Das Navi im Hirn und im Herzen

kal2„Navi-Zellen im Gehirn entdeckt: So funktioniert das GPS-System im Kopf.“ So titeln unisono fast alle Medien in diesem Tagen zur Verleihung des Medizin-Nobelpreises an das norwegische Ehepaar May-Britt und Edvard Moser sowie John O’Keefe aus Großbritannien. Sie haben die grundlegenden Strukturen unseres Orientierungssinns im Gehirn entdeckt. Jetzt wissen wir die Antworten auf so wesentliche Fragen wie: Wieso finden wir jeden Tag den Weg ins Büro? Warum können wir uns sogar in einer fremden Stadt orientieren? Wie finden wir den Weg beim Pilgern auch ohne viel Markierung? Eben: Weil in unserem Hirn eine Art Navi existiert. Noch. Ich habe das in vielen Gesprächen und hier auf meinem Blog thematisiert, dass das äußere Navi im Auto oder in der Hand genau das innere Navi im Gehirn „vernichtet“. Die Technik ersetzt also die Navi-Zellen im Gehirn. Die Orientierung ist dahin. Ich ermutige direkt „missionarisch“, immer öfter und immer mehr auf diese technischen Geräte zu verzichten. wir brauchen sie nicht immer. Gestern bin ich mit einem Taxilenker in Salzburg in die Friedensstraße gefahren. Er hat – angesprochen auf das Navi – gemeint: Das liegt hier drinnen im Handschuhfach. Sein Finger zeigt auf den Kopf: Hier ist mein Navi. Er kommt aus Afrika und fährt seit drei Jahren Taxi. Er hat es verstanden. Er kennt seine Navi-Zellen und hält sie fit.

Wird nach dem Navi im Herzen auch gesucht?

kal1Was ist aber mit der Lebensorientierung? Wie geht das mit allgemeinen Entscheidungen im Leben? Mir kommt manchmal vor, dass hier auch auf „äußere Navigation“ gesetzt wird. Da gibt es Tests, ob ich „zusammenpasse“ mit dem Partner, der Partnerin. Ob etwas gut oder schlecht ist, entscheidet die Anzahl der „Klicks“ auf Youtube. Der Job muss toll sein, wenn so viel Geld dabei herausspringt. Da gäbe es eine ganze Liste anzuführen, worauf sich Menschen heute verlassen, wenn sie entscheiden. Ich durfte dieser Tage einen Nachmittag lang mit Gerlinde Kaltenbrunner über „Mehr die eigene Berufung leben“ sprechen. Sr. Anna und Br. Rudolf waren ebenfalls Gesprächspartner. Was mich sehr berührt hat, war der unglaubliche „Zug“ der Bergsteigerin in die Stille, in die Tiefe, hin zum Selbst, zur Intuition, zum Bauchgefühl. „Ganz tief in sich hineinspüren und der Intuition folgen.“ Das Bauchgefühl und die Intuition sind sozusagen der Herzens-Kompass, das Herzens-Navi für die Orientierung im Leben. Ich höre Gerlinde heute noch sagen: „Das Um und Auf ist, dass man ganz tief in sich hineingeht und spürt, was möchte ich, was ist für mich das Richtige. Es braucht Zeit, um Stille einkehren zu lassen und alles auszuschalten, was mich daran hindert, meine Intuition zu hören. Ich gehe immer voll in die Stille, wenn Entscheidungen anstehen.“ Alles ausschalten, was mich hindert, die Intuition zu hören, zu spüren. Irgendwie fände ich es lustig, wenn diese Intuition, dieses Bauchgefühl auch einmal „entdeckt“ und dafür der Nobelpreis vergeben würde.

 

Die Ja-Sager sind die Totengräber

wolf120. Stock. Eine tolle Sicht auf Wien. Die Abendsonne wärmt den Raum. Wirtschafts- und speziell Bankleute hören den obersten Benediktiner Abtprimas Notger Wolf. Die Benedikt-Regel in der Wirtschaft. Ich selber bin gespannt, wie direkt er Ordensmann die Dinge beim Namen nennt. Ich entscheide mich zu twittern. 144 Zeichen sind nicht viel und doch höre ich ein paar Aussagen, die in diesem Raum vielleicht nicht so oft fallen.

