Conchita Wurst: Vom Design zum Sein

cwurstDerzeit wird Österreich, Europa und vielleicht die ganze Welt hin und her geworfen. Da ist eine Conchita Wurst gewinnt einen Song Contest. Die Stimme ist hervorragend und doch nur nebensächliche Basis im Ranking. Der Bart einer Frau bewegt die Gemüter, rührt sie an bzw auf. Heute sind die Skeptiker, Zyniker und Zweifler still. Sieg ist angesagt und Österreich ist tolerant, liberal und weit. Morgen – an den Stammtischen – kann es schon wieder anders werden. In jedem Fall wurde an diesem Wochenende in aller Welt das fast unmögliche Neue aus Österreich zelebriert. Ich selber empfinde eine tiefe Freude über dieses Ereignis, das mehr Respekt und Toleranz den verschiedenen Lebensformen gegenüber bringen möge. Dauerhaft.

Außen und Innen begegnen in aller Offenheit

Meine Wahrnehmung in den letzten Jahren war, dass unsere Gesellschaft den Dreischritt vom Haben zum Sein und weiter zum Design geht oder gegangen ist. Das Sein ist der tiefste Wunsch jedes Mensch. Da-Sein ohne am Äußeren hängen zu bleiben. Den tiefsten Kern in mir selber leben dürfen ohne den dauernden Stress, ihn kompatibel nach außen darstellen zu müssen. Wer in der Medienwelt agiert, kennt diese unglaubliche Spannung. Es geht (fast) immer um das Äußere, das Design, das Produkt, das Hergestellte. Conchita Wurst ist für mich insofern ein „Wunder“, weil es ihr gelungen ist, den Kipp-Punkt nach innen nicht nur anzudeuten, sondern zu überschreiten. Es geht um ihre Identität, um ihr tiefes inneres Wesen, das nach einem adäquaten und respektierten Ort draußen in der festgelegten Geschlechter-Hierarchie und Moral sucht. Und da ist einiges „zerbröselt“ an diesem Abend. Kein äußerer Jubel bei Conchita selbst, sondern so etwas wie „Aufgelöstheit durch innere Freude“. Bisher habe ich noch keine namhafte kirchliche Stimme gehört. In der Geschlechterfrage und den dazugehörigen Rollen gehört „die Kirche“ auch zu den „Betonwerken“. Da ist nicht viel fluid sondern hart kristallin. Nach wie vor, wenn man den Glaubenspräfekten Müller hört. Auf Facebook macht in diesen Stunden die „Hl. Wilgefortis“ (hl. Kümmernis) die Runde: eine Frau mit Bart. Der Name bedeutet „von starkem Willen“.

Eine Geschichte aus dem Heiligenlexikon

wilgefortis„Wilgefortis ist eine legendäre Volksheilige, deren Wurzeln in der Frühzeit der Christianisierung Deutschlands liegen. Nach der erstmals im 15. Jahrhundert in den Niederlanden bezeugten Legende war sie die Tochter eines heidnischen Königs von Portugal, die Christin wurde und – um der Vermählung mit einem heidnischen Prinzen zu entgehen – Gott bat, ihr Aussehen zu entstellen. Als ihr daraufhin ein Bart wuchs, ließ der erzürnte Vater die Widerspenstige mit Lumpen bekleidet ans Kreuz schlagen, damit sie ihrem himmlischen Bräutigam gleiche. Die Sterbende predigte drei Tage lang vom Kreuz herab und bekehrte viele Menschen, darunter auch ihren Vater. Er ließ sie nun in kostbare Stoffe hüllen und errichtete nach ihrem Tod eine Kirche zur Buße.“ So steht es im Heiligenlexikon.  Es war immer das Anliegen Gottes, die christliche Welt katholisch, weiter, „weitend“ auf die bestehenden und herrschenden „Systeme“ zu halten. Die Enge war in dieser Welt oft die Siegerin. So musste ein „Wunder“ stattfinden, um die Enge der Menschen zu weiten. Möge der auf Design und Äußerlichkeit aufgebaute Song Contest ein großer Hinweis auf das Sein jedes einzelnen und jeder einzelnen bleiben. Toleranz und Weltoffenheit sind die erhoffte Folge. Insofern ist Conchita Wurst auch ein Anstoß hinein in die Kirche, hinein ins Wesentliche, ins Tolerante und Weltoffene.

Für eine Kultur der Genügsamkeit

_IMG_0190Ich bin thematisch fokussiert. In meiner Aufmerksamkeit, meiner Wahrnehmung und in den Beziehungen. Heute begegnet mit P. Alois Riedlsperger im Kardinal König Haus in Wien am Rande meiner Workshops „Medien und Berufung“. Wir kennen einander seit 1978 und ich verdanke ihm viel, wenn es um Sozialethik, Wirtschaft und Politik geht. Der damalige Drei-Monats-Kurs der KSÖ hat mich zutiefst und nachhaltig geprägt. Methodisch, thematisch und ganz lebenspraktisch. P. Riedlsperger gehört zu denen, die ihre Antenne tief in die Gesellschaft hineingerichtet haben. Dadurch hören, sehen solche Leute auch die Themen der Zukunft. Und sie sprechen darüber, sei es gelegen oder ungelegen. Gestern hat er als Jesuit bei den Jesuiten das Thema „Genügsamkeit“ in den Raum gestellt. Sein „Punkte-Manuskript“ hat er mir gegeben. Manche Dinge will ich einfach nicht für mich behalten. Sharing ist das neue Tun. Die Headlines, die Zugänge zur Genügsamkeit möchte und darf ich hier zugänglich machen.

