Wenn Grenzen zu Brücken werden

9IMG_5931Es war heute mein letzter „Wien-Tag“ in diesem Arbeitsjahr. Gestern haben wir das Büro übersiedelt. Als Medienbüro sind wir in einen anderen Raum zusammengezogen. Das finde ich gut, miteinander und nebeneinander, aufeinander abgestimmt und im Hinhören und Austauschen die Dinge zu entwickeln. Da kommen die positiven Gefühle des gemeinsamen Beginns im Kommunikationsbüro in Linz auf. So wird das Büro „Begegnungsraum“ oder „Suchraum“, natürlich auch „Lernraum“ und hoffentlich genügend „Wertschätzungsraum“. Wir sind ausgezogen, haben einen neuen Platz zugewiesen bekommen und sind eingezogen. Das ist einfach. Wenn ich allerdings heute in die Welt schaue, gibt es zu viele Menschen, die ausziehen müssen und noch nichts zum Einziehen haben. Da liegen Grenzen und Hürden am Weg, mittlerweile auch Zäune und abweisende Gesichter. Wir stehen täglich in der Entscheidung, wie sich unser Christsein „bewährt“, bewahrheitet, wie sich unsere Humanität zeigt. Schon gestern abends habe ich das Interview mit Navid Kermani im Publik-Forum gelesen. Wunderbare Gedanken eines Muslim in Richtung Christinnen und Christen. Sechs Seiten Seelennahrung.

Die Liebe überwindet Grenzen

IMG_5941Heute auf der Zugfahrt von Wien ins Bergdorf habe ich aus dem Interview den Weihnachtswunsch auf der Website der Ordensgemeinschaften geschrieben. Das Interview und dieses Zitat wird mein heuriges Weihnachten bereichern. „Das, was mich über Jahre hinweg für das Christentum eingenommen hat, waren die Begegnungen mit einzelnen Menschen, darunter viele, die ihr Leben ganz der Nachfolge Christi geweiht haben. Was ich da als christlich wahrgenommen habe – und was übrigens auch innerhalb des Islam als christlich wahrgenommen wird -, ist das, was man mit „Feindesliebe“ umschreiben kann. Sie meint nicht in einem naiven Sinne den Schlächtern den Hals hinzuhalten, sondern eine Liebe, die über das eigene Lager hinausgeht. Eine Liebe, die in der Lage ist, die dogmatischen, aber auch politischen Grenzen zu überwinden, wie es dem blossen Verstand nicht gelänge: dass man bei allen Differenzen im Gegenüber den Menschen, ja den Geliebten sieht. Das ist natürlich nicht etwas rein Christliches, aber durch die Figur Jesus gewissermaßen christlich konnotiert. Das beginnt schon bei der Botschaft der Engel zu seiner Geburt: Friede auf Erden.“  Das ganze Interview ist leider nicht online.

Mut und Kühnheit

IMG_5933Karmani spricht auch über die mangelnde Achtsamkeit in der Kirche – von uns gegenüber uns selbst und unserer spirituellen Schätze. Ein „Fremder“ macht mich so wunderbar aufmerksam, was wir an Jesus, diesem Kind in der Krippe, geschenkt bekommen haben. Siehe oben. Im Zugabteil kommen wir ins Gespräch. Das Interview habe ich einige Male kopiert und so gebe ich es dem Mitreisenden mit auf die Reise. Er hat nur kurz gelesen und gemeint: „Das klingt interessant.“ Ich: „Das ist es auch.“ Und genau deshalb ist mein Wunsch ein zweifacher:
1. Dass diese grenzenlose Liebe Gottes Mensch geworden ist, feiern wir in diesen Tagen und genau das erfüllt mich auf der einen Seite mit Dankbarkeit und auf der anderen mit Mut, ja Kühnheit, Grenzen als Brücken zu sehen.
2. Mögen die Menschen heute spüren und erleben, dass Gott uns im Kleinen, in der Stille, im Draußen und in der helfenden Hand begegnet.
Wir können einander helfen beim Öffnen für das Licht, das uns in Jesus aufstrahlt und zur grenzenlosen Liebe führt.