Veränderung noch nicht wirklich wahrgenommen

„Haben Veränderung noch nicht wirklich wahrgenommen“, tippe ich ein. Wolf spricht von der digitalen Welt und erzählt von Menschen, die nur mehr ins  Navi schauen und keinen Überblick mehr haben. Der Hirnforscher Prof. Singer hat uns das eindringlich erklärt, dass bei Navi-Nutzern der Orientierungssinn gelöscht wird. Das scheint mir in der Wirtschaft heute auch der Fall zu sein. Der dauernde Blick in die „Excel-Listen“ löscht den Überblick, den Gesamtzusammenhang, die Welt davor und dahinter und danach. Es geht nur mehr um Zahlen, um Gewinn. Deshalb spricht Wolf von einer sinnvollen Tätigkeit, die jeder Mönch (und er meint hier jeden Menschen) braucht. Und Sinn macht es, wenn meine Tätigkeit in einem gut sichtbaren und erlebbaren Ganzen eingebunden ist. Genau davon wird der Mensch heute durch die digitalen Möglichkeiten abgeschnitten.

Ja-Sager

wolf2„Die Ja-Sager sind die Totengräber. Es braucht Atmosphäre der Kommunikation, Transparenz und keine Manipulation. #Führung #Offenheit“. Das ist mein Tweet. Es fallen mir zwei Sätze ein, die ich in letzter Zeit immer wieder höre: „Wer in der Erbsensuppe schwimmt, glaubt, die Welt ist grün.“ Und noch viel anschaulicher ist diese Wahrnehmung. Die englische Königin glaubt, dass England frisch gestrichen ist. Wenn sie kommt, riecht immer alles frisch gestrichen. Die Eliten heute leiden unter der eingeschränkten Wahrnehmung. Die Membran zum Volk hin ist der Distanzhalter. Die Bischöfe glauben ja auch, dass die Kirchen voll sind. Immer, wenn sie da sind, sind sie voll. Wolf schildert sehr eindringlich, dass es für einen Abt wichtig ist, den Kritikern und vor allem den Jungen genau zuzuhören. Und meine Tweets schauen so aus: „Querdenkern Platz geben. #Führung .@ordensgem_at Oft gibt Gott den Jüngeren die guten Ideen. Neue Denke anhören.“ Dann redet Wolf in Richtung der Führungskräfte im Raum: „#Führung muss der erste Störenfried einer Organisation sein gegen den Stillstand.“ Ich gehe als Nachlese zum Klavierkonzert von Sr. Joanna mit Texten von Willi Bruners in das Quo Vadis. Dort höre ich einen Text über die „Liturgie der freien Rede“und von der „Demut der Fragen gegen die Sicherheit der Behauptung“.

 

 

Synode, Sex, Rom und die Ehe

pr3Asterix hat einmal gemeint. „Ich habe nichts gegen Fremde, aber der Fremde da ist nicht von uns.“ Diesen Satz habe ich in Irland gehört. Er drückt eine innere und äußere Spannung aus. Etwas, was wir nicht kennen, ist uns fremd und doch ist es reizvoll, das Fremde irgendwie kennenzulernen, in Kontakt, ja in Berührung zu kommen. In Irland habe ich gehört, dass die katholische Kirche bis heute nicht über die schlimmen Missbrauchsfälle „drüber“ ist. Stopp: Es muss viel mehr „durch“ heißen. Das Thema „Sexualität, Beziehung und Vertrauen“ wurde nachhaltig zerstört. Es fällt den Menschen und darunter den KatholikInnen heute sehr schwer, „dieser Institution und ihren Normen zu glauben, sich an ihr zu orientieren“. Ich muss hier nicht meine 84-jährige Mutter zitieren, wenn sie erzählt, was sie früher „von der Kirche“ über Ehe und Sexualität gehört ha. Es hat lange gebraucht, bis sich Menschen von solchen rigiden und prüden Detail verliebten Vorschriften bzw Verboten gelöst und befreit haben. Sie selber hat sich immer gewundert, „wie das mit dem Evangelium und den kirchlichen Vorschriften zusammengeht“. Das fragen sich bis heute viele Menschen, die die Werte hinter den Vorschriften nicht erkennen können. Das Gesetz und die Institution verstellen die Liebe, die Warmherzigkeit, die liebevolle Treue.

