Die 12 Apostelkerzen und der Pop(e)star

IMG_8961_1500Mehr als ein Jahr Papst Franziskus. Er wird bestaunt, gefeiert und beäugt wie ein Popstar. Er ist Mensch und agiert als Mensch. Nicht als klerikaler Amtsträger oder hochgelehrter Theologe.  Einfach, bescheiden und auf Augenhöhe mit denen, die zu ihm kommen. Er selber einfach unter Menschen. Beunruhigt sind die hohen Amtsträger um ihn. Männer. Das war auch das Charakteristikum des hl. Franziskus von Assisi. Auf Augenhöhe. Nicht von oben herab. Jesus war auch unter den Menschen, direkt und unmittelbar. Er kritisierte die,die von oben  den Menchen schwere Lasten schnürten. So hat er seine 12 Apostel „gesammelt“ und in die Nachfolge gestellt. Das waren keine perfekten Männer und Frauen. Es waren Menschen wie du und ich mit der Bereitschaft, aufzubrechen, Gewohntes hinten zu lassen, Fehler zu machen, über die Grenze zu gehen und doch immer auf Gott hin ausgerichtet sein. Die 12 Apostelkerzen an den tragenden Pfeilern in der St. Anna Kirche erinnern nicht nur an die Zwölf, sondern erinnern an unsere Taufe und Firmung, an unser Leben, das wir in die Nachfolge Jesu gestellt haben.  Dem Bischof von Rom ist diese unglaubliche weltweite Fokusierung auf seine Person manchmal „peinlich“. Der mediale Hype bringt jemanden weit nach oben und lässt oft dieselben Menschen tief hinunterfallen. Aber: Er lässt keine Gelegenheit aus, immer wieder alle dran zu erinnern, dass sie für Gott in dieser Welt stehen und gehen.  Nicht er alleine. Einfach, manchmal verbeult. Manchmal (zu) langsam. Ein Zahlenspiel für meine Heimatpfarre. 12 x 12 x 12 = 1.728. Das sind sogar mehr, als die St. Anna Pfarre katholische Mitglieder hat. Ist doch schön.

Empfindsam zu werden für das, was wirklich ist

Sr. Silke„Mehr oder weniger“ steht unter dem Menschen in den Kirchenzeitungen. Ein Waage ist aus der Balance. Unsere Zeit stellt die ganz massive Frage: mehr oder weniger. viel mehr oder wesentlich weniger. Das heutige Interview mit Sr. Silke Mallmann aus dem Kloster Wernberg in Kärnten soll viel Zeit bekommen, damit es in Ruhe und mit Wahrnehmung gelesen werden kann. Worte, die mich „angehen“, ganz persönlich.

Erlaube ich mir, dass nichts passiert?

„Es kommt immer darauf an, wie man die Zeit nutzt. Etwa beim Warten. Warten wird oft als öd erlebt. Die Frage ist, wie nutze ich meine Wartezeit? Hänge ich nur am Handy, stopfe ich alles Mögliche in mich hinein, oder erlaube ich mir auch, dass einmal nichts passiert? Wartezeiten sind ganz wichtige Zeiten, um empfindsam zu werden für das, was wirklich ist. An Bahnhöfen oder Flughäfen sitze ich sehr gerne und beobachte nur. Es ist wichtig, Zeiten zu haben, wo man wahrnimmt, was da ist. Eine Zeit, in der man Dinge geschehen, sich überraschen lassen kann.“ Sr. Silke geht einen Gedanken weiter: „Ich warte auf etwas Größeres, das ich mir selbst nicht geben kann. Solche Wartezeiten haben eine ganz tiefe Bedeutung. In der Wartezeit wächst auch die Sehnsucht. Wenn ich verliebt bin und auf den Geliebten warte, wächst in der Wartezeit auch die Sehnsucht.“ Diese Sehnsucht ist aus meiner Erfahrung der springende Punkt. Gibt es eine Sehnsucht nach dem Weniger, dem Wesentlichen, dem wesentlich Weniger in einer Zeit des immer Mehr?

