Nuzzi und die harte Nuss

serv_beatrixDer Vatikan-Journalist Gianluigi Nuzzi beschreibt in seinem Buch „Alles muss ans Licht“ das Zusammentreffen der Verantwortlichen der Finanz- und Vermögensverwaltung des Vatikan am 3. Juli 2013, an dem Franziskus „reinen Wein einschenkte“.  Aus meiner Sicht arbeitet dieser Papst Franziskus nicht einzelne Punkte ab, sondern installiert dem Vatikan ein völlig neues Betriebssystem. Also: Nicht Schlechtes weniger schlecht, sondern von Beginn an gut machen. Wie bei einem Computer ist bisher das Betriebssystem Intransparenz, Vetternwirtschaft, auch der noblen Verschwendung mit der Förderung von Untertänigkeit, Zentralismus und devotem Gehorsam gelaufen. Also: Keine neuen Anwenderprogramme, sondern Open Source im Vatikan. Wie oft wurden ehrliche und zusammen mit dem Volk Gottes engagierte Bischöfe „zitiert“, weil sie neue Wege versucht haben. Nicht lange war zB Bischof Bezak in der Slowakei im Amt, weil er Transparenz in die zum Teil kriminellen Machenschaften seines Vorgängers bringen wollte.  Es ist kein Geheimnis, dass Bischöfe mit Geld in den Vatikan gefahren sind, um „Unterschriften“ zu bekommen. Es gab keine „Abrechnung“. Geld ist einfach geflossen und an diesen Flüssen und Bächen haben sich Menschen ihre gut bewässerten Plätze eingerichtet. Eine Leitfigur dieses Betriebssystems ist Tarcisio Bertone. „Das Problem des Mangels an Transparenz ist aufrecht. Es gibt Ausgaben, die aus einer Unklarheit unserer Verfahren resultieren. Wenn etwas ohne Kostenvoranschlag, ohne Autorisierung gemacht wurde, zahlt man nicht.“ Papst Franziskus zu den Kardinälen. Gestern hat Nuzzi in der Sendung „Talk am Hangar 7“ diese Liste der Kardinäle am Ende der Sendung in die Fernsehkamera gehalten mit dem sehnlichsten Wunsch: Schaut da genau hin. Das ist die harte Nuss, die Franziskus dabei ist zu knacken.

Es geht nicht um die Kirche

An der Diskussion im Hangar 7 hat unsere Präsidentin Sr. Beatrix Mayrhofer als „Oberste Ordensfrau Österreichs“ teilgenommen. Ich habe ein wenig „mitgetwittert“, was sie so eingebracht hat. Selbst der Autor Nuzzi hält eingangs fest, dass es um die Machenschaften in der Kurie geht und nicht um den Glauben oder gar um die vielen engagierten Christinnen und Christen. Das ist auch die Stoßrichtung von Sr. Mayrhofer: Was kann Mozart dafür, dass die Musiker seine Musik so schlecht spielen. Sie kommt direkt von den Flüchtlingen am Salzburger Bahnhof und sieht dort die eigentlichen Aufgaben der Kirche. „Es geht nämlich nicht um die Kirche, sondern um die Welt, die Menschen.“ Sie hofft aber, „dass es keine Aufdeckerjournalisten brauchen soll, weil Verantwortung übernommen wird und Transparenz herrscht“.  Bei mir bleiben drei Begriffe aus der Runde hängen, die Franziskus als „Heilmittel“, als neues Betriebssystem installieren will: „Transparenz und Wahrhaftigkeit“. Das wird noch einige „Würdenträger des alten Betriebssystems“ (es sind immer Männer) wegspülen. Soweit mir zugänglich, hat sich auch Kardinal Schönborn vom neuen Betriebssystem überzeugen lassen. Wenn das alte Betriebssystem deinstalliert ist, gäbe es keinen Grund, warum in Österreich die Programme nicht „glaubwürdig“ laufen sollten. Auf zu neuen und wesentlichen Taten. Die Nuss im Vatikan möge zerspringen.

Kannst du überhaupt noch sitzen? Ein Resümee

23_Itzling_IMG_5309Gute Frage. Es fällt schwer. Nach drei Wochen gehen ist es nicht einfach, wieder Platz zu nehmen. Der Schreibtisch war geduldig und hat gewartet. Mit viel analoger Post und Dingen, die mich am Weg nicht erreichen konnten. Natürlich ist es gut, beim Gehen nach einer Stunde anzuhalten, zu trinken, einander anzuschauen und zu fragen: Geht es? Sind alle da? Tut etwas weh? Noch schöner erlebe ich das Hinsetzen um die Mittagszeit, eine Kleinigkeit essen und trinken. Dieses Sitzen ist aber ein anderes Sitzen als das vor dem Bildschirm und am Schreibtisch. Darum haben mich seit vorgestern einige gefragt: Wie machst du das, wenn du wieder sitzen musst? Ich weiß es noch nicht. Es wird gehen. Und nach einem Tag sehe ich auch, dass es geht. Es sind ja noch so viele Gedanken der Bewegung im Kopf, die mich bewegen, obwohl ich sitze, im Zug, im Büro, bei der Besprechung, beim Essen, beim Telefonieren. Ich gestehe, dass ich öfter aufstehe und herumgehe. Es ist wieder ein Prozess, diese tägliche kontinuierliche Bewegung vom #Klimapilgern über fast 400 km von Wien nach Salzburg umzuwandeln in den „Bleibe-Modus“. Auch diesmal spüre ich, dass es nicht einfach wird. Jetzt sitze ich, um ein kleines Zwischen-Resümee anzudeuten. Es geht ja Ende November nach Paris. #COP21.

