Das Smartphone ist de facto immer dabei

IMG_5873Ursula Mauritz hat nachgefragt, wie ich mit dem Smartphone umgehe. Schon vor längerer Zeit habe ich ihr kurz meine Erfahrung geschildert. Heute schaue ich mir als Smartphone-Nutzer aus der Stadt Gottes entgegen und werde von mir gefragt: Ist es wirklich so, wie du da schreibst?

Das scharfe Küchenmesser

So habe ich es Anfang Oktober formuliert: „Das Smartphone ist de facto immer dabei. Außer: Am Esstisch, in der Kirche, im Schlafzimmer. Beruflich ist es mein Hauptwerkzeug zusammen mit dem Laptop. Es ist wunderbar, dass ich fast überall (siehe Netzzugang) meiner Arbeit nachgehen kann. Ich lese Emails, schaue Websites, mache Fotos, drehe Videos, bin mit WhatsApp mit Familie und Freunden verbunden, poste auf Facebook und twittere mit. Auf der anderen Seite fällt es schwer, abzuschalten, Distanz zu halten, nicht im zähen Einerlei von Arbeit, Freizeit, Familienleben zu ertrinken. Das Smartphone ist ein scharfes Küchenmesser. Es kommt auf die Handhabung an. Gelernt habe ich, dass ich kein Telefonat abhebe, wenn ich in einem persönlichen Gespräch oder in einer Besprechung bin. Ich schalte über Nacht bewusst auf Flugmodus. In der Wohnung hat das Handy einen Platz, von wo ich es nicht überall höre und sehe. Wenn ich in der Natur unterwegs bin, ist alles ausgeschaltet außer der Fotoapparat. Wie bei allem im Leben: Nicht das WAS, sondern das MASS. Und gesellschaftlich entwickelt sich die digitale Welt aus meiner Sicht mehr zum Fluch denn zu Segen. Es bleibt: Nichts geht über ein persönliches Gespräch, persönliche Begegnung. Das wärmt das Herz wirklich.
Jetzt stelle ich fest: Der Abstand zum Gerät wird immer größer. Das finde ich gut so. Beruhigend.

#COP21: Weniger als zwei Grad

Magura in Rumänien

Magura in Rumänien

Die Unterschriften sind gesetzt. Der Text ist da. 195 Staaten bekennen sich zum Kampf gegen die Erderwärmung und Ziel ist ein Temperaturanstieg um weniger als zwei Grad. Als wir zu unserem Klimapilgern von Wien nach Salzburg aufgebrochen sind, haben wir 1,5 Grad mitgetragen und einige haben gemeint: „Glaubst du wirklich, dass das etwas bringt?“ Die Frage wischt man nicht einfach so weg. In einer durchökonomisierten und technokratisch verstandenen Zeit steht immer eine einzige Frage ganz zentral im Raum: Was bringt es? Ist der Preis nicht viel höher als der Profit? Im Laufe der letzten Tage hat mich deshalb eine Aussage über Twitter ziemlich angerührt: Beim Weltklimagipfel #COP21 geht es gar nicht um Ökologie, sondern um den Ausgleich der ökonomischen Interessen. Viele Argumente, die wir von China bis in die USA gehört haben, gingen in diese Richtung: Es wird sich rechnen. Deshalb stimmen wir zu. Es wird ein Geschäftsmodell und damit Arbeitsplätze bringen. Die Weltkugel war der runde oder besser abgerundete Tisch der Ökonomie.