Pisa ist abgesagt

wenigerGerade heute wird auf Twitter heftig darüber diskutiert, ob Österreich mit seinem Bildungssystem wegen des Datenlecks „Pause“ machen darf. Ich bin ja kein Bildungsexperte, der auf Zahlen und „vermessene Fakten“ angewiesen ist. ExpertInnen werden verhungern, wenn sie keine Zahlen am Tisch haben. Ich höre bei LehrerInnen und bei SchülerInnen, dass das Wort „Test“ im Laufe der Jahre ein bestimmtes defensives Verhalten produziert hat. Test-Völlerei mancherorts. Komma-Testen. Aber: Man versteht es schon, mit diesen Testungen umzugehen. „Studien“ haben ja schon bewiesen, dass nicht mehr das Können gemessen und getestet wird, sondern der Umgang mit dem Test. Ganz extrem dargestellt: Pisa misst nicht das Können, sondern wie SchülerInnen mit Pisa umgehen können. So wird der junge Mensch hineinformatiert in die Excel-Liste und den Abfragemodus. Keine Kreativität. Werden so SchülerInnen „empfindsam für das, was wirklich ist“? Die Fastenzeit ist eine große Chance durch das Weniger zu mehr Achtsamkeit, Empfindsamkeit, Empathie und Beziehung zu kommen. Ich schlage vor: Nicht nur Pisa absagen. Der Stern hat es ohnehin auf den Punkt gebracht: Abschalten. In die Luft schauen, Gegend vorbeiziehen lassen oder einfach ungeteilt mit Menschen reden und noch besser zuhören.

In den 5 Minuten stirbt er nicht

„Wenn bei uns jemand ins Krankenhaus eingeliefert wird, hetzen gleich alle und machen alles, was gerade medizinisch notwendig ist. In Afrika sind die Krankenschwestern hingegangen und haben erst einmal mit dem Patienten geredet. Die ersten zwei Jahre bin ich daneben gestanden und habe ständig gedacht: „Jetzt macht doch endlich etwas!“ Bis ich draufgekommen bin: In den fünf Minuten stirbt er nicht, sondern wesentlich ist genau dieses Gespräch.“ Mehr ist hier und heute nicht zu sagen. Ganz Ohr sein ist der erste Schritt zur Heilung.

Tomas Sedlacek und die Unterdrückung von unten

IMG_8834_900Ein Autounfall hat sein Kommen zum Syposium Dürnstein bis zuletzt in Frage gestellt. Ein Stock ist dem „ökonomischen Rotschopf“ Hilfe beim gehen aufs Podium. Wie immer legt er einen kleinen Notizblick vor sich hin, um darin zu blättern, ohne sich inhaltlich daran festzumachen. Sein Englisch ist klar verständlich. Er beginnt ganz vorne, bei Adam und schließlich bei Eva.

Entfremdung ist zentral

„Das Christentum wurd auf Moral reduziert. Das ist eine brutale Reduktion.“  Sedlacek betrachtet Gott und den Adam. Sie können einander in ihrer Beziehung nicht glücklich machen. Adam fühlte sich alleine. Da schuf Gott allerhand Getier und das Glück nimmt keinen Lauf. Er schuf Gott einen anderen Menschen, Eva und die Gesellschaft ist geboren.  Die Beziehung zu Gott hat den Menschen nicht glücklich gemacht. „There is a gap between himself and himself.“ Er spürt die Entfremdung von und zu sich selbst. Marx kritisierte die ökonomische Entfremdung. Es ist die ganzheitliche Entfremdung. Mir persönlich fallen Erfahrungen ein, die etwa so lauten: Bist du noch so glücklch, du kannst den Augenblick nicht festhalten. Der eschatologische Vorbehalt wirft dich immer wieder aus dem Himmel. „Entfremdung“ durchzieht das ganze Leben. Willst du vollkommen sein, sei „ganz fragmentarisch“.  Frei kannst du nur bleiben, wenn dieser „Spalt der Entfremdung“ offen bleibt.