Es ist nicht gut für dich

pr1Der Leitartikel vom 28. 9. 2014 im „Der Sonntag“ will eine Brücke zur Synode nach Rom bauen: Wie ist der Weg zum Heil? Leider habe ich ihn bis heute nicht online gefunden. Dort heißt es zum Thema wiederverheiratet Geschiedene: „Die Kirche tut sich noch schwer, darüber ohne Polemik zu diskutieren. Was die Sache so schwierig macht, wird schon an der Grundfrage deutlich: Ist es prinzipiell gut für mich, eine neue Partnerschaft einzugehen, wenn meine Ehe „gescheitert“ ist? Die Kirche sagt: Es ist nicht gut für dich.“ Und dann weiter mit Christus, der die Unauflöslichkeit in den Raum gesetzt hat. Und mir begegnet immer wieder die Geschichte mit der Ehebrecherin, der Jesus auf Augenhöhe begegnet: Wer ohne Sünde ist, werfe den Stein. Da trifft das „kristalline“ Prinzip das „fluide“. Aber was heißt der Satz: Die Kirche sagt, es ist nicht gut für dich? Wieder einmal sagt die Kirche, was gut und was schlecht ist für mich. Schürt das schlechte Gewissen von oben herab mit dem Beil aus Gesetz und Norm. Und wer Gesetz und Norm „verflüssigt“, der wir natürlich der Beliebigkeit bezichtigt. Das widerspricht mir zutiefst. Aber die Lebenswelt, der Kontext, in dem Menschen im „Gelingen, Suchen und Scheitern“ leben, kann nicht einfach von oben herab für „gut oder schlecht“ beurteilt werden. Die Frage – „Wie kommt mehr Liebe,  Zuwendung, Empathie in die Welt?“ – sollten die Synodenteilnehmer (es sind fast nur Männer) ganz oben aufhängen.

Noch nicht begegnet

pr2„Glaubst du, dass das noch irgendjemanden interessiert, was die Römer zur Ehe und Sexualität sagen?“ Eine Frage, die ich weniger in der Sakristei als auf kirchenferneren Plätzen höre. Dabei stünde es der Kirche (vor allem in der Hierarchie ganz oben) gut an, einfach einmal hinzuhören, ganz Ohr zu sein und selbst mit Respekt vor der einzelnen Entscheidung auf Augenhöhe die Nähe Gottes zu suchen. Scheitern liegt ganz nahe bei Gott – und beim Menschen. Der Karfreitag bezeugt das. Die Hoffnung hält uns wach, macht uns „flüssig“, das Fremde oder Überraschende zugänglich, als bereichernd zu erleben. Ich finde es einen Fortschritt, wenn Menschen heute getrennte Wege gehen, dass sie sich nicht mehr bekriegen, sondern einen guten und gemeinsam Weg in die Zukunft gestalten. Es versuchen. Oft auch um der Kinder willen. In meinen Umgebungen nehme ich das so wahr. „Wenn es der Kirche nicht gelingt, von der Ebene der Institution, der Norm und der Gesetze auf die Ebene der Werte und der Person zu kommen, sehe ich schwarz.“ Das ist nicht nur eine Frage der Kommunikation. Dieser Papst ist ein unglaublich kraftvoller und integrativer Kommunikator, mit bildreicher Sprache und Geschichten, die für das Wesentliche sensibilisieren. Jesuanisch. Er handelt fluid. So trifft in Rom derzeit Wasser auf Fels. „Ein Fremder ist ein Freund, dem ich noch nicht begegnet bin.“
Vielleicht ist die Sexualität die Fremde, die der Synode begegnen wird. Es mag auch sein, dass das der „fremde Teil“ in der ganzen Angelegenheit ist.

 

 

Der Ort, an dem wir recht haben

Vorderstoder

Stodertal

Es fährt sich so dahin zum Berggehen. Ö1 läuft im Radio. Du holde Kunst ist angesagt und hörbar. Zwischen der Musik dieses Gedicht von Jehuda Amichai, „Zeit. Gedichte“: 

Der Ort, an dem wir recht haben

An dem Ort, an dem wir recht haben, werden niemals Blumen wachsen im Frühjahr.
Der Ort, an dem wir recht haben, ist zertrampelt und hart wie ein Hof.
Zweifel und Liebe aber lockern die Welt auf wie ein Maulwurf, ein Pflug.
Und ein Flüstern wir hörbar an dem Ort, wo das Haus stand, das zerstört wurde.

Danke Ö1. Das berührt mich zutiefst an diesem bunten und vielfarbigen Herbsttag.

Lebe ich oder werde ich gelebt

IMG_3866Da fallen einem so Bücher in die Hand, weil andere an einen denken und meinen, es passt zu mir. Der Geburtstag hat mir das Büchlein „Regelrecht verrrückt“ in die Hände gespült. Danke. Es geht um die Benediktsregel für Optimisten. Das war der Link für den Schenker, weil er mich kennt. Orden, Regel, Optimist. Stimmig.