In die Tiefe hinein verstanden?

rum2Manchmal denke ich mir, dass viele der Verantwortlichen und Staatenlenker den tiefen Kern des behutsamen und achtsamen Umganges mit dieser Welt, den Menschen, mit unserer Mitwelt, wie es Papst Franziskus in #LaudatoSi bezeichnet, nicht verstanden haben. Sie bleiben an Äußerlichkeiten hängen, die sie in den Vertragsverhandlungen hin und herschieben. Das tun sie fast ausschließlich unter dem Aspekt des Eigennutzens. Ich war ja nicht dabei, aber medial wurden Sätze dieser Art nie in den Vordergrund gerückt: „Die Welt und Erde gehört sich selber. Wie sind hier Gäste und nicht Ausbeuter, Tyrannen.  Die Welt wird ihren Weg gehen. Die Frage bleibt, ob sie den Menschen behalten will. Nicht wir gestalten Welt, sondern die tiefe Weisheit der Ökologie der Erde soll unsere Weisheit werden. Es kommt auf jeden und jede an.“ Aber: Auch wenn die tiefe innere ökologische Spiritualität nicht wirklich zur Sprache gekommen ist, so haben doch alle 195 Staaten zumindest verstanden, dass Klimaerwärmung und Klimagerechtigkeit keine Fiktionen sind, sondern Realität, die uns zum Handeln führen müssen. Das technokratisch ausbeuterische Zugehen auf die Welt bringt uns um unsere Lebensgrundlagen. Beispiel China und die Luftverschmutzung. Wenn ich dann die verschiedenen Kommentare und Einschätzungen lese, denke ich manchmal: Das Klimapilgern hat „gewirkt“. Anders als vieles heute läuft: Nicht äußerlich, sondern in der tiefen spirituellen Verbindung von innen her hat Respekt und die Achtsamkeit der Welt und dem Menschen gegenüber gefördert. Ein klein wenig. Und jetzt ist es festgeschrieben. Gott sei Dank. Und wir gehen weiter. Tag für Tag in neuer Achtsamkeit, dem Menschen und der Welt gegenüber. Es ist also kein Aufatmen, sondern ein Durchatmen zum Weitergehen.

Ein Dossier zur Ganzheitlichen Ökologie

_999IMG_5620Der Weltklimagipfel #COP21 geht noch bis 11. Dezember 2015. Die Verhandlungen dürften zäh verlaufen. Die Fakten wie in China oder in den USA sollten eigentlich Tempo machen, Klarheit schaffen. Massivste Geld-Interessen sind mit dem derzeitigen Wirtschaftssystem verknüpft. Change wird der Weltkugel angelastet. Die „Megamaschine“ ist kaum zu bändigen, geschweige den vom Irrweg abzubringen. Persönlich bin ich überzeugt, dass wir nicht aufhören dürfen, unseren Alltag Schritt für Schritt in die richtige Richtung zu lenken, zu gehen, einander zu bestärken und Erfahrungen zu tauschen. Selber bin ich dabei, meine Erfahrungen am Klimapilgerweg durch Österreich in einen Vortrag mit Bildern zu packen, nicht moralisierend oder apokalyptisch, sondern praktisch ermutigend und erzählend. Eben: Erfahrungen eines Klimapilgers.

Ein Dossier mit Anregungen
_999IMG_5615Dieser Tage durfte ich das Dossier der KSÖGanzheitliche Ökologie“ mitpräsentieren. Schon alleine hier habe ich gemerkt, dass ich viele Erlebnisse und Sichtweisen beitragen konnte. Ergangenes, Erlebtes ist „mächtig“. Als ein Feedback habe ich gehört, „dass der Weg viel Energie gehabt haben muss“. Ja, das hat er. Es freut mich, dass meine Fotos vom Weg das Dossier „auflockern“. Ausdeuten. In Bewegung bringen. „Laudato si‘ aus muslimischer Perspektive“ ist eine Überschrift. Unter „Transformation unserer Welt“ werden die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung aufgelistet. Der Rucksack voller Alternativen ist schon eingeflossen. „Wo Solidarität und Ökologie zusammenfinden“ finden wir Beispiele Solidarischen Wirtschaftens.
Mit diesen Zeilen möchte ich Gusto machen, dieses Dossier in der KSÖ zu bestellen.

