Vorgetragene Resignation und gesprochene Erneuerung

BischöfeDer Ad-limina-Besuch hat begonnen. Kardinal Schönborn hat in Rom dem Radio Vatikan ein Interview gegeben, das von der Kathpress zusammengefasst wurde. Wer das Interview aufmerksam liest und nicht in den Details hängen bleibt, wird einen resignativen Unterton merken. Alles ist anders und kleiner geworden. Das liest sich dann so. „Diese Kirche wandle „sich ganz deutlich von einer Volkskirche zu einer Entscheidungskirche“, so der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz: „Es hat sich insgesamt die Struktur der Kirche, aber vor allem das Leben der Kirche in den letzten sechzig Jahren radikal verändert, die Pfarrgemeinde ist eine kleine Schar geworden.“ Hätte sie nicht werden müssen, wenn die Bischöfe Wandlungsprozesse gefördert und nicht verhindert hätten.

Die Pfarrgemeinschaften wollen leben

CreativePersönlich macht mich eine solche Betrachtungsweise traurig, wo die Bischöfe selber durch Reformverweigerung die alte Form der Pfarre aufrecht erhalten wollten. Es wurde nicht berücksichtigt, dass Pfarren einen Dienst am Gemeinwesen erfüllen und nicht einfach ein klerikal geführtes Ritualgebilde ist. Ganz ehrlich: Dort, wo sich die Pfarrgemeinschaft die Grundfrage – Wollen alle miteinander, dass in 50 Jahren hier bei uns im Dorf oder Stadtteil der christliche Glaube eine Rolle spielt? –  gestellt hat und postiv beantwortet hat,  dort sind lebendige Pfarrgemeinschaften gewachsen. Die Haltung der Menschen in diesem Dörfern und Stadtteilen ist nicht, ob uns die Diözese einen Priester schickt oder nicht oder welchen, sondern sie nehmen das Pfarrgemeinschaft selber in die Hand. Das Modell Pfarrleitung durch Seelsorgeteams in Oberösterreich ist ein gut geeigneter Weg dabei. Auch der Pfarrgemeinderat kann zum Träger des Pfarrlebens werden. Dafür habe ich in meiner Heimatpfarre im Mühlviertel gerne meine Zeit, mein Wissen und meine Energie ehrenamtlich mit vielen anderen eingebracht. Die klerikale Sichtweise der Bischöfe (Erste Frage immer: Was dürfen die Laien und was nicht?) und die alleinige Verwaltungsperspektive (Pfarrzusammenlegung, Pfarrverbände) hat den betroffenen ehrenamtlich motivierten Engagierten den Nerv gezogen. Motivation verliert sich im Unübersichtlichen. Heutige Engagierte sind keine Helfer des Pfarrers. Oft möchte ich ganz laut hinausrufen: „Lasst den Glauben und die Pfarrgemeinschaften in und rund um die Dorf- oder Stadtpfarrkirche ungehindert wachsen .“ Weil man den konkreten Menschen im Endeffekt nicht traut, verbreitet man „Klein-Denken“ und Rückzug in die „Entscheidungskirche“. Klingt gut. Aber: Wie hat es im Vatikanum II geheißen: „Wanderndes Volk Gottes“. In Rom wird leider die resignative Form vorgetragen: „Überschaubare Entschiedenen-Gruppe“.

Die Kraft und Motivation ist da, wo Gemeinschaft um den Kirchturm gebildet wird

Sehnsucht_1Gestern habe ich bei meinem Vortrag in Seggau in mehrheitlich zuversichtliche und engagierte Gesichter geschaut. Auf der Zugfahrt nach Linz ist mir öfter durch den Kopf und Herz gegangen: Lasst euch nicht bremsen. Denkt groß und handelt. Wer nicht vom Weg abkommt, bleibt auf der Strecke. Habt Mut. Engagiert euch in eurer konkreten Pfarrgemeinschaft und lasst euch nicht verheizen und ermüden durch diözesan gefinkelt eingefädelte „Verwaltungsgebilde“. Worum geht es? Es geht um das Soziale im Ort, um Erzählungen von unserem Glauben, um Gottesdienst und um Community, Gemeinschaft, Zusammengehörigkeit. Die Feuerwehr, der Musikverein, der Sportverein oder die Kulturinitiative wartet auch nicht, ob ihnen von oben jemand geschickt wird. Sie tun und gestalten ihrem Dienst im Gemeinwesen. Eine Pfarre muss sich im 21. Jahrhundert auch so begreifen – als wertvoller Beitrag zum Gemeinwesen. Politiker erkennen das oft mehr als die Bischöfe. Eine Teilnehmerin des Vortrages schreibt mir heute ein Email und meint: „Wir sind ein bisschen festgefahren in den bekannten Strukturen einer Pfarre, viele von uns müssen erst lernen, sich beim Gehen andere Schuhe anzuziehen…“. Sie möchte, dass ich in ihre (sie ist PGR-Obfrau) Pfarre komme und „diesen unverzagten und auf Zukunft orientierten Geist bringe“. Ich habe es versprochen und werde kommen.

