Fressen die Alten den Kuchen weg? Nein

Die Einladung ins Parlament zu einer Buchpräsentation ist schon vor längerer Zeit hereingeflattert. Nach einem Gespräch mit Sr. Kunigunde Fürst, der Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs, war mir klar, dass ich diese Gelegenheit nutzen werde. Sie hat erzählt, dass gerade in den Ordensgemeinschaften die Generationenfrage beispielhaft gelöst wird. Dort haben Schwestern eigentlich das, was auch einen Altbauern oder einen Seniorchef im besten Fall beschäftigt. Die Schwestern gehen „nicht in Pension“, sondern verändern ihre Tätigkeit als Beitrag für das Ganze. Das bestätigt wieder, was der Mensch braucht: Anerkennung, eine sinnvolle Beschäftigung und das Eingebunden-Sein in ein größeres Ganzes. Mich persönlich irritiert die allgegenwärtige Frage nach der Pensionserwartung: „Wie viel Jahre hast du noch?“ Und dann redet man heute den Jungen Leuten ein: „Wenn ihr einmal alt seid, gibt es ohnehin keine Pension mehr!“ – und hat eine „private Pensionsvorsorge“ parat. Experten aller politischen Richtungen geben dann ihren Senf dazu: „Jeder bekommt das, was er eingezahlt hat.“ Un-Solidarität pur.

Kohl wörtlich: „Übelster Raubtierkapitalismus“

Der Plenarsaal des Parlaments ist voll. Wir nehmen Platz. Neben mir Seniorenvertreter. Viel graues oder schütteres Haar. Das Enkerl der Autorin Christa Chorherr meldet sich als Ausnahme immer wieder zu „Wort“. Es stört nicht, sondern lässt die Seniorenvertreter Blecha und Kohl immer wieder einhellig auf den gültigen und funktionierenden Generationenvertrag hinweisen. Als der oben erwähnte Vorschlag artikuliert wurde, hob Andreas Kohl (Klubobmann der VP zur Privatiesierungzeit) ordentlich aus: „Was hier vorgeschlagen wird, stammt von übelstem Raubtierkapitalismus.“ Blecha nickt kräftig. Sie sind sich einig: „Unser Pensionssystem ist auf Solidarität gebaut und ist absolut leistbar.“ Sie wollen mit dem Buch Transparenz schaffen und Fakten auf den Tisch legen gegen das Mobbing und das schlechte Image den Pensionisten gegenüber. Der Buchtitel ist entstanden, weil man provozieren will. Am Ende der Diskussion war klar: Dieses solidarische Pensionssystem ist sicher. Querschüsse kommen von privaten Pensionsvorsorgern, die mit viel Marketing  und Medienkontakten jene Verunsicherung schaffen wollen, damit der Glaube an dieses Solidarsystem schwindet. Dafür gibt es ordentliche Provisionen. Der heutige Pensionist trägt viel zum gesellschaftlichen Leben bei. Er gibt im Schnitt pro Monat 258.- EUR an die nächste Generation weiter.  Sie fordern ein flachere Lohnkurve und das Aus für Bienal-Sprünge. Zwei No-Goes benennen Blecha und Kohl: Tüchtige ältere Arbeitnehmer werden heute „aus Kostengründen“ hinausgemobbt. Arbeitnehmer fliehen die Arbeit weil auf der Karibik ein guter Platz für sie ist. Da bin ich wieder bei den Ordensschwestern: Sie verbindet eine tiefe lebenslange Loyalität miteinander. Das trägt.

Warum sind Pensionisten so mächtig?

