Ganz Ohr hört Südafrika und den Wunsch nach Agilität

_speisesaal_aussen_1000Es „treibt“ mich zu Fuß hier in Graz hinaus nach Eggenberg. Die Grazer Schulschwestern waren gestern bei der PGR-Begegnung mit Sr. Ruth Lackner präsent. Sie spricht die Einladung aus und meine Neugierde steigt. Nach 30 Minuten bin ich dort. Bei der Pforte steht neben mir Sr. Emilie. Es stellt sich heraus: Sie reist gerade wieder ab nach Südafrika. Wir verwickeln einander ins Gespräch. Und schon ist es mir gelungen, sie vor dem berühmten Speisesaal im Schulhof vor die iPhone-Video-Linse für das Video zu bekommen. Meine vier Fragen und in diesem Fall eine fünfte dazu: Wie geht es ihnen, wenn sie in Österreich sind?

Wir suchen agile Macherinnen, die etwas Neues verwirklichen wollen

_speisesaal_innen_1000Sr. Ruth hat sich hinter mich gestellt und beobachtet. Sr. Emilie hat es eilig und wir wünschen ihr alles Gute für Südafrika. Jetzt bin ich ganz da. Den Speisesaal habe ich schon fotografiert. Da waren die Schwestern 1972 mutig. Ein Höhle. „Schaut geil aus, oder?“, sagt ein Schüler im Vorbeigehen. Er sieht mich staunend. Wir gehen ins Besucherzimmer. DAS JAHR DER ORDEN liegt von gestern am Tisch. „Wir suchen agile Macherinnen, die etwas Neues verwirklichen wollen. Ordensfrauen sind keine Hilfskräfte, sondern vorausschauende Gestalterinnen. Innovatorinnen, die vielleicht eine ganz neue Pädagogik ausprobieren wollen. Vielleicht sollten wir Mathematik in Bezug zur Schöpfung entwickeln und Naturwissenschaften auf Transzendenz hin in Bezug setzen. Wir suchen Frauen, die zum Beispiel für neue Zugehensweisen brennen.“ Ich scheibe das in meinen Schreibblock und frage nach, „ob ich das auch so schreiben soll“. Sr. Ruth zögert ein wenig und sagt: „Ja.“ Was wäre, wenn fünf junge Frauen kommen würden? „Es wäre im ersten Hindenken nicht einfach, aber es wäre toll.“ Die Künstlerin und Pädagogin bekommt leuchtende Augen und in der Stimme schwingt doch eine gewisse Bange mit: „Sehen und formulieren wir die wirklichen Herausforderungen und suchen wir Leute, die in einem weiten Rahmen diese angehen.“ Wir kommen noch einmal auf die fünf jungen Frauen zu sprechen. _sr_ruth_1000„Ich würde sagen: Kommt und macht. Unter dem Dach einer Ordensgemeinschaft lässt sich viel verwirklichen. Es ist Platz für wirklich Neues. Wir werden lernen, damit zu leben.“ Über 60 Ordensfrauen sind im Grazer Konvent und ich sitze mit ihnen als einziger Mann im Speiseraum. Dort spinnt sich beim Essen das Gespräch weiter. Am Weg zurück zum Bahnhof denke ich mir: Jetzt wäre ich gerne eine junge agile Frau. An diesem Platz ließe sich einiges verwirklichen.

Kurze Biografien von Ordensleuten

Bevor mich der Zug über den Semmering transportiert, treffe ich Günther. Er ist der Kommunikationschef des Krankenhauses der „Lisln“ in Graz. _liebminger_1000Wir sitzen am Platz vor dem Bahnhof, wo um diese Zeit viele Menschen unterwegs sind. Mein Frage zielt gleich mitten ins Jahr der Orden: „Hast du schon Ideen mit?“ Er lächelt und erzählt von Sr. Bernadette, die mit ihren 90 Jahren ein unglaublich frisches und humorvolles Gemüt hat. Mit ihr einen Film machen, wäre eine Idee, „die wir wahrscheinlich auch verwirklichen werden“. Vielleicht sind es viele kleine Biografien von Ordensleuten und MitarbeiterInnen in den Orden, „die Einblick geben und verstehen lassen“. Der Zug nach Wien wartet nicht. Ein letztes Video in Graz mit einem Menschen, der fest und gut in der Ordenswelt steht. Und danke für das Soda Zitro, Günther.

