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Archiv für die Kategorie „Social Media“

Diese Woche durfte ich an der mehrtägigen Tagung der Höheren Oberinnen in Vöcklabruck teilnehmen. Im Studienteil ging es um „Krise“ und was diese Krise noch verschärft: Die Verweigerung, sich der Wirklichkeit zu stellen. Daher meine immerwährende Empfehlung: Ungeschminkt hinschauen. Wir wissen die Schlagworte: Überalterung, Nachwuchsmangel, Relevanzverlust und schwindende Vitalität. Papst Franziskus spricht die Situation immer wieder direkt an. Wir haben es bei den meisten Ordensgemeinschaften nicht mit Start-Ups zu tun, sondern mit verantwortungsvollen Trägerinnen und Träger großer sozialer und spiritueller Ideen aus der Vergangenheit, die sich ins Jetzt, Heute und Morgen transformieren und bewähren müssen. Da sind Werke wie Spitäler, Schulen, soziale Einrichtungen, Kultur- und Wirtschaftsbetriebe herausgewachsen, die tausenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Wertschätzung, sinnvolle Beschäftigung und eine Zugehörigkeit geben. Arbeit mit Lebenssinn. Gelingt das nicht, stirbt viel. Wer die Geschichte des Mönchtums und der Orden etwas nachschauen will, dem empfehle ich dieses „leichte und kurze Video“.

Die Welt offen halten für die Ohnmacht

Heute lese ich auf FB bei der VP OÖ aus Freude über die neuesten positiven Umfragen: „Gekommen um Vollgas zu geben …“ und „Es kann nur eine Nummer 1 geben“. Das sind Ansagen, die mögen ihre Wirkung im politischen Bereich entfalten. Diese „Sieger-Spreche“ ist motivierend, aber genauso entlarvend. Wer Vollgas fährt, kann keine Kurve mehr machen. Geschweige denn umdrehen, wenn es etwa in die falsche Richtung geht. Vollgas heißt, linear beschleunigen wollen. Und Geschwindigkeit nimmt das größte Stück Wirklichkeit aus dem „Rennen“. Jene Wirklichkeit, die kein Rennen, keine Meisterschaft, keine Sieger, kein Fortkommen kennt: die Ohnmacht. Die Wirklichkeit der Orden ist auch in gewisser Weise ein Stück Ohnmacht. Der Beitrag „Ohnmachtserfahrungen als provokante Antwort“ hat mir selbst in der Erstellung ein Stück „Ohnmachtserfahrung“ eingebracht. Wie diese tiefe Erfahrung von Ohnmacht zur Sprache bringen in einer Welt des dahinrasenden Stillstands?

Gott ist in der Ohnmacht

Ein Kranker, eine Arbeitslose oder ein Bettlägriger kann mit Vollgas tatsächlich wenig anfangen. Es ist das tiefe Gefühl der Ohnmacht, des Ausgeliefert-Seins oder der Nutzlosigkeit. Der einzige Wunsch, der solche Menschen begleitet: Macht die Welt ein Stück langsamer, aufmerksamer für die Wirklichkeit, dass dann und wann jemand mit mir ein Stück meines schweren Weges gehen kann, ohne dass er oder sie den Anschluss zu verlieren. Es hat mich wieder erinnert, dass der Dienst der (Ordens-)Christinnen und -christen nicht an den Siegerstraßen gefragt ist, sondern in den Ohnmachtsgegenden. Dort haben die Orden begonnen. Von dort weg ist natürlich die Stimme zu erheben gegen die strukturelle Sünde der Sieger. Im Gespräch miteinander wird man sich klarer, worauf es ankommt: Dieses Aushalten in der Liebe in den Ohnmachtssituationen mit den Menschen ist die Kreuzerfahrung. Das Kreuz, die Ohnmacht ist so unsere Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit braucht ihren Platz, ihre Wahrnehmung, den Respekt und jede „Aufrichtung“. Christsein heißt daher nicht, sich mit Gott einzurichten, sondern sich an Gott auszurichten. Und Gott selbst war in der Ohnmacht – am Kreuz. Die Fastenzeit kann uns das bewusster machen. Es geht weniger um Verzicht, sondern um Liebe in diesen Gegenden. Den Verzicht ist keine Tugend an sich, sondern die Folge der Liebe.

Man stelle sich vor, dass bei einem Bauvorhaben von den Firmen und Gewerken ein Plan A und ein Plan B gleichzeitig verwendet werden. Dann stelle man sich vor, nachdem die Pläne in ihrer Grundausrichtung in vielen Bereichen in gegensätzliche Richtung weisen (zB Gerechtigkeit  und Leistung), dass anhand der vorgelegten Pläne Kompromisse gesucht werden. Man mag sich noch vorstellen, dass versucht wird, die Pläne tatsächlich „zusammenzuzeichnen“. Allein in den letzten Jahren war die Vorstellung dazu größer als die Fakten. Nichts ging mehr zusammen in dieser Koalition. Jetzt wurden von Kanzler Kern und von Finanzminister Schelling die je eigenen Pläne nochmals „vertieft“, sprich profilierter an der eigenen „Sichtweise der Realitäten“ ausgerichtet. Ich nehme das Beispiel Robotisierung und Wertschöpfung. Es ist Fakt, dass durch die Digitalisierung und Robotisierung die bisherige Form der Arbeit und Wertschöpfung sich massiv verschiebt. Der Plan A sieht das und will aus diesen neuen Prozessen „Wert abschöpfen“, um damit ein gerechtes „Solidarwesen“ zu ermöglichen. Derzeit arbeitet ein Mensch und zahlt Steuern. Nicht wenig. Arbeitet ein Roboter, ist er nicht in dieser Form steuerpflichtig. Ich weiß, dass ist unscharf. Aber im großen Blick werden robotisierte Arbeitsprozesse, wenn, wie die VP nach Plan B immer sagt, keine neuen Formen der Solidarabgabe sprich Steuern eingeführt werden, den Reichen und Etablierten helfen. Gestern ging wieder einmal die Meldung durch die Medien: Die acht reichsten Männer (!!) besitzen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung. Das liegt weniger an der Leistung der Hälfte als an der DNA von robotisierten, digitalisierten Prozessen mit einem hohen Ungerechtigkeitsfaktor. Es wird also bald Wahlen geben (müssen), um die Blickrichtung zu klären. Gilt jetzt Plan A oder Plan B? Wenn sie gleichzeitig angewendet werden, gewinnt der Ungerechtigkeitsfaktor.

Der Bogen 2016 neigt sich zu Boden. 2017 deutet sich schon an. Der Zug heute am 28. Dezember nach Wien ist dünn besiedelt. Die Feiertage von Weihnachten sind vorüber. Das Wort Silvester lässt Hunde zusammenzucken. Menschen finden wir zwischen Besinnlichkeit und Knallerei. Zweiteres könnten wir leicht den Brotlosen als Brot servieren. Irgendwie sind Zwischenräume, Übergänge und Neuanfänge im Blickfeld. Die EU sucht europaweit die Wahrheit. SocialMedia haben ihre Unschuld verloren. Fakes sind nicht neu, werden digital allerdings uferlos, unbegrenzt, entgrenzt. Sie bombardieren das Vertrauen unter den Menschen ähnlich wie die Häuser in Alleppo. Der Mensch wird heimatlos, seelisch obdachlos, zittert vor seelischer Kälte. Wem vertrauen? Wem noch glauben? Was stimmt jetzt wirklich?

Der Mensch im Zwischenraum

Es wird – so meine Vorahnung – im Jahr 2017 noch viel öfter das Wort „Sicherheit“ fallen. Gestern habe ich vor meinem Gespräch mit Landeshauptmann Pühringer im Cafe Traxlmayr in Linz vom Bus am OK-Platz kommend über die Landstraße zur Promenade erstmals in Linz drei Polizisten mit Maschinengewehren auf Patroulle unter den Einkaufsmenschen gesehen. Dem Terror wird mit dem Maschinengewehr begegnet. Nein. Der Angst vor dem Terror wird mit militärischer Präsenz getrotzt. Scheinbar. Es ist eine Scheinsicherheit. Jetzt wissen wir, dass Sicherheitsfirmen unglaubliche Umsätze machen, damit Häuser und Wohnungen „gesichert“ werden. So werden die öffentlichen Flächen, die Zwischenräume immer dünner „besiedelt“. Die Angst treibt die Menschen in ihre Höhlen. Dort fühlen sie sich sicher und lassen sich allerdings drinnen über Medien – nicht alle – ihre „Angst vor draußen“ weiter vergrößern. Das leert die Zwischenräume weiter. Dabei sind genau diese Zwischenräume jene Räume, wo Neues entstehen, Platz finden kann. Ich finde es wunderbar, wie Menschen auf „Zusammenhelfen“ oder ähnlichen Plattformen schildern, was ihnen hier in der Flüchtlingsbegegnung Wertvolles und Neues entgegenkommt. Die Basis dafür ist Vertrauen. Und genau das erwarte ich mir von der Politik, dass diese Zwischenräume mit Vertrauen, mit Aufeinanderzugehen und Hinhören gefüllt werden. Das hilft wirklich. Polizisten (es waren drei Männer) brauchen bei uns keine Maschinengewehre tragen. Ihre Präsenz alleine gibt mir jene Sicherheit, die ich in öffentlichen Räumen bei uns in Österreich so schätze. Lasst Zwischenräume weiterhin offen, damit gemeinsames Leben in Vertrauen aufeinander wachsen kann. Das wünsche ich mir von 2017: Lasst uns vertrauensvoll in die Zwischenräume gehen und uns gegenseitig in Begegnungen für das Neue offen halten. Für das, was auf uns zukommt, und das, was wir mitgestalten.

„Digitale Medien beeinträchtigen die Gehirnentwicklung und sie erzeugen Sucht.“ Diese in der langen Menschheitsgeschichte neuesten Medien nehmen dem Menschen „geistige Arbeit ab“. Genau das braucht das Gehirn, dass es sich weiterentwickelt. Arbeit. Manfred Spitzer ist kein Unbekannter, weil er in den Talkshows klar Stellung bezieht: Wir sind von der digitalen Demenz bedroht. Gerade die Entwicklung von Kindern ist durch diese „Geräte“ verlangsamt, kommt zum Stillstand. In den OÖN vom 3. Dezember 2016  ist es im Interview nachzulesen. Aus Spitzers Sicht sind Weihnachtsgeschenke, „die ganz ohne Strom auskommen“, genau die richtigen. Und: „Musik und Singen, Musizieren macht schlau.“ Und Spitzer verweist auf Süd-Korea: „Dort ist die beste digitale Infrastruktur und wir haben genau dort 31% Smartphone-Süchtige.“ Also: eins, zwei, süchtig, vier fünf, süchtig….

Mehr Social Media für Firmen?

„Ein Großteil kennt die neuen Möglichkeiten nicht oder unterschätzt sie maßlos“, weiss dafür ein Experte wie Dominik Fürtbauer ein paar Seiten weiter in derselben Zeitung unter Karriere und Bildung. Er beschreibt die „Techniken“, die heute angeblich Leute „ansprechen“ können. Mittlerweile weiß man heute, dass diese Social Media „Kontakte“ die Leute nicht mehr anrühren, sie nicht „überzeugen“ oder in irgend einer Form „tiefer an die Firma, die Organisation, die Partei, die Kirche“ binden. Ich bin nicht grundsätzlich gegen die digitale Welt, aber ich bin im Laufe der Jahre sehr skeptisch geworden, was diese Welt wirklich  (kommt von wirken, bewirken) kann und ob wir das alles wollen, was wir derzeit sehen, erleben, tun. Ich habe in meiner mehr als dreiwöchigen radikalen Offline-Zeit genossen. Tatsächliche Begegnungen, viel mehr Weniger, dafür mehr Wesentlich. Die Seele hat ruhig geatmet. Susanne Dickstein schreibt daneben ihren Kommentar zu „Klaviatur der Kanäle“. Ihre Überlegungen im Umgang mit Kunden mündet in der Erkenntnis, worauf es tatsächlich ankommt: „Den Bedarf des Kunden zu erkennen und mit Empathie und Hausverstand darauf einzugehen.“ Jawohl. Und genau das braucht haptische analoge Begegnungen mit Zeit und Hinwendung zum Menschen. Aber: Mafred Spitzer zeigt uns, was wir gerade mit Social Media verlernen? „Empathiefähigkeit“. Wir bewegen uns im Dilemma, im Teufelskreis. Daher immer wieder meine Erfahrung, meine Ansage: Distanz halten und Geräte weglegen, immer öfter tatsächlich vergessen. Das Leben ist zu wertvoll, um es in den Social Media Kanälen zu entsorgen.

 

unnamedMeine 24-tägige Offline-Zeit ist zu Ende. Das Smartphone lag abgeschaltet daheim zusammen mit dem Laptop. Das TV-Gerät im großzügigen Zimmer meines Kurhotels Bärenhof in Bad Gastein war der Bademantelhalter. Radio gab es keines. Wollte ich auch nicht. Über drei Wochen Null Internet. Ich habe es genossen. Es hat mich vertieft, wacher und wirklicher gemacht. Ich wurde reduziert in jeder Hinsicht. Und wesentlicher, ruhiger. „Ich würde das keine drei Tage aushalten. Schon nach einem Tag im Urlaub juckt es und ich muss nachschauen.“ So ein befreundeter Journalist am Telefon, nachdem ich die Rückrufe auf die Anrufe in Abwesenheit gestartet hatte. „Es war ein ganz großes Geschenk und genau zur richtigen Zeit“, meinte ich. Erzählt habe ich ihm, dass die SN und DIE ZEIT in der Druckausgabe meine einzigen „Medienpartner“ waren. Und natürlich einige Bücher und gezielte Zeitschriften, denen ich mich schon lange widmen wollte. In der dritten Woche hat DIE ZEIT in einer Beilage ganz groß über eine Doppelseite die Frage gestellt, meine Frage gefragt: „Wer bist du, wenn du mit dir allein bist?“. Und genau diese Frage hat ihre Antworten bekommen, weil ich meine „digitalen Kochlöffel“ alle konsequent 100%ig weggelegt habe. Ich durfte mir „unabgelenkt“ begegnen. Tag für Tag.

Was ist entstanden?

Im Rückblick und nicht erst jetzt merke ich, dass ich mit einer neuen Wahrnehmung da bin. Ich wusste immer, dass Digital emotional kalt ist. Das kann die Seele nicht wärmen. Sie macht sie hungriger. Die tiefe Achtsamkeit und Empathie geht verloren, ist auch mir zum Teil verloren gegangen. Und doch verfallen so viele Menschen unkritisch diesem „Zug der Zeit“ und hängen an ihren Geräten. „Aufmerksamkeitszertäubung“ nennen das gute Beobachter. Und ein Geschäftsführer hat zu meinem Offline-Dasein gemeint: „Recht hast du. Wir halten das alle miteinander ohnehin nicht mehr lange aus.“  Und bei mir selber habe ich gespürt, wie Langsamkeit in mein Leben eingekehrt ist. Das hat mir ermöglicht, viel tiefer hinzuhören in Gesprächen, auch auf die Stille. Ich spürte auf einmal keine Getriebenheit mehr, sondern konnte selbst die zeitweise Langeweile in meinem Zimmer genießen. Langeweile ist ja ein Fremdwort geworden, ein Unwort der „Bespassungsgesellschaft“. Gerade in diesen Zeiten haben meine Gedanken-Gänge unglaublich viel Freiraum vorgefunden und neue Facetten aufgemacht. Und beim Gehen in den Gasteiner Bergen nahmen die Augen die Natur, das wunderschöne Panorama auf, weil ich keine Kamera zücken konnte, die im Smartphone daheim integriert lag. Einfach da sein, schauen, wahrnehmen, hinhören auf die Stille der Natur, den Berggipfel jetzt genießen und nicht erst später am Foto. Ich bin da. Jetzt. Genau auf diesem Quadratmeter Erde, eingespannt und getragen zwischen Welt und Himmel.

Und wie weiter?

Mit großer Aufmerksamkeit habe ich den Beitrag von Richard David Precht in der ZEIT vom 22. September 2016 gelesen: „Unsere gereizten Seelen“. Precht schreibt dort, dass Europa keine User und Konsumenten braucht, sonder StaatsbürgerInnen. Gerade die digitale Welt deformiert uns Menschen dazu, „nur mehr über Geld nachzudenken, Preise zu vergleichen und auf Kosten anderer zu profitieren“. Nicht der zufriedene Mensch ist das Ziel, sondern der immer wieder neu unzufriedene. Ein kurzfristiger „Hyperkonsumismus“ wird in den Mittelpunkt des Seins gestellt auf Kosten langfristigen Denkens. Eine „zittrige Seele“, wie wir sie heute so oft vorfinden, findet keine Ruhe in sich selber, findet auch das Du nicht mehr. Die Seelen, so sie nicht ohnehin verschüttet sind, werden durch Werbung, digitale Medien und das ständige Mehr immer neu „gereizt“. Dieser ständige Reiz von außen macht sie selber wieder zittrig. Und genau diese kollektive Nervosität erleben wir unter dem Anschein von „digitalen Freundschaften und Followern“. Bisher hat meine Offline-Zeit noch niemand in Frage gestellt, sondern auf verschiedenen Ebenen haben mir Menschen dazu gratuliert, sind neugierig geworden. Was gibt es Schöneres, als auf das Wesentliche reduziert Beziehungen, Familie und Freundschaften img_2479analog zu leben. Auch wenn sich der Mainstream beschleunigt, so werde ich langsamer leben. Meine Arbeitskollegin hat mir auf mein erstes Email zurückgeschrieben: „WELCOME BACK! (in reality – ehm – virtuality)“. Das ist der Punkt. Reality nicht mit Virtuality verwechseln. Smartphone weglegen und einfach offline gehen. Einmal am Tag ins digitale Gasthaus „Facebook“ schauen. Whatsapp ausschließlich für Familie verwenden. Sonntag ausschließlich haptisch gestalten und das Festnetz wieder mehr betätigen. Außerdem: Die Abende gehören dem Gespräch und der tatsächlichen Begegnung – ohne „Geräte“. Außerdem sind alle meine handschriftlichen Briefe bisher als „Sensation, Seltenes“ empfunden. Und diese Rückmeldungen kamen auch handschriftlich. Als Karte oder Brief. Die digitale Welt hat viele Menschen „übernommen“, dabei sind diese Erfindungen nur Hilfsmittel. Deshalb raus aus dem Mittelpunkt damit. Das heißt: Sich nicht dauernd stören lassen und die digitalen Kochlöffel gezielt weglegen, hinausgehen aus der digitalen Küche und Mensch und Natur direkt begegnen.

 

_img_2415„Das schaffst du nie“, meinte im Spätsommer ein befreundeter Pressefotograf in Kärnten. Wir sind uns bei PfinXten begegnet. „Wetten: Eine Flasche Rioja“, schlug er vor. Ich habe eingeschlagen. Und ich werde es machen. Seit 1997 bin ich defacto online. Mein Arbeitskollege und Freund Stefan Greifeneder hat mir damals die „aufkeimende digitale Welt“ zugänglich gemacht. Die Aufgabe als diözesaner Internetverantwortlicher hat mich direkt hinein gestossen. Als „early adapter“ wurde ich manchmal bezeichnet. Die Neugierde auf Neues hat mich schon oft in „Gegenden“ gebracht, die für viele neu und unbekannt waren. Meine jetzige Neugierde gilt mir selber. Wer und was bin ich, wenn ich gänzlich offline bin? Was stellt sich innerhalb der drei Wochen in meinem Leben neu ein, wenn ein wichtiger Teil des Lebensvollzuges abgeschnitten ist. Ich bin selber neugierig gespannt und freudig gelassen. Ich weiß: Es wird mir gut tun.

Auszeit für haptische und analoge „Selbstbegegnung“

_img_2417Meine dreiwöchige Auszeit werde ich dazu nutzen, auf jegliche „algorithmus-basierte Kommunikation“ zu verzichten. Das bedeutet: kein Smartphone, kein Laptop, kein Email, kein Fernsehen, kein Fotoapparat. Nichts dergleichen. Selber zeichnen. Sich erzählen lassen. Nachfragen. Gespräche ohne „lauernde Geräte“. Diese Sehnsucht liegt schon länger in der Luft, in meiner Umgebung. Mein Freund und Follower auf Twitter Thomas schreibt gestern auf mein Posting dort auf Twitter: „Ich bin einer, der immer wieder knapp vorm Abwenden ist.“ Worauf hat er reagiert? Ich habe die Diskussion „zum Netz“ auf ServusTV nur kurz mitbekommen. Aus meiner Sicht kam dabei die zentrale Aussage von Sybille Hamann. Ich habe mein Smartphone (in diesem Fall als Second Screen) genommen und sie auf Twitter so zugänglich gemacht, geteilt: „Viele wenden sich ab. ist nicht das Volk.“  Es ging um Scheinwelten, um Hasspostings, um Lügen und Verunklimpfungen, „die sich rasend verbreiten“. Es ist die Schnelligkeit und es sind die Dummheiten, die uns zusetzen. Es ist das „angebunden sein“, weil wir festgelegt haben, dass die Reaktionszeit nur mehr Minuten dauern darf. Die Medienwelt hat das Nachdenken und Verweilen eliminiert. Emotionen werden aus dem Netz geholt, geschürt, aufgebauscht und wieder zurückgerülpst. Jahrelang ist für SocialMedia das „digitale Gasthaus“ mein Bild. Ich gestehe: Das Gasthaus hat sich ausgedehnt ins Arbeitszimmer und Wohnzimmer. Mein Esstisch kennt seit geraumer Zeit kein digitales Gerät mehr und die Nacht ist auf Flugmodus. Jetzt könnte ich länger ausholen. Braucht es aber nicht. Seit etwa zwei Jahren spüre ich in mir den Wunsch, ganz konsequent über drei Wochen „offline zu gehen“. Immer wieder kam in den letzten Tagen von Menschen ein erstaunter und genauso bewundernder Blick: „Was? Dann kann ich dir praktisch nur einen Brief schreiben?“ „Stimmt!“ „Klar: Und posten und bloggen geht dann auch nicht.“ „Stimmt.“ Die meisten: „Ich bin gespannt, was du erzählen wirst.“ „Ich auch.“ Und die Flasche Rioja steht in jedem Fall – nach dem Fest des hl. Franziskus im Oktober. Bis dorthin geht total offline.  Ich mit mir.

1000_kirche_IMG_0904Wenn ein Mensch überraschend stirbt, folgen daraus immer besondere Momente. In jeder Hinsicht. In den letzten Tagen durfte ich etwas näher am Abschiednehmen von Susanne Schießer, die bei allen die „Susi“ war, teilhaben. Mit der Familie gestalteten wir das „Nachtwachen“ am Vortag des Begräbnisses am 13. August 2016 in Kirchschlag. Susi war in jeder Hinsicht eine beeindruckende, schillernde, empathische und immer ermutigende Frau, Mutter, Oma und vor allem Hebamme. Sie war begnadet darin, dem Leben ins Leben zu helfen. Deshalb waren beim Begräbnis auch so viele verschiedene Menschen. Es war Vielfalt, lebendiges Leben, Behutsamkeit und Tiefe. Neues und Gewohntes.

Loslasssen können

1000_freidhof_grIMG_0914Florian hat beim Nachtwachen die Gitarre gespielt. Wir haben gesungen. Trauer und Fröhlichkeit lagen ganz nebeneinander. Susi hatte immer Humor. Gleichzeitig hat sie ganz tief in die Seelen hinein gesehen, gespürt und dort Hoffnung geschürt, ungewohntes Denken eingepflanzt, schräge Perspektiven eröffnet, Gewohntes relativiert, Scheitern zugelassen, Neues immer freudig begrüßt. Das war auch der Grund, warum sie mit großer Freude die Vernetzung via Facebook genutzt hat. Sie war mir auch darin eine anregende Freundin. Bei ihr war das Oben auf einmal unten und die, die sich ganz unten fühlten, hat sie aufgehoben, mental und wirklich aufgerichtet. Sie war für mich eine begnadete Frau, die eine Meisterin des Loslassens war. Florian hat den Text gelesen, der mich selber in dieser Situation tief erfasst hat:

„Es geht darum, loslassen zu können.
Geburt ist loslassen können.
Wachsen ist loslassen können.
Altwerden ist loslassen können.
Sterben ist loslassen können.
Leben ist loslassen können.
Lieben heißt loslassen können.“

1000_fliessen_IMG_0903Susi war nicht perfekt. Das wollte sie auch nie. Wer in Zeiten des Festhaltens, der Berechnungen lebt, hat es nie leicht. Susi wurde von ihren Hebammenkolleginnen als Querdenkerin geschildert. Man sah in der vollen Kirche, dass hier alle äußerlich und innerlich nickten. Auch in ihrem Lebenslauf kam heraus, dass nicht alles gelang. Aber sie hat es versucht, mit Energie und ihrer ganzen Existenz. Sie hat selbst ihr Leben „losgelassen“, damit andere zum Leben kommen. Berechnungen und Kalkül waren ihr komplett fremd. Da ich selber auch überzeugt bin, dass wir in gewisser Weise gefangen sind in der „Excel-Zelle“, hat sie auch das gemieden. Loslassen kann nicht festhalten. Loslassen kann nicht berechnen. Loslassen lässt sein. Wir haben das Mantra „Fließen fließen“ gesungen, gesummt, gehört. Liebe geht hinein ins Mehr.

Seifenblasen statt Böller

1000_friedhof_IMG_0910Als wir am Waldfriedhof angekommen sind, begleitet von der „Schwere“ der bei einem Begräbnis üblichen Musik, kramten viele in ihren Taschen. Die Familie hat eingeladen, Seifenblasen mitzunehmen. Der ebenfalls streng gebetete und schwere Ritus am Grab hat den hinuntergelassen Sarg begleitet. Doch. Die Menschen haben in diesem Moment die Seifenblasen abgeschickt in Richtung Himmel. Am und über dem Friedhof lag in diesem Moment auf einmal eine „Leichtigkeit“, direkt Fröhlichkeit. Die Gesichter – auch die der Töchter – richteten sich zum Himmel. Auferstehung ist doch aufstehen, hinaufsteigen, hinübergleiten, ankommen im „Mehr“. Ich erinnere mich in diesem Moment an die Böllerschüsse als Kind. Damals war es Angst einflößend. Und wenn die Rede war vom „Nächsten, der aus unseren Reihen heimgerufen wird“, dann spürte ich Beklemmung und am Boden festgenagelte Trauer. Bei diesem Begräbnis war das anders. Ganz anders. Nicht theoretisch, sondern  ganz praktisch. In diesem Moment. Da war ein Lächeln in den Gesichtern, Freude, Hoffnung und ein Stück Zuversicht, dass mit der Geburt (sprich in diesem Fall Tod) nicht alles aus ist, sondern sich das Leben in ganz neue Dimensionen ergießt, erfüllt, vollendet, neu beginnt. Die Seifenblasen haben uns das „gezeigt“. Seifenblasen werden nicht bei jedem Verstorbenen passen, aber ich sehe darin den Anfang eines neuen Rituals, um die Auferstehung spürbar zu machen. Danke Susi. Und: Maria Himmelfahrt ist irgendwie auch so gemeint: ganz aufgenommen.

 

700_IMG_0615Der in Lustenau geborene Fredmund Malik hat auf die Frage – Glauben Sie, sind Führungskräfte mutig genug für neue Ansätze? – im Kurier folgende Antwort gegeben: „Viele sind es nicht, aber es dürfen viele ja auch Ängste haben. Von den Mutigen genügt eine kritische Zahl. Wir brauchen 5 bis 15 Prozent der Führungskräfte in einer Pionierrolle. Und ich denke, so viele gibt es auch. Die Problematik ist: Pioniere wissen, was zu tun ist. Aber sie wissen nicht, wie sie gegen die Widerstände des Systems antreten müssen. Konzerne haben ein unglaubliches Beharrungsvermögen. Man muss Tausende Menschen in Konzernen bewegen, um etwas zu verändern. Und es gibt dabei natürlich Opfer.“ Hier spricht einer, der weltweit Management geprägt hat und prägt. In jedem Fall braucht es Pioniere, um den Wandel, die Transformation, die Veränderung zu schaffen. Nicht, um der Veränderung willen, sondern weil wir spüren und sehen, dass einiges aus den Fugen gerät. Ein praktisches Beispiel hat mir letzte Woche Erich Stekovics gezeigt.

300.000 Sorten zu 5

1000_IMG_0547Erich, den ich schon seit meiner Zeit als Ausbildungsleiter für Theologiestudierende als meinen burgenländischen Kollegen kennen und schätzen gelernt habe, hat sich international mit seinen „Sorten“ einen Namen gemacht. „Paradeiser-Kaiser“ ist immer wieder zu lesen, zu hören, zu sehen. Seine Leidenschaft gilt dem Geschmack, der Vielfalt des Geschmacks. Den Himmel stellt er sich als „vielfältige Geschmackswelt“ vor. Ist das der Grund, warum viele Menschen  nicht mehr an den Himmel glauben können, weil internationale Konzerne aus den 300.000 Sorten von Paradeiser weltweit 5 hybride Sorten gemacht und die Produktion von Tomaten für Lebensmittelketten auf diese „fünf Geschmäcker“ reduziert haben? Spaß beiseite, aber: Es ist eine bodenlose Geschmacklosigkeit, die da entwickelt wurde. Pioniere der Geschmacklosigkeit haben in Konzernen in den letzten Jahrzehnten Strukturen und technokratische Plausibilitäten geschaffen, denen alle nachgelaufen sind, sich an diesem Verbrechen beteiligt haben, „der Welt den Geschmack zu nehmen“. Aber wie geht jetzt der Wandel, die Transformation in die Vielfalt, in eine neue Form der Wahrnehmung der Verantwortung. Was Malik unternimmt, kenne ich nicht persönlich, sondern vom „Hörensagen“. Was die KSÖ seit Jahrzehnten in diesem Bereich anbietet, habe ich selber beim Drei-Monats-Kurs 1978 in Salzburg kennen lernen dürfen. Es waren sicherlich die intensivsten und fruchtbarsten drei „Lernmonate“ meines Lebens. Wandel, Change, Transformation sind immer Begriffe der Gegenwart. Nach dem Kurs bin ich 1978 Erzieher am Kollegium Petrinum geworden, während des Theologiestudiums. Ich habe mich gestärkt gefühlt, mit den Schülern und oft gegen die Vorgesetzten „Partizipation, Involvierung und Eigenverantwortung“ zu praktizieren. Bis heute begleitet mich dieser „Pionier-Mut“ und die Art der Ideen- und Handlungsfindung aus dieser Zeit. Wenn die KSÖ heute den Lehrgang „Soziale Verantwortung“ anbietet, würde ich zugreifen. Denn eines weiß ich ganz bestimmt: Da wird Mut zu Gestaltung gelehrt, gepflegt, geschürt. Was brauchen wir heute notwendiger als Pioniere des Wandels?

Rückholaktionen in die Erde der Vielfalt

1000_IMG_0554Erich Stekovics erzählt bei meinem Besuch von seinen Erfahrungen mit seinem Knoblauch. Seine 250 Tonnen Knoblauch werden nach der Ernte nicht gewaschen oder von der Erde gereinigt, sondern nur getrocknet. „Wir putzen unseren Knoblauch nicht zu Tode.“ Die Knoblauch-Zöpfe werden gerade unter dem Nussbaum im Hof von HelferInnen geflochten. Sie halten „luftig aufgehängt“ beim Konsumenten über ein Jahr in der Küche oder Garage. Der natürliche Schutz wird nicht zerstört. Bei der Markt-Einführung bei Spar kam gleich am ersten Tag ein Beschwerdebrief der Behörde, „dass der Knoblauch mit dem Dreck dran nicht verkauft werden darf“. Erich: „Da ist kein Dreck dran, sondern Erde. Im Dreck von heute würde der Knoblauch nämlich nicht wachsen.“ Nach vielem Hin und Her, dem hilfreichen Posting von Lukas Resetarits auf Facebook, das 250.00 Mal geliked und 12.000 mal geteilt wurde, wird heute der Knoblauch im blickdichten Papiersackerl angeboten. „40 % der Knoblauchproduktion haben wir so von China wieder zurück nach Österreich geholt.“ Und Stekovics bastelt mit Zwiebeln schon an weiteren „Rückholaktionen in die erdige Welt der Vielfalt“ in Österreich. Mut und Liebe, Wissen und lange Beobachtung machen Mut, diese eigenen Schritte zu setzen. Es ist klar: Wir brauchen mutige Pioniere der Vielfalt.

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