Diese Frage wird immer wieder aufgeworfen. Sie exerzieren es vor. Sie sind sich in den wesentlichen Einschätzungen einig. Sie bauen auf Solidarität der Generationen und nicht auf die leeren Versprechen der kaptialistischen Pensionsvorsorgen. Sie vertreten ausschließlich die Interessen ihrer Zielgruppe. Sie kommunizieren unendlich viel miteinander. Kohl:“Ich rufe bei wichtigen Dingen immer alle durch.“ Und Josef Ratzenböck in der ersten Reihe nickt und bestätigt. Partizipaton und Involvierung – das ist das Rezept. Jetzt haben sie konkret vor, dass am Runden Tisch auch die Jungen teilnehmen müssen. Das ist nicht einfach, meinen sie, aber wir bestehen darauf. Es geht um ihre Zukunft, um die Verteilung des Kuchens. Ich selber denke mir immer wieder, ob es tatsächlich um den Kuchen geht. Geht es nicht für viele einfach um das Brot zum Überleben? In jedem Fall gehe ich beruhigt aus dem Parlament, dass das solidarische System so klar als Lösung gesehen wird. Privatvorsorgern und Unken-Rufern sei gesagt: Dieses Sozialsystem ist nicht nur leistbar, sondern ein wichtiger Wirtschaftsmotor.  Den Jungen sei gesagt: Baut auf Solidarität und nicht auf „lebenslanges Ansparen“. Da brauchen wir nur in die Bibel schauen, wo es zu solchen Leuten heißt: „Du Tor!“
Freda Meissner-Blau urgiert am Schluss noch sehr einfühlsam: „Nehmen wir die Umwelt, die Erde auch in den Generationenvertrag auf und behandeln wir sie gut.“

 

 

Kaffeehaus oder ethisch-religiöse Bildung

Ich habe vor Jahren immer wieder Religionsstunden gehalten. Auch wenn das in der Stadt war, so bin ich von Abmeldungen verschont gewesen. Es war eher immer wieder die Frage in der Direktion zu klären: Dürfen ORB- Schüler oder Angehöriger anderer Konfessionen in der Klasse bleiben. Die Antwort des jeweiligen Direktors war immer: Ja. Damit war die lästige Aufsichtspflicht erledigt. Und ich habe es immer als Bereicherung erlebt, wenn anwesende Muslime oder Schüler, die ohne religiöse Praxis in der Familie aufgewachsen sind, Fragen gestellt haben. Wann betet ihr das Vater unser? Warum hängt euer „Erlöser“ am Kreuz? Mein Vater schimpft dauernd über die Kirche und was meint ihr damit? Oft habe ich solche Interventionen als aufgelegte Elfmeter erlebt. Natürlich stellt ich auch Gegenfragen: Welche Zeichen habt ihr in der Wohnung hängen? Wie feiert ihr die Feiertage? Was ist euch in der Familie wichtig?

Ethik im Alltag

Ich erinnere mich noch genau an eine 1. Klasse HAK vor etwa 20 Jahren. Eine Schülerin hat sich über ihren Vater schwer geärgert, „weil er so inkonsequent streng ist“. Ich habe damals zu vermitteln versucht, dass jede und jeder „zuerst bei sich selber bei der Veränderung beginnen kann“. Weder Schuld noch Veränderung liegen allein beim anderen, sondern ich selber bin die Veränderung oder ich habe Schuld selber gut zu machen. Heute sage ich: Die Veränderung leben. Schuld eingestehen ist der Beginn für Erneuerung.  Das hat die Schülerin sehr wach gehört und ihren Vater vor sich: „Alles, was er selber nicht lebt, soll ich gut machen.“  Ich erinnere mich noch, wie wir beim Beispiel mit Jesus waren, wo auch die Pharisäer und Schriftgelehrten (zumindest die selbstgerechte Sorte von denen) den Menschen Lasten aufgelegt haben und selber ganz anders handelten. Heute fühle ich mich bestätigt in dem, dass jeder Alltag von persönlicher Verantwortung getragen werden muss oder soll. Ethik ist nicht zuerst bei den anderen  zu entwickeln, sondern hat den Ausgangspunkt immer bei mir. Genau das sagt das Christentum in der Nachfolge Jesu: Es liegt an mir zu gestalten und zu verantworten. Gerade der konfessionelle Religionsunterricht will dazu beitragen, dass das persönliche Gewissen erwacht und wach gehalten wird, sehr oft gegen den allgemeinen Strom der Zeit. Was ist dir wichtig? Was muss uns gemeinsam wichtig sein? Wie können Werte, Alltagsrituale und Communities christlich geprägte Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit, Empathie, Weniger ist Mehr, usw. wichtig bleiben. Kurz: Wie kann die Offenheit auf Gott hin und von ihm her „offen“ bleiben?