Es war ein besonderes Weitgehen

23_vier_IMG_5293Fehlen wird mir nach dem guten gemeinsamen Frühstück und dem Einpacken der Kreis am Morgen. Immer um 9 Uhr haben wir uns zusammen mit den immer neu dazugekommenen TagespilgerInnen im Kreis aufgestellt. Wer ist da? Was hat mich hergeführt? „Ich bin Silvia aus Mühlbach am Hochkönig. Ich bin dort Pfarrgemeinderat und ich gehe heim.“ So kurz. „Ich bin Rembert – nochmals: Rembert – aus der Steiermark und wohne in Wien. Ich arbeite für das Netzwerk Pilgrim. Also Klima-Pilgrim.“ Dazwischen immer wieder Frauen und Männer, die dazugekommen sind. „Ich bin Anja aus Wien und Generalsekretärin der kfb in Österreich und gehe bis Salzburg.“ Ob es nun Bischof Andrej, die kfb-Frauenvorsitzenden von St. Pölten, Linz oder Salzburg waren, die Direktorin der KSÖ, ein Generalsekretär der KA St. Pölten oder zwei Flüchtlingskinder waren, immer war eine tiefe Motivation zu spüren. „Ich bin Ferdinand aus Kirchschlag und Wien und arbeite für die Ordensgemeinschaften Österreich im Medienbüro.“ So habe ich mich selber oft gehört. Sie werden mir fehlen, die „Kern-Pilger-KollegInnen“. Darüber hinaus die vielen insgesamt auch annähernd 350 Personen, die mit uns am Weg waren. Ich bin schon drei Mal alleine weit gegangen (durch Österreich 2004, nach Assisi 2009 und nach Thüringen 2012). Diesmal war es in der dauernd wechselnden Gruppe eine neue Erfahrung für mich. Die Übernachtungen waren vorbereitet, nicht aber der Weg. Den mussten wir gemeinsam suchen und finden. Öfters mussten wir feststellen: Es geht uns wie der Weltpolitik. Wer weiß den Weg? Wer geht voran? Wer schaut, dass alle mitkommen? Wie geht das mit den Schnellen und Langsameren? Es waren spannende Tage durch Österreich. Als ich heute früh mit dem Zug nach Wien gefahren bin, haben Orte wie Melk, Maria Taferl oder St. Pölten einen besonderen Klang gehabt. Alles gegangen.

Was nehmen wir mit?

11_alternative_IMG_4336In jedem Fall wurde der „Rucksack der Alternativen“ toll angefüllt. Digital wird das noch nachgeholt. Wir Vier haben uns am letzten Tag hingesetzt und die Projekte, Haltungen oder Personen favorisiert. Wenn die ZIB1 gefragt hätte, dann hätten wir diese drei Projekte vorgebracht:

Cradle to Cradle von Gugler
Traditionell Europäische Medizin der Marienschwestern
Streuobstschokolade aus der Community Ottensheim für Vielfalt und Zusammenhalt.

„Aus ist aus“: saisonal und regional kochen/essen (SPITZWIRTin, Alkoven)
Ausbildung der Jugend: Umwelt und Wirtschaft verknüpfen (HLUW Yspertal)
Ökologische Bauweise bzw. Rückgriff auf lokale Energieversorgung (MIVA, Michelbeuren, Pfarre Sindelburg, EZA und Pfarre Mauthausen)
Negativ“projekt“: Zersiedelung und Versiegelung als österreichweiter schlechte Trend

Kirchenasyl in St. Georgen a.d. Gusen
Flüchtlingsbetreuungsprojekte (St. Georgen, Ottensheim)
„Gehen belebt“ – Bewegung
„Natur als Lebensmeisterin
#LaudatoSi als Basisverständnis im Wandel vom technokratischen Paradigma hin zum Menschenbild der ökologische Spiritualität

Diese 12 Projekte nehmen wir aus unserem Rucksack heraus, ohne die vielen anderen, die noch drinnen sind, zu vergessen. Es sind die Begegnungen mit den Schulen oder unsere Unterkünfte in den Ordenshäusern, beim Privatpersonen oder einfachen Herbergen. Dafür danken wir herzlich.

Mein persönliches Resümee

23_rk_IMG_5201Auf ein Blatt habe ich geschrieben: „Von den 21 Tagen gehen nehme ich eine große Weite mit. Ich bin „für und mit allen Menschen“ gegangen, die unter den Schieflagen unserer Gesellschaft und den ausbeuterischen Systemen unseres Wirtschaften leiden oder gar zu Tode kommen. In besonderer Weise sind es heute die Flüchtlinge und indigenen Völker, denen Technokraten und Geld-Ökonomen die Lebensgrundlage entziehen. Die Natur strahlt so viel Frieden aus und der Mensch führt Krieg gegen sie. Das Gehen hat mich versöhnter gemacht und gleichzeitig radikaler gegenüber unseren gesellschaftlichen Eliten.“ Dort steht auf die Frage, was mir ans Herz gewachsen ist: „Das Schlechte nicht weniger schlecht machen, sondern es muss von Beginn an gut sein.“ Leben wir so, dass wir das Ende unserer Lebensprozesse (Einkauf, Arbeit, Mobilität, Produktion,…) in die Wiege der nächsten Generation legen können? Meine zwei Grundfragen zum Leben sind noch weiter gewachsen in ihrer Bedeutung: Wie geht Reduktion? Wie kommt mehr Liebe in die Welt? Viele Projekte, die wir gesehen haben, Menschen, denen wir begegnet sind, Landschaften, die wir bewundert haben, haben dann eine „Schönheit“ entfaltet, wenn sie aus der tiefen Quelle der Spiritualität gespeist waren. Es waren immer Menschen, die nicht zufrieden waren im Gefängnis der jetzigen Plausibilitäten und oft Unerhörtes gewagt haben. Alleine auf der schmalen Spur dieser fast 400 km durch Österreich haben wir das Aufkeimen einer neuen Welt, die Transformationen hin zu einer neuen Wirtschaft erlebt. Die Medien sind zum Großteil Gefangene des laufenden Systems und entwickeln 23_über_IMG_4738keine Kritik mehr. Auch die redaktionellen Wahrnehmungen sind eingeschränkt auf „Gängiges“ oder Skuriles. Das Welt- und Menschenbild in der Enzyklika #LaudatoSi von Papst Franziskus kann das neue Fundament einer neuen Welt werden. Das Gehen und Pilgern hat mich darin bestärkt, das technisierte Menschenbild sehr kritisch zu sehen und durch das spirituelle und ökölogische Menschenbild noch konsequenter zu ersetzen. Wer geht, wird fast automatisch dorthin geöffnet. Vom Weltklimagipfel #COP21 erwarte ich mir einen radikalen Bruch mit dem gängigen Wachstumsparadigma. Solidarische Ökonomie soll das neue Paradigma werden.“ Und abschließend: „Eine besondere Erfahrung war, dass wir so wunderbar zusammen gesungen haben, obwohl wir uns untereinander vorher nicht gekannt haben. Der gemeinsame Weg hat in vielen Gesprächen, im Schweigen, im Hinhören Ideen und eine Pilgergemeinschaft „entfaltet“.  Eine tiefe Dankbarkeit hat mich von Tag zu Tag mehr erfüllt. Die Natur ist die beste Lehrmeisterin des Lebens.“ Jetzt geht es Ende November nach Paris zum #COP21. Zuvor aber werde ich mit dem Ordenstag mit P. Martin Werlen „Jetzt im Blick“ noch einen besonderen Höhepunkt erleben.