Einladung zum Weitgehen auf irischen Pilgerwegen

Von SA 20. bis DI 30. August 2016 ist mein Kalender blockiert. „Weltanschauen in Irland“ steht über diese Tage. „Weitwandern auf irischen Pilgerwegen“ steht auf der Website von „Weltanschauen“. Meine Frau Gerlinde und ich waren 2014 mit einer Gruppe dort unterwegs. Eine wunderbare Erfahrung, die wir ein zweites Mal zugänglich machen wollen. Nachdem wir im Vorjahr im Osten, die der Slowakei am Barbaraweg unterwegs waren, zieht es uns wieder Richtung Westen. Das Programm ist nicht identisch. Die Erfahrungen werden andere sein: andere Menschen, anderes Wetter, andere Reiseroute, andere Schwerpunkte. Die Zeitschrift „Welt der Frau“ lädt ein und der Einladung gefolgt sind immer auch Männer. Ein bewegtes Miteinander.

Irische Ursprünglichkeiten am Weg

Und so stellen wir uns das vor. Auf der Website ist zu lesen: „Die Anreise erfolgt mit dem Zug über Brüssel und London. Nach einer Nacht im pulsierenden London geht es weiter nach Holyhead und mit der Fähre nach Irland. Wir besichtigen die beeindruckenden Ruinen von Glen­dalough, das auf eine Mönchsklause des Hl. Kevin zurückgeht und sich im 12. Jahrhundert zu einer Klosterstadt mit 7 Kirchen entwickelte und wandern in den landschaftlich wunderschönen Wicklow Mountains. Auch der Hauptstadt Dublin statten wir einen Besuch ab. Danach geht es weiter nach Tralee, wo als Einstieg in die irische Kultur eine Vorführung des bekannten irischen Volkstheaters Siamsa Tíre mit Musik und Tanz angeboten wird. Am nächsten Tag beginnt die Weitwanderung in Ventry auf dem Cosán na Naomh auf der Halbinsel Dingle ganz im Westen der grünen Insel. Unser Gepäck tragen wir als richtige Pilger während der ganzen Wanderung selber. Auch das ist ein Teil des Pilgerns und ermöglicht wesentliche Erfahrungen.
Cosán na Naomh ist ein mystischer Name für einen der schönsten alten Pilgerwege in Irland. Der Cosán na Naomh beginnt in Ventry am Sandstrand Cuan Fionntra, wo in früheren Zeiten viele Pilger per Boot ankamen und sich dann auf den Weg zum Gipfel des Mount Brandon machten. Er endet am Gipfel des Mount Brandon, unsere Wanderung führt dann auf der anderen Seite dieses Berges nach Cloghane und entlang der atemberaubend schönen Küste auf dem Dingle Way zurück nach Dingle. Die PilgerInnen tragen ihr Gepäck unterwegs selber und werden in fünf Wandertagen rund 110 km zurücklegen. Übernachtet wird während der Wandertage in einfachen Herbergen und in den Städten in guten Hotels. Zum Abschluss wartet noch ein weiterer Höhepunkt, der Besuch der mystischen Klosteranlage Clonmacnoise am Ufer des Shannon, bevor es von Dublin mit dem Flugzeug zurück nach Wien geht.“

Das Programm im Detail

Das Smartphone ist de facto immer dabei

IMG_5873Ursula Mauritz hat nachgefragt, wie ich mit dem Smartphone umgehe. Schon vor längerer Zeit habe ich ihr kurz meine Erfahrung geschildert. Heute schaue ich mir als Smartphone-Nutzer aus der Stadt Gottes entgegen und werde von mir gefragt: Ist es wirklich so, wie du da schreibst?

Das scharfe Küchenmesser

So habe ich es Anfang Oktober formuliert: „Das Smartphone ist de facto immer dabei. Außer: Am Esstisch, in der Kirche, im Schlafzimmer. Beruflich ist es mein Hauptwerkzeug zusammen mit dem Laptop. Es ist wunderbar, dass ich fast überall (siehe Netzzugang) meiner Arbeit nachgehen kann. Ich lese Emails, schaue Websites, mache Fotos, drehe Videos, bin mit WhatsApp mit Familie und Freunden verbunden, poste auf Facebook und twittere mit. Auf der anderen Seite fällt es schwer, abzuschalten, Distanz zu halten, nicht im zähen Einerlei von Arbeit, Freizeit, Familienleben zu ertrinken. Das Smartphone ist ein scharfes Küchenmesser. Es kommt auf die Handhabung an. Gelernt habe ich, dass ich kein Telefonat abhebe, wenn ich in einem persönlichen Gespräch oder in einer Besprechung bin. Ich schalte über Nacht bewusst auf Flugmodus. In der Wohnung hat das Handy einen Platz, von wo ich es nicht überall höre und sehe. Wenn ich in der Natur unterwegs bin, ist alles ausgeschaltet außer der Fotoapparat. Wie bei allem im Leben: Nicht das WAS, sondern das MASS. Und gesellschaftlich entwickelt sich die digitale Welt aus meiner Sicht mehr zum Fluch denn zu Segen. Es bleibt: Nichts geht über ein persönliches Gespräch, persönliche Begegnung. Das wärmt das Herz wirklich.
Jetzt stelle ich fest: Der Abstand zum Gerät wird immer größer. Das finde ich gut so. Beruhigend.

