. Nur zwei kleine alte Fotoapparate werden äußerst sparsam eingesetzt. Ich selber habe davon gar nichts dabei. Magdalena Holztrattner und ich haben diese Idee ausgeschrieben.  Von Innsbruck bis Wien haben sie die Leute angemeldet. Das Bedürfnis nach Offline ist groß. Auch bei mir. Es liegt in der Luft, dass wir nur dann Balance finden, wenn wir uns konsequente Distanz verschaffen (können). Zumindest zeitweise. Vier Tage in unserem Fall. Das ist unser Experiment. Vorweg: Es ist mehr als gelungen.

Der Benediktweg als Basis

Die Route ist schnell geschildert: Von Spital der Aufstieg bis zum Pyhrgas-Gatterl. Dort erwartet uns auf 1.300 m Schnee. Davon wird es am dritten Tag noch mehr geben. Es geht hinunter Richtung Hall. Wir halten oben noch inne: Atmen ist heute unser Grundimpuls. Atmen und schauen, ganz da sein im Hier und Jetzt. Das Wetter ist wunderschön. Beim Abstieg helfen wir einander durch den Schnee. Wir kommen ins Gespräch, in die Gespräche. Im Tal hinaus bis in das Stift Admont, wo wir um 17 Uhr eintreffen, schwingen wir zusammen. Erzählen, einfach zuhören, schweigen, gehen, Rucksack tragen. P. Ulrich vom Stift empfängt uns, führt uns zum Abendessen und gibt uns im „ZeitRaum der Stille“ die Zimmer. Wir gehen noch zum Teich und genau in diesem Moment geht die Sonne unter. Ein unglaubliches Panorama prägt sich ein, in den Kopf und das Herz, weil wir keine Fotos machen. Ausklang im nahen Gasthaus und wir spüren, dass wir schon zusammengehören. Die Abschlussrunde zeigt schon: Offline gehen geht und tut gut. Müde geht es zum Schlaf. Der erste Tag am Benediktweg liegt hinter uns. Er ist unsere „Wegbasis“ bis zum Ziel in der Abtei Seckau.

Auf und ab und ganz zurück

Das gute Frühstück erwartet uns um 7 Uhr. Wir starten mit unserem Einstieg in den Tagesweg in der Stiftskirche mit dem Gedanken „Mehr und Weniger“. Basis dafür sind die Quellen der Kraft, die ich für jede und jeden mitgenommen habe. Als Background für das, wohin wir uns öffnen, wenn wir nicht in den Online-Verstrickungen gefangen sind. Richtung Kaiserau gehen wir dem Bach entlang, der sich über hunderte Stufen ergießt. Wir haben Schweigen vereinbart. Das tut richtig gut. Atmen, schauen, staunen, bewegen, spüren, was es mehr und was es weniger braucht in meinem Leben. Rolf hat Augenprobleme. Er geht zum Arzt und wir sollen ruhig weitergehen. Das „Gummiband“ ist heute besonders gefordert. Es gibt keine Kommunikation außer „zusammenspüren“. In Trieben finden wir uns wieder. Es geht: Wir sind verbunden auch ohne diese technische Hilfestellung. Vielleicht geht uns dieses Vertrauen verloren, dass wir uns nicht verlieren, obwohl wir nicht digital kommunizieren (können). Im Tal geht es ganz nach hinten bis zur Bergerhube, einem Gasthaus und Landwirtschaft, wo wir um 18 Uhr ankommen. Da ist die Welt zu Ende. Ab hier geht nur mehr bergwärts. Das ist morgen. Die Wirtsleute machen uns ein tolles Abendessen, wir haben eine Menge Spaß, singen miteinander und spüren sehr früh: Das Gehen macht müde. Ab ins Bett. Ohne vorher diese vermeintliche Welt digital gecheckt zu haben.