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Sr. Emilie, Grazer Schulschwester in Südafrika

Sr. Ruth, Grazer Schulschwester vor dem Kreuzweg, den sie geschaffen hat

Günther Liebminger, Krankenhaus der Elisabethinen in Graz

Ganz Ohr sieht den Matrazen tragenden Pfarrer und hört die Zukunft der Pfarre

_Pucher_1000Zu Fuß gehe ich in die VinziPfarre in Eggenberg in Graz. Der Weg ist weiter als ich eingeschätzt habe und deshalb fragt die PGR-Vorsitzende Gabi am Handy nach, „wo ich bin“. BeimVinziShop bin ich gerade und komme gleich. Mit Pfarrer Wolfgang Pucher bin ich verabredet. Ich gehe in die Kirche „Grüß Gott“ sagen. Durch den Garten geht es ins Pfarrhaus. Pfarrer Pucher kommt gerade mit einer Roma-Familie mit Matrazen daher. „Einen Moment noch“, bittet er um meine Geduld. Ich nehme den Rucksack ab und genieße den Garten. Das Pfarrhaus ist voll belegt mit Roma und Menschen, die kein Obdach haben.

Ihr habt zu wenig zu tun

_pgr_gabi_1000Wir nehmen im Sitzungszimmer Platz. Pfarrer Pucher ist Lazarist. „Wir haben in dieser Pfarre drei Sozialkreise. Vinzi betreut mit 400 Ehrenamtlichen in 34 Einrichtungen etwa 400 Menschen intensiv.“ Ich habe vieles über die Medien gewusst, aber konkret hier den Menschen erleben, der hinter all dem steht, ist „beeindruckend“. Seit 56 Jahren ist er Lazarist und dieser Tage hat er den 75sten Geburtstag gefeiert. Über Facebook habe ich das mitbekommen und gratuliert. Ich stelle wieder DAS JAHR DER ORDEN in die Mitte. Kurze Nachdenklichkeit kommt auf. Dann meint Pucher: „Es heißt, wir haben keine Leute. Ich sage: Ihr habt zu wenig zu tun. Es gilt, Arbeit zu finden und deutlich zu definieren. Es ist die Arbeit, die MitarbeiterInnen findet. So auch beim Ordensnachwuchs. Die Jungen müssen sogar Arbeit haben, die ihnen über die Ohren wächst.“ Wir sprechen von sinnvoller Arbeit, von wirklich helfenden Tätigkeiten. Pucher: „Die Orden sollten ihre Aufgabe ganz klar sichtbar und vermittelbar neu definieren. Vieles hat sich etabliert und es gibt fast nur mehr einbetonierte Räume. Es bewegt sich gar nichts.“ Pucher spricht auch von seinem eigenen Orden und erinnert an den heiligen Vinzenz, der immer wieder nach neuer Armut gesucht hat. Pucher wird etwas emotional, wenn er pointiert meint: „Wir sollten alles lassen und neu anfangen. Diese Idee ist nicht einfach. Die Geschichte zeigt aber, dass Abspaltungen genau das getan haben.