Nicht im Wort, sondern in der Tat

Friedenstauben_RomDieser Tage war ich im Stephansdom bei einem Festgottesdienst und hörte in der Predigt und bei Ansprachen von den „neuen Wegen“, von den „Aufbrüchen heute“ und den „Chancen, neue Wege zu beschreiten“. Ganz ehrlich: Das Presbyterium war ausschließlich mit Männern besetzt und der Gottesdienst in der Form „wirklich alt-ehrwürdig“. Ich erlebte dort die „gesprochene Erneuerung“ und nicht Erneuerung. Wie hat Johann B. Metzt gesagt: „Sie glauben an den Glauben. Sie glauben an die Hoffnung. Sie glauben an die Liebe. Sie glauben an Christus. Worum geht es aber: Ich glaube, hoffe, liebe und folge Jesus nach.“ Sie glauben an die Erneuerung. Es geht aber um Erneuerung selbst. Wenn der Ad-limina-Besuch zu Ende ist, dann hoffe ich, dass die Bischöfe vom Papst die „tatsächliche Erneuerung“ mitbringen. In der Tat. Und weniger im Wort. Denn: Wenn du predigen gehst, dann ist das Gehen die Predigt. Und: Die Körpersprache ist viel lauter als dein Mund. Eigentlich möchte ich kein Wort mehr von „Erneuerung“ hören, sondern sie erleben, spüren und frohen Herzens mitmachen.

(Leicht verändert ist der Beitrag als Gastkommentar im Kurier erschienen)

 

Wer schützt Kinder vor der Gesichtserkennung

titel2Solche Nachmittage kann ich wirklich genießen. Thema: „Social Media und ICH / und WIR“. 17-Jährige in der Runde. Es geht um die Balance von haptischem und digitalem Leben. Die Geschichte von meinem zehn Meter langen Kabel vom Schreibtisch bis zur nächsten Telefonsteckdose im Bischofshof in den 90-er Jahren klingt für die Jungen fast unglaublich. Sie schmunzeln. Alle sind auf Facebook. Nein, eine war auf Facebook. Sie haben sich als Klasse eine FB-Gruppe eingerichtet „für Arbeit und Kommunikation“.

Analoge Bilder für digitale Welten

Über die Jahre habe ich in dieser Schnittfläche von analog und digital einige „Vergleichsbilder“ immer wieder genommen und sie haben sich bewährt. Web ist wie ein „Küchenmesser“: scharf, nützlich, gefährlich. Und immer wieder das Bild vom „digitalen Gasthaus“ : informell, persönlich, Unterhaltung, Hinterzimmer, Gerüchte, schnell, Spaß. Das Bild vom „Gewissen und der Selbstverantwortung“. Das Social Web ist das eigentliche Werkzeug des Vatikanum II und der Commons, Gemeingüter. Was sieht man nicht alle auf Facebook, sagen die Jungen selber. Daher mein Bild von den „Gesprächsräumen“: Was sage ich im Schlafzimmer, Wohnzimmer, Terrasse und im Gasthaus? Dann erzählt eine Lehrkraft von einem schlimmen Fall von analogem und digitalem Mobbing. Das ist der Anlass für die mächtige „Anker-Frage“, die immer mitlaufen sollte: Will ich das in 20 Jahren sehen, lesen? Mein Lieblingsspruch hat hier seinen Platz: Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi. Und dann müssen jene japanischen Jugendlichen herhalten, die zwischen Fernseher, Internetanbindung und Kühlschrank „leben“. Die Jugendlichen lachen: „In Japan?“. Daher das Bild: „Digital ist kalt – Natur ist warm“ und die Aufforderung, die Seele, den Geist und Körper immer wieder und regelmäßig in die Natur zu führen.

