#Klimapilgern macht einen #Rasttag. Allerheiligen.
Nov. 01 2015
Tag15: Wir haben viel zu viel gearbeitet
#Klimapilgern ist ein Gehen dem fluiden Element entlang. Es fließt. Links das Wasser und daneben ein schmaler Pfad. Ein Stück gehen die mehr als dreißig KlimapilgerInnen schweigend dahin. Die Sonne wurde von einem kräftigen Ostwind freigeweht. Immer wieder das Glitzern des Wassers, das Rauschen der Wellen. Der Weg führt der Traun von Wels nach Lambach entlang. Ich genieße diese Strecke. Sie ist neu für mich und eine Frau meint etwas nachdenklich: „Warum fahren so viele Menschen so weit fort, wenn es da in unserer Nähe so schöne Platzerl gibt?“ Wir reden länger darüber, was Werbung und Medien in den Köpfen der Menschen vermögen. Es wird eine ganz tiefe Unzufriedenheit mit dem Hier und Jetzt geschürt. So entsteht die Sehnsucht nach dem ganz Anderen, obwohl ich das Eigene noch gar nicht kenne. Das wird
gepaart mit einem Art touristischen Herdenstatus („In …. musst du gewesen sein.“) gekoppelt und dem „Billigflieger“ zugeführt. Das große „Weglaufen“ kann beginnen. Beim Alleingehen kommen mir die Massen an Fluggästen unter und die Erwartung, „dass Wirtschaft wachsen muss“. Und einige Sekunden später höre ich in meinem Kopf, dass bisher 7 % der Weltbevölkerung in einem Flieger gesessen sind. Undenkbar, wenn nur 20% die Idee eines Urlaubes „unseres Formates“ ins Auge fassen. Für die Welt, das Klima und den Menschen ginge das voll ins Auge. Die Welt würde den Menschen abwerfen.
Zurück zum fluiden Element
Vom Bildungshaus Puchberg sind wir fast eine Stunde durch die Stadt Wels gegangen. Gehsteige, Straße, Autos und Asphalt. Die alte Traunbrücke ist das Signal, dass weitere PilgerInnen wie Margit Hauft oder Pia, die uns immer wieder am Wochenende begleitet,
dazukommen. Das ausschließlich feste Element durch die Stadt wird durch das fluide Element Wasser ergänzt. Meine Erfahrung ist, dass ich viel leichter und beschwingter gehe, wenn Wasser im Spiel ist. Das ist auch in den Bergen so. Die vielen Bäche im Virgental in Osttirol sind ein belebendes Element, das mir im Toten Gebirge irgendwie fehlt. Wasser, das fluide Element, ist ein Lebensmittel, das nicht nur zum Trinken, sondern auch für meine Seele gut und wichtig ist. Zu vieles ist in unserer Gesellschaft ausschleißlich kristallin, fest geworden. Ein Beispiel: Das Geld hat sich verfestigt und ist nicht mehr das fluide Tauschmittel für reale Produkte oder Dienstleistungen. Bei der Familiensynode habe ich (gezwungener Maßen durch das Klimapilgern) von Ferne betrachtet den Eindruck, dass Papst Franziskus den Beton der Hierarchie durch fluide synodale Elemente umspült, ja wesentliche Fragestellungen wie die Wiederverheiratet-Geschiedenen in das fluide Element des
Gewissens setzt. Es bewegt sich. Und #LaudatoSi ist ein gelungener Impuls, das starre kristalline, alleine technische Menschenbild durch das fluide Element der Spiritualität und Verknüpfung zu relativieren, ja von dort her zu entwickeln. Das fluide Element haben wir vergessen. Das synodale Element wurde in der katholischen Kirche in den Jahren vor Franziskus sogar desavouiert. Das macht uns auch das Thema und die Realität der Flüchtlinge so schwer: Viele können deshalb mit der derzeitigen Flüchtlingsbewegung so schwer umgehen. Auch der Radfahrer am Damm an der Traun.
Wir dürfen uns nicht wundern, wir sind selber schuld
Vor mir ist die über dreißigköpfige Pilgergruppe hintereinander in diesen schmalen Traunweg eingebogen. Ich bin ganz hinten und ein Radfahrer fragt mich: „Seid ihr da mit Flüchtlingen unterwegs?“ Ich schaue der Gruppe nach und denke mir: Ja, so könnte es ausschauen. Wäre eine denkbare Variante. Er gesteht, dass er sich mit der „Flüchtlingswelle“ schwer tut, obwohl er vor 20 Jahren einen Flüchtling aufgenommen hat. „Wo führt das alles hin?“ Ich versuche ihm wie vielen anderen in solchen Situationen das „Why“ zu erklären: Krieg, Gewalt, starre und tödliche Gesellschaftssysteme, Lebensmöglichkeit, Überleben wollen. Er denkt laut mit seinem Fahrrad stehend: „Wir sind ohnehin selber schuld. Wir haben viel zu viel gearbeitet. Wir haben zwar materiellen Reichtum aufgebaut, aber vieles an
Zwischenmenschlichem ist dabei verloren gegangen. Die Kinder und Jungen sind ausgeblieben oder weggezogen.“ Er deutet auf die Häuser hinter ihm: „Die Häuser sind fast leer. Keine Nachkommen. Wir brauchen Menschen, die das weiterführen.“ Ich frage ihn: „Und warum wehren wir uns gegen die, die das tun könnten?“ Er ist nachdenklich: „Die Flüchtlinge können viele Dinge viel besser wie unsere Leute, die dann keine Arbeit mehr bekommen.“ „Die eigene Schwäche schürt also unsere Angst?“ Er nickt. Die Gruppe ist längst im Auwald verschwunden. Ich muss hinterher. Wir verabschieden uns und er meint: „Ist eh wichtig was ihr da tut. Alles Gute.“ „Nur keine Angst. Gutes Weiterradeln.“ Er lächelt, dreht sich um und tritt in die Pedale. Das Leben ist ein Hin und Her von „fluiden und kristallinen Elementen“. Auch in den Gesprächen. Wichtig bleibt das Hin und Her. Der Blick auf den Weg ist mindestens so wichtig wie der Blick in das fließende Wasser. Einfach schön heute. Wäre schade, wenn der Mensch diese Welt verlieren würde. Als Grundlage.