Radikal neu anfangen

_gruppe_pgr_1000Pucher nimmt die Finger zu Hand. „Erstens: Radikal neu anfangen. Zweitens: Ziele und Aufgaben unbedingt und radikal hinterfragen. Drittens: Die Lebensform so wählen, dass sie sich an den unteren Schichten orientiert. Unser Platz ist unten. Viertens: Der Pomp muss aufhören. Der Pomp ist tödlich.“ Die erste Frage muss immer lauten: „Wo ist der Durst der Menschen?“ Da gehören wir hin. Er erinnert an den Film: Götter und Menschen. Trappisten haben in Marokko mit den Menschen im Volk gelebt und waren einfach da. Wir gehen das Video machen. Gabi, die PGR-Vorsitzende lebt im Pfarrhaus wie so viele andere, lädt mich zum Abendessen. Sie fühlt sich sehr wohl in diesem „sozialen Haus“. Am Abend halte ich vor dem PGR und Gästen einen Vortrag zur „Lebendigen Pfarre“ und meinem Grundanliegen, dass Pfarre ein Ort der gemeinsamen Verantwortung ist und Kirche den Getauften gehört. Es war ein wirklich inspirierender Abend. Dankbar geht es zu Fuß zum Übernachten. Ich gehe noch 20 Minuten und lasse diese vielen Begegnungen nachklingen. Es gibt so gute Menschen.

VinziPfarrer Wolfgang Pucher

Ganz Ohr hört „mystisch-liebend“ und „Ich habe Zeit“

_ferdl_1000Die Mur in Graz führt hohes Wasser. Der kalte Wind kommt von den schneebedeckten Bergen. Zu Fuß gehe ich vom Bahnhof in die Grazer Innenstadt. Die Franziskanerkirche kommt mir entgegen. Ein Kellner weist mir den Weg. Mein Ohr führt mich an die Pforte und dort treffe ich den Guardian P. Willibald. Er ist überrascht. Ich komme unangemeldet. Wir haben einander noch nicht kennengelernt. Das ändert sich innerhalb von zehn Minuten. Ich nehme Platz und falle mit der Tür ins Haus. DAS JAHR DER ORDEN.

Ein Fremdkörper in der Kirche durch die mystisch-liebende Dimension

_P.Willibald_1000„Wenn so ein Jahr ausgerufen wird, dann zeigt das immer auch ein Manko. Die Ordensgemeinschaften haben in der primär hierarchischen Kirche keinen Platz, sind irgendwie ein Fremdkörper in der Kirche. In Lumen Gentium wird betont, dass die Orden Zeichen für die göttliche Wirklichkeit sind, für die Dimension der bräutlichen Liebe. Das hohe Lieder der Liebe beschreibt die Liebe der Braut und des Bräutigams.“ P. Willibald sieht im Jahr der Orden die Chance, „die mystisch-liebende Sicht als Braut Christi hervorzukehren“. Das Bild vom Volk Gottes hat viele strukturelle Aspekte. Den Orden muss es aber um das „Braut-Bild“ gehen mit der mystisch-liebenden Dimension. Dieses Bild ist eigentlich das „abschließende Bild für Kirche aus der Offenbarung“. Wie kann das zum Ausdruck gebracht werden? Eine Frage, die ihn länger nachdenken lässt: „Nicht organisatorisch, sondern anders.“ P. Willibald stellt ohne Bitternis und doch sehr klar fest: „Das höchst verlorene Gebot in der Kirche ist das Gebot der Gottesliebe. Gott lieben ist uns entschwunden.“ Er sieht die evangelischen Räte und Gelübde als „Lebenskonzept der bräutlichen Liebe.“ Das ist nie geschlechterspezifisch und daher spielen Ämter keine Rolle. Wir nehmen ein Video auf mit den vier Fragen. Ich verabschiede mich und sehe diesen besonderen Aspekt des Ordenslebens in einem neuen Licht – hier in Graz bei den Franziskanern.