Die Problemlage

Riedlsperger_01„Die tägliche Erfahrung von immer mehr, immer schneller, immer raffinierter trägt nicht mehr.“ Das spielt sich auf zwei Ebenen ab: „Gesellschaftlich: Die Fortsetzung der herrschenden Dynamik in Wirtschaft und Gesellschaft zeigt sich als ruinös. Persönlich: Die dramatisch hohe Zahl von Burnout-Fällen zeigt, dass es vielen einfach zu viel wird.“
Ich merke an: Die Gesellschaft selber, als Ganze ist „erschöpft, im Burnout“.

Eine grundlegende Umorientierung

„Da Einzelmaßnahmen keinen Ausweg aus der herrschenden Wirtschafts- und Lebensweise schaffen werden, geht es um eine grundlegende Umorientierung. Das Programmwort einer solchen Umorientierung ist: Genügsamkeit.“ Das braucht „ein Gespür für Genug: entgegen einem immer mehr, immer schneller und immer raffinierter gilt es, ein Gespür zu entwickeln, was wann und für wen genug ist.“ Wer kann diese Sehnsucht nach dem „Immer-Mehr“ stillen? Riedlsperger sieht ein Kriterium für Genug: „Kriterium ist, was den einzelnen, was einer Gemeinschaft wichtig ist für ein gutes Leben – im Sinne von Qualität des Lebens. Es geht um die Fähigkeit, Grenzen wahrzunehmen oder zu setzen, damit das Leben wieder zu sich findet.“
Es stimmt: Das Leben sucht sich gerade. Irgendwie macht es dabei einen etwas hilflosen Einsatz.

Genügsamkeit – eine Frage der Kultur

_IMG_0196„Es geht um die Frage einer Kultur, um die Entwicklung von sinnvollen und gemeinschaftlich geteilten Lebensweisen. Entscheidend ist dafür die Reflexion von Erfahrungen und ihr Austausch mit anderen: Was macht Freude, was ist köstlich, fein, herausfordernd, erfüllend? So können neue Lebensweisen entstehen, Ausdrucksformen für ein gutes Leben.“ Das ist nicht nur „schön“ gesagt, sondern lässt die feinen Schwingungen eines neuen Lebens erahnen, erspüren. Das ist nach Riedlsperger aber nicht ohne ein „statt“ zu haben: „Souveränität statt Fernsteuerung: Weniger ist oft ein Mehr bei der Menge konsumierter Güter, genutzter Medien, wahrgenommener Termine.“ Und: „Solidarität statt Eigennutzendominanz: Genügsamkeit schafft Freiheit zum Teilen und das Interesse für gemeinsame Lösungsansätze.“

Genügsamkeit – eine Frage der Rationalität

„Angesichts der herrschenden Rationalität des „Nie genug“ des Gewinn orientierten Sektors der Ökonomie bedarf eine große Transformation eine Änderung der vorherrschenden Rationalität, die die ökologischen wie sozialen Grenzen permanent missachtet.“ Ist nicht „grenzenlos“ ein Schlüsselwort heute? Eliten kennen keine Grenzen und daher auch keine Missachtung. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Eliten nicht Grenzen und Regelungen missachten, sondern dass sie das Bewusstsein haben, für sie gibt es keine Grenzen und Regelungen. Es fehlt jegliches Bewusstsein für Missachtung. Zurück zur Genügsamkeit von Riedlsperger, der eine „Orientierung am „Haushaltssektor“einfordert: Hier gilt eine Rationalität des „Genug“: Genug gekocht! Genug gepflegt! Genug gereinigt! Was jemand erhält, hängt nicht von Einkommen und Kaufkraft ab, im Blick steht, was für ein gutes Leben benötigt wird.“ Dann folgt daraus die „Orientierung an einer „solidarischen Ökonomie“: In der Bewegung der Solidarischen Ökonomie werden Wirtschaftsweisen neu erprobt, die die Bedürfnisse der Menschen in den Mittelpunkt stellen – im Sinne eines „Genug für alle“.“

Genügsamkeit – eine Überlebensfrage

„Angesichts der Übernutzung des Planeten durch eine Minderheit der Weltbevölkerung und der bedrohlichen Folgen des Klimawandels wird bereits jetzt die Frage der Genügsamkeit zur Schicksalsfrage für Menschheit und Schöpfung.“ Wir brauchen „Prozesse der Verständigung: Die Entwicklung einer weltweiten Kultur bedarf Prozesse der Verständigung über entsprechende Lösungsansätze.“ Und: „Initiativen für den Wandel: Die Entwicklung zukunftsfähiger Lebensweisen braucht konkrete praktische Versuche.“
Prototypen sind gefragt, Gründermentalität für das neue solidarische Leben. Ordensgemeinschaften alt und neu sind gefragt.