Das Kapitel „Zeit“

„Immer weiter, immer schneller, immer hektischer – man hat weder Ruhe noch Gelegenheit, in sich hineinzuhören.“  So beginnt das Kapitel getitelt mit „Zeit“. Der Alltag wird als laut beschrieben. Das Wort hektisch kommt vor und ich mag es nicht. Die innere Stimme wird angesprochen, gelassen werden und die Uhr einmal nicht brauchen. Die Sehnsucht heute. Das stimmt alles. Und dann bin ich geneigt, hier lange zu zitieren: „Wo aber findet der Mensch Orte, an denen er zur Ruhe kommen und sich dem Zeitdruck entziehen kann? Für stressgeplagte, termingehetzte Frauen und Männer scheint es unvorstellbar, sich für einige Tage in ein Kloster zurückzuziehen, um intensiv zu spüren, zu erspüren: lebe ich oder werde ich gelebt?“ Dann wird das Klischee geschildert, das viele abschreckt: Hinter Klostermauern hausen Menschen, die allem Weltlichen entsagt haben und völlig vergeistigt sind. Wer sich dann doch auf das Abenteuer Kloster einlässt, ist keinesfalls verrückt, sondern rückt vielmehr in eine besondere Atmosphäre ein.

Das Diktat der Zeit

IMG_3865„Vielleicht rümpfen manche die Nase: Ist ein solcher Ausstieg nicht gefährlich? Kann das einen Karriereschaden anrichten? Tage ohne Terminkalender, ohne Handy, ohne Computer und Internet, Stunden ohne das Diktat der Zeit? Im Kloster scheinen die Uhren anders zu ticken. Für manche klösterlichen Gast fällt es wie Schuppen von den Augen: Mönche und Nonnen verschenken Zeit an andere, wenn sie stundenlang singen und beten. Sie teilen Zeit, wenn sie mit Gästen reden, ihnen zuhören, offen für ihre Anliegen.“ Es geht weiter, dass auch in den Klöstern Uhren sind. Die Zeit hat dort aber eine andere Qualität. „Sie wird nicht vertrödelt, nicht totgeschlagen, sondern diszipliniert und verantwortungsvoll genutzt.“ Der Rhythmus der Zeit von Arbeit, Lesen und Gebet gibt eine neu Qualität. Da wird es leichter zu leben anstatt gelebt zu werden. Da besteht die Chance, das zu hören, was in einem drinnen steckt.

Du hast es in dir

Foto: Katrin Bruder

Foto: Katrin Bruder

Ich lege das Buch zur Seite. Die Zeit schreitet dahin. Um 21 Uhr beginnt der Film: „Madame Mallory und der Duft von Curry“ am Fleischmarkt. Eine wunderbare Geschichte einer indischen Familie, die in Frankreich „landet“. Der Sohn ein wunderbarer Koch. Es geht um Sterne. Um Konkurrenz und Annäherung. In jedem Fall hört der junge Koch von seiner Meisterin nach dem Verkosten des Omlett’s: „Du hast es in dir.“ Gemeint hat sie das Gespür für das Kochen, für einen Meister im Kochen. Wem wird das heute zugesagt: Du hast es in dir. Lebe das aus, was in dir steckt. Interessant am Film auch, dass der begnadete Koch alte Rezepte neu würzt. Er kommt aus Indien. „Sie können doch nicht einfach ein 200 Jahre altes Rezept verändern.“ Darauf sagt er aus sich heraus: „Vielleicht sind 200 Jahre schon genug.“ Da bin ich wieder bei den Regeln der Orden, bei den Ritualen, den „jahrhunderte alten Rezepten“, den Gewohnheiten. Es geht nicht um die Veränderung, sondern darum, ob das herauskommen darf, was in den Menschen heute drinnen steckt. Die tiefe Berufung. Im Film war es der Koch. Im Buch bin ich noch nicht ganz fertig. Im JAHR DER ORDEN wird es irgendwie auch darum gehen. Neues und Altes neu abschmecken.