#COP21: Weniger als zwei Grad

Magura in Rumänien

Magura in Rumänien

Die Unterschriften sind gesetzt. Der Text ist da. 195 Staaten bekennen sich zum Kampf gegen die Erderwärmung und Ziel ist ein Temperaturanstieg um weniger als zwei Grad. Als wir zu unserem Klimapilgern von Wien nach Salzburg aufgebrochen sind, haben wir 1,5 Grad mitgetragen und einige haben gemeint: „Glaubst du wirklich, dass das etwas bringt?“ Die Frage wischt man nicht einfach so weg. In einer durchökonomisierten und technokratisch verstandenen Zeit steht immer eine einzige Frage ganz zentral im Raum: Was bringt es? Ist der Preis nicht viel höher als der Profit? Im Laufe der letzten Tage hat mich deshalb eine Aussage über Twitter ziemlich angerührt: Beim Weltklimagipfel #COP21 geht es gar nicht um Ökologie, sondern um den Ausgleich der ökonomischen Interessen. Viele Argumente, die wir von China bis in die USA gehört haben, gingen in diese Richtung: Es wird sich rechnen. Deshalb stimmen wir zu. Es wird ein Geschäftsmodell und damit Arbeitsplätze bringen. Die Weltkugel war der runde oder besser abgerundete Tisch der Ökonomie.

In die Tiefe hinein verstanden?

rum2Manchmal denke ich mir, dass viele der Verantwortlichen und Staatenlenker den tiefen Kern des behutsamen und achtsamen Umganges mit dieser Welt, den Menschen, mit unserer Mitwelt, wie es Papst Franziskus in #LaudatoSi bezeichnet, nicht verstanden haben. Sie bleiben an Äußerlichkeiten hängen, die sie in den Vertragsverhandlungen hin und herschieben. Das tun sie fast ausschließlich unter dem Aspekt des Eigennutzens. Ich war ja nicht dabei, aber medial wurden Sätze dieser Art nie in den Vordergrund gerückt: „Die Welt und Erde gehört sich selber. Wie sind hier Gäste und nicht Ausbeuter, Tyrannen.  Die Welt wird ihren Weg gehen. Die Frage bleibt, ob sie den Menschen behalten will. Nicht wir gestalten Welt, sondern die tiefe Weisheit der Ökologie der Erde soll unsere Weisheit werden. Es kommt auf jeden und jede an.“ Aber: Auch wenn die tiefe innere ökologische Spiritualität nicht wirklich zur Sprache gekommen ist, so haben doch alle 195 Staaten zumindest verstanden, dass Klimaerwärmung und Klimagerechtigkeit keine Fiktionen sind, sondern Realität, die uns zum Handeln führen müssen. Das technokratisch ausbeuterische Zugehen auf die Welt bringt uns um unsere Lebensgrundlagen. Beispiel China und die Luftverschmutzung. Wenn ich dann die verschiedenen Kommentare und Einschätzungen lese, denke ich manchmal: Das Klimapilgern hat „gewirkt“. Anders als vieles heute läuft: Nicht äußerlich, sondern in der tiefen spirituellen Verbindung von innen her hat Respekt und die Achtsamkeit der Welt und dem Menschen gegenüber gefördert. Ein klein wenig. Und jetzt ist es festgeschrieben. Gott sei Dank. Und wir gehen weiter. Tag für Tag in neuer Achtsamkeit, dem Menschen und der Welt gegenüber. Es ist also kein Aufatmen, sondern ein Durchatmen zum Weitergehen.