Das Modell „Sonntag“ als Nagelprobe

„Eine Kultur der Genügsamkeit, eine Ökonomie des „Genug für alle“ lässt sich für ChristInnen vom Sonntag her denken. Woche für Woche erfolgt eine gesellschaftliche Unterbrechung, die anzeigt: Genug gearbeitet! Genug gewirtschaftet! Eine solche Genügsamkeit schafft eine neue Freiheit. Als innere Freiheit macht sie frei von Angst, unnötigem Besitz und „haben wollen“ und als äußere Freiheit eröffnet sie einen Gestaltungsraum in sozialer Gerechtigkeit.“

 

Ohne Eitelkeit, ohne Lust auf Macht und ohne Lust auf Geld

900_IMG_0153Ich folge P. Bernd Hagenkord von Radio Vatikan auf Twitter. Er hat immer gute Hinweise auf Aussagen von Papst Franziskus. Oft erfrischend, immer direkt, am Wort Jesu orientiert. Heute übernehme ich einen Text von der Website von Radio Vatikan, der durch nichts zu ergänzen ist. Wer hätte gedacht, dass der Bischof von Rom jemals so reden wird. Ob sich das je „inkarniert hinein in die Kurie“? Wer den Papst so reden hört, versteht besser die große Stille und Ratlosigkeit der Bischöfe. Noch mehr wird klar, dass Politik und Wirtschaft sich auf einem anderen Planeten bewegen. Durchatmen und ruhig lesen:

Die Eitelkeit

In der Kirche gibt es Menschen, die Jesus „aus Eitelkeit” folgen oder aus Hunger nach Macht und Geld. Das sind drei falsche Motivationen, führte Papst Franziskus an diesem Montag in seiner Predigt in der Morgenmesse in Santa Marta aus. Das Tagesevangelium spricht von den Menschen, die Jesus nur deshalb suchten, weil sie zuvor bei der wunderbaren Vermehrung der Brote und der Fische satt geworden waren. „Wir alle sind Sünder“, führte der Papst aus. Es gebe immer irgendein Eigeninteresse, von dem die Suche nach Jesus gereinigt werden müsse. Franziskus nannte drei davon. Erstens: die Eitelkeit. „Da gab es diese Religionsführer, die sich gerne zeigten und wie Pfauen herumstolzierten. Wie echte Pfauen benahmen sie sich! Und Jesus sagt: Nein, so nicht. Eitelkeit tut nicht gut. Eitelkeit ist gefährlich, weil sie uns geradewegs in den Stolz schlittern lässt, in den Hochmut, und dort hört alles auf. Und ich frage mich: wie folge ich selbst Jesus? Die guten Dinge, die ich tue, tue ich die versteckt oder macht es mir Freude, mich dabei zu zeigen?“ Er denke dabei auch an „uns Hirten“, sagte der Papst.
Eitle Priester und Bischöfe „tun dem Volk Gottes nicht gut“.

Macht

Zweiter Punkt: Macht. Jesus werfe jenen, die ihm aus Eigennutz folgten, Machtstreben vor. „Das deutlichste Beispiel sind Johannes und Jakobus, die Söhne des Zebedäus, die Jesus darum baten, Regierungschef und Vize-Regierungschef im Himmelreich zu werden. In der Kirche gibt es Kletterathleten! Es gibt so viele, die die Kirche benutzen, um… Wenn du willst, geh Klettern in die Berge: das ist gesünder! Aber komm nicht in die Kirche, um zu klettern! Jesus schimpft mit jenen Klettersportlern, die Macht suchen.“

Geradlinigkeit und Geld

Der dritte Punkt, der uns von der „Geradlinigkeit der Absichten“ abbringe, sei das Geld. Franziskus: „Da gibt es jene, die Jesus für Geld folgen und versuchen, wirtschaftlich von der Pfarrei zu profitieren, vom Bistum, vom Krankenhaus, vom Kolleg. Denken wir an die erste Gemeinschaft der Christen. Diese Versuchung bestand von Anfang an. Und wir haben so viele gute Katholiken kennen gelernt, gute Christen, Freunde, Wohltäter der Kirche, mit allerlei Auszeichnungen. Viele! Von denen man später entdeckt hat, dass sie eher dunkle Geschäfte machten: echte Geschäftsleute, und sie haben viel Geld gemacht! Sie traten als Wohltäter der Kirche auf, aber nahmen so viel Geld, und nicht immer sauberes Geld.“
Bitten wir den Herrn um den Heiligen Geist, damit wir ihm mit Rechtschaffenheit folgen, so der Papst abschließend: „Ohne Eitelkeit, ohne Lust auf Macht und ohne Lust auf Geld.“

Herausfordernd – wie dieser Papst in der Spur Jesu redet. Das trifft uns alle persönlich. Und wir sind wieder bei „viel mehr wesentlich weniger“.
Aus welchen Motiven tun wir das, was wir tun?