Der Stolz der Eltern und Großeltern in der Gesichtserkennung weltweit

titel1Mein Carsharing-Auto bringt mich vom Waldviertel wieder zu rück nach Wien. Nebenbemerkung: Als Selbstfahrer verliere ich wirklich viel Zeit auf der Straße. Öffi fahren ist ein Zeit bringender Genuss. #ÖBB #Bus #U-Bahn. Zurück in Wien. Am Abend schlendere ich ein wenig ins digitale Gasthaus und sehe viele Kleinkinder. Ein Baby schaut mir direkt ins Gesicht, am Arm der stolzen Gr0ßmutter. Da eine Mutter und dort ein Vater, die ihr oder sein (Klein)Kind „in das digitale Gasthaus hineinhät“. Ich verstehe den Stolz und das Bedürfnis nach Anerkennung oder gar Bewunderung. Aber: Via Facebook die Gesichter der Kinder so direkt in die Gesichtserkennung halten? Sind sich die Eltern und Großeltern wirklich sicher, dass sich das Kind in 20 Jahren dort und genau so sehen will – in aller Welt? Es gibt angeblich Leute, die solche Gesichtserkennungergebnisse schon über Jahre zusammenbasteln und ich weiß  nicht, was sie in ein paar Jahren damit machen werden. Der Stolz ist die eine Seite, die automatisierte Gesichtserkennung die andere. Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi. Auch für das Kind, das allerdings nicht selber zeichnet. Bedenkenswert. Meinten auch die Jugendlichen im Waldviertel.

 

Die Einsicht kommt (zu) spät

unvollendetIch war nicht dort. Die Kathpress berichtet über ein Gespräch zwischen dem Publizisten Peter Huemer und dem Erzbischof von Wien Christoph Schönborn. Der Gesprächsort ist für einen Sonntag vormittags um 11 Uhr ungewöhnlich: Wiener Stadttheater. Eigentlich bin ich solchen inszenierten Gesprächen  gegenüber skeptisch. Es geht weniger um den Content, als viel mehr um die Bedeutungssteigerung „beider“ durch den „Kontext des Events“. Die Krone und Heute hat das vor Jahren sehr bald „überrissen“. Ein Kardinal als wöchentlicher Autor erhöht die „Reputation des Blattes“. Da ließe sich medienpolitisch lange diskutieren. Lassen wir den Aspekt hinten und lesen wir in der Kathpress jene Passage, die mich persönlich heute nachmittags „getroffen“ hat. Ich habe – so glaube ich – die Zeit als Kommunikationsleiter  und Presseprecher inklusive entpflichtendem Abgang „gut hinter mit gelassen und fruchbar gemacht im Gehen und Pilgern“. Die Aussage von Erzbischof Schönborn hat mich aber wieder „zurückversetzt“.

Ich klopfe an meine Bischofsbrust

Die Kathpress schreibt: „Dabei ließ der Wiener Erzbischof im Blick auf die Kirchenreformdebatte durchaus aufhorchen: etwa mit dem Eingeständnis, angesichts des päpstlichen Anliegens einer „Dezentralisierung“ der Kirche und einer Stärkung der ortskirchlichen Eigenverantwortung bislang zu zaghaft in Rom aufgetreten zu sein: „Da schlage ich an meine Bischofsbrust: Wir haben uns sicher zu wenig getraut, auch zu sagen, was unsere Situation erfordert und wie wir die Dinge sehen“.“ Das ist zwar selbstkritisch zum Ausdruck gebracht, entspricht aber nicht dem jahrelangen Verhalten der Bischofskollegen Bischof Aichern gegenüber. Einige führende Bischofskollegen und der Vorsitzende der Bischofskonferenz haben sich aus meiner Sicht und Erfahrung sehr viel zugetraut. Sie haben sich als „ausführende Organe vatikanischer Machtzirkel betätigt“. Meine Entpflichtung war auch eine diesbezügliche Auftragsarbeit. Viele von denen, die hier im blog  mitlesen, wissen, dass Bischof Aichern einen breiten Rücken entwickelt hat, „um die Statthalter Roms und Wiens“ von der Diözese Linz in ihrer Entwicklung in die Zukunft fern zu halten. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz war hier äußerst umtriebig und hartnäckig, „um die von der privaten Initiative Kathnet aufgelegten Elfer vor dem Tor der Diözese Linz zu verwandeln“.  Es hat mich immer gewundert, wie anfangs Schönborn und Kapellari als Förderer dieser Privatinitiative aufgetreten sind. Was ich hier sagen will: Die Bischöfe haben sich nicht zu wenig getraut, sondern in der Kollegialität zu viel getraut gegen die eigenen Kollegen. Heute wären sie froh, wenn sie so zukunftsorientierte und kommunikationsstarke Bischofskollegen wie Aichern, Weber, Stecher hätten. Die lebenden Altbischöfe sind, wenn sie sich zweimal im Jahr treffen, eine richtige Jugendgruppe. Erfrischend – wie Franziskus, der Bischof von Rom. Bewundernswert, wie sie diese jahrelangen kollegialen Einengungen alle „weggesteckt“ haben. Schön, wenn sich der Kardinal jetzt in mutigen Zeiten von oben auch auf den mutigen Weg hier unten in die Zukunft begibt. Andere werden sagen: Lass die Vergangenheit in der Vergangenheit. Ja und nein.