Die spanneste Etappe

Aufwachen. Sonnenschein. Wettermäßig sind wir Glückskinder. Eine kleine Spannung liegt in der Luft. Wie viel Schnee wird am Kettentörl (1.864m) sein und werden wir es schaffen? Magdalena stellt „Vertrauen und Glauben“ als Impuls in die Mitte. Wie passend. Dann gehen wir. Steil bergauf. Etwa 300 Höhenmeter unter dem Törl dann geschlossene Schneedecke. Es geht. Schritt für Schritt. Manchmal breche ich ein. Es wir immer steiler. Die Schritte langsamer. Der Schnee trägt. Nur manchmal ein Einbruch. Überglücklich sind wir alle da und blicken auf der anderen Seite in das weite Tal hinunter auf den Ingering-See, den wir über Schneefelder, auf einem Lawinenausläufer nach zwei Stunden erreichen. Dann eine späte Mittagsrast in der Sonne, neben der Kapelle in der Wiese liegend. Wir genießen. Einzelne gehen ins Wasser. „Sehr erfrischend.“ Dann der weite Weg hinaus nach Gaal über neun Kilometer am Forstweg und Güterweg. Der Asphalt zehrt an den Kräften. Ein Gasthaus baut uns wieder auf. Nochmals eineinhalb Stunden bis zur Abtei. Nach neun Gehstunden kommen wir um 19 Uhr dort an. Zwei von uns haben entschieden, die letzte Strecke mitzufahren und erwarten uns mit den Zimmerschlüsseln. Frater Benedikt und Pater Johannes, der Prior, erwarten uns in der sie auszeichnenden benediktinischen Gastfreundschaft. Alles ist sauber, hat Geschichte. Das erzählen die Stufen. Ein schöner Ort, wie eine Teilnehmerin meinte. Das Abendessen schmeckt uns. Drei Tage gehen. Über 60 km, über 3.000 Höhenmeter.  Die Abschluss

runde machen wir im Gasthaus neben der Abtei. Wir spüren: Alle genießen es, bei jeder und jedem hat „sich was getan“, berührt von der Ge[h]meinschaft, offline tut gut, so wunderbare Gespräche. Wir übernachten, bekommen noch ein schönes Frühstück, eine kurze Führung durch die Abtei, machen eine Abschlussrunde in der neu renovierten Kirche und werden zum Zug nach Knittelfeld gebracht. Der Heimweg beginnt. Noch schöne Gespräche im Zug und nach und nach „verlieren“ wir uns an den Bahnhöfen mit der Erkenntnis: Offline gehen geht! Persönlich bin ich überzeugt, dass gerade diese zeitweise „brutale Distanzierung zur Onlinewelt“ (Originalton) uns helfen kann, die Wahrnehmung und Prioritäten nicht zu verlieren, der Seele und den Beziehungen wieder Raum zu geben, das Spüren, Riechen, Schmecken und lieben nicht zu verlernen. Und das Singen.

Schriftliches Feedback via online von einzelnen TeilnehmerInnen

Reinhard K.:

„Manchmal springt einem ein Wort, ein Begriff beim Lesen von Emails ins Auge und für Sekunden bleibt MANN hängen – so war es auch bei der Ausschreibung zum „Offline-Pilgern“.

Drei wesentliche Gründe ließen mich nicht zweifeln, dass ich da dabei sein will: erstens die Leitung durch Ferdinand Kaineder als erprobter und langjähriger Pilger und Magdalena Holztrattner, zweitens die Landschaft und drittens der Benedikt-Weg mit den Stationen Stift Admont, Bergerhube und Abtei Seckau. Terminlich passte es auch gut in meine Planungen.

Die Erkenntnisse, nach 3 Tagen „Abstinenz“ von der elektronischen Verbundenheit mit der „ganzen Welt“ sind:

  • Ich habe Zeit zum Schauen.
  • Ich werde bei Gesprächen nicht abgelenkt.
  • Ich brauche keine schnellen Antworten und Entscheidungen treffen.
  • Ich bin einfach mehr bei mir.
  • Ich habe Zeit, um Informationstafeln zu lesen und kann die Landschaft intensiver erkunden.
  • Ich werde von der Gruppe bei „Durststrecken „ mitgetragen.
  • Ich nutze die Strecke, um mit vielen (vorher unbekannten Menschen) ins Gespräch zu kommen.

Am Ende der Pilgerreise gibt es nicht nur gute Bekanntschaften, sondern auch die Gewissheit, körperliche Herausforderungen bewältigt und das Ziel erreicht zu haben.“

Karin W.:

„Es geht, wenn man geht, auch OFFLINE. Gewohnheiten unterbrechen, I oder Smartphone´s zu Hause, keine Nachrichten, kein Blick ob wieder eine Botschaft, ein Anruf eingegangen sind, es gilt für alle in unserer 4tägigen Weg-Gemeinschaft. Wieder zurück mit einem Rucksack voller Erinnerungen mit all den besonderen Momenten der Wegerfahrungen. Kein Handyweckruf dafür Liedrufe und Gesänge von Magdalena, die uns in den Wach- und Aufstehmodus begleiten.

