Tonalität und Glaubwürdigkeit

IMG_9245_v1Das Radiokulturhaus ist immer eine U-Bahnfahrt wert. Ich mag gar nicht daran denken, dass dieses Haus in Zukunft ohne JournalistInnen sein soll. Das alleine wäre schon Thema genug für einen Blogeintrag. Jetzt weiß man, dass die Konzentration aller ORF-Medien auf dem Küniglberg auch wirtschaftlich nicht günstiger ist. „Ein Politikum durch und durch“, sagt mir am Gang ein bekannter und heller Journalist. Deswegen bin ich aber nicht in die U-Bahn gestiegen. Es war das Thema. Auf Einladung der APA-OTS stand am Podium und im Raum: „Blogosphäre in Österreich.“ Die OTS-Meldung nach der Veranstaltung lautete: „Blogosphäre als integraler Bestandteil im gesellschaftlichen Diskurs.“ Schon beim Eingang treffe ich auf einen Twitterer, der mich dort „verfolgt“ wie er sagt. Es ist immer schön, wenn analog und digital einander treffen. Wir setzen uns am Tisch zusammen und lauschen den Ausführungen zusammen mit zwei Kolleginnen von der Donau-Universität.

Marke und Person

Persönlich hat für mir, der ich seit 2009 zuerst auf www.pilgern.at und dann hier meinen Blog betreibe, Ingrid Brodnig aus der Seele oder Erfahrung gesprochen. Sie spricht von der „Wichtigkeit der Tonalität bei Blogs. Gute Blogger sind Persönlichkeiten, sie schauen genau hin, polarisieren immer wieder, haben die Rolle klar vor Augen und einen klaren Anspruch. So entsteht die Tonalität und Glaubwürdigkeit einer Marke.” Ich selber notiere mit meiner grünen Füllfeder in meinen kleinen Notizblock: Kongruenz von Marke und Person muss gegeben sein. Dann setze ich wieder eine Twittermeldung ab. Dieter Zirnig spricht davon, dass gute Blogger das „Ohr draußen haben“. Was wollen die Leute lesen, was suchen sie, worüber unterhalten sie sich. Das unterstützt Axel Maireder, mit dem ich beim Kommuniktionstag 2014 im Juni am Podium das „digitale Gasthaus“ diskutieren werde, das „laufende Zuhören, was passiert.“ Brodnig ergänzt und spricht von einem „sozialen Gefühl“, das für eine Marke ganz entscheidend ist. Tonalität, Glaubwürdigkeit und soziales Gefühl durch gutes Hinhören. Schlüsselbegriffe. Auf Twitter gesellen sich Follower dazu. Elena Paschinger ist Reisebloggerin aus Leidenschaft und sie sieht den Vormittag ähnlich. Hier ihre Eindrücke, die mir weiteres Schreiben ersparen. In einer guten Tonalität geht dieser Tag zu Ende.

Laakirchen und die Luxus- oder Sonder-Pensionen

IMG_9179_900Es ist Montag. Der Besuch in Innsbruck hat schon wieder das Attribut „gestern“ und „vorgestern“. Es ist kalt geworden. Im Mühlviertel hat es geschneit und eine dünne Schneedecke lässt den Frühling nicht wirklich aufkommen. Je weiter es mit dem Bus nach Linz Wien hinunter geht, umso weniger hat der Winter eine Chance. Es ist aber hier kalt. Unten in Wien. Eine Meldung, die über das Web daherkommt, lässt einen irgendwie frösteln. Mit „Sonderpensionen werden gekürzt“ titelt der ORF noch recht „warm“. Der Standard nennt es schon treffsicherer: „Luxuspensionen: Kürzung von 9600 hohen Pensionen fix„. Die anstehende Arbeit überzieht den Montag. Nachhängende Themen und anstehende Projekte vertreiben die Meldung von den „Luxuspensionen, die gekürzt werden sollen“. 9.600 Personen sind davon betroffen. Was heißt das und wie kann ich mir das vorstellen? 9.600 Personen bekommen eine solidarsich-öffentlich-finanzierte Pension, Luxuspension. Die Ansage lautet: Diese Sonderpensionen sollen künftig mit 17.800 Euro monatlich begrenzt werden.