Das radikale Böse

IMG_6737vPlakatFilmpremiere. Das Whoiswho der Medienszene tummelt sich im Urania-Kino. Stefan hat mir eine Karte hinterlegt. Heute bin ich Diakonie. Mit etwas gemischten Gefühlen nach drei intensiven Arbeitstagen gehe ich von Maria am Gestaade „hinüber“ den Donaukanal entlang ins Urania. Ich habe einiges gelesen über den Film. Ist das ein Tagesausklang? Worum geht es? Ganz normale Männer wurden in den Kriegsjahren im Osten Europas zum Werkzeug einer Tötungsmaschinerie im Genozid an den Juden. Trotz Müdigket spüre ich: Ich will mich dieser Sichtweise des Filmemachers Stefan Ruzowitzky stellen. Achtsamtkeit statt Unterhaltung.

Nach dem Film

IMG_6738Stefan Ruzowitzky  hat mit seinem Film eine ganz eigene Mischung auf die Leinwand gebracht. Dokumentarmaterial mischt sich mit gesprochen Briefen, hineingeschnitten in gespielte Szenen. Die Musik erhöht die Kraft des Ruf- oder Fragezeichens. Ich nehme die Gelegenheit beim Schopf und gratuliere Ruzowitzky persönlich zu diesem Werk. Ich sage ihm, dass ich den Film „wirklich wichtig finde“. Gestehe aber auch, „dass ich neben dem Geschehen auf der Leinwand immer und immer wieder an Franz Jägerstätter denken musste, der in seiner persönlichen Verantwortung bis zur letzten Konsequenz NEIN gesagt hat“. Ruzowitzky kennt Jägerstätter und er nickt. Der Film endet – und der Filmemacher sagt das ja selber im Gespräch mit Barbara Rett auf der Bühne – mit einem Ausblick in die Zukunft: „In einer von Authoritäts- und Gehorsamsdenken durchsetzten Gesellschaft lernen wir eher das „Mitlaufen“ als das selbst verantwortete Handeln und Nein sagen. Ich gebe ihm recht. Wer heute genau auf die Menschen und die gesellschaftlichen Vorgänge hinschaut wird feststellen: Konformität gilt viel mehr als eigenes Denken und Handeln. Die Kirche – so spüre ich während des Filmes – hat dazu auch eine Basis gelegt. Mögen viele Zuschauer diese eine Botschaft aus dem Film mitnehmen: Es kommt auf mich ganz persönlich an. Ich kann und darf mich nicht ausreden. Ich entscheide. Kein Gehorsam ohne Gewissen.

Und heute?

IMG_6735Auf der Bühne wurde der Bezug zu heute hergestellt. Sind nicht auch heute Vorgänge, die viel mehr unser persönliches Eingreifen bzw. unsere besondere Wahrnehmung und unser entschiedenes Handeln brauchen? Lampedusa findet heute statt und wir schweigen. Ich bin froh, dass ich mich am Aufruf an die Bundesregierung im Inserat im Kurier und Standard beteiligt habe. Es liegt mir am Herzen, gegen Unmenschlichkeit aufzustehen: „Wir wollen gemeinsam ein starkes Zeichen setzen, dass das Verhalten des offiziellen Österreich gegenüber Flüchtlingen nicht länger schweigend hinzunehmen ist.“ Das kann ich nur unterstützen und inseriere mit. Dabei denke ich an das, was David Steindl-Rast gestern in Salzburg gesagt hat: „Die Gefahr der Schule ist das Buckeln. Ziel muss immer der aufrechte Gang sein.“ Möge dieser Film viele in die persönliche Verantwortung für die Vorgänge heute führen. Ich meine: Der Film ist ein Anstoß dazu.