Tag22: Der Umweg bis an die Grenze

22_regen_IMG_5209#Klimapilgern kommt an. Nachdem wir auf dem Biohof Girlinggut gut gefrühstückt haben, machen wir uns auf den Weg zur Pfarrkirche Elixhausen. Dort starten wir mit einem Impuls. Das Wort, das uns Anja als Tagesverantwortliche für den letzten Tag mitgibt, ist: Perspektive. Gehen verändert Perspektiven, unsere Welt braucht Perspektive und für unsere Kinder und Enkelkinder wünschen wir uns eine Perspektive. Wir alle sind in diesem Augenblick nahe an den Tränen, weil uns der Gedanke an die Zukunft dieser Welt wirklich nahe geht, weil wir ihm tagelang nahe gegangen sind. Wir spüren, dass es nicht selbstverständlich ist, dass wir aus dem Wasserhahn trinken, in Sicherheit leben, eine „Perspektive haben“. Wir singen, denn das lässt uns zusammenfühlen und „zusammenstimmen“. Es hat leicht zu regnen begonnen. Fast haben wir es vergessen, weil wir in diesen 22 Tagen nur ein Mal für zwei Stunden „gewaschen“ wurden. Und das war am dritten Tag in Herzogenburg. Weit zurück. Sonst immer trocken und oft die Sonne. Wir nehmen es als kleinen Wink, die Dankbarkeit nicht zu vergessen.

Das war einmal die Bundesstraße

22_bundesstrasse_IMG_5213Unser Ziel ist heute ein zweifaches. Wir gehen hinunter nach Bergheim. „Das war die alte Bundesstraße von Salzburg nach Mattsee bis 1962.“ Ein Oldtimer-Fan erzählt mir von früher. Neben dem Bach schlängelt sich eine Straße, die so breit ist wie ein Radweg. Weiter oben hören wir die Bundesstraße. Ein Auto um das andere. Viele sehen darin eine besondere Entwicklung. Wachstum. Wohlstand. Freiheit. Mir kommt darob kein Jubel über die Lippen. Durch Auseinanderfallen von Wohnen, Arbeiten und Freizeit inklusive Einkaufen braucht es Mobilität. Das Auto hat sich bei vielen als Status-Symbol etabliert. Wer heute mit dem Bus fährt, hat entweder den „Schein“ abgeben müssen, ist ein Schüler oder Pensionist. Ein fast leerer Postbus fährt an uns vorbei. Und Autos hinterher. Ich weiß: Nicht alle können auf das Auto verzichten, aber viele bräuchten nur im Kopf einen Schalter umlegen. Öffi vor Auto. Nicht zuerst an das Auto denken, sondern das Mobilitätserfordernis klären. Da wäre viel drinnen.

An die Grenze gehen

22_grenze_IMG_5269Wir erreichen die Salzach. Der Regen hat längst aufgehört. Unser Ziel ist die Brücke bei Freilassing an der Salach. Hinter dem Messegelände schlängeln wir uns durch den Wald. Fast wie die Flüchtlinge vertrauen wir darauf, richtig anzukommen. Es ist uns gelungen. Wir wollen bayrische Erde in unser Glasrohr dazugeben. Ukraine, Rumänien, Ungarn, Wien, NÖ, OÖ, Salzburg und Bayern. Das sind jene Länder, wo dieses Glasrohr, das wir als Zeichen der inneren Verbundenheit nach Paris mitnehmen, überall war. Dann wissen wir, dass hier viele Flüchtlinge auf den Grenzübertritt warten. Noch einmal nehmen wir den etwa 8 km „Umweg“ unter die Füsse, um unsere tiefe Solidarität zum Ausdruck zu bringen. Wir gehen, sind in Bewegung und hier sehen, erleben wir wieder, wie Menschen zum Warten gezwungen sind. Ich bin unruhig. Genügt es, immer wieder zu spenden und für und mit diesen Menschen den Pilgerweg der Gerechtigkeit zu gehen? Wir stehen 22_flüchlinge_IMG_5287an der Grenze. Machen Fotos. Tiefe Dankbarkeit für den Weg und ein fast radikaler Auftrag, hier nicht stehen zu bleiben. Wir gehen zurück in die Stadt. Es zieht uns in die kleine Kirche der Universitätsklinik. Ich lege unser Transparent über den Altar. Wir sagen einander und Gott ein Danke und singen den Sonnengesang. Umarmungen.

Sehnsucht nach daheim

In einem SMS an ein paar Menschen schreibe ich: „Nach fast 400 km zu Fuss pilgernd von Wien nach Salzburg sind wir „angekommen“. Klimagerechtigkeit ist unsere Intention und soziale Gerechtigkeit ist die Zwillingsschwester dazu. Mögen die Entscheider begreifen, das die Welt sich selbst (oder Gott) gehört und die KonsumentInnen wach und kritisch werden gegenüber allem „Wertlosen“. Es genügt nicht, Schlechtes besser zu machen.  Von Beginn an muss es gut sein. Danke für das Mitpilgern. So und so.“ 22_altar_IMG_5296Ingrid, Hannah, Jakob, Karin und wir Vier sitzen noch um einen Tisch im Gasthaus. Ankommen und Aufbruch liegen ganz nahe beieinander. Anjas Familie ist da und sie verlassen uns. Anja hat mit ihrem Impuls in den Morgenstunden eine wunderbare „Zusammenfassung“ geschrieben. Rembert, Silvia und ich bleiben noch in Salzburg, um morgen um 15.30 Uhr in Itzling an der ökumenischen Sendungsfeier „Richtung Paris“ teilzunehmen. Ich gestehe: Die Sehnsucht nach „daheim“ ist wirklich groß. Ich sehe das Warten hier als Chance, zur Ruhe zu kommen, Resümee zu ziehen, nach den vielen Gesprächen am Weg zu schweigen, durchzuatmen, das Danke groß aufsteigen zu lassen.