Viel mehr und wesentlich weniger in Balance bringen helfen

Wesentlich_Logo_250Ein Thema, das sich in den letzten Jahren verdichtet hat, ist die Frage nach dem Mehr oder Weniger. Ein Freund schildert dieser Tage, dass bei ihnen in der Firma wieder Veränderungen anstehen. Sie am Bau „ganz draußen und herunten“ – wie er sagt – werden von der Firma gebeten, die „Einsparungspotentiale zu benennen“. Sein Ton zu dieser Erzählung hat einen wütenden Unterton: „Oben werden es immer mehr und wir unten bekommen immer weniger. Die Arbeit wird mehr und die Hände dafür sind weniger.“ Kopfschütteln, weil aus der Zitrone nichts mehr herauszupressen ist. Es geht nicht mehr weniger. Ich mache ihm den Vorschlag, er soll die Consulter eine Frage mitgeben, die für ihn eine echte Hilfe wäre. Sage ihnen, du möchtest beim nächsten Zusammentreffen gefragt werden: „Wen von uns hier oben könnt ihr hier draußen, unten brauchen?“ Diese Tatsache wäre mehr gutes Leben am Bau und würde die überfüllten Büros etwas lichten. Oben weniger und unten mehr – Hände und Menschen.

Orden suchen seit Jahrhunderten die Balance von Mehr und Weniger

Diese Tatsachen ziehen sich durch viele, vielleicht alle Bereiche der Gesellschaft. Immer mehr für oben und immer weniger für unten. Die Eliten treiben die Menschen mit Versprechen und der Weckung von Sehnsüchten zum allgegenwärtigen Mehr. Die drei evangelischen Räte – Ehelosigkeit, Gehorsam und Armut – sind für Ordensfrauen und -männer konstitutiv. Individuell leben sie ohne Besitz und Güter. Was einer Gemeinschaft zur Verfügung steht, nutzen sie gemeinsam. Nicht alle bekommen dasselbe, sondern jede und jeder bekommt das, was er oder sie braucht. Das verlangt ein gutes Hinhören, einen Gehorsam aufeinander. Das Zurückgeworfen-Sein auf sich selber, weil die ehelose Lebensform einen radikalen Weg der Nachfolge Jesu eröffnet, wird für Ordensleute in der Gemeinschaft „aufgefangen“. Die Sehnsucht nach mehr Gemeinsam heute ist dort seit Jahrhunderten auf dem Weg. Es ist nicht gut, dass der Mensch alleine bleibt. Deshalb ist er oder sie in der Gemeinschaft „eingebunden“. Das Ich ist im Wir eingebettet und heute würde man von einem „Cohousing mit spiritueller Ausrichtung“ reden. Strukturell sind die Orden ganz nahe an den Sehnsüchten der jungen Leute heute. Sie sagen zum Großteil: Weniger Einfamilienhaus und mehr gemeinschaftliche Wohnformen. Karriere und Konsum werden zum Teil radikal hinterfragt. Das verbindet Ordensleute und hellwache ZeitgenossInnen. Wir sind in einer Zeit, wo „Viel“ mit dem „Weniger“, das „Wesentliche“ mit dem „Mehr“ die Balance sucht. Das Maß finden ist eine besondere Herausforderung. Auch wenn alle Politiker es in alle Mikrofone sagen, dass Wachstum Arbeitsplätze schafft. Die wahre Herausforderung besteht heute darin, wie wir Reduktion leben können. Das Ziel ist mehr Ausgleich, mehr Gerechtigkeit. Es gibt nämlich Menschen, die Reduktion als zynischen Ansatz sehen, weil sie ganz arm oder ganz reich sind. Die Ordensgemeinschaften wollen ausbalancieren helfen.

 

Der Sonnstein kann so viel

1544513_10201072666217645_3387770283686723786_nDer Tag wird ganz anders als geplant. Die beteiligten Personen für die große Geburtstagsfeier zum 85-er in Wien sind erkrankt. Telefonleitungen übermitteln die Wünsche. Der Geburtstag ist, die Feier dazu wird verspätet kommen. Ein Tag tut sich ganz neu auf.

Ein Berg als Lebensreflexion

Die Wettervorhersage sagt wechselhaft. Der mitschwingende Unterton der „Vorhersager“ klingt sonnig. Aufbruch in Richtung Salzkammergut. Der kleine Sonnstein (923m) verträgt jedes Wetter. Die Wolken hängen am gegenüberliegenden Traunstein. Der Sonnstein selber ist frei. Das Hinaufschauen ist möglich. Das Ziel steht vor Augen. Auch wenn ich schon mehrmals oben war, so ist die Sicht auf das Ziel eine der besten Motivationen. Es braucht den inneren oder äußeren Blick darauf, wo es hingeht. Wo siehst du dich in 25 Jahren ist eine Frage, die ich Studierenden bei einem Kommunikationsseminar dieser Tage gestellt habe. Davor habe ich Ordensfrauen und -männer gefragt. Interessante Antworten. Beide Male. Zuerst war aber Überraschung dabei. Es ist immer gut – bei aller Offenheit für Surprises – zu wissen, wo ich mich in Zukunft sehe. Heute sehen wir uns am Sonnstein. Der Aufstieg kann beginnen. Wir treffen einige BergkameradInnen mit demselben Ziel. Es geht aufwärts. Der Körper hat nach etwa 15 Minuten Betriebstemperatur angenommen. Schweißperlen auf der Stirn zeugen davon. Nach  5/4 Stunden stehen wir am Gipfel. Oben. Das Innehalten hat hier zwei Plätze: den Gipfel und die Hütte im Schatten des Gipfels. Der Blick hinunter und rundherum nährt den mentalen und spirituellen Speicher, der sich in der Stadt doch recht schnell leert. Gipfel und Hütten sind für mich „Orte des Überblicks und der Himmelsnähe“. Ich brauche das. So gerne ich „unten“ unterwegs und tätig bin, so wichtig ist für mich der Aufstieg und das Innehalten oben beim „Über- und Ausblick“. Ich erlebe den Himmel unten auch mit derselben Intensität und doch ist er oben irgendwie „näher“. Immer habe ich im Kopf und Herzen auch Menschen von unten mit nach oben. Berge öffnen auf besondere Weise. Ich denke an die Po-Ebene auf meinem Weg nach Assisi und an meine damalige Sehnsucht: Wann geht es wieder in die Berge. Der Appenin hat die Sehnsucht gestillt.

