Einhundert Jahre geschenkt

Franziska JägerstätterHeute feiert eine ganz große Oberösterreicherin ihren 100.sten Geburtstag: Franziska Jägerstätter. Wer sie persönlich kennt, wird mir zustimmen, dass sie ein besonders „begnadeter Mensch“ ist. Sie ist in jeder Hinsicht ein Geschenk Gottes an uns Menschen, vor allem an uns Christinnen und Christen. Was mich bei jeder Begegnung mit ihr berührt hat, war ihr tiefes Vertrauen dem Leben gegenüber. Bei ihr habe ich immer den Eindruck, dass sie ganz im Hier und Jetzt und doch in allem mit dem Himmel, dem weitaus Größeren verwoben ist. Mich hat der Ausspruch von Vaclav Hawel immer angesprochen – bis heute: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas einen Sinn hat, egal wie es ausgeht.“ Verkörpert finde ich diese Weisheit in Franziska Jägerstätter.

Die Nicht-Rednerin sagt alles

Ich kann mich noch gut erinnern an die Seligsprechungsfeierlichkeiten. Unglaublich viele und zum Teil auch berührende Ansprachen wurden gehalten. Sie selber hat immer aufmerksam zugehört und wenn sie dran war, dann war es entweder eine humorvolle Pointe oder ein treffender Satz, der ihre Gefühle zum Ausdruck gebracht hat. Ihr Kommentar bei einem Nachtreffen zur Feier im Dom war lapidar: „A bisserl viel Latein. Das versteht doch keiner.“ Es war das Gefühl einer Frau, die ihn Bescheidenheit und Demut ein Stück der Reliquie ihres Mannes nach vorne getragen hat. Oder sie sitzt vor dem Jägerstätter-Haus in St. Radegund und wartet auf uns Wallfahrer. Sie lächelt und schüttelt allen die Hand. Sie ruht in sich und mir kommt sie vor wie ein „Fenster in eine versöhnte weite Welt“. Sie nimmt alle Menschen wahr und hat – so habe ich das Gefühl – den Wunsch, dass alle sich dieser versöhnten, gewaltfreien Welt öffnen. Sie hat auch gelernt, die Fotoapparate und Kameras „zu ertragen“. Sie freut sich ungemein über die vielen internationalen Kontakte und Menschen, die mithelfen sich dieser gewaltfreien und versöhnten Welt zu öffnen. Sie erträgt die Fragen der Journalisten und findet alles nicht so wichtig, was sie da über sie wissen wollen. Sie ist für mich eine „Nicht-Rednerin“, die doch alles sagt in dem, wie sie ist: ungeteilte Aufmerksamkeit dem tiefen spirituellen Leben gegenüber. Wenn du predigen gehst, dann ist das Gehen die Predigt. Das könnten sich viele der Redner und Prediger von ihr abschauen: Man muss eigentlich gar nichts reden, um alles zu sagen. Für mich ist sie auch eine „Selige“. Sie öffnet mich für die Gnade Gottes, den versöhnten, einfachen, gewaltfreien Himmel. Einhundert Jahre. Ein großes Geschenk an uns heute und jetzt.

 

 

 

Alles verfestigt sich

Ich weiß nicht genau, wie es den Menschen auf der Straße, in der Arbeit und in den Wohnung geht, wenn täglich der scheidende Papst von den Titelseiten lächelt oder schwächelt. In jedem Fall ist klar, dass dieser Papst mit seinem Rücktritt, das kommende Konklave und der neue Papst die Medienstuben auf Trapp halten. Der Logik der Medien entsprechend darf das Neueste, das Ungewöhlichste, das Skurilste nicht versäumt oder gar verschwiegen werden. Von kirchlichen Agenturen werden Details zeitgerecht und kontinuierlich „gestreut“. Natürlich: Manches fällt auf Stein, anderes ins Gestrüpp und wieder anderes findet fruchtbaren Boden, das Papier, einen Tonträger oder die Kamera. Dieses Spiel wird jetzt in den nächsten Wochen so weitergehen und die Fastenzeit 2013 wird als Papst-Such-Zeit in die Geschichte eingehen.