 

Tag21: Nach der Mittagssuppe mit flottem Schritt

21_quer_IMG_514021_querfeldein_IMG_5127#Klimapilgern landet heute nach einer Direttissima durch Wiesen und Wald in der Familienpolitik. Der Bürgermeister höchstpersönlich ist uns bis zur Ortstafel entgegengegangen. Wir sind aber aus dem Wald über die Wiesen kommend direkter in den Ort gekommen. Per Telefon haben wir sofort zusammengefunden. Josef Guggenberger führt uns auf den Platz vor den beiden Kirchen und dem Jungscharhaus. Flüchtlinge bieten uns sofort Tee an. Zuerst wollen wir etwas über die Gemeinde erfahren. 1.650 EinwohnerInnen. Das Leben – so der Bürgermeister – wird nach den Regeln des Marktes ausgerichtet. Es hat nur mehr die Wirtschaft etwas zu sagen. Alles wir monetarisiert. Mit unserem Klimapilgern fühlt er sich zutiefst verbunden. Die 1.000 km VIA NOVA, wo er im Vorstand ist, ist er auch schon selber gegangen.
Der Mann hat eine sympatische Einschätzung und Analyse des Ortes und der Gesellschaft geliefert. Zu hoher Ressourcenverbrauch bei uns entzieht den Menschen „dort“ ihre Grundlage. Jetzt kommen sie und holen sich, was wir ihnen genommen haben. Dass wir hier helfen müssen, ist selbstverständlich. Ein kleines schwarzes Mädchen macht die ersten Fahrradfahrversuche neben uns. Die Mutter sitz21_guggenb_IMG_5156t am Bankerl. Dann kommt das „Berndorfer Modell“ zur Sprache. Kurz: Eltern, die ihre Kinder daheim bis zum 3. Lebensjahr betreuen, bekommen eine Unterstützung von der Gemeinde. Die Gemeinde hat aber auch eine Krabbelstube. Es besteht Wahlfreiheit. Die Diskussion ist eröffnet und geht beim Tee im Flüchtlingshaus intensiv weiter. Er will, dass auch Private von dem Steuergeld bekommen, das sonst nur in die Betreuungsplätze der öffentlichen Hand fließen. Die familiären Strukturen festigen. Ich denke und bringe ein, dass es ein starkes und intensives Comm21_guggenbe_IMG_5162unity-Leben braucht, damit Mütter oder Väter nicht in der Einzelfamilie verkommen. Der ganze Ort ist gefragt, sich vor Ort neu zu vernetzen. Spannend. Die Diskussion zieht sich hin über die nächsten Stunden beim Gehen. Ich nehme auch mit, mit welcher Selbtverständlichkeit hier Flüchtlinge aufgenommen werden.

Seeblicke, Autolärm und querfeldein

21_salzburgerInnen_IMG_5173Die Sonne war heute wieder unsere Begleiterin. Die Tagespilgerinnen, darunter das kfb-Team der Erzdiözese mit der Vorsitzenden Roswitha Hörl-Gaßner, Jakob von der Dreikönigsaktion oder Ingrid aus Bad Goisern, sind flotten Fusses unterwegs mit uns. Weil die Natur, der Blick auf die Seen so schön war, haben wir fast etwas gedrödelt. Nach der Mittagssuppe ging es dafür flotten Schrittes am Fußweg neben den Autos von Seeham nach Obertrum. Dort weiter über Güterwege und querfeldein nach Elixhausen. Es war fast finster, als wir die Haustür zu unserer Herberge um 17.20 Uhr durchschreiten. Davor machen wir den Ankommenskreis, sagen einander, wie wir den Tag erlebt haben und schließen mit einem Lied ab. Obwohl wir müde sind, geht es noch nach Seekirchen zur Veranstaltung von „Klimabündnis“. Nach der Veranstaltung sitzen wir bei Prof. Günter Virt im „Stift“. Das Thema wäre aber jetzt zu ausladend, wenn ich das „Stift in Seekirchen“ genauer erklären müsste. In jedem Fall – so Viert – waren „die Seekirchner immer sehr Rom treu und haben getan, was sie wollten. Auch Stifte gestiftet ohne römische Erlaubnis.“ Aber jetzt zurück zum Morgen.

1985 die erste Hackschnitzelanlage im Bundesland Salzburg

21_morgen_IMG_510821_michlb_IMG_5086Abt Johannes hat sich Zeit zum Frühstück mit uns genommen. Dort hat er erzählt, was mein Kollege Robert in eine Presseaussendung verpackt hat. Die Abtei war ein Pionier in der Abkehr von fossilem Brennstoff. Biogas wird in der eigenen Landwirtschaft aus Abfällen erzeugt. Photovoltaik gehört auch dazu. „Wir sind eine energie-autonome Abtei. Nicht autark, weil wir einspeisend und manchmal abnehmend am Netz hängen. Wir liefern aber mehr hinaus.“ Diese Abtei packen wir in den Rucksack der Alternativen. Wir machen ein Foto mit den morgendlich Angereisten und wir sind wieder 12. Der Abt zeigt uns noch „den Einstieg“ in die Direttissima durch das Tal und den kommenden Wald nach Berndorf. Unseren spirituellen Start machen wir mit einer Männergruppe rund um Andreas Pumberger von den Kreuzschwestern, die einen Tag gemeinsam unterwegs sein werden. Schön, wenn sich Wege treffen. Das war der schöne anschlußfähige Tagesbeginn.

Tag20: Wie wenn sie Gold vom Himmel schütten

#Klimapilgern geht in die unglaubliche Schönheit der herbstlichen Natur. „Wie wenn sie Gold vom Himmel schütten“, musste ich heute 20_see2_IMG_5031voller Begeisterung und mit einem tiefen Staunen in das Telefon sagen, während wir am Grabensee Richtung Perwang unterwegs waren. Die goldenen Farben an den Bäumen, die ermattenden Grüntöne in den Wiesen und das silber glitzernde Wasser der eingebetteten Seen war Nahrung für Geist und Seele. Der Körper passt nach 20 Tagen gehen sehr gut. Er geht und geht und geht und ist eins mit ihnen. „Es war so unglaublich schön“, hat eine Mitpilgerin gemeint. Wir haben den Jakobsweg verlassen und gehen von Schleedorf über Mattsee „hinüber“ nach Perwang in die Abtei Michaelbeuern.