Okt. 30 2015
Tag14: Die Irreversibilität und Aus ist Aus
#Klimapilgern beginnt heute früher, um 8 Uhr vor dem Stift Wilhering. Es sind noch nicht alle da. Wir wissen das aber noch nicht. Erst am Weg stellt sich heraus, dass Klara und Anna „auf 9 Uhr“ angezielt haben. Wir sind da schon fast eine Stunde unterwegs. Anja hat im „Impuls zum Aufbruch“ für unser Pilgern von Wilhering über Hartheim in das Bildungshaus Schloss Puchberg bei Wels ein Wort ausgepackt, das uns begleiten soll: Irreversibilität. Es gibt Dinge, die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Wenn eine Tier- oder Pflanzenart ausgestorben ist, ist das nicht mehr rückgängig zu machen. Das verleiht allen anstehenden Herausforderungen im Zusammenhang mit
Klimagerechtigkeit eine besondere Dringlichkeit. Wir spüren, dass es viele Menschen gibt, die sich dieser Problematik nicht bewusst sind: Es drängt. Denken wir an den Flugverkehr, der alleine in den nächsten 20 Jahren, wenn er nicht radikal reduziert wird, 48% der klimaschädlichen Faktoren ausmachen wird. Wie sagte der Bauer vor Bad Kreuzen: „Holt die Flieger runter.“ Das ist reversibel. Das kann der Mensch zurücknehmen. Kerosin richtig besteuern. Die Folgen des ungezügelten Flugverkehrs sind allerdings irreversibel. Wer in einen Flieger steigt, zertritt die Welt, die Erde und damit den Menschen. So drastisch muss das auch einmal gesagt werden. Zu viele aber denken: „Is eh wurscht.“
Keine Mikrowelle und AUS ist AUS
Von Wilhering geht es hinter Schönering hinüber nach Hartheim. Dorthin sind uns die beiden, die zu spät gekommen sind, vorausgefahren. Wir kehren kurz in die Gedenkstätte ein. Ein Memento. Dann geht es über Felder und Feldwege hinauf nach Forst. „Spitzwirt“ ist gleich am Start als Schlüsselwort für die Mittagsrast gefallen. Gut, dass wir da hineingegangen sind. Selbst die TagespilgerInnen aus dieser Gegend kannten die Spitz-Wirtin nicht. Wir setzen uns. Alles ruhig. Die Wirtin hat nur selbst gemachte Säfte und frisch gekochte Speisen. Eine Tafel an der Wand gibt uns
Orientierung. Suppe ist für WeitgeherInnen zu mittag die optimale Unterstützung. Ich nehme in diesem Fall auch Kaffee und Kuchen. Man möchte bleiben, weil es so gemütlich ist und alles so gut schmeckt. Die Wirtin bringt einen Kurier-Artikel, den sie uns aber nicht mitgeben will, „weil ich ihn auch anderen Gästen zeigen möchte“. Es geht um den unermesslichen Fleischkonsum und darum, dass wir unsere Welt aufessen. Einen Satz aus dem ganz kleinen Infoblatt zum Wirtshaus packen wir in den Rucksack der Alternativen: „Alles wird frisch gekocht und gebraten, was aber auch heißt, dass Mikrowelle keinen Platz hat und AUS auch AUS bedeutet.“ Diesen Satz rufen wir in alle Supermärkte, die bis kurz vor Ladenschluss noch volle Regale produzieren, damit der Konsument nicht das Gefühl hat, dass etwas aus ist.
Hört diesen Blödsinn auf. Gut, dass in Frankreich die übrig gebliebenen Lebensmittel weiter verwendet werden müssen. Gesetzlich. Das muss auch in Österreich kommen. Unbedingt. Wir Menschen müssen wieder lernen, dass AUS auch AUS ist. Da wird keiner verhungern.