 

Fragmentarische Diagonale durch eine Woche

1_IMG_6601Montag und Freitag sind zwei Tage, die in gewisser Weise Anfang und Ende markieren. Für viele Menschen schwingt der Mensch ohne Arbeit in das Wochenende hinein. Arbeit, Aufgabe und Tätigkeit sind für mich auch dem lokalen Schwingen zwischen Wien und OÖ „ausgesetzt“. Im Zug merke ich immer, dass ich nicht der einzige bin, der mit einer Jahreskarte der ÖBB auf der Strecke zwischen Osten und Westen unterwegs ist. Ein Rundgang in der Mühlviertler Luft lässt mich Abstand gewinnen zum „Wiener Arbeitsalltag“. Drüber schauen geht auch auf 900 m und braucht keinen ausgesprochenen Gipfel. Aber ganz ehrlich: Die Tourenschier jammern zurecht über ihre Nichtverwendung. Meine Seele versteht das und wird sich beim nächsten Schneefall direttisima mit den Schiern solidarisieren. „Auf geht’s“, heißt es dann.

Übersicht und Einblick

2_IMG_6589„Auf geht’s“ – hat es auch gleich am Montag geheißen.  Noch besser: Damit es am Montag gleich losgehen konnte, habe ich am Sonntag nach Wien gewechselt. Im Rückblick auf diese vergangene Woche stelle ich fest, dass es wunderbare Aufgaben und gleichzeitig verschiedenste Themen waren, die mich beschäftigt, beflügelt, getrieben oder mir entgegengekommen sind. Die Diagonale durch die Woche macht mir alles das wieder bewusst. Neugierig? Dann gehe ich der Diagonale entlang. Das Quo Vadis hat einen neuen Leiter und mit Peter habe ich die Zukunft in den Blick genommen. DIE_9 ist die Bezeichnung, die mir eingefallen ist für unseren Büro-Joure-Fixe. Das professionelle CRM-Datenbankprojekt braucht nach dem OE-Prozess Konkretisierung. Ein interner Workshop bringt uns strukturiert weiter. Mein neuer Kollege Robert findet sich ein und gestaltet diese Woche die Website. Die SUMMA 2013 wird gerade inhaltlich finalisiert. Es zwingt mich, das Jahr 2013 im großen Bogen zu betrachten. Alle dürfen  sich freuen, vor allem alle ReligionslehrerInnen in Österreich werden diese erstmaligen „Übersichten und Einblicke“ bekommen. Im finanziell bedrohten Otto Mauer Zentrum höre und begegne Helmut Schüller zu den „erwachenenden Pfarren“. Der Begriff „Ungehorsam“ ist nie gefallen. Finde ich interessant. Dafür war viel die Rede von „aufstehenden und als Subjekt in die Zukunft gehende Pfarrgemeinschaften“. Ich spüre ein Stück OÖ in Wien.