Es muss von Beginn an gut sein

20_Ziel_IMG_5064Dort treffen wir morgen beim Frühstück Abt Johannes Perkmann. Er war bei viel mehr wesentlich weniger ein wunderbarer Gesprächspartner. Die Abtei hat seit Jahren in der Energiefrage von Beginn an gut erneuert.  Ich erinnere an Ernst Gugler in Melk: „Es genügt nicht, das Schlechte weniger schlecht zu machen. Es muss von Beginn an gut sein.“ Wenn wir die Natur mit den  sich hinschmiegenden Bauernhäusern sehen, dann kann schon sein, dass der liebe Gott hierher geschaut hat als er gemeint hat: „Es ist gut. Es ist sehr gut.“ Die vielen und großen Einfamilienhäuser lassen aber Zweifel aufkommen, ob es so bleiben wird. Wir gehen weiter. Dieses Gold der Farben wächst aus dem Boden,
wird von der Sonne genährt. Heute verstehe ich schon überhaupt nicht, wie Konzerne in solche Gegenden „vordringen“ und um der Rohstoffe oder industriellen Landwirtschaft willen Natur und die Grundlage der Menschen zerstören. Wüste, Ödland oder vergiftete Landstriche sind die Folge. Agrokonzerne bohren zB in der Türkei riesige Löcher Richtung Grundwasser und graben so weiten Landstrichen das kostbare Wasser ab. Dieses Wasser bringen sie dann den Menschen in Plastikbottle und verdienen ein zweites Mal. Natur ist verwüstet. Der Mensch auf der Flucht. Versteht das wer?

Zeigt uns die Reichen

Bei aller Schönheit der Natur gehe ich an Zeitungen vorbei und ich möchte ihnen schreiben: „Liebe Medien. Ich hätte da einen Vorschlag. Schreibt in jeder Ausgabe mindestens 20% des Redaktionsplatzes über die, die die Nutznießer dieser technisierten und naturzerstörerischen Praktiken sind. Benennt sie mit Namen und zeigt uns ihren Reichtum. Ungeschminkt. Nicht aber als tolle Menschen  des Erfolges oder der Leistung, sondern als Diebe, Räuber, Plünderer. Sie handeln im großen globalen Sinn gegen Natur und Mensch oder umgekehrt. D20_sprung_IMG_5037as, was sie vorgeben, dass es dem Menschen hilft, ist genau gegen ihn gerichtet. Billiges Gemüse kommt aus Spanien. Und wer verdient? Für wen rechnet es sich? Nennt das „Sünde“, liebe RedakteurInnen. Sie sondern sich nämlich von der „natürlichen Ökologie der Welt“ ab. Privatisierter Reichtum ist Diebstahl  am Gemeinwesen, ist Gemeinwohlbetrug. Und auf ihre tollen Häuser sollten wir Schilder geben, die oben ihre Leistungen benennen und unten den Preis dafür. Wer wurde ausgebeutet? Wo ist Blut tatsächlich und strukturell geflossen? Wo und wie viel wurde für diese Produkte an „Erde“ zertört? Wo sind die, die Flüchtlinge auf dem Gewissen haben? Solche Zeitungen würde ich gerne abonnieren. Da kenne ich viele andere auch.“ Die Medien, vor allem die Chefredaktionen, haben in diesem Zusammenhang mit Klimagerechtigkeit und „gerechter und richtiger Welt-Nutzung“ eine wichtige Pflicht. Hier ein schönes Beispiel der ZIB2, was ich meine.

Eine Klimawandlerin geht mit

20_marterl_IMG_5057„Radikal“ war das gestrige Wort am Weg. Ich habe heute in meinem Aufbruchimpuls das Wort „und“ mit auf den Weg gegeben. In einem Gebet, das ich auf einer Karte gefunden hatte, hat es unter vielen anderen „und“ geheißen: „Lass uns die Früchte der Erde genießen UND für eine gerechte Verteilung sorgen.“ Karin hat, als wir vor einem Marterl nach Perwang auf den Grabensee hinuntergeschaut haben, gemeint: „Ich bin als Klimawandlerin mit euch unterwegs.“ Das trifft sich sehr gut mit dem „und“ des heutigen Tages. Eine Wandlung tritt immer dann ein, wenn wir etwas neu verknüpfen. Also: Wir genießen die Manner-Schnitten UND schreiben an die Firma, das Palmöl herauszugeben. Im Gehen heute habe ich immer an die vielen Wurzeln (radikal) denken müssen, die durch ihr Zusammenwirken dieses Gold hervorgebracht haben: Wurzeln und Sonne. Das „und“ ist nicht einfach Harmonie, sondern verlangt oft auch das Verknüpfen von radikalen Schreien, Auflehnen, gehenden Schritten. Unser Gehen möge uns wandeln, damit wir Klimagerechtigkeit persönlich leben UND aufschreien mit den Opfern der schreienden Ungerechtigkeit. Genau das erwarten wir uns auch von den Bischöfen, die nächste Woche in unseren Betten hier in Michaelbeuern liegen werden. Kirchen sind Vorreiterinnen bei Klimagerechtigkeit und Bischöfe erheben die Stimme lautstark gegen diesen ausbeuterischen Wahn. Beides ist bisher nicht selbstverständlich.

Eine Rückmeldung

20_heilsameOrte_IMG_5075Der Tag20 lässt irgendwie das Ende des Gehens erahnen. Vor Paris werden wir noch drei Tage Rembert, zwei Tage Anja und ich einen Tag beim internationalen Klimapilgern zum Weltklimagipfel #COP21 mitgehen. In diesem Zusammenhang freut mich die „Einschätzung und Rückmeldung“ von Franz Muhr via FB heute: „Einer der 7 Leitsätze von VIA NOVA hat die Überschrift: Achtsamkeit und Ehrfurcht vor der Schöpfung – Wer pilgernd unterwegs ist, erlebt und genießt mit allen Sinnen die Schönheit und Vielfalt der Schöpfung Gottes. Jeder Teil dieser Erde ist heilig. Achtsamkeit weckt die Liebe zu allem was lebt. In diesem Sinne sage ich Danke an die KlimapilgerInnen. Eure Mission, ein Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen, ist sehr beeindruckend. Wünsche euch weiterhin ein gutes Unterwegssein.“ Und heute waren wir auf weiten Strecken auf der VIA NOVA unterwegs. Hat sehr gut gepasst.