Die Körpersprache des Geschehens stabilisiert

Die PresseWer sich ein Stück Überblick bewahren möchte, liest und schaut die eine oder andere Zeitung durch. Die einen formulieren recht andächtig und voller Anstand die Verdienste dieses Pontifikats. Die anderen lesen aus diesen verlorenen Jahren den Auftrag für den nächsten Papst heraus. Für die eher konservativ Orientierten bricht ohnehin ein neues Zeitalter der Kirche und Evangelisation an. Sie treffen damit den heute gängigen „Retro-Trend“ und basteln am spirituellen Trachtenanzug bzw. Dirndlkleid. Konservativ steht uns heute gut an. Das, was war, wird uns in die Zukunft tragen. Die eher charismatisch Orientierten sehen im konservativen Rahmen genau den Freiraum, den sie zur gehorsamen Verwirklichung des Evangeliums brauchen. Die weitaus größte Mehrheit der KatholikInnen ist einer sozial liberalen Orientierung zuzuordnen. Sie empfinden die Körpersprache dieses Papstkultes als Machtinszenierung und rechnen schon längst, dass sich Kirche in neuer Sozialgestalt und in seiner tiefen Sozialdimension darstellt. Der Ausgangspunkt allen Handelns ist dieser konkrete Mensch heute, eingepfercht in die allgegenwärtige Monetarisierung und geführt an einer recht kurzen digitalen Leine. Die allgegenwärtigen Bilder der Werbung erzeugen im Menschen ein unglaubliches Sehnsuchtsgefühl und er darf nie bei sich ankommen. Er wird dramatisch heftig in die Welt des Immer-Mehr herangeführt, sodass er keine Lust und Freude am Jetzt entwickeln kann. So verfestigt sich in jedem Menschen die rastlose Ich-Bezogenheit gepaart mit einem Selbstdarstellungsimperativ. Genau in dieser Maschinerie läuft der Vatikan. Das Ziel ist Bescheidenheit, der selbstlose Dienst und spirituelle Tiefe. In der Körpersprache kommt eine protzige Monarchie, angezuckert mit Macht herüber („Während der Sedisvakanz übernehmen die Kardinäle die Macht“ – Die Presse)  und dargestellt in vielen Äußerlichkeiten. Insofern geht die Amtskirche derzeit stromlinienförmig und parallel zur Eliten-Welt einher. Genau das stabilisiert das Bestehende. Es wird sich nichts ändern. Oben. Sie werden wie Felix Neureuther bei der WM in Schladming den Widerspruch leben: „Ich habe mich gezwungen, locker zu bleiben.“ Dass das alles stattfindet, wo Stèphane Hessel (1917-2013) diese irdische Welt verlassen hat, ist Zufall, fällt uns zu. „Empört euch“ und „Engagiert euch“ wurde millionenfach gelesen.

 

Rein essen und trinken

Warum der jetzige Skandal „Pferdefleischskandal“  heißt, kann ich nicht nachvollziehen. Da bin ich nicht alleine. Auch bei der Griechenlandkrise ist es mir genauso ergangen. Sie sollte eigentlich (deutsche) Bankenkrise in der EU heißen. So auch beim jetzigen Skandal, der ein „Etiketten-Schwindel-Skandal“ ist. Wer sagt denn, dass in diesem europäischen Mischmasch nicht auch Katzen, Hunde, Meerschweinchen oder Sägespäne  dabei sind. Haben die Untersuchungen das im Fokus? Nach dem Krieg, so erzählt es meine Mutter, hat man die Würste „gestreckt“ und etwas Sägemehl dazu gegeben. „Das haben wir gar nicht bemerkt“, hat sie versichert. Überall, wo zusammen gemixt wird, kann man auch „Ähnliches“ dazu mixen, passend oder nicht, appetitlich oder nicht. In jedem Fall hat der Misch-Masch einen Vorteil: Es ist fertig. Mikrowelle. Heißes Wasser. Backrohr. In jedem Fall nur ein Dreh an irgend einem Knopf. Fertig. Done.