Der Urlaub verneigt sich und geht

In Irland

Es stimmt. Wer länger als drei Wochen Abstand zur Arbeit genommen hat, dem wird ganz leise die Freude an der Arbeit aufsteigen. Es erwacht die Sehnsucht, wieder einen Beitrag für das Ganze aus dem eigenen Aufgabengebiet zu gestalten. So spüre ich es heute. Ich kann mich noch gut erinnern, als wir im Dompfarrhof sozusagen in der „Dompfarrhoffamilie“ in Linz gelebt und gewohnt haben, die Kinder klein waren und der damalige Dompfarrer Johann Bergsmann am Abend noch in unsere Wohnung gekommen ist, einen schönen Urlaub und Erholung gewünscht hat mit den Worten: „So und jetzt will ich euch drei Wochen nicht sehen.“

Drei Wochen Abstand geht nicht

Bauernarbeit

Bauernarbeit

Wir waren dann wirklich drei Wochen „Pfarrhof abstinent“. Das hat unglaublich gut getan. Die erste Woche war einfach Müdigkeit. Die zweite Woche war Erwachen. Die dritte Woche war Ideen, Sehnsucht nach Daheim, gute Gedanken an Menschen, die wir das ganze Jahr über begleiten durften, die mit uns Pfarrleben in der bunten Vielfalt mitgestaltet haben. Der Abstand, die Distanz ist eine Kunst. Der Dompfarrer hat sie uns übrigens vorgelebt. Er war dann auch drei Wochen weg und hat uns alle Schlüssel und die Verantwortung übertragen. Ein unglaubliches Vertrauen. Nach einem Assisi-Vortrag ist ein Firmeninhaber zu mir gekommen und hat gemeint: „Ich kann mir keine 4 Wochen Zeit freischaufeln so wie du.“ Angeblich habe ich zu ihm recht spontan gesagt: „Und was ist, wenn du stirbst. Dann fehlst du mehr als 4 Wochen.“ Das hat diesen Mann so „aufgewühlt“, dass er ein Jahr später 4 Wochen zu Fuß nach Assisi gegangen ist. Von dort hat er mich angerufen, mir diese Begebenheit erzählt, an die ich mich im Detail gar nicht mehr erinnern konnte.

Jonas ist da

Jonas ist da

„Ich habe Abstand genommen und bin jetzt nach 4 Wochen da, in Assisi.“ Großartig. Distanz und Abstand geht, wenn man selber will. Und das ist heute – im digitalisierten Zeitalter – der Hacken. Will ich überhaupt Distanz? Geht nicht Wichtiges vorüber, ohne dass es mich erreicht? Geht Leben überhaupt ohne Arbeit? Noch dazu, wo die Arbeit Freude und Sinn macht? Lassen die Firmen Menschen überhaupt „aus“? Die digitale Leine scheint allgegenwärtig.

Smartphone als verführerische Brücke

Ich gestehe. Es ist mir damals – es war noch die vor-digitale Zeit – leichter gefallen, Abstand zu gewinnen und zu halten. Heute geht überall und immer ein Gerät mit, das nicht nur telefonieren kann, sondern auch fotografiert, Emails anzeigt, Informationen bereit hält und die „soziale Brücke“ darstellt zur digitalisierten Realität und Beziehungswelt. Der ganz normale Alltag eines Kommunikations- und Medienmenschen geht mit. Ich habe heuer einige Funktionen des Smartphones vermehrt ausprobiert. Abschalten.

In der Natur

In der Natur

Flugmodus. Gerät alleine lassen. Es geht noch nicht wirklich gut. Vielleicht hat mich bisher noch keiner so radikal angesprochen und gemeint: Was ist, wenn du gestorben bist, dann hat das Smartphone auch niemanden. Stimmt. Im nächsten Jahr werde ich meinem Smartphone drei Wochen Urlaub geben. Ich werde mich bei ihm verabschieden und sagen: „So und jetzt haben wir drei Wochen nichts miteinander zu tun.“ Ich bin gespannt, ob das Gerät es genießen wird. In jedem Fall habe ich heuer schon geübt. Mit mehr oder weniger „Erfolg“ und Distanz. Der Urlaub verneigt sich und geht.

 

 

Wer nichts sieht, hört vielleicht besser

Kinderklangwolke

Kinderklangwolke

Bernhard Lichtenberger schreibt in den OÖN über einen süffisanten LIVA-Chef und einen grollenden Maestro. Grund: Ein bildloser Klang bei der klassischen Linzer Klangwolke. Das Konzert wurde heuer nicht wie seit 2005 üblich via Video-Leinwände in den Donaupark übertragen. Spargründe waren ausschlaggebend. Scheingründe wurden inszeniert. Das notwendige Umdenken wurde leider nicht thematisiert.