Tag19: Das Labyrinth am Haus der fremden Freunde

19_selfie_IMG_4949#Klimapilgern geht radikal. Anja hat uns mit den Aufbruchgedanken ein Wort mit auf den Weg gegeben: radikal. Es wird sich vieles einfach nicht mehr ausgehen, wenn wir so weitermachen. Wie radikal denken, handeln wir? Das Gehen möge uns in eine gewisse Radikalität führen. Ich selber denke immer an die Wurzeln, von denen her alles lebt. Wir sind heute wieder 17 PilgerInnen. Stefan, mein Neffe und Neo-Politiker im Landtag, reist und bewegt sich mit Rad und mit Öffis durch das Land. Es war nicht einfach, von Dietach nach Frankenmarkt zu kommen. Autostopp hat in minutengenau zum Aufbruch „abgeliefert“. Auf FB schreibt er eine Randnotiz auf der abendlichen Fahrt zurück: „Autostoppen funktioniert nicht mehr so gut wie vor 15 Jahren, aber es funktioniert noch!“ Das kann ich bestätigen, weil ich es selber auch dann und wann „darauf ankommen lasse“. Die Folge sind wunderbare Gespräche und neue Menschen. Fremde bekommen ein Gesicht.

Fremde zu Freunden

19_labyrinth_IMG_4934Schon gestern abends hat mich Elisabeth Sallinger-Leidenfrost angerufen. Sie hat mich eingeladen, das viereckige Labyrinth oberhalb ihres Hauses am Jakobsweg anzuschauen, zu gehen und zu erleben. Es entstand von Jugendlichen in der Aktion 72 Stunden ohne Kompromiss. Alles Naturmaterialien. Die Jugend hat die eckige Form gewählt. Jedes Viertel ein Lebensalter: Kind, Jugend, Erwachsener, Alter. Wir stehen staunend davor. Ich spüre, dass hier der Mensch eine besondere Ordnung in sein Leben bringen kann. Du wirst offener, je besser und tiefgründiger dein Leben „geordnet“ ist. Wir gehen weiter und treffen den Mann von Elisabeth. In ihrem Haus mitten am Land haben sie immer offene Türen, Gäste und Fremde bei sich aufgenommen. „Das hat angefangen mit Austauschschülern. Dann habe ich eine 19_leibenfrost_IMG_4939kurdische Familie „aufgeglaubt“, die lange bei uns gewohnt hat. Jetzt wohnt eine afrikanische Mutter mit ihren zwei kleinen Kindern bei uns und wir sind Oma und Opa für sie. Es ist für uns selbstverständlich.“ Wir erfahren, dass er gerade seinen 70er gefeiert hat. Ich scherze: „Wer in seinem Leben immer anschlußfähig ist, bleibt so jung wie du hier ausschaust. Wir gratulieren zu dieser Jugendlichkeit.“ Dieses Haus kommt in den Rucksack der Alternativen. Und wir reden beim Weitergehen, wie „einfach“ es wäre, wenn es mehr solche anschlußfähige Häuser, Familien, Menschen geben würde, die das Fremde, den Fremden als eine Bereicherung sehen. Gott kam immer im Fremden und selten in der Gewohnheit oder in der Komfortzone. Wer anschlußfähig lebt, bleibt jung, wie wir gesehen haben. Stefan und Julia haben auch eine afghanische Familie im Haus aufgenommen. Auch sie erleben es als Bereicherung.

Panorama in der Abendsonne

19_seeblick_IMG_4972Wir verlassen Frankenmarkt und wir verlassen Oberösterreich. War gestern der Nebel unser Begleiter, so hat sich heute die Sonne als „Klimapilgerin“ dazugesellt. 25 Kilometer haben wir unter die Füsse genommen. Es war für mich ein Aufsaugen von Bildern, von Naturbildern, die meiner Seele nur gut getan haben. Mein Husten scheint sich zu verflüchtigen. Ich fühle mich bestätigt, dass Bewegung in der Natur eine wunderbar therapeutische Wirkung entfalten kann. Die Natur ist die beste und billigste Therapeutin. Ich weiß von PolitikerInnen und EntscheidungsträgerInnen, die nur mehr im Fitness-Studio ihre Bewegung mit Ohrstöpsel oder vor dem TV-Bildschirm verbringen. So stelle ich mir vor, wie eine Seele 19_panorama_IMG_4988veröden kann. Sie merken es nicht, dass sie keinen Gestank der Jauche, die gerade ausgebracht wird, einatmen können. Der abendliche Wind vom Westen her erreicht sie nicht. Er hätte Weite und Empathie mit im Rucksack. Gehen verändert Perspektiven in jener Geschwindigkeit, die wir wahrnehmen und auch verarbeiten können. Schon das Fahrrad ist zu schnell. Heute genieße ich es, die Panorama-Perspektiven immer wieder neu und ein Stück weit verändert zu sehen. Die Jauche geschwängerte Luft zieht sich den ganzen Weg dahin. So war es eben heute und morgen wird es nicht viel anders sein, wenn wir nach Michaelbeuern „hinübergehen“. Die TagespilgerInnen der kfb aus Fornach und Pfaffing sowie Stefan verlassen uns am Bahnhof Weng.