Unterdrückung von unten

IMG_8824_900Tomas Sedlacek kommt zum „System“ und zur Unterdrückung. Heute haben die Menschen das Gefühl, von oben unter Druck zu kommen. Diese Form der Unterdrückung ist die „sichtbarste und erlebbarste“. Dann kommt der Ökonom auf die Unterdrückung von der Seite her. Kräfte, die dich aus der Spur bringen. Ich denke an den Schulweg von 50 Jahren als Siebenjährige, wo uns die winterlichen Stürme so vom Weg abgetrieben haben, dass wir schleißlich umkehren mussten. Unterdrückt von der Seite und das Ziel nicht erreicht. Sedlacek spricht auch die Unterdrückung von hinten kurz an, die heute zu einer Beschleunigung des Lebens führt. Die Bibel spricht gegen die Beschleunigung. Viel Mal wird dort von Faulheit gesprochen und achthundert Mal von „Überaktivität“. Das Sonntagsgebot wäre als Bremse eingebaut. „Wir haben ein Problem mit zu viel Arbeit. Es ist getan. Es muss ich mehr getan werden.“ Sedlacek fragt: „What do you do? Nothing, It’s done!“.  Wir werden von unten her unterdrückt. Das immer mehr Haben-Wollen, immer mehr Tun-Müssen. Persönlich habe ich oft die Idee, dass uns der steigende Wohlstand auf einen Level bringt, dass wir zwar herausgehoben werden aus dem „Schlamm der Nichtigkeit und der Klebemasse des Humgers“, aber dann an die Decke oben gedrückt werden und nicht mehr frei atmen können. Die materiellen Güter liegen vielen Menschen am Kopf und machen sie unfrei, isolieren sie und das Herz wird kalt. Wie sagte Franziskus in Lampedusa? Wir leben in einer Zeit der Apathie, Gefühlslosigkeit und der Gleichgültigkeit. Der Kopf steckt in der materiellen Wohlstandsdecke. Und von unten wird er systematisch weiter nach oben gedrückt. Unterdrückung von unten. Zu schön wäre es, wenn die einen ein paar Stufen herabsteigen würden und die materiellen Güter denen unter die Füsse legen, die in verelendeter Armut vegetieren (müssen). Ich fahre heimwärts und spüre: Es braucht einen Befreiung von allen Seiten.

Vernunft wird jetzt unvernünftig

1_Dürnstein_900„Die Krise und das Gute Leben“ lautet der Titel des Symposiums von 6. – 8. März 2014 in Dürnstein. Namhafte ExpertInnen haben Leben, Arbeit, Religion, Philosophie und Politik „beleuchtet“. Heute war der Beitrag der Religionen zum Guten Leben das Thema. Katholikin, Muslimin und Philosoph nahmen Platz. Mein kleines Büchlein liegt auf dem Knie für den einen oder anderen Satz. Es wurden mehrere. Auf der Heimfahrt habe ich sie in die Tastatur „geklopft“. Sie sollen mir lesbar in Erinnerung bleiben. „Weil Gutes Leben kein Individualprogramm ist“, teile ich es mit den Leserinnen und Lesern dieses Blogs.