Weniger Leinwände stärken Hörvermögen und Phantasie

2_kiklaWer schon einmal mit dem blinden Andy Holzer zusammen war, ist wahrscheinlich auch von seinem Hörvermögen fasziniert gewesen. Es hat fast den Anschein, dass die Ohren die Aufgabe der Augen übernommen haben. In unserer Gesellschaft ist es genau umgekehrt. Da werden mit großflächigen Bildern, mit allgegenwärtigen Video-Leinwänden die Augen zugeschüttet, dass selbst die Ohren und alle anderen Sinne unfähig werden. In jedem Gastlokal hängt schon ein Flatscreen mit irgendwelchen Sport- oder News-Sendungen. Das Auge will angezogen werden. Es wundert mich des öfteren, dass Restaurants von ihrem Essen ablenken. Oder ist es das Essen nicht wert, sich darauf zu konzentrieren? Das Auge ist am anfälligsten für die „Verführungen von außen“. Das Ohr ist jenes Sinnesorgan, das der Mensch als erstes bekommt (schon im Mutterleib) und das Gehör ist das letzte, was aus einem sterbenden Menschen hinausgeht. Das Ohr und das Hören ist etwas ganz intimes, tief gehendes. Darum ist Radio intimer. Das Auge sieht die Oberfläche, das Außenbild. Ich bin ganz fest überzeugt, dass die fehlenden Leinwände (aus welchem Grund auch immer) eine große Chance sind, vom viel mehr Oberfläche hin zu viel mehr innerem Hören und Erleben zu kommen. Auch wenn alle Welt derzeit visualisiert, so ist es nicht der Weg in die Zukunft. Wer die Augen schließt und die Musik ganz in sich aufnimmt, erlebt wahrscheinlich den höchsten Genuss und das weite Feld der Phantasie. Also: Nicht viel mehr sondern wesentlich weniger wird die Zukunft bringen.

Einfacher und konzentrierter

Alle Mitwirkenden

Alle Mitwirkenden

Die Kinderklangwolke, die ich selber miterleben durfte, war ein sehr schönes Beispiel, worum es geht. Ein Zirkusdirektor, die wunderbaren Stimmen des LALA-Vokalensembles und Kinder, die tanzen, singen, malen zu den einfachen Melodien alter Kinderlieder – neu und kreativ präsentiert. Die Bühne war voller Begeisterung und die ist herüber gesprungen. Ich hatte verschiedene Kinder auf meiner Schulter sitzen und alle haben irgendwie mitgewippt oder mitgesungen. Keine Leinwand, sondern ein analoges „zusammensehen und -hören“. Keine besondere Technik. Es braucht heute viel mehr Einfachheit und wesentlich weniger „technisch dislozierte Visualität“, visuelle Wahrnehmung. Der Mensch ist bequem geworden. Der Fernseher arbeitet täglich daran. Frage eine/n ZuhörerIn, was gesagt wurde. Die Antwort ist meist: Das weiß ich nicht mehr, aber schön hat er gesprochen. Das nutzen auch Politiker. Auch sie werden von großen Leinwänden begleitet. Es ist dann nicht mehr so wichtig, was man sagt sondern wie. In New Orleans hat jede Kirche (aller Testimonien) eine große Leinwand vorne angebracht gehabt. Die Bilder haben mich fast „erschlagen“. Vielleicht war es auch das Ziel: visuelle Abhängigkeit. Bei unserem Themenschwerpunkt höre ich gerade von den externen GesprächspartnerInnen, dass es heute „viel mehr Stille braucht“. In Salzburg haben wir beim Gespräch im Zoo lange über die rasant zunehmende „Lichtverschmutzung“ gesprochen. Finsternis, Stille stärkt das Hinhören, das Hören, das Hineinhören. Herr Hans.Joachim Frey, Herr Dennis Russel Davies: Die Leinwand hat für alle jene nicht gefehlt, die Musik hören wollten. Wer Ohren hat, der hörte die wunderbare Musik. Oft sind Engpässe der Anstoß für Neues, für die Konzentration auf das Notwendige. Insofern könnte das ein Fortschritt sein.