Das Rechenbeispiel

In Wikipedia lese ich: „Laakirchen ist eine Stadtgemeinde im Bezirk Gmunden in Oberösterreich mit 9549 Einwohnern.“ Nehmen wir an, dass diese Stadt die genannten SonderpensionistInnen sind. Sie werden jetzt in ihrem Einkommen begrenzt. Die Regierung ist nicht mehr gewillt, an jede und jeden einzelnen Bürger von Laakirchen mehr als 17.800.- EUR als monatliche Pension auszuzahlen. Was sagt eigentlich Wikipedia über ganz Österreich: „Österreich (amtlich Republik Österreich) ist ein Binnenstaat in Mitteleuropa mit 8,5 Millionen Einwohnern.“ Da sind auch die Einwohnerinnen dabei. Die LaakirchnerInnen sind also 0,12 % der österreichischen Bevölkerung. Die Regierung beschäftigt sich also mit 0,12 % der Bevölkerung – mit Laakirchen in Oberösterreich. Aber wie viel bekommen sie dann im Jahr, die LaakirchnerInnen, wenn sie „begrenzt“ werden. Der Rechner liegt parat. Nehmen wir also an, dass diese Pensionen 14 x im Jahr ausbezahlt werden. 15 x wäre eine Unterstellung. Und 16 x, wie ich einmal gehört habe, ist wirklich eine „Neid-Geschichte des kleinen Mannes“.

Also: 9.600 x 17.800 x 14 = 2,392 Milliarden. Diese Summe geht in Zukunft nach der Kürzung jährlich nach Laakirchen. Es würde mich interessieren, wie viel jetzt vor der Kürzung an die LaakirchnerInnen – also 0,12% der österreichischen Bevölkerung – ausbezahlt wird.

Und so findet der Montag sein Ende. Es bleibt Winter in den Bergen. In Laakirchen bleibt es trotz „Gegenwind“ angenehm warm.
Georg Paulmichl aus Südtirol hat 2001 geschrieben. „Gott hat für das Sündenregister keine Zeit. Er lebt in Sorge, dass es ihn nicht gibt.“

 

 

Wir reisen nach und gehen in Irland

IMG_915_1200Irland hat wunderbare Pilgerwege. Mit Weltanschauen werden wir im Herbst von MI 27. August bis SO 7. September einen der Wege „begehen“. Hier die näheren Details auf weltanschauen.at 

Das Versteck hinter den großen Worten

Sonnengesang_IMG_0319_1200Ich finde das eine gute Idee. „Predigen ohne Gott?“, lautet die Überschrift unter Pro und Contra im Publik Forum. Leider nicht online. Kathrin Oxen leitet das Zentrum für evangelische Predigtkultur in Wittenberg.  Sie erhielt 2009 den Preis für die „Beste Predigt“. Sie schreibt unter „Ja! Denn wir verstecken uns zu oft hinter großen Worten“. Sie hat die Aktion „Sieben Wochen ohne große Worte“ angestoßen. Sie fordert Predigerinnen und Prediger auf, in der Fastenzeit auf so große Worte wie „Liebe, Barmherzigkeit, Kreuz, Gnade, Trost, Hoffnung und auch Gott und Jesus“ zu verzichten. 7 x 7 große Worte führt sie an. 49.