Es blühen viele Projekte
Oberhalb von Scharten führt der Weg an Buchkirchen vorbei. „Hinter Puchberg“ kommen wir aus dem Wald heraus. Nach 27 km sind wir am Tagesziel. Im Hof des Bildungshauses machen wir unseren Kreis, „das Ankommen“. „Schön war es.“ „Ich habe die guten Gespräche genossen.“ „Ich bin fast herübergeflogen.“ „Leicht ist es heute gegangen“, sagt einer, der schon 14 Tage mitgeht. „Die Pilgergemeinschaft trägt.“ Wir singen gemeinsam im Kanon neunstimmig: Der Himmel geht über allen auf. Das Bildungshaus hat uns schöne Zimmer gegeben. Fast zu schön für uns Klimapilger. Am Abend hat uns der Haustechniker Florian im Rahmen der Veranstaltung von „Klimabündnis“, „Umweltzeichen“ und „Green Events“ das „technische Dahinter“ dieses großen Hauses gezeigt. Beim
Umbau hat er sein Wissen eingebracht: „Vieles haben wir mit Hausverstand möglichst energieeffizient gemacht.“ Wir diskutieren, dass es Mut braucht, nicht alle Vorschriften, die ihren Sinn verloren haben, zu erfüllen. Ich bin fest überzeugt: Es braucht leidenschaftliche Menschen, die so eine System als Umweltprojekt zum Blühen bringen. Florian ist so einer. Beeindruckend, die technische Infrastruktur und Zentrale einmal zu sehen. Wir packen das Umweltzeichen in den Rucksack, das Puchberg bekommen wird.
Das ist nicht immer lustig
Übrigens: In Garten des Bildungshauses führt eine Frau täglich ihren Hund Gassi. Wenn er sein Geschäft gemacht hat, dann packt die Frau das Sackerl aus, nimmt das Gaggerl und legt das Sackerl hinter den Baum. Gefragt, warum sie das tut: Ihr habt keine Mistkübel im Garten. Liebe Frau. Nehmen sie ihr Sackerl mit nach Hause, denn es ist ihr Hund und ihr „Problem“. Wer A sagt, soll auch das Gaggerl des eigenen Hundes mitnehmen (B). Es ist ihre Verantwortung bis zum Schluss. Kindern und Erwachsenen sage ich oft: Der Satz endet mit dem Punkt. Zu viele leben nur den ersten Teil bis zum Beistrich. Den zweiten Satzteil lassen sie andere wegräumen. Viele Projekte blühen, weil
Menschen ihre volle Verantwortung bis zum Punkt leben. Diese Logik legen wir auch den EntscheiderInnen am Weltklimagipfel ans Herz: „Denken sie die Welt bis zum Punkt und legen sie keine Sackerl mit dem Gaggerl hinter den Baum.“ Und stellen sie keine Mistkübel in den Welt-Garten. Der Weg heute war wieder weiter. Verheimlichen kann ich nicht, dass weitere Worte neben Irreversibilität am Weg aufgetaucht sind: Nihilatio (Aus nix wird nix), Transnihilatio, Substantiatio, Transubstantiatio. Ich sage das nur, weil einige meinen, Klimapilgern sei einfach nur lustig.
Okt. 29 2015
Tag13: Andersdenken ist die besondere Herausforderung
#Klimapilgern geht nicht, sondern fährt. Von Ottensheim nutzen wir über die Donau die Drahtseilbrücke
. Eine Fähre, die fast weltberühmt ist. Aber das war schon am späten Nachmittag, mit vielen Erlebnissen und Begegnungen im Gepäck. Begonnen hat der Tag mit einem gemeinsamen Frühstück mit den Patres im Refektorium bei den Jesuiten. Wir sitzen alle um den Tisch und erzählen einander „Geschichten“. Uns hat vor allem auch die Geschichte der Jesuiten interessiert, einem Orden, der einmal aufgelöst wurde und heute den Papst „stellt“. Ein wenig Kirchenpolitik musste auch sein. Gut bereitet an Leib und Seele gehen wir es an. „Ihr seid in der Zeitung“, hat uns eine Mitpilgerin beim Treffpunkt „geflüstert“. Ja, stimmt. Die Headline zeigt, dass der Journalist gestern gut zugehört hat: Jeder Schritt verändert Sichtweisen. So wird es auch heute. Siebzehn Frauen und Männer sind wir unterwegs. Zuerst in das AEC.
Pendlerpauschale abschaffen
Anja hat zum Start in den Tag einen Impuls gesetzt. Im AEC treffen wir den Leiter Christoph Kremer und diskutieren über die Erfahrungen, die sie bei „Post City“ gemacht haben. Es geht um die Zukunft der Stadt, des Lebens, des Menschen. „Wir stehen im Spannungsfeld Kunst – Technologie – Mensch.“ Es dauert nicht lange und wir sind in einer lebhaften Diskussion. In mein Smartphone tippe ich ein paar Notizen: „Andersdenken ist die besondere Herausforderung.“ „Migration ist die Herausforderung.“ „Am besten ist der Mensch dann, wenn er Lösungen finden MUSS.“ „Verlieren wir Freiheit, wenn wir den Supermarkt killen.“ „Pendlerpauschale abschaffen.“ „Wie viel Natur braucht der Mensch.“ „Bewusstsein für gute Lebensmittel schon im Kindesalter lernen. Ganz wichtig.“ „Große Herausforderung: Wie
kommen wir aus der rein technologische Sicht heraus.“ „Thinking out of the Box.“ Wir sind uns klar, dass es genug Gesprächsstoff für den Treppelweg von Linz nach Ottensheim direkt an der Donau gibt. Ich erlebe das Gehen hier an der Grenze zwischen „fluid und kristallin“, „fest und flüssig“ als Inspiration. Links die ruhige Donau und unmittelbar rechts von uns der Zug und die Straße. Der Zug fährt selten und die Autos sind immer zu hören. Nicht oft genug kann ich sagen, wie fahrlässig in Oberösterreich der öffentliche Verkehr vernachlässigt wurde. In Ottensheim ist es uns wieder ein Anliegen, beim „Containerdorf“ der Flüchtlinge vorbeizuschauen, unsere Solidarität zu zeigen, den „FlüchtlingshelferInnen“ unsere Achtung und Wertschätzung zu zeigen. Dann geht es in das Gemeindeamt, wo im Saal die kfb der Pfarre unser Meeting kulinarisch angerichtet hat.