 

 

Weltanschauen und pilgern am Dingle Way in Irland

1_Irland„Urlaubsfeeling auf Knopfdruck“ lese ich auf dem Plakat einer Fluggesellschaft dieser Tage auf der Freyung. „Reisen statt fliegen“ stand auf der Innenseite der Taschen von „Gleisnost“ für die verschiedenen Tickets am Weg nach Irland. Welt der Frau hat eine LeserInnen-Reise ausgeschrieben und wir von Weltanschauen haben sie umgesetzt. 12 Tage waren wir 30 gemeinsam unterwegs: zu Fuß, mit Zug, Fähre oder Bus. Bewusst nicht mit Auto oder Flieger.  Annähern, erleben und bewegen.  Nähe und Distanz sind für jede und jedem im Leben eine besondere Kunst.  Wenn ich diese Rückmeldung lese, dann scheint es uns wirklich gelungen zu sein , ein tieferes Erleben „einzufädeln und zu ermöglichen“.

Unterschiede machen das Gemeinsame interessant

In Paris

In Paris

Daniela, eine Teilnehmerin schreibt an Weltanschauen: „Es war eine der interessantesten und auf jeden Fall die erweiterndste Reise, die ich je gemacht habe. Vielleicht war die Anreise strapaziös, obwohl ich es persönlich nicht so empfunden habe, aber gerade diese Art der Anreise bot auch viele Vorteile. So ergab sich die Möglichkeit, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kennenlernten, dass man sich austauschen konnte – eine erste Annäherung. Von Anfang an passte dieses Gemeinsam. Es war nicht, weil die Gruppe homogen war. Natürlich gab es Komponenten, die uns von vornherein verbanden, vorab die sich auf diese Art des Reisens überhaupt einzulassen, doch gerade die Unterschiede machten es aus und interessant. Es war eine Atmosphäre der Offenheit und Toleranz, der Hilfsbereitschaft und des Miteinander – und das sind Dinge, die man nicht organisieren kann, sondern die einfach geschehen. Die Organisation selbst war tadellos – und die zwei, drei Problemchen, nun, die wurden behoben und spielten eigentlich keine Rolle.

Gallarus Oratorium

Gallarus Oratorium

Es stand eindeutig das Positve im Vordergrund. So wie das Ankommen in Cloughane (ich hoffe, ich habe es jetzt richtig geschrieben), wo die Dame des Hauses sofort sämtliche Heizkörper für uns aufdrehte um die nassen Sachen zu trocknen und den müden Wanderern Tee und Kaffe aufwartete. Hier auch gleich ein großes Kompliment an Ferdinand und Gerlinde, die uns so toll durch die Reise leiteten. Es war – aus meiner Sicht – eine perfekte Abstimmung.“ Das freut uns Guides, Reisebegleiter, wenn Urlaubszeit nährend und anregend erlebt wird. Es geht nicht auf Knopfdruck. Es ist ein „Einlassen“ auf dieses Unterwegssein.

Verschiedene Reisemittel bringen uns weiter

Vom Mount Brandon

Vom Mount Brandon

Maria aus Vorarlberg stösst in Stuttgart am Bahnsteig des TGV  zu uns. Wir sind komplett. Ab 5 Uhr früh sind die Ersten unterwegs von Wien kommend. Die Gruppe setzt sich aus 8 Bundesländern zusammen. Mit 314 km/h trägt uns der TGV nach Paris. Dort checken wir ins Hotel ein und begeben uns auf einen Stadtrundgang. Das tun wir mit der lokalen Reisebegleiterin – auch am nächsten Tag, bevor wir nach Cherbourg aufbrechen. Ungestühm betreten wir das Fährengelände und werden von der Polizei „eingefangen“ hin zum CheckIn. Es macht Spass zu gehen. Mit der Fähre geht es auf „stürmischer“ See nach Rosslare, mehr oder weniger schlafend in den Kajüten.  In Rosslare haben wir festen Boden unter den Füssen. Alle sind (wieder) wohlauf. Der Bus bringt uns ab Mittag quer durch den Süden Irlands nach Tralee, dem Grand Hotel. Morgen wird es mit den Füssen weitergehen, nachdem uns derselbe Bus nach Ventry – zum Startpunkt des Pilgerweges „Cosan na Naomh“ – gebracht hat. Gehen. Bewegung. Rucksäcke in unterschiedlicher Schwere begleiten uns 5 Stunden am Pilgerweg hinüber nach Ballydavid. Im Gallarus Oratorium singen wir einen Kanon. Wir stimmen zusammen. Ein wirklicher Kraftplatz. Die Unterkunft „Tabbairne ui Chonchuir“ ist jetzt einfach geworden, das Essen dafür umso besser. Christiana aus Tirol hat auch eine gute Hand für Massage.