Der Handel auf Augenhöhe

19_eza_IMG_4992Gleich unter dem Bahnhof liegt das große EZA-Handelsgebäude. Wir kommen hier vorbei, weil EZA sowohl als klimaneutrales Gebäude einen wertvollen Beitrag leistet als auch durch die Handelsbeziehungen auf Augenhöhe mit fairen Preisen Menschen ein Leben in Würde ermöglicht. Frau Holztrattner hat Geduld bewiesen. Wir sind eine Stunde später angekommen. Sie zeigt uns das Geschäft, wo von über 140 VertragspartnerInnen Produkte dargeboten werden. Fast die Hälfte der Produkte werden über die 70 Weltläden in Östereich „vertrieben“, etwa 30 % über den Einzelhandel und der Rest über engagierte Gruppen, Pfarren oder Firmen, denen fairer Handel am Herzen liegt. Wir sind etwas müde. Kaffee, Wasser und Säfte möbeln uns wieder auf. Die kfb-Frauen werben noch für den „Vorwärts-Kaffee“. In den Rucksack bekommen wir 19_frauenpower_IMG_5008symbolisch das Haus und die Aktivitäten hier. Es ist mittlerweile finster geworden. Vor uns liegen noch 4 Kilometer nach Schleedorf. Sr. Sonja rufe ich an und sie gesteht, dass sie sich schon etwas Sorgen gemacht hat. Wir starten los. Anja mit der Stirmlampe vorne und ich mit der Taschenlampe hinten. Wir sind acht PilgerInnen, die im Finstern auf das Haus Bethanien zusteuern. Sr. Sonja hat Suppe gekocht, Gemüsestrudel und Gulasch. Sie stellt uns alles her und „nimmt uns mit in die Messe“. Gastfreundschaft pur. Am Weg  haben wir darüber gesprochen, wie abgeschlossen und „Privateigentum besessen“ die Eliten heute sind. Privater Eigennutz vor Gemeinwohl ist die rechtliche Devise. Hier setzen Menschen ihre Möglichkeiten in den Dienst der anderen. Heute dürfen wir hier Platz nehmen. Einfach da sein. Dafür gibt es dieses Haus Bethanien, das ein Projekt des Ordens der Kalasantiner ist. „Radikal“ war das Wort, das uns Anja mitgegeben hat. Wer weit geht, wird es mit einer neuen „Verwurzelung“ zu tun bekommen. Das tut gut.

Tag18: Die Natur gibt die tiefste und mächtigste Orientierung

18_hölle_IMG_4848#Klimapilgern geht knapp an der Gamperer Hölle vorbei. Die Vorderseite des weltbekannten Flügelaltars von Gampern bekommen wir zuerst zu Gesicht. Dann lädt Pfarrer Stangl ein, an der Rückseite des Altares einen Platz zu nehmen. Eine Tagespilgerin weiß, dass sie als Kinder nicht hinter den Altar gehen durften. Später wussten sie warum: Die Menschen waren nackt dargestellt in ihrem Kampf zwischen Himmel und Hölle. Ich selber nehme mit, dass der Mensch immer in der Entscheidung steht, ob er sein Leben ins Gute oder ins Höllische führt. Der Geldbeutel spielt dabei eine große Rolle. Er gibt keinen Halt, nicht in die Hölle abzustürzen. Es ist Entscheidungszeit. Die Sanduhr ist nicht stehend, sondern liegend dargestellt. Die Zeit steht still. Gerade auch beim Weltklimagipfel heißt es, Entscheidungen zu treffen. Die europäischen Bischöfe  haben sich klar geäußert. KlimapilgerInnen aus ganz Europa sind nach Paris unterwegs.18_mutterhaus_IMG_4827 Auch sie tragen wie wir die Anliegen mit. Auf Twitter ist der Hashtag #COP21 schon voll im Einsatz. Wir werden heute wieder von 24 PilgerInnen begleitet. Nach und nach haben sie sich zu uns gesellt.

Der Tag beginnt in den Franziskusschulen

18_klasse_IMG_4814Der Nebel lässt sich an Dichte nicht lumpen. Sr. Stefana hat uns das Frühstück ab 7 Uhr bereitgestellt. Um 7.40 Uhr müssen wir in den Franziskusschulen sein. Rembert hat diese Begegnung in einer Pilgrim-Schule eingefädelt. Es ist kalt. Dort in der warmen Schule warten drei Klassen auf uns. Sie sind gut vorbereitet worden auf uns. Sie haben viele ganz konkrete Vorschläge für unseren Rucksack. „Keine Plastiksackerl oder Plastikverpackung.“ „Mehr zu Fuß gehen.“ „Lokal einkaufen.“ „Selber einen Garten betreiben und kochen.“ So geht es weiter. Ich denke mir immer wieder: Hoffentlich werden diese jungen Menschen nicht verführt zu „Konsum-IdiotInnen“, in Abhängigkeiten getrieben, der Bequemlichkeit 18_rucksack_IMG_4811erliegen. Es sind die erwachsenen Geschäftemacher, die den jungen Menschen unglaubliche Sehnsuchtsbilder in die Köpfe setzen. Wir machen noch ein Foto und die Kinder meinen, „dass sie mit uns mitgehen werden“. Danke. Zurück im Mutterhaus treffen die TagespilgerInnen ein. Wir starten mit dem Impuls von Rembert, der uns heute das Wort „ALLE“ mitgibt. Alle können etwas tun. #LaudatoSi ist an alle gerichtet. Alle tragen wir Verantwortung. Alle sind wir vom Klimawandel betroffen.

Das lokale Knowhow nutzen

18_zz_IMG_4841Wir starten hinaus in den Nebel. In den letzten Tagen haben wir die Sorge um die Streckenfindung immer den Menschen zugemutet, die aus der Gegend stammen. Wir sind damit gut gegangen, das lokale Knowhow zu nutzen. Es ist eine Art Schwarmwissen. Ein Zusammentragen von Erfahrungen, von „das kenne ich“ bis hin zu „das ist ein schöner Weg“. So können wir uns in den Weg fallen lassen. Es geht dahin. Immer wieder kommen Leute dazu, klinken sich ein, warten auf uns, rufen an, wo wir sind. Es ist schön, dass Klimapilgern in dieser Gegend gut angekommen ist. Die Sonne zeigt sich heute nicht mehr. Frankenmarkt erreichen wir bei Tageslicht. Unseren Abschlusskreis machen wir vor dem Bahnhof, der für viele den Weg nach Hause bedeutet. Es ist für mich sehr berührend, wie Menschen sehr behutsam unser gemeinsames Anliegen mittragen. Auf uns wartet h18_birken_IMG_4882eute das Gasthaus Kogler, wo wir freundlich erwartet werden. Die Wirtin schaukelt heute den Laden alleine. Wir ziehen den Hut vor solchen Menschen, die sich ganz in den Dienst stellen. Unser Foto mit dem Transparent haben wir nach dem Wetterkreuz mit den Bäumen im Nebel gemacht. Bäume sind Orientierung. Die Natur möge beim #COP21 die tiefste und mächtigste Orientierung sein. Dafür gehen wir. Noch 4 Tage bis Salzburg. Die Zeit vergeht wie im Flug, nein: im Gehen.