unkonventionell – humorvoll – lebensnah

3_IMG_6614Im Presseclub Concordia wird die Unterstützung für den grundlos abgesetzten Erzbischof Bezak in der Slowakei organisiert. Er ist Redemptoristen-Bischof und deshalb höre ich beim Frühstück mit den „Mitbrüdern“ von Maria am Gestaade, wo ich wohne, immer den aktuellsten Stand. Die Absetzung trifft mich natürlich irgendwie persönlich. Deshalb schätze ich das Buch von Sr. Melanie Wolfers „Die Kraft der Vergebung“ besonders und gehe zum Gespräch im „Zeit-Raum“ von Johannes Kaup in das Funkhaus. Mit Rotraud Perner spreche ich nachher über unseren kommenden thematischen Schwerpunkt. In fast „unbekannter Runde“ sitze ich nachher in einem typischen Wiener Beisl im 3. und stelle fest: Wunderbare Menschen sind da unterwegs. Davor bespreche ich noch mit der Provinzoberin Brigitte Thalhammer den Medienempfang am 19. Feber in Wien, wo Medienschaffende auch Novizinnen treffen werden können. 900 Jahre Stift Klosterneuburg lassen mich zur U4 und die S-Bahn aufbrechen. Großes Medienecho bei der Pressekonferenz und das Podiumsgespräch über die Bedeutung der Orden und Stifte habe ich gerade fertig gestellt. Das Büro verlasse ich, nachdem ich mit dem Generalsekretär P. Erhard Rauch „Gott, die Welt und Kirche“ in einer wunderbar offenen Atmosphäre durchgekaut habe. Mitten drinnen kommt der 4_IMG_6595Anruf, dass David Boshart Zeit hat zum Ordenstag 2014 zu kommen. Die Diagonale in Wien neigt sich und um 15.37 Uhr steige ich verspätet  in den RJ, der eigentlich um 15.30 abfahren sollte. Ich denke mir: Glückskind. Und es geht nach OÖ. Hier neigt sich die Diagonale weiter und mir ist bewusst: Es ist weit nicht alles, was die Woche „gebracht hat“. Auf Facebook taucht gerade auf, dass die Don Bosco Schwestern Österreich und Deutschland in einer Provinz vereinen. Neue Leiterin und neue Provinzstruktur. Eine Meldung, weil Personalia alle interessieren.
Was ich an meinen Wochen, Themen und Personen so schätze: Freiraum, Mut, Atmen, Neugierde, Wollen. Alfred Komarek hat heute die Ordensleute der Zukunft so charakterisiert: unkonventionell – humorvoll – lebensnah.
Stimmt.
Danke.

1914 – 2014 und der Karnische Höhenweg als Bedenkpfad

GrabenWir sind um vier Jahre zu früh aufgebrochen. 2010 haben wir bei unserem alljährlichen Berggehen den Karnischen Höhenweg begangen. Wir hätten 2014 gehen sollen. Die Wahrnehmung wäre nochmals intensiver gewesen als sie ohnehin war. Mein damaliger Blog-Eintrag zum Weg hat einen Kommentar-Eintrag zur Folge gehabt, der mich heute mehr als damals zum Denken und Erinnern anregt. „Ihr Bericht hat mir sehr gefallen. Erinnerte er mich doch an Erzählungen meines Vaters, der im 1WK als KuK Gebirgsjäger in diesem Bereich jahrelang bei Eis, Schnee und Hitze mit dem Überleben zu kämpfen hatte. Wenn es die Zeit und Gesundheit erlaubt, werde ich auch mal ein wenig diese Erinnerungen erleben. Machen sie weiter so. In Dankbarkeit Richter

Die Natur und die Schützengräben

Graben_GruppeFast ein wenig „unvorbereitet“ sind uns damals die Reste der Kämpfe im 1. Weltkrieg am Weg entgegengekommen. Als wir dann erstmals einem langen noch gut erhalten Schützengraben entlang gingen, war die Aufmerksamkeit der damaligen Zeit und der Ereignisse an der Grenze von Italien und Österreich ständiger Begleiter. Auch wenn uns die Natur mit ihrer unglaublichen Schönheit immer wieder abgelenkt hat, so sind uns die stummen und doch recht klar sprechenden Zeugen der Menschen verachtenden Auseinandersetzungen  „angesprungen“. Da ein kleiner Tunnel, dort eine Abwehrplattform, hier ein ganz alter verteidigter Grenzstein, ein breiter Weg für Pferde, der geschwärzte Felsen oder eingemeißelte Zeichen. Wir sind fröhlich unterwegs gewesen an diesem geschichtsträchtigen Höhenweg. Manchmal eine Anmerkung, ein Innehalten oder ein stummes verwundertes Staunen. Hie und hat einer gemeint: „Unglaublich.“