Der Gipfel wird erreicht

Am Gipfel

Am Gipfel

Der Mount Brandon mit 963 m Höhe (klingt nicht viel, aber wir starten bei Null – also 1.000 Höhenmeter) ist der Pilgerberg in Dingle. Auf ihm wollen wir „hinübergehen“. Das ist der Wunsch. Zuvor gehen wir am zweiten Tag 8 Stunden am Dingle-Way auf 700 Höhenmeter in den Norden nach Cloughan. 6 Stunden hat es davon geregnet. Wirklich geregnet. Wir sind in Irland. Wir wurden (siehe oben) wunderbar enpfangen. Am nächsten Tag besteigen wir gemeinam den heiligen Berg. Wir sind glücklich, oben zu sein, die Aussicht zu genießen und einige sagen: Ich war noch nie auf einem solchen Berg. Abends kommen wir nach 8 Stunden sehr gut müde in unserer Unterkunft an. Geschafft. In allen Schattierungen. Ab morgen gehen wir drei Tage lang den Dingle-Way. Den 403 m hohen Cruach Mhartain besteigen wir wild, durch blühende Erika. Die Aussicht ist wieder phänomenal und die Strapazzen sind vergessen.

Wild bestiegen

Wild bestiegen

Dunquin und das Blasket-Center erwarten uns. Morgen gehen wir von hier bis Dingle, dem Städtchen, das der Halbinsel den Namen gibt. Oder umgekehrt. 5 Tage gehen und davon 32 Stunden wirklich auf den Füssen. Wir genießen im ****-Hotel das Abendessen, die Abendsonne und die Schlafkissen. Bevor wir in den Bus nach Dublin steigen, stehen wir im Kreis in der Wiese am Strand, in der Morgensonne. Die Füsse haben 5 Tage gebetet und in uns ist tiefe Dankbarkeit aufgestiegen. Das drücken wir gemeinsam aus.

Die Stadt und die Rückfahrt

Kevin Kreuz

Kevin Kreuz

Glandalough nehmen wir bei unserer Fahrt nach Bray bei Dublin mit. Der hl. Kevin erscheint mir ganz neu. Er hat lange vor Franziskus das gelebt, was Heilige fast immer leben, wenn sie von unten kommen: Naturverbundenheit, Rückzug, empatische Gottes- und Menschenbeziehung, Gemeinschaftsstifter. Das ist weit nicht alles. 1685 hat Heinrich VIII alle Orden verboten. Wir stehen deshalb vor einem Steinehaufen, der allerdings unglaublich viel Enerige ausstrahlt. Um 6 Uhr füh brechen wir etwa 150 Höhemeter zum Gipfelkreuz auf. Der Sonnenaufgang ist unsere Morgenmediation. Es ist ein Wunder, was wir hier sehen. In Dublin verbringen wir einen Tag bei Book of Kells, der Patrick-Cathedrale und beim Herumschlendern in der sehr lebendigen Stadt. Ralf Sotscheck von der TAZ Berlin, den wir im Teachers Club treffen, gibt uns abschließend noch Einblicke in das irische Leben. Der 11. Tag unserer Reise beginnt um 5.45 Uhr mit der Abfahrt zur Fähre von Dublin nach Hollyhead. Dort steigen wir in den Zug und fahren durch das wunderbare Wales. Die Seele hängt am Fenster und lässt die Gegend vorüberziehen. Gespräche verbinden die Reisenden.

Durchnässte Unterlagen

Durchnässte Unterlagen

In London wechseln wir den Bahnhof und erleben „Stadt“. Nach zwei Stunden Fahrt unter dem Ärmelkanal landen wir in Brüssel, wo ein tolles Hotel auf uns wartet. Am letzten Tag – ein Sonntag – stehen wir vor dem Hotel im Kreis, betrachten alles unter der eucharistischen Dankbarkeit, beten das Vater unser und wünschen Karl alles Gute zum Geburtstag. In Frankfurt werden sich unsere Wege wieder trennen, nach Bregenz, Salzburg und Richtung Wien. Im Speisewagen gibt es noch eine „Mordsgaudi“ mit dem Schaffner, bevor die letzten in Wels, Linz, St. Pölten und in Wien um 20.30 Uhr aus dem Zug steigen. Unglaublich schöne gemeinsame 12 Tage. Ah ja, und Guinness haben wir auch getrunken. Aber nicht auf Knopfdruck.

Hier der Link zur geplanten Reise.