Ich habe im Prinzip immer Zeit

_fr.paulusDie Kirche der Barmherzigen Brüder liegt am Weg und so halte ich inne. Das Krankenhaus und vielfältige Wirken der „Brüder“ in Graz ist bekannt. Über die Apotheke bekomme ich Zugang zur Pforte und ich frage nach einem der Brüder. Der Portier wählt eine Nummer und gibt mit den Hörer: „Frater Paulus, bitte.“ Ich bin überrascht. Mein Ohr hört: Kommen sie herauf in den 4. Stock. Ich sitze bei zwei Patientinnen im Cafe. Das mache ich und treffe Pater Prior selbst im Gespräch. Wir gehen auf die windige Terrasse. DAS JAHR DER ORDEN lege ich gleich auf den Tisch neben den Kaffee, den mir Frater Paulus herstellt. „Aufmerksam machen auf die Orden in ihrer verschiedensten Ausprägung und Tätigkeiten in ihrer Sorge um den Nächsten wie bei uns für die Kranken, Alten, Behinderten und Armen. Das ist aber nicht nur ein Jahr, sondern eine Lebensaufgabe: _4gelübde_1000Da sein für den Nächsten im eigenen Charisma.“ Wie kann das geschehe? „Da habe ich noch keine konkrete Vorstellung, wo doch das Ordensleben heute nicht gerade in ist. In jedem Fall medial breit gefächert hinweisen und darstellen. Eine österreichweite Sternwallfahrt würde sich auch anbieten.“ Frater Paulus ist realistisch und er weiß: „Die meisten können heute nichts mit Ordensleben anfangen, kennen es nicht von innen und sollen es kennen lernen können. Unkompliziert.“ Ich merke an, dass es sehr wohltuend für mich war, so unmittelbar und barrierefrei zu ihm zu kommen: „Im Prinzip habe ich immer Zeit.“ Das hört man heute selten. Die beiden Patientinnen kommen noch auf uns zu und wir gehen das Video machen. Es ist auch auf der anderen Seite des Hauses windig. Im Besprechungssaal sammeln sich schon die Verantwortlichen. Es geht um die nächsten Jahre hier in Graz. _Mur_1000Ich schultere den Rucksack und bedanke mich für die Zeit. Die VinziPfarre von Pfarrer Pucher ist mein nächstes Ziel. Es ist ausgemacht und ich werde erwartet.

P. Willibald, Franziskaner Graz

Fr. Paulus, Barmherzige Brüder Graz

Ganz Ohr mit Rucksack, auf Füssen und in Öffis

videoDer Himmel verzieht sich etwas. Die Wetterprognose scheint durchwachsen. Und trotzdem verspüre ich eine große innere Neugierde. Für 10 Tage  breche ich auf, um von Graz, Wien, Eggenburg, Altenburg, Zwettl, St. Pölten, Salzburg, Lofer, Wernberg und Wilhering bei Ordensgemeinschaften anzuklopfen. Im Selfie-Video beschreibe ich mein Vorhaben. Der Local Detective in mir ist erwacht und will mit ganz offenem Ohr hinhören, hineinhören und herumhören.

Begegnungen mit geerdeter Vielfalt

Das Medienbüro ist Teil des Büro Freyung, das sich als Service- und Dienstleistungsplattform für die 200 unterschiedlichen Ordensgemeinschaften versteht. Seit gut 1 ½ Jahren bin ich dabei, in einem wirklich guten und produktiven Miteinander  die Kommunikaitionsarbeit zu gestalten und das gemeinsam erarbeitete Kommunikationskonzept schrittweise umzusetzen. Da ist einemal „Online first“ als Basis für alles. Die Netzmarke „Ordensgemeinschaften Östereich“ als der verbindende Faden nach innen und außen ist umgesetzt. ON sind die neuen Ordensnachrichten und mit SUMMA 2013 haben wir erstmals einen Art „Personen-, Themen- und Leistungsbericht“ erstellt. Die Rückmeldungen waren Balsam. Die Medien nehmen Ordensleute heute mehr wahr als früher. „Die Ordenswelt ist eine spannende Geschichte“, meinte dieser Tage ein Chefredakteur. Vielfalt ist ein wunderbarer Schatz und Begegnungen in dieser vielfältigen Welt sind nicht so fad wie die monolitischen Blöcke der Konzerne und Parteien. Ich breche auf in diese geerdete Vielfalt. Ich kenne die Rahmendaten der Öffis und die ungefähren Wegstrecken, die ich zu Fuß zurücklegen werde. Die Begegnungen sind nicht terminisiert, nicht eingefädelt. Einige wissen gar nicht, dass ich komme(n möchte). Es entsteht ein situatives und temporäres Bild. Es ist mir aber klar aus den verschiedensten „Gehungen“ bisher: Das Fragment zeigt das Ganze. Das Rundherum erzählt von der Mitte.