Oben und unten

10173570_10201072677937938_8597574137059529006_nDas Innehalten oben kann lange aber nicht ewig dauern. Aufbruch nach unten. Der Weg zurück in das Tal braucht wieder alle Aufmerksamkeit. Der Sonnstein kann das so wunderbar. Er lässt sich von unten sehen und er lässt von oben das Unten sehen. Die Perle Traunkirchen liegt von oben im See. Das Ziel unten. Das ist die Ebene nach den vorsichtigen Schritten hinunter an den Menschen vorbei, die etwas später den Weg hinauf nehmen. Das Ankommen unten ist nicht zu überhören. Die Autos fahren einem direkt in den Weg. So heißt es schnell einsteigen und diese Einstiegsstelle ein wenig fluchtartig zu verlassen. Am See suchen wir dann am Fusse des Johanneshügels ein Platzerl und schauen lange hinauf. Hinauf, wo wir waren. Tatsächlich. Die Sonne gibt auch den Traunstein und den Erla-Kogel frei. Zurückschauen auf das Ziel gibt dem Tag ein Bild, für mich ein Bild des Lebens: Hinaufschauen – aufsteigen – innehalten – absteigen – zurückschauen. Das erste Hinaufschauen ist nicht das Zurückschauen. Es kommt darauf an, dass wir hinaufgehen, nicht nur schauen. Und ich denke an die Politik, die Kirche, die Bildung – auch die Orden. Wie viele gehen den Berg? Im Jahr der Orden 2015 habe ich ein „Gipfelessen“ vorgeschlagen. Heute weiß ich, wo dieser Gipfel liegt, wohin wir das Essen und Trinken tragen. Hinauf auf den Sonnstein.

 

Wer nie Luft holt, wird unverständlich

Pilgerpfad_6Abt em. Martin Werlen von Einsiedeln in der Schweiz hat als Abt seine #Bahngleichnisse auf #Twitter verbreitet. Eine recht jesuanische Art, Ideen, Einschätzungen und Erfahrungen in Bildern und kurzen Sätzen zu teilen. Daraus ist ein Buch geworden. Ungewohnt und aus meiner Einschätzung sehr gelungen. Es begleitet mich seit meiner #ganzohr Tour vom Stift Altenburg weg. Abtpräses Christian Haidinger hat es mir mit auf den Weg gegeben. Heute öffne ich das Buch auf Seite 55 und dort steht dieser Satz: „Wer nie Luft holt, wird unverständlich.“

Luft holen am Pilgerpfad

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Der heutige Sonntag ist in der medialen Realität von der Heiligsprechung zweier Päpste gekennzeichnet. Alle Sender sind drauf, berichten, bringen Einschätzungen, interviewen und verbreiten „Begeisterung“. Am Nachmittag wird der neue Abt vom Stift Altenburg P. Thomas geweiht. In der Presse am Sonntag lese ich unter dem Titel „Massenmord unter den Augen des Klerus“ von den Greuel in Ruanda und die Rolle der Kirche bzw. des damaligen Papstes Johannes Paul II. Mir kommt die Ernennung Groers zum Wiener Erzbischof in den Sinn. Der erste Papstbesuch in Österreich hat 350.000 Menschen bei Regen auf die Beine gebracht. Beim dritten waren es 50.000 am Heldenplatz. Da ist etwas fundamental schief gelaufen. Heute weiß man es noch besser. Die Ächtung der Befreiungstheologie hat den südamerikanischen Kontinent weit zurückgeworfen. Wer nie Luft holt, wird unverständlich. Bei all den Gedanken zieht uns der blaue Himmel hinaus in die Luft, auf den pilger_PFAD, den ich vor Jahren zu den sieben Sakramenten zwischen Unterweißenbach und Königswiesen auf der Hirschalm konzipieren und gestalten durfte. Die Grundidee des 2 1/2 – 3 Stunden langen Weges entlang der sieben gestalteten „Punkte“ lautet: In die Nähe Gottes gehen.