Ambivalenzunfähigkeit

Der Philosoph Robert Pfaller: „Derzeit spielt sich die Vernunft als besondere Instanz auf, um nur ja alles gesund, sicher und nachhaltig zu gestalten. Die Vernunft läuft Gefahr unvernünftig zu werden und das Gute Leben zu verhindern.“ Das berührt mich. „Allen Vergnügungen haftet etwas Ungutes an und deshalb kann der Mensch heute nicht mehr genießen.“ Die Theologin Theresia Heimerl spinnt den Gedanken weiter: „Man wirbt heute mit nichts so gut wie mit der Sünde. Sündhaft gut zeigt die Ambivalenz zu moralisch, sinnlich und ästhetisch gut. Der Mensch in der Diagonale von exzessiven Genuß und rauschhafter Askese. Wir tun uns in der Religion mit der Ambivalenz schwer.“ Da kommt im Kopf meine Ellipse auf, die immer zwei Brennpunkte hat. Die Dozentin Amani Abuzahra kommt gleich am Punkt: „Als Mensch ist jede und jeder eigenverantwortlich und da können rauschhafte Zustände hinderlich sein. Das Selbstbewußtsein darf nicht versperrt werden. Von dort kommt das Alkoholverbot im Islam. Es ist immer die Frage: Was und wie genieße ich und was kann es für Folgen haben. Das verbinden wir Muslime mit dem Genuß.“

Wofür lohnt es sich

2_Dürnstein_900Pfaller: „Genussfähigkeit geht von der ganz einfachen und doch tiefen Frage aus: Wofür lohnt es sich zu leben? Heute erleben und leben wir in einer Gesundheitsreligion, die uns eigentlich kaputt macht. Alles muss gesund und sicher sein.“ Die überfüllten Ordinationen erinnern an die Schlangen vor den Beichstühlen. Heimerl sieht daher in der Religion einen Entspannungsmoment in Richtung Gesundheitsreligion: „Du musst nicht alles jetzt hinbekommen und du musst dich nicht dauernd optimieren. Es lebt sich entspannter in der Dimension des Reiches Gottes und der Ewigkeit. Außerdem bleibt die Frage drängend, was mit denen passiert, denen das Leben nicht glückt. Dieses geglückte Leben klingt allerdings auch nach „Plansoll“. Davon sind wir als religiöse Menschen befreit.“ Innerer Applaus. Gott nie gesagt: Es ist perfekt. Er hat gesagt: Es ist gut. Abuzahra sieht in der Religion Orientierung und Anleitung in Richtung Gutes Leben: „Die drei immer wiederkehrenden Buchstaben in vielen Worten ’slm‘ schließen auf Frieden. Gutes Leben hat viel mit dem Zustand des Friedens mit sich selber, dem Mitmenschen, der Schöpfung und mit Gott zu tun. Es geht um friedvolle Beziehungen.“ Sie spricht von einer neuen Perspektive auf das Leben, das Zusammenleben und Verstehen.

Die Leere bedroht den Menschen

3_Dürnstein_900Heimerl sieht die besondere Herausforderung für den einzelnen und der Gesellschaft in der „drängenden Leere“. Da kann ein transzendenter Rahmen hilfreich sein. Pfaller erinnert an seinen Kollegen Pascal, der gemeint hat: „Die, die nichts glauben, glauben jeden Mist.“ Er sieht in der Frage – „Ist das Leben das, was es sein kann“ – einen dauernden Anstoß. Alle drei stimmten überein, „dass Gutes Leben kein Individualprogramm ist.“ Religion bietet ein tiefes Orientierungssystem und wenn das wegfällt ist erwiesen, dass sich Leben reduziert. Zehn Jahre früher sind die Männer im Kommunismus gestorben, Propst Fürnsinn bringt sich mit seiner Erfahrung ein und alle hören gespannt zu: „Klöster haben über Jahrhunderte Gutes Leben eingeübt und in Gemeinschaft gesucht. Bewährt hat sich dabei Meditation, Stille, Gebet, Gemeinschaft, Arbeit, miteinander essen, Gespräche und Freiraum für Rückzug. Das muss immer wieder neu gelebt und gesucht werden entlang der großen Erzählungen aus der Bibel und der Ordensgeschichte und entlang der Ordensregel.“ Heimerl: „Das gute Leben ist nicht immer das, was gerade gesellschaftlich so definiert wird. Mit Blick auf die Jesusgeschichte sehen wir, dass scheinbares Scheitern auch erfülltes Leben hervorbringen kann.“ Stimmt: Scheitern ist oft mit Wehen für das Neue verbunden. Abuzahra: „Die großen Erzählungen der Religionen sind heute sicher noch wirksam, aber vielleicht fehlen Erzählstränge wie die der Frauen oder von Minderheiten.“ Sehr vernünftig. Applaus.