Mitte, Rand, Gründung und Zukunft

Fotoxy2015 wird auf Initiative von Papst Franziskus als DAS JAHR DER ORDEN begangen. Das „geweihte Leben“ soll als Lebenskonzept in den gesellschaftlichen Kontext gestellt werden. Einen Masterplan haben wir dazu schon erarbeitet, der offen ist für neue Ideen und Umsetzungsmaßnahmen. Das trage ich als „Wahrnehmungsraster“ mit mir. Auf Video werde ich Kurzstatements zu folgenden vier Fragen einholen: 1. Wo begegnet dir Mitte? 2. Wo begegnet dir  Rand? 3. Wo spürst, erlebst du das Charisma der Gründerin, des Gründers heute? 4. Wo siehst du deine Gemeinschaft in 25 Jahren? Ich bin gespannt auf die Zugänge und Antworten. Hier und auf Youtube werde ich täglich mein Ohr zugänglich machen. Nicht das „Ganze Ohr“. Ich höre sicher mehr, als eine Tastatur oder Bilder einfangen können. Auch wenn sich der Himmel verzieht: zum Zuhören ist das Wetter immer richtig.

Ferdinand Kaineder zur Ganz Ohr Tour #ganzohr

Humor zieht in Passau ein

Surprise. Überraschung. Eine wunderbare Voraussetzung für ein spannendes Leben. Die Überraschung dürfte gelungen sein. Der neue Passauer Bischof Stefan Oster ist nicht nur Salesianer Don Boscos und Dogmatikprofessor, sondern auch Jongleur. Auf Youtube wird der Beitrag über ihn sicher in den nächsten Tagen tausende Male geklickt werden. Oster kommt in Minute 2 ins Bild. Nicht mit Mitra und Stab.

Dabei und doch so fern

osterEin Freund aus der Gegend rund um Passau schreibt mir in einem Email auf die Frage, „wie er den neuen Bischof sieht“. „Schauen wir mal. Jonglieren allein hilft nix. Die Kernaufgabe ist heilen, was verwundet ist. Da ist in 12 Jahren viel kaputt gegangen. 12 Jahre harter Klerikalismus geprägt von einer emotionalen Ideologie. Ich bin gespannt, was seine pastoralen Visionen sind, welche Theologie er vertritt und welchen Stil er einbringen wird. Ich hoffe für die Menschen, dass er es ernst meint und das Amt auch so ausübt. Am 24 Mai tritt er sein Amt mit der Weihe an. Ich bin dabei und doch so fern. Ganz herzliche Grüße!“  Der Beitrag endet mit einem Wunsch Osters an das Publikum: „Lasst der Phantasie viel Platz in eurer Glaubenswelt.“ Ja, das wir die Diözese Passau jetzt ganz dringend brauchen und wir wünschen dem Bischof beim „Freiraum schaffen“ viel Phantasie und Mut. Humor hat er ja. Das könnte dann auch auf die Diözese Linz überschwappen, wenn im kommenden Jahr auch ein neuer Bischof angesagt ist. Und für Graz dürfte der immer wieder genannte Favorit in dieser Logik auch gut im Rennen liegen.