Wir sind Gast auf Erden
„Politik muss offen und transparent sein. Das muss sich auch in den Gebäuden ausdrücken.“ Die Bürgermeisterin Ulli Böcker hat sich unseren Termin schon im Sommer eingetragen. Sie sagt das mit Blick auf die große Glaswand, wo wir hinausschauen und die PassantInnen hereinschauen können. Ihr und allen mit ihr (das betont sie immer wieder) ist in Ottensheim in den letzten zwei Jahrzehnten schon unglaublich viel gelungen. Mit einer Powerpoint erzählt „Bill“ (Kurt Bayer) anhand einer langen Liste von Aktivitäten, die in der Klimabündnisgemeinde stattgefunden haben: Solarkataster, Mobilitätswoche, Sackamt (= eine Waschmaschine, wo sich jede/r am Wochenmarkt sein Stoffsackerl waschen kann und kein Plastik mehr verwendet wird), Streuobstwiese, Raumplanung, Ortskern belebt, Wochenmarkt. Die Liste geht anhand von Fotos immer weiter. Applaus. Gut, dass wir da sind. Wir erzählen aus unserem Rucksack der Alternativen. Ulli Böcker gibt uns eine „Streuobst-Schokolade“ mit, weist auf den Streuobstsaft hin und wir hören vom E-Carsharing, das demnächst beginnt.
Die Bürgermeisterin denkt und fühlt tiefer und betont, „wie wichtig die vom Boden geschenkten Dinge sind“. An ihr spürt man, dass in jeder Minute das Gemeinwesen, die Ottensheim-Community im Mittelpunkt steht. Da geht es nicht um Macht oder Herrschaft. Sie spricht fast demütig: „Wir sollten uns ständig daran erinnern, dass wir nur Gäste hier auf Erden sind.“ Das erleben wir KlimapilgerInnen auch. Wir sind Gast, Gast bei Menschen, die die Zukunft schon leben, mutig, manchmal für viele etwas verrückt, fröhlich, engagiert, ohne großen Eigennutz. Mir würde um die Welt nicht bange, wenn sich Verantwortliche nur ein wenig an Ottensheim orientieren würden, an dem, was in den letzten Jahren hier gewachsen ist. Das ging nicht von selbst sondern weil viele zum „Dienst aneinander“ bereit waren. Wir sehen: Die Schuhe für den neuen Bürgermeister sind groß. Beseelt, genährt, inspiriert geht es in das Stift Wilhering, wo uns P. Christian empfängt. Ich selber bin auch noch besonders beschenkt: Ich habe unser Enkerl erstmals laufen sehen. Hier in Ottensheim.
Auf ORF Religion lesen wir einen schönen „Halbzeitbericht“.
Okt. 28 2015
Tag12: Mut-Motor gegen Resignation und ein Denk-Mittel gegen blinden Konsumzwang
#Klimapilgern landet heute mitten in der Stadt Linz. Die eher kurze Tour von Abwinden nach Linz über etwa 15 km fand bei den Jesuiten am Alten Dom ihren Kopfpolster. Wieder finden sich aus Katsdorf, St. Pantaleon, St. Florian und Pasching MitpilgerInnen ein, sodass wir am Donaudamm 18 Frauen und Männer der rauchenden Stadt entgegengehen. Immer wieder erreichen uns Nachrichten und Emails, dass Leute gerne „mitgingen“. Auch die Präsidentin der Vereinigung von Ordensfrauen Sr. Beatrix Mayrhofer kam gerade von Rom heim und sendet diese Zeilen via Email: „Herzlichen Gruss an alle Klimapilgerinnen und Pilger! Ich danke allen, die hier mitmachen und Zeichen setzen.
Sie sind ein Mut-Motor gegen Resignation und ein Denk-Mittel gegen blinden Konsumzwang. Schade, dass ich nicht bei Ihnen sein kann – aber ich gehe betend mit.“
Medien als Thementräger
„Wichtige Thementräger in Richtung mehr Klimagerechtigkeit sind die Medien.“ So habe ich zu meinem Selfie mit dem Chefredakteur Gerald Mandlbauer auf FB dazu geschrieben. Es ist meine Überzeugung, dass die Themenstellungen eines neuen, umwelt- und mitwelt-kompatiblen Lebens noch viel mehr in den Medien auftauchen müssen. Wir erleben so wunderbare Beispiele, wo das gelebt wird. Deshalb sind wir heute auch im Landesstudio des ORF und bei den OÖNachrichten vorbeigekommen. An beiden Orten wurden wir freundlich und mit Mikro, Fotoapperat und Bleistift empfangen. Wir fanden offenen Ohren für unser tiefes Anliegen Klimagerechtigkeit. Schon heute war das Thema auf der letzten Seite der OÖN präsent. Meine Pilgerkollegin Anja Appel hat sich auch medial zu Wort gemeldet in einer Presserklärung der kfb.