Ein Dossier zur Ganzheitlichen Ökologie

_999IMG_5620Der Weltklimagipfel #COP21 geht noch bis 11. Dezember 2015. Die Verhandlungen dürften zäh verlaufen. Die Fakten wie in China oder in den USA sollten eigentlich Tempo machen, Klarheit schaffen. Massivste Geld-Interessen sind mit dem derzeitigen Wirtschaftssystem verknüpft. Change wird der Weltkugel angelastet. Die „Megamaschine“ ist kaum zu bändigen, geschweige den vom Irrweg abzubringen. Persönlich bin ich überzeugt, dass wir nicht aufhören dürfen, unseren Alltag Schritt für Schritt in die richtige Richtung zu lenken, zu gehen, einander zu bestärken und Erfahrungen zu tauschen. Selber bin ich dabei, meine Erfahrungen am Klimapilgerweg durch Österreich in einen Vortrag mit Bildern zu packen, nicht moralisierend oder apokalyptisch, sondern praktisch ermutigend und erzählend. Eben: Erfahrungen eines Klimapilgers.

Ein Dossier mit Anregungen
_999IMG_5615Dieser Tage durfte ich das Dossier der KSÖGanzheitliche Ökologie“ mitpräsentieren. Schon alleine hier habe ich gemerkt, dass ich viele Erlebnisse und Sichtweisen beitragen konnte. Ergangenes, Erlebtes ist „mächtig“. Als ein Feedback habe ich gehört, „dass der Weg viel Energie gehabt haben muss“. Ja, das hat er. Es freut mich, dass meine Fotos vom Weg das Dossier „auflockern“. Ausdeuten. In Bewegung bringen. „Laudato si‘ aus muslimischer Perspektive“ ist eine Überschrift. Unter „Transformation unserer Welt“ werden die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung aufgelistet. Der Rucksack voller Alternativen ist schon eingeflossen. „Wo Solidarität und Ökologie zusammenfinden“ finden wir Beispiele Solidarischen Wirtschaftens.
Mit diesen Zeilen möchte ich Gusto machen, dieses Dossier in der KSÖ zu bestellen.

Es drängt und alle gehen einkaufen

9_IMG_5570Der #ClimateMarch gestern in Linz war mir ein besonderes Anliegen. Eigentlich sollte ich in diesen Tagen wie geplant in Paris sein und dort im Vorfeld des Weltklimagipfels #COP21 den „Rucksack der Alternativen“ zusammen mit Klimapilger-Kollegin Anja und -Kollegen Rembert übergeben. Alle öffentlichen Veranstaltungen in Paris wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt. Den Rucksack hat Rembert nach Paris gebracht und er wurde gestern im kleinen Kreis „indoor“ übergeben. Am kommenden Dienstag darf ich bei der Präsentation des KSÖ-Dossiers in Wien mit dabei sein.

Klimawandel bringt Völkerwanderung

9_IMG_5587Gestern bin ich mit den etwa 300-400 Weltklima-Bewegten vom Volksgarten durch die Landstraße zum Hauptplatz mitgegangen, habe Gespräche gesucht und an Passanten die 12 Punkte Forderung verteilt. In anderen Erdteilen sind es Zig-Tausende, die die Weltverantwortlichen aufrütteln wollen. In den Gesprächen am Rande des Gehens wurden mir wieder einmal bewusst, wie klar den Leuten die Situation ist und wie passiv sie dabei bleiben, der größten Sünde verfallen: „Was kann ich da schon machen?“ Ein Mitgeher hinter dem Transparent „Der Klimawandel führt zwangsläufig zur nächsten Völkerwanderung“ meinte recht schlüssig: „Es drängt und alle gehen einkaufen“. Die Ablenkung gelingt. Eine Frau mit Einkaufskorb und dickem Pelzmantel: „Tut’s endlich was und blockiert’s hier nicht die Straße.“ „Was kann ich schon machen?“, meinte eine Frau mit dem Enkelkind in der Hand. „Ich fahre fast ausschließlich mit Öffis. Jeder auch noch so kleine Schritt zählt“, ist meine Ermutigung an sie. Hinter uns geht das Transparent „Verkehrswende jetzt“ vorbei. Politiker rollen Straßen aus und mehr Autos stehen weiter im Stau. Mit jeder neuen Straße mehr Autos. Wo bleiben die wirklichen Investitionen in den Öffi-Verkehr? Die Auto-Lobby fährt mit den Politikern und den Medien nur so spazieren, auf Kosten der Umwelt, der Mitwelt und der Zukunftswelt.