Es drängt und alle gehen einkaufen

9_IMG_5570Der #ClimateMarch gestern in Linz war mir ein besonderes Anliegen. Eigentlich sollte ich in diesen Tagen wie geplant in Paris sein und dort im Vorfeld des Weltklimagipfels #COP21 den „Rucksack der Alternativen“ zusammen mit Klimapilger-Kollegin Anja und -Kollegen Rembert übergeben. Alle öffentlichen Veranstaltungen in Paris wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt. Den Rucksack hat Rembert nach Paris gebracht und er wurde gestern im kleinen Kreis „indoor“ übergeben. Am kommenden Dienstag darf ich bei der Präsentation des KSÖ-Dossiers in Wien mit dabei sein.

Klimawandel bringt Völkerwanderung

9_IMG_5587Gestern bin ich mit den etwa 300-400 Weltklima-Bewegten vom Volksgarten durch die Landstraße zum Hauptplatz mitgegangen, habe Gespräche gesucht und an Passanten die 12 Punkte Forderung verteilt. In anderen Erdteilen sind es Zig-Tausende, die die Weltverantwortlichen aufrütteln wollen. In den Gesprächen am Rande des Gehens wurden mir wieder einmal bewusst, wie klar den Leuten die Situation ist und wie passiv sie dabei bleiben, der größten Sünde verfallen: „Was kann ich da schon machen?“ Ein Mitgeher hinter dem Transparent „Der Klimawandel führt zwangsläufig zur nächsten Völkerwanderung“ meinte recht schlüssig: „Es drängt und alle gehen einkaufen“. Die Ablenkung gelingt. Eine Frau mit Einkaufskorb und dickem Pelzmantel: „Tut’s endlich was und blockiert’s hier nicht die Straße.“ „Was kann ich schon machen?“, meinte eine Frau mit dem Enkelkind in der Hand. „Ich fahre fast ausschließlich mit Öffis. Jeder auch noch so kleine Schritt zählt“, ist meine Ermutigung an sie. Hinter uns geht das Transparent „Verkehrswende jetzt“ vorbei. Politiker rollen Straßen aus und mehr Autos stehen weiter im Stau. Mit jeder neuen Straße mehr Autos. Wo bleiben die wirklichen Investitionen in den Öffi-Verkehr? Die Auto-Lobby fährt mit den Politikern und den Medien nur so spazieren, auf Kosten der Umwelt, der Mitwelt und der Zukunftswelt.

Positive Beispiele

9_IMG_5556Wir haben auf unserem Klimapilgerweg 21 Tage lang wirklich Tag für Tag so wunderbare Beispiele gesehen, wie eine andere Welt, ein anderer Alltag, eine andere Werte-Hierarchie möglich ist. Ich habe sie täglich beschrieben und in den Rucksack gepackt. Mein Resümee war und ist sehr positiv. Schon an unserem kleinen 400 km langen „Faden“ (Weg) entlang so viele ermutigende Beispiele. Dazu: Das Gehen bringt andere Wahrnehmung und andere Perspektiven zum Leben, zum Alltag, unterscheidet neu zwischen wesentlich und unwichtig. Am Ende der Kundgebung gestern in Linz ergibt sich eine Gespräch mit dem IG-Milch Vorsitzenden Ewald Grünzweil, dem ich von meinen Erfahrungen am Klimapilgerweg und den zwei Grundfragen erzähle: „Wie geht Reduktion? Wie kommt mehr Liebe in die Welt?“ Zuerst schaut er mich hellwach an. Dann baut er sofort die Brücke zur Situation der Milchwirtschaft und erklärt mir, dass eben bei der Milch 2 Milliarden Liter in Österreich genug sind. Nur die „Großen“ lassen sich die 3. Milliarde Liter von den ersten beiden Milliarden mitzahlen. Das geht auf Kosten der Kleinen. „Wir im Dorf waren früher 16 Milchbauern, heute sind wir 6“. Die EU hat meiner Ansicht mehrere Denkfehler. Einer kommt aus dem neoliberalen Grundstrom und kann, will groß und klein nicht unterscheiden. Sie wollen groß um jeden Preis. Bei „Klein“ ist zu wenig „drinnen“. Die Weltkugel erwärmt sich. Die SN haben gestern am Titelblatt eine treffende Karrikatur gezeigt. Punktgenau. „Raus aus dem Öl.“ Und aus der Atomenergie.