Der Weg Richtung Stadt
Noch am Vortag hat Rembert ein Gespräch in der Unterkunft mit zwei Maurern geführt, die ausschließlich mit Lehm arbeiten. Also Natur pur und wohnliches Klima. Der Weg heute der Donau entlang bringt uns einer Stadt näher, die einmal für Stahl, Chemie und Schiffsbau gestanden ist. Viel wurde in den Werken in Umwelttechnologie investiert. Das hat sie zu Weltmarkführern gemacht, „gezwungen“. Die Luft in Steyregg ist wieder zu atmen. Das war früher ganz anders. Heute trachten die Industrien wieder, „Auflagen aufweichen zu können“. Der Konkurrenzdruck – heißt es. In Wahrheit heißt es, dass auf Kosten der Natur und der Zukunft produziert werden möchte. Ich hoffe, die Gesetze halten und der
Weltklimagipfel schafft hier Klimagerechtigkeit. Auch für unsere Betriebe, die sich anstrengen. Der Gang über die Steyregger-Brücke gehört für mich auf dem bisherigen Weg zu jenen Erfahrungen, wo ich als Geher an die Grenze geführt werde. Der Lärm der Autos, der Gestank, der Asphalt, das Beben, das LKWs auslösen. „Es ist wie in der Disco“, sagt ein Kollege am Weg. Das macht müde. Das zehrt, lässt Energie abfließen. Auf die Landstraße gekommen, erregen wir ein wenig Aufsehen mit unseren Rucksäcken. Beim Landhaus machen wir den Abschlußkreis und singen nochmals: Geh mit uns, auf unserm Weg. Meine drei Kerngruppen-PilgerkollegInnen gehen noch in das Pastoralamt und treffen sich abends mit dem Umweltsprecher der Diözese Linz Michael Rosenberger. Ich selber widme mich einen Abend lang dem Thema Ordensspitäler. Eine kleine, aber feine „Unterbrechung“. Außerdem verfolgt uns seit wir auf oberösterreichischem Boden unterwegs sind eine Frage: Wer kann die Frauenaufstandsbeauftragte machen? Also wieder Mut-Motor und Denk-Mittel.
Okt. 27 2015
Tag11: Ich bin noch lange nicht fertig
#Klimapilgern in der Halbzeit. Das heißt aber nicht, dass wir in die Kabinen verschwinden. Schönes Wetter erwartet uns am Kirchenvorplatz in St. Pantaleon. Wir stellen uns ein auf das Hinübergehen in das neue Bundesland, das sich nach der letzten Wahl verändert hat. Oberösterreich werden wir ab Mauthausen begehen. Das Kirchentor gibt dem Rucksack der Alternativen noch einen besonderen Platz. Wir haben schon so viel gesehen, erlebt, gezeigt bekommen. Projekte, Firmen, Organisationen und Menschen, die eine klimagerechte Zukunft bauen. Jetzt. Heute. Manche gegen Widerstand schon seit Jahren. Sechs Männer und Frauen gesellen sich wieder zu uns, gehen ein Stück am Pilgerweg für mehr #Klimagerechtigkeit mit. Wir sehen uns immer wieder in Salzburg, in Paris Ende November beim Weltklimagipfel. Es besteht die Chance, dass die EntscheidungsträgerInnen endlich begreifen, dass wir mit dieser Art von Wirtschaft unsere Lebensgrundlage zerstören. Die Chinesen können nicht mehr frei atmen, bei uns wird Humus (Alles Leben kommt aus der Erde) ein Fremdwort, in Afrika versiegt das Wasser, in Südamerika raubt der Bergbau die Felder und in den USA ziehen die Wirbelstürme dahin. Liste absolut unvollständig. Das sind keine Naturgewalten, sondern die Gewalt an der Natur und damit am Menschen entfaltet diabolische Zustände. Angst macht sich breit. Wir sehen und erleben auf unserem Weg Zuversicht, Alternativen, Engagement mit Leidenschaft, die Haltung: Es geht. Geht doch!
Das Alte war uns gut genug
Der Pfarrleiter der Pfarre Mauthausen Thomas Pree hat ein gelassenes Lächeln auf seinem Gesicht. „Ich bin noch lange nicht fertig“, meint er vor dem neuen mit dem Umweltschutz des Landes ausgezeichneten Pfarrzentrum Mauthausen zu uns Klimapilgern. Er redete aber nicht vom Haus, sondern von seinem 3 Monate langen Pilgerweg nach Santiago: „Vor einer Woche bin ich zurückgekommen vom Jakobsweg. Es wird dauern, alle die Eindrücke und Erfahrungen einzuordnen.“ Einen Weg ist auch die Pfarre gegangen. Das Haus erklärt er uns so: Fünf Jahre Vorbereitungs- und Entscheidungszeit hat es gebraucht. Wir haben möglichst alle eingebunden, viele haben partizipiert. Das ist der Schlüssel: Teilhabe. Dann die Idee, alles vom Altbau wieder zu verwenden, radikal nachhaltig bauen. Der Altbau wurde zum Edelrohbau. Der weggeworfene F
ußboden aus dem Gemeindehaus wurde in vielen Stunden hier wieder eingebaut. Pelletsheizung, robuste Böden. Das erste Passivhaus als Pfarrzentrum wurde errichtet. „Die Leute haben eine Freude damit und dort und da wird auch in Privathäusern diese Idee umgesetzt.“ Wir sind wirklich froh, dass unser Klimapilgerweg hier vorbeiführt. Ein wunderbares Beispiel, dass gerade beim Bauen „viel geht“. Pree betont nochmals: Der Schlüssel ist die Beteiligung möglichst aller. Unser Weg geht wieder hinunter an die Donau. Die Sonne scheint uns ins Gesicht. Es ist warm. Auch ums Herz, wenn man solche Beispiele als Ermutigung sieht. Mut, Entschiedenheit, Fachwissen und die richtigen Leute vernetzt. Wir gehen weiter an der alten Bundesstrasse. Viel Asphalt. Das macht müde. Lieber gehe ich 800 Höhenmeter als 8 km auf der Straße.