Ruhe und Klarheit

Unser ganzes Leben sei eine Predigt und wenn es nicht anders geht, dann tun wir es auch mit Worten. Diese Lebensweisheit wird Franziskus dem Allerersten zugeschrieben. Wenn du predigen gehst, dann ist das Gehen die Predigt. Wir kennen das. 90 % erzählt die „Körpersprache“ und maximal 10 % die „Lippensprache“. Da ist es natürlich nicht weit zum Lippenbekenntnis. Große Worte kommen PredigerInnen immer wieder über die Lippen. Je tragischer der Anlass, umso größer werden oft die Worte. Der pathetische Honig breitet sich aus. Dabei geht es mir genau umgekehrt. Was kann ich noch sagen? Es befreit mich ungeheuer, dass wir auch zuhören können. Still sein können. Gemeinsam schweigen. Oft habe ich den Eindruck, dass „große Worte“ ablenken. Sie bremsen die Emotionen. Gerade heute habe ich ein längeres Telefonat mit einem Mann geführt, dem ich mich seelenverwandt fühle. Er ist im Krankenhaus „gelandet“. Er hat mir erzählt, „wie das alles gekommen ist“. Er begreift gerade, dass in dieser gesundheitlich nicht einfachen Situation für ihn zwei Dinge entscheidend werden: „Ruhe und Klarheit“. Ein buddhistisches Buch hat ihm das eröffnet und jetzt trifft es ihn als Christen. Das Handy in Ruhe lassen. Kein Muss aufkommen lassen. Nicht einfach für einen ruhelosen engagierten Menschen. Ruhe. Und Klarheit in den Gedanken. Die Reduktion. Mir selber fällt das „reine Herz“ ein. Das Wasser wird ruhig und du siehst weit hinunter auf den Grund. Das nimmt dir die Angst. Zuversicht kommt dir entgegen. Das Versteck war weg. Die großen Worte nicht im Raum. Die Leitung war klar. Ruhig unser Hin und Her im Reden und Zuhören. Die Pastorin hat recht mit ihrer Fastenaktion „Sieben Wochen ohne große Worte“.

 

Die 12 Apostelkerzen und der Pop(e)star

IMG_8961_1500Mehr als ein Jahr Papst Franziskus. Er wird bestaunt, gefeiert und beäugt wie ein Popstar. Er ist Mensch und agiert als Mensch. Nicht als klerikaler Amtsträger oder hochgelehrter Theologe.  Einfach, bescheiden und auf Augenhöhe mit denen, die zu ihm kommen. Er selber einfach unter Menschen. Beunruhigt sind die hohen Amtsträger um ihn. Männer. Das war auch das Charakteristikum des hl. Franziskus von Assisi. Auf Augenhöhe. Nicht von oben herab. Jesus war auch unter den Menschen, direkt und unmittelbar. Er kritisierte die,die von oben  den Menchen schwere Lasten schnürten. So hat er seine 12 Apostel „gesammelt“ und in die Nachfolge gestellt. Das waren keine perfekten Männer und Frauen. Es waren Menschen wie du und ich mit der Bereitschaft, aufzubrechen, Gewohntes hinten zu lassen, Fehler zu machen, über die Grenze zu gehen und doch immer auf Gott hin ausgerichtet sein. Die 12 Apostelkerzen an den tragenden Pfeilern in der St. Anna Kirche erinnern nicht nur an die Zwölf, sondern erinnern an unsere Taufe und Firmung, an unser Leben, das wir in die Nachfolge Jesu gestellt haben.  Dem Bischof von Rom ist diese unglaubliche weltweite Fokusierung auf seine Person manchmal „peinlich“. Der mediale Hype bringt jemanden weit nach oben und lässt oft dieselben Menschen tief hinunterfallen. Aber: Er lässt keine Gelegenheit aus, immer wieder alle dran zu erinnern, dass sie für Gott in dieser Welt stehen und gehen.  Nicht er alleine. Einfach, manchmal verbeult. Manchmal (zu) langsam. Ein Zahlenspiel für meine Heimatpfarre. 12 x 12 x 12 = 1.728. Das sind sogar mehr, als die St. Anna Pfarre katholische Mitglieder hat. Ist doch schön.

Empfindsam zu werden für das, was wirklich ist

Sr. Silke„Mehr oder weniger“ steht unter dem Menschen in den Kirchenzeitungen. Ein Waage ist aus der Balance. Unsere Zeit stellt die ganz massive Frage: mehr oder weniger. viel mehr oder wesentlich weniger. Das heutige Interview mit Sr. Silke Mallmann aus dem Kloster Wernberg in Kärnten soll viel Zeit bekommen, damit es in Ruhe und mit Wahrnehmung gelesen werden kann. Worte, die mich „angehen“, ganz persönlich.

Erlaube ich mir, dass nichts passiert?