Der Schnee des Pessimismus und das Eis des Zynismus

8764_600„Wann bist du alt?“ Diese Frage schwebte in den letzten Tagen durch mein Leben. Es kam weniger aus der eigenen Situation, sondern mehr aus den Begegnungen und Erfahrungen. Drei Tage durfte ich als „Mitbruder“ mit den Ordensoberinnen in Vöcklabruck tagen. Stichwort: „altersgemäß leben“. Am Ende der Tagung erreichte uns ein Fax des Bischofs von Rom mit dem Wunsch, dass das Zusammenleben der Jungen und Alten gelingen möge. Der abendliche Besuch bei meiner 84-jährigen Mutter zeigt immer wieder Lebenswillen und -freude. Heute besuchen wir meine Deutschprofessorin Sr. Roswitha Reischl mit ihren 88 Jahren in Bad Mühllacken. Sie ist ganz „begierig“ auf neuen Lesestoff. Sie ist hellwach, obwohl sie Schmerzen mitzutragen hat. Heute Vormittag begegnet mir in der St. Anna Kirche dieser Text nach der Kommunion und er „trifft“. Mit dem Verzicht auf Begeisterung….

Ab wann sind wir wirklich alt?

6555_600Albert Schweizer fand eine ganz eigene Art, das Alter zu zählen: „Niemand werde alt, nur weil er eine Anzahl Jahre hinter sich gebracht habe. Alt werde man nur, wenn man seinen Idealen Lebewohl sage: „Mit den Jahren runzelt die Haut, mit dem Verzicht auf Begeisterung aber runzelt die Seele. Sorgen, Zweifel, Mangel an Selbstvertrauen, Angst und Hoffnungslosigkeit – das sind die langen Jahre, die das Haupt zur Erde ziehen und den aufrechten Gang in den Staub beugen.“ Erst wenn die Flügel nach unten hängen und das Innere des Herzens vom „Schnee des Pessimismus“ und vom „Eis des Zynismus“ bedeckt werden, erst dann sei man wirklich alt.

 

Rückzug aus der Zukunft oder Aufbruch dorthin

Blog_3Der Saal in St. Klara in Vöcklabruck ist dicht gefüllt. Annähernd 100 Höhere Oberinnen der Frauenorden in Österreich haben sich zu ihrer Jahrestagung 2014 versammelt. Ich darf als „Mitbruder“ diese 2 1/2 Tage dabei sein. Ich spüre Wohlwollen und großes Vertrauen. Innerlich kommt große Dankbarkeit auf, dass ich miterleben darf, wie Gemeinschaften ihren Weg im Heute suchen, gestalten, anpassen und sich querlegen wollen zum Mainstream der Gesellschaft. Die Gesprächsbasis erlebe ich als offen, engagiert, hinhörend und empathisch. Ich weiß ja nicht, welche Bilder in den Köpfen der meisten Menschen auftauchen, wenn sie „Schwestern“ oder „Ordensfrauen“ hören. Ich sehe: Es ist ein ganz offenes Wort, auf Augenhöhe miteinander, es wird gesungen, gelacht und es tritt Stille ein. Ein tiefes verbindendes spirituelles Band sehe ich immer wieder vor meinem Auge. Ich weiß und spüre es: ich bin privilegiert, dass ich da sein darf.