Lawinen gegen Menschen

BunkerIm Lesachtal haben wir noch einige Tage „angehängt“. Wenn wir Leute auf unsere Beobachtungen „am Weg oben“ angesprochen haben, dann war in den Gesichtern eine „Betroffenheit“ zu sehen und zu spüren. Eine ältere Frau erklärte uns damals: „Die in Wien haben unsere jungen Männer einfach als Kanonen- und Lawinenfutter auf den Berg befohlen. Das ist gar nicht anders als heute, wo so viele Menschen nicht als Menschen behandelt werden.“ Ihre Familie wurde aufgrund der Ereignisse und Kämpfe „da oben“ fast ausgerottet. Die ortskundige Bergbevölkerung wurde als „Sklaven-Material“ eingesetzt oder „befohlen“. Ein anderer meinte: „Die da oben (in Wien) waren nie da oben (am Berg). Es ist aber heute noch genauso auf der Welt. Menschen werden wie Material und Sklaven behandelt.“ Mir fallen heute alle Initiativen und Bemühungen ein, den Menschenhandel einzudämmen. Sr. Beatrix Mayrhofer und viel Ordensfrauen stehen an dieser „Front“ mitten in Wien. Auf einer Hütte fanden wir ein Buch mit Bildern aus dem Krieg. Bis ins Detail wurde beschrieben und gezeigt, wie eine „Lawine als Waffe“ eingesetzt wurde und über 100 junge Männer in den Tod gerissen hat.

Zeit des Wandels

HöhleDas Gedenkjahr 1914 – 2014 wird in vielen Medien begangen. Es ist eine Rückschau, die den Krieg in seiner grauslichen Dimension zeigt und Menschen, „die damals nicht gegen den Krieg aufgestanden sind.“ Es war eine Zeit des Wandels. Ich bin kein Historiker, aber der Eindruck ist ganz offensichtlich: Der Wandel wurde nicht aufgenommen, sondern das Alte mit den alten (kriegerischen) Methoden verteidigt. So geht es mir heute mit Lampedusa. Der Papst hat den Wandel gespürt und als erste Reise wollte er sagen: Europa, stellt euch bitte menschenfreundlich dieser Herausforderung. Gemeinsam. Bisher sind die Mauern hoch. Die Lawinen sind heute das Meer. Heute hat der Papst den Ordensleuten, allen ChristInnen und im Grunde allen Menschen ganz klar gesagt: „Große Veränderungen haben sich in der Geschichte immer verwirklicht, wenn die Realität nicht vom Zentrum, sondern von Peripherie aus betrachtet wurde.“ Der Karnische Höhenweg mit seiner Geschichte und den Menschen damals wie heute ist Peripherie. Mögen sich 2014 nicht die Zentren der Macht in Erinnerung beweihräuchern, sondern wirklich die Perspektive der Peripherie einnehmen. Nicht nur die von 1914, sondern vor allem die aktuellen: 2014. Der Wandel vollzieht sich heute wie damals immer öfter auf Kosten der Menschen an der Peripherie.

Dann stirbt er und hat nie wirklich gelebt

Jahreswechsel. Innehalten. Sich dem Leben öffnen und ihm entgegengehen, dem Leben. Tief hineinhören. Dem Eigenen Platz geben. Sich selbst als den anderen lieben und annehmen. Das Einfache suchen und schätzen. Die Neugierde pflegen. Die Gottsuche als Ausdruck des persönlichen Glaubens entdecken. Das Leben in Bildern der Bewegung entwerfen. Stille und laute Sehnsüchte zur Quelle der Dankbarkeit führen. Wesentlich statt mehr und weniger statt viel. Mehr zuhören und die Hand leihen. Gott im Fremden vermuten. Jetzt.

Der Dalai Lama soll auf die Frage, was ihn bei genauerer Betrachtung des „entwickelten Teils der Erde“  am meisten überrascht, gemeinst haben:

SchifahrerDer Mensch,
denn er opfert seine Gesundheit, um Geld zu machen.
Dann opfert er sein Geld, um seine Gesundheit wiederzuerlangen.
Und dann ist er so ängstlich wegen der Zukunft, dass er die Gegenwart nicht genießt.
Das Resultat ist, dass er nicht in der Gegenwart lebt.
Er lebt, als würde er nie sterben,
und dann stirbt er und hat nie wirklich gelebt.

Ein gesegnetes, gelassenes, sinnerfülltes, heiteres 2014.
Seid behütet !

Mein 2013 gehört nicht ins Klo

haderer_kloHaderer zaubert mit seinen Satire-Seiten in den OÖNachrichten immer wieder ein Schmunzeln ins Gesicht oder tiefe Falten auf die Stirn. Falten, die vom Ärger oder tiefen Nachdenken kommen. Heute bin ich mir nicht sicher, ob es ein Schmunzeln wird oder ob Falten angesagt sind. Beides. Die Falten auf der Stirn rühren vom Nachdenken, nicht vom Ärger.