„Es kommt immer darauf an, wie man die Zeit nutzt. Etwa beim Warten. Warten wird oft als öd erlebt. Die Frage ist, wie nutze ich meine Wartezeit? Hänge ich nur am Handy, stopfe ich alles Mögliche in mich hinein, oder erlaube ich mir auch, dass einmal nichts passiert? Wartezeiten sind ganz wichtige Zeiten, um empfindsam zu werden für das, was wirklich ist. An Bahnhöfen oder Flughäfen sitze ich sehr gerne und beobachte nur. Es ist wichtig, Zeiten zu haben, wo man wahrnimmt, was da ist. Eine Zeit, in der man Dinge geschehen, sich überraschen lassen kann.“ Sr. Silke geht einen Gedanken weiter: „Ich warte auf etwas Größeres, das ich mir selbst nicht geben kann. Solche Wartezeiten haben eine ganz tiefe Bedeutung. In der Wartezeit wächst auch die Sehnsucht. Wenn ich verliebt bin und auf den Geliebten warte, wächst in der Wartezeit auch die Sehnsucht.“ Diese Sehnsucht ist aus meiner Erfahrung der springende Punkt. Gibt es eine Sehnsucht nach dem Weniger, dem Wesentlichen, dem wesentlich Weniger in einer Zeit des immer Mehr?

Pisa ist abgesagt

wenigerGerade heute wird auf Twitter heftig darüber diskutiert, ob Österreich mit seinem Bildungssystem wegen des Datenlecks „Pause“ machen darf. Ich bin ja kein Bildungsexperte, der auf Zahlen und „vermessene Fakten“ angewiesen ist. ExpertInnen werden verhungern, wenn sie keine Zahlen am Tisch haben. Ich höre bei LehrerInnen und bei SchülerInnen, dass das Wort „Test“ im Laufe der Jahre ein bestimmtes defensives Verhalten produziert hat. Test-Völlerei mancherorts. Komma-Testen. Aber: Man versteht es schon, mit diesen Testungen umzugehen. „Studien“ haben ja schon bewiesen, dass nicht mehr das Können gemessen und getestet wird, sondern der Umgang mit dem Test. Ganz extrem dargestellt: Pisa misst nicht das Können, sondern wie SchülerInnen mit Pisa umgehen können. So wird der junge Mensch hineinformatiert in die Excel-Liste und den Abfragemodus. Keine Kreativität. Werden so SchülerInnen „empfindsam für das, was wirklich ist“? Die Fastenzeit ist eine große Chance durch das Weniger zu mehr Achtsamkeit, Empfindsamkeit, Empathie und Beziehung zu kommen. Ich schlage vor: Nicht nur Pisa absagen. Der Stern hat es ohnehin auf den Punkt gebracht: Abschalten. In die Luft schauen, Gegend vorbeiziehen lassen oder einfach ungeteilt mit Menschen reden und noch besser zuhören.

In den 5 Minuten stirbt er nicht

„Wenn bei uns jemand ins Krankenhaus eingeliefert wird, hetzen gleich alle und machen alles, was gerade medizinisch notwendig ist. In Afrika sind die Krankenschwestern hingegangen und haben erst einmal mit dem Patienten geredet. Die ersten zwei Jahre bin ich daneben gestanden und habe ständig gedacht: „Jetzt macht doch endlich etwas!“ Bis ich draufgekommen bin: In den fünf Minuten stirbt er nicht, sondern wesentlich ist genau dieses Gespräch.“ Mehr ist hier und heute nicht zu sagen. Ganz Ohr sein ist der erste Schritt zur Heilung.

Tomas Sedlacek und die Unterdrückung von unten

IMG_8834_900Ein Autounfall hat sein Kommen zum Syposium Dürnstein bis zuletzt in Frage gestellt. Ein Stock ist dem „ökonomischen Rotschopf“ Hilfe beim gehen aufs Podium. Wie immer legt er einen kleinen Notizblick vor sich hin, um darin zu blättern, ohne sich inhaltlich daran festzumachen. Sein Englisch ist klar verständlich. Er beginnt ganz vorne, bei Adam und schließlich bei Eva.

Entfremdung ist zentral

„Das Christentum wurd auf Moral reduziert. Das ist eine brutale Reduktion.“  Sedlacek betrachtet Gott und den Adam. Sie können einander in ihrer Beziehung nicht glücklich machen. Adam fühlte sich alleine. Da schuf Gott allerhand Getier und das Glück nimmt keinen Lauf. Er schuf Gott einen anderen Menschen, Eva und die Gesellschaft ist geboren.  Die Beziehung zu Gott hat den Menschen nicht glücklich gemacht. „There is a gap between himself and himself.“ Er spürt die Entfremdung von und zu sich selbst. Marx kritisierte die ökonomische Entfremdung. Es ist die ganzheitliche Entfremdung. Mir persönlich fallen Erfahrungen ein, die etwa so lauten: Bist du noch so glücklch, du kannst den Augenblick nicht festhalten. Der eschatologische Vorbehalt wirft dich immer wieder aus dem Himmel. „Entfremdung“ durchzieht das ganze Leben. Willst du vollkommen sein, sei „ganz fragmentarisch“.  Frei kannst du nur bleiben, wenn dieser „Spalt der Entfremdung“ offen bleibt.