Altersgemäß leben in Gemeinschaft

Blog_1Ich erinnere mich an einen Benediktiner, der gemeint hat, dass der Vergleich mit „Früher“ nicht zielführend ist. Diese vergleichende Schauen zieht hinunter, weil wir zu wenig weit zurückschauen. Es gab einen „Peak“ an Ordenseintritten in den 50er und 60er Jahren und dem „trauern“ wir nach. Außerdem: Wann wird es wieder so, wie es nie war. Die Folge sind auch heute viele ältere Ordensfrauen und -männer in den Gemeinschaften. Wie in der Gesellschaft allgemein spielt das Alter eine dominierende Rolle. Hier spüre ich, dass diese alten Mitschwestern nicht abgeschoben werden sollen und doch eine Balance gefunden werden muss zusammen mit den wenigen Jungen. Die Jungen sind wenige und deshalb in der Minderheit. Wie in der Gesellschaft allgemein. Ich erinnere mich als Nikolaus an eine Familie, wo ein Kind und 11 Erwachsene im Raum waren. Ich wollte als Nikolaus dem Kind beistehen, damit es nicht von den „erwachsenen Erwartungen und Projektionen“ erdrückt wird. Hier stellt man sich der Herausforderung. Altersgemäß leben und in Gemeinschaft bleiben. Freiräume für die Jungen schaffen. Individualität positiv sehen und Beziehungen und Lebensumfeld der Jungen nicht einfach abschneiden. Die Offenheit und Bereitschaft für Neues ist da, spürbar.

Ein Zukunftsbild prägt das konkrete Heute

Blog_2Sr. Ruth Pucher hat auf wunderbare Weise die heutigen Jungen charakterisiert. Fünf Novizinnen, Postulantinnen, Kandidatinnen hat sich lebensgroß an die Wand gemalt. Ihre Lebenssichten und Wünsche hat sie anschaulich dargestellt. Aus meiner Sicht und Erfahrung: wirklich treffend und lebendig. Bei den allermeisten ist eine große Neugierde geweckt worden und spürbar. Ja, wir wollen uns diesen heutigen Jungen stellen, Räume aufmachen, wo sie Platz zur Entfaltung finden. Ich selber denke oft an meine „Zukunftsarbeit“ und die drei Arten, wie wir in die Zukunft kommen. 1. Linear von der Vergangenheit durch das Jetzt ohne Veränderung in die Zukunft. Durchhalten. 2. Das Jetzt analysieren im Blick aus der Vergangenheit und „optimiert“ ohne große Veränderungen in die Zukunft gehen. Angepasst durchhalten.  3. Ein Zukunftsbild entwickeln und von dort her für das Jetzt  Blog_4und Heute die Handlungsanleitungen entwickeln. Neu aufbrechen. Es war mir ein Anliegen, diesen Gedanken von der Zukunft und dem Zukunftsbild einzubringen. Aus den Rückmeldungen spüre ich, dass das die tiefe Sehnsucht vieler hier ist. Kein Rückzug aus der Zukunft, sondern der Aufbruch dorthin. Irgendwie denke ich mir heute Abend, „wo überall der Opernball läuft“, ob es sonst irgendwo in unserer Gesellschaft so viel Freiraum gibt als in den Ordensgemeinschaften, „das Eigene“ als Berufung zu leben und das in einer Community, gemeinschaftlich, sozusagen als Co-Housing-Projekt, mit spiritueller Verankerung. Ich spüre es in der kleinen Zehe, dass es Gemeinschaften gibt, die sich die Freiheit nehmen und geben und sagen: Kommt und lebt einen neuen Prototypen von Ordensleben, von der Zukunft her im Heute. Irgendwie denke ich mir, dass alle Ordensgründerinnen und Ordensgründer genauso „gedacht und gehandelt haben“, in ihrer Zeit. Sie haben zB Häuser gesehen, wo gebildet, gepflegt, gebetet, gehört, „gesundet“, geheilt wird.
Auch wenn es „da draußen“ niemand glaubt, aber „da drinnen“ ist Raum dafür.