Distanzgehen und das Leben wächst im klaren JA

Pilgerpfad_3Pilgerpfad_2Genau genommen ist sechs Jahre her, dass ich den Pilgerpfad zusammen mit dem dortigen Tourismusverein konzipiert und gestaltet habe. Ich erinnere mich noch ganz genau, wie ich mit den Bauern und Anwohnern die acht Kilometer abgegangen bin. Josef Aglas von der Hirschalm war die „treibende Kraft“, dass diese wunderbare Gegend einen spirituellen Pfad bekommt. Heute geht auch der Johannesweg einen Teil am Pilgerpfad. Die Luft und die Gegend ist heute wie geschaffen zum Gehen. Blumenwiesen, die unglaubliche Vielfalt an Grüntönen, die Frühlingsbrise um die Nase und die wärmenden Sonnenstrahlen begleiten uns, kommen uns immer entgegen. In die Nähe Gottes gehen. Zwei Stationen der sieben Sakramente sprechen uns heute besonders an. Die Ehe mit der Übung des „Distanzgehens“ und das geweihte Leben mit der Himmelsleiter. Distanzgehen meint, dass wir ein Stück des Weges getrennt gehen und schließlich wieder „zusammenfinden“. Eine Übung, die uns „alltäglich“ geworden ist, seit ich in Wien und Österreich arbeite. Mit besonderer innerer Neugierde habe ich die Station des „geweihten Lebens“ erwartet. Jetzt, wo ich im Dienste des geweihten Lebens in den Ordensgemeinschaften stehe und gehe, wollte ich wissen, ob ich 2008 auch „richtig und treffend formuliert“ habe. Ich holte tief Luft und sagte nach dem Lesen: Ja, es stimmt. Wir beschließen unseren Weg am Pilgerpfad, einer sonntäglichen Meditation der sieben Sakramente entlang. Abt Werlen schreibt auf Seite 72 ein #Bahngleichnis: „Nur wer sich bewegt kann bewegen.“ Stimmt. Ein bewegender Sonntag.

 

Wie das Neue in die Organisation kommt

Ende September 2011 war ich bei einer internationalen Konferenz, wo das Neue den Weg in die bestehenden Organisationen gesucht hat. „Dieser Tag war ein Glück – nicht nur für mich!“, schrieb ich damals am Ende des Beitrages. Es war tatsächlich ein Glück. Seit der Zeit bin ich mit Michael Shamiyeh persönlich verbunden. Viel zu selten sehen oder treffen wir einander. Sein Büro mit Blick auf den Hauptplatz in Linz ist für mich immer eine Inspiration, ein Gedankenaustausch, der nicht nur von Kopf zu Kopf geht. Mein letzter Besuch hat das Thema von der Konferenz wieder aufgegriffen: Wie kommt das Neue in die Organisation? Im aktuellen ON haben unsere gemeinsamen Überlegungen Eingang gefunden. Ich hoffe, nicht nur für Ordensgemeinschaften, ihre Werke und Einrichtungen interessant. Hier der ganze Artikel.

Vorgegebene Denkmuster und Grenzen ausloten

Michael Shamiyeh hilft Organisationen beim gemeinsamen Aufspüren, Entwickeln und Implementieren von Neuem. Er fördert sie, aus eigener Kraft innovativer zu werden. Er hat in Harvard und St. Gallen studiert und ist leitender Universitätsprofessor am Design-Organisation-Media (DOM) an der Kunstuniversität in Linz. Er kennt die „Ordenswelt“ aus eigener Erfahrung. Als Ursprung für schöpferische Ideen sieht er konkrete Menschen: „Innovation beginnt bei der Person. Bei einem Menschen, der sowohl die Fähigkeit besitzt, als auch den Willen aufbringt, Wissen aufzunehmen und in ungewohnter Weise neu zu kombinieren, bis sich die einzelnen Teile plötzlich zu neuen Ideen fügen.“ Seine Kernfrage in allem lautet: „Wie werden Ideen für die Zukunft Wirklichkeit?“ Es gilt, vorgegebene Denkmuster und deren Grenzen auszuloten. „Es braucht Freiraum für Experimente.“ Das sieht er auch bei den Ordensgemeinschaften und in ihren Werken und Einrichtungen.

Das Neue muss sich plausibel machen

Shamiyeh arbeitet mit internationalen Konzernen wie Kodak. „Die ersten digitalen Ideen wurden nicht aufgenommen, weil sie sich zu wenig plausibel und alltagstauglich im Vorstand dargestellt haben. Selbst nach massiven Geschäftseinbrüchen wollten die Verantwortlichen die Entwicklung nicht wahrhaben.“ Deshalb pocht Shamiyeh darauf, „dass sich das Neue als notwendig und Sinn machend sehr plausibel und konkret darstellt. Das Neue muss die Frage beantworten: Warum soll ich das Neue wagen?“ Das Neue muss für alle zukunftsfähig sein. Das Neue muss eine Notwendigkeit sein. Auslöser ist häufig eine massive Bedrohung. Aber: „Wer sich bedroht erlebt, reagiert meist nicht mit Weite, sondern mit Enge und Festhalten am Gewohnten. Bedrohung erzeugt sehr oft eine intensive Rückwärtsgewandtheit.“ Ganz entscheidend in solchen Situationen ist der externe Input. Beispiel: Zeitungen erleben heute massiv die Bedrohung durch das Internet. Deshalb rät der in Strategischem Management ausgebildete Shamiyeh: „Es braucht jemanden, der aus der Bedrohung selbst kommt, damit ihr adäquat begegnet werden kann. Ich ermutige: Öffnen Sie sich für Leute, die nicht aus dem „Betrieb“ kommen, die keine Ordensleute sind. Sie können Weitblick und Offenheit stiften. Oder gehen Sie selber ungeschützt hinaus an Orte, die nicht die Ihren sind, und hören sie gut zu. So entstehen Inspirationsquellen.“