 

 

Die Pyramide im Wasser

Es war Balsam auf meine Seele, was der frühere Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln am Ordenstag in das Plenum gesagt, gezeigt und gestellt hat. Es ging um Traditionen, um Lebendigkeit und um den ungeschminkten Blick auf das Heute. Er redete den mehr als 500 Ordensleuten und leitenden verantwortlichen Frauen und Männern bei und im Umfeld der Gemeinschaften „ins Gewissen“, dass nicht die starre Tradition, sondern die vom Herzen kommende Lebendigkeit zukunftsfähig ist. Er sieht in Jesus diese Quelle der Lebendigkeit, die Aufforderung, für das Heute und den Zeitgeist anschlussfähig zu sein. Angesprochen hat er uns mit „Liebe Getaufte“. Das tut gut. Gerade die Fremden bringen einen tiefen Blick auf unsere Quelle, die uns verbindet. Es ist das Wasser der Liebe Gottes, auf das wir alle in der Unterschiedlichkeit der Relgionen, Testimonien oder kulturellen Unterschiede stoßen. Wirklich schöne und ermutigende Bilder und Sichtweisen. Das Buch ist empfehlenswert. Dahinter steht ein sehr liebenswürdiger Mensch, Christ und Mönch. In dieser Reihenfolge. Darauf würde er bestehen.

Und wie wirkt die Kirche ?


900_IMG_5491
Seinen Blick hat Werlen auch auf die „Kirche“ gerichtet. Sie ist hierarchieverliebt. Oft auf900_IMG_5490 Äußerlichkeiten fokussiert. Die konstantinische Wende hat ihr zu viel weltliche Macht gebracht. Das hat herrschaftliche Ausprägungen entwickelt. „Kirchenfürsten“ erinnern noch heute. Die Pyramide wurde die Körpergestalt. Oben Papst, Bischöfe, die „Geistlichen“ und unten „das Volk“. Werlen stellt eine Holzpyramide auf den Altar. Die Spitze oben, die Leute unten. So wurde es auch in den letzten Pontifikaten ausgefaltet. Das war nicht jesuansich, im Sinne Jesu, der genau diese Pyramide zu seiner Zeit auf den Kopf gestellt hat. Werlen nimmt eine Glasschüssel und gibt die Pyramide hinein. Jetzt schwimmt sie im fluiden Element Wasser. Und: Die Spitze unten, die breite Fläche, die Leute, die Kleinen oben auf. Deshalb hat die Bischofskirche Angst vor dem Fließenden. Genau im fluiden Element wird die jesuanische Vision der Seligpreisungen, des Magnifikat Realität: Das Unten ist oben. Der Erste sei der Diener aller. Papst Franziskus ist selbst das fluide Element in dieser starren Hierarchie. Er geht, verändert die Perspektive, sieht Dinge mit den Augen von unten und er macht den Mund auf. In der Pause habe ich zu einer Schwester, die mir ihr Leid geklagt hat,  gemeint: Werfen sie ihre Pyramide ins Wasser und vieles wird sich neu ausrichten. So wie es Jesus gemeint hat, gemacht, vorgelebt hat. Ist die Holzpyramide im Wasser, kann sich die Spitze nicht oben halten. Übrigens: Auch eine gute Übung für Konzerne und weltliche Hierarchie-Systeme.