 

 

 

Impro-Theater, eine Predigt und die Tunnel-Bühne der Politik

Die Kammerspiele in Linz sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Gemischtes und gesprächiges Pulikum. Am Programm: „Impro-Landesmeisterschaft 2014“. Wir sehen das Finale der drei letzten Gruppen.

Kreativität auf der Bühne

1_ImproUnser Sohn Mathias ist mit der „Humorvorsorge“ dabei. Die beiden Moderatorinnen sind top fit und wärmen das Publikum auf. Der Theaterraum verschmilzt in diesem Fall mit dem Bühnenraum. Stichworte kommen aus dem Publikum und auf der Bühne geht es innerhalb von Sekunden los. Alles improvisiert. Ein einziger kreativer Akt, mit der spontanen Themenstellung und dem hineingerufenen Ort der Handlung umzugehen. 4 Minuten lang. Innerhalb kurzer Zeit Lacher und ernste Miene. Jury und Publikum geben eine „Bewertung“ ab. Applausometer und farbige Karten. Innerhalb kürzester Zeit erfasst den gesamten Raum eine pulsierende Atmosphäre. Handlungs- und Lösungsorientierung pur.  Es macht unglaublich Spass, hier dabei zu sein. Nach 2 ½ Stunden steht die Siegergruppe fest, die „Humorvorsoger“. Ganz knapp. Es ist keine Goldmedaille, sondern einfach der Ansporn, die theatralischen Gaben in improvisierter Kreativität weiter zu entfalten.

Kreativität in die Politik

2_ImproPolitikerInnen habe ich keine gesehen.  Entweder ist die Politik ohnehin ein einziges Impro-Theater, was mir beim Wort #Hypo plausibel erscheint. Und wenn es so ist, dann gibt es einen gewaltigen Unterschied. In den Kammerspielen ist das Publikum uneingeschränkt „dabei“, Impulse gehen von dort aus. In der Politik ist der unendlich weite Medien-Graben zwischen den Akteuren auf der politischen Tunnel-Bühne und dem Volk. Kein Wort, keine Idee, keine Emotion kommen vom Volk nach dort. Ich komme mir hier eher vor, als ob ich in einen finsteren Tunnel hineinrufe und kein Funke einer Reaktion. Katastrophen-Regie, Medien-Kanäle und Politik-Tunnels entbehren jeder Kreativität und einer echten Inspiration aus dem Volk. Echte, spontane Begegnung findet nicht statt. Irgendwie fände ich es nicht nur lustig, das Problem #Hypo als Impro-Theater in das Parlament zu bringen.

Kreativität auf dem Jesusweg

3_christianChristian Freisleben-Teutscher hat mit seiner Predigt am folgenden Sonntag Vormittag für mich den Bogen fertig gespannt. „Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, halte auch die linke hin.“ So haben wir es an diesem Sonntag  im Evangelium gehört. „Soll ich in der Straßenbahn einem, der mir die Handtasche wegnimmt, auch noch nachlaufen und ihm das Geldtascherl nachreichen, weil ich es in der Manteltasche hatte?“ Zwei Jugendliche vor mir schmunzeln. Sie fühlen sich angesprochen. Aktive Gewaltfreiheit ist für Christian das Thema. Das trifft mich ganz persönlich. Er erzählt von der 84-jährigen Ordensfrau  Megan Rice, die zu drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, weil sie in ihrem Protest gegen Atomsprengköpfe in den Hochsicherheitstrakt eingedrungen ist. Drei praktische Thesen stellt Christian in den sehr gut gefüllten Kirchenraum: 1. Abrüstung der Worte und viel Fantasie, um aus demütigenden und verfahrenen Situationen herauszukommen. 2. Gegen jede Vernunft vergeben, Muster mutig durchbrechen. 3. Gegenseitige Achtsamkeit, Neugier und die Lust, an gemeinsamen Ideen und Projekten zu arbeiten. Improvisation, Kreativität und Offenheit für ganz Neues hat den Weg Jesu gesäumt. Danke Humorvorsorge. Danke Christian.