4Tage offline und die Idee es öfter zu wagen aus den Gewohnheiten auszusteigen, die geschenkte Zeit nützen um z.B. wieder einmal einen Brief von Hand geschrieben zu verschicken. Deine Idee vom Offline gehen war gut Ferdinand, offline, aber online in den Begegnungen, den gemeinsamen wunderschönen, manchmal auch mit Mühen verbundenen Tage des Gehens in einer besonderen Landschaft, einem Himmel so blau und die Sonne unsere Wegbegleiterin von früh bis spät.  Das Kettentörl schaffen mit viel Schnee, mühsame Schritte von dir,  um den Weg für alle anderen zu bereiten und immer der Ohrwurm in mir: Geh mit uns, unseren Weg…. Danke fürs offline gehen und fürs online sein mit unseren WeggefährtInnen! OFFLINE gehen, geht!“

Klaus K.:

„Raus aus dem Alltag – rein ins nichts – und doch immer genug.
3 Tage reduziert auf das eigentliche: Das Sein.
Was ist das – das Sein?
Ein Augenblick.
Ein Moment.
Ein Schritt.
Ein Weg.
Mein Körper?
Mein Geist?
Den Körper spüren.
Sich selber durch den Körper spüren.
Alles ist so einzigartig und einmalig.
Respektiere deine Grenzen – stand da auf einmal mitten im Wald…. Ja versuche ich.
Es gelingt nicht immer – aber immer öfter so, dass ich es mir recht machen will, und sonst keinem anderen.
In Dankbarkeit, Geduld und Zufriedenheit bin ich im Jetzt.
Ich bin wieder näher bei mir.
Das möchte ich mir von dieser wunderbaren Reise mitnehmen.
Rein in den Alltag.“

Anna W:

„Offllinegehen ist
– kommunizieren, Gedanken austauschen, Geschichten erzählen und hören, gemeinsame Bilder wahrnehmen und Landschaft im Voll-Frühling genießen – mit den Menschen die DA sind, neben mir und mit mir unterwegs

– selber DA sein wo und wie ich jetzt bin, hören und spüren was gerade in mir ist

– darauf vertrauen, dass ich verbunden bin mit den Lieben daheim und mit der Welt , auch wenn ich keine News, SMS, Whatsapp-Nachrichten oder Telefonate erhalte und führe/sende“

Theresia S:

„Gedanken zum #OfflineGehen: Staunend, schauend, höhrend und fühlend – mit ganzem Herzen im hier und jetzt sein, die wunderschönen Momente einfach in mir aufnehmen, anstatt mit der Digitalkamera Fotos zu machen. Das war eine wertvolle Erfahrung, wenn`s mir, besonders am Beginn, auch schwer gefallen ist. Gemeinsam unterwegs sein, mit lieben Menschen plaudernd, schweigend, lachend, … ohne Ablenkung durch SMS oder WhatsApp- Nachrichten, ohne „muss schnell noch meinen versäumten Anruf beantworten“; das war für mich sehr entspannend. Ich möchte in Zukunft gerne mal einige Tage „offline“ sein und auch andere dazu ermutigen.“

Manuela T.:

„ONLINE sein ist nicht schwer  – zwischendurch mal OFFLINE sein … bereichert aber sehr!
Das ist meine persönliche Erfahrung nach 3 Tagen OFFLINE – Gehen auf mir unbekannten Etappen des Benediktweges in Gemeinschaft einer mir bis dahin unbekannten Gruppe mit 11 weiteren interessierten Frauen und Männern. Ohne Handy und Fotoapparat im Rucksack verspürte ich sehr bald eine Gelassenheit und innere Ruhe, um mich zu orientieren und die vielen Eindrücke mit meinen Sinnen intensiv aufzunehmen, festzuhalten und zu teilen – ohne Ablenkung durch die im Alltag zweifellos nützlichen, aber oft schon unentbehrlich scheinenden Geräte. Eine Motivation für mich, auch in diesem Bereich immer wieder mal inne zu halten und bewusst einfach zu leben. OFFLINE sein ist auch nicht schwer!“

Ich selber sage nur: Danke für die Ohren, die Schritte, die Stimmen, das Singen, das Lachen, das Schweigen, das Mitfühlen und Mitleiden, das Strahlen, die Rücksichten, das gegenseitige Stärken, das Vertrauen, das Mehr und Weniger, das gemeinsame Atmen. Wir waren bei den Quellen der Kraft. Wunderbar, was Offline alles freilegt.