Kirchenasyl für eine fünfköpfige Familie
Unser Weg führt uns am Memorial in Gusen vorbei. Johann Gruber wurde hier ermordet. Er hat sich eingesetzt für die Menschen hier im Lager. Hier war die Hölle. Wir sind beim Durchgehen still geworden. „Wir gehen für alle Menschen, die damals und heute zum Opfer von Menschen gemacht worden sind und werden.“ So schreibe ich es ins Gästebuch für uns KlimapilgerInnen. Unser Weg führt uns nach Abwinden. Dort ist unser Bleibe. Die Pastoralassistentin Monika Weilguny besucht uns zusammen mit dem Vater einer fünfköpfigen afghanischen Familie, der in Monate langer Flucht der Weg nach Österreich gelungen ist. Zu Fuß sind sie meist in der Nacht über Griechenland, Mazedonien, Serbien nach Ungarn gekommen. Dort war die Behandlung menschenunwürdig. So führte ihr Weg nach Österreich. Dublin III gilt für sie und
so sollten sie zurück nach Ungarn geschoben werden. Die Pastoralassistentin hat alles in Bewegung gesetzt und hat die Familie im Pfarrhof untergebracht. „Kirchenasyl“ heißt in Österreich, dass die Fremdenpolizei auf ihren Zugriff verzichtet. Es ist gelungen, dass sie hier sind, ein neues Verfahren läuft. Alle drei Kinder sind in der Schule und im Kindergarten, der Vater arbeitet für die Gemeinde und lernt deutsch, die Mutter ebenso. Er spricht nach 6 Monaten so gut deutsch, dass er uns selber seine Geschichte erzählen kann und unser Gespräch versteht. Bewundernswert. Wir nehmen diese Familie und die mehr als 150 Flüchtlinge, die derzeit im Pfarrgebiet St. Georgen untergebracht sind, mit auf unserem Weg. Übrigens: Die Familie ist bei einer Familie untergekommen und in der kleinen Wohnung im Pfarrhof sind schon die nächsten „Gefährdeten“ untergebracht. Eine quirlige Frau setzt sich ein. Geht doch!
Aufmerksames achtsames Hinschauen
Jetzt sitze ich alleine da und schreibe die Erfahrungen. Halbzeit ist. 11 Tage sind wir unterwegs als Pilger, die Klimagerechtigkeit im Sinn haben und in den Flüchtlingen die Kehrseite der Ungerechtigkeit sehen. Froh bin ich, dass ich diesen Weg gehe. Dankbar, dass ich dabei sein darf. Vorhin habe ich mit Martin von der KOO, während er den Rucksack der Alternativen auspackt, Erfahrungen und Einschätzungen geteilt. Er ordnet einmal den bisherigen Inhalt und nimmt ihn mit, damit wir nicht so schwer tragen müssen: „Es ist für mich unglaublich, wie viele Projekte wir schon gesehen haben alleine an diesem schmalen Wegband, das wir gehen. Wenn sich alle aufmachen würden und mit offenen, neugierigen Augen die Welt anschauen würden, entstünde viel Wissen und Ermutigung zum Tun. Es tut einfach gut, nicht „Experten des Wortes“ sondern die „Macher der Tat“ zu treffen. Von ihnen zu lernen. Michael Hammer ist Nationalratsabgeordneter in Wien für den Bezirk Urfahr. Er hat mir dieser Tage auf Facebook seine Einschätzung unseres Tuns
dazu gepostet: „Dieses wandern kann man nur machen, wenn man scheinbar sonst keine Arbeit hat. Wert für die Gesellschaft und Umwelt =0!“ Ich habe mich gewundert, weil wir schon mehrmals am Bahnsteig vor der Fahrt nach Wien geplaudert haben. Rembert hat zu dieser Anmerkung gemeint: „Sag ihm, dass es Gedanken-Gang heißt.“ Die bisher einzige negative Energie, die uns begegnet ist. Halbzeit. Mögen es manche für verrückt halten, was wir tun. Aber vielleicht braucht die Welt derzeit ein wenig „Verrücktheit, eine Verrückung, eine Zurecht-Rückung“. Gerechtigkeit hat auch mit richten, mit ausrichten zu tun. Das Gehen, das Pilgern hilft dabei enorm. Könnte auch gut für EntscheidungsträgerInnen sein. Wir sind ab heute in OÖ.