Und nachher ins Kaffeehaus

Natürlich finden solche Gespräche auch in Kaffeehäusern statt. Manchmal sogar lebendiger als im Klassenzimmer. Und doch braucht es eine geordnete (das ist nicht gleich mit verordnet) Auseinandersetzung zu ethischen Fragestellungen. Religionen, die den Menschen auf das wahre Selbst hin öffnen (siehe Richard Rohr), sind ethische Biotope auf Zukunft hin. Wer in einem solchen Religionsunterricht damit nicht konfrontiert wird, der sollte im Ethikunterricht dazu die Gelegenheit bekommen (müssen). Da gebe ich dem Vorschlag von Staatssekretär Kurz vollinhaltlich recht. Und nachher sollen beide ins Kaffeehaus gehen. Oder sich sonstwo tiefen Diskussionen hingeben über Gott und die Welt. Ohne solidarisch gelebte Werte wird es in Zukunft „eng“. Das ist es zum Teil heute schon. Im Religions- und Ethikunterricht geht es ums Ganze. Und das ganz.

Religion im Rahmen Faszination Gesellschaft

Die VP hat wieder einmal eine ExptertInnengruppe „zusammengestellt“. Das Unbehagen im Bereich Bildung ist unglaublich groß. Das habe ich während meiner Zeit als GF bei Academia gespürt. Der Ausweg war nirgends sichtbar. Jede Idee hat sich in den Niederungen des Alltags und der (Partei)Interessen verfangen. Es scheint heute Mode geworden zu sein, dass ExpertInnen den Ball weit in die Zukunft werfen, uneingeschränkt, ohne Parteizugehörigkeit, ohne das Jetzt im Blick. Tut so, als ob wir alles neu erfinden. Viele Bälle liegen deshalb im Gestrüpp. Ohne Detailkarte kein Weiterkommen.

Faszination Gesellschaft

In der Presse werden alle Vorschläge, die diese Expertengruppe ausgearbeitet hat, aufgelistet. Ein Punkt hat mich schon gestern „angesprungen“: „Die geltende Fächerstruktur soll völlig aufgelöst werden, um vernetztes Denken zu fördern. So sollen die Fächer Geschichte, Geografie, Religion und Politik zu einem gemeinsamen Fach zusammengefasst werden.“ Natürlich werden hier gleich die alten Interessen ein riesiges Stopp-Schild aufstellen: Es ist ein konfessioneller Religionsunterricht, das Konkordat, Vermischung von Religion und Politik und Dienstrechtliches. Die Gewerkschaft sagt heute schon: „Völlig absurd“. Zurecht oder zu Unrecht lasse ich stehen. Ich möchte aber doch einem Gedanken nachgehen, der am Stoppschild vorbeisucht. Religion wird heute sehr oft privatisiert, ins Schul-Ghetto gedrängt und oft auch nicht ernst genommen. Es geht dort um die Weckung und Förderung von Überzeugungen und in Folge um Verantwortung aus diesem Glauben an Jesus Christus. Diese Verantwortung aus den Geist Jesu (siehe Seligpreisungen)  ist notwendig zur Zukunftsgestaltung. Tragend muss ein neues Paradigma werden. Darum: Täte es diesem Unterricht nicht einfach gut, wenn er eingebettet wäre in eine „zwingende“ Auseinandersetzung. Ich erinnere mich, dass mir über Karl Rahner erzählt wurde, dass er in seiner Gymnasialzeit in seiner Klasse acht Religionsbekenntnisse hatte. Angeblich hat es ihm nicht geschadet, sondern er hat das als unglaubliche Bereicherung erlebt. Religion mit Geschichte, Geografie und Politik zu „vermischen“ halte ich nicht gleich für eine Sünde. Aber ich bekenne: Auch ich habe keine Detailkarte. Oder sollten nicht auch die Fächer Musik, Soziales, Bewegung und Bühne angedacht werden?

 

Treten wir heraus aus dem Nebel

Es ist mittlerweile mehr als ein Jahr her, dass ich in Gmunden mit Heiner Geißler beim Frühstück saß. Ich empfinde es noch heute als besonderes Privileg, diesem Menschen so persönlich begegnet zu sein. Heute lese ich im Publik-Forum ein Interview mit ihm. Er wundert sich darin, dass sich Parteien nicht mit Amnesty International, Greenpeace, attac und den Occupy-Bewegungen oder „was es sonst an modernen Selbstinszenierungen der Zivilgesellschaft gibt“ zusammentun. Nach Heiner Geißler sind sie „Verbündete für den Erhalt der Demokratie“.