Der Bischof als Avantgardist

Manfred Scheuer 3.vr

Manfred Scheuer 3.vr

Manfred Scheuer kommt zurück. Oberösterreich kennt damit den neuen Diözesanbischof. Die Medien und viele Menschen empfangen ihn mit einer positiven Erwartung. Aus meiner Sicht hat ihn heute Dietmar Neuwirth in der Presse wirklich gut „eingeschätzt“: Neuer Linzer Bischof. Avantgarist des Franziskus-Stils. Gestern habe gleich in aller Frühe in der OÖ Krone eine andere Stimme gelesen: Er ist vielleicht zu intellektuell. Im Zug nach Wien denke ich mir: Gerade jetzt braucht Oberösterreich eine Stimme, eine Person, die das allgemeine populistische Absacken durch die Politik auffangen kann. Wir haben eine international belächelte Männerregierung. Im politischen Feld wird es durch diese unsägliche Koalition weiter abwärts gehen, auch wenn die Formeln und Floskeln anderes verbreiten wollen. Da wird es gut tun, wenn einer einen klaren Gedanken fassen kann, der aus einem weiten Intellekt kommt und gepaart ist mit einer tiefen inneren Demut zum Ganzen, zum Gemeinwesen. Ich denke an die Ansprachen, an die Predigten, an die Gespräche und Interviews, die wir uns anhören mussten. Das wird sicher anders werden. Außerdem: Wer Manfred Scheuer kennt, wird wissen, dass er ein ausgezeichneter Zuhörer ist. Und das ist heute vielleicht das größte Geschenk des Intellekts: Ganz Ohr sein können.

Der Avantgardist braucht nicht bremsen

scheuer_quer„Wir sind Avantgarde und gehen auch ungewohnte Wege. Unsere Lebensform nach den Gelübden ist außergewöhnlich. Aktuelle gesellschaftliche und kirchliche Entwicklungen lassen uns „ganz Neues“ ausprobieren. Nicht Perfektion treibt uns, sondern Gottes Zusage, die uns auch oft aus der Reihe tanzen lässt.“ Dieser Satz steht als eine „Kernaussage“ beim Ordensleben. Manfred Scheuer ist kein Ordensmann, hat aber als „Spiritual und Professor“ das Zeug zum Avantgardisten in Oberösterreich. Da ist unter seinem Vor-Vorgänger Neues, Ungewohntes gewachsen, das sicherlich manchmal auch aus der Reihe getanzt hat. Ich bin selber ja nicht mehr so „drinnen“ in der Diözese Linz. Meine Wahrnehmung ist: Seit Franziskus Papst ist, ist es in der Diözese still geworden. Die Ultra-Konservativen haben ganz oben ihren Halt verloren. Dort in Rom ist – wie Neuwirth richtig sieht – auch ein Avantgardist eingezogen, der Neues , Umgewohntes transparent und mit seiner ganzen Person vorantreibt. Manfred Scheuer lebt aus diesem Geist. Oberösterreich hat zehn Jahre mit der auch vom Kardinal mitgesteuerten angezogenen Handbremse und dem Rückwärtsgang gelebt. Das hat bis in die Pfarren hinein gewirkt, sehr oft entmutigend. Seit 2013 ist die Handbremse gelöst, die Vorwärtsgänge sind möglich. Und doch: Alles wartet. Auf den neuen Bischof. Hier ist er nun. Ich denke, er braucht in der Diözese  die verschiedenen Kräfte nicht „zusammenbremsen“. Er darf ruhig aufs Gas steigen. Das Volk Gottes darf sich wieder erheben und gehen.

 

Nuzzi und die harte Nuss

serv_beatrixDer Vatikan-Journalist Gianluigi Nuzzi beschreibt in seinem Buch „Alles muss ans Licht“ das Zusammentreffen der Verantwortlichen der Finanz- und Vermögensverwaltung des Vatikan am 3. Juli 2013, an dem Franziskus „reinen Wein einschenkte“.  Aus meiner Sicht arbeitet dieser Papst Franziskus nicht einzelne Punkte ab, sondern installiert dem Vatikan ein völlig neues Betriebssystem. Also: Nicht Schlechtes weniger schlecht, sondern von Beginn an gut machen. Wie bei einem Computer ist bisher das Betriebssystem Intransparenz, Vetternwirtschaft, auch der noblen Verschwendung mit der Förderung von Untertänigkeit, Zentralismus und devotem Gehorsam gelaufen. Also: Keine neuen Anwenderprogramme, sondern Open Source im Vatikan. Wie oft wurden ehrliche und zusammen mit dem Volk Gottes engagierte Bischöfe „zitiert“, weil sie neue Wege versucht haben. Nicht lange war zB Bischof Bezak in der Slowakei im Amt, weil er Transparenz in die zum Teil kriminellen Machenschaften seines Vorgängers bringen wollte.  Es ist kein Geheimnis, dass Bischöfe mit Geld in den Vatikan gefahren sind, um „Unterschriften“ zu bekommen. Es gab keine „Abrechnung“. Geld ist einfach geflossen und an diesen Flüssen und Bächen haben sich Menschen ihre gut bewässerten Plätze eingerichtet. Eine Leitfigur dieses Betriebssystems ist Tarcisio Bertone. „Das Problem des Mangels an Transparenz ist aufrecht. Es gibt Ausgaben, die aus einer Unklarheit unserer Verfahren resultieren. Wenn etwas ohne Kostenvoranschlag, ohne Autorisierung gemacht wurde, zahlt man nicht.“ Papst Franziskus zu den Kardinälen. Gestern hat Nuzzi in der Sendung „Talk am Hangar 7“ diese Liste der Kardinäle am Ende der Sendung in die Fernsehkamera gehalten mit dem sehnlichsten Wunsch: Schaut da genau hin. Das ist die harte Nuss, die Franziskus dabei ist zu knacken.