[Danke für die Fotos an Rudi und Reinhard]

Wer möchte nicht auf ein geglücktes Leben zurückschauen? Glück hat viel mit der inneren Haltung zu tun. Da gibt es eingebaute Bremser, die dem Glück bei der Ankunft im Wege stehen. Es sind vor allem Ängste. Vor Zurückweisung, vor Veränderung, vor Liebesentzug oder vor Konflikten. Und genauso sind Eitelkeit und Selbstverliebtheit keine Landebahnen für das persönliche Lebensglück. Wer sich davon befreien kann, sich befreien lassen will, wird „glücksfähig“.

Das ganz Andere stärkt uns

Wir kennen die Beschleuniger hin zum Glück. „Begeisterung“ lässt die Zeit und Anstrengung schwinden, die „Liebe“ löst die Barrieren.Eine bewusste Offenheit auf „Intuition“ lässt Entscheidungen „kommen“. Dahinter stehen Lebenshaltungen und persönliche werte. „Alles ist geliehen“ steht gegen das besitzergreifende Besitzdenken. „Konzentrier die auf den Weg“ lässt dich nicht stehen und Bewegung verändert Perspektiven. „Übernimm Verantwortung“ lässt dich vom Ausredenkarussell springen und die „Opferkiste“ wegräumen. „Sammle und verteile Reichtum“ sind andere Worte für das Teilen und den Primärsinn  für das Gemeinsame. „Achte auf eine ausgeglichene Lebensbilanz“ streicht die Wichtigkeit eines ausbalancierten Lebens hervor. Menschen, die in der Mitte sind, erleben wir als „Glücksbringer“. Von Grantlern und Nörglern wissen wir, dass sie sich als zehrende Bremser herausstellen. „Betrachte alles gleich-gültig“ steht gegen das dauernde Bewerten-Müssen: Gut, schlecht. Teuer, billig. Bringt was, bringt nix. „Einfach ungeschminkt wahrnehmen“ lässt das ganz Andere zu, auf uns zukommen, uns bereichern, stärkt uns.

„Die digitalen Köchlöffel gezielt weglegen“ habe ich 2016 nach meiner dreiwöchigen totalen Digitalabstinenz in Bad Gastein meinen Blogbeitrag getitelt. Es hat einfach gut getan, keinerlei Lebensvollzüge auf Basis eines Algorithmus, eines digitalen Geräts gelebt zu haben. Digitale Distanz ist nicht einfach und hilft doch, die Dinge des Lebens, des Arbeitens und der Lebenszeit in ein gutes, lebensförderliches „Verhältnis“ zu bringen. Nimm Abstand und es geht wieder. Das Gehen, die Bewegung in der Natur hilft, diese Distanz zusammen mit anderen zu wagen. Einfach #offline gehen.

Wir gehen drei Tage lang OHNE jegliches digitales Gerät.  

DO 19. April 2018 bis SO 22 April 2018

TeilnehmerInnen: Max 12 Personen

Für drei Übernachtungen mit Halbpension (F/AE) ist ein Betrag von 190.- EUR bei der Anmeldung einzuzahlen.
Dieses „Experiment“ ist als Prototyp ansonsten „kostenlos“.

Ingering-See

Wie und wo wir gehen?