Positive Beispiele

9_IMG_5556Wir haben auf unserem Klimapilgerweg 21 Tage lang wirklich Tag für Tag so wunderbare Beispiele gesehen, wie eine andere Welt, ein anderer Alltag, eine andere Werte-Hierarchie möglich ist. Ich habe sie täglich beschrieben und in den Rucksack gepackt. Mein Resümee war und ist sehr positiv. Schon an unserem kleinen 400 km langen „Faden“ (Weg) entlang so viele ermutigende Beispiele. Dazu: Das Gehen bringt andere Wahrnehmung und andere Perspektiven zum Leben, zum Alltag, unterscheidet neu zwischen wesentlich und unwichtig. Am Ende der Kundgebung gestern in Linz ergibt sich eine Gespräch mit dem IG-Milch Vorsitzenden Ewald Grünzweil, dem ich von meinen Erfahrungen am Klimapilgerweg und den zwei Grundfragen erzähle: „Wie geht Reduktion? Wie kommt mehr Liebe in die Welt?“ Zuerst schaut er mich hellwach an. Dann baut er sofort die Brücke zur Situation der Milchwirtschaft und erklärt mir, dass eben bei der Milch 2 Milliarden Liter in Österreich genug sind. Nur die „Großen“ lassen sich die 3. Milliarde Liter von den ersten beiden Milliarden mitzahlen. Das geht auf Kosten der Kleinen. „Wir im Dorf waren früher 16 Milchbauern, heute sind wir 6“. Die EU hat meiner Ansicht mehrere Denkfehler. Einer kommt aus dem neoliberalen Grundstrom und kann, will groß und klein nicht unterscheiden. Sie wollen groß um jeden Preis. Bei „Klein“ ist zu wenig „drinnen“. Die Weltkugel erwärmt sich. Die SN haben gestern am Titelblatt eine treffende Karrikatur gezeigt. Punktgenau. „Raus aus dem Öl.“ Und aus der Atomenergie.

 

 

Die Pyramide im Wasser

Es war Balsam auf meine Seele, was der frühere Abt Martin Werlen vom Kloster Einsiedeln am Ordenstag in das Plenum gesagt, gezeigt und gestellt hat. Es ging um Traditionen, um Lebendigkeit und um den ungeschminkten Blick auf das Heute. Er redete den mehr als 500 Ordensleuten und leitenden verantwortlichen Frauen und Männern bei und im Umfeld der Gemeinschaften „ins Gewissen“, dass nicht die starre Tradition, sondern die vom Herzen kommende Lebendigkeit zukunftsfähig ist. Er sieht in Jesus diese Quelle der Lebendigkeit, die Aufforderung, für das Heute und den Zeitgeist anschlussfähig zu sein. Angesprochen hat er uns mit „Liebe Getaufte“. Das tut gut. Gerade die Fremden bringen einen tiefen Blick auf unsere Quelle, die uns verbindet. Es ist das Wasser der Liebe Gottes, auf das wir alle in der Unterschiedlichkeit der Relgionen, Testimonien oder kulturellen Unterschiede stoßen. Wirklich schöne und ermutigende Bilder und Sichtweisen. Das Buch ist empfehlenswert. Dahinter steht ein sehr liebenswürdiger Mensch, Christ und Mönch. In dieser Reihenfolge. Darauf würde er bestehen.

Und wie wirkt die Kirche ?


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Seinen Blick hat Werlen auch auf die „Kirche“ gerichtet. Sie ist hierarchieverliebt. Oft auf900_IMG_5490 Äußerlichkeiten fokussiert. Die konstantinische Wende hat ihr zu viel weltliche Macht gebracht. Das hat herrschaftliche Ausprägungen entwickelt. „Kirchenfürsten“ erinnern noch heute. Die Pyramide wurde die Körpergestalt. Oben Papst, Bischöfe, die „Geistlichen“ und unten „das Volk“. Werlen stellt eine Holzpyramide auf den Altar. Die Spitze oben, die Leute unten. So wurde es auch in den letzten Pontifikaten ausgefaltet. Das war nicht jesuansich, im Sinne Jesu, der genau diese Pyramide zu seiner Zeit auf den Kopf gestellt hat. Werlen nimmt eine Glasschüssel und gibt die Pyramide hinein. Jetzt schwimmt sie im fluiden Element Wasser. Und: Die Spitze unten, die breite Fläche, die Leute, die Kleinen oben auf. Deshalb hat die Bischofskirche Angst vor dem Fließenden. Genau im fluiden Element wird die jesuanische Vision der Seligpreisungen, des Magnifikat Realität: Das Unten ist oben. Der Erste sei der Diener aller. Papst Franziskus ist selbst das fluide Element in dieser starren Hierarchie. Er geht, verändert die Perspektive, sieht Dinge mit den Augen von unten und er macht den Mund auf. In der Pause habe ich zu einer Schwester, die mir ihr Leid geklagt hat,  gemeint: Werfen sie ihre Pyramide ins Wasser und vieles wird sich neu ausrichten. So wie es Jesus gemeint hat, gemacht, vorgelebt hat. Ist die Holzpyramide im Wasser, kann sich die Spitze nicht oben halten. Übrigens: Auch eine gute Übung für Konzerne und weltliche Hierarchie-Systeme.