Ein klares Bild von der Zukunft

Wie in die Zukunft gelangen? Shamiyeh: „Von der Zukunft her denken. Es gibt drei Methoden, in die Zukunft zu gehen: 1. Die Vergangenheit unverändert ‚verlängern’. 2. Das Jetzt analysieren und ‚zukunftsfit’ machen. 3. Das Jetzt von einem gemeinsam erstellten Zukunftsbild her denken und heute das tun, was dem Bild entspricht. 1 und 2 sind die gängigsten Varianten. Die den Orden am entsprechendsten ist die 3. Jeder Gründer und jede Gründerin hat mit einem klaren, konkreten Zukunftsbild gearbeitet.“ Aber: Wie begeistert man Menschen von einem neuen Zukunftsbild? „Ganz einfach, man lässt sie die Idee wortwörtlich begreifen: mit Prototypen, mit realen Bausteinen, Grundelementen des Neuen, der Zukunft. Visionen werden dadurch anschaulicher, die Idee selbst kann schneller entwickelt, verfeinert und anschlussfähig gemacht werden. So wird die Zukunft nicht nur gedacht, sondern getan. Und das ist das Entscheidendste, das Tun.“ Der Organisations-Designer sieht für jede Gemeinschaft und Organisation die entscheidende Frage darin: „Was ist unser Auftrag, unsere Mission heute? Wer diese Frage nicht mit einem klaren und konkreten (gemeinsamen) Zukunftsbild beantworten kann, wird den Weg in die Zukunft schwer gehen können.“

Das Neue muss Sinn machen

„Parallele Autonomie“ nennt der international anerkannte Organisationsfachman das Schlüsselverständnis: „Das Neue entwickelt sich am ehesten in einem eigenen Kontext parallel zur laufenden Organisation mit hoher Autonomie.“ Shamiyeh weiß von Firmen, die dem Neuen eigene Produktionsrhythmen zugestanden haben, die später den Normalbetrieb geprägt haben, weil sie sich bewährt haben. Er fragt: „Wie ist das heute bei Ordensfrauen oder -männern mit den wichtigen Gebets- oder Mahlzeiten, wenn sie ganz normal in Arbeitsprozesse eingebunden sind? Das verlangt aus meiner Sicht den Raum für Varianz. Ordensleute erproben, wie der arbeitende Mensch in heutigen Kontexten spirituell geöffnet bleiben kann, ausgerichtet auf Gott.“ In jedem Fall muss das Neue „Sinn machen“. Neu um des Neuen willen braucht es nicht. Entscheidend ist die Sinnfrage, die immer neu gestellt und immer neu beantwortet wird. Individuell und gemeinschaftlich.

Schrittweise oder grundlegend neu denken

Viele etablierte Unternehmen machen den Fehler, eine gute Idee schrittweise zu erneuern, um sie für neue Herausforderungen bestmöglich anzupassen. Das aber birgt die Gefahr, in einer Innovations-Sackgasse zu enden. „Die erfolgversprechendere Methode ist es, jede Herausforderung von Grund auf neu zu denken. Wenn man den Zukunftszustand für ein Produkt, eine Dienstleistung, eine Aufgabe anstrebt, wird der Boden für radikale Neuerungen bereitet. So folgen Gemeinschaften am direktesten dem Gründer, der Gründerin mit gelebter Innovationskultur, in der Arbeitsweise, den Überzeugungen und Werten.“ In jedem Fall braucht es Mut und ein Stück „Out of the Box“-Denken, will man den Anschluss an Heute und Morgen nicht verpassen. Seneca hat schon gewusst: „Nicht, weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.“ Einem Unbekannten wird das Graffiti zugeschrieben: „Das geht nicht, haben alle gesagt. Da kam einer, der wusste das nicht und hat es gemacht.“

Die Seele geht

sg„Wer weit geht oder sich auf eine Pilgerwanderung begibt, fordert nicht nur seinen Körper. Das Gehen hat auch eine mentale und spirituelle Dimension.“ Das ist meine Erfahrung, die ich in der aktuellen Ausgabe der Stadt Gottes beschreibe. Diese wirklich gut gemachte Zeitschrift geht an etwa 70.000 Leserinnen und Leser. Sie wird von den Steyler Missionaren herausgegeben. Ein engagiertes Redaktionsteam hat immer einen coolen Themenfokus. In dieser Ausgabe: Gehen und Pilgern. Also ganz Meines.