  • DO 19. April starten wir um 10.30 Uhr am Bahnhof Spital / Pyhrn. Individuelle Anreise mit dem Zug (Linz: 9.14 Uhr, Graz: 7:45 Uhr, Salzburg und Wien via Linz). Durch die Vogelgesang-Klamm über das Pyhrgas-Gatterl (1.308m) geht es hinüber und hinunter in das Ennstal in das Stift Admont, wo wir im Gästehaus übernachten.
  • FR 20. April starten wir von Admont aus durch das Tal hinauf in die Kaiserau und von dort wieder hinunter nach Trieben. Es geht weiter bis ans Ende des Triebentales,  wo wir im Tal im Gasthaus Bergerhube (1.198m) einfach nächtigen.
  • SA 21. April steigen wir auf das Kettentörl (1,864m) und wandern durch die wunderschöne Gegend hinaus – vorbei am malerischen Ingeringsee – bis nach Gaal und vor dort „hinüber“ in die Abtei Seckau zum gemeinsamen Abendessen und Abschluss. Dort nächtigen wir ein letztes Mal. Wir vermissen die „Geräte“ nicht mehr.
  • SO 22. April nach dem Frühstück fährt um 8.24 Uhr der Bus (Ankunft in Wien-Meidling 11.28 Uhr, Linz 12.44 Uhr, Salzburg 13.48 Uhr, Graz 10.33 Uhr).

Das gemeinsame #OfflineGehen wird von Dr.in Magdalena Holztrattner, Direktorin der KSÖ und Mag. Ferdinand Kaineder, Leiter des Medienbüros der Ordensgemeinschaften, begleitet. Das Gehen und die Natur selber sind die besonderen Lehrmeister. Gemeinsam verweilen, kurze Impulse und das gemeinsame Essen und Austauschen werden eine anregende Verbundenheit schaffen. „Quellen der Kraft“ liegen auch in der tiefen und weiten Spiritualität. Dieser Dimension des Lebens wollen wir uns ebenso öffnen. Hier eine Zusammenfassung, was in einen Rucksack gehören könnte.

Wir laden Sie / Dich herzlich ein zu diesem „Prototypen am Benediktweg“.

Magdalena Holztrattner und Ferdinand Kaineder

Anmeldung bis DI 20. Feber 2018: ferdinand.kaineder[at]gmail.com oder +43 699 1503 2847 (@fkaineder)

Ein Bericht in den Salzburger Nachrichten vom 15. Feber 2018.

Vorschau: 

Von DO 6. Sept bis SO 9. Sept 2018 ist ein #OfflineGehen im Mühlviertel am Johannesweg geplant. Voranmeldungen möglich.

Jetzt ist es soweit. Alles ist abgeklärt. Assisi, wir kommen. Schon über längere Zeit wurde ich immer wieder „gedrängt“, doch den Assisiweg (Franzsikusweg) mit einer Gruppe von Weltanschauen zu gehen. Jetzt freue ich mich schon darauf, dass es von 27. Sept bis 7. Okt 2018 soweit ist.

Das Franziskusfest am 4. Okt

Für mich selber wird es, obwohl ich doch schon einige Male in Assisi war, auch eine Premiere geben. Wir werden zu Fuß von Valfabbrica kommend genau am Franziskustag in Assisi ankommen. Das wird wahrscheinlich ein Getümmel sein, aber nach dem Gehen werden wir das nicht nur gut aushalten, sondern offen sein für die Freude, die in der Luft liegen wird. Dann wird noch genügend Zeit sein, diese Friedensstadt der hl. Klara und des hl. Franziskus genauer unter die Füsse zu nehmen. Ich mache es kurz: Hier ist das genaue Programm mit allen Details. Weil heute schon wer aus Regensburg angerufen hat, hier auch die Seite über das Rucksack-Packen.
You are welcome!

PS: Am DO 11. Jänner 2018 um 18 Uhr werde ich in Wien im Quo Vadis meinen Vortrag mit Bildern über meine Lebensweisheiten aus dem Weitgehen und Pilgern halten: „Pilgern befreit“.

Eigentlich sollte ich viel mehr zu Fuß unterwegs sein. Aber es geht sich dann doch nicht so einfach aus, weite Wege zu gehen. Beruf und Aufgabe brauchen mich und will da sein. Heute haben wir #AufbruchBewegt präsentiert.

Froh bin ich, dass ich in meinem Leben schon öfter weite Strecken gegangen bin. Das heißt konkret: länger als 21 Tage am Stück. Daraus ziehe ich meine Erkenntnisse. Mit Christine Dittelbacher durfte ich mich über unsere Erfahrungen unterhalten, reden, austauschen, ergänzen und meine Kollegin Magdalena Schauer hat uns mit der Video-Kamera „verfolgt“. Hier unsere Erfahrungen und Erkenntnisse.

 

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