Sie sind gnadenlos

neuwirthDie äußerste engagierte und bestens vernetzte Präsidentin des Verbandes katholischer Publizistinnen und Publizisten Österreichs Gabriele Neuwirth hält ihre Eindrücke von den Österreichischen Journalismustagen im Museumsquartier für die Mitglieder fest. Sie schreibt das in pointierter und kurzer Form und so kann ich mir, obwohl ich nicht dabei sein kann, ein Bild machen. Ihre Anmerkungen nach der Keynote von Armin Wolf zum Thema „Machen die Medien die Politik kaputt?“ gingen mir irgendwie unter die Haut. Ich habe den Eindruck, dass hier sehr fundamental das „höllische Karussell Medien und Politik“ einmal von Betroffenen hinterfragt und angeschaut wird. Jede tiefe Veränderung, Revolution beginnt mit dem ungeschminkten Blick auf die Realität. Armin Wolf sagt, „dass Politik irgendwie kaputt ist.“ 5 % haben noch Vertrauen dorthin. Es ist eine tiefe Reflexion notwendig.

Der Handlungsspielraum wird kleiner

Gabriele Neuwirth schreibt in ihrer Zusammenfassung für die Mitglieder folgende Zeilen, wenn sie Armin Wolf zuhört: „Wir müssen Erbarmen mit den Politikern haben. Fürs Geld lohnt sich Politik nicht. Der Handlungsspielraum wird kleiner, Wähler verlangen dennoch weiter eichende Entscheidungen. Wir sollten mehr Respekt mit Menschen haben, die sich das antun.“ Wolf zitiert David Zane Mairowitz, 1992: Große Führungsfiguren brauchen Charisma und Aura, das entsteht nur durch Mystifikation, das ist in einer modernen Mediengesellschaft nicht mehr möglich. „Wir wissen zu viel über Politiker, sie werden auf das Niveau eines Durchschnittsmenschen herabgezogen. Die neuen Medien verlangen nach einem professionellen Auftritt und entlarven das gleichzeitig als Schmierenkomödie.“ Medien wünschen Authentizität und machen sie gleichzeitig lächerlich. „Sie sind gnadenlos. Wir Journalisten und wir Wähler.“

Grausam wird in Social Media mit Politikern umgegangen

Armin Wolf, dem auf Twitter 107.000 Follower nachfolgen, sieht in den Social Media nicht gerade die Ausgeburt von Respekt und Niveau. Neuiwrth hat das so gehört: „Grausame ist der Umgang mit Politikern in Sozialen Medien. Digitaler Pranger, digitale Lynchnotiz. Aber: Politiker beschädigen durch ihren Umgang mit Worten selbst die Politik. Strukturelles Nulldefizit. Oder bei der Hypo: Einmaleffekt. Politiker meinen: Böse Fragen von Journalisten beschädigen Politik und böse Fragen seien nicht verantwortungsvoll. In TV-Sendungen, wo die Möglichkeit der Autorisierung nicht besteht, antworten Politiker gar nicht mehr. Motto: Was ich nicht sage, kann nicht gegen mich verwendet werden. Oder sie lassen sich nicht befragen. Niemand ist gnadenloser, hämischer oder primitiver gegen Politiker als Politiker selbst.

Ein immens ehrenwerter und schwieriger Beruf

Armin Wolf: „Politiker zu sein ist ein immens ehrenwerter und schwieriger Beruf. Wir Medienleute machen es den Politikern nicht einfacher, unser Job ist es, sie zu beobachten und zu kommentieren. Wer damit ein Problem hat, hat ein Problem mit demokratischer Politik.“ Der Fehler der JournalistInnen liegt wahrscheinlich darin, oft nicht das Wichtigste zu behandeln und es fehlt auch oft die Sachkenntnis. „Wir lassen Politikern oft zu wenig Zeit. Es ist auch nicht jede Debatte ein Streit, nicht jeder Ausrutscher eine Affäre, wir sind oft zu hysterisch. Medien sind nicht fehlerlos. Wir arbeiten durch Social Media unter permanenter Beobachtung, das ist gut, macht aber auch Druck. Fehler passieren auch in Qualitätsmedien, weil wir auch gedrängt werden, unter Zeitdruck arbeiten.“ Jetzt verstehe ich viel besser, dass ein Pressefotograf wieder die analoge Fotografie herausholt. Warum? „Es wird alles viel langsamer und der Moment, der Augenblick des Bildes bekommt eine eigene Qualität.“ Er hat recht: Wir drohen in der digitalen Flut zu ertrinken. Herr Wolf, bitte helfen sie hier auch in der ZIB2 mit. Setzen sie neue Standards. Um der Medien und der Politik willen. Es geht um uns alle.