 Warum spitzen sich die Problemlagen so zu?

In der Politik und in der Ökonomie sind heute die ethischen Fundamente weggebrochen. Das Kapital dient heute nicht, sondern der Mensch und die Strukturen müssen dem Kapital dienen. Tatsächlich werden die Menschen vom Kapital beherrscht. „An die Stelle von Gott ist der Markt getreten. Er ist der große Gott, der alles regelt. Und das Kapital ist der große Götze, den alle anbeten müssen.“ Das ist die Ordnung der Welt heute und dem ordnet sich alles und alle unter.

Sie beklagen das Wegbrechen der Wertefundamente. Müsste da nicht viel mehr Einspruch von den Kirchen kommen?

Geißler wörtlich: „Von den Kirchen müsste viel mehr Druck ausgehen. Aber speziell die katholische Kirche ist als Inspirator und Ideengeber ein Totalausfall. Sie beschäftigt sich mit Sexualmoral statt mit den wahren Problemen der Menschheit.“ Wir werden in Zukunft „die Kirche“ im öffentlichen Raum differenzierter darstellen müssen.  Es gibt verschiedene kirchliche Säulen, „die unterschiedlich ticken“. Diese Vielfalt ist ein Reichtum. Gerade in den Ordensgemeinschaften und aus ihnen heraus entwickeln sich Initiativen, die Werthaltungen in konkretem Tun manifestieren. Ein Schutzhaus für vom Frauenhandel betroffene Frauen ist die Tat. Auch die Engagierten in den Pfarren an der Basis warten nicht mehr, bis von „oben“ etwas kommt, sondern legen ebenso Hand an und gestalten mit vielen Ideen ein neues Miteinander. Wenn wir hier unterscheiden, sehe ich vor mir neue Koalitionen auftauchen. Es geht nicht um die Rettung der Kirche, sondern um den Menschen in dieser unglaublich monetarisierten Gesellschaft. Gerade mit den Bürgerbewegungen  wie Respekt.net, Urban Gardening, Greenpeace, neue Tauschmodelle, Allmende, Commons, Occupy, Amnesty  können zielführende Koalitionen und Initiativen gesetzt werden. Wahrscheinlich müssen wir uns von „der Kirche“ (siehe Geißler: er meint die rein nach Rom gewandte Amtskirche) auch ein Stück weit auf Distanz bringen, damit die Kraft des Evangeliums wieder spürbar und kirchliche Milieus als gute Partner für den Menschen erlebbar werden. Der Götze „Geld und Markt“ wird nicht von alleine gehen. Da müssen wir uns gemeinsam in eine neue Richtung bewegen. Viele Ordensgemeinschaften sind schon unterwegs. Andere machen sich auf.

Wir wissen und spüren: Es sind schmale Pfade heraus aus dem Nebel. Aber es geht.

 

 

Ich liebe dich so wie du wirst…

Nachdem ich auf die Hochzeitspredigt für Astrid und Alexander oftmals angesprochen wurde, möchte ich sie spät aber doch auf diesem Wege zur Verfügung stellen:

Liebe Astrid und Alexander,
liebe Hochzeitsgemeinschaft!

Ich hatte im Gymnasium einen recht strengen und konsequenten Physikprofessor, der auch in der Sprache sehr genau war. Er hat uns damals neben den Physikversuchen auch Lebensweisheiten beigebracht. Es heißt nicht: „Sie lieben sich.“ Sondern: „Sie lieben einander. Sonst liebt sich jeder nur selbst.“

Öfters habe ich selber schon gehört, wenn wir auseinandergegangen sind und jemand eine gewisse Wertschätzung zum Ausdruck bringen wollte, dass der oder sie sagte: „Bleib so wie du bist.“

Wenn man diese Aussage allerdings recht genau nimmt, ist das eine feine Drohung. Bitte, bleib so wie du bist und verändere dich nicht mehr.

Beide gut gemeinten Aussprüche – Sie lieben sich und Bleib so wie du bist – signalisieren für mich etwas Abgeschlossenes, in sich Gekehrtes und etwas Stehendes.

Euer Spruch auf der Einladung denkt da in eine ganz andere Richtung. Der Spruch steht auch als Deutung des Sakraments der Ehe am Pilgerpfad auf der Hirschalm. „Ich liebe dich so wie du wirst!“

Da steckt Offenheit drinnen, Platz für Überraschendes. Da schwingt aber auch viel Verbundenheit und Treue mit durch all die Tage des Lebens. So wie ihr es auch einander versprechen werdet. Ihr baut auf diese Offenheit und diesen Magnetismus zueinander.

Ihr habt uns ja erzählt, wie ihr die Einladung gebracht habt, wie ihr „zusammengekommen“ seid. Ihr habt die „Zufälle“ benannt. Es ist euch zugefallen, dass ihr euch nie aus den Augen verloren habt. Ihr habt geschildert, wie ihr euch den Freundschaftsring geschenkt habt. Es ist schön und wir freuen uns alle, dass ihr heute beim Ehering angelangt seid.

So habt ihr Schritt für Schritt zu eurer Einstellung und zum Vertrauen zueinander gefunden: Ich liebe dich. Und ich liebe dich so, wie du wirst.

Mit eurer Geschichte zur Lesung deutet ihr auch an: Das Glück, das Leben liegt nicht irgendwo anders, sondern bei und in euch selber, dort wo ihr steht, wo eure Familie ist, wo ihr arbeitet, euch mit Freunden trefft, wo eure Füße den Boden berühren, hier und jetzt. Da liegt das Glück.

Mit der Stelle aus der Heiligen Schrift, wo Jesus eine Anfrage der Schriftgelehrten, der damaligen gesellschaftlichen Elite,  nach dem wichtigsten Gebot unmissverständlich mit dem Kern seiner Botschaft beantwortet. Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst.

Ich sehe diese „Trinität der Liebe“ – die Gottesliebe, Nächstenliebe, Selbstliebe – als Basis für alles. Wer die Offenheit in diese drei Dimensionen behält, lebt!

Wenn Ehe gelingen will, dann braucht es diese dreifache Offenheit: Auf Gott hin, von dem uns alles Leben entgegenkommt. Auf den konkreten Mitmenschen hin, wo Leben gemeinsam wachsen kann,  und auf sich selbst hin.

Wenn diese Trinität der Liebe das Vorzeichen in unserem Leben ist, dann versteht man auch den Ausspruch des Hl. Augustinus: Liebe und dann tu was du willst. Deshalb eröffnet die Ehe, diese tiefe Entscheidung füreinander, erst den Raum für wirkliche Freiheit.

Deshalb ist es auch falsch, wenn wir sagen: Sie haben die Ehe geschlossen. Es muss heißen: Ihr eröffnet heute die Ehe und wir freuen uns mit euch und sind deshalb da. Nicht, weil etwas geschlossen wird, sondern weil etwas eröffnet wird.

Der eine oder andere wird vielleicht schon fragen: Das sind aber hohe Gedanken. Das mag sein. Aber so wie wir die Dinge denken, so werden sie. Und deshalb ist es wichtig, groß und weit zu denken. Das hat auch Jesus gemacht. Er hat den Menschen mit seinen Geschichten und mit seinen Ideen das Leben geweitet, geöffnet. Er hat sie geheilt, heil gemacht. Die Beziehung zu ihm als Christen speist unser Urvertrauen dem Leben und Menschen gegenüber.

Der Alltag braucht deshalb Zeichen, damit die Trinität der Liebe nicht verloren geht. Die Eheringe, die Hochzeitskerze, Bilder von der Hochzeitsfeier, ein Ritus der Erinnerung an diese große Option, Zeiten des Gebetes, des gemeinsamen Essens, echte Freunde, die einem helfen beim Weiterwachsen.

Ihr habt auf eurer Einladung dieses Bild vom Herzen auf der Birke. Das Herz ist ganz, der Baum wächst weiter. Es wird, nicht es ist. Es wird umgeformt, weil Wachstum hinter unserem Leben stattfindet. Das ist die Idee Gottes, dass wir mit ihn mitwachsen – in der Liebe.

Deshalb taugt mir euer Spruch, der im Endeffekt auch heißt: „Wachsen wir mit hinein in das, was wir gemeinsam werden.“

Ich schenke euch dieses Taschenmesser und ermutige euch, an dem einen oder anderen Baum Zeichen eurer Liebe einzuritzen. Nicht deshalb, dass etwas eingeritzt ist, sondern dass ihr immer wieder einmal schauen könnt, was daraus geworden ist. So erinnern euch diese „Ritzereien“ an die Dynamik der Liebe und eures Werdens. Das Wachstum des Baumes wird vielleicht die eine oder andere Ritzerei auch zerreißen. Das erinnert euch wieder an das anders werden.

In allem, was wird, entsteht, wächst oder vergeht, dürft ihr immer glauben, ja wissen:
Gott geht eure Wege mit. Amen.

[Kirchschlag, 8. September 2012]

Wien wird anders. Weniger Pfarren und mehr Gemeinden

Gestern war mir hier in Wien erstmals kalt . Das hat aber ausschließlich mit den äußeren Lufttemperaturen zu tun. Gespürt habe ich sie beim Medienempfang von Kardinal Schönborn unter den Arkaden. Zuvor wurde im Festsaal ein großer Wurf verkündet. Schon im internen Newsletter ist zu lesen: Ein echter Neubeginn durch den diözesanen Erneuerungsprozess.  Die Kathpress hat im Teaser das so zusammengefasst: „Statt bisher 660 Pfarren künftig weniger aber größere Pfarren mit einzelnen Filialkirchen – Gemeinsame Leitungsaufgaben von Priestern und Laien – Schönborn: Kirche ist nicht nur dort, wo ein Priester ist.“ Die anwesenden Medienleute waren eher skeptisch und fast ein wenig ratlos, weil es zu dieser Veränderung zu wenig „Detailkarten“ gibt. Auf die Frage: Wie wird das konkret umgesetzt? erntet man eher noch ein Stück Ratlosigkeit bzw. komplexe Erklärungen. Dietmar Neuwirth von der Presse hätte im Gespräch mit Andrea Geiger auch noch mehr erfahren wollen. Und im Gespräch mit Markus Rohrhofer vom Standard war auch zu spüren, dass konkretere Informationen notwendig wäre. Das erinnert mich an meine Österreichdurchquerung, wo ich am vierten Tag in Bayern keine Detailkarte hatte und so in der Bezirksmüllhalde gelandet bin. Ab diesem Zeitpunkt ist mir klar: Es genügt nicht, die Weitwanderweg-Karte zu haben. Die gibt Überblick. Es braucht für den konkreten Weg auch die Detailkarte. Oder wie heißt es so schön: „Der Teufel steckt im Detail.“

Größte Strukturreform seit 200 Jahren

Kardinal Schönborn hat mit einigen Grundsätzen begonnen. „mission first“ war mir schon vertraut und das wünsche ich mir auch. Christen sind Menschen des Dialogs, der empathischen Aufmerksamkeit und der helfenden Hand. Wenn du predigen gehst, dann ist das Gehen Predigt. In jedem Fall nicht Rückzug ins „Eigene“ oder Heilige, sondern hinaus zu den Menschen, mitten unter den Menschen. „Alle Getauften sind ermächtigt“, war eine weitere Ansage. Das hat zwar auf Twitter den @freidenker veranlasst, mir zurückzuschreiben, dass es in der Kirche nicht um Macht geht. Ich denke schon, nämlich im Handeln für die Menschen. Es geht um die dienende Macht, etwas zu bewirken.  Das war doch auch das Programm von Bischof Aichern in Linz: Ermutigung und Ermächtigung zum Tun. Und das für Priester und Laien, in breitest möglichen Raum des Kirchenrechtes. Die Zukunft wird noch zeigen, dass der Linzer Weg ein Weg in die Zukunft war. Breite Verantwortung aus dem gemeinsamen Priestertum. Solche Orte braucht auch Wien. In diesem Sinne wird sich hoffentlich nichts ändern. Hier kann auch mal in Linz nachgeschaut werden und die Erfahrung mit den verschiedenen Leitungsmodellen (PfarrassistentInnen, Seelsorgeteams,…) eingeholt werden. Der Mensch sucht Hilfe und geht in die Pfarre. Diese Liste könnten wir fast unendlich weiterführen. Weniger Pfarren und mehr Gemeinden. Wie gesagt: Die Detailkarte fehlt noch.

Die Ordensgemeinschaften als (geistliche) Zentren

In den letzten Tagen wurde auch damit begonnen, die Ordensgemeinschaften in alle Überlegungen einzubinden. Das ist auf der einen Seite dringendst notwendig und auf der anderen Seite auch anregend. Gerade das Faktum, dass auch die Ordensgemeinschaften und Stifte selber das Problem haben, zu viele Mitbrüder und Mitschwestern in den Pfarren zu haben. In Wien werden 48% der Pfarren von Orden betreut. Das ist ja nicht Nichts. Ich sehe das als große Chance, dass gerade auch in der Öfffentlichkeit noch viel mehr in die Menschen „einsickert“, dass Ordensgemeinschaften geistliche Zentren sind. Und genau die Vielfalt der Ordensspiritualitäten bildet ein weites und breites „Anreizpanorama“ für KatholikInnen,  Interessierte und Suchende. In diesem Zusasmmenhang muss betont werden, dass die geistlichen Zentren der Frauenorden in der öffentlichen Wahrnehmung unterschätzt werden. Auch wenn wir in den letzten Jahren von Bischöfen immer wieder gehört haben, dass es in der Kirche zu viel um Strukturen geht (der Blick war meist nach Linz gerichtet), so erleben wir heute, dass die Erzdiözese auf die nächsten 10 Jahre die Strukturreform in die Mitte gerückt hat, gewollt oder ungewollt. Menschen werden nach wie vor geboren und suchen eine persönlich gestaltete Taufe. Sie sterben und haben ein persönlich gestaltetes Begräbnis verdient. Sie wollen zur Erstkommunion oder Firmung und das braucht Hinführung und konkrete Vorbereitung. Wenn das Ja-Wort ansteht, dann tun das hoffentlich auch in Zukunft viele in der Kirche und verstehen das als Bund fürs Leben. Gottesdienst ist immer Erinnerung an unsere tiefe gemeinsame Berufung als Volk Gottes.

 

 

 

Elliptisches Denken braucht das UND

Die Frauen der kfb fordern eine größere Wahrnehmung bei kirchlichen Entscheidungsträgern. Es sind Männer. Das ist notwendig. Das verbindet sie auch ein Stück weit mit den Ordensfrauen. Auch sie verdienen mehr Aufmerksamkeit. Ihre Expertise, ihre Erfahrung, ihre Nähe zu Gott und den Menschen würde die hierarchische Männerkirche nicht nur bereichern, sondern auch verändern. Ein erstes elliptisches Paar, Frauen UND Männer in der Kirche liegt vor unserem „Konstruktionszirkel“.

Die Ellipse: Wurzel und Fremdkörper

Kardinal Schönborn hatte die Ehre – wie er selber sagte – in Berlin vor hochrangigsten politischen VerantwortungsträgerInnen zu sprechen. Das große I ist berechtigt, weil Bundeskanzlerin und Ministerinnen dabei waren. Die Headline ist krass formuliert. Wurzel gibt Lebenskraft, Fremdkörper stört. Ein Organismus ohne Wurzel stirbt oder verwelkt, erzeugt künstliches Über-Leben. Ein Fremdkörper im Organismus wird ausgestoßen, weil er das Immunsystem, das Herrschaftssystem bedroht. Zumindest isoliert wird der Fremdkörper. Jesus deutet sein ganzes Leben auf die Wurzel, auf Gott als Vater und Mutter im Himmel, hin und wird als Fremdkörper ausgestoßen. Harmlos gesagt. Der Sündenbockmechanismus wurde betätigt. Der Kardinal bedauert den Mainstream. Das Christentum liegt quer. Gerade hier fehlt mir das UND. Der Mainstream im Bereich der solidarischen Kranken- und Altersvorsorge gefällt mir. Der Mainstream in Richtung auf die unbedingte Gleichwertigkeit und Zugänglichkeit aller Bereiche für Frauen und Männer in der Gesellschaft gefällt mir. Der Mainstream  in Richtung Ausbeutung und Ökonomisierung des Menschen gefällt mir nicht. Was das bedeutet? Das Christentum ist nicht Wurzel oder Fremdkörper, sondern UND. Auch die katholische Kirche muss sich fragen lassen, ob sie nicht quer liegt, wo der Mainstream lebensförderlicher ist (Frauen in der Kirche). Das heißt umgekehrt. Die Gesellschaft ist für die Kirche Wurzel und Fremdkörper. Den Ordensgemeinschaften ist der „uferlose Zeitfluss“ fremd, wo sie die Tage bewusst „rhythmisieren“. Es braucht also Spiritualität in der Welt und es braucht Welt in der Kirche, damit die Charismen und Kompetenzen der Frauen dort auch ebenbürtig ankommen. Also kein Rückzug aus der Welt, sondern ein hineingehen in die Welt. Auch da ist das UND hilfreich: Welt und Kirche. Mensch und Gott. Ich und Wir.

Persönlich denke ich seit Jahren die Dinge des Menschen untereinander und mit Gott als Ellipse. Es braucht zur Konstruktion immer beide Brennpunkte. Und das UND.
Die Frauen der kfb fordern das zurecht ein, das UND. Auch Gesellschaft und Kirche brauchen das UND. Und umgekehrt

Guten Morgen, Heute

Heute morgen steige ich schon etwas früher in die U-Bahn. Der Zeitungsstapel ist „Heute“ noch ziemlich voll. Die Schlagzeile verleitet mich, das bedruckte Papier mitzunehmen. Aus Erfahrung weiß ich: Fünf Stationen genügen, und das Papier wandert beim Umsteigen auf die Straßenbahn in den Mistkübel. Es gibt keinen Behälter für schon „durchgeblättertes Papier“.

Facebook ist der neue Liebes-Killer

Auf der Titelseite springen mich zwei Begriffe an: Studie und Facebook. Nachdem die sogenannten Experten und manchmal auch Expertinnen zu den Hohenpriestern der Jetzt-Zeit aufgestiegen sind, ist das Wort „Studie“ in göttliche Nähe gerückt. Alles, was in einer Studie präsentiert wird, liegt obenauf und erklärt den Zustand des Jetzt und vor allem die Zukunft. Liebe, Ökonomie und Digitales sind die tragenden Pfeiler der Studien-Liturgien. „Heute“ eben aus dem Bereich Liebesleben kombiniert mit der Welt des Digitalen. Schon die Untertitel sagen uns: Digitale Eifersucht boomt und jede fünfte Ehe scheitert wegen Internet. Bei etwa 2,8 Millionen FB-User in Österreich kann es nicht sein, dass diese Welt spurlos an den realen Lebenswelten vorbeigeht. Das ist reale Lebenswelt. Und da fördert ganz „überraschend“ erst eine Studie zu Tage:  Das Leben ist, wie es ist. Da werden in Kanada 300! Studenten (wahrscheinlich online) befragt und als großer Satz nach dem Studien-Halleluja steht: „Es zeigt sich, dass unsere Probanden (drei Viertel waren Frauen) umso eifersüchtiger waren, je mehr Zeit sie mit Facebook verbrachten.“ Die Studienkosten sind nicht benannt. Aber das hätte ich ihnen auch sagen können: Wer öfter und länger im im digitalen Wirtshaus sitzt, der oder die schürt auch so etwas wie Eifersucht. Das ist „ganz normal“. Chancen und Gefahren sind da abzuwägen. Wer etwas auf Teufel komm raus betreibt, sollte sich nicht wundern, das normale Lebensvollzüge aus dem Lot geraten. Mit oder ohne Studie.

Wer „Heute“ von der Eifersuchtsseite eine Seite zurückblättert, der stößt auf den wahren Grund der „Verwirrungen“, wenn es heißt: Noch zwei Mal schlafen bis zum neuen iPhone. Wer Leser und Leserinnen so „infantilisiert“, der schürt sogar den Gedanken, dass wir heute gar nicht mehr wissen, was Eifersucht tatsächlich ist.