Tag17: Ihr geht die Universität des Lebens

17_hof_IMG_4657#Klimapilgern wird bischöflich. Bischof Andrej von der Serbisch-Orthodoxen Kirche in Österreich, Schweiz, Italien und Malta kommt mir im Hof des Stiftes Lambach entgegen. Gestern hat er mich abends angerufen: „Ich möchte morgen einen Tag lang als Klimapilger mitgehen.“ Hier ist er. Um 9 Uhr machen wir einen Kreis. Wir sind etwa 15 KlimapilgerInnen. Darunter heute neben Bischof Andrej auch die kfb-Vorsitzende von OÖ Erika Kirchweger und der neue Generalsekretär der Superiorenkonferenz P. Franz Helm geht den dritten Tag mit. Bischof Andrej gibt den Impuls: Wir leben in der Schöpfung. Danke für diese Aktion, die so deutlich zum Ausdruck bringt, dass wir Menschen Gast auf Erden sind. Der Verzicht ist für Orthodoxe ein zentrales Element ihren christlichen Lebens. „Wenn wir alle Fasttage (jeden Mittwoch und Freitag, Fastenzeit, Advent, Apostelfest,…) zusammenzählen, dann fasten wir mehr als die Hälfte der Tage im Jahr. Der Humor darf auch nicht fehlen. Wir starten mit einem Lied und gehen hinüber zur MIVA, wo uns ein biofaires Frühstück erwartet.

Schöpfungszeit in den Rucksack der Alternativen

17_gehen_damm_IMG_4746Während wir das Frühstück einnehmen, werden wir über die Zusammenhänge des biologischen Landbaues hier in Österreich und international eingeführt. „Kaufen sie Bioprodukte und wenn möglich aus der Nähe, regional. Kommt es von weiter her, dann achten sie auf Fairtrade.“ Ich atme tief durch, trinke den fair gehandelten Kaffee und denke mir: „Was wäre, wenn das 80% der Bevölkerung täten.“ Der Mensch ist, was er isst. Zu viel „Billigschrott“ futtert er oder sie hinein. „Grosser Wert – kleiner Preis“ gibt es nicht. Die Handelskette ist bankrott. Lieber weniger und dafür wertiger. Immer wieder begegnet mir das Argument, dass sich ärmere Menschen nur Billigprodukte leisten können. Ich sage nur: Man braucht wesentlich mehr billiges Zeugs, damit der Mensch satt wird. Bischof Andrej gibt uns in den Rucksack die „Schöpfungszeit“ hinein. 17_rucksack_IMG_4708Von 1. Sept bis 4. Okt sollten wir als Christen – ich sage das mit meinen Worten – „schöpfungsaffin und schöpfungskompatibel leben“. Ein wunderbarer Vorschlag, die Zeit nach dem „Welterschöpfungstag“ am 1. September mit einem „Wahrnehmungs- und Achtsamkeitsmonat der Natur und Mitwelt gegenüber zu füllen“. Erika Kirchweger packt uns den Kaffee ADELANTE – Kaffee aus Frauenhand in den Rucksack. Adelante bedeutet vorwärts und wird von einer Kooperative von 70 Bäuerinnen in Honduras biologisch angebaut und selbst vermarktet. Sie bebauen ihr eigenes Land, erzielen ihr eigenes Einkommen und helfen gleichzeitig der Umwelt. Ich schmecke den Kaffee, die Natur, die besondere Zeit. Wir sind entlang der Ager und Vöckla unterwegs. Eine Farbenpracht. Anja nimmt Erde aus OÖ auf. 17_erde_IMG_4733Bischof Andrej neben mir: „Man muss gar nicht fortfahren. Es ist so wunderschön hier.“ Nach fünf Stunden verlassen uns die Tagespilger, weil sie in den Zug steigen nach Linz, Wien oder nach Hause fahren. Die letzten Kilometer in der Abendsonne nach Vöcklabruck hinüber in das Mutterhaus der Franziskanerinnen gehen wir als Kerngruppe zusammen mit Sepp und der Pilgerbegleiterin Gabriele. Sr. Stefana vom Geistlichen Zentrum erwartet uns schon. Die Generaloberin Sr. Angelika kommt zur Begrüßung extra herunter. Wir sind da. Danke für die Lotsendienste. Es ist einfach schön, „sich geführt in den Weg fallen zu lassen“.

The university of ökonomics

17_schön_IMG_4753Nochmals in Gedanken zurück nach Schwanenstadt, das wir rechts liegen gelassen haben. Und doch denken wir an den großen Sohn dieses Ortes Heini Staudinger. Rembert ruft ihn an. Ein Wunder: Er hebt ab. Heini hat ein Statement zu unserem Pilgerweg geschrieben. Wir unterhalten uns über seine Geburtsstadt. In Vorträgen sagt er immer, dass er in Schwanenstadt „the university of ökonomics“ besucht hat. Die Greißlerei seiner Eltern. Dort hat er Kopfrechnen und das Grüßen gelernt. Rembert scherzt weiter. Heini meint dann sinngemäß, dass wir „die Universität des Lebens gehen“. Bei diesem Gehen lernen wir leben, mit und in der Natur, mit weniger auskommen, in guten nährenden Gesprächen verwoben, mit einem schönen Ziel. Auch Bischof Andrej betont, dass er sehr dankbar ist, dass er hier mitgehen darf und „mitlernt in diesem Gehen“. Abends sind wir wieder Gast bei der Klimabündnis-Veranstaltung im Kulturhaus in Vöcklabruck. Auch hier treffe ich wieder einige Pioniere und „Treiber für die Umwelt“ im positiven Sinn. Hans Übleis, Stefan Hindinger oder Peter Reisenberger. Mein Husten sagt mir aber, dass ich bald ins Bett gehen soll. Schlaf heilt. Und morgen werden wir ab 7.40 Uhr im Gymnasium mit SchülerInnen reden. Das Bett habe ich schon probiert. Es liegt sich gut.