Die Botschaft ist der konkrete Mensch

Von 6. – 8. Mai 2014 werde ich im Kardinal König Haus  ein Seminar gestalten. Das Themenfeld wird so umrissen: „Berufungspastoral und Medien – Seminar zur Öffentlichkeitsarbeit in Orden“. Natürlich liegen mir beide Brennpunkte dieser Ellipse am Herzen. Da die „mediale Öffentlichkeit“ als Realität, die menschliche Entscheidungen und Entwürfe beeinflusst. Dort der innere Kern jedes Menschen, der in einer sinnvollen Tätigkeit seinen Ausdruck finden möchte und so zur Berufung werden kann (Ruf – Beruf – Berufung). Dafür sucht der Mensch Anerkennung und eine Einbindung in ein Ganzes, eine Community. Ordensgemeinschaften tauchen als Feld der Verwirklichung auf.

Der konkrete Mensch ist die Botschaft

Werte_Person_1200„Das beste Medium sind immer konkrete Menschen. Und doch braucht es Hilfsmittel: Elektronisch-virtuelle wie Websites, Facebook, Twitter usw. Aber auch den guten alten gedruckten Folder. Und es braucht den klugen, zielgerichteten Einsatz von Medien, die dem „Sender“ entspricht, aber auch dem potentiellen Gegenüber. In diesem Fall jüngeren Menschen, die dem Eintritt in eine Ordensgemeinschaft oder in ein Priesterseminar oder dem Ergreifen eines kirchlichen Berufs nicht abgeneigt sind.“ So steht es auf der Website und im Folder. Ich denke einen oder zwei Schritte zurück. Ich möchte auch jene Menschen eingeladen wissen, die noch nie einen „Eintritt“ überlegt haben und doch eine für sie sinnvolle Tätigkeit (Beruf) im Umfeld einer spirituellen Community (Gemeinschaft) überlegt haben. Wir wollen dem Ruf Gottes keine Vorbedingungen setzen. Es genügt einmal, „in die Nähe gehen zu wollen“. Dort trifft man Menschen, die leben und mit ihrem Leben begegnet mir eine Ausstrahlung. Die mediale Öffentlichkeit sucht immer Menschen. Wenn die Botschaft der konkrete Mensch ist, dann werden wir uns auch konkrete Möglichkeiten anschauen, wie das gut, heutig und authentisch zum Ausdruck kommen kann. Es wird auch darum gehen, die persönliche eigene „Marke“ zu entwickeln, die Persönlichkeit ins Spiel zu bringen, anschlussfähig zu machen, zum Ausdruck zu bringen. Vertrauen, Orientierung und Identifikation werden von einer gute Marke und von einer „anziehenden Person und Community“ erwartet. Wir schauen uns das an und machen das erlebbar. Hier geht es zu den Details des Seminars.

 

Schuld ist immer der andere

elstDer Spiegel titelt heue zu Limburg: Ein Bistum atmet auf. Franz-Peter Tebartz-van Elst wird nicht nach Limburg zurückkehren. An seiner alten Wirkungsstätte ist die Erleichterung groß. Das neue Personal bemüht sich, den Blick nach vorne zu wuchten. „Wuchten“ ist ein schöner Begriff für das, was bevorsteht. Der diözesane Reifen muss gewuchtet werden. Hoffentlich ist es mit dem Wuchten getan. Persönlich kommen natürlich Bilder aus 2009 hoch, als die Diözese Linz mit einem Weihbischof Wagner „zwangsbeglückt“ werden sollte. Bevor der Reifen unwucht wurde, konnte diese Personalentscheidung Roms abgewehrt werden. Es war nicht einfach und damit war nicht wieder alles rund. Es wurden tiefe Gräben an den Grenzen der „tektonsichen Platten der Kirchenbilder“ sichtbar und freigelegt. Viel an Motivation und Engagement ist dorthin „versickert“. Ein Stück Demotivation an der Basis hat sich eingeschlichen – bis heute.