Das ist keine Leistung, das ist ein Geschenk

Wenn ich mein Weitgehen 2004 von Bregenz nach Rust über 28 Tage, 2009 von Kirchschlag bei Linz nach Assisi über 52 Tage und 2012 von Kirchschlag aus nach Norden in das Kloster Volkenroda in Thüringen über 24 Tage Revue passieren lasse und in einem Satz zusammenfassen müsste, dann würde ich sagen: Das Leben kommt mir entgegen. Als ich 2009 in Assisi angekommen bin, habe ich viele SMS an Freunde und Bekannte verschickt: „In Assisi angekommen. Ich bin da.“ Drei haben zurückgeschrieben: „Gratuliere zu deiner Leistung.“ Diesen drei Personen habe ich sofort geantwortet: „Das ist keine Leistung, das ist ein Geschenk.“ Die tiefe Haltung der Dankbarkeit ist eine Folge des Weitgehens.

Drei Dimensionen

Gehen und Pilgern hat aus meiner Erfahrung drei Dimensionen: körperlich, mental und spirituell. Das Gehen ist die Bestimmung des Körpers. Rucksack und mich selber habe ich nie gewogen. Ich zähle auch keine Kilometer oder Höhenmeter. Ich habe aber jedes Mal gespürt, dass der Körper im Gehen in seinen Rhythmus und in die Kraft hineinwächst. „Wie lange hast du hintrainiert?“, war eine häufige Frage. Meine Erfahrung: Wer nicht ganz bewegungsunfähig ist, wird die körperlichen Herausforderungen bestehen. Das Essen wird weniger, Müdigkeit wandelt sich nach etwa zehn Tagen in Lust an der Bewegung, kleinere körperliche Gebrechen werden „verschmerzt“. Früher oder später kommt die Phase, wo der Körper mit dir geht. Von dort kommt der Ausspruch: Pilgern ist Beten mit den Füßen. Die Füße waren sehr brave Beterinnen. Ich habe abgenommen.

Das Ziel imaginieren

„Wie hält man so weit gehen aus?“, fragten auch viele. Die Jerusalempilger sind ein halbes Jahr gegangen. Ich ja nur „relativ kurz“. Mental hat mir sehr geholfen, dass ich mir das Ziel immer wieder vor Augen geführt habe. In Bregenz habe ich die Zehe in den See gehalten und mir immer wieder vorgestellt, dass ich dieselbe Zehe in den Neusiedlersee halte. Auf der Stolzalpe habe ich mich so hingesetzt, dass ich nach Assisi „geschaut“ habe. Wer ein Haus gebaut hat, weiß den Unterschied, ob ich den Schotterhaufen als solchen sehe oder mir bei der Arbeit vorstelle, wie ich mit der Familie beim Essen sitze. Der Haufen wird gleich leichter. So ist es mit den vielen Schritten, die auf ein Ziel hin leichter gehen. Viel mentale Stärke schöpfe ich immer aus der unmittelbaren Begegnung mit den Menschen am Weg. Ich empfinde es als nährend, von den Lebensumständen der Menschen am Weg zu erfahren, „sich nähren zu lassen“. Zehrende Situationen und Begegnungen meide ich. Aber: So wie du denkst, bist du. So wie du bist, strahlst du aus. Und was du ausstrahlst, bekommst du zurück. In meinem Tagebuch nach Assisi ist vorne ein kleiner Zettel eingeklebt gewesen, der mir sehr wichtig war. Darauf stand: „Folgende Tageskoordinaten nehme ich mit: Jeden Tag gehe ich ca. sieben Stunden. Jesus lehrt uns beten – Vater unser. Einen Brief pro Tag schreiben. Kein Alkohol bis Assisi. Das Johannesevangelium ist mein Begleiter. Das Tagebuch führen.“ Es geht im Endeffekt darum, leer werden zu können, offen für Menschen und für Gott. Wer angefüllt in die Fremde geht, wird keine Fremde entdecken. Und Gottes hervorragendster Ort, unter die Menschen zu gehen, ist „in der Fremde und als Fremder“. Deshalb sind Gastfreundschaft und Offenheit das spirituelle Fundament. Es braucht nicht viel, sondern Wesentliches. Das Vaterunser an den verschiedenen Orten zu beten, hat mich spirituell unglaublich bereichert. So ging es mir auch mit den anderen Koordinaten. Briefe haben mir konkrete Menschen nahe gebracht. Keinen Alkohol zu trinken, hat mich klar in die Wahrnehmung geführt.

Drei Wochen sieben Stunden

Meine über 80-jährige Mutter hat zu mir 2004 sorgenvoll gemeint: „Du wirst dich noch umbringen mit deinem Gehen.“ Als ich sie nach 30 Tagen in die Arme schloss, hat sie mich angesehen und gemeint: „Du schaust ja jünger aus.“ Weitgehen nährt, ist heilsam. So rate ich Menschen oft, zumindest drei Wochen lang sieben Stunden am Tag in einem Stück zu gehen. Eine Kur dauert auch drei Wochen und früher hat man drei Wochen Urlaub gemacht. Das war aus meiner Erfahrung sehr klug. In diesen drei Wochen wirst du ein neuer Mensch, körperlich, mental und spirituell. Meine Erfahrung: Die Seele geht.

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