Es geht nicht um die Kirche

An der Diskussion im Hangar 7 hat unsere Präsidentin Sr. Beatrix Mayrhofer als „Oberste Ordensfrau Österreichs“ teilgenommen. Ich habe ein wenig „mitgetwittert“, was sie so eingebracht hat. Selbst der Autor Nuzzi hält eingangs fest, dass es um die Machenschaften in der Kurie geht und nicht um den Glauben oder gar um die vielen engagierten Christinnen und Christen. Das ist auch die Stoßrichtung von Sr. Mayrhofer: Was kann Mozart dafür, dass die Musiker seine Musik so schlecht spielen. Sie kommt direkt von den Flüchtlingen am Salzburger Bahnhof und sieht dort die eigentlichen Aufgaben der Kirche. „Es geht nämlich nicht um die Kirche, sondern um die Welt, die Menschen.“ Sie hofft aber, „dass es keine Aufdeckerjournalisten brauchen soll, weil Verantwortung übernommen wird und Transparenz herrscht“.  Bei mir bleiben drei Begriffe aus der Runde hängen, die Franziskus als „Heilmittel“, als neues Betriebssystem installieren will: „Transparenz und Wahrhaftigkeit“. Das wird noch einige „Würdenträger des alten Betriebssystems“ (es sind immer Männer) wegspülen. Soweit mir zugänglich, hat sich auch Kardinal Schönborn vom neuen Betriebssystem überzeugen lassen. Wenn das alte Betriebssystem deinstalliert ist, gäbe es keinen Grund, warum in Österreich die Programme nicht „glaubwürdig“ laufen sollten. Auf zu neuen und wesentlichen Taten. Die Nuss im Vatikan möge zerspringen.

Kannst du überhaupt noch sitzen? Ein Resümee

23_Itzling_IMG_5309Gute Frage. Es fällt schwer. Nach drei Wochen gehen ist es nicht einfach, wieder Platz zu nehmen. Der Schreibtisch war geduldig und hat gewartet. Mit viel analoger Post und Dingen, die mich am Weg nicht erreichen konnten. Natürlich ist es gut, beim Gehen nach einer Stunde anzuhalten, zu trinken, einander anzuschauen und zu fragen: Geht es? Sind alle da? Tut etwas weh? Noch schöner erlebe ich das Hinsetzen um die Mittagszeit, eine Kleinigkeit essen und trinken. Dieses Sitzen ist aber ein anderes Sitzen als das vor dem Bildschirm und am Schreibtisch. Darum haben mich seit vorgestern einige gefragt: Wie machst du das, wenn du wieder sitzen musst? Ich weiß es noch nicht. Es wird gehen. Und nach einem Tag sehe ich auch, dass es geht. Es sind ja noch so viele Gedanken der Bewegung im Kopf, die mich bewegen, obwohl ich sitze, im Zug, im Büro, bei der Besprechung, beim Essen, beim Telefonieren. Ich gestehe, dass ich öfter aufstehe und herumgehe. Es ist wieder ein Prozess, diese tägliche kontinuierliche Bewegung vom #Klimapilgern über fast 400 km von Wien nach Salzburg umzuwandeln in den „Bleibe-Modus“. Auch diesmal spüre ich, dass es nicht einfach wird. Jetzt sitze ich, um ein kleines Zwischen-Resümee anzudeuten. Es geht ja Ende November nach Paris. #COP21.