Generalvikar war schuld

zaunJetzt lese ich auf ORF Religion die Headline: „Tebartz-van Elst: Generalvikar war verantwortlich“. Weiter: „Der zum Amtsverzicht gedrängte frühere Bischof der deutschen Diözese Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, hat die Verantwortung ausgeuferten Baukosten für seinen Bischofssitz auf seinen Generalvikar geschoben.“ Der Bischof nimmt Stellung und sagt: Teile des Berichtes seien nicht wahr. Begonnen hat die Misere mit der schwindenden Glaubwürdigkeit des Bischofs, weil er gelogen hat und erst später zugab, erste Klasse geflogen zu sein. Nicht das Flugticket war das Problem, sondern die Lüge, die Unwahrhaftigkeit, das Vertuschen davor. Jetzt holt er wieder aus wie die kleinen Kinder in der Sandkiste: „Ich kann nichts dafür, der Kaspar war es.“ Wir könnten jezt lange herumdiskutieren, wer die „Schuld“ hat. Die unfreie und unerlöste Seele sucht die Schuld vorwiegend oder immer beim anderen. Das ist der Sündenbockmechanismus der Seele. Nur eine gewaltfreie und aufgerichtete Seele sieht die eigenen Verstrickungen, Beulen und Fehler. Deshalb beginnen wir jeden Gottesdienst mit einer „Besinnung“ auf diese erlöste und befreite Seele, damit wir „versöhnten Herzens gemeinsam feiern“.  Wir bekennen das eigene, persönliche schuldig werden und schuldig bleiben. Nicht das des Nachbarn, des Ehepartners, der Kinder oder der Arbeitskollegen. „Ich bekenne.“ Warum fällt es einem Bischof so schwer, einzugestehen. „Ich habe einen Fehler gemacht.“ Wer die eigene Schuld nicht sieht, kann kein versöhntes Herz finden.

Gehen versöhnt

Berufung_1000Als die Causa Limburg offen zu Tage trat und der Bischof, der in Rom war, zur „Pause“ enthoben wurde, habe ich schon ein Email begonnen gehabt an den Bischof. Ich wollte ihm damals sagen: „Lieber Bischof! Du hast eine Pause von mehreren Monaten vor dir. Du bist in Rom. Nutze die Gelegenheit und gehe zu Fuß von Rom in deine Diözese zurück. Die ganze Strecke. Es wird dich und deine Diözese mit dieser Situation versöhnen. Nimm dein Leben in einen Rucksack, lass alle Dienstautos und Adlaten außen vor und begegne unkompliziert auf Augenhöhe den Menschen, die dir Gott auf diesem Weg schickt. Das Gehen wird die Situation heilen. Ob du nun Bischof bleibst oder nicht.“ Das habe ich damals nicht abgeschickt und heute denke ich mir: Du hättest es tun sollen. Heute schicke ich dem Bischof diesen Eintrag, weil es nicht zu spät ist. In der Presse lese ich, dass der Bischof im südbayrischen Raum in einem Kloster Urlaub macht. Urlaub wovon? „Lieber Herr Bischof! Mache dich auf den Weg – zu Fuß nach Assisi. Fahre mit dem Zug nach Limburg und starte dort. Weitgehen ist heilsam. Es wird dein Herz versöhnen und dich ins Zentrum deiner weiteren Berufung führen. Und noch etwas: Auch die eigene Mitschuld wird sichtbar, persönlich annehmbarer im Gehen. Verhärtungen schmelzen. Dankbarkeit wird dich ganz erfüllen.“