Verführt zum Mischmasch und zur Abhängigkeit

GläserIch gehe davon aus, dass die meisten der jungen Erwachsenen heute nicht mehr sagen können, was in einer Wurst oder in gefüllten Tortellini drinnen ist. Die Fertigpizza ist belegt mit Dingen, die auf den ersten Blick auch nicht gleich identifizierbar sind. Der Handel und die Lebensmittelindustrie haben nur ein Ziel: Sie wollen uns das Leben vereinfachen und dabei das Geld aus der Tasche ziehen. Ich erinnere mich noch ganz genau, als vor Jahren Familien bei meinem Bruder „ein halbes Schwein“ bestellt haben. Er ist heute noch Selbstvermarkter. Sie haben sich noch ausgekannt, was man daraus alles machen konnte. Heute wäre das ein krasse Überfoderung. Es wäre so, als ob das Fahrrad in Einzelteilen da liegt und zusammengebaut werden müsste. Da gibt es doch Spezialisten, die mir die Sattelhöhe einstellen, oder? Beim Zubereiten des Essens sind wir mittlerweile auch so hilflos geworden.  Wer reibt die Karotte, schält die Gurke, klopft das Schnitzlfleisch, kocht die Kartoffeln und macht Püree. Das gibt es alles fertig und schon wunderbar vermischt. Da haben wir einiges verlernt. Kochwissen ist verloren gegangen oder ist am TV-Schirm zu bewundern, während die Fertiggerichte in der Mikrowelle „entstehen“.

Unvermischt und rein

Ich war ein älterer Jugendlicher. Damals hat uns ein „erfahrener Junggeselle“ einen Ratschlag gegeben, der bis heute hängen geblieben ist: „Wenn du trinkst, dann trinke rein!“ Damals sind allerhand Mixgetränke modern geworden und der nächste Tag war von „Schädelweh“ gezeichnet. Rein und unvermischt. Bier ist Bier. Schnaps ist Schnaps. Wein ist Wein. Wasser ist Wasser. „Gib dem Mixed-Teufel keine Chance“, war seine „Predigt“. Er hat nach Jahrzehnten immer noch recht. Das Übel kommt vom Mischen, vom Durcheinander, vom „Fertigtrink“. Es grüßt vor allem der Himmelsspringer. Wer nicht mischt, hat das ursprüngliche Feeling und braucht die „Pantscher“ nicht fürchten. Gurke ist Gurke, Karotte Karotte und Mehl ist Mehl. Wein ist Wein und Stiegl ein Stiegl. Unvermischt und rein ist die Lösung. „Zusammenmischen“ kann es doch jede und jeder selber, oder? Dann weiß jeder, was drinnen ist. Ohne Etiketten-Überwachungsstaat. Deshalb: Das vereinfachte Leben ist unvermischt. Der Ausgangspunkt immer ein klares reines unverkennbares Produkt. Na dann: Prost und Mahlzeit. Auf die eigene „Mischung“.

Wir ersticken an der Hülle

Diese Papstwahl ist gut für die Medien. Sie hat nicht den traurigen Anlass eines Todesfalles und ist seit 700 Jahren eine echte Novität. „Erstmals“ ist ein Schlüsselwort, auf das Medien anspringen. Und dann geht es zur Sache. Äußerlich. Da werden Fotos und Filme gedreht über Kleider, Insignien, Bauten, Aufenthaltsorte, Männer in diversen Ornaten. Und natürlich auch von jenen, die sich in der Nähe dieser Männer bewegen. Mir ist noch kein Konklave-Mitglied auf einem Foto begegnet, wo er in „zivil“ zu sehen wäre. Immer irgendwie die Farbe Rot, die auf das Weiß hingelenkt wird. Das ist nicht Schuld der Medien, sondern die Medien werden von dieser äußeren Inszenierung angezogen. Sie werden regelrecht „gefüttert“ vom Leben in Ornaten.

Immer nur um Macht

KurierWer den heutigen Sonntagskurier auf Seite 8 und 9 zu Gesicht bekommen hat, kann den Unmut und die Skepsis gegenüber der Amtskirche nachvollziehen. Was da im Laufe der Geschichte an der Spitze der römischen Kirche am Evangelium vorbei abgegangen ist, passt bei uns im Mühlviertel auf „keine Kuhhaut“. Bei der Aufzählung der „guten und bösen Päpste“ von Georg Markus hat man fast den Eindruck, dass diese Geschichte erst im letzten Jahrhundert die „guten Päpste“ fand, beginnend mit Johannes XXIII. So wird es auch nicht gewesen sein. In jedem Fall sind die Irrwege der Päpste durch die „alleinige Perspektive der Macht“ gekennzeichnet. Herrschen, den eigenen Vorteil erlangen und die eigenen Leute in Stellung bringen, damit das Machtgefüge stabil wird. Wir kennen das zur Genüge aus der derzeitigen Politik. Den etwas jähzornig Familienvater Petrus als ersten Ponitfex stelle ich mir auch noch etwas anders vor.

Sitzt der Papst Gottes im Konklave?

Gebet um den neuen PapstEs geht nicht um das Evangelium und um die Inhalte, sondern um die „machtvolle Stellung“. Wer schon einmal in San Damiano in Assisi gestanden ist (ob zu Fuß oder anders „angereist“), bekommt eine Ahnung davon, worum es bei der Papstwahl ginge: Die Sensibilität für das Kleine, das fast Unmögliche, diese innere Berufung, die Einfachheit und die Demut, auch in Zweifel und Scheitern zu geraten. Die Fragen, Berichte, Bilder und Filme derzeit beschäftigen sich fast ausschließlich mit der „Machtfrage“.  Und genau an dieser Frage ist Benedikt XVI ermattet, ermüdet. Mag er auch selber im Herzen ein demütiger Mensch sein, so ist er doch umgeben von zum Teil gnadenlosen Machtpolitikern. Hinhörende, wahrnehmende, empathische und dialogfähige Leute wurden sehr schnell entfernt. Der nächste Papst könnte das wieder umkehren oder er wird sich in diesem konservative und teilweise intriganten Machtgeflecht verlieren. Wenn das so kommen wird, werden die Bischöfe wieder mehr Bischöfe und weniger Statthalter sein müssen, damit die Kirche, das Evangelium nicht in der Hülle der Macht verloren geht. Glauben, hoffen, lieben, echt und authentisch leben. Die meisten bewundernden Anmerkungen zur langen Tradition der Päpste sind mir eigentlich von Machtmenschen und Konstrukteuren der Macht begegnet. Die Kirche weiter getragen hat aber nicht die (Macht)Hülle der vielen Ornate, sondern die „tiefe innere Umkehr, die Fülle an Liebe und Nachfolge im Geiste des Evangeliums“. Kardinal Schönborn hat dieser Tagegemeint, dass Gott den nächsten Papst schon kennt. Unter dieser Perspektive denke ich, dass der Kandidat Gottes womöglich gar nicht im Konklave sitzt.

Freiraum für Gott in der Welt

SchottenhofEs ist nicht gut, wenn du nur sitzt, heißt es in vielen Gesundheitsfibeln. Dann stehe ich halt auf und schaue beim Bürofenster hinaus. Der Schottenhof ist heute schön verschneit und ebenso die Autos. Es ist Faschingdienstag und doch ist eine wenig Nachdenklichkeit im Kopf. The day after – #Rücktritt. Die ausgelassene Stimmung war am Wochenende beim Kirchschlager Fasching 2013. Dort habe ich bei zwei Stücken auf der Bühne „Tränen gelacht“. Ein gutes Zeichen für das Stück und noch viel mehr für mich. Humor und Lachen verschaffen der Seele und dem Kopf lebendige Freiräume. Vieles wird relativiert und anderes in Relation gebracht. Dass wir zum Beispiel im Mühlviertel in Kirchschlag am Breitenstein einen „esoterischen Truppenübungsplatz“ haben, wurde wunderbar „herausgearbeitet“.

Sich Sicht verschaffen

Der Aschermittwoch liegt vor uns. Ein (hoffentlich) guter Einschnitt in den Alltag. Die Ablagerungen und tiefen Gewohnheiten des Alltags, die einem die Sicht verdunkeln, wollen beseitigt werden. Das Leben kann sehr schnell zugeschneit sein. Ich stehe immer noch am Fenster und schaue jenem Mann zu, der sein Auto mit Geduld und Genauigkeit von der Schneehaube befreit. Das ist die Tätigkeit des Aschermittwoch. Jenes Material, jene Ablagerungen, jenen schönen weißen Schnee von unseren Lebensfenstern zu putzen, damit wir nicht blind fahren. Es fallen mir jene Autos ein, die nach Schneefall aus dem Mühlviertel kommen und nur ein kleines Guckloch freigemacht haben. Morgen ist der Tag, wo wir den Besen holen und das Auto abkehren, die Fenster frei machen und uns wieder eine unverstellte Sicht verschaffen. Dieses Bild vom Auto abkehren ist als Paradigma gemeint, weil ich selber gar kein Auto habe. Es geht in jedem Fall darum, sich Sicht und Aussicht zu verschaffen. Das wünsche ich übrigens auch dem Vatikan, dass er durch das „Abkehren der Intransparenz“ neue Einblicke ermöglicht und ungeahnte Ausblicke bekommt. Eine neue Chance tut sich gerade auf.

Achtsamkeit für das Kleine

AbkehrungMorgen ist der Tag, ab dem der Freiraum für Gott in der Welt wachsen kann. Das beginnt mit dem klaren Schauen, ja oftmals dem Staunen. Askese ist doch das Abputzen des Unnötigen in unserem Leben und die Ausrichtung hin zu mehr Solidarität. Insofern ist Verzicht ist nicht weniger, sondern mehr Lebensqualität. Fasten eröffnet ein tiefes Schauen auf die spirituelle Verbindung untereinander und die Achtsamkeit für das Kleine, das Unscheinbare, das Fremde. Gott hat genau dort Platz gefunden, weil in der großen, schönen, reichen Herberge kein Platz für ihn war. Es ist kein aufgelegter Elfer, in diesen Freiraum Gottes in dieser Welt einzutauchen. Abkehrung und Achtsamkeit. Fastenzeit auf Ostern hin.

 

 

 

 

Am Spielfeld oder im Eck

Franz Haidinger linksDas, was in Köln in einem der kirchlichen Krankenhäuser mit der Abweisung einer vergewaltigten Frau passiert ist, zieht jetzt durch alle deutschen Medien. Die kirchlichen Hierarchen und die dazugehörigen Sprecher besänftigen. Der Kardinal hält die Pille danach überraschend für eine Methode. Dann stellt sich durch Experten heraus, dass es diese Pille gar nicht gibt. Dafür hat die deutsche Bischofskonferenz einen „Beratungspunkt“ für die nächste Sitzung. Mit so einem Verhalten manövriert man sich in jene Ecke, in der das Gesetz über der Menschlichkeit und Nächstenhilfe hängt.

Lawinenopfer und die Bergretter

Dieser Tage habe ich einen Beitrag über einen Bergretter in Tirol gesehen. Lawinenabgang durch ein Fehlverhalten ausgelöst. Vier Verschüttete. Schlechtes Wetter ist aufgezogen. Der Reporter fragt den Bergführer als Bergretter: „Fragen sie sich nicht manchmal, wer Schuld ist an diesem Lawinenabgang, bevor sie hinaufgehen?“. Der Bergretter antwortet ohne eine Zehntelsekunde dazwischen zu lassen: „Wir sind hier um zu helfen und nicht zu urteilen. Ich muss jetzt gehen.“ Freilich kann ich mir vorstellen, dass den Bergführer beim Hinaufsteigen und beim Suchen der Lawienenopfer Gedanken durch den Kopf gehen, die ihn eher in der warmen Stube sitzen lassen als hier im Sauwetter nach Verschütten zu suchen. Ohne die Garantie auf „Erfolg“ gefährden diese Helfer ihr Leben, um andere zu retten. Wer hat Schuld, ist nicht die Frage. Jede Hilfe ist recht, um Menschen zu retten.

Gesetzestafeln oder Hilfsgeräte

Das vermisse bei Verantwortungsträgern ganz  „oben“: Dass sie diese Menschen zumindest anspornen in ihrem Eifer und Durchhaltevermögen beim Helfen. Nein, Gesetzestafeln werden diskutiert und Absperrungen analysiert. Gewisse Hilfsmethoden werden in Frage gestellt und einiges an Lawinengelände wird mit dem Schild „katholischen Helfern betreten verboten“ ausgeschildert. Dass hier bei MitarbeiterInnen Unsicherheit und ein dumpfes Gefühl der Angst, etwas falsch machen zu können, aufsteigt, ist nicht verwunderlich. Lieber abweisen als sich ins Dilemma der persönlichen Gewissensentscheidung zu bringen, die von „oben“ gar nicht gerne gesehen wird. Was ist die Situation? Von den ängstlichen Moralaposteln wird entweder ein Teil das Katastrophengeländes „versperrt“ oder man gibt ihnen nicht das ganz „mögliche Hilfsgerät“ mit. So macht man sie zu hilflosen Helfern, die in der Ecke stehen (müssen).

Am Spielfeld bleiben

OrdensspitalBeim Tag des geweihten Lebens in Linz hat Bischofsvikar Franz Haidinger, der mir damals 1975 als Jugendseelsorger die Idee mit dem Theologiestudium ins Ohr gesetzt, die Konzilstexte hervorgeholt und betont: Zeitgemäßer Erneuerung ist eine Rückkehr zu den Quellen und nicht zu den Regeln. Er sprach von der „Anpassung“ an veränderte Zeitverhältnisse. Ständige Erneuerung geschehe durch schöpferisches Hinhören auf die Impulse des Heiligen Geistes. Zu bedenken ist, dass wir zur Nachfolge berufen sind und nicht zur Nachahmung. Ich denke an Peter Gruber von der KSÖ, der 1978 gemeint hat: Christ wird man nicht im Kopierer (oder so ähnlich). Haidinger spricht davon, dass kompetente Menschen von heute die Orden und alle christlichen Gemeinschaften inspirieren könnten. Also: Hinaus aufs Spielfeld (und in den Lawinenhang) zu den Menschen und unter den Menschen das entdecken, was wir bei Jesus sehen und spüren: Die Menschen werden Glut und Feuer finden, Jesu Botschaft ist unverbraucht. Gerade in den Spitälern und sozialen Werken der Orden kommt es auf die Freilegung der Quellen an, die Hilfe und Unterstützung an die erste Stelle stellen. Gerade im heutigen Krankenhauswesen ist vieles „genormt und ohne viel Spielraum“. Die Ordensgemeinschaften haben sich den Slogan vorangestellt: „Freiraum für Gott und die Welt“. Wo dieser Freiraum geschaffen wird, kann der Mensch wieder atmen, taucht er auf aus der Lawine oder bekommt eine medizinische Versorgung auch ohne E-Card.  Die Refugees in der Votivkirche werden still und leise von den Barmherzigen Brüdern behandelt.
Ich bin mir 100%ig sicher:  Die Zugänge zu den Hilfen der Ordensspitäler werden barrierefrei bleiben, das persönliche Gewissen wird an oberster Stelle stehen, persönliche Verantwortung wahrgenommen werden und ein situativ entwickelter Ethikkodex wird als „Handlauf“ dienen. Dieser Tage hörte ich: Lieber von oben eine auf den Deckel bekommen, als die Hände für die Hilfe zurückziehen.

 

Autofrei verändert das Mobilitätsverhalten nachhaltig

FreiraumSeit ich in Wien für die Ordensgemeinschaften tätig bin, habe ich mein „Mobilitätsverhalten“ grundsätzlich von Auto auf Öffi umgestellt. Das hat mich in meinem Verhalten zur Bewegung von A nach B wirklich verändert. Natürlich fällt mir deshalb die Agenturmeldung über den Erfolg des Autofastens ins Auge.  Die Fastenzeit ist ja nicht mehr weit. Fasten hat etwas mit Zurücknehmen zu tun. Oder wie es Sr. Beatrix Mayrhofer in der Linzer Kirchenzeitung für die Orden treffend formuliert: „Vielleicht will ja Gott, dass wir in dieser wachstumsversessenen Welt vorleben, wie man auch am Abnehmen und Beschränktwerden wachsen kann.“ Sie bezog sich auf die rückläufigen Zahlen bei den Frauenorden. Zurück zur Fastenzeit und zum Autofasten. Das „Umsteigen“ auf Öffis haben nach der Studie zum Autofasten 4% gemacht. Persönlich zähle ich mich zu den 4%, weil ich mir nicht mehr vorstellen kann, mit dem Auto Oberösterreich, Wien und den Rest von Österreich zu verbinden. Das Öffi-Fahren hat in mir die Haltung und Einstellung zur Welt geprägt und mit den Erfahrungen des Weitgehens verbunden: Die Welt, die Chancen, das Leben, der Weg, die Schienen, die Straßen kommen einem entgegen. Das entspannt. Nährt das Loslassen. Gibt Neuraum. Eben: Autofrei verändert das Mobilitätsverhalten nachhaltig und es ist für mich ein „Gewinn“. Was wie eine Reduktion der individuell gestaltbaren Mobilitätsmöglichkeiten ausschaut, entpuppt sich als neuer und billigerer Freiraum.

Hier die Kathpress-Meldung zum Autofasten und zur Studie

Auto„Das hat eine deutsche Studie ergeben, die das Saarbrücker Sozialforschungsinstitut iSPO im Vorjahr im Auftrag der an der Fastenaktion beteiligten evangelischen Landeskirchen und katholischen Diözesen in Deutschland durchgeführt hat. Mehr als 50 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass sie auch nach Ende der Fastenaktion im Alltag häufiger öffentliche Verkehrsmittel nutzen und viel bewusster Auto fahren. Etwa vier Prozent haben sogar ganz auf das Auto verzichtet. Im Zentrum der Untersuchung stand eine Online-Befragung. Angeschrieben wurden 2.700 Teilnehmer der Aktion „Autofasten“ aus den Jahren 2010 bis 2012. 725 Personen schickten den Fragebogen zurück. Zusätzlich zur Online-Befragung wurden Teilnehmer per Telefon-Interview befragt. Zusätzlich dazu wurden Verkehrsunternehmen und Umweltverbände um ihre Einschätzung der Aktion gebeten. Werner Göpfert-Divivier vom Sozialforschungsinstitut iSPO: „Die Aktion Autofasten hat sich bewährt. Sie ist in der Öffentlichkeit bekannt und hat sich etabliert. Insgesamt ist sie Symbol für die Regionen übergreifende Zusammenarbeit der christlichen Kirchen und für die themenzentrierte Zusammenarbeit zwischen kirchlichen und weltlichen Organisationen“. Zudem habe die Aktion das Potenzial für eine Marke, die für ein Engagement zur Bewahrung der Schöpfung und einen schonenden Umgang mit den natürlichen Ressourcen stehe, so Göpfert-Divivier.

Spiritualität und Umweltschutz

Für den Direktor der Abteilung „Ziele und Entwicklung“ in der Diözese Trier, Gundo Lames, glücke es der Aktion Autofasten, „die Spiritualität des christlichen Fastens mit einem aktuellen, politischen Thema zu verbinden. Damit wird das Fasten neu erklärt und der Einsatz für die Umwelt – oder christlich für die Schöpfung – betont und beworben“, so Lames. Die Studie enthält aber auch Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Autofastens. Schließlich gab beinahe die Hälfte der Befragten an, dass die Aktion zu wenig Menschen erreiche. Gerade im ländlichen Raum stoße die Aktion immer wieder an Grenzen; Verbesserungspotenzial bestehe somit vor allem in der Kommunikationsarbeit. In Deutschland wird die heuer in ihr 16. Jahr gehende Aktion Autofasten von den Diözesen Trier, Main und Speyer, dem Diözesanrat der Katholiken in der Diözese Aachen, den evangelischen Kirchen im Rheinland, in Hessen-Nassau und in der Pfalz sowie der katholischen Kirche im Großherzogtum Luxemburg durchgeführt. Die beteiligten Kirchen rufen dazu auf, in der Fastenzeit das Auto möglichst oft stehen zu lassen. Stattdessen soll das Auto möglichst ersetzt werden: durch Radfahren, Busse, Bahnen oder einfach zu Fuß gehen. Kann das Auto nicht ersetzt werden, wird daran appelliert, Sprit sparend zu fahren, Elektromobile zu erproben, Fahrgemeinschaften zu bilden oder das Auto mit anderen zu teilen („car-sharing“).“

Genau hinschauen ist der halbe Weg

Oper SpiegelgrundDieser Tage hat ein Freund auf Facebook bei einem meiner Postings dazu geschrieben: „Sehen, urteilen, handeln“. Mir kam in den Sinn, dass ich im Cardijn-Haus gehört habe: „Und feiern“. Immer wieder geht es aber zuerst um die ungeschminkte Wahrnehmung. Es ist kein Hinschauen mit der Fernsehkamera oder der Fotolinse, sondern ein Hinschauen mit offenen Augen, wirklich hörenden Ohren und einem geöffneten Herzen. Wer so „hinschauen“ kann, macht sich schon auf den Weg, ist schon unterwegs.

Spiegelgrund spiegelt den Grund

Gersten Freitag, 25. Jänner 2013, durfte ich bei der Uraufführung der Oper „Spiegelgrund“ von Peter Androsch im Parlament dabei sein. Am internationalen Holocaust-Gedenktag wurde dieses Triptychon, wie es der befreundete Komponist selbst bezeichnet, im Gedenken an die 789 Kinder, die in der sogenannten „Kinderfachabtelung Am Spiegelgrund“ in Wien umgekommen sind. Der Name Spiegelgrund steht für den unfassbaren Schrecken von NS-Euthanasie und Kindermord an unschuldigen kranken oder behinderten Kindern. Das Kind als genormtes Forschungsobjekt. Wer bereit ist, hier genau zu schauen, der wird diese unfassbare Kälte aufsteigen spüren. Die Musik war berührend und beklemmend zugleich. Ein ungeschminktes Hinschauen auf diese Tatsache, die manche der heutigen Zeitgenossen am liebsten vergessen wollen. Dabei ist genau das die Chance, den unfassbar unmenschlichen Systemen auf den Grund zu gehen. Nicht Liebe und Empathie prägten diese Zeit, sondern Herrschaft und Tyrannei, vor allem den Schwächeren, dem Kranken, dem „Anders-Sein“ und dem Fremden gegenüber. Bischof Maximilian Aichern habe ich getroffen. Er war der einzige Kirchenvertreter, der da war. Die neben ihm reservierten Plätze für „Kirche“ blieben leer. Er hat erzählt, dass Bekannte von ihm am Spiegelgrund gelebt und sogar gearbeitet und nichts bemerkt haben. Wir waren uns einig, dass das „systematisch Böse in einer Normalität daherkommt, dass es sehr schwer ist, es zu sehen“.

Und heute?

VotivkircheImmer, wenn ich bei solchem „Gedenken“ dabei bin, quält mich die Frage und die Frage bohrt in mir: Was übersehen wir heute? Wir reden über die Votivkirche. Ich sage zu Bischof Maximilian, dass ich oft dort bin und wir alle miteinander aufgrund der unglaublich starren Haltung im Innenministerium und der rigiden Gesetzesauslegung keinen Ausweg sehen. Ich habe mir vorgenommen, bei dieser Gelegenheit das Gespräch mit Präsidentin Barbara Prammer zu suchen. Ich nehme die Gelegenheit wahr und rede längere Zeit mit ihr. Sie war sehr aufmerksam und ganz bei der Sache der Refugees, die ich ihr erzählt habe. Ich wollte einfach mithelfen, dass sie sehen kann, was mit diesen Menschen dort passiert, die nicht den „Normen und Gesetzen“ entsprechen. Es erschüttert mich immer wieder, wie viele politische EntscheiderInnen sich zu Wort melden und nie am Ort des Geschehens geschaut, gehört und gefühlt haben. Ich bin dankbar für dieses Gespräch, weil ich aus erster Hand mitbekommen habe, dass es ganz oben Anstrengungen gibt, den Refugees „entgegenzukommen“. Wegschauen und totschweigen ist nicht mehr möglich. Die Medien haben hier einen besonderen Dienst zu leisten, indem sie genau hinschauen und die ungeschminkten Tatsachen darstellen. Ich treffe in der Votivkirche die aufmerksamen JournalistInnen. In der Komplexität ist es ohnehin nicht leicht, beim Anblick auch den Durchblick zu schaffen.

Musik und Gebet

OperKarl M. Sibelius hat bei der Oper als Sprecher fungiert. Auf seiner Facebook-Seite hat er nachher gepostet: „Guat is gangan, nix is g’schechn: Das war eine tolle Erfahrung: Oper im wunderbaren historischen Sitzungssaal…“. Ich konnte nicht anders als ein Posting zu hinterlassen: „Nix is g’schechn is net richtig. Es war berührend!! Drum is wos g’schechn!“ Diese Musik hat mich immer wieder „sehen“ lassen, wozu der verirrte Mensch fähig ist. Es war kein Ausweichen möglich. Kein Gramm Schminke wurde aufgetragen. Am kommenden Montag sind alle zum „Gebet der Solidarität“ eingeladen. Ich bin dankbar, dass sich die Kirchen so klar und eindeutig auf die Seite der menschlichen Sichtweise stellen. „Wir haben ein Gesetz und nach diesem Gesetz…“ ruft bei mir zuerst diesen Imperativ auf: Schaut euch dieses Gesetze genau und ungeschminkt an und eliminiert schnellstens die Menschen verachtenden Anteile darin! Das habe ich bei Präsidentin Prammer auch positiv gehört, dass das unbedingt ansteht. Saison- und Sexarbeit sieht das Gesetz vor. In der Votivkirche höre ich immer wieder: Wir wollen einfach in Würde leben und dafür arbeiten. Die Musik vermag uns zu öffnen und das Gebet ist auch eine Öffnung der Herzen. Das ermöglicht ein „Sehen“, das gut einschätzt und handelt. Dann wird die Musik, die Liturgie, Essen und Trinken zu einer Feier des Lebens führen, zusammen mit Shahjahan Khan.