Der Bischof als Avantgardist

Manfred Scheuer 3.vr

Manfred Scheuer 3.vr

Manfred Scheuer kommt zurück. Oberösterreich kennt damit den neuen Diözesanbischof. Die Medien und viele Menschen empfangen ihn mit einer positiven Erwartung. Aus meiner Sicht hat ihn heute Dietmar Neuwirth in der Presse wirklich gut „eingeschätzt“: Neuer Linzer Bischof. Avantgarist des Franziskus-Stils. Gestern habe gleich in aller Frühe in der OÖ Krone eine andere Stimme gelesen: Er ist vielleicht zu intellektuell. Im Zug nach Wien denke ich mir: Gerade jetzt braucht Oberösterreich eine Stimme, eine Person, die das allgemeine populistische Absacken durch die Politik auffangen kann. Wir haben eine international belächelte Männerregierung. Im politischen Feld wird es durch diese unsägliche Koalition weiter abwärts gehen, auch wenn die Formeln und Floskeln anderes verbreiten wollen. Da wird es gut tun, wenn einer einen klaren Gedanken fassen kann, der aus einem weiten Intellekt kommt und gepaart ist mit einer tiefen inneren Demut zum Ganzen, zum Gemeinwesen. Ich denke an die Ansprachen, an die Predigten, an die Gespräche und Interviews, die wir uns anhören mussten. Das wird sicher anders werden. Außerdem: Wer Manfred Scheuer kennt, wird wissen, dass er ein ausgezeichneter Zuhörer ist. Und das ist heute vielleicht das größte Geschenk des Intellekts: Ganz Ohr sein können.

Der Avantgardist braucht nicht bremsen

scheuer_quer„Wir sind Avantgarde und gehen auch ungewohnte Wege. Unsere Lebensform nach den Gelübden ist außergewöhnlich. Aktuelle gesellschaftliche und kirchliche Entwicklungen lassen uns „ganz Neues“ ausprobieren. Nicht Perfektion treibt uns, sondern Gottes Zusage, die uns auch oft aus der Reihe tanzen lässt.“ Dieser Satz steht als eine „Kernaussage“ beim Ordensleben. Manfred Scheuer ist kein Ordensmann, hat aber als „Spiritual und Professor“ das Zeug zum Avantgardisten in Oberösterreich. Da ist unter seinem Vor-Vorgänger Neues, Ungewohntes gewachsen, das sicherlich manchmal auch aus der Reihe getanzt hat. Ich bin selber ja nicht mehr so „drinnen“ in der Diözese Linz. Meine Wahrnehmung ist: Seit Franziskus Papst ist, ist es in der Diözese still geworden. Die Ultra-Konservativen haben ganz oben ihren Halt verloren. Dort in Rom ist – wie Neuwirth richtig sieht – auch ein Avantgardist eingezogen, der Neues , Umgewohntes transparent und mit seiner ganzen Person vorantreibt. Manfred Scheuer lebt aus diesem Geist. Oberösterreich hat zehn Jahre mit der auch vom Kardinal mitgesteuerten angezogenen Handbremse und dem Rückwärtsgang gelebt. Das hat bis in die Pfarren hinein gewirkt, sehr oft entmutigend. Seit 2013 ist die Handbremse gelöst, die Vorwärtsgänge sind möglich. Und doch: Alles wartet. Auf den neuen Bischof. Hier ist er nun. Ich denke, er braucht in der Diözese  die verschiedenen Kräfte nicht „zusammenbremsen“. Er darf ruhig aufs Gas steigen. Das Volk Gottes darf sich wieder erheben und gehen.