Es war ein besonderes Weitgehen

23_vier_IMG_5293Fehlen wird mir nach dem guten gemeinsamen Frühstück und dem Einpacken der Kreis am Morgen. Immer um 9 Uhr haben wir uns zusammen mit den immer neu dazugekommenen TagespilgerInnen im Kreis aufgestellt. Wer ist da? Was hat mich hergeführt? „Ich bin Silvia aus Mühlbach am Hochkönig. Ich bin dort Pfarrgemeinderat und ich gehe heim.“ So kurz. „Ich bin Rembert – nochmals: Rembert – aus der Steiermark und wohne in Wien. Ich arbeite für das Netzwerk Pilgrim. Also Klima-Pilgrim.“ Dazwischen immer wieder Frauen und Männer, die dazugekommen sind. „Ich bin Anja aus Wien und Generalsekretärin der kfb in Österreich und gehe bis Salzburg.“ Ob es nun Bischof Andrej, die kfb-Frauenvorsitzenden von St. Pölten, Linz oder Salzburg waren, die Direktorin der KSÖ, ein Generalsekretär der KA St. Pölten oder zwei Flüchtlingskinder waren, immer war eine tiefe Motivation zu spüren. „Ich bin Ferdinand aus Kirchschlag und Wien und arbeite für die Ordensgemeinschaften Österreich im Medienbüro.“ So habe ich mich selber oft gehört. Sie werden mir fehlen, die „Kern-Pilger-KollegInnen“. Darüber hinaus die vielen insgesamt auch annähernd 350 Personen, die mit uns am Weg waren. Ich bin schon drei Mal alleine weit gegangen (durch Österreich 2004, nach Assisi 2009 und nach Thüringen 2012). Diesmal war es in der dauernd wechselnden Gruppe eine neue Erfahrung für mich. Die Übernachtungen waren vorbereitet, nicht aber der Weg. Den mussten wir gemeinsam suchen und finden. Öfters mussten wir feststellen: Es geht uns wie der Weltpolitik. Wer weiß den Weg? Wer geht voran? Wer schaut, dass alle mitkommen? Wie geht das mit den Schnellen und Langsameren? Es waren spannende Tage durch Österreich. Als ich heute früh mit dem Zug nach Wien gefahren bin, haben Orte wie Melk, Maria Taferl oder St. Pölten einen besonderen Klang gehabt. Alles gegangen.

Was nehmen wir mit?

11_alternative_IMG_4336In jedem Fall wurde der „Rucksack der Alternativen“ toll angefüllt. Digital wird das noch nachgeholt. Wir Vier haben uns am letzten Tag hingesetzt und die Projekte, Haltungen oder Personen favorisiert. Wenn die ZIB1 gefragt hätte, dann hätten wir diese drei Projekte vorgebracht:

Cradle to Cradle von Gugler
Traditionell Europäische Medizin der Marienschwestern
Streuobstschokolade aus der Community Ottensheim für Vielfalt und Zusammenhalt.

„Aus ist aus“: saisonal und regional kochen/essen (SPITZWIRTin, Alkoven)
Ausbildung der Jugend: Umwelt und Wirtschaft verknüpfen (HLUW Yspertal)
Ökologische Bauweise bzw. Rückgriff auf lokale Energieversorgung (MIVA, Michelbeuren, Pfarre Sindelburg, EZA und Pfarre Mauthausen)
Negativ“projekt“: Zersiedelung und Versiegelung als österreichweiter schlechte Trend

Kirchenasyl in St. Georgen a.d. Gusen
Flüchtlingsbetreuungsprojekte (St. Georgen, Ottensheim)
„Gehen belebt“ – Bewegung
„Natur als Lebensmeisterin
#LaudatoSi als Basisverständnis im Wandel vom technokratischen Paradigma hin zum Menschenbild der ökologische Spiritualität

Diese 12 Projekte nehmen wir aus unserem Rucksack heraus, ohne die vielen anderen, die noch drinnen sind, zu vergessen. Es sind die Begegnungen mit den Schulen oder unsere Unterkünfte in den Ordenshäusern, beim Privatpersonen oder einfachen Herbergen. Dafür danken wir herzlich.