Vom Leben und Klischee der Ordensfrauen

Es war die Präsidentin der Frauenorden in Österreich Sr. Beatrix Mayrhofer, die mir in einem morgendlichen Email ihre Beobachtung mitgeteilt hat. Dazu später. Gestern haben beim Medienempfang nicht nur sie und der Vorsitzenden Abtpräses Christian Haidinger das Wort ergriffen. Auch junge Ordensfrauen kamen zu Wort.

Transformationen am Weg

Die anwesenden JournalistInnen waren sehr aufmerksam. Das Feedback auf den Abend wurde sehr häufig mit „sehr interessant“ zusammengefasst. Sr. Brigitte Thalhammer ist Provinzleiterin der Salvatorianerinnen in Österreich. Sie hat sehr anschaulich die Veränderungen in der Entwicklung ihrer Ordensgemeinschaft geschildert. Ist 1980 eine Novizin eingetreten, so musste sie das Ordensgewand ausfassen. Tritt heute eine Novizin ein (sie haben 3), so muss sie das Ordensgewand extra beantragen. Es ist mehr Individualität eingekehrt und die Hierarchien sind flach. Augenhöhe ist ein zentraler Begriff. Dann haben drei junge Ordensfrauen das Wort ergriffen. Die ZuhörerInnen waren noch aufmerksamer. Neugierde und Surprise hat sich im Raum ausgebreitet. Dann hört mein Ohr: „Jede Novizin ist heute soetwas wie eine Gründerin.“ Das ICH bringt etwas mit in diese Welt und will diese Berufung, diesen Beitrag, den Dienst an den Menschenheute in einem WIR zur Entfaltung bringen. Die Novizin Sr. Ingrid Dullnig ist Betriebswirtin, Theologin und ehemalige Radrennsportlerin. Ein Fernsehstation hat heute schon angerufen. Sie wollen diese Novizin vorstellen als „Gegenüber“ zum Film „Die Nonne“. Leben gegen Klischee.

Mediale Wahrnehmung und Darstellung

nonne_klischee_newsZurück zur Beobachtung von Sr. Beatrix Mayrhofer. „Die Nonne die in eine Atomanlage einbrach.“ So lautet der Titel im Standard. Unglaublich mutige Tat. Jetzt wird diese Ordensfrau verurteilt. Die Sache selber kann man gut nachlesen, gestern in fast allen Medien. Ich selber habe 2011 in New Orleans bei den Homeless People genau solche unerschrockene und engagierte Ordensfrauen kennengelernt. Auch im News Magazin (kein Link) war die Story zu lesen. Das Foto war allerdings entlarvend. Stellte der Standard die lebensfrohe Nonne selbst ins Bild, so bediente News genau das Klischees. Nonne_USAEin Foto aus der Kiste „Hollywood“ oder „Bulle von Tölz“ musste herhalten. Imagefoto. Wir spüren auf Anhieb: Das Klischee stimmt überhaupt nicht mir der Sachlage zusammen. Ein Befund und doch zwei Welten. Die eine Welt ist in den USA, wo Nonnen einen unglaublich hohen Stellenwert bei den Menschen haben. Das muss auch der Vatikan neidlos anerkennen. Sie stehen dort auf der Seite der Schwachen, der Entrechteten und gegen Ungerechtigkeit. Hier in Österreich gibt es Medien, die lieber Klischees bedienen. Aber: Wer möchte von den Jungen schon in einem Klischee leben? Da fällt mir eine Bitte an die Medien ein: Schaut bitte genau hin. Macht euch selbst ein Bild. Da ist dort und da ganz neues Leben. Stellt diese Leben der Ordensfrauen neben die Klischees. Um der Menschen willen. Es bleibt die Frage: Welches Bild ist echt?