Okt. 26 2015
Tag10: Lieber im Nachhinein um Entschuldigung bitten
#Klimapilgern eignet sich gut zum Austausch von Lebensweisheiten. „Lieber im Nachhinein um Entschuldigung bitten als im Vorhinein um Erlaubnis.“ Diese südamerikanische Weisheit hat Magdalena gestern am Schluss des Gespräches im Pfarrhof in Sindelburg in den Raum gestellt. Rembert hat an den Stephansplatz erinnert, wo es vom Erzdiakon geheißen hat: „Die Sünde beginnt, wo einer oder eine sagt: Ich kann nichts machen.“ Ich habe unsere Austausch-Runde als „konspirative Ermutigung“ erlebt. Da kamen Dinge zur Sprache, die wir vielleicht wissen und doch nicht verstehen (wollen). Als Beispiel erwähne ich eine KAB-Mitarbeiterin, die von der unglaublichen Ignoranz der Politik spricht: „Im Krankenhaus verlangen sie überall nachhaltiges Verhalten und das System selber kennt nur mehr Einweg-Materialien auf allen Ebenen.“ Sie schildert, dass eine Schere weggeworfen wird, nachdem ein Faden durchgeschnitten wurde. Große Worte für die Medien und systemisch das genaue Gegenteil in der Einrichtung. Unsere Frage bleibt: Wie kann Unwissenheit, Ignoranz und das Nicht-Hinschauen-Wollen der Politik verändert werden?
Einfach tun
Pfarrer Manfred Heiderer schildert in der Runde mit einem verschmitzten Lächeln seine Erfahrungen mit dem diözesanen Bauamt. Er hat dort auch null Nachhaltigkeit vorgefunden und sich selber auf die Füsse gestellt und verwirklicht: Hackschnitzelheizung, E-Boiler hinaus, Windrad und vieles mehr. Die Pfarre hat den Umweltpreis der Diözese bekommen. Auch meine Erfahrung geht in diese Richtung. Ein zentrales Amt ist kaum innovativ. Was waren die Faktoren, dass dieser Change in der Pfarre gelungen ist? Wir „vermuten“, dass ein Pionier am Werk und mit Fachwissen ausgestattet ist, Risikobereitschaft und Zivilcourage lebt, sich lokal gut vernetzt hat und für das Getane persönliche Verantwortung übernimmt. Das sind die Zutaten für das Neue in einer Organisation. Gut, dass wir hier in der Pfarre Sindelburg sein durften. Das Frühstück war übrigens sehr bekömmlich. Und dabei haben uns die beiden Mädchen der Familie aus Aleppo kurz besucht. Sie wohnen im Pfarrhof und irgendwie macht der Pfarrer den Eindruck, dass er auf seine „Engelkinder“ wie er sie nennt als „Opa“ etwas stolz ist. Beide Mädchen gehen unseren Weg nach St. Pantaleon mit und lernen Pia dabei das „ich du er sie es wir ihr sie“ auf arabisch.
Ein weglassendes „elegantes Leben“
„Heute mal nix!!“ steht in unserem Ablaufpapier zu unserem Pilgern nach Salzburg am 10. Tag. Wir gehen um 9 Uhr in die Kirche zum Aufbruch. Fast 50 Frauen und Männer sind da, die mit uns die heutige Etappe gehen werde. Rembert spricht als Impulsgeber das Wohnen an, wie wir wohnen, wie andere wohnen, wie Flüchtlinge wohnen. #LautatoSi spricht von der gemeinsamen Sorge um das Haus. Und wenn sich Gott „einwohnt“, dann „zeltet“ er sich ein. Er bleibt beweglich. Kommt mit weniger aus. Das ist immer wieder unser Thema: Wie geht weniger? Verzicht ist dann oft das Wort, das leider bei vielen emotional negativ besetzt ist. Dabei erleben wir in unseren Breiten eine „Wohlstandsverstopfung“ (Niko Paech). Weniger würde uns eine tiefe Freiheit schenken. Aber verzichten? „Es wird sein müssen“, hat in einem Interview für das ON (Seite 8/9) die
Klimaexpertin Helga Kromp-Kolb zu mir gesagt. Wie können wir es den Menschen sagen? Da kommt die rettende Idee. Elegant kommt von elegere und das heißt: weglassen. Also: Weglassen und Wertvolles vernetzt und fair nutzen ergibt ein „elegantes Leben“. Wir scherzen und ich meine es trotzdem ganz ernst: Unsere Sindelburger Gespräche, die bis St. Pantaleon gegangen sind, haben das „elegante Leben“ als Lösungsansatz für die Zukunft entdeckt. Menschen werden eingeladen, ein weglassendes, wertvolles, solidarisches, faires – also – „elegantes Leben zu gestalten“. Schön, dass auf diesem Entdeckungsweg so viele dabei waren, mit Wind vom Osten her gut durchlüftet und von der Sonne gewärmt wurden. Das Selfie von Anna und Anja ist im Kasten. Schließlich wurden wir von der Pfarre St. Pantaleon zusammen mit Flüchtlingen gut bewirtet. Ein ermutigender Tag. Ein eleganter Tag. Am Wesentlichen dran. Ganz so nix war es dann auch wieder nicht.