Mein persönliches Resümee

23_rk_IMG_5201Auf ein Blatt habe ich geschrieben: „Von den 21 Tagen gehen nehme ich eine große Weite mit. Ich bin „für und mit allen Menschen“ gegangen, die unter den Schieflagen unserer Gesellschaft und den ausbeuterischen Systemen unseres Wirtschaften leiden oder gar zu Tode kommen. In besonderer Weise sind es heute die Flüchtlinge und indigenen Völker, denen Technokraten und Geld-Ökonomen die Lebensgrundlage entziehen. Die Natur strahlt so viel Frieden aus und der Mensch führt Krieg gegen sie. Das Gehen hat mich versöhnter gemacht und gleichzeitig radikaler gegenüber unseren gesellschaftlichen Eliten.“ Dort steht auf die Frage, was mir ans Herz gewachsen ist: „Das Schlechte nicht weniger schlecht machen, sondern es muss von Beginn an gut sein.“ Leben wir so, dass wir das Ende unserer Lebensprozesse (Einkauf, Arbeit, Mobilität, Produktion,…) in die Wiege der nächsten Generation legen können? Meine zwei Grundfragen zum Leben sind noch weiter gewachsen in ihrer Bedeutung: Wie geht Reduktion? Wie kommt mehr Liebe in die Welt? Viele Projekte, die wir gesehen haben, Menschen, denen wir begegnet sind, Landschaften, die wir bewundert haben, haben dann eine „Schönheit“ entfaltet, wenn sie aus der tiefen Quelle der Spiritualität gespeist waren. Es waren immer Menschen, die nicht zufrieden waren im Gefängnis der jetzigen Plausibilitäten und oft Unerhörtes gewagt haben. Alleine auf der schmalen Spur dieser fast 400 km durch Österreich haben wir das Aufkeimen einer neuen Welt, die Transformationen hin zu einer neuen Wirtschaft erlebt. Die Medien sind zum Großteil Gefangene des laufenden Systems und entwickeln 23_über_IMG_4738keine Kritik mehr. Auch die redaktionellen Wahrnehmungen sind eingeschränkt auf „Gängiges“ oder Skuriles. Das Welt- und Menschenbild in der Enzyklika #LaudatoSi von Papst Franziskus kann das neue Fundament einer neuen Welt werden. Das Gehen und Pilgern hat mich darin bestärkt, das technisierte Menschenbild sehr kritisch zu sehen und durch das spirituelle und ökölogische Menschenbild noch konsequenter zu ersetzen. Wer geht, wird fast automatisch dorthin geöffnet. Vom Weltklimagipfel #COP21 erwarte ich mir einen radikalen Bruch mit dem gängigen Wachstumsparadigma. Solidarische Ökonomie soll das neue Paradigma werden.“ Und abschließend: „Eine besondere Erfahrung war, dass wir so wunderbar zusammen gesungen haben, obwohl wir uns untereinander vorher nicht gekannt haben. Der gemeinsame Weg hat in vielen Gesprächen, im Schweigen, im Hinhören Ideen und eine Pilgergemeinschaft „entfaltet“.  Eine tiefe Dankbarkeit hat mich von Tag zu Tag mehr erfüllt. Die Natur ist die beste Lehrmeisterin des Lebens.“ Jetzt geht es Ende November nach Paris zum #COP21. Zuvor aber werde ich mit dem Ordenstag mit P. Martin Werlen „Jetzt im Blick“ noch einen besonderen Höhepunkt erleben.