Ein Jahr vergeht

Es mutet schon etwas eigenartig an, wenn ein Mensch sein 2013 einfach durch das Klo hinunterspülen muss. Was sieht dieser Mensch im Rückspiegel auf das Jahr 2013, dass er es über die Kanalisation entsorgen möchte? Ist es der globale Blick auf die Vorgänge in unserer Gesellschaft und Politik, dann fänden wir wahrscheinlich viele Gründe, die einem dieses Jahr vergessen lassen wollen. Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi. Auch das Jahr 2013 lässt sich nicht ausradieren, wegspülen ins Nirwana der unterirdischen Rohre. Es kommt immer wieder zurück wie uns auch die neue Regierung wieder aufstoßen wird. Selbst in der Kirche glaubte man, Franziskus habe endlich die starre Kurie mit ihrem globalen Herrschaftsanspruch über das Gewissen und die Entscheidung des einzelnen Katholiken überwunden, hinuntergespült. Die Kurie klebt fest und lässt sich nicht bewegen. Gerhard Müller heißt der Glaubenspräfekt und er klebt wöchentlich die alte Kirche fest an der Klomuschel an. Da kann noch so viel frisches Wasser daherkommen. Macht pickt. Seine gestern getätigten Einschätzungen zu wichtigen Themen der römischen Kirche wie Regionalisierung oder Geschiedene lässt vermuten, dass eher der Neue hinuntergespült wird.

Movement lässt vergehen

KlammDas Jahr vergeht. Es geht zu Ende. Mein Stichwort ist das Gehen. Das Bild vom WC als Jahresrückblick taugt (mir) nicht. Ich schlage daher das Bild vom Gehen vor. Bewegung lässt ganz andere Freiheit im Umgang mit Vergangenheit, Jetzt und Zukunft aufkommen. Wer sich bewegt, lebt sicherlich nicht eindimensional im Gegensatz zu dem, der sitzt. Wer sitzt, bekommt sicher das Gefühl, er muss einmal etwas „hinunterspülen“. Wer geht, für den „vergehen“ Dinge und Erfahrungen. Es tun sich neue Gegenden auf. Oft ungeahnt wunderbar. Was bleibt, bleibt hinten. Wer – so wie ich – Lust hat, Neues und Unbekanntes zu entdecken, der ist sicherlich auch schon einmal verletzt aus widerlichem Gestrüpp aufgetaucht. Auch wenn die Kratzwunden ab jetzt mitgehen, so bleibt das Gestrüpp hinten. Es darf weiter sein, ohne dass ich im Gestrüpp hängen bleibe. Schon gar nicht sitzen und zu jammern beginne. Ich muss gehen (nicht rennen oder laufen) und mich bewegen. So kann 2013 auch stehen bleiben. Gab es unwirtliche Abschnitte und Gegenden, dann liegen sie hinten. Ich muss nichts wegspülen, verdrängen oder gar zerschlagen. Der Regierung können wir Mut machen, endlich diese unwirtlichen Gegenden der reinen Macht zu verlassen.

Gehen wir

papstfranziskusDie Kirche und da vor allem die Kurie und die Bischöfe könnten sich doch endlich mit (Papst) Franziskus auf den Weg machen. Ich ermutige sie: Tauscht die Muffigkeit der „Betonbunker der Macht“ mit dem schweren Atem der Rechtlosen, der Ärmsten, der Flüchtlinge, der modernen Wirtschaftssklaven. Ihr werdet den solidarischen Atem spüren im Gegensatz um egoistischen Macht-Hächeln. Jesus hat sich täglich auf den Weg gemacht dorthin, wohin niemand gegangen ist, wo ausgegrenzt, wo der Mensch zum Gebrauchsgegenstand degradiert wurde oder als Tragesel für „schwere Frömmigkeitskonstrukte“ herhalten sollte. Er hat aufgerichtet und befreit. Jede Liturgie sollte aufrichten. Deshalb ist das gehende Beten, das Pilgern so anziehend. Die Sitzbänke sind oft leer.  Der Bischof von Rom Franziskus redet praktisch täglich vom Aufbruch und er lebt ihn persönlich. Schade ist nur, dass sich rund um ihn und auf der Bischofsebene niemand erhebt und ermutigend sagt: Kommt, gehen wir mit ihm. Lassen wir die alten Jahre hinter uns. Was hinter uns liegt, wissen wir. Was vor uns liegt, erahnen und erhoffen wir. Gehen wir an. Angst? Sie vergeht im Gehen. Gehen wir.