Unterdrückung von unten

IMG_8824_900Tomas Sedlacek kommt zum „System“ und zur Unterdrückung. Heute haben die Menschen das Gefühl, von oben unter Druck zu kommen. Diese Form der Unterdrückung ist die „sichtbarste und erlebbarste“. Dann kommt der Ökonom auf die Unterdrückung von der Seite her. Kräfte, die dich aus der Spur bringen. Ich denke an den Schulweg von 50 Jahren als Siebenjährige, wo uns die winterlichen Stürme so vom Weg abgetrieben haben, dass wir schleißlich umkehren mussten. Unterdrückt von der Seite und das Ziel nicht erreicht. Sedlacek spricht auch die Unterdrückung von hinten kurz an, die heute zu einer Beschleunigung des Lebens führt. Die Bibel spricht gegen die Beschleunigung. Viel Mal wird dort von Faulheit gesprochen und achthundert Mal von „Überaktivität“. Das Sonntagsgebot wäre als Bremse eingebaut. „Wir haben ein Problem mit zu viel Arbeit. Es ist getan. Es muss ich mehr getan werden.“ Sedlacek fragt: „What do you do? Nothing, It’s done!“.  Wir werden von unten her unterdrückt. Das immer mehr Haben-Wollen, immer mehr Tun-Müssen. Persönlich habe ich oft die Idee, dass uns der steigende Wohlstand auf einen Level bringt, dass wir zwar herausgehoben werden aus dem „Schlamm der Nichtigkeit und der Klebemasse des Humgers“, aber dann an die Decke oben gedrückt werden und nicht mehr frei atmen können. Die materiellen Güter liegen vielen Menschen am Kopf und machen sie unfrei, isolieren sie und das Herz wird kalt. Wie sagte Franziskus in Lampedusa? Wir leben in einer Zeit der Apathie, Gefühlslosigkeit und der Gleichgültigkeit. Der Kopf steckt in der materiellen Wohlstandsdecke. Und von unten wird er systematisch weiter nach oben gedrückt. Unterdrückung von unten. Zu schön wäre es, wenn die einen ein paar Stufen herabsteigen würden und die materiellen Güter denen unter die Füsse legen, die in verelendeter Armut vegetieren (müssen). Ich fahre heimwärts und spüre: Es braucht einen Befreiung von allen Seiten.

Vernunft wird jetzt unvernünftig

1_Dürnstein_900„Die Krise und das Gute Leben“ lautet der Titel des Symposiums von 6. – 8. März 2014 in Dürnstein. Namhafte ExpertInnen haben Leben, Arbeit, Religion, Philosophie und Politik „beleuchtet“. Heute war der Beitrag der Religionen zum Guten Leben das Thema. Katholikin, Muslimin und Philosoph nahmen Platz. Mein kleines Büchlein liegt auf dem Knie für den einen oder anderen Satz. Es wurden mehrere. Auf der Heimfahrt habe ich sie in die Tastatur „geklopft“. Sie sollen mir lesbar in Erinnerung bleiben. „Weil Gutes Leben kein Individualprogramm ist“, teile ich es mit den Leserinnen und Lesern dieses Blogs.

Ambivalenzunfähigkeit

Der Philosoph Robert Pfaller: „Derzeit spielt sich die Vernunft als besondere Instanz auf, um nur ja alles gesund, sicher und nachhaltig zu gestalten. Die Vernunft läuft Gefahr unvernünftig zu werden und das Gute Leben zu verhindern.“ Das berührt mich. „Allen Vergnügungen haftet etwas Ungutes an und deshalb kann der Mensch heute nicht mehr genießen.“ Die Theologin Theresia Heimerl spinnt den Gedanken weiter: „Man wirbt heute mit nichts so gut wie mit der Sünde. Sündhaft gut zeigt die Ambivalenz zu moralisch, sinnlich und ästhetisch gut. Der Mensch in der Diagonale von exzessiven Genuß und rauschhafter Askese. Wir tun uns in der Religion mit der Ambivalenz schwer.“ Da kommt im Kopf meine Ellipse auf, die immer zwei Brennpunkte hat. Die Dozentin Amani Abuzahra kommt gleich am Punkt: „Als Mensch ist jede und jeder eigenverantwortlich und da können rauschhafte Zustände hinderlich sein. Das Selbstbewußtsein darf nicht versperrt werden. Von dort kommt das Alkoholverbot im Islam. Es ist immer die Frage: Was und wie genieße ich und was kann es für Folgen haben. Das verbinden wir Muslime mit dem Genuß.“

Wofür lohnt es sich

2_Dürnstein_900Pfaller: „Genussfähigkeit geht von der ganz einfachen und doch tiefen Frage aus: Wofür lohnt es sich zu leben? Heute erleben und leben wir in einer Gesundheitsreligion, die uns eigentlich kaputt macht. Alles muss gesund und sicher sein.“ Die überfüllten Ordinationen erinnern an die Schlangen vor den Beichstühlen. Heimerl sieht daher in der Religion einen Entspannungsmoment in Richtung Gesundheitsreligion: „Du musst nicht alles jetzt hinbekommen und du musst dich nicht dauernd optimieren. Es lebt sich entspannter in der Dimension des Reiches Gottes und der Ewigkeit. Außerdem bleibt die Frage drängend, was mit denen passiert, denen das Leben nicht glückt. Dieses geglückte Leben klingt allerdings auch nach „Plansoll“. Davon sind wir als religiöse Menschen befreit.“ Innerer Applaus. Gott nie gesagt: Es ist perfekt. Er hat gesagt: Es ist gut. Abuzahra sieht in der Religion Orientierung und Anleitung in Richtung Gutes Leben: „Die drei immer wiederkehrenden Buchstaben in vielen Worten ’slm‘ schließen auf Frieden. Gutes Leben hat viel mit dem Zustand des Friedens mit sich selber, dem Mitmenschen, der Schöpfung und mit Gott zu tun. Es geht um friedvolle Beziehungen.“ Sie spricht von einer neuen Perspektive auf das Leben, das Zusammenleben und Verstehen.

Die Leere bedroht den Menschen

3_Dürnstein_900Heimerl sieht die besondere Herausforderung für den einzelnen und der Gesellschaft in der „drängenden Leere“. Da kann ein transzendenter Rahmen hilfreich sein. Pfaller erinnert an seinen Kollegen Pascal, der gemeint hat: „Die, die nichts glauben, glauben jeden Mist.“ Er sieht in der Frage – „Ist das Leben das, was es sein kann“ – einen dauernden Anstoß. Alle drei stimmten überein, „dass Gutes Leben kein Individualprogramm ist.“ Religion bietet ein tiefes Orientierungssystem und wenn das wegfällt ist erwiesen, dass sich Leben reduziert. Zehn Jahre früher sind die Männer im Kommunismus gestorben, Propst Fürnsinn bringt sich mit seiner Erfahrung ein und alle hören gespannt zu: „Klöster haben über Jahrhunderte Gutes Leben eingeübt und in Gemeinschaft gesucht. Bewährt hat sich dabei Meditation, Stille, Gebet, Gemeinschaft, Arbeit, miteinander essen, Gespräche und Freiraum für Rückzug. Das muss immer wieder neu gelebt und gesucht werden entlang der großen Erzählungen aus der Bibel und der Ordensgeschichte und entlang der Ordensregel.“ Heimerl: „Das gute Leben ist nicht immer das, was gerade gesellschaftlich so definiert wird. Mit Blick auf die Jesusgeschichte sehen wir, dass scheinbares Scheitern auch erfülltes Leben hervorbringen kann.“ Stimmt: Scheitern ist oft mit Wehen für das Neue verbunden. Abuzahra: „Die großen Erzählungen der Religionen sind heute sicher noch wirksam, aber vielleicht fehlen Erzählstränge wie die der Frauen oder von Minderheiten.“ Sehr vernünftig. Applaus.