Okt. 26 2015
Tag9: Der fossile Hunger und die Flüchtlinge
#Klimapilgern ist auch etwas für Ein- und Aussteiger. Reinhilde, Georg, Ingrid und noch einige mehr steigen in Bad Kreuzen ein. Sie stoßen zu uns in den Kreis. Wie immer freuen wir uns über diese Klimapilger-Gemeinschafts-Vergrößerung. Sr. Christiane verabschiedet uns nach dem Gottesdienst mit den wunderbaren gemeinsamen Gesängen. Es tut einfach gut, wenn ein Sonntag mit gemeinsamen Singen beginnt. Rembert meint, „dass überhaupt zu wenig gesungen wird“. Da stimme ich ihm voll zu. Deswegen stimmen wir auch immer wieder ein Lied an, sei es in einer Kirche oder auch im Freien. „Wer singt, braucht weniger Mercedes“. Das war meine Annahme, als ich 2011 ein Monat lang in New Orleans verbracht habe. Es stimmt. Singende Menschen haben die Chance, nicht in Status und materiellen Gütern ihr Heil zu sehen, sondern in gemeinschaftlichen Vernetzungen. Glücklich jene Community, Sippe oder Familie, die singen kann und singt. Ganz einfache und oft arme Menschen zeigen uns das. Sie singen und strahlen. „Wer den Wind hören kann, hört die Natur singen.“
Hinter der Klamschlucht ein Fest
Unser Weg führt uns durch die wunderschöne Klamschlucht bei Saxen nach Baumgartenberg. Dort treffen wir „zufällig“ (es fällt uns zu) auf das 50-Jahr-Fest des Sportvereins. Viele Menschen auf den Füssen. Der von verschiedenen Vereinen erbaute und gemeinsam genützte Marktstadl ist voll. Wir kommen zur Mittagszeit. Ich habe dort schon meinen Assisi-Vortrag gehalten. Heute treffe ich zufällig den Landessportdirektor Gerhard Rumetshofer. Wir plaudern und tauschen uns aus über die politische Veränderung in OÖ und die jeweiligen Einschätzungen. Was bei mir hängen bleibt, ist die spürbare Förderung von gemeinsam genutzten Sportanlagen, „ja selbst ASKÖ und UNION sind heute dort und da schon unter einem Dach“. Das tut einem Klimapilger wohl, wenn Ressourcen gemeinsam und gemeinwirtschaftlich genutzt werden. Voller Stolz präsentiert uns
dann eine Männergruppe rund um den PGR-Obmann das „Waschmobil“. Damit wird Plastik vermieden und normales Geschirr verwendet. Das Henderl schmeckt aus einem Teller und normalem Besteck einfach besser. Ein schönes Beispiel für unseren Rucksack der Alternativen. Dass die Pfarre auch einen Rad-Sonntag begeht, überrascht nicht mehr. Ich selber denke mir, dass genau solche Veranstaltungen zeigen, wie wichtig eine funktionierende Zivilgesellschaft ist. In guten und auch in schlimmen Tagen. Wie bei den Hochwasserkatastrophen 2002 oder 2012.
Ausgesiedelte und das Thema Flüchtlinge

Kurz nach Mitterkirchen vor dem Queren der Donau am Kraftwerk treffen wir bei einem frei stehenden Tor einen Mann, dem das ehemalige Bauernhaus hier an dieser Stelle gehört hat. Die Siedlung Hütting wurde abgesiedelt. „Wir wurden damals noch gut entschädigt. Heute würde es das Geld nicht mehr geben nach Hypo, Bankenkrise etc.“. Wir lassen uns die Geschichten erzählen von den Häusern, den Familien, den neuen Häusern. Im Weitergehen kommen uns immer öfter die Flüchtlinge ins Gespräch. Wie schon so oft. Was hat unser Klimapilgern mit den Flüchtlingen zu tun? Schon in Baumgartenberg haben wir erlebt, wie sie beim Fest „integriert“ wurden. Immer öfter reden wir über die Ursachen der Flucht, dieser Massen-Migration. Es ist der unglaubliche „fossile Hunger“ in unseren Industriestaaten, der den Menschen dort durch den Krieg um die Ressourcen die Grundlage entzieht. Nach wie vor werden unglaubliche Mengen an Waffen dorthin geliefert. Ein gutes
Geschäft für einzelne bei uns. Konflikte dort werden gezielt genutzt, um Einfluss auf Rohstoffe und Land zu erweitern. In Afrika wird ungeniert von Konzernen das Land vergiftet oder beim Bergbau unwiederbringlich zerstört. Es werden Grundwasser-Brunnen gebohrt für agrartechnologische Produktionen von Fleisch und Billig-Lebensmittel für uns. Und die Brunnen der Nomaden versiegen. Unsere Lebensart, die Raubbau an der Erde betreibt, setzt Menschen in Bewegung, weil ihnen die Lebensgrundlage entzogen wird. „Sie holen sich, was wir ihnen durch unseren täglichen Konsum wegnehmen.“ Das macht bei uns den meisten Angst, anstatt den Ansatz des Teilens zu wählen. Wir wissen auch nicht, wie es weiter geht. Aber: Wenn es so weiter geht, steuern wir auf Krieg zu. So ernüchtert komme ich im Pfarrhof Sindelburg an.
Das Windrad des Pfarrers
Um 16.30 Uhr läuten wir am Pfarrhof. Manfred Heiderer öffnet uns. Er gibt uns heute Herberge. Zwei Personen mehr als angemeldet. „Das bringen wir hin.“ Und so ist es. Wir duschen, nisten uns ein und sind etwas hungrig. Der Wirt daneben hat für uns aufgekocht. Wir sehen ein Windrad, am Auto steht „mit Windkraft betrieben“, im Hof unter Dach ein großer Haufen Hackschnitzel, eine Elektro-Abnahmedose direkt an der Straße, bunte Blumen, ein Trakt für Jungscharlager. Ein wirklich belebter Pfarrhof. Sindelburg-Wallsee hat keinen 0815-Pfarrer, sondern einen Pionier, einen umtriebigen Anstachler. Am Abend werden wir noch mehr davon hören, wenn wir uns mit Leuten aus der Pfarre und Umgebung zum Austausch treffen. Jetzt aber gehen wir uns stärken